Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Heinse >

Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
Schließen

Navigation:

Ardinghello. Ihr geht wie ein echter Kretenser, Zögling des Minos, mit dem schönen Geschlecht um! Ich glaube, daß ein Mädchen wie ein Mann immer ein unnatürliches Ding sei und daß die tapferste Amazone selbst unter einer Phryne stehe. Ich will Euch hierüber zu keiner neuen Hypothese treiben; wiederholen wir noch einmal Euer Hauptstück.

So von allem Wirklichen abgesondert mag es wohl endlich leicht sein, zu denken, Verstand des Menschen hat den Menschen hervorgebracht, und ebenso, Verstand jedes Dinges hat das Ding hervorgebracht, durch Hülfe einer Kraft, die allem Raum schafft, sich nach Willkür oder Verlangen zu bewegen: allein sich die Sache auch nur einigermaßen sinnlich vorzustellen ist gewiß ohne Vergleich schwerer.

Nehmen wir einmal, wie der Verstand des ungebornen ersten Kindes sich das Auge gebildet hat, nur eins fürs erste.

Wozu braucht er das Auge?

Zum Sehen.

Kann er nicht sehen ohne dasselbe?

Allerdings; da er alles durchdringt, berührt er an und für sich auch gewiß die Sonnenstrahlen oder wird ihre Wirkung gewahr auf Oberflächen.

Was will er also damit?

In einen Körper eingeschlossen sich eine Öffnung für dieselben machen.

Gut. Warum schließt er sich aber in einen Körper ein, da er ohne Auge sehen kann? und demnach auch ohne Ohren hören, ohne Zunge schmecken, ohne Nase riechen und ohne Finger und andre Glieder fühlen?

Es scheint, er ist des Herumvagierens müde und will einmal einen steten Punkt haben; oder eine Portion Verstand haßt die andre, wie sich Spinnen, und verlangt abgesondert ihr eigen Nest; oder er will weder unendlich groß noch unendlich klein beisammenbleiben, sondern in bequemer Anzahl und ergötzlichem Maße, wie die feinen Wollüstlinge unter Griechen und Römern nur soundso viel Gäste an ihren Tafeln verlangten; oder überhaupt, er kann die Materie in allen Arten von Zusammensetzungen nicht besser genießen, als wenn er sich selbst in sie hineinsteckt; oder endlich das Schicksal zwingt ihn dazu, ob dies gleich für ein Wesen, das alles durchdringt und folglich nicht gebunden werden kann, ungereimt ist. Kurz, dem mag sein, wie ihm will: er macht alles auf einmal zusammen, sich in größerm Umfang, und wie Pygmalion, seine Geliebte. Nach Euern Begriffen ist freilich Verstand selbst so verschiedner Gattung, als Elemente sind; und nur einer ist der König. Also der menschliche Verstand selbst macht einen Bund aus von verschiednen Elementen; und jedes präsidiert darin im Namen der übrigen seiner Gattung und dringt auf besondern und eignen Genuß dafür.

Warum aber ist der Verstand des Kindes, wenn es fertig oder völlig ausgebildet ist, nicht mehr so gescheit, als er im Anfang war?

Demetri. Das ist er und bleibt es, durch alle Stufen des menschlichen Alters derselbe; alle Teile, die abgehen, ersetzt er wieder und bedient sich überdies seiner neuen Sinnen. In der Komposition selbst, deren Ursprung ich schon auf verschiedne Weise berührte, muß er freilich erst Erfahrung sich erwerben. Verstand kömmt von stehenIm Griechischen, was hier im Original gebraucht wird, von schwimmen.; er muß alsdenn lange vor den Dingen einer Gattung gestanden haben, ehe er sie vollkommen mit seinen Sinnen durcherkennt und sich davon ein Ideal bildet.

Einige Alten behaupteten auch, daß er schon lange studiert habe, bevor er ein so herrliches Ganzes wie den Menschen ausklügelte; es ließ sich dieses aus der auffallenden Ähnlichkeit, größern und mindern Vollkommenheit der Teile von Tieren schließen. Die Pythagoräer nahmen nach dem Aristoteles als einen Grundsatz an: Speise und Raub ist eher gewesen, als was sich davon nährt; und wahrscheinlich! je ausgearbeiteter die Speise, desto leichter der Übergang zu höherm Leben. Kein vernünftiger Arzt wird daran zweifeln, daß der Mensch selbst die beste Kost für den Menschen wäre. Wer weiß, ob die Welt jetzt so vollkommen ist, als sie sein kann. Obgleich ewig, mag sie doch Kind, Jüngling und Mann, Jungfrau und Matrone zur Abwechslung werden; denn sie ist nicht ganz vollkommen, solange noch Unvollkommenheit darinnen da ist.

Ardinghello. Von Menschenfressern also hätten wir die eigentliche Verklärung zu erwarten, das tausendjährige Reich? Ein starker Kontrast mit den Schulen der Weisen!

Demetri. Aus dem scheußlichsten Dünger, wenn ich ein verkehrtes Gleichnis brauchen darf, wachsen die schönsten Blumen und Früchte. Wir schätzen unsern Körper viel zuwenig; und doch muß jeder fühlen, daß ihn ein Händedruck, Kuß und Umarmung von einer schönen Person ganz anders ergreift als der wohlstilisierteste ciceronianische Brief von bloßem Geist oder einer, die er nicht kennt.

Ardinghello. Wir schweifen aus; wieder zur Sache!

Warum wissen wir aber nicht, daß der Verstand die Teile ersetzt, die er im Körper nicht festhalten kann und die demselben durch die Zeit abgehen?

Demetri. Wir wissen nur durch unsre äußern gröbern Sinnen; und dahin dringt keiner.

Ardinghello. Erstaunliche Richtigkeit und ein Gefühl von Maß, das das der Goldwaage zentillionenmal übersteigt, gehört gewiß dazu, ein Bein nicht kürzer und länger gleich im Anfang zu machen als das andre, und so einen Arm wie den andern, und Auge wie Auge; und so die Zähne und die Rippen in höchst genauer Proportion; und dann zu vergrößern und zu erhalten! Und dies sind nur grobe Sachen gegen anders bei Insekten.

Demetri. Er ist auch nicht umsonst so fein! und es gelingt nicht immer; die Alkibiaden und Phrynen sind bei jeder Tierart selten.

Ardinghello. Auf einer andern Seite betrachtet, ist's nun wieder gar nichts Außerordentliches und Erhabnes; weil er wie ein Affe alles nur nachahmt, wie er's vor sich findet, und gar nichts ändert: so recht im alten Schlendrian der lieben Gewohnheit versunken und verloren. Er gibt sich gar nicht mehr die Mühe, etwas Neues zu erdenken.

Demetri. Woher wißt Ihr das? Und doch schon genug, wenn er sich so wohl befindet! Er kann nicht mehr als die Materie aufs beste verarbeiten, in die er kömmt. Die Natur geht äußerst langsam und bedächtig in ihren Fortschritten, sie hat unendliche Jahrtausende vor sich und wir nur einen Augenblick Lebensdauer in der Komposition, sie zu beobachten.

Ardinghello. Mich deucht, Ihr hättet schon gesagt, im Anfange wär alles besser gewesen. Vielleicht sind wir doch von der Höhe des Bogens herunter!

Aber Freund, warum kann der Verstand den Körper nicht umändern, wenn er ungestaltet, häßlich oder krank ist? warum nicht verjüngen?

Wolken, lieber Demetri, nichts als Wolken und metaphysische Träume! Nehmen wir lieber doch noch die gewöhnliche Meinung an, die Ihr kurz vorhin verwarft. Ich glaube, daß, so wenig sich der Mensch jetzt selbst hervorbringt, er von Ewigkeit sich nicht selbst hervorgebracht hat. Er ist! aber es muß allezeit ein mächtiger Wesen ihm den ersten Stoß und die Bequemlichkeit zum vollen Dasein verschaffen.

Die vier Aristotelischen Elemente allein werden nie in allen möglichen Zusammensetzungen mehr als die vier Aristotelischen Elemente sein; es gehört gewiß noch etwas anders zu meinem Ich und deinem Du.

Wenn wir etwas ohne fernern Grund annehmen, warum sträuben wir uns, alles, was wir nicht anders erklären können, ohne fernern Grund anzunehmen? Jedes Individuum ist von Ewigkeit der Form nach da in der Natur und von allem andern unterschieden; und keine Urform läßt sich weder schaffen noch zerstören. Nur gehört ein höher Wesen dazu, sie in die Bequemlichkeit zu setzen, daß sie sich in ihre höchste Fülle verbreite. Wie unendlich vieles wird bloß Blüte oder Frucht, ohne zum Baume zu gedeihen!

Auch gibt Aristoteles selbst nicht undeutlich zu verstehen, daß er derselben Meinung anhange; die menschliche Seele oder überhaupt der Mensch, dessen Form sie enthält, ist ihm eine von Ewigkeit fertige Vollkommenheit. Und so war jedes lebendige Ding der Form nach oder in seinem ersten Keime unzerstörbar von Ewigkeit da, und die Sonnenwärme, oder sein Gott, löst es nur von den Banden und setzt es in freie Wirksamkeit, wo es so lange genießt und leidet, als es sich mit seinem neuen Umkreis halten kann oder bis es die umgebenden Kräfte wieder in seinen unzerstörbaren Punkt zurückdrängen. Deswegen sagt der Weise auch, es gibt nur wenig Menschen, die göttlichen Verstand haben. Und gewiß, denen, in deren Urkraft er nicht liegt, kann denselben keine Bildung und Erziehung geben. Wer fühlt dies nicht durch all sein Wesen, wenn er einen ursprünglichen Laffen und Toren vor sich hat? Er war von Ewigkeit Tor, und weder Sparta noch Rom wird ihn je zu einem Brutus oder Leonidas umschaffen. Theophrast konnte sich in seinem neunundneunzigsten Jahre noch immer nicht genug verwundern, woher unter demselben Himmelsstriche und bei derselben Erziehung die Menge von verschiednen Charaktern herkäme. Sobald man dies annimmt, hört die Verwunderung auf oder verliert sich in die Unbegreiflichkeit alles Daseins, dem größten aller Geheimnisse.

Wir sind, was wir sind und werden nie etwas anders werden. Wohl dem, der edel und herrlich ist! Er bleibt es ewig.

Demetri. Erhaben; wenn's nur wahr wäre und nicht dieselben Schwierigkeiten stattfänden! Anaxagoras hätte schon klüger deswegen in der Verzweiflung alles: Knochen, Haare, Nägel, Klauen, für von Ewigkeit fertige Vollkommenheiten gehalten, wenn dem Stagiriten bei der Seele so etwas in Sinn gekommen wäre, als Ihr von ihm meint. Schwerlich kann ein arabischer Hengst je in Dänemark wiedergeboren werden und ein Epaminondas in einem Großmogulschen Serail! Inzwischen wird dieser bezaubernde stolze Glaube an persönliche Unsterblichkeit, die man freilich alsdenn auch jedem Wurm wie Alexandern und Cäsarn zuerkennen muß, noch lange herrschen.

Jedoch ist es Zeit, von diesen Dunkelheiten auf den Aristotelischen Gott zu kommen, den König der Elemente, der alles auflöst und aus seiner Trägheit in die Freiheit, zu handeln, setzt.

»Eine Bewegung«, sagt der Weise, »muß die erste oder muß ewig sein, die durch keine andre hat können hervorgebracht werden. Sie bedarf der Regung nicht von etwas anderm, sondern ist selbständig, immer in Wirklichkeit und nie bloß in Möglichkeit, sonst würde aller Grund von Leben und andrer Bewegung fehlen. Sie ist schlechterdings notwendig, und man muß sie an und für sich annehmen.

Wir können uns keine andre Bewegung in sich selbst ewig denken als die kreisförmige, und kreisförmig ist sie der Vernunft und der Tat nach.

Sie bewegt, von nichts bewegt, für sich das Begehrliche und Verständliche.

In ihr schwebt der Himmel und die Natur. Ihr Leben ist das beste, so wie wir es nur kurze Zeit haben; denn sie bleibt immer dieselbe, welches uns unmöglich ist. Ihre Wirksamkeit ist Wollust; durch sie ist das Wachen, die Empfindung, das Denken das erfreulichste. Hoffnungen und Erinnerungen stammen davon.

Das Denken an und für sich selbst gehört zum Besten an und für sich selbst und das abgezogenste zum Vortrefflichsten. Der Verstand denkt sich aber durch Annehmung von Verständlichem; und verständlich wird er berührend und denkend, so daß Verstand und Verständliches dasselbe; denn das Fassende des Verständlichen und des Wesens ist Verstand. Er wirkt im Haben, so daß jenes mehr als dieses, was der Verstand Göttliches zu haben scheint, und die Betrachtung ist das Erfreulichste und das Beste.

Wenn also Vollkommenheit ist, wie wir zuweilen beschaffen sind, so ist Gott immer verehrungswürdig; wenn Höheres, noch verehrungswürdiger. Und so verhält es sich.

Auch herrscht wahrhaftig Leben in ihm; denn Wirksamkeit des Verstandes ist Leben, und er ist die Wirksamkeit. Die Wirksamkeit aber an und für sich ist sein bestes und immerwährend Leben. Und wir sagen, daß Gott ein immerwährend bestes lebendiges Wesen sei, so daß Gott Leben und beständige immerwährende Dauer hat. Denn das ist Gott. -

Das Gute und Beste ist aller Natur Zweck. Sie gleicht einer Armee mit ihrem Feldherrn, und das Wohl besteht in der Ordnung. Vögel, Tiere und Pflanzen und was schwimmt, hat seine gewisse; keins aber scheint füreinander, sondern es ist Eins, wofür alles geordnet ist. -

– Alles in der Natur hat wieder etwas Böses in sich, insofern es nicht das Eins ist, auf welches sich alles bezieht. Wir alle nehmen Anteil an Gott, und er macht das Ganze.« -

Kurz, es ist eine allgemeine Bewegung, die alle Elemente zu ihrem Vergnügen in Ordnung erhält und macht, daß sie sich ihrer Natur nach zu einzelnen Ganzen formen, und jedem von sich mitteilt wie ein Hausvater seinen Kindern, Sklaven und Tieren. Jedes ist glückselig nach Art seiner Bestandteile und trägt so die Übel seiner Zusammensetzung. Gott allein ist ewig im Genuß seines reinen Wesens, wie jedes nur die wenigen Momente seiner höchsten Kraft und Einheit.

Darauf folgert er: »Es sind so viel Götter als selbständige kreisförmige Bewegungen, der Fixsternhimmel faßt sie, und alle insgesamt machen nur einen.« -

Wenn Wesen verschieden ist, so muß wohl eine Art davon das beste und mächtigste sein. -

 << Kapitel 37  Kapitel 39 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.