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Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
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So wie dieser Jüngling am mehrsten an die Menschheit grenzt, so ist hingegen Apollo ganz Gott, und es herrscht eine Erhabenheit durchaus, besonders aber im Kopfe, die niederblitzt; göttliche Schönheit in allem von dem nachlässig sanft gewundnen Haare bis zu den schlanken behenden Schenkeln und Beinen, ihre geistige Blüte, nicht die irdische Fülle. Stand und Blick, und Lippen voll Verachtung geben seine Hoheit zu erkennen. Die Augen sind selig, leicht aufzutun und zu schließen, in weiten Bogen. Sein kurzer schlank und zart geformter Oberleib zu den langen Beinen macht ihn zu einer ganz besondern Art von Wesen und gibt ihm Übermenschliches.

Ein erstaunliches Werk von Erfindung und Phantasie! Das Problem ist aufgelöst: da steht ein Gott, aus der Unsichtbarkeit hergeholt und in weichem Marmor festgehalten für die Melancholischen, die ihr Leben lang nach einem solchen Blicke schmachteten. Es ist der höchste Verstand und die höchste Klugheit mit Zornfeuer und Übermacht gegen Verächtliches; darauf zweckt alle Bildung. Was Apollo hat, ist ihm eigen und läßt sich wenig durch Nachahmen übertragen.

Auch dessen Altertum hat man angetastet und ihn zwar für keine Kopie, doch für ein Werk aus der Kaiser Zeiten halten wollen; weil der Marmor karrarischer zu sein schien, welcher kurz vor dem Plinius entdeckt wurde, und kein parischer, woraus die Griechen ihre mehrsten Bildsäulen verfertigten.

Wenn man dieses beweisen könnte, so wär es wohl ausgemacht wahr; allein daran fehlt viel. Der parische ist nicht durchaus gleich, und man hat sichre neuere Proben kommen lassen, die von dem Marmor des Apollo im Korn nicht unterschieden sind. Und ferner gibt es so zarten karrarischen, daß er mit dem besten parischen übereinkömmt. Und wo ist der übergroße Marmorkenner, der von irgendeinem Stücke sagen will, gerade woher es sei, da dieser Stein in jedem Klima zu finden ist? Apollo hat nicht das gelbliche Alter des Laokoon und andrer griechischen Bildsäulen; vielleicht weil er nicht der Witterung so ausgesetzt war. Er ist augenscheinlich für einen bestimmten Platz gemacht, und das Bild tut nur Wirkung, wenn man es von der linken Seite im gehörigen Standpunkt betrachtet; von der rechten steht er da gerade wie ein Seiltänzer, so gespannt, und sein Kopf sitzt offenbar auf der rechten Schulter, viel zu weit von der Mitte. Wenn man denselben von seiner Richtung zurechtdrehte, so wär es abscheulich. Aber von der linken Seite betrachtet, wohin er schaut, ist es homerischer Apollogang; man sieht ihn fortschreiten, sieht das Gesicht ganz, und der Kopf kömmt in die Mitte. Ein wahrer Gott des Lichts dann und der Musen! Man darf sich ihm nicht viel nähern; er kann keinen Flecken leiden, und man müßte bei ihm immer haarscharf gescheit sein und vernünftig sich aufführen: so erhaben ist er über die Menschheit.

Wenn man dies einmal gefaßt und seine Schönheit im ganzen genossen hat, so mag man sich hernach doch an ihm herumdrehen, wie man will, und er bleibt ein erstaunlich Werk von Vollkommenheit. Er ist zwar lauter Ideal, nichtsdestoweniger hat der Kopf Natur, die man gesehen hat, welches der Ausdruck noch verstärkt. Ein außerordentlicher Jüngling gab gewiß den Stoff dazu her, und der Künstler brachte das Höchste und Äußerste von lebendiger Einheit hinein.

Einige stolze Erdensöhne können dies bewunderte und schier noch angebetete Bild nicht ohne Verdruß und Widerwillen betrachten; und behaupten: ihr Gefühl empöre sich allezeit, sooft sie sich das Gesicht als griechisch denken wollten. Der Kopf des Perikles und auch des Alexander habe schon im bloßen Porträt viel göttlichre Art von Erhabenheit; Apollo sei dagegen eher hager und ärgerlich im ganzen, und es wittre daraus etwas von einem römischen Kaiserprinzen, etwas Neronisches, das nicht auf eigner natürlicher Kraft beruhte; und dies wäre für sie ein andrer Beweis als der von Marmor.

So verschieden sind die Meinungen der Menschen!

Gegen solche Atheisten will ich nicht predigen; ihr eigen Mißvergnügen sei ihnen Strafe, und der Neid an andrer Freude.

Gewiß ist, daß das Bild verliert, weil es kein vollkommen Ganzes ausmacht und man nicht weiß, worüber der Gott zürnt. Hätt er zu einer Gruppe der Niobe gehört, wie er denn in einer erhobnen Arbeit davon in Person auf der einen Seite und seine Schwester Diana auf der andern ihre Pfeile abdrücken, so würden die Unzufriednen mit ihm desto mehr Mitleiden mit der unglücklichen reizenden Familie haben. Doch ist eher wahrscheinlich, daß dem Meister der Apollo des Leontinischen Pythagoras vorschwebte, welcher den Pythischen Drachen erlegte. Und beiden war ohne Zweifel der Homerische, von den Gipfeln des Olymp herunter, das Urbild.

Genug von diesen Heiligtümern!

Das eigentliche Kernleben der Kunst dauert vom Perikles bis zum Tod Alexanders; das übrige sind Nachahmungen und Treib- und Gewächshäuser. Wenn man bedenkt, was die Griechen binnen dieser kurzen Zeit getan haben, so sind wir ganz tot dagegen; welch eine Menge von Statuen und Gemälden und Gedichten nur für so ein kleines Volk! Welch eine Menge von Helden, Philosophen und Rednern! So etwas kann nur in der heitersten Gegend der Welt bei der besten Regierung vor sich gehen. Lysipp allein hat mehr Bildsäulen verfertigt als alle neuere Bildhauer zusammen, und jede zeigte den Mann von hoher Schöpfungskraft.

Der Künstler von geläutertem Gefühl, der nicht bloß nach Brot und eitler Ehre trachtet, sondern sich selbst genugtun will, befindet sich heutzutag in einem Zustande von immerwährender Verzweiflung; er sieht die Vollkommenheit vor sich und erkennt deutlich die Unmöglichkeit, sie zu erreichen. Und diese Wermut im Herzen mildert das allgemeinste Lob nicht. Es ist damit nicht genug getan, ein Bildchen einzelner schöner Natur wegzufangen! Dies bleibt jedem Fremden, wie alles bloße Porträt, unverständlich, und er kann es nicht mit Saft und Kraft genießen, viel weniger damit, daß er ein Knie, einen Unterleib, eine Brust den Alten wegstiehlt und gleichsam mit etlichen Phrasen aus dem Demosthenes oder Cicero ihre Sprache sprechen und den großen Redner machen will: die Vollkommenheit des Nackenden vom Menschen, als des höchsten Vorwurfs der Kunst, und seiner mannigfaltigen Form und Bewegung ist unserm Sinn von Jugend auf in der Wirklichkeit verhüllt oder zeigt sich ganz und gar nicht mehr in unsrer Welt.

Laß mich frei reden! Die Kunst hat so lange gedauert, als die Gymnasien dauerten, der Tanz spartanischer, chiischer Jungfrauen, ihr Ringen, selbst mit den Männern, öffentliche Sitte war und die Priesterinnen der Liebesgöttin zu Athen und Korinth Religion feierten. In Venedig ist von dem letztern noch ein Schatten, und der Künstler hat jahraus, jahrein immer eine Menge frischer neuer Modelle, Augen und Phantasie wie Zeuxis zu Girgent zu weiden. Deswegen haben auch keine andre Maler solch weiblich Fleisch wie Tizian und Paul von Verona hervorgebracht; und der Malernestor lebt an der Grenze von hundert Jahren, da der göttliche Raffael auf eigne Kosten sein junges Leben einbüßen mußte.

Bei einer gotischen Moral kann keine andre als gotische Kunst stattfinden. Solange nicht ein Sokrates mit seiner Schule am hellen Tag über die Straße zu einer neuen reizenden Buhlerin ziehen darf, um ihre Schönheit in Augenschein zu nehmen, wird es nicht anders werden. Es ist wohl klar jedem, der Welt und keine Welt hat, daß nicht die Häßlichen diese Lebensart erwählen.

Vielleicht red ich hier bei manchem bittrer gegen die Kunst als Demetri in seiner Laune; allein gibt es eine Wirkung ohne Mittel? Die schulgerechten Antiquaren sprechen berauscht von der Venus des Praxiteles und seinem Liebesgott und mit Abscheu von Phrynen und Bathyllen, wie die Toren, die nicht wissen, was sie wollen. Freilich kömmt bei der geringsten Untersuchung das geheuchelte konventionelle Geschwätz zum Vorschein und die innre geheime Denkungsart, wo sich Drachen mit Tauben paaren. Die heiligen Katharinen spazieren nicht vom Wirbel bis zum Fuß nackend mit losgebundnen Haaren vor den Malern herum, und keine Lucrezia läßt sich so in der reinsten Beleuchtung allein mit allein von einem Pinsel- und Palettmann in beliebige Stellung legen; und kein Künstler kann von so festem Gletschereis sein, daß er bei Blicken von Sommersonnen nicht schmelzen sollte. Und doch wollen die ehrwürdigen Herrn bei dem allgemeinen Menschenverstand in keinen solchen Verdacht der Einfalt kommen, daß sie sich auf die Seite der züchtigen Koer stellten, welche die bekleidete Venus vorzogen und kauften, da sie die Wahl der nackten Gnidischen hatten, und noch bis heutzutage als Tröpfe verlacht werden.

Hiermit sehen wir das Nackende, außer dem einzelnen von Geliebten, am Menschen jedoch nur entweder frech oder in unregsamer Albernheit; und die stärkste Einbildungskraft kann es nicht so veredeln, daß es die freie gebildete Natur des Alten hätte, wozu die Edelsten und Weisesten und Wohlgebildetsten des Volks von jedem Alter auf den Ringplätzen in unaufhörlicher immer neuer Abwechslung die Modelle abgaben.

Wenn wir nicht durch einen wunderbaren Umlauf der Dinge irgendwo aus unserm unmündigen kindischen Wesen wieder zur reifen Menschheit gelangen und die Gymnasien der Griechen, ihre Spiele und Sitten vom neuen aufkommen, so wird die ehemalige Kunst auch verloren bleiben. Und dennoch hätten wir damit ihre Religion noch nicht, die fruchtbare Mutter der schönsten Gestalten.

Wenn wir wenigstens nur noch die Bekleidung der Alten hätten! Bei unsrer wirklichen sieht man meistens bloß den Schneider und wenig oder nichts von der eignen Art des Menschen, zu handeln und sich zu bewegen, und den Formen seines Gewächses; und alle Schönheit erliegt und versinkt unter den Falten und Wülsten oder wird im Gegenteil steif gepreßt und geschnürt und mit eckichten häßlichen Lappen ohne Zweck behangen. Die Lage der Unterkleider, den Wurf der Mäntel und Togen können wir an den Bildsäulen der Alten noch weit weniger nachahmen als die Form der Glieder; denn uns fehlt dabei ganz die Natur. Wir suchen uns zwar wie Amphibia mit eigen erfundner malerischer Tracht zu helfen; aber sie bleibt fast immer eine bloße Ziererei, ohne Reiz und Wirkung für den, welcher Natur und Wahrheit verlangt, und ist aller Täuschung zuwider.

Und obendrein noch sind die Künstler weit übler dran, wenn sie den Gang der Alten einschlagen wollen, als die Philosophen, Redner, Dichter; diese haben immer das unermeßliche Reich der Natur und Sprache unter den Menschen vor sich, und Gesetz und Gewohnheit hemmt sie weit minder. Wenn einer auch an Vollkommenheit den Phidias oder Polyklet, Praxiteles, Lysipp, Zeuxis und Apelles erreichen könnte: was hat er vom nackten Menschen in der Geschichte, der heutigen Fabel, unsrer Religion vorzustellen, das wahrscheinlich und natürlich, nicht erkünstelt und bloß erlernter fremder Kram wäre? Das Höchste ist eine allgemeine, ewig einerleie idealische Gestalt von Mann und Weib in jedem Alter ohne Zweck und Charakter.

Nehmen wir zum Beispiel unsern Heiland als den Hauptvorwurf zur Auszierung unsrer Tempel! Was hat der menschliche Körper mit dem Gott der Christen zu schaffen? Welche Schönheiten von Apollo, Merkur, anderm griechischen himmlischen Jüngling oder wirklichem Erdensohn soll man, technisch zu reden, dem ganz außerordentlichen jungen Juden anbilden, ohne auf irgendeine Weise in Widerspruch zu geraten? Jede griechische Gottheit war nur ein Ideal einer besondern Klasse menschlicher Vollkommenheit. Sein Bild ist lediglich ein Werk übernatürlichen Ausdrucks im Gesichte, und neue Art übriger Schönheit findet hier nicht statt. Der Künstler macht vor den Leiden und ans Kreuz und beim Herunternehmen davon einen richtigen ordentlichen Leib, sonst hat die eigentliche Kunst da kein weiter Feld, höhere Formen aus der Natur zu schöpfen.

An gewisse Teile und ihre Bestimmung darf man gar nicht denken, und wie sie bei andern Menschen nicht umsonst sind und wirken: geschweige, sie langsam mit dem Reiz der alten Künstler bilden. Seine Gestalt kann also nie ein vollkommen freies Ganzes, ein Werk der ersten Klasse werden.

Wollen wir in die griechische Fabel und Geschichte übergehen und unsre Vorstellungen daraus hernehmen, so erhalten wir meistens nur einen verwirrten Nachklang, ein wahres Echo ohne Sinn, das nur einzelne Silben wiederholt. Wer ist außerdem so frech eitel, daß er sich einbilden kann, einen bessern Apollo als den Vatikanischen, einen bessern Herkules als den Torso und Farnesischen, eine schönere Juno, Venus und so weiter zu erkünsteln als die Alten? Und wird es nicht ekelhaft, sie oder auch nur einzelne Formen davon immer und ewig zu kopieren, mit den angewiesnen Plätzen zu schänden? Steht nicht fast allemal der hohe strahlende Purpurlappen lächerlich und ärgerlich für den Erfahrnen in einem Harlekinsgewande?

Und doch tut es so weh, uns in unsrer Armut und Dürftigkeit einzuschränken! Wir bauen gleichsam noch in den bildenden Künsten, wie zu Konstantins und den mittlern Zeiten, setzen aus den zertrümmerten Tempeln und Palästen der zurückgewichnen Erdengötter die Säulen aller Ordnungen nebeneinander und führen ein neues Mauerwerk kindisch, verzerrt und unförmlich, ohne klare und dunkle Idee, wie es werden will, darum her und darüber auf, im Schweiß und der Affenfreude unsers Angesichts.

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