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Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
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Übrigens hatten die Griechen darin recht, daß derjenige sich zum Handwerker erniedrigt, welcher seine Kunst des bloßen Gewinsts wegen eines andern beliebigen Befehlen unterwirft. Das Werk behält hingegen auch wieder immer seinen Rang; und eine Venus von Tizian bleibt auf alle Weise eine Venus von Tizian und gerät nie an Wert von Erfindung und Arbeit unter die Hosen und Stiefeln von Schustern und Schneidern. Selbst die Gesetze der hohen Ehre sollen die Kunst nicht zu streng und gewaltsam fesseln; keiner ist gleich am Ziele! jeder hilft sich fort nach den Umständen, bis er dahin gelangt und einigermaßen herrscht unter wenig echtem Gefühl und einem Haufen Wahn und Mode.

Für jetzt nur noch einige Zeilen als geringe Spuren meines glücklichen Aufenthalts in dem wahrhaftigen Belvedere von innen und außen.

Wehmütig muß man zwar das Häufchen Ruinen betrachten, wenn man an die unzählbaren Schätze des Altertums denkt: an die hundert metallne Kolossen der Insel Rhodos allein oder die manchen hundert Meisterstücke von Lysipp, geschweige die Völkerschaften von Statuen zu Delphi und Elis, die Pracht und Herrlichkeit von Athen, Korinth, Gnid, Ephesos. Ein Grieche vor den römischen Räubereien würde die heutigen Antiken insgesamt gleichsam ansehen wie ein Lucull, von der Tafel aufgestanden, ein paar verschimmelte Brocken aus eines Bettlers Sack. Und doch schlagen sie allen unsern Stolz nieder und zeigen uns deutlicher unsre Barbarei als irgend etwas, was übriggeblieben ist.

Man begreift nicht wohl, wo die Alten die Kosten nur der Materie hernahmen, binnen so kurzer Zeit eine so große Menge von Kunstwerken aufzustellen, da heutzutag nicht die größte Monarchie zu leisten imstand ist, was zum Beispiel in dem kleinen Sizilien nur das Sandkorn, das kaum bemerkbare Girgent, tat. Die Verwunderung des Xenophon, in den blühendsten Zeiten der Kunst und wo die Griechen schon selbst von ihrer strengen Lebensart sehr abgewichen waren, über die Schwelgerei der Perser, daß sie ihre Schlafzimmer mit Tapeten belegten,Kyropädie, 8. B., 8. K. damit der unnachgiebige Boden nicht zu hart gegen ihre weichlichen Füße anstrebte, kann uns einigermaßen den Schlüssel dazu verleihen. Hohe Selbständigkeit des Menschen, Vergnügen des Herzens und Freude des Geistes an Wahrheit und Schönheit ging aller leeren Pracht vor; die Stärke scheute den Kitzel erschlaffter Sinnen. Und die kleinste Republik, wo zu gemeinschaftlicher Lust jeder so denkt und für seine Person sich abbricht, kann Berge versetzen und eine andre Natur schaffen.

So glänzt jedoch, zur Ehre unsrer Religion sei es gesagt, die noch das einzige allgemeine Band ist, ohne weitere Vergleichung mit den Alten, auch jetzt manches ärmliche Städtchen in Italien mit einem himmlischen Bilde von Raffael oder Correggio wie ein Stern hervor gegen ungeheure Reiche in Norden, nächtliche Wüsten, wo keine Schönheit erscheint.

Lysipp, der wie Apelles in seiner Art den höchsten Gipfel der Kunst erreichte, goß alle seine Bilder aus Erz: weil der Gesang der entzückendste, wo man die Musik, und die Poesie die vollkommenste ist, wo man die Sprache nicht merkt; und so geht es in den bildenden Künsten mit der Arbeit und der Materie, dem Zeichen.

In den feierlichen Werken des Phidias und Polyklet von Gold und Elfenbein erscheint die Kunst noch wie eine geschmückte unreife Jungfrau, in denen des Praxiteles und Lysipp wie eine Phryne aus dem Bad hervor, alles Fremde, Verdunkelnde abgeworfen, in lebendiger Vollkommenheit. Sie wollten die Formen, das Wirksame nur, gleichsam in die Seelen zaubern, das Wesentliche, schier unsichtbar dabei wie die Götter; und verbannten alle Pracht, die das Auge abzieht und den Geist dämpft.

So gebrauchten die großen Maler dieser Zeit nur die notwendigsten Farben; und gleiche Bewandtnis hat es mit den Reden des Demosthenes, der weit von dem nicht selten eitlen Wortschwall des Cicero entfernt ist. Und so findet man beim Sophokles und Euripides, die früher zur reinen Schönheit gelangten, äußerst wenig oder nichts von dem spanischen Pomp.

Uns ist von den Meistern, welche die Kunst auf eine höhere Stufe setzten, namentlich nichts übrig. Das meiste sind Bilder und Kopien von Lehrlingen, die man auf die Gipfel der Tempel und Paläste zu Rom und von dessen Landhäusern stellte, welche mit der Zeit und in dem Getümmel des Kriegs und der Barbarei herunterstürzten, zerschmettert und im Schutt der verwüsteten Gebäude begraben wurden. Nach langen Jahrhunderten gräßlicher Nacht, die in diesen Gegenden die Menschheit benebelte, hat man, wie nach Gold- und Silberminen, die Wünschelrute wieder auf sie angelegt. Die Kleinodien aber sind fast alle gleich zu Anfange weggeführt worden, in Schiffbrüchen und auf ihrem ursprünglichen Boden in Griechenland selbst in mancherlei Zerstörungen verschwunden. Und doch haben wir daran genug, um wenigstens den Geschmack zu bekommen, wie an etlichen, obgleich nicht den besten, Flaschen Rest Lacrimae Christi und andrer köstlichen Getränke von in Erdbeben untergegangnen Weinlagern.

Die Sache hat folgende Bewandtnis:

Apollo von Belvedere Die alte Kunst teilte sich in besondre Klassen von Schönheiten, und die großen Meister beeiferten sich, das Ideal von jeder vollkommen darzustellen. Wenn nun einmal das Höchste da war, so blieb den andern nichts übrig, als ein ähnliches nachzumachen, wenn sie in dieser Klasse arbeiten sollten. Man kann sagen: Phidias hat das Problem vom Jupiter aufgelöst, und sein Bild davon genoß allgemeine Verehrung an dem berühmtesten Schauplatz. So ging es mit der Venus des Praxiteles und Apelles, den berühmten Apollen, Merkuren, Junonen, Minerven, Amazonen; die andern mußten ihren Weg einschlagen oder wurden nicht verstanden oder geachtet, wenn sie dieselben nicht übertrafen. Ein guter Kopf schaut auch durch schwache Nachahmungen der ersten erhabnen Männer Gefühl für Form und eigentümliche Schönheit jedes Ganzen.

Der Torso, der Farnesische Herkules, der (Borghesische) Fechter sind zum Beispiel gewiß hohe Meisterstücke; doch finden wir die Namen ihrer sich nennenden Arbeiter bei den Alten nicht aufgezeichnet. Warum? Sie waren bloß Nachahmer des schon Erfundnen und brachten nichts Neues hervor, um besondre Aufmerksamkeit zu erregen. Und so können wir noch in Rom den Geist des Phidias, Polyklet und Praxiteles schauen, ohne etwas von ihnen selbst zu haben. Freilich würde für den innigen Wollustsinn noch ein großer Unterschied bei ihren Originalen sein.

Die vier Statuen vom ersten Range der alten Kunst im Belvedere, und, nebst wenigen andern, auf dem ganzen Erdboden, sind der Apollo, der Torso, Laokoon und sogenannte Antinous; nachdem der letztern doch einmal der ehrenrührige Name von blinden Antiquaren aufgehängt ist. Man hat dieselben in Versen und Prosa bis zum Ekel beschrieben, ihre Gipsabgüsse wie Apostel zu Türken und Heiden versandt, jeder neue Ankömmling trägt Anmerkungen darüber in sein Tagebuch ein: und bei allen Predigern auf den Dächern sind wir schlimmer geworden; kein Leonhardt da Vinci, kein Michelangelo, kein Raffael ist mehr aufgestanden. Anstatt das Licht zum Wegweiser zu wählen, hat man sich die Augen daran verblendet.

Laokoon-Gruppe Das größte Aufsehen hat der Laokoon gemacht, weil Plinius noch mitten unter allen den höchsten Meisterstücken der Kunst davon meldet, er sei ein Werk, allen andern der Malerei und Bildhauerkunst vorzuziehen, und man bei dem Alles-Aus-und-Ab-und-Aufschreiber glauben dürfte, dies sei nicht seine eigne Lieblingsmeinung, sondern die Stimme des damaligen römischen Publikums gewesen.

Einige, voll von den Wundern des Phidias, Polyklet und Praxiteles, gingen so weit, daß sie mutmaßten, der Laokoon möchte aus dem Zeitalter des Geschichtschreibers der Natur selbst und sein Lob ein gewöhnliches Gelehrtenkompliment sein; allein der Augenschein zeigt jedem Erfahrnen, daß die Gruppe aus der schönsten Blüte der Kunst stammt.

Sonderlinge wollten sie im Schwindel des Paradoxen, um vielleicht dem Vatikan wehe zu tun, jedoch gar zur bloßen Kopie machen, weil Plinius ferner sagt, die allervortrefflichsten Künstler hätten nach gemeinschaftlich gepflognem Rate den Laokoon, Kinder und Drachen, alles aus einem Block Marmor verfertigt; und sie bestehen offenbar aus zwei Stücken, und wenn Agesander und seine Freunde nicht Zeit und Arbeit vergebens verschwenden wollten, aus mehrern, da der Sohn zur linken Seite sonst um einer Taschenspielerei willen unsinnige Mühe würde gekostet haben. Plinius sah vermutlich die Gruppe aus einem niedrigen Standpunkt, und die Fugen waren versteckt, wie sie bei dem rechten Sohne noch sind, wenn man nicht hinsteigt; und es war schon in den alten Zeiten Mode, daß die Aufseher den Ankommenden Märchen wie Religion vorschwatzten; und der Geschichtschreiber hat in der Eile viel unglaublichre Fabeln sich aufbinden lassen, wenn er bei seiner Lebensart noch nicht recht ausgeschlafen hatte. Inzwischen will ich dem wackern Manne hier nicht zu Leibe gehn; er sagt sonst Dinge mit göttlichem Verstand, und zuweilen erhabne Poesie. Sein Werk ist wahrscheinlich der erste Zusammenraff des ungeheuern Ganzen, und die Wolkenbrüche von Feuerasche aus dem Vesuv erstickten ihn, bevor er nur die zweite Hand daran legte.

Es ist wohl eine zu handgreifliche moralische Unmöglichkeit, daß ein Künstler, der so hätte arbeiten können, einige der kräftigsten Jahre seines Lebens mit bloßem Nachmachen ohne weitern Zweck sollte verschwendet haben und daß die Kopie, gerade wo das Original stand, durch ein Wunder vom Himmel gefallen und das Original dafür verschwunden wäre: um sich bei Erörterung dieses silbenstecherischen Verdachts länger zu verweilen.

Man hat bis jetzt das Lob des Plinius entweder für bloß übertrieben hingesagt gehalten und sich unter den verlornen höchsten Meisterstücken der ersten Künstler, vom Phidias an bis zum Lysipp, ungleich vortrefflichre Bilder vorgestellt, oder die Dichter haben nur den schönen Ausdruck der Vaterliebe in der Gruppe angepriesen, und der große Haufe hat mit seinen Augen überhaupt keinen rechten Endzweck aus der Vorstellung holen können und gedacht: es ist unglücklich genug für uns, daß Löwen und Schlangen in der Welt sind; warum soll man einen guten Mann mit seinen Kindern noch damit in Marmor quälen sehen?

Es wär erfreulich, wenn man schon aus der Theorie der Kunst und den bloßen Nachrichten beweisen könnte, daß das Lob des Plinius gerecht sei, auch ohne den Olympischen Jupiter vor sich zu haben.

Und gewiß, wem zuerst die Idee von der Gruppe des Laokoon in der Seele aufging, und wer in seinem Herzen, in seiner Hand Mut und Fertigkeit genug fühlte, sie auszuführen: der war zum Bildhauer geboren wie Sophokles zum Dichter. Man darf kein großer Psycholog sein, um zu erkennen, daß das Ganze nur von einem Wesen stammt und daß die zwei andern Triumvirn allein ihre Geschicklichkeit dazu herliehen.

Die schönsten Formen aller Art an der Doppelgattung des menschlichen Körpers waren von dem feinsten Gefühl, dem heitersten griechischen Sinn in den manchen tausend Statuen schier erschöpft, als die Götterkraft unsers Geistes im Agesander noch den kühnsten Flug begann und alles überschwebte.

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