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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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XI

Das Leben regelte sich von selbst, ohne daß sie eine besondere Einteilung getroffen hätten. Ariane war tagsüber in der Universität, Konstantin ging seinen Geschäften nach. Er hatte im Stadtzentrum ein Büro gemietet. Sie wohnten zusammen, aber Ariane behielt doch noch ihr kleines Zimmer weiter. Sie rettete damit ihren guten Ruf, hatte eine Adresse für ihre Briefe und konnte ihre Freunde empfangen. Konstantin hatte im Hotel ein größeres, aus drei Räumen bestehendes Appartement genommen, trotzdem blieben sie auch jetzt noch beim gemeinsamen Schlafzimmer, aus dem Ariane sogar eigenmächtig das zweite Bett wegnehmen ließ. Das zurückgebliebene Bett war zwar nicht breit, aber »ich bin nicht dick, ich werde dich nicht stören«, meinte sie. Der Salon diente Konstantin als Arbeitsraum, dann hatten sie noch ein Speisezimmer.

Früh verließen sie das Hotel, um erst zum Diner, das sie meist im Zimmer nahmen, wieder zusammenzutreffen. Manchmal nur wünschte Ariane in eines der vornehmen Moskauer Restaurants zu gehen. Hier lehnte sie es aber ab, in einem Separeé zu speisen, wie Konstantin es gewünscht hätte, der nicht wollte, daß sie mit ihm gesehen und dadurch kompromittiert werde. Schließlich hatte sie Bekannte und Verwandte in Moskau, sie entstammte einer reichen und angesehenen bürgerlichen Familie und war auch erst knapp achtzehn Jahre alt. Sollte sie ihrer sozialen Stellung nicht dies kleine Opfer bringen? Aber Ariane verachtete großartig unbekümmert alles Gerede, das um ihr Abenteuer entstehen könnte. Niemals war jemand gegen die Meinung ringsum gleichgültiger gewesen; sie nahm ihr Vergnügen, wo sie es fand und ließ die Leute reden. Nur den paar Studenten und Studentinnen gegenüber, mit denen sie befreundet war, wahrte sie die Form, für diese verdoppelte sie ihre Vorsicht. Dank dem Einverständnis ihrer Vermieterin ahnte lange Zeit niemand aus ihrem Kreise das Doppelleben, das sie führte, besonders da diese jungen Leute mit ihrem knappen Taschengelde niemals in jene eleganten Restaurants kamen. Wenn man ihr telephonierte, gab die Hausfrau die stereotype Antwort, daß sie eben ausgegangen sei. Jeden Freitag aber empfing sie ihre Freunde bei sich. Konstantin, der sie immer ungeduldig erwartete, hatte bestimmt, daß diese Unterhaltungen bald beendet sein müßten, damit sie noch um ein Uhr im Hotel sein könne. Diese Bedingung hatte er mit einer Bestimmtheit vorgeschrieben, die er allen seinen Wünschen verlieh und gegen die Ariane sich trotz ihres eigenmächtigen Charakters nicht aufzulehnen wagte.

Aber wie kann man in Rußland Freunde, die man eingeladen hat, loswerden? Ariane stellte dem ›Großfürsten‹ diese Schwierigkeiten vor. Dieser erwiderte bloß, er überlasse Mittel und Wege ihr; auch wenn sie um ein Uhr nach Hause käme, würden sie nicht vor zwei, halb drei einschlafen und er beabsichtige nicht, seine Gewohnheiten durch ein paar übermütige Studenten stören zu lassen. Da sie weiter dabei beharrte, fügte er verstimmt hinzu, daß seine Tür nach der angegebenen Zeit versperrt sein werde, und daß ihr ja noch immer die Möglichkeit bliebe zu Hause zu schlafen, wenn es später werden sollte. Ariane hörte schweigend zu und überlegte. Die Manieren, die Konstantin Michael manchmal zeigte, befremdeten sie. Sie haßte diese Art, wie er sie scheinbar als unabhängig behandelte, ihr in jedem Falle die Wahl lassend, was sie selbst tun wolle, in Wirklichkeit aber eine grenzenlose Gewalt ausübte. Sie versuchte sich damit zu trösten, daß Konstantin offenbar mehr an ihr hing, als er zugeben wolle, sonst würde er nicht so darauf bestehen, daß sie zu bestimmter Stunde heimkehre. Warum aber stellte er ihr zu gleicher Zeit frei, bis früh in ihrer Wohnung zu bleiben. Sie empörte sich in Gedanken und Worten und unterwarf sich doch durch ihr Handeln und verachtete sich wegen dieser Feigheit. Jede Woche nahm sie sich vor, ihren Empfang hinauszudehnen, die Stunde zu versäumen und einmal wenigstens in ihrem Zimmer zu schlafen. Und an jedem Freitag begann sie schon um zwölf Uhr nervös zu werden und unaufhörlich ihre Armbanduhr, das Geschenk des ›Großfürsten‹, anzusehen. Das Essen wurde schon um neun Uhr gereicht und um Mitternacht ließ sie die Unterhaltung einschlafen, stellte die Spiele ein und erfand tausend Vorwände, um ihre Gäste zu verabschieden.

Sie kam dann mit vor Kälte geröteten Wangen, mit lebhaften Augen unter ihrer Pelzkappe, in salopper Haltung mit spitzbübischer Miene, erfüllt von lustigen Witzen und geistvollen Worten zu Konstantin. Mit ihr kam die fröhliche Jugend ins Zimmer, in dem Konstantin auf dem Diwan liegend träumte, las und rauchte. Sie nahmen zusammen Tee und sie erzählte von dem Abend, der hinter ihr lag, und wenn er ihr zuhörte, was hatte sich nicht alles bei diesen Freitagsversammlungen ereignet! Das Zimmer Arianes verwandelte sich in den Schauplatz der leidenschaftlichsten Abenteuer, das ganze Leben Moskaus schien dort zusammenzuströmen. Während des Auskleidens beschrieb sie in knappen Worten die Hauptpersonen und zeichnete unvergleichliche Bilder von ihnen. Und noch im Bett ergänzte sie ihre überraschenden Geschichten. Konstantin lauschte entzückt.

»Das Klügste wäre wirklich,« dachte er sich, »in seinem Zimmer zu bleiben und dieses kleine Mädchen in die Welt hinauszuschicken, von wo sie jeden Abend die buntesten Bilder heimbringen würde. Die banalsten Dinge gewinnen durch die Augen dieses Kindes gesehen Inhalt und Schönheit.«

Nach und nach besuchte Ariane mit weniger Gewissenhaftigkeit ihre Vorlesungen. Sie verspätete sich früh, stand erst gegen Mittag auf, trödelte beim Ankleiden und wurde nicht vor eins, halb zwei fertig. Dann wurde gegessen und der Tag war fast vorbei, ehe man von Tisch aufstand. Dann aber wollte sie sich von Konstantin nicht trennen und begleitete ihn auf seinen Wegen. Sie wollte keinen Schlitten nehmen und sprang um den ›Großfürsten‹ herum, wie ein junger Hund um seinen Herrn. Manchmal ging sie ein paar Schritte vor ihm, tausend Dummheiten auf der Straße machend – blieb vor den Auslagen stehen, schnitt den Vorübergehenden Gesichter, drehte sich nach einem feschen Offizier um, sprach mit einem Studenten – um dann Konstantin wieder nachzulaufen und sich in ihn einhängend und ihr Gesicht zu seinem hebend, Männer und Frauen, denen sie begegneten, laut auszulachen.

»Du erinnerst mich an den olympischen Jupiter,« sagte sie ihm, »einen Jupiter, der nach Rußland verbannt, sich in Pelze hüllen muß. Ich würde alles darum geben, den obersten der Götter ausgleiten und im Schnee sitzen zu sehen. Ich beschwöre dich, mache mir die Freude, dich in deiner ganzen Länge einmal auf der Marschallsbrücke hinzulegen.«

Konstantin fühlte sich wie von einem mächtigen Strom mitgerissen. Anfangs hatte er versucht, Ariane zur Vernunft zu bringen und sie zu veranlassen ihre Studien wieder aufzunehmen; manchmal machte er sich Vorwürfe, daß er ihre Zukunft zerstöre. Dann wieder verwarf er seine Befürchtungen. Wie könnte man eine so reiche sprühende Lebenskraft in einen engen Rahmen pressen? Eines Tages würde sie ihn doch verlassen, ebenso plötzlich, ebenso grundlos, wie sie zu ihm gekommen war. Sie wird Dummheiten machen, oder Dinge, die man in der Welt als klug bezeichnet. Was immer aber sich ereignen würde, sie wird stets eine unerschöpfliche Quelle von Lebenskraft behalten.

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