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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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V

Eine Stunde später speiste er mit der Baronin Korting, die er seit einigen Jahren kannte. Sie gehörte zu jenen Frauen, die jeden Mann stolz machen, der sich mit ihnen zeigen darf; denn sie war schön, von jener vollkommenen Schönheit, an der nichts auszusetzen ist und der auf der Straße selbst die Buben nachsehen. Sie war gutmütig und wohlerzogen. Niemals hatte Konstantin sie zu irgend jemand etwas Böses sagen hören. Es mangelte ihr nicht an Scharfblick in Liebesangelegenheiten, worauf sich die schlichteste Frau besser versteht als jeder Mann. Schließlich bewunderte sie Konstantin Michael maßlos und erklärte jedem, der es hören wollte, daß er »unwiderstehlich« sei.

Auch Konstantin bewahrte ihr seine Anhänglichkeit. Sie schien der einzige Ruhepunkt in seinem bewegten Leben. So hatte er im Winter einmal zwei Monate mit ihr in Nizza zugebracht, ein andermal sie im Frühjahr in Paris getroffen, und schließlich sah er sie jedesmal in Moskau, wenn seine Geschäfte ihn dahinführten.

Er wollte sie in ein Restaurant führen, aber sie bat ihn telephonisch bei ihr zu speisen. Er sah sich mit Vergnügen wieder einmal in dem gutgeführten Hause, an ihrem geschmackvollen, wohlbestellten Tisch und bewundernd ruhte sein Auge auf ihrer üppigen Schönheit, die in ein elegantes Hauskleid aus der Rue de la Paix gehüllt war ... Sie bewirtete ihn in liebenswürdigster Weise, verwöhnte ihn, verhätschelte ihn, umgab ihn mit tausend Aufmerksamkeiten und streute ihm jenen Weihrauch, mit dem sie gewohnt war ihn, als ihren Gott, zu umgeben. Sie erkundigte sich nach den letzten Neuigkeiten aus London und Paris und erzählte ihm den jüngsten Klatsch aus der Moskauer und Petersburger Gesellschaft. Er vergaß ganz, wo er sich befand: er war überall und nirgends; nicht viel mehr in Rußland, als in jedem andern Land. – Der Haushofmeister war Italiener und die Baronin selbst hatte fast allen Hauptstädten Europas ihre Kultur und ihre Geschmeidigkeit entlehnt. Warum dachte er gerade jetzt an das kleine, blasse Mädchen aus der Sadowaja? Auch die Baronin war eine Russin, ebenso wie Ariane, trotz aller ihrer europäischen Kultur. Er verwarf diese Gedanken.

Die Baronin, von ihren Intimen Olga genannt, rief ihn in die Gegenwart zurück, indem sie ihn fragte, was er an den Abenden immer unternehme: man sehe ihn nirgends. Er schützte Besprechungen mit Geschäftsleuten vor, die tagsüber keine Zeit hätten. Olga erwiderte mit jenem, den Frauen eigenen Instinkt:

»Gut, dann richten Sie es sich aber ein, den Tee bei mir zu nehmen. Sie wissen, daß ich mich zu jeder Stunde, die Ihnen paßt, freihalte.«

Es war sehr spät geworden, ehe er die reizende Frau verließ, und der Himmel begann im Osten schon heller zu werden, als er durch die leeren Straßen seinem Hotel zuschritt. Seine Nerven waren ruhig, sein Geist war in Frieden.

»Trotz allem wäre dies hier klüger und ruhiger,« sagte er sich, »denn dort bin ich doch immer nur auf Gnade und Ungnade den wechselnden Launen dieses Mädchens ausgeliefert. Ich habe alles, was ich mir wünschen kann, und suche immer wieder etwas anderes; das ist unsinnig. Ich muß mit dieser Geschichte aus der Sadowaja Schluß machen. Ich habe eine Reise nach Kiew zu machen, die gerade gut sein wird dieses Abenteuer, denn eigentlich ist es ja nichts anderes, rasch zu beenden. Ich will meine Abreise beschleunigen.«

Das hinderte ihn nicht, am nächsten Abend gegen sieben bei dem Gedanken zu zittern, daß jetzt Ariane absagen könnte, und er begann immer unruhiger zu werden. Er war sicher, daß es nur eine Repressalie von ihr wäre und eine Rache dafür, daß er sie gestern allein gelassen hatte. – Indes erwies sich seine Nervosität als unbegründet. Ariane telefonierte nicht ab und um halb neun, pünktlich wie es ihre Gewohnheit war, erschien sie auf der Schwelle ihrer Türe.

Er war überrascht von ihrer Zerbrechlichkeit, ihrer Zartheit, der Schwäche ihres ganzen Körpers: nur auf der Stirn und in den Augen erkannte man eine gewisse Kraft. Und plötzlich empfand er ein neues Gefühl für sie, ein ihm ungewohntes Gefühl: Mitleid. Er fühlte, daß sie, ein kleines Mädchen, so ganz allein den Stürmen des Lebens gegenübergestellt sei. Trotz allem nichts anderes als ein schwaches kleines Kind, das allen Gefahren unbeschützt, ungewarnt trotzen sollte. Auch sie würde zermalmt werden, wie so viele andere und nicht Schlechtere vor ihr, die tapfer und herausfordernd mit hocherhobenem Haupte einst dem Kampf entgegenzogen. Und nun war sie schon bei einer Krümmung ihres Weges an einen Felsen gestoßen, an ihn, Konstantin Michael, einen harten, erbarmungslosen Felsen. Und er sah eine traurige Zukunft erstehen. »Mein armes Kind, diese Geschichte wird böse für dich enden. Was du auch immer wollen magst, du wirst mich liebgewinnen und ich werde eines Tages nach Shanghai oder New Jork fahren und dich allein lassen; verlassen in diesem Menschenmeer Rußland.« Er fühlte einen Augenblick unendliche Wehmut. Er verzieh ihr die unklare Vergangenheit, denn auch sie erträumte einst, so jung sie war, ihr Ideal, und da sie es nicht erreichen konnte, ließ sie alle büßen, die ihr begegneten.

Er hängte sich in ihren Arm, drückte ihn an sich und führte sie so zum Hotel. Während des ganzen Abends war er nur zärtlich und lustig. Die gute Laune ihres Freundes entging Ariane nicht. Sie gab sich dem unwiderstehlichen Strom seiner Zärtlichkeiten hin, der seinem Herzen entsprang. Zum erstenmal vergaß sie ihre Rolle, drückte sich an ihn, schmiegte sich in seine Arme und erzählte beim Ankleiden die tollsten Streiche aus ihrer Kindheit – ungefährliche Zeiten in den Augen Konstantins.

Das war ein kurzes Zwischenspiel. Wenige Tage später begann der unversöhnliche, schleichende Krieg von neuem. Eines Abends, als Ariane nicht wohl war, begann sie, während sie in dem kleinen Salon beim Tee saßen, von ihrem gegenseitigen Verhältnis zu sprechen. Sie dankte ihm, daß er mit solcher Schärfe und Voraussicht dessen Grenzen schon vorher bestimmt hatte.

»Ich erkenne darin die große Klugheit und Erfahrung meines Freundes. Ihnen ist es zu danken, daß zwischen uns alles so klar und einfach ist, daß keine Zweideutigkeiten möglich sind. Alles in allem bin ich frei und Sie sind es auch. Denn wir schlossen ja nur ein loses Bündnis, um uns Freuden zu erobern, und ich brauche es Ihnen ja nicht zu verbergen, daß Sie es wirklich verstanden, mir Freude zu geben.«

»Das ist viel«, unterbrach Konstantin. »Du kennst doch die Reime von Vigny: – – –

›Die Freude ist es, die sie lieben,
Der Mann ist roh, er nimmt sie und versteht nicht zu wecken.‹

»Ich kenne diese Verse zwar nicht, ich kenne aber, wie man so sagt, den Text. (Konstantin verwünschte sich wegen seines Zitates.) Und unser Geplauder ist bei dem Ganzen nicht das Schlechteste. Im allgemeinen sind ja die Männer gar zu albern. Wenn man mühsam alles herausgefragt hat, was man wissen will, verstummen sie gleich.«

Konstantin begann innerlich ein saures Gesicht zu machen. Aber wie sollte er Ariane aufhalten? Er versuchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, aber mit überlegener Gedankenfolge kam Ariane auf ihr Thema zurück:

»Und da wir doch frei sind, können wir tun, was immer uns gefällt. Sie können sich eine Geliebte nehmen – (Schön, sie kennt meine Geschichte, dachte Konstantin) – und ich mir einen Freund. Wir würden einander nicht betrügen, da keine Liebe uns bindet und wir es vorher wußten.«

»Oh, nein, so ist das nicht!« rief Konstantin, der hier seinen Gefühlen keinen Zwang auferlegen mußte. »Ich bin für keine Teilung zu haben! Nein und hundertmal nein. So lange du mein bist, darfst du keinem andern gehören. Laß dir das gesagt sein!«

»Und wenn ich doch einen Geliebten hätte, würden Sie es gar nicht wissen.«

»Darin täuschst du dich gewaltig. Ich würde es wissen und zwar sofort wissen.«

»Und?«

»Mein liebes Kind, zu meinem größten Bedauern wäre dann alles aus zwischen uns.« Er sprach diese Worte ohne Aufregung, aber mit solcher Bestimmtheit, daß es auf Ariane Eindruck zu machen schien.

Sie kam nach einer Weile auf Umwegen auf diese Frage, die sie beschäftigte, zurück.

»Aber Sie lieben mich doch nicht?«

»Das ist eine Frage für sich; aber in der Zeit, die du mir gehörst, überlasse ich dich keinem andern.«

»Sie sind wunderlich.«

»Ich bin nicht anders, als ich eben bin, da gibt es kein Handeln. Mein Standpunkt in dieser Frage ist unverrückbar und jetzt sprechen wir von etwas anderem.«

Mit sichtlicher Interesselosigkeit besprachen sie ein gleichgültiges Thema. Aber als sie aufstand, um heimzugehen, gab Konstantin seinem Gefühle nach. Er drückte Ariane gegen die Wand, legte ihr die Hände auf die Schultern und sprach, ihr fest ins Auge blickend:

»Ich weiß nicht, kleines Mädchen, was für ein Spiel du hier treibst. Wenn du kämpfen willst, gut, kämpfen wir. Aber ich warne dich, mich kriegst du nicht unter, von uns beiden bin ich der Stärkere, dessen kannst du sicher sein. – Und soll ich dir sagen, was dir geschehen wird? Ob du willst oder nicht, du wirst mich doch lieben. Mit deinem eigensinnigen launischen Köpfchen, deinem Herzen, das sich vor mir verbirgt, und deinem Körper, den ich kenne, mit allem wirst du mich lieben.«

Er fühlte unter seiner Hand, wie ihre linke Schulter zuckte und sich erheben wollte. Aber er hielt sie fest und die Schulter zeigte nur den Versuch einer Bewegung, der schließlich erstarb.

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