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Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
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Dritter Teil

Lucca, Mai.

Ich sitze hier an den Höhen des Tals von Lucca, wo über mir der Wind durch die Buchen säuselt und unter mir die Quellen rieseln, bewegt in der innersten Seele, wie am Scheidewege meines Lebens. O wer die Zukunft aufhüllen könnte! Aber diese kennt niemand als der, der alles weiß; wir sind nur Funken, unsers Schicksals ungewiß, die in dem Unermeßlichen herumstäuben. Wohl dem, der wie ein Schmetterling sich an den Blumen ergötzt, die er vor sich findet! Hat der, welcher mit Gefahren kämpfte und sein Ziel errang, am End etwas Bessers? Genuß jedes Augenblickes, fern von Vergangenheit und Zukunft, versetzt uns unter die Götter. Was hat der Mensch und jedes Wesen mehr als die Gegenwart? Traum ohne Wirklichkeit alles übrige.

Doch weg mit dieser Mückenweisheit! Unser Geist hat mehr Tiefe. Nur die Kraft ist selig, die Widerstand nach ihrem Maß überwältigt und ihn nach ihrem Sein ordnet, sei's auch unter Pein und Leiden. Dem Herkules, als er den Antäus bezwang, rannen die Schweißtropfen süßer hervor aus seiner Stirn, als ihm je die Umarmungen einer schwachen gefälligen Dirne waren; und nur Omphale, die ihn die Spindel drehen machte, verdiente die Liebe des Helden.

Meine Tante schrieb mir nach dem Tode des Cosmus, daß wichtige Veränderungen am Hofe vorgefallen wären und unsre Feinde einen starken Stoß erlitten hätten; ich sollte mich auf den Weg in mein Vaterland machen: sie sei versichert, daß alles gut gehen und ich meine väterlichen Güter wiedererhalten würde; und noch außerdem woll ihr der Kardinal wohl, der alles vermöge.

Diese Nachricht kam mir nun gelegen und ungelegen, nach Lucindens Verwirrung; ich hatte ganz andre Dinge im Kopfe zur Ausführung: aber niemand kann sich von seiner Wurzel losreißen; und so bin ich auf der Grenze. Der junge Herzog ist wenig Schritte von mir zu Pisa und bei ihm Bianca, von welcher man sagt, daß sie ihm einen Zaubertrank eingegeben habe: so sehr hält sie ihn an sich gefesselt. Beide gebrauchen die Bäder, weil sie gern einen Erben von ihm bekommen möchte.Bianca war die Tochter eines venezianischen Edelmanns, Bartolomeo Capello. Dessen Palast gegenüber hatte das Haus Salviati zu Florenz eine Bank und darin zum Kassierer den Pietro Bonaventuri. Dieser verliebte sich in ihre aufblühende Schönheit, selbst jung und wohlgebildet, und klug und kühn, obgleich unter ihrem Stand und ohne Vermögen. Sie glaubte, er selbst habe Anteil an der Bank, und gab seiner Leidenschaft unter Versprechung der Ehe Gehör, schlich sich oft des Nachts zu ihm und kehrte vor Anbruch des Morgens wieder zurück. Einst, da sie auch die Tür von ihrem Hause angelehnt hatte, kam, wie damals in Venedig gewöhnlich, früh der Bäcker an die Fenster, um den Mägden zu sagen, daß der Backofen für den Brotteig geheizt wäre, und zog die Tür zu, in der Meinung, es sei gestern nachts vernachlässigt worden.

Bianca war mit ihrem Geliebten eingeschlummert, und beide hatten sich verschlafen. Sie fand die Tür verschlossen, ohne zu wissen, wie es zuging, und erschrak. Eine alte Vertraute hörte weder auf Pfeifen von Bonaventuri noch Rufen.

Sie trug die Frucht der Liebe schon unter ihrem Herzen; auf freie Einwilligung ihrer Eltern durfte sie nicht hoffen: Bonaventuri mußte mit ihr plötzlich sogleich nach Florenz durchgehen, wo sie zu Anfang ein kümmerlich Leben führte und die niedrigsten Arbeiten beim Vater ihres Gatten verrichtete; sie hatten sich nun vermählt.

Hier wurde hernach der junge Herzog gegen sie entzündet, als er ihre Reize von ohngefähr auf einem Spazierritt am Fenster erblickte; und sein Hofmeister Mondragene, ein Spanier, und dessen Frau machten die Unterhändler.

Der neue Liebhaber ernannte den Bonaventuri zum Guardaroba maggiore und schenkte ihm einen prächtigen Palast in Via Maggio, wo er mit der Bianca in allem Überfluß lebte.

Als dieser aber sich bald zu übermütig betrug, so ließ ihn der Herzog bei Nacht auf der Straße ermorden, wo er sich noch tapfer wehrte.

Ihr einzig Kind, eine Tochter mit Bonaventuri, wurde mit Ulyß Bentivoglio verheuratet und reich ausgestattet.

Keine zwei Monate nach dem Tode der Johanne von Österreich, seiner Gemahlin, (einige Jahre nach dem gegenwärtigen Lauf dieser Geschichte) vermählte sich der Herzog mit Biancen in geheim; welches er ein Jahr darauf allen Höfen bekanntmachte. Nach Venedig sandt er den Grafen Sforza von Santa Fiore: und sie läuteten alle Glocken der Stadt, brannten die Kanonen ab und erklärten die Bianca für vera e particolar figliola della Republica; e cio in considerazione di quelle preclarissime e singolarissime qualita, che degnissima la fanno di ogni gran fortuna. Das ist: erklärten sie für eigentliche und besondre Tochter der Republik; und dies in Betrachtung der glänzenden und außerordentlichen Eigenschaften, die sie vollkommen würdig jedes Thrones machten.

Sie wurde darauf als Tochter von Sankt Markus noch einmal öffentlich ihm angetraut.

Aus einer gleichzeitigen Handschrift.

Es geht mir hart an, daß ich in diese Sphäre hinein soll; wenn ich hineinkomme, so erlieg ich vielleicht unter den Trümmern.

Ardinghello
 

Pisa, zu Ausgang des Mai.

Da sieh mich nun schon am Hofe! Noch aber bin ich wie ein fremdes Tier hier, wie ein Sperber unter dem zahmen Federvieh, das mit aller Macht herbeigelaufen und geflattert kömmt, wenn man ihm Futter hinwirft, und seine Eier legt.

Ich hörte von einer neuen Art olympischen Spielen, die in den Bädern sollten gehalten werden; und ging den Tag, der zum Fest anberaumt war, bei guter Morgenzeit von Lucca durch das fruchtbare Tal über den Berg.

Unentschlossen, wie von einem andern Wesen geleitet, wandelt ich herunter und langte bei den Häusern an: mir widerstand die Luft, und ein geheimer Ekel hielt mich so ab, daß ich zusammenschauderte und mir die Ohren brausten: doch aber drang ich durch.

Ich hatte mich kaum im Wirtshause zu einem Frühstücke niedergesetzt, als zwei von meinen ehemaligen Kameraden hereintraten, mich anstaunten und mir um den Hals fielen; wir waren wie in einer neuen Welt beieinander, und mein Blut stürmte in Katarakten von meinem Herzen. »Willkommen! willkommen, Prospero!« riefen sie; »bleibst du bei uns? O du mußt bei uns bleiben! Es soll dir wohl gehen, du hast uns immer gefehlt.«

Mich freuten die natürlichen Aufwallungen, ihre Blicke schienen nicht erlogen, und ich vergaß gleich zum erstenmal das απιστει̃ν des Sizilianers.Epicharmos; »Traue nicht!« sagt er, »dies ist alles Gelenk der Klugheit.«

Ich antwortete ihnen bloß auf ihre Fragen, daß ich nach Rom reisen wolle und jetzt von Genua käme, und soeben in Lucca von ihrem Feste gehört hätte. Währenddem überraschten mich noch verschiedne andre alte Bekannten, und sie ließen nicht ab, bis ich versprach, mit Anteil an ihren Spielen zu nehmen. Öffentlich konnte man mir nichts zuleide tun; ich war weder verbannt, noch hatt ich etwas gesündigt.

Ein Teil von ihnen machte darauf mit mir einen Spaziergang; und ich suchte, durch eingeleitete Gespräche mit diesem und jenem, nach und nach geschwind kennenzulernen, was sich seit meiner Abwesenheit verändert hatte.

Zu Mittage speist ich in großer Gesellschaft; und bemerkte bald ein paar Spürhunde, die auf mich ausgesandt waren; und führte ihre Nasen auf allerlei Abwege. Das Völkchen war überaus lustig und witzelte und sang und scherzte; aber überall fehlte der edle Kern der Selbständigkeit, bis auf einen meiner alten Freunde, Mazzuolo, der seinen Geist wunderbar gestärkt hatte: und wir teilten einander unsern Seelenjubel mit im Winkel durch Blick und Kuß und Händedruck und kurze abgebrochne Reden.

Nach einundzwanzig Uhr kam der Herzog an mit seinem Gefolge von Pisa in den zu dem Feste besonders aufgepflanzten Zelten; und gleich darauf wurden die Spiele mit Trompeten und Paukenschall eröffnet. Das erste war ein Pistolenschießen und der Preis ein herrlicher spanischer Hengst aus seinem Marstall. Der Mitstreiter waren mit mir sechszehn, lauter junge Leute aus den besten Häusern im Florentinischen, der älteste nicht über dreißig Jahre und der jüngste nicht unter siebzehnen.

Sie baten insgesamt für mich um Erlaubnis mitzustreiten, zumal da einer an der geraden Zahl fehle, der plötzlich krank geworden war. Der Herzog ließ mich in meinen Reisekleidern vor sich und sagte, nachdem ich ihm einen Lobspruch wie einem andern Herkules gemacht hatte: es gefall ihm, daß ich eben bei dieser Gelegenheit von meiner langen Reise zurückkomme. Bianca, die zugegen war, blickte mich an mit einer großen Neugierde, und tausend Fragen schwebten auf ihren Lippen.

Du wirst Dich verwundern über meine Kühnheit und mich vielleicht für unbesonnen halten: allein fürs erste reizten mich die Spiele selbst, und mein ganzer Mut sagte mir, daß ich wenigstens in einem den Preis davontragen würde, da ich meine Gegenstreiter so vor mir sah; und dann scheint es mir allemal zuträglicher, von ohngefähr mit den Tyrannen der Welt Bekanntschaft zu machen, als durch lange Vorbereitungen, wo die Zeremonien alle Natur ersticken.

Ich will Dich nicht lange mit der Erzählung aufhalten. Wir schossen mit Pistolen zu Fuß und zu Pferde, und ich traf allemal bei weitem das Ziel, vierzig Schritt entfernt, am besten. Es war ausgemacht, daß im andern Falle die zwei ersten Schützen noch einmal um den Preis kämpfen sollten; dies unterblieb also, und die adriatische Zauberin überreichte mir den Zügel des stolzen jungen Rosses mit diesen Worten: »Seid auch so trefflich im Streite, wo es das Leben gilt, fürs Wohl des Vaterlandes.« Ich sah sie an mit einem kühnen Blick und wieder schamhaft, und berührte ihre schöne Hand wie in der Zerstreuung zärtlich mit den letzten Fingern der meinigen, und antwortete: »O wäre schon die Gelegenheit da, Euch, o Wunderfrau, und demselben meinen Eifer zu zeigen!«

Darauf wurde aus freier Hand mit Büchsen nach der Scheibe geschossen, zweihundert Schritt weit, und Mazzuolo kam dem Mittelpunkte vor mir näher; ich hatte hier mein eigen Gewehr nicht. Der Preis bestand in einem andern neapolitanischen Hengst und einem schönen Jagdhunde.

Den andern Tag waren die Fechterspiele. Erst fochten acht Paar nach dem Lose, einzeln jedes Paar. Die den Stoß beibrachten, machten dann wieder vier Paar; diese vier alsdenn zwei, bis endlich eins und einer allein der Sieger blieb.

Die Herrchen fochten mit vieler Zierlichkeit und sagten ihre Lektionen her; ich aber gewann ihnen mit einem gegenwärtigen Auge und fast lauter geraden Stößen, womit ich in ihre Gaukeleien hineinfuhr, den Preis ab; dem letzten und geschicktesten schlug ich zweimal mit starken unhöflichen Paraden das Rapier aus der Hand und setzte ihm alsdenn noch obendrein nach einer Sekundenfinte eine Quart über den Arm, gerad auf den rechten Piez, so daß der schwarze Fleck eine vollkommne sichtbare Finsternis auf seiner weißen Weste machte.

Für dieses Probstück gab mir Isabella, die Geliebte meines Vaters, einen goldnen mit Steinen besetzten Degen; und mir schwellte die Hand von Grimm, wie ich ihn am Griffe faßte: »Tapfrer«, sprach sie leise zu mir mit blitzenden Augen und Honiglippen, »ziehe stolz damit wieder in Florenz ein, und trag ihn mir zum Angedenken.«

Den dritten Morgen, nachdem Bianca sich gebadet hatte, war Wettlauf in sandiger Bahn, und abends Ringen, wovon Mazzuolo und ich ausschieden, um weder aus Höflichkeit uns überwinden zu lassen, noch den andern vielleicht auch diese Preise wegzunehmen und so die allgemeine Freude zu stören. Und damit es uns kein stolzes Ansehen gab, schieden noch mehrere davon aus. Zu Elis hätten wir dieses nicht nötig gehabt; aber man merkte noch außerdem, daß wir uns nicht in Griechenland befanden: der Olivenkranz wäre mir lieber gewesen als Roß und Degen; sie blieben immer eine kindische, tyrannische und sklavische Belohnung.

Mir überlief die Galle, wie ich abends zu Pisa einritt und sehen mußte, daß man mehr das Pferd und den Degen als mich betrachtete; und wahrlich nicht etwa deswegen, weil ich auf meine Person eitel wäre, sondern daß die Nation seit weniger als hundert Jahren so den großen Sinn verlor, wodurch sie sich in den Zeiten der Freiheit auszeichnete.

Mit einem Wort: eine Weiberanstalt. Bianca wollte dem Herzog eine Kurzweil machen und zugleich den jungen Adel von Florenz sich verbinden; an einen andern Zweck wurde wenig dabei gedacht; denn wenn man im Ernste daran gedacht hätte, so wär alles unterblieben.

So sieht man oft bei einer Ausführung ohne Gedanken, daß Fürstin und Fürst etwas Gutes in einem Buche mag gelesen haben.

Ardinghello

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