Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Ariadne auf Naxos

Hugo von Hofmannsthal: Ariadne auf Naxos - Kapitel 3
Quellenangabe
typeopera
booktitleAriadne auf Naxos
authorHugo von Hofmannsthal
year1987
publisherFürstner Musikverlag
addressMainz
titleAriadne auf Naxos
pages3-6
created20030425
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
Schließen

Navigation:

Ariadne auf Naxos

Oper

Ariadne vor der Höhle auf dem Boden, regungslos. Najade links. Dryade rechts. Echo rückwärts an der Wand der Grotte.

Najade Schläft sie?

Dryade Schläft sie?

Najade Nein! sie weinet!

Dryade Weint im Schlafe! horch! sie stöhnet.

Zu zweien Ach! so sind wir sie gewöhnet.

Najade Tag um Tag in starrer Trauer.

Dryade Ewig neue bittre Klagen.

Najade Neuen Krampf und Fieberschauer.

Dryade Wundes Herz auf ewig, ewig –

Echo Ewig! Ewig!

Dryade Unversöhnet!

Zu dreien Ach, wir sind es eingewöhnet.
Wie der Blätter leichtes Schaukeln,
Wie der Wellen sanftes Gaukeln
Gleitet's über uns dahin. –
Ihre Tränen, ihre Klagen,
Ach, seit wieviel, wieviel Tagen,
Sie beschweren kaum den Sinn!

Ariadne (an der Erde)
Wo war ich? tot? und lebe, lebe wieder
Und lebe noch?
Und ist ja doch kein Leben, das ich lebe!
Zerstückelt Herz, willst ewig weiter schlagen?
(Richtet sich halb auf)
Was hab' ich denn geträumt? Weh! schon vergessen!
Mein Kopf behält nichts mehr;
Nur Schatten streichen
Durch einen Schatten hin.
Und dennoch, etwas zuckt dann auf und tut so weh!
Ach!

Echo Ach!

(In der Kulisse)

Harlekin Wie jung und schön und maßlos traurig!

Zerbinetta Von vorne wie ein Kind, doch unterm Aug' wie dunkel!

Brighella, Truffaldin Und schwer, sehr schwer zu trösten, fürchte ich!

Ariadne (ohne ihrer irgendwie zu achten; vor sich, monologisch)
Ein Schönes war, hieß Theseus – Ariadne
Und ging im Licht und freute sich des Lebens!
Warum weiß ich davon? ich will vergessen!
Dies muß ich nur noch finden: es ist Schmach
Zerrüttet sein, wie ich!
Man muß sich schütteln: ja, dies muß ich finden:
Das Mädchen, das ich war!
Jetzt hab' ich's – Götter! daß ich's nur behalte!
Den Namen nicht – der Name ist verwachsen
Mit einem anderen Namen, ein Ding wächst
So leicht ins andere, wehe!

Najade, Dryade, Echo (als wollten sie sie erinnern, wachrufen)
Ariadne!

Ariadne (abwinkend)
Nicht noch einmal! Sie lebt hier ganz allein,
Sie atmet leicht, sie geht so leicht,
Kein Halm bewegt sich, wo sie geht,
Ihr Schlaf ist rein, ihr Sinn ist klar,
Ihr Herz ist lauter wie der Quell:
Sie hält sich gut, drum kommt auch bald der Tag,
Da darf sie sich in ihren Mantel wickeln,
Darf ihr Gesicht mit einem Tuch bedecken
Und darf da drinnen liegen
Und eine Tote sein!
(Sie träumt vor sich hin)

(In der Kulisse)

Harlekin Ich fürchte, großer Schmerz hat ihren Sinn verwirrt.

Zerbinetta Versucht es mit Musik!

Brighella, Truffaldin Ganz sicher, sie ist toll!

Ariadne (ohne den Kopf zu wenden, vor sich; als hätte sie die letzten Worte in ihren Traum hinein gehört)
Toll, aber weise, ja! – Ich weiß, was gut ist,
Wenn man es fern hält von dem armen Herzen.

Zerbinetta (in der Kulisse)
Ach, so versuchet doch ein kleines Lied!

Harlekin (in der Kulisse, singt)
Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen,
Alle Lust und alle Qual,
Alles kann ein Herz ertragen
Einmal um das andere Mal.

Aber weder Lust noch Schmerzen,
Abgestorben auch der Pein,
Das ist tödlich deinem Herzen,
Und so darfst du mir nicht sein!

Mußt dich aus dem Dunkel heben,
Wär' es auch um neue Qual,
Leben mußt du, liebes Leben,
Leben noch dies eine Mal!

Echo (wiederholt seelenlos wie ein Vogel die Melodie von Harlekins Lied)

Ariadne (unbewegt, träumt vor sich hin)

Zerbinetta (halblaut, parlando)
Sie hebt auch nicht einmal den Kopf.

Harlekin (ebenso)
Es ist alles vergebens. Ich fühlte es während des Singens.

Echo (wiederholt nochmals die Melodie)

Zerbinetta Du bist ja ganz aus der Fassung.

Harlekin Nie hat ein menschliches Wesen mich so gerührt.

Zerbinetta So geht es dir mit jeder Frau.

Harlekin Und dir vielleicht nicht mit jedem Mann?

Ariadne (vor sich)
Es gibt ein Reich, wo alles rein ist:
Es hat auch einen Namen: Totenreich.
(Hebt sich im Sprechen vom Boden)
Hier ist nichts rein! Hier kam alles zu allem!
(Sie zieht ihr Gewand eng um sich)
Bald aber nahet ein Bote,
Hermes heißen sie ihn.
Mit seinem Stab
Regiert er die Seelen:
Wie leichte Vögel,
Wie welke Blätter
Treibt er sie hin.
Du schöner, stiller Gott! sieh! Ariadne wartet!

Ach, von allen wilden Schmerzen
Muß das Herz gereinigt sein,
Dann wird dein Gesicht mir nicken,
Wird dein Schritt vor meiner Höhle,
Dunkel wird auf meinen Augen,
Deine Hand auf meinem Herzen sein.
In den schönen Feierkleidern,
Die mir meine Mutter gab,
Diese Glieder werden bleiben,
Schön geschmückt und ganz allein,
Stille Höhle wird mein Grab.
Aber lautlos meine Seele
Folget ihrem neuen Herrn,
Wie ein leichtes Blatt im Winde
Folgt hinunter, folgt so gern.
Du wirst mich befreien,
Mir selber mich geben,
Dies lastende Leben,
Du nimmst es von mir.
An dich werd' ich mich ganz verlieren,
Bei dir wird Ariadne sein.

(Harlekin [verwegen]; Brighella [jung, tölpelhaft]: Scaramuccio [Gauner, 50jährig]; Truffaldin [alberner Alter]; hinter ihnen Zerbinetta. Kommen von vorne auf die Bühne, schicken sich an, Ariadne durch einen Tanz zu erheitern. Zerbinetta bleibt seitwärts an der Kulisse. Echo, Najade, Dryade sind während Ariadnes Monolog verschwunden.)

Die vier Die Dame gibt mit trübem Sinn
Sich allzusehr der Trauer hin.
Was immer Böses widerfuhr,
Die Zeit geht hin und tilgt die Spur.
Wir wissen zu achten
Der Liebe Leiden,
Doch trübes Schmachten,
Das wollen wir meiden.
Sie aufzuheitern,
Naht sich bescheiden
Mit den Begleitern
Dies hübsche Kind.
(Sie tanzen)
Es gilt, ob Tanzen,
Ob Singen tauge,
Von Tränen zu trocknen
Ein schönes Auge.
Es trocknet Tränen
Die schmeichelnde Sonne,
Es trocknet Tränen
Der lose Wind:
Sie aufzuheitern,
Befahl den Begleitern,
O traurige Dame,
Dies hübsche Kind.

Zerbinetta (indes die vier weiter tanzen)
Wie sie sich schwingen,
Tanzen und singen,
Gefiele der eine
Oder der andere
Gefiele mir schon.

Doch die Prinzessin
Verschließt ihre Augen,
Sie mag nicht die Weise,
Sie liebt nicht den Ton.
(Indem sie zwischen die vier Tänzer tritt)
Geht doch! Laßt's doch! Ihr fallet zur Last!

Die vier (indem sie weiter tanzen)
Sie aufzuheitern,
Befahl den Begleitern,
O traurige Dame,
Das hübsche Kind!
Doch wie wir tanzen,
Doch wie wir singen,
Was wir auch bringen,
Wir haben kein Glück.

Zerbinetta (indem sie sie mit Gewalt fortdrängt)
Drum lasset das Tanzen,
Lasset das Singen,
Zieht euch zurück!
Zurück! Versteht ihr nicht! Ihr seid nur lästig!
(Sie schafft sie weg)

(Die vier ab, zwei nach rechts, zwei nach links)

Zerbinetta (beginnt mit einer tiefen Verneigung vor Ariadne)
Großmächtige Prinzessin, wer verstünde nicht,
Daß so erlauchter und erhabener Personen Traurigkeit
Mit einem anderen Maß gemessen werden muß
Als der gemeinen Sterblichen. – Jedoch
(einen Schritt nähertretend, doch Ariadne achtet in keiner Weise auf sie)
Sind wir nicht Frauen unter uns, und schlägt denn nicht
In jeder Brust ein unbegreiflich, unbegreiflich Herz?
(Abermals näher, mit einem Knicks, Ariadne, ihrer nicht zu achten, verhüllt ihr Gesicht)
Von unserer Schwachheit sprechen,
Sie uns selber eingestehen,
Ist es nicht schmerzlich süß?
Und zuckt uns nicht der Sinn danach?
Sie wollen mich nicht hören –
Schön und stolz und regungslos,
Als wären Sie die Statue auf Ihrer eigenen Gruft –
Sie wollen keine andere Vertraute
Als diesen Fels und diese Wellen haben?
(Ariadne tritt an den Eingang ihrer Höhle zurück)
Prinzessin, hören Sie mich an – nicht Sie allein,
Wir alle – ach, wir alle – was Ihr Herz erstarrt,
Wer ist die Frau, die es nicht durchgelitten hätte?
Verlassen! in Verzweiflung! ausgesetzt!
Ach, solcher wüsten Inseln sind unzählige
Auch mitten unter Menschen, ich – ich selber
Ich habe ihrer mehrere bewohnt –
Und habe nicht gelernt, die Männer zu verfluchen.
(Ariadne tritt vollends in die Höhle zurück, Zerbinetta richtet ihre weiteren Tröstungen an die unsichtbar Gewordene)
Treulos – sie sind's!
Ungeheuer, ohne Grenzen!
Eine kurze Nacht,
Ein hastiger Tag,
Ein Wehen der Luft,
Ein fließender Blick
Verwandelt ihr Herz!
Aber sind denn wir gefeit
Gegen die grausamen – entzückenden,
Die unbegreiflichen Verwandlungen?

Noch glaub' ich dem einen ganz mich gehörend,
Noch mein' ich mir selber so sicher zu sein,
Da mischt sich im Herzen leise betörend
Schon einer nie gekosteten Freiheit,
Schon einer neuen verstohlenen Liebe
Schweifendes freches Gefühle sich ein!

Noch bin ich wahr, und doch ist es gelogen,
Ich halte mich treu und bin schon schlecht,
Mit falschen Gewichten wird alles gewogen –
Und halb mich wissend und halb im Taumel
Betrüg' ich ihn endlich und lieb' ihn noch recht!
Ja, halb mich wissend und halb im Taumel
Betrüge ich endlich und liebe noch recht!

So war es mit Pagliazzo
Und mit Mezzetin!
Dann war es Cavicchio,
Dann Burattin,
Dann Pasquariello!
Ach, und zuweilen,
Will es mir scheinen,
Waren es zwei!
Doch niemals Launen,
Immer ein Müssen!
Immer ein neues
Beklommenes Staunen.
Daß ein Herz so gar sich selber,
Gar sich selber nicht versteht!

Als ein Gott kam jeder gegangen,
Und sein Schritt schon machte mich stumm,
Küßte er mir Stirn und Wangen,
War ich von dem Gott gefangen
Und gewandelt um und um!
Als ein Gott kam jeder gegangen,
Jeder wandelte mich um,
Küßte er mir Mund und Wangen,
Hingegeben war ich stumm!
Hingegeben war ich stumm!
Hingegeben war ich stumm!
Kam der neue Gott gegangen,
Hingegeben war ich stumm!

Echo (unsichtbar, wiederholt das Rondo, aber ohne Text, ad libitum)

Harlekin (springt aus der Kulisse)
Hübsch gepredigt! Aber tauben Ohren!

Zerbinetta Ja, es scheint, die Dame und ich sprechen verschiedene Sprachen.

Harlekin Es scheint so.

Zerbinetta Es ist die Frage, ob sie nicht schließlich lernt, sich in der meinigen auszudrücken.

Harlekin Wir wollen's abwarten. Was wir aber nicht abwarten wollen – (Er ist mit einem Sprung dicht bei ihr, sucht sie zu umarmen)

Zerbinetta (macht sich los) Wofür hältst du mich?

Harlekin Für ein entzückendes Mädchen, dessen Beziehungen zu mir dringend einer Belebung bedürfen –

Zerbinetta Unverschämter! und außerdem: hier!
Zwei Schritte von der Wohnung der Prinzessin!

Harlekin Pah! Wohnung, es ist eine Höhle.

Zerbinetta Was ändert das?

Harlekin Sehr viel, sie hat keine Fenster. (Versucht abermals sie zu küssen)

Zerbinetta (macht sich energisch los) Ich glaube, du wärest wirklich fähig!

Harlekin Zweifle nicht, zu allem!

Zerbinetta (mißt ihn mit dem Blick, halb für sich) Zu denken, daß es Frauen gibt, denen er ebendarum gefiele –

Harlekin Und zu denken, daß du von oben bis unten eine solche Frau bist!

Zerbinetta (mißt ihn mit dem Blick)

(Brighella, Scaramuccio, Truffaldin stecken links und rechts ihre Köpfe aus der Kulisse)

Brighella, Scaramuccio, Truffaldin Pst! Pst! Zerbinetta!

Zerbinetta (hat sich Harlekin entzogen, läuft nach vorn, vor sich, beinahe ad spectatores) Männer! Lieber Gott, wenn du wirklich wolltest, daß wir ihnen widerstehen sollten, warum hast du sie so verschieden geschaffen? (Sie endet mitten aus der Prosa, mit einer Roulade)

Die vier Eine Störrische zu trösten,
Laßt das peinliche Geschäft!
Will sie sich nicht trösten lassen,
Laß sie weinen, sie hat recht!

Zerbinetta (tanzt von einem zum anderen, weiß jedem zu schmeicheln)

Brighella (mit albernem Ton)
Doch ich bin störrisch nicht,
Gibst du ein gut Gesicht.
Ach, ich verlang' nicht mehr,
Freu' mich so sehr.

Scaramuccio (mit schlauem Ausdruck)
Auf dieser Insel
Gibt's hübsche Plätze.
Komm', laß dich führen,
Ich weiß Bescheid!

Truffaldin (täppisch lüstern)
Wär' nur ein Wagen,
Ein Pferdchen nur mein,
Hätt' ich die Kleine
Bald wo allein!

Harlekin (diskret im Hintergrund)
Was sie vergeudet
Augen und Hände,
Laur' ich im stillen
Hier auf das Ende!

Zerbinetta (von einem zum anderen tanzend)
Immer ein Müssen,
Niemals Launen,
Immer ein neues
Unsägliches Staunen!

Die vier, mit Zerbinetta (in beliebiger Verschränkung)

Brighella Ich bin nicht störrisch.

Harlekin Ich laure im stillen.

Zerbinetta (im Tanzen)
So war's mit Pasquariello
Und so mit Mezzetin!

Scaramuccio Hätt' ich das Mädchen –

Truffaldin Ich wüßte Bescheid!

Zerbinetta (im Tanzen)
Dann mit Cavicchio
Und mit Burattin!

Zwei Komm', laß dich führen,
Ich laure im stillen!

Zerbinetta (im Tanzen)
Ach, und zuweilen
Waren es zwei!

Zwei Es gibt hübsche Plätze:
Ich weiß Bescheid!

Zerbinetta Ach, und zuweilen
Waren es zwei!

(Unterm Tanzen scheint sie einen Schuh zu verlieren. Scaramuccio, flink, erfaßt den Schuh und küßt ihn. Sie läßt sich ihn von ihm anziehen, wobei sie sich auf Truffaldin stützt, der ihr von der anderen Seite zu Füßen gefallen ist.)

Zerbinetta (auf Truffaldin)
Wie er feurig sich erniedert!
(Auf Scaramuccio, dem sie das Innere der Hand zum Kusse reicht)
Wie der Druck den Druck erwidert!

Zerbinetta und Scaramuccio
Hand und Lippe, Mund und Hand,
Welch ein zuckend Zauberband!

Scaramuccio und Truffaldin (treten rechts und links zurück)

Brighella (springt täppisch hin, Zerbinetta zu umfassen, sie entschlüpft ihm geschickt)

Zerbinetta (aufs neue tanzend)
Mach' ich ihn auf diese neidig
Wird der steife – wie geschmeidig,
Wird der steife Bursch sich drehn!

Brighella (steif tanzend und singend)
Macht sie mich auf diese neidig,
Ach, wie will ich mich geschmeidig
Um die hübsche Puppe drehn!

Scaramuccio (gleichfalls tanzend)
Macht sie uns auf diesen neidig,
Hei, wie alle sich geschmeidig,
Hui, um ihre Gunst sich drehn!

Truffaldin (ebenso)
Wie sie jeden sich geschmeidig,
Einen auf den anderen neidig,
Ohne Pause weiß zu drehn!

(Während die drei sich drehen, wirft sich Zerbinetta rückwärts Harlekin in die Arme und eilt mit ihm zu verschwinden.)

Scaramuccio, Brighella, Truffaldin (finden sich allein)
Mir der Schuh!
Mir der Blick!
Mir die Hand!
                          Das war das Zeichen,
Schlau aus dem Kreise muß ich mich schleichen!
Mich erwartet das himmlische Wesen
Mich zum Freunde hat sie erlesen!

(Alle drei schleichen verstohlen in die Kulisse, gleich darauf erscheint zuerst Scaramuccio, von rechts kommend, vor der Bühne verlarvt für sich.)

Pst, wo ist sie? Wo mag sie sein?
(Späht herum, geht rechts um die Bühne herum.)

Brighella (verlarvt, von links kommend, leise dummschlau)
Pst, wo ist sie? Wo mag sie sein?
(Wendet sich nach rechts, stößt dort mit dem zurückkehrenden Scaramuccio zusammen.)

Truffaldin (verlarvt, von links, an der linken Ecke in eben dem Augenblick hervorkommend, als Brighella nach rechts den ersten Schritt tut)
Pst! wo ist sie? Wo mag sie sein?
(Stößt mit den beiden Zusammenstoßenden auch noch zusammen; alle drei taumeln sie in die Mitte.)

Alle drei (jeder für sich)
Verdammter Zufall!
Aber man erkennt mich nicht!

Zerbinetta und Harlekin (sind links vorne wieder erschienen)

Zerbinetta Daß ein Herz so gar sich selber,
Gar sich selber nicht versteht!

(Brighella, Scaramuccio, Truffaldin sehen einander an.)

Harlekin Ach, wie reizend, fein gegliedert!

Zerbinetta Hand und Lippe, Mund und Hand!

Die drei Gesellen Ai! Ai!

Harlekin und Zerbinetta (zusammen)
Hand und Lippe, Mund und Hand,
Welch ein zuckend Zauberband.

Die drei Gesellen (indem sie zornig und betrübt tanzend abgehen)
Ai! ai! ai! ai! Der Dieb! Der Dieb!
Der nieder-, niederträchtige Dieb!
Ai! ai! ai! ai!

Die Bühne bleibt nach Abgang der fünf Masken (Zerbinetta, Harlekin usw.) leer.

Zwischenspiel des Orchesters, auf Bacchus bezüglich, durchaus fremdartig, geheimnisvoll;

sodann: Najade, Dryade, Echo treten, fast zugleich, hastig auf von rechts, links und rückwärts.

Dryade (aufgeregt)
Ein schönes Wunder!

Najade Ein reizender Knabe!

Dryade Ein junger Gott!

Echo Ein junger Gott, ein junger Gott!

Dryade So wißt ihr – ?

Najade Den Namen?

Dryade Bacchus!

Najade Mich höret.

Echo Mich höret doch an!

Dryade Die Mutter starb bei der Geburt.

Najade Eine Königstochter.

Dryade Eines Gottes Liebste, eines Gottes Liebste!

Najade Was für eines Gottes?

Echo (enthusiastisch)
Eines Gottes Liebste, eines Gottes Liebste!

Najade (eifrig)
Was für eines Gottes?

Dryade Aber den Kleinen – hört doch! – Nymphen, Nymphen zogen ihn auf!

Echo (begeistert)
Nymphen zogen ihn auf, Nymphen zogen ihn auf!

Najade, Dryade Nymphen! das zarte, göttliche Kind!

Zu dreien Ach, daß nicht wir es gewesen sind.

Echo (vogelhaft)
Ach, daß nicht wir es gewesen sind.

Dryade Es wächst wie die Flamme unter dem Wind.

Najade Ist schon kein Kind mehr – Knabe und Mann!

Dryade Schnell zu Schiffe mit wilden Gefährten!

Najade Nächtig im Wind die Segel gestellt!

Dryade Er am Steuer, er am Steuer.

Najade Kühn! der Knabe!

Echo (vogelhaft)
Er am Steuer.

Dryade, Najade Heil dem ersten Abenteuer!

Echo Er am Steuer, er am Steuer!

Dryade Das erste! Ihr wißt, was es war?

Najade Circe! Circe! an ihrer Insel
Landet das Schiff, zu ihrem Palast
Schweift der Fuß, nächtlich mit Fackeln –

Dryade (reißt ihr's Wort vom Munde)
An der Schwelle empfängt sie ihn,
An den Tisch zieht sie ihn hin,
Reicht die Speise, reicht den Trank –

Najade (eifrigst)
Den Zaubertrank! die Zauberlippen!
Allzu süße Liebesgabe!

Echo Allzu süße Liebesgabe!

Dryade (Triumph im Ton)
Doch der Knabe – doch der Knabe! –
Wie sie frech und überheblich
Ihn zu ihren Füßen winkt –
Ihre Künste sind vergeblich,
Weil kein Tier zur Erde sinkt!

Zu dreien Alle Künste sind vergeblich,
Weil kein Tier zur Erde sinkt!

Dryade Aus den Armen ihr entwunden
Blaß und staunend, ohne Spott –
Nicht verwandelt, nicht gebunden
Steht vor ihr ein junger Gott!

Zu dreien Nicht verwandelt, nicht gebunden
Steht vor ihr ein junger Gott!

Echo (vogelhaft entzückt)
Nicht verwandelt!

Najade, Dryade (am Eingang der Höhle)
Ariadne!

Najade Schläft sie?

Dryade Schläft sie?

Najade Nein! sie hört uns!

Echo Nicht verwandelt!

Dryade (der Ariadne meldend)
Ein schönes Wunder!

Najade Ein Knabe! Ein Gott!

Dryade (immer gegen die Höhle hin)
Gestern noch der Gast der Circe,
Mit ihr liegend bei dem Mahle
Nippend von dem Zaubertrank –

Echo Nicht verwandelt! Nicht verwandelt!

Najade Heute ist er hier bei uns!

Dryade Hörst du?

Najade Hörst du?

Zu zweien (leise)
Ariadne!

(Bacchus' Stimme wird hörbar. Im gleichen Augenblick, wie von Magie hervorgezogen, tritt Ariadne lauschend aus der Höhle. Die drei Nymphen, lauschend, treten seit- und rückwärts.)

Bacchus (erscheint auf einem Felsen, Ariadne und den Nymphen unsichtbar)
Circe, kannst du mich hören?
Du hast mir fast nichts getan –
Doch die dir ganz gehören,
Was tust du denen an?
Circe, ich konnte fliehen,
Sieh, ich kann lächeln und ruhn –
Circe, was war dein Wille,
An mir zu tun?

Ariadne (in sein Singen hinein, vor sich, leisest)
Es greift durch alle Schmerzen,
Auflösend alte Qual: ans Herz im Herzen greift's.

Najade, Dryade, Echo (leise, zaghaft)
Töne, töne, süße Stimme,
Fremder Vogel, singe wieder,
Deine Klagen, sie beleben,
Uns entzücken solche Lieder!

Bacchus (schwermütig, lieblich)
Doch da ich unverwandelt
Von dir gegangen bin,
Was haften die schwülen Gefühle
An dem benommenen Sinn?

Als wär' ich von schläfernden Kräutern
Betäubt, ein Waldestier! –
Circe, was du nicht durftest,
Geschieht es doch an mir?

Ariadne (wie oben)
O Todesbote! süß ist deine Stimme!
Balsam ins Blut, und Schlummer in die Seele!

Najade, Dryade, Echo (nachdem die Stimme zu verstummen scheint, leise)
Töne, töne, süße Stimme,
Süße Stimme, töne wieder!
Deine Klagen, sie beleben!
Uns entzücken deine Lieder!

Bacchus (fröhlich, mit etwas wie graziösem Spott)
Circe, ich konnte fliehen!
Circe, ich konnte fliehen!
Sieh, ich kann lächeln und ruhn!
Circe – was war dein Wille,
An mir zu tun?

Ariadne (zugleich mit ihm, die Augen geschlossen, die Hände gehoben nach der Richtung, von der die Stimme tönt, leise)
Belade nicht zu üppig
Mit nächtlichem Entzücken
Voraus den schwachen Sinn!
Die deiner lange harret,
Nimm sie dahin!

(Bacchus tritt hervor, steht vor Ariadne.)

Ariadne (in jähem Schreck, schlägt die Hände vors Gesicht)
Theseus!
(Dann schnell sich neigend.)
Nein! nein! es ist der schöne stille Gott!
Ich grüße dich, du Bote aller Boten!

Najade, Dryade, Echo (haben sich unter tiefer Verneigung nach allen Seiten zurückgezogen)

Ariadne. Bacchus.

Bacchus (ganz jung, zartest im Ton)
Du schönes Wesen? Bist du die Göttin dieser Insel?
Ist diese Höhle dein Palast? sind diese deine Dienerinnen?
Singst du an deinem Webstuhl Zauberlieder?
Nimmst du den Fremdling da hinein
Und liegst mit ihm beim Mahl,
Und tränkest du ihn da mit einem Zaubertrank?
Und ach, wer dir sich gibt, verwandelst du ihn auch?
Weh! Bist du auch solch eine Zauberin?

Ariadne Ich weiß nicht, was du redest.
Ist es, Herr, daß du mich prüfen willst?
Mein Sinn ist wirr von vielem Liegen ohne Trost!
Ich lebe hier und harre deiner, deiner harre ich
Seit Nächten, Tagen, seit wievielen, ach, ich weiß es nicht mehr!

Bacchus Wie? kennest du mich denn? Hast du vordem von mir gewußt?
Du hast mit einem Namen mich gegrüßt.

Ariadne Nein! nein! Der bist du nicht,
Mein Sinn ist leicht verwirrt!

Bacchus Wer bin ich denn?

Ariadne (neigt sich)
Du bist der Herr über ein dunkles Schiff,
Das fährt den dunklen Pfad.

Bacchus (nickt)
Ich bin der Herr – über ein Schiff.

Ariadne (jäh)
Nimm mich! Hinüber! Fort von hier mit diesem Herzen!
Es ist zu nichts mehr nütze auf der Welt.

Bacchus (sanft)
So willst du mit mir gehen auf mein Schiff?

Ariadne Ich bin bereit. Du fragst? Ist es, daß du mich prüfen willst?

Bacchus (schüttelt den Kopf)

Ariadne (mit unterdrückter Angst)
Wie schaffst du die Verwandlung? mit den Händen?
Mit deinem Stab? Wie, oder ist's ein Trank,
Den du zu trinken gibst? Du sprachst von einem Trank!

Bacchus (verträumt in ihrem Anblick)
Sprach ich von einem Trank,
Ich weiß nichts mehr.

Ariadne (nickt)
Ich weiß, so ist es dort, wohin du mich führest!
Wer dort verweilet, der vergißt gar schnell!
Das Wort, der Atemzug ist gleich dahin!
Man ruht und ruht vom Ruhen wieder aus;
Denn dort ist keiner matt vom Weinen –
Er hat vergessen, was ihn schmerzen sollte:
Nichts gilt, was hier gegolten hat, ich weiß –
(Sie schließt die Augen)

Bacchus (tief erregt, unbewußt feierlich)
Bin ich ein Gott, schuf mich ein Gott,
Starb meine Mutter in Flammen dahin,
Als sich in Flammen mein Vater ihr zeigte,
Versagte der Circe Zauber an mir,
Weil ich gefeit bin, Balsam und Äther
Für sterbliches Blut in den Adern mir fließt.
Hör' mich, Wesen, das vor mir steht,
Hör' mich, du, die sterben will:
Dann sterben eher die ewigen Sterne,
Als daß du stürbest aus meinen Armen!

Ariadne (ängstlich zurückweichend vor der Gewalt seines Tones)
Das waren Zauberworte! Weh! So schnell!
Nun gibt es kein Zurück. Gibst du Vergessenheit
So zwischen Blick und Blick?
Entfernt sich alles,
Alles von mir?
Die Sonne? Die Sterne?
Ich mir selber?
Sind meine Schmerzen mir auf immer, immer
Genommen? Ach!
(verhauchend)
Bleibt nichts von Ariadne als ein Hauch?

(Sie sinkt, er hält sie. Alles versinkt, ein Sternenhimmel spannt sich über den Zweien.)

Bacchus (mehr ergriffen als laut)
Ich sage dir, nun hebt sich erst das Leben an
Für dich und mich!
(Er küßt sie)

Ariadne (entwindet sich ihm, unbewußt, sieht mit bangem Staunen um sich)
Lag nicht die Welt auf meiner Brust? hast du,
Hast du sie fortgeblasen?
Da innen lag die arme Hündin
An' Boden gedrückt, auf kalten Nesseln
Mit Wurm und Assel und ärmer als sie –

Bacchus Nun steigt deiner Schmerzen innerste Lust
In dein' und meinem Herzen auf!

Ariadne Du Zauberer, du! Verwandter, du!
Blickt nicht aus dem Schatten deines Mantels
Der Mutter Auge auf mich her?
Ist so dein Schattenland! also gesegnet!
So unbedürftig der irdischen Welt?

Bacchus Du selber! du bist unbedürftig,
Du meine Zauberin!

Ariadne Gibt es kein Hinüber?
Sind wir schon da?
Sind wir schon da?
Wie könnt' es geschehen?
Auch meine Höhle, schön! gewölbt
Über ein seliges Lager,
Einen heiligen Altar!
Wie wunder-, wunderbar verwandelst du!

Bacchus Du! Alles du!
Ich bin ein anderer, als ich war!
Der Sinn des Gottes ist wach in mir,
Dein herrlich Wesen ganz zu fassen!
Die Glieder reg' ich in göttlicher Lust!
Die Höhle da! Laß mich, die Höhle deiner Schmerzen
Zieh' ich zur tiefsten Lust um dich und mich!

(Ein Baldachin senkt sich von oben langsam über beide, sie einschließend.)

Ariadne (an seinem Arm hängend)
Was hängt von mir
In deinem Arm?
O, was von mir,
Die ich vergehe,
Fingest du Geheimes
Mit deines Mundes Hauch?
Was bleibt, was bleibt von Ariadne?
Laß meine Schmerzen nicht verloren sein!

Ariadnes Stimme Laß meine Schmerzen nicht verloren,
Bei dir laß Ariadne sein!

Zerbinetta (tritt aus der Kulisse, weist mit dem Fächer über die Schulter auf Bacchus und Ariadne zurück und wiederholt mit spöttischem Triumph ihr Rondo)
Kommt der neue Gott gegangen,
Hingegeben sind wir stumm!

Bacchus' Stimme Deiner hab' ich um alles bedurft!
Nun bin ich ein anderer, als ich war,
Durch deine Schmerzen bin ich reich,
Nun reg' ich die Glieder in göttlicher Lust!
Und eher sterben die ewigen Sterne,
Eh' denn du stürbest aus meinem Arm!

(Der Baldachin hat sich geschlossen)

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.