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Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
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Demetri. Auch beim Sokrates ist nicht alles Gold! Dies war zuverlässig in die Luft gesprochen, ohne hinlängliche Überlegung. Das Allgemeine können wir wissen, aber nicht das Besondre. Ohne Arbeit und Mut wird dem Menschen nichts Großes verliehen. Wer weiß, wie viele Jahrhunderte noch dazu gehören, ehe wir in Erkenntnis der Natur so weit gelangen, als unser Verstand reicht, und das höchste Ziel berühren! Viele verzweifeln daran, nur etwas Wahres zu finden, und wollen immer im Finstern herumtappen; aber es kommen Augenblicke, wo sie erschrecken, ein bloßes Nichts zu sein, ohne sich mit der Natur zusammen zu denken. Harmonie mit dem Weltall ist das höchste Gut! und welcher gute Kopf will sein Leben lang zu dem Gesindel gehören, das die Wetterfahne aller Meinungen ist? Jeder muß hier endlich so weit, als er kann; und es hilft da kein Sträuben. Unsre Bestimmung, wenn wir eine haben sollen, kann keine andre sein, als die verschiednen Naturen des Weltalls in der Zusammensetzung zu fassen, woraus wir bestehen. Der Mensch selbst ist gleichsam eine herumwandelnde Metaphysik; wer wollte sich nicht damit beschäftigen? Sie ist die erste und höchste aller Wissenschaften.

Wenn wahr ist, wie es denn allen Schein der Wahrheit an sich trägt, was Alkibiades vom Sokrates in Platons Gastmahl erzählt, so hat auch hierin der, den das Orakel (vielleicht hauptsächlich deswegen, was Ihr eben aus den Denkwürdigkeiten von ihm angeführt habt!) zum Weisesten erklärte, doch auch hierin seine Schuldigkeit beobachtet. Er stand einst im freien Felde vom Morgen an, den ganzen Tag über und die Nacht durch, unbeweglich auf einem Flecke in dem allertiefsten Nachdenken versunken und verloren: und betete die Sonne an, als ihre reine volle Feuersphäre über die östlichen Gipfel Strahlen des Lebens wehte.

In den geringsten Wissenschaften und Künsten herrschen verschiedne Meinungen; und es ist natürlich, daß in der höchsten die mehrsten herrschen, weil alle zum steilen Gipfel wollen und nur äußerst wenige dazu genug Atem in der Brust, Stärke in den Knochen und ausdauernden Mut und Verstand gegen alle die Gefahren haben, die in den halsbrechenden Pfaden auf sie lauern.

Nutzen? Soll man denn alles des Mauls und Magens wegen tun? und macht Erkenntnis der Wahrheit nicht schon an und für sich glückselig? ist sie nicht die höchste Glückseligkeit? Gehört das Vergnügen, die Freude nicht zu Nutzen?

Freilich muß jeder den Weg endlich selbst machen. Es muß erst einer wissen, wo der Ätna liegt, eh er hinauf will. Und dann ist für uns die Reise durch die Scylla und Charybdis die kürzeste, und durchaus zu Pferd ist nicht möglich. Oder: man muß ohngefähr so weit sein, als sie selbst waren, ehe man die Systeme großer Philosophen vollkommen versteht; und ferner sie nicht auf den ersten Seiten vollkommen begreifen wollen; man muß sie erst ganz kennen, ehe man nur etwas von ihnen in allem seinen Verhältnis einsieht.

Das System des Aristoteles liegt, es ist wahr, noch zum Teil da im Chaos; aber binnen zweitausend Jahren hat sich kein beßrer Architekt gezeigt. Er trug allen philosophischen Reichtum jener glücklichen Zeiten zusammen und brütete darüber wie ein Gott. Seine physischen und metaphysischen Werke sind ein langwieriges Studium, und es läßt sich in einem Gespräche davon kein Auszug machen. Ihr müßt sie selbst lesen; und es wird Euch Lust sein, zu sehen, wie er die Natur herumarbeitet und bis auf ihre kleinsten Bestandteile zergliedert, wenn Ihr auch nur den Tiefsinn des Menschen an ihm bewundern solltet.

Für jetzt nur noch einige Rhapsodien nach ihm und gegen ihn, und Launen und Einfälle. Stellt Euch das Universum wie eine Laute vor, worauf ich Euch nach augenblicklicher Lust und Liebe vorphantasiere. O nichts ist reizender und lockender dazu! es ist der schönste Gegenstand meiner Poesie in der Einsamkeit. O es macht mich glücklich, und mich überläuft wieder zuweilen ein menschlicher Schauder, wenn ich bedenke, was ich vielleicht schon war und ferner sein werde! was ich jetzt bin und den folgenden Morgen, die folgende Stunde schon vom neuen anfange zu sein. Übrigens genieß ich jeden Moment der Spanne meines gegenwärtigen Lebens, so gut ich kann, und ergebe mich Kleinigkeit in die Umwälzungen der ungeheuern Massen.

Was Demetri darauf ferner sagte, davon mehr nur den Inhalt als seine Worte, insoweit ich denselben gefaßt habe. Ich blieb bis jetzt noch immer der Meinung des Sokrates, daß auch die beste Metaphysik ein schönes Gebäude sei, welches bloß in der Luft schwebt, und daß man sich nur damit beschäftigen müsse, um sich nichts weismachen zu lassen und seinem Vergnügen in dieser Rücksicht ungestört nachzuhängen.

»Die Sinnen allein zeigen uns«, begann er vom neuen,Ich habe dieses jugendliche Gespräch, eine Streiferei in die Metaphysik damaliger Zeit, wo Aristoteles noch auf dem Throne saß, des Zusammenhanges wegen nicht ausgelassen. Wohl uns, wenn wir ein paar Jahrhunderte höher stehen! Ein Barbar aus Pommern, einer von der Themse hätte schon den tiefsinnigsten Griechen viel vergeblichen Kopfbrechens ersparen können. »daß etwas außer uns da ist: Verstand selbst ist die Wurzel der Sinne. Von Sinn und Verstand alle unsre Erkenntnis; und was finden wir da?

In uns gekehrt die wunderbare Sicherheit, daß wir Wirkliches und kein Nichts sind, und allen Grund zu denken und zu handeln. Außer uns Sonne, Mond und Sterne im unermeßlichen Äther, und Luft und Meer und Land voll unzählbarer lebendiger Dinge.

Doch solche Menge Verschiedenheiten entdeckt nur das Auge, unser reichster, aber auch flachster Sinn; wir haben einen andern, der tiefer dringt und zu einfachern kömmt: das Gefühl. Kein Tier kann ohne dasselbe, aber ohne die andern Sinnen bestehen.

Und dieser Sinn erkennt?

Warm und Kalt und Feucht und Trocken.

Nichts weiter! denn alles übrige fällt in eins von diesen; daraus besteht die unendliche Mannigfaltigkeit des Weltalls.

Doch werden wir auch mit diesem so mächtig ergreifenden Sinne nur Oberflächen gewahr; allein tiefer in die Natur der Dinge können wir nicht eindringen, wenn wir nicht sie selbst werden. Und dann hört aller Sinn auf; wir sind es selbst und schweben im Genuß ohne alle wissentliche Unterscheidung.

Warm und trocken ist das Feuer. Warm und feucht die Luft. Kalt und trocken die Erde. Kalt und feucht das Wasser. Mit Flamme und Eis fängt Stockung und Zerstörung an, daraus keine Zeugung.

Wenn Feuer sich in Luft verwandelt, braucht es nur die Feuchtigkeit anzunehmen, und so, wenn Wasser sich in Erde, nur die Trockenheit. Wasser wird Luft durch die Wärme; Luft wird Wasser durch die Kälte. Feuer verwandelt sich in Erde durch die Kälte, Erde in Feuer durch die Wärme. Leicht ist dann der Übergang einer Natur in die andre und leicht Werden und Zeugen. Wenn aber Feuer Wasser werden soll und Wasser Feuer, Luft Erde und Erde Luft: dann ist ein doppelter Damm durchzustürmen; allein der Schleichweg ist bald gefunden. Feuer wird erst entweder Luft oder Erde; und so bleibt der Übergang auch bei den andern immer leicht.

Daraus alle die sonderbaren Erscheinungen! Und so verändert sich ewig in sich die Welt, begattet sich mit sich selbst und bringt neue Geschöpfe hervor und Blumen und Früchte.

Dies sind die vier Elemente, die der gemeine Menschenverstand durch alle Zeiten anerkannt hat; und sie sind die Grundverschiedenheiten nicht nur für das Gefühl, sondern auch für die übrigen Sinne, die alle verschiedene Abarten desselben sind und darauf beruhen.

Daß die Luft wieder so verschieden sein könne, als wir die Erde erkennen, wer will dies leugnen? und so das Wasser, und vielleicht noch das Feuer; wer hat die Elemente so untersucht? und wie wenig wissen wir noch von den Erden? Genug, daß der Übergang eines Elements in das andre gefunden ist.

Doch warum suchen wir Vervielfältigung der Elemente! Es hat Philosophen gegeben, die behaupteten, daß das Weltall, welches wir zusammen mit einem Namen Natur nennen, durchaus eins und dasselbe sei; die alle Evidenz leugneten, um ihren Verstand an einem Mutterwesen zu weiden, das bloß reiner Stoff und nichts von allem andern ist, was wir kennen, sondern alles zugleich in jedem Punkte; andern Menschen schier ebenso undenkbar wie Alles aus Nichts und Nichts aus Allem, das es auch bedeutet.

Die ältesten der Art blieben jedoch noch bei einem Elemente. Heraklit meinte, das Feuer sei der gemeinschaftliche Quell aller Dinge: und Thales das Wasser; beide aus dem heitern Ionien, von den Griechen, sonderbarlich! für die frühesten echten philosophischen Köpfe anerkannt und der erste als Stammvater aller eigentlichen Weisheit zum Sprichwort bei ihnen durch alle Zeiten geworden. Das organische Wasser, zum Beispiele der Mensch, ersaufe in dem einfachen Wasser; und das organische Feuer verbrenne in dem Feuer, das die Lust verliert, etwas anders zu sein. Feuer, Luft und Erde sei Wasser, und Wasser sei Erde, Luft und Feuer, und alles eins und dasselbe. Feuer sei heiß und kalt, und Wasser sei naß und trocken.

Andre suchten in der Folge den Widerspruch wenigstens im Ausdrucke zu vermeiden und setzten für irgendein Element überhaupt: Eins ist Alles und Alles Eins.

Nach dem Aristoteles war Xenophanes der erste, der dem Wesen seine eigentliche Reinheit gab, aber auch nichts weiter darüber bestimmte, sondern nur mit erhabner Stirn in den unermeßlichen Äther hin schaute und sagte: Das Eins ist Gott.

Parmenides, sein Schüler, brütete nach ihm mehr darüber und suchte zu beweisen, daß Wesen der Vernunft nach notwendig nur Eins sein könne, für die Sinnen aber müsse man zwei Ursachen: Kalt und Warm, annehmen. Kalt sei das Unwesen und Warm das Wesen. Andre setzten dafür das Dicke und Dünne; nämlich das Wesen dehne sich aus und ziehe sich ein; und daraus alles Werden und Zeugen, alle Erscheinungen. Wenn es sich verdünne, werd es Luft und Feuer; und verdickt sei es Erde und Wasser; aber alles im Grund eins und dasselbe.«

Ardinghello. Wenn also die unendliche Ausdehnung, außer den einzeln Bewegungen, durchaus sich einmal recht einzöge, so würden wir vielleicht alle zusammen mit ihr den allergrößten Stein ausmachen und die Welt als ein Diamant im leeren Raume hangen.

Demetri (ein ander Gesicht annehmend). Wer weiß, was geschehen kann! Zeit hat sie nun in der Ewigkeit genug dazu, zur Kurzweil sich in allerlei Gestalten zu verwandeln.

Diese Philosophen gaben übrigens keine Ursache der Veränderung an und ließen noch Ruh und Bewegung unerörtert.

Wer beweisen will, daß aus Einem Alles sei, muß erst dartun, daß aus Allem Eins werde; und so weit hat es noch keine Chemie gebracht.

Wenn bloß Eins ist, so muß es in Ruhe sein; denn ohne Reiz keine Bewegung, und das Gleichförmige reizt nicht. -

In den Elementen liegen die Quellen der Bewegung. Sie ist allen eigen, und keins hat sie als einen besondern Vorzug; nur scheint das Feuer einen weit höhern Grad von Reizbarkeit dazu zu haben als Erde, Luft und Wasser. Alles in der Natur regt sich von selbst und hat Freiheit, Erkenntnis und Begierde. Jeder Teil, den wir von einem ihrer unvermischten Ganzen annehmen, hat alle innerliche Eigenschaften des Ganzen; ihre Wesen sind unendlich zart, verbreiten und verlieren sich ineinander, unergründlich allen unsern Sinnen. Je mehr das Kleine einerlei Art beisammen, desto größer seine Macht und Stärke; und so kann Erde, Luft oder Wasser das Feuer überwältigen, und so unterliegt beim Menschen der sogenannte Geist der Materie. Doch nur im Einzeln kann dies geschehen, denn im Weltall selbst herrscht Geist unermeßlich und ohne Schranken. Geist bringt die Welt in Ordnung und Schönheit nach seiner Natur, und selbst in uns fuhr er deswegen; und dadurch hat der Mensch Gewalt über den Erdboden.

Bewegung ist Wirksamkeit der Kraft auf einen Gegenstand. Wo Kraft und Gegenstand ist, ist auch Bewegung. Wo doppelte Kraft aufeinander wirkt: Liebe oder Krieg, Neues-Werden oder Abprallung.

Gedanke ist Anfang und Ziel der Bewegung, Anfang und Mittel und Ende der Bewegung zusammen Handlung. Alles in der Natur hat das Vermögen, zu denken und zu empfinden, und das Selbstgefühl ist Grund und Boden; denn alles, was ist, hat Kraft, wodurch es ist, was es ist.

Und folglich hat das System des Anaxagoras seinen guten Grund in der Natur. Verstand hat die Welt gebildet: nur in allem auf seine eigne Art. Verstand ist prüfende und unterscheidende Fassung des Ganzen; Verstand, in der Zusammensetzung, das Meer, wohin alle Empfindungen laufen, sich begegnen und sich läutern; und besteht selbst nur aus empfindender Kraft. Er ist der eigentliche Kern jedes einzelnen Lebendigen, jedes Ganzen, das schlechterdings an und für sich mit einer ersten Empfindung beginnen und sich mit gleichartigen und andern Wesen paaren und hernach zusammenschaffen und bilden mußte. Wenn nun Verstand ursprüngliche Empfindung ist, so ist er auch der Schöpfer von allem Individuellen.

Der erste Trieb in jedem Lebendigen ist das Vergnügen oder nicht allein und vereinzelt zu sein. Der zweite weitere Erkenntnis und größere Kraft zugleich: dadurch erhob sich die vereinzelte Natur vom Wurm an bis zum erhabnen, freien, vielfassenden und verbindenden klaren Menschen, der deswegen die Sprache und alle Künste erfand. Der dritte, ungeheure, der alles unglücklich macht, die ganze Welt zu erkennen und sie sein zu wollen; und in der Tat tobt immer das dunkle Gefühl in uns auf, sie einmal gewesen zu sein und wieder zu werden.

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