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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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VII

Zehn Tage später kehrte Konstantin aus Kiew zurück. Jeden Abend hatte er dort zwischen fünf und sieben, nach beendeter Arbeit, auf der Terrasse des Kaufmannsgartens den Einbruch der Nacht betrachtet. Die Aussicht, die man dort genießt, bietet wohl einen der schönsten Ausblicke der ganzen Welt. Links unten sind die belebten Hafenviertel; rechts mitten im Grünen leuchten die weißen Marmorwände und vergoldeten Kuppeln von Rußlands größtem Heiligtum. Weiter hinten schimmert der mächtige Dnjepr in breiten Biegungen, mit all den Dampfern die ihn befahren, den langen Zügen von Schleppern und Barken, den Rauchfahnen, dem schrillen Pfeifen, das die Stille zerreißt. Und noch weiter dehnt sich die unendliche russische Steppe, gleichförmig, ohne Unterbrechung, ohne die geringste Erhebung bis zum Horizont, wo als dunkler Fleck die Wälder im Osten sichtbar werden. Es ist ein unvergeßliches Bild: im Vordergrund lebhaft bewegt und dann die stille Unendlichkeit dieser ungeheuren Landschaft, die nichts Reizvolles hat und doch in ihrer Mächtigkeit nie ermüdet und sich langsam mit dem Wechsel der Beleuchtung stets verändert. Nach den schon heißen Tagen war die Luft der Abende milde, der Himmel tief und klar und die Blumen dufteten in die friedvolle Dämmerung. Konstantin blickte auf die hellen Kleider der Damen, die Uniformen der Offiziere, auf das ganze wimmelnde Leben der Terrassen, um dann die Augen der Ebene zuzuwenden, die unter ihm entschlummerte. – In dieser erhabenen Umgebung schrumpfte das Moskauer Abenteuer auf seine wahre Größe zusammen. Er verstand seine Leidenschaftlichkeit kaum mehr. Er begriff nicht mehr, wieso die Vergangenheit Arianes ihn derart aufregen konnte. »Gott sei Dank, daß sie mich nicht getäuscht hat. Ihre unerhörte Offenheit hat mich wahrscheinlich gerettet. Hätte sie die Geriebenheit ihrer europäischen Schwestern gehabt, hätte sie mir jene reizende Komödie von Sentimentalität vorgespielt, an der wir immer gern teilnehmen, hätte sie mir einzureden versucht, daß sie mich liebt und daß ich, trotz aller unleugbaren Erfahrungen ihrer Vergangenheit der erste Mann sei, der ihr Herz bezwungen hat – wer weiß, ob ich nicht ihr Gefangener geworden wäre? Aber so, wie sie ist, schützt sie mich selbst davor, jene Illusionen zu nähren, die mich zu weit führen könnten. Nie sah ich einen Tatsachenmenschen von dieser Nüchternheit. Wie ein anatomisches Präparat zeigt sie sich; was andere Frauen ängstlich verbergen, breitet sie aus. Ich wette, daß ich nach meiner Rückkehr die genaue Anzahl aller ihrer Liebhaber mit ihrem ganzen Lebenslauf erfahre. Ich bin nur eine Nummer mehr in ihrer Liste, vergessen wir das nicht. Ich muß diesem Mädchen dankbar sein, daß sie mir ein so freimütiges Geschenk ihrer reizenden Person machte und auf langes Zieren und die ganze übliche Komödie verzichtete.«

In dieser Stimmung schrieb er ihr einen fröhlichen Brief, worin er lebhaft beteuerte, daß er die langen Unterhaltungen, mit denen sie seinem Moskauer Aufenthalt soviel Reiz zu geben verstand, nicht mehr missen könne und daß er sich von den kommenden Tagen in der Krim viel Glück verspreche. Sein Brief kreuzte sich mit einigen Zeilen von ihr, in denen sie von der beabsichtigten Reise schwieg und in witziger Weise ihr Leben schilderte, das zwischen einem verliebten Onkel und einer Tante verlief, die von ihrer Eifersucht nur mit Mühe aus der gewöhnlichen stumpfen Dummheit aufgescheucht werde. Ihr Brief war ebenso lebhaft und natürlich wie ihre ganze Art.

Er telegraphierte ihr die Stunde seiner Ankunft und bestätigte ihre gemeinsame Abreise für den nächsten Tag.

Ariane Nikolajewna erwartete ihn an der Bahn, und im Wagen, der sie ins Hotel brachte, drückte sie sich zärtlich an ihn. Sie hatte am selben Tage ihre letzte Prüfung glänzend bestanden. Sie erhob keinerlei Schwierigkeiten gegen ihre gemeinsame Reise und erzählte, in welch raffinierter Art sie im Einverständnis mit einer Freundin ihren Vater, ihren Onkel, ihre Tante Varwara und ihre Freunde getäuscht habe, die sie alle zu Hause erwarteten. Sie versicherte bloß, daß sie am zehnten Juni aus ernsten Gründen zu Hause sein müsse, und daß darüber keine weitere Diskussion möglich sei. Eine Woche könne sie also ihrem Freunde schenken.

Am nächsten Tage entführte sie der Sebastopoler Schnellzug. –


Sie lagen am kleinen Strand des Meerbusens auf rotem heißen Sand, rechts und links, neben sich und hinter ihnen ganz nahe die zerfressenen roten Felsen, und zu ihren Füßen das Rauschen des Meeres, dessen weiche Wellen mit dem Geräusch zerreißender Seide erstarben. Am klaren Himmel leuchteten einige kleine weiße Wolken unbeweglich, als wären sie im Äther verankert. Sie lebten, wie Konstantin es versprochen hatte, selig wie die Götter und atmeten, nackt in der Sonne liegend, ohne zu sprechen, die würzige Seeluft. Mehr als acht Tage waren sie schon hier, nahe bei Jalta, in ununterbrochenem engsten Beisammensein. Sie bewohnten ein kleines Häuschen, das ein befreundeter Maler Konstantin überlassen hatte, mit weißen Mauern und rotem Dache, ganz versteckt in den Felsen. Es enthielt zwei Räume; der größere mit drei nach Süden auf das Meer gehenden Fenstern, weiß getüncht, mit orientalischen Teppichen bespannt, mit Diwans entlang den Wänden, diente als Speisezimmer und Wohnzimmer; das Schlafzimmer, der kleinere, aber immer noch bequeme Raum, hatte gegen Westen einen sonderbaren Ausblick auf Felsen, Blumen, Kakteen und Kiefern. An der Rückseite des Hauses waren die Küche und das Zimmer des Mädchens, das die Mahlzeiten bereitete. Es war tartarischer Abkunft mit schwarzen Haaren und huschte auf seinen schönen nackten Füßen geräuschlos durch das Haus. Ariane hatte, wie ein Kätzchen, das seine neue Umgebung untersucht, einen Rundgang durch das Haus gemacht, das Konstantin für ihr gemeinsames Leben gewählt hatte, um schließlich in der Küche zu verschwinden, wo sie mit der Tartarin lange sprach. Konstantin hatte sie, nicht ohne Furcht vor phantastischen Überraschungen, gebeten, die Wirtschaft zu überwachen. Er wurde bald angenehm überrascht. Ariane entpuppte sich als vollendete Hausfrau; die Mahlzeiten waren nicht nur zu geregelten Zeiten fertig, auch die Zubereitung war vorzüglich und abwechslungsreich. Ariane fand es nicht unter ihrer Würde, der Tartarin Kochrezepte zu geben, die aus der vorzüglichen Küche Varwaras stammten, und auch deren Ausführung zu überwachen. Sie nahm ihre neuen Pflichten ungemein ernst und freute sich bei Tisch an dem Genuß, mit dem Konstantin den Speisen zusprach.

Ihr Leben war wohl einförmig, aber vollendet in Ruhe und Behagen. Wenn sie in dem freundlichen Schlafzimmer – ziemlich spät – erwachten, klatschte Ariane in die Hände und die Tartarin mit den nackten Fußen brachte lächelnd und schweigend ein großes Tablett mit Schokolade, Tee, Schlagsahne, frischem Brot, Butter und Süßigkeiten. Sie frühstückten Seite an Seite mit viel Appetit und in beschaulicher Muße. Erst gegen elf Uhr verließen sie das große warme Bett, um auf den nahen kleinen Strandplatz zu gehen. Hier tummelten sie sich in der hellen Sonne, spielten wie die Kinder zwischen Felsen, liefen in das fast laue Wasser, liefen zurück, um wieder hineinzuwaten und streckten sich schließlich nackt in den heißen Sand ... Ariane löste dann ihre Haare und sie lagen beide regungslos, mit geschlossenen Augen in der glühenden Sonne. Es war, als drängten sich die Strahlen tief in ihre Körper, und unter der Haut knisterten Millionen kleiner elektrischer Funken. Das ganze unendliche Leben schien in ihnen zu schwingen, sie waren die Geschwister der Felsen, des Bodens und der Blumen ringsum; der salzige Wind umschmeichelte ihre Körper und strich durch die Zehen ihrer bloßen Füße. Es war eine wohltuende Erschlaffung, die ihnen ihre Körperlichkeit kaum mehr bewußt sein ließ.

Gegen ein Uhr, als die Sonne am heftigsten niederbrannte, kehrten sie wie betäubt in ihr kühles Zimmer zurück und fielen hungrig über die Speisen her. Dann hielten sie während der heißesten Stunden eine lange Mittagsruhe. Am ersten Tage hatte sich Konstantin auf den Diwan gestreckt, Ariane aber lag auf dem Bett. Am zweiten Tage rief sie ihn zu seiner größten Überraschung zu sich. Lesend, rauchend und schlafend ruhten sie kaum bekleidet nebeneinander und um fünf erst nahmen sie den Tee. Dann mußten sie sich leider wieder ankleiden; Ariane frisierte sich seufzend und warf ein spinnwebdünnes Sommerkleid über.

In der Dämmerung verließen sie ihr Heim und gingen auf der Straße nach Jalta, die reichen Obst- und Blumengärten entlang, die das Ufer einsäumen. Oft rasteten sie dann in dieser nicht weit entfernten Stadt bei Einbruch der Dunkelheit auf der Terrasse eines hoch über dem Meer gelegenen Hotels. Tief unter ihnen schaukelten Schiffe in dem von großen Bogenlampen erleuchteten Hafen; leise Musik klang durch die duftende Nacht. Lange saßen sie so, losgelöst vom Alltag, plaudernd und träumend, ganz nur aufeinander gestimmt. Voll Neid betrachteten die Leute dieses Paar, dem das Glück so herausfordernd aus den Augen strahlte. Spät kehrten sie heim. Den ganzen nächtlichen Weg waren sie von Glühwürmchen begleitet, deren Funken von Zweig zu Zweig der duftenden Büsche hüpften; bald verlöschend, bald aufleuchtend, als wären sie die Liebe selbst, die in kurzen lebhaften Flammen rings um sie aufglühte. Zu Hause stand der brodelnde Samovar auf dem Tisch und entkleidet blieben sie bis spät in die Nacht zärtlich beisammen.

Die äußerliche Zurückhaltung, die Ariane immer bewahrt hatte, war in der Innigkeit ihres jetzigen Lebens geschwunden. Jetzt duzte sie ihren Freund, der sie darauf aufmerksam gemacht hatte, daß doch die förmliche Anrede wirklich nicht mehr angemessen sei. Sie war in den Armen Konstantins eine zärtliche und leidenschaftliche Geliebte, sogar ein wenig raffiniert und übereifrig in ihren Liebkosungen.

Trotzdem fühlte er, daß sich innerlich nichts bei ihr geändert hatte. Sie blieb spöttisch, sarkastisch und von einer Freigeistigkeit, die sich bis zur vollendeten Schamlosigkeit steigern konnte. Der bloße Gedanke, daß es vielleicht doch Liebe sei, die sie mit Konstantin verbinde, konnte sie zu einem kindischen, herausfordernden Lachen bringen. »Liebe, der schimmernde Traum unschuldiger Jungfrauen! Wir Klügeren suchen in den Sinnen die einzige Wahrheit und die unversiegbaren Freuden der Erotik bedürfen doch wahrlich keiner Verquickung mit jener gefühlvollen Krankheit, die aus den gescheitesten Menschen Dummköpfe macht.« So höhnte sie.

Darum dankte sie es ihrem Geliebten besonders, daß er verstanden hatte, ihr in so vollendeter Weise ein Leben zu bereiten, das ihre Sinne befriedigte, ohne Herz und Kopf zu verwirren.

Immerhin hatte sie doch so viel Zartgefühl, während ihrer ersten Woche am Meeresstrande ihre früheren Erlebnisse ruhen zu lassen. Alles, was sie über Liebe sagte, waren ganz allgemeine Betrachtungen. Diese allzu nüchternen Weisheiten in ihrem kindlichen Mund standen in so auffallendem Gegensatz zu ihrer achtzehnjährigen Jugend, daß Konstantin nicht aufhören konnte, darüber zu staunen.

So war mit ernsten Reden und in seligem Taumel der 10. Juni gekommen, der Tag, an dem Ariane schon zu Hause sein sollte! Einmal allerdings hatte sie die Notwendigkeit neuerlich betont, eine Verabredung, die sie nicht näher erörterte, pünktlich einzuhalten. Vergeblich hatte Konstantin, dessen Neugier geweckt war und der schon alles von ihr zu wissen meinte, versucht, mehr zu erfahren. Sie hatte nur mit dunklen und absichtlich zweideutigen Worten geantwortet, es handle sich um eine Ehrenschuld, die sie einlösen müsse. Aus gewissen Anspielungen entnahm er, daß auch Geldfragen mitspielten. Wenn er davon sprach, wurde sie nachdenklich und nervös und bat ihn schließlich diese peinliche Angelegenheit nicht zu erörtern. Er schwieg, aber er fühlte wohl, daß hier etwas Ernstes verborgen sei und er hätte viel darum gegeben, dieses beängstigende Geheimnis aufzuklären.

Eines Abends sprach sie auf der Hotelterrasse in Jalta von ihrer bevorstehenden, diesmal endgültigen Trennung.

»Für dich beginnen wieder die Irrfahrten auf der ganzen Welt und neue Abenteuer und ich nehme im Herbst meine Studien in Moskau wieder auf. Nach dem ersten Semester will ich ins Ausland, nach London und Paris gehen.«

»Dann werden wir uns dort treffen,« rief Konstantin erfreut, »du wirst sehen, welch schönes Leben wir uns dort einrichten!«

»Niemals werde ich dich wiedersehen«, erwiderte sie mit gleichmäßiger Ruhe. »Wozu auch? Aufgewärmte Freuden sind nichts wert. Wir haben wunderschön zusammen gelebt, lassen wir es dabei. – Und überdies«, fügte sie mit reizendem Lächeln hinzu, »hatte ich das unerhörte Glück, mich doch nicht in dich zu verlieben, obzwar die Gefahr groß genug war, denn du bist wirklich gefährlich! Möchtest du, daß sich das ändert? Möchtest du, daß ich unter deiner Abwesenheit leide?«

»Ja,« sagte er einfach, »ich möchte es.«

»Schön, aber ich nicht! Ich habe meine ganze Jugend vor mir und will sie dir nicht opfern. Du wirst mich rasch vergessen; ein kleines Mädel, wie du sagst, zählt denn das überhaupt bei dir? Gott sei Dank, daß alles zwischen uns so verlaufen ist, wie wir es vereinbart hatten. Wir werden kein neues Stück beginnen, das keinem von uns liegt. Gestehe, daß ich als gerührte Geliebte nicht denkbar bin. Wäre das wohl eine Rolle für mich? Nein, nein, in einigen Tagen werden wir Abschied nehmen ...«

Konstantin betrachtete Ariane, er fühlte eine große Unruhe in sich wachsen und ihre Lustigkeit und ihr unbeteiligter Ton verletzten ihn zutiefst.

Noch lange fuhren sie fort sich gegenseitig zu reizen. Lächelnd, scheinbar unberührt, suchte jeder die schwache Stelle des Gegners, um den vergifteten Pfeil hineinzubohren. Wer sie sah, hätte meinen können, daß sie verliebte Zärtlichkeiten wechselten!

Schließlich beendete Konstantin das Gespräch:

»Wir sind einander ganz nahe, aber zwischen uns ist eine Kluft, die ich nicht überbrücken kann. Ich gebe es auf. – Gehen wir.«

Ariane hatte ein schmerzliches Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie erhoben sich und gingen zu Fuß nach Hause. Der Mond tanzte auf den rollenden Wogen und übergoß die schlummernden Obstgärten mit schimmerndem Licht. Ariane war verstummt und Konstantin fühlte die weheste Bitterkeit in seinem Herzen.

Schweigend gingen sie zur Ruhe. Doch im Bett schmiegte sich Ariane an ihn, nahm seinen Kopf in ihre Hände und bedeckte ihn mit Küssen.

»Verzeih mir!« zitterte es schwach an sein Ohr. »Es war häßlich von mir, ich will es nie mehr tun.«

Und Konstantin hatte sie wiedergefunden, die kindlich demütige kleine schwache Stimme, die sein Ohr nur ein einziges Mal vernommen hatte, damals, als Ariane zum ersten Male sein war. –

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