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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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IX

Das Haus Varwara Petrownas wurde mit der Ankunft Arianes wieder lebendig. Doktor Wladimir Iwanowitsch kam täglich, oft sogar nachmittags und abends. Er verbarg in keiner Weise die Freude Ariane wiederzusehen und Varwara fühlte keine Eifersucht. Zwischen Olga Dimitriewna und Ariane herrschte dieselbe Vertrautheit wie früher. Olga war die einzige, die von Ariane selbst während ihrer Abwesenheit ständig unterrichtet worden war. So wußte sie von dem verunglückten Flirt mit jenem berühmten Schauspieler, dem Traum aller russischen Frauen und von dem kurzen, aber spannenden Abenteuer mit Konstantin Michael, den sie den »Großfürsten« nannte. Die Reise in die Krim war in ihren Augen ein wundervolles Märchen von Gold und Seide, obgleich Ariane davon nicht weniger abweisend sprach, als von ihrem sonstigen Liebesleben. Sie gingen zusammen ins Sommertheater und zeigten sich auf den belebten Terrassen des Alexanderparkes. Sie soupierten mit ihrem »Troß«, wie sie es nannten, der nicht weniger glänzend war als im vergangenen Jahr. Olga schien selbst den Ingenieur Bogdanow nicht mehr zu fürchten. Während Arianes Abwesenheit hatte er sie zu gewinnen gewußt. Er hatte sich ihr als der einzigen wahren Freundin seiner ›Königin von Saba‹ genähert, denn er mußte mit jemand von ihr sprechen können. Durch eine Unzahl erfinderischer Mittelchen, nicht zuletzt durch Geschenke, für die Olga sehr zugänglich war, hatte er sie zu seinen Gunsten umgestimmt. Er hatte sie davon zu überzeugen gewußt, daß er für Ariane keineswegs nur eine flüchtige Neigung empfand, sondern die tiefsten Gefühle und daß es nur von ihr abhänge, wann immer sie es wolle, Frau Bogdanow zu werden. In jedem ihrer Briefe erwähnte Olga die Vorzüge des Ingenieurs, seine Freigebigkeit, seine große Klugheit und beglückwünschte Ariane zu dieser Eroberung. So erhob sie auch keinerlei Einwände gegen die Rendezvous, die Bogdanow von Ariane erbat.

Sonderbarerweise besuchte Ariane ihn doch wieder in seiner Wohnung, zweimal in der Woche, aber nur noch in der Dämmerung, um die Möglichkeit der Wiederholung eines solchen Skandals, wie im vorigen Jahr zu verhüten. Oft begleitete Olga sie bis zum Tore des kleinen Vorstadthäuschens.

Kaum eingetreten löste sie ihre Armbanduhr, das Geschenk Konstantins, und legte sie auf ein freistehendes Tischchen, um sie gut im Auge zu behalten.

»Es ist genau sechs Uhr!« konstatierte sie.

Eine Stunde nachher, ohne die kleinste Verspätung sah man sie das Haus verlassen und Olga machte sich über ihre genaue Abrechnung, die sie mit Bogdanow hatte, lustig, da sie den sechzig Minuten, die sie ihm schuldete, niemals auch nur eine einzige hinzufügte.

»Geschäft ist Geschäft. Wo sonst sollte man genau sein, als in den Verrechnungen mit seinem Bankier?« sagte Ariane, auf ihren scherzhaften Ton eingehend. –

Varwara Petrowna beobachtete ihre Nichte; sie fand sie verändert, ernster geworden.

»Es ist etwas Neues in dir,« sprach sie, »etwas Unbestimmbares. Du bist doch nicht etwa verliebt?«

Ariane lachte hell auf, so unmöglich erschien ihr dieser Verdacht.

»Diese Krankheit bekommt man nicht in meinem Alter, sondern erst in deinem!« neckte sie ihre Tante.

Nikolaus Iwanow hatte die Stadt vor drei Monaten verlassen. Seit dem Winter hatte man ihn nicht mehr gesehen; er hatte sich auf seinem Gut eingeschlossen. Dann war er in die Krim abgereist, angeblich weil der Gesundheitszustand seiner Mutter seine Anwesenheit erforderte. Aber man erzählte, daß er selbst erkrankt sei und von dem gleichen Arzt behandelt werde wie seine Mutter. Täglich bekam Ariane eine Karte von ihm, die sie ungelesen wegwarf.

Sie ließ sich von einem schönen jungen Mann den Hof machen, dem sie arg mitspielte und über den sie sich in grausamer Weise lustig machte.

Varwara Petrowna hatte sich nicht getäuscht, als sie fand, daß ihre Nichte anders geworden war. Sie führte wohl äußerlich dasselbe Leben, wie im Vorjahre, aber nicht mehr mit jener wilden Begeisterung, die sie einst in der Stadt berühmt gemacht hatte. Sicherlich war sie immer noch die geistvollste Tischgenossin bei den Soupers im Alexanderpark; sie verschonte niemand mit ihrem Witz, aber ihr Spott schien grausamer geworden, die vergifteten Pfeile, die sie aussandte, schienen jetzt tiefer zu verletzen als früher. Weder Menschen noch Theorien konnten ihrer vernichtenden Kritik entgehen. Wie Mephisto in Goethes Faust hätte sie sagen können: Ich bin der Geist, der stets verneint! Indes ging sie jetzt nicht mehr so häufig aus, sie blieb oft in ihrem Zimmer, um auf ihrem Diwan zu träumen. Sie dachte an Konstantin. Er stach von all den Männern, die sie jetzt umgaben, so sehr ab; schon durch seine vornehme Haltung und eine gewisse Ungezwungenheit, die ihm alles zu tun erlaubte, ohne daß er jemals abstoßend gewirkt hätte. Aber es waren noch andere Vorzüge, denen er es verdankte, daß sie ihm in ihren Gedanken den unbestritten ersten Platz einräumte. Sie fühlte eine Stärke in ihm, die selbst sie nicht zu brechen vermochte. Mit allen anderen Männern hatte sie eine Weile gespielt, um sie dann, bald ihrer überdrüssig geworden, in ihr Nichts zurückfallen zu lassen. Mit Konstantin war es anders. Nicht sie hatte mit ihm gespielt, aber er mit ihr. Nur für kurze Augenblicke hatte sie ihn aus seiner Ruhe bringen können, niemals hatte er seine abscheuliche Überlegenheit ganz verloren. Und was hatte sie damit erreicht? Hatte er sich inniger an sie angeschlossen, als an irgendein anderes hübsches und junges Mädchen, mit dem man sein Vergnügen hat? Er hatte sie genommen, als er es wollte, und sie an dem von ihm bestimmten Tage verlassen. Sie hatte seinen Wünschen in der von ihm gewählten Stunde nachgegeben, nicht ein einziges Mal hatte sie sich zurückgehalten im Hotel National zu erscheinen; er aber hatte die Kühnheit sie in letzter Minute abzubestellen. Und am nächsten Tage war sie doch wieder gekommen. Als es ihm einfiel nach Kiew zu fahren, hatte er es getan; als er dazu gelaunt war, hatte er sie in die Krim entführt. Sie hatte die kurze Zeit, die ihr zur Verfügung stand, um vierzehn Tage überschritten, er aber hatte kaum das Telegramm gelesen, das ihn zurückberief, als er schon, ohne sie zu fragen, den Tag der Abreise festsetzte. Und in Moskau hatte er sie verlassen, ohne einen Tag als Zugabe zu verlangen, den sie übrigens, auch wenn es ihr Leben gekostet hätte, nicht zugestanden hätte. Olga hatte recht: er war der »Großfürst« und er wußte es. – Sie war so schwach gewesen ihn fühlen zu lassen, daß sie seine Überlegenheit anerkannte; er befahl und sie gehorchte!

Solche Gedanken ließen sie zornig erbleichen. »Was wird er nur von mir denken?« sagte sie sich. »Er behandelte mich wie seinen Sklaven. Wo mag er wohl jetzt sein? Welche Frauen wird er wohl durch seine bodenlose Sicherheit erobern? Ach, falls ich ihn noch einmal treffen sollte, wird er die Demütigung, die er mir zuzumuten wagte, teuer bezahlen. Ich werde mich gut zu rächen verstehen.«

Zu diesem Ergebnis war Ariane in ihren Betrachtungen gekommen, als sie eines Tages ein kurzes Telegramm erhielt. Es war in New York aufgegeben und enthielt nichts weiter als die Worte:

»Eintreffe nächsten Monat Moskau, Wiedersehen Konstantin Michael Plazza Hotel.«

»Nicht einmal soviel Lebensart besitzt er,« knurrte sie wütend, »›herzlichst‹ oder ›tausend Küsse‹ hinzuzufügen. Ach, er kann auf das Wiedersehen warten. Wofür hält er mich eigentlich? Glaubt er, daß ich auf ihn warte? Ich werde mich wohl hüten auf diese unverschämte Depesche zu antworten.«

Das Telegramm war gegen Mittag gekommen. Abends ging sie mit einem ihrer Freunde spazieren. Niemals war sie mit diesem unbedeutenden jungen Mann liebenswürdiger gewesen und er konnte nach ihren Worten und ihren Blicken nicht daran zweifeln dem langersehnten Glücke nahe zu sein. Es war in der Dämmerung, als sie auf dem Heimweg an dem Telegraphenamt vorbeikamen. Ariane sagte plötzlich: »Entschuldigen Sie einen Moment.« Stieß die Tür auf und lief hinein. Er folgte ihr. Eilig schrieb sie Konstantins New Yorker Adresse auf ein Blankett und darunter nur das eine Wort: »Hurra!« Sie unterschrieb nicht, warf Telegramm und Geld auf den Schalter und floh hinaus, als wenn sie verfolgt würde.

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