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Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
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Weil aber ein böses principium im Menschen stecke und der reine Geist nicht allein in ihm herrsche, welches alle die Schlechtigkeiten bewiesen, die sonst unerklärlich blieben: so habe jede von diesen glückseligen Verfassungen nur äußerst kurze Dauer und arte bald entweder in Tyrannei aus, denn fast allemal folge auf einen raren weißen Raben Mark Antonin eine Menge Commodusse, oder in Oligarchie, wie nach den Scipionen und Gracchen in Rom unter dem Marius und Sylla, Pompejus und Cäsar; oder Anarchie und zügellose Frechheit. Und in Betrachtung der Natur dieser Dinge schmieden sie denn einen Staat zusammen, der aus allen dreien Verfassungen zugleich besteht, und erhalten ihn unsterblich und ewig vollkommen durch ihre Gesetze, als ob das Leben sich festhalten ließe, besser als Metall und Holzwerk bei Maschinen! Inzwischen sind solche Ideale der Vollkommenheit von scharfsinnigen und erfahrnen Männern äußerst ersprießlich und verdienen warmen Dank und hohen Ruhm und Preis, ob ich mich gleich lieber an Rom und Sparta halte, den edelsten und vollkommensten Greisen unter allen Staaten, die wir kennen und die vielleicht je gelebt haben. Jeder, der in der bürgerlichen Welt sich herumschlägt und da und dort groß und herrlich und menschenfreundlich wirken will oder irgendwo an der Spitze steht, les' ihre Geschichte und denke sie tief durch mit einer Seele voll Erfahrung: und sie wird ihm ganz ander Licht gewähren als auch die besten Maßregeln eines einzelnen Politikers.

Einem Tyrannen den Dolch ins Herz: ändert allein noch keinen Staat um, wenn er nicht reif zu einer bessern Verfassung ist; das göttliche Wesen, und wenn es sich auch lauter und rein erkennt, als es von seinem Ursprung gekommen ist, muß sich überall nach der Materie bequemen, wohinein es vom unerbittlichen Schicksal getrieben fuhr. Einer, der aus beiden Brutussen zusammengesetzt wäre, würde nun bei uns immer als Pöbel herumgehen, wenn er ohne Hoffnung sich selbst immer gram bleiben könnte.

Unsre Tarquine hatten wir schon verjagt, allein sie wurden uns von einer unendlich größern Macht als der des Porsenna wieder aufgebunden, und unsre innerliche Einrichtung war bei weitem noch nicht so wie die römische zur Republik gediehen; und noch außerdem war der heidnische toskanische König gewiß ein beßrer Mensch als der orthodoxe Karl der Fünfte. Dieser, voll Ehrgeiz und kalter List und Schlauheit ohne eigentlichen weitsehenden Verstand, kam zu früh zur Regierung von großen Reichen, um ein Mann von natürlichem Gefühl bleiben zu können. Er ging übrigens noch auf dem Welttheater mit den Menschen um wie hernach in der Einsamkeit mit seinen Uhren; und es gehörte ein Sturm von Leben wie beim Rückzug von Algier dazu, und Untergang und Verderben mußten gräßlich vor Augen liegen und seine eigne Person ergreifen, bevor sein Herz in wärmere Wallung gebracht und gegen fremde Not empfindlich wurde. Geboren zu Anfang des Jahrhunderts, hat er mit wunderbarem Glück die ganze erste Hälfte desselben durchgeherrscht, und alles mußte gewissermaßen sich in seinen Ton stimmen. Unsre Freiheit und die Glückseligkeit von Millionen künftiger Seelen vernichtete er so ganz ohne Gefühl, wie ein Vogelsteller einem Gramsvogel im Garn die Brust eindrückt.

Es bleibt uns nun nichts anders übrig, nachdem der eiserne Arm mit Gericht und Beil über uns vereinzeltem buntem Haufen schwebt, der sich nicht mehr vereinigen kann, als daß einer des andern innerliche Kraft im Vertrauen klüglich anrege und wenigstens den einen großen Grundsatz auf die sinnlichste Weise ausbreite, daß der Staat der beste sei, wo alle überhaupt und die Bessern und der ausbündig Vortreffliche bei den Vorfallenheiten ihre Rechte genießen; und daß man dabei nicht allein auf glücklichre Zeiten hoffe, sondern dieselben herbeileite. Unter dem Cosmus hat der Despotismus schon zu tiefe Wurzeln gefaßt, und sein Sohn mag so schwach sein und immer mehr schwach werden, als er will: so läßt er sich sogleich nicht ausrotten.

Ich für mein Teil darf mich jedoch wenig über Franzen beklagen: er hat mir nun meine väterlichen Güter wiedergegeben, in besserm Stand, als sie waren, und, um mich sich desto mehr zu verbinden, noch eine kleine dichterische Villa dazu geschenkt, nahe bei Cortona, mit der reizenden Aussicht über das fruchtbare Tal der Chiana und den Trasimenischen See; und mich zugleich zum Oberaufseher aller seiner Kunstsachen, Schlösser und Gebäude angestellt. Freilich, wenn ich Isabellen sehe, flammen nichtsdestoweniger immer aufs neue rächerische Blitze von meinem Herzen.

Meine Tante und der Kardinal Ferdinand, der ein ganz andrer Mann ist, scheinen sich das Leben sehr froh zu machen; so wunderbarlich laufen die Begebenheiten ineinander.

Wegen meiner Ausschweifungen in der Liebe brauchst Du nicht sehr bange zu sein: der hat gewiß ein verwahrlostes Haupt, der nicht beizeiten erkennt, daß die Gesundheit der Grund und Boden aller unsrer Glückseligkeit ist, ohne welchen kein Vergnügen bestehen kann; und überhaupt, daß volle Existenz das höchste Gut in der Welt ist und alles andre dagegen nur Freude von kurzer Dauer.

Ohnerachtet dieser Grundsätze schweb ich vom neuen in Götterwonne, mehr als jemals. Ich war noch keine funfzehn Jahr, als ich mit einem kleinen Engel aus der Nachbarschaft, noch unter meinem Alter, eine Tochter zeugte. Meine Eltern vermittelten, verbargen und bemäntelten die Sache mit der Schwiegermama, der hinterlaßnen Witwe von einem Buchhändler, so gut als es geschehen konnte. Meine Geliebte ward in ein Kloster getan und den Augen der Leute so entrückt, und die Frucht der Unschuld mit lächelnder Zärtlichkeit erzogen.

Ich habe beide wiedergefunden. In einem Garten voll Blumen aus einem Traubengeländer flog Emilia auf mich und hing an meinen Lippen, an meinem Herzen mit tausend neuen Reizen; und führte mir behende dann das süße Geschöpf zu, das liebkosend mit ausgestreckten Armen nach mir aufsah und »Vater! Vater!« entzückend mir durch Mark und Bein frohlockte.

Sobald ich's möglich machen kann, reis' ich zu Euch; ich muß Cäcilien selbst sehen und sprechen, mit Briefen ist's nicht getan; und Du begleitest mich dann hieher. Wir wollen wie in einem Paradiese leben.

Frescobaldi
 

Cäcilia an Ardinghello

Nur die Liebe zu Dir hat mich erhalten. O daß ich nicht bei Dir bin! Welch ein Gegenstück zu unsrer bangen furchtbaren Trennung! Aber noch ist mir die Sonne der Freude nicht ganz aufgegangen; doch weiden sich meine Blicke an ihrer lieblichen Morgenröte, und schon wall ich auf den purpurnen östlichen Fluten entgegen ihrem blendenden ersten Feuer.

O Du mein alles, Licht und Leben und Heiterkeit meiner Seele, wann werd ich mich wieder um Dich winden? mich in Dich verwandeln, nur voll von Dir, nichts mehr, Dein unaussprechliches entzückendes Selbst sein?

Wie eine Rebe den Ulmbaum werd ich Dich umflechten, und die süße Traube soll Dich schmücken.

Hand in Hand wollen wir nun die Gestirne blinken und den Mond aufgehn sehen, im kühlen erquickenden Geflüster der bewegten Zweige, ohne Furcht bei der Nacht; und uns laut küssen und unsre Wonne girren, zwischen Rosen gelagert unter dem hohen Ahorn, worin die muntern Philomelen seufzen und zwitschern und schlagen.

Lange lebt ich eine Gefangne, mit schrecklichen Phantasien und Träumen: nur Du, nur Du, mein Abgott, und wär ich auch ein Vogel in den Lüften, bist in der weiten Welt meine Freiheit.

 
Fulvia an Ardinghello

Größter und strahlendster Diamant von allen jungen Rittern!

O wär ich so die schönste und größte Perle! nur Deinetwegen.

Fortuna und Victoria halten nun den Rosen- und Lorbeerkranz über Deinen Scheitel verschlungen hinten auf Deinem Triumphwagen: aber ich war auch glücklich! die Glücklichste unter den Weibern. Jene Königin der Amazonen mußte den Überwinder von Asien aufsuchen: und Du kamst zu mir, Genua zu verherrlichen, und den schwachen kraftlosen Stamm, womit ich vermählt bin.

Ich trage mit üppiger Hoffnung die Frucht unter meinem Herzen, und sie beginnt zu reifen. Die Parzen selbst haben ihr künftig Leben aus Deinem Munde gesungen. Die Korsaren und das Mißtrauen meiner Verschwägerten machten, daß ich noch unverdorben in Deine Arme kam.

Dir fehlt zum König aller Könige nichts als ein Konstantinopel, ein Ispahan.

 
Florenz, September.

Man muß das Eisen schmieden, weil es warm ist. Wir Besten haben es miteinander abgekartet und den Minister gestürzt, eh er sich's versah. Es war mit dem alten Ziegenfüßler ohne Bestechung nichts anzufangen, und er hat uns Tort und Drangsal genug angetan. Wir sind jedoch säuberlich mit ihm verfahren, und er darf in Einsamkeit und Muße noch seine Beute überzählen. Die Kammerjungfer der Bianca und der Kammerdiener des Großherzogs schlugen ihm für eine Summe Zechinen das Bein unter; das ist: sie brachten ihm aus den Morgenstunden falsche, ganz entgegengesetzte und doch fein und wahrscheinlich erdichtete Nachrichten von dem, was man gern sähe: und er plumste hinein. Wir warfen bei der Gelegenheit noch einige Lächerlichkeiten auf ihn und empfohlen unvermerkt den, welchen wir an seine Stelle wollten.

Ich hätte den Posten vielleicht für mich erobern können; aber ich mocht ihn nicht. Auch bei einem wackern Fürsten, dem ein schlaues Weib gelüstet, kömmt der trefflichste Mann zu kurz; er hält ihn mit seinen allerweisesten Ratschlägen doch nur immer bei den Ohren: und die reizende Kreatur, mit geringerm Aufwande, weit stärker anderswo in nektarsüßen Banden. Überdies mußt ich scheuen, bei erster Gelegenheit ein Opfer der Eifersucht zu werden.

Der neue läßt sich gut an; er scheint ein Mann von Kopf und hat Aufwallungen von Mut, doch merk ich Winkelzüge. Wir wollen sehen, wie lang er aushält: noch ist er den Zauberfelsen der Sirenen nicht vorbei und keine Scylla und Charybdis durch, und an seiner Stelle werden die mehrsten bald über einen Leisten geschlagen. Jetzt gefällt er sehr der Bianca und dem Fürsten. Es war eben kein Beßrer da.

Ich hab ihn beredet, sogleich in der Stadt und auf dem Land einige neue Anordnungen einzurichten, die ersprießliche Folgen haben dürften.

Fürs erste ist die Anzahl der täglichen Lehrstunden in den öffentlichen Schulen vermindert, das bloß leere scholastische Geschwätz, soviel möglich, daraus verbannt; und es sind andre wackre Meister in verschiednen Fächern mit guten Besoldungen angesetzt worden.

Die Geschichte von Florenz und dessen bürgerlicher Verfassung wird nun gelehrt, woran man nicht mehr dachte, nebst der von Griechenland und Rom, nach kurzen einfachen vorläufigen Begriffen von menschlicher Gesellschaft überhaupt.

Alsdenn die Naturgeschichte des Landes; mit sinnlicher Anzeige dessen, was der Boden gut hervorbringt, am besten zum Lebensunterhalt dient und am besten verkauft wird. Noch überdies sollen die Zöglinge während der Ferien bei den Wallfahrten alles an Ort und Stelle in eignen Augenschein nehmen.

Ferner haben wir den Festen und Spielen der Jugend einen edlern Zweck zugesellt; und man wird nun Schwert und Schießgewehr mit Leichtigkeit bei Beleidigungen gebrauchen lernen. Zugleich sind sie unvermerkt Gelegenheit, daß der Kern der Mannschaft sich geschwind vereinigen kann, wenn es die Not erfordert. Alle Woche ist in den Städten und wichtigsten Flecken eine Fechtakademie und doppelte Ehrenpreise, weil die Verdorbnen die Belohnung doch gleich in der Hand haben müssen; und in Stadt und auf dem Lande wird ebenso nach dem Ziele geschossen.

Und endlich sind nun für Knaben und Mädchen öffentliche Musikschulen und Tanz- und Zeichnungssäle; was ist Leben ohne Freude?

In das Seewesen hab ich mich noch nicht einmischen können. Mehr ist nicht möglich, für jetzt zu tun: so ist das Volk schon gesunken.

Unser junger Monarch ist übrigens leicht zu leiten; und er findet, obgleich nicht ohne gute natürliche Anlagen und manche helle Blicke, doch dies, aus einer sonderbaren Schwachheit, selbst zu handeln, fast immer das beste, was der letzte Wohlredner ihm entschlossen vorträgt.

Äußerst selten tut er etwas aus sich: Hülfe und Gesellschaft muß er überall haben.

Gewohnheit ist eine schreckliche Tyrannin! Die Quelle des Übels liegt darin, daß die bequemlich gewordnen Romulusse und Cäsarn durch bloße Geburt von Kindheit an bei der geringsten Kleinigkeit bedient werden und hernach Maschinen sind, von einer Menge Leuten zusammengesetzt, nie ganz und unabhängig, eher Schnecken und Schildkröten als Adler in den Lüften, die sie doch sein möchten. Bauer und Bettler haben mehr Gefühl eigner Existenz als sie und genießen größre Glückseligkeit.

Noch ißt und trinkt er gern etwas Gutes; und er hat seine Zunge im Geschmack so ausgebildet wie ein großer Tonkünstler sein Ohr und ein Correggio sein Auge. Auch läßt er die besten Reben kommen von Osten und Westen und pflanzt sie an in Toskana; und dies verdient gewißlich allen Dank. Die Zunge ist der Maßstab seiner Gesundheit; wenn sie nämlich gerade das Mittel hält zwischen Trocken und Feucht, befindet er sich am besten. Süß und Bitter unterscheidet er nach allen Graden wie Licht und Finsternis mit ihren Farben.

Frescobaldi

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