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Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
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Ich erhielt mit diesem Briefe fast zur selben Zeit ein Kästchen von Smyrna an Ardinghellon und konnt es ihm sogleich durch einen Veroneser, einen alten Bekannten von unserm Hause, welcher in Handlungsgeschäften nach Genua abreiste, übersenden. Dabei meldete ich ihm die völlige Befreiung seiner Cäcilia. Im Februar schrieb er mir wieder wie folgt, mit dem von Verona bei dessen Zurückkunft.

 
Genua, Februar.

Sieh, teurester Schatz meines Lebens, edles Herz, hoher Geist, gute Taten bleiben nicht unbelohnt! Lies dieses kostbare Zettelchen: für Dich hab ich kein Geheimnis.
 

»Du hast den Sohn des Kalabresers Ulazal gerettet, ein Kind der Liebe, das er mit einer Griechin aus Rhodos erzeugte. Nimm hier einen kleinen Dank dafür und reiße Dich los und komm in meine Arme. Bei meiner Mutter Platane Stephani zu Smyrna kannst Du mich immer ausfinden; dahin richte auch Deine Antwort. Ich versichere Dich, daß kein besser Leben ist, als vom Archipelagus bis an die Säulen des Herkules auf den klaren Wassern in beständiger Bewegung zu sein und durch seine Tapferkeit die Schönheit aller der reizenden Küsten zu genießen. Königlicher Jüngling, erquicke bald mit Deinem mutigen Anblick meine Seele!

Diagoras Ulazal«
 

In dem Kästchen sind Edelsteine und Ringe und einige andre orientalische Kostbarkeiten von großem Wert.

Alle diejenigen, die wir ihm gefangennahmen, hat er schon frei gemacht und meistens mit andern Christensklaven ausgewechselt. Er versprach es ihnen, wenn sie ihn nicht entdecken würden; und die auserlesene Schar war entschlossen genug dazu: solche Zuneigung hatte jeder für den jungen Helden.

Nun höre meine andre Begebenheiten! Den Antrag des Diagoras müssen wir weiter überlegen; ich kann mich noch nicht entschließen, das schöne Italien zu verlassen, da ich noch so wenig davon gesehen habe.

Fulvia nahm über sich, Lucinden zu bekehren; meine Leidenschaft gegen dieselbe schwoll immer mehr an, je härter und unerbittlicher sie wurde. Vor vierzehn Tagen ohngefähr ließ sie endlich etwas von ihrer Strenge nach; da sie vorher immer alle Gesellschaft mied, wo sie wußte, daß ich zugegen war. Eine gewisse Heiterkeit und Frühlingsrosenröte ging in ihrem himmlischen Antlitz auf, das sonst ein innrer Gram mit einer melancholischen Lilienblässe überzog, die mir so das Herz zusammenklemmte, daß ich aus der Haut fahren mochte, um dem Engel zu helfen. Sie gestattete sogar, daß ich auf einem vermummten Ball eine Menuett mit ihr tanzte. Gott! welcher hohe Reiz enthüllte sich in jeder Bewegung ihres schlanken Körpers! wie heiß die Augen in mich sonnten, und sich doch so selbst überlassen! wie süß die zarten Lippen in so frischer feuchter Röte lächelten und die festen glänzenden Brüste von der Ebbe und Flut der Jugend wallten! Ich ward umflochten von einem unzerreißlichen Liebesnetz; und die Berührung ihrer Finger entflammte mich, als ob ich lauter Salpeter und Schwefel wäre. Wo ich den Blick hinrichtete, entstanden neue Zaubereien; so hatten mich ihre behenden sichren Füße nie entzückt, und nie so ihre braunen sich hebenden Locken über den schönen weißen Hals, samt aller ihrer Kleidung. Wir schwebten umeinander wie klare lichte Empfindung; sie schien zu fühlen, was ich fühlte, und zitterte auf die Letzt vor Bangigkeit, so daß wir plötzlich aufhören mußten.

Noch dieselbe Nacht ward eine Verräterei gegen sie ausgedacht und vollführt. Ich stahl mich mit Fulvien vom Ball weg, und diese verbarg mich in einen großen Schrank, der in Lucindens Schlafzimmer stand, worin einige alte Familienkostbarkeiten hingen; Fulvia ließ mich allein und kam unbemerkt wieder zurück.

Lucinde machte sich gleich darauf vom Tanzsaal; ich erbebte vor Schrecken und Lust, wie ich sie hereinrauschen hörte. Sie sang alsdenn beim Auskleiden ein provenzalisch Lied, mit einer Stimme, woraus die Töne so gefühlig und rein wie Perlen hervorkamen, die ich noch nie vernommen hatte: nur befremdete mich äußerst dessen Inhalt. Es war der Seelenjubel einer Jungfrau, die ihren Geliebten wiederfindet, frei von Not und Drangsal, worin er lang geschmachtet hat, und ihn mit tausend Küssen, Liebkosungen und Zärtlichkeiten empfängt. Doch vielleicht, dacht ich, ist es etwas auswendig Gelerntes, und es fällt ihr eben so ein; aber es machte mir heftige Unruhe, als sie beim Schluß in die Hände klatschte und ausrief: »O hätt ich dich schon, mein Florio! aber wie weit bist du noch entfernt! doch Flügel wieder meiner Hoffnung, daß du noch lebst. O du heilige Magdalena, beschere mir den Holden, die du auf deinem Felsen zu Marseille schon oft über ihn gewaltet hast und den Verwegnen aus den Fluten des Meers und tödlichen Gefahren nach meinen Bitten errettet! O du liebe heilige Magdalena, ich falle hier vor dir nieder und fleh dich an, überlaß, o Freundin des Erlösers, mein Gemüt nicht immer dem bittern Kummer! Mache mein Herz leicht und wieder froh, und stehe bei meiner Liebe! Ardinghello, der Flüchtling, heuratet mich doch nicht. Was hilft mir's, wenn ich seine Qual auch noch so hoch treibe: er machte mich endlich unglücklich. Wohlwollen muß ich ihm, ach ja! er ist ein verführerischer Bube. O Florio, erscheine bald! Heilige, gib mir ihn!«

Ich wurde fast zum Narren, so griffen mich diese Reden der Unschuld in meinem Schrank an; und mußte alle meine Kräfte zusammenspannen, um auszuhalten. Noch war ich unentschlossen, was ich tun wollte, Tumult und Aufruhr in allen Nerven und Adern. Und so harrte ich, bis sie sich zu Bette legte, und harrte noch hernach über eine Stunde; und lange und lange, bis ich endlich in der Verzweiflung, mit meinen Gedanken und Gefühlen ins reine zu kommen, leise die Tür eröffnete und heraustrat.

Den Mantel hatte ich schon vorher abgeworfen und die Schuh ausgezogen; ich ging auf den Zehen und hielt mich mit den Händen im Gleichgewicht. Sie lag vom Schlaf aufgelöst mit dem Kopf über den rechten Arm und den linken sanft ausgestreckt, mit den Knien jungfräulich ein wenig zusammengezogen, die Decke von sich geworfen, und nur den Unterleib mit dem leinenen Tuche verhüllt; es war eben eine laue Nacht.

Ich besah alsdenn ihr Zimmer. Vor einer Madonna mit dem Kinde, nach der reizenden von Raffael auf dem Stuhl von einem seiner besten Schüler kopiert, brannt eine Lampe; und ebenso brannt eine andre vor einer Magdalena, gewiß von dem Wundermanne der Lombardei Antonio Allegri: solch eine unbeschreibliche Anmut war in den Umrissen ihres Gesichts, so lieblich die Farbe, und unübertrefflich das blonde Haar gemalt, über die jungen Brüste reizend wie von einem Lüftchen verweht. Vor beiden standen Blumenstöcke; vor der Magdalena aufgeblühte Rosen und Knospen, vor der Madonna Lilien und Nelken, die sie sich selbst den Winter erzog. Auf dem Tische vor jener lagen die Gedichte des Petrarca; und Schreibzeug, Federn und Dinte und Papier und beschriebne Blätter. Ich las das eine, wo ausgestrichen und verändert war: und fand das Lied im Provenzalischen, was sie gesungen hatte. Das wußt ich auch noch nicht, daß sie ihre Gefühle in so schöne Form von Worten bringen konnte: mir wallte dabei eine Glut nach der andern auf im Herzen. Im Petrarca war das Gediegenste, immer gerade das wenige Vortrefflichste, mit ausgetrockneten verschiednen Blumenblättern belegt und bezeichnet; besonders in den Reimen nach dem Tode der Laura. Neben der Madonna stand ihre Näharbeit in einem Rahmen; sie hatte angefangen, die lebendigen Rosen und Lilien vor sich dahinein zu sticken. Mich überlief ein Schauder, als ob ich in den Tempel der Keuschheit eingebrochen wäre und lästerlichen Frevel ausüben wollte. Ich blickte durch das Fenster am Bette, und der volle Mond wich hinter die Seealpen, den Greuel nicht anzusehen; unten rauschte zürnend das Meer auf. Ich ward erschüttert, und es fehlte nicht viel, daß ich mich wieder in den Schrank verborgen hätte; doch kniet ich vor sie hin und stemmte mich sachte mit beiden Händen auf ihr Lager; ihr ambrosischer Atem berührte mich wie Wonne des Himmels. So lag ich eine Weile in ihrem Anschauen versunken und verloren und meiner endlich nicht mehr mächtig. Ich warf die Kleider von mir und näherte mich nach und nach leise mit ganzem Leibe dem Schönsten, was die Welt hat. Ich schob alsdenn mit den äußersten Fingern das Hemd auf beide Seiten von den Brüsten, die mich mit ihren Knospen der Unschuld anlächelten, als ob sie Verschonen ihrer Jungfräulichkeit bäten; und so bracht ich das Tuch von ihren reinen trocknen Füßchen und den netten Beinen bis an die Mitte der wie Säulen runden üppig hinaufschwellenden Schenkel, worunter es festhing.

O all ihr Mächte des Himmels und der Erden, welche Vollkommenheiten habt ihr hier vereinbart! Ich zerrann in nicht mehr zu hemmendes Entzücken und riß das Tuch los: und sie fuhr auf und tat einen Schrei unter meinen Küssen.

»Habe keine Furcht«, stammelt ich ihr, »ich bin Ardinghello und werde dir kein Leid zufügen.« Sie hörte nicht und rief: »Bösewicht! Schändlicher! Hülfe!« und wand sich los und bedeckte sich und weinte in voller Verzweiflung: ich war wie von einem Wetterstrahl durchschlagen in allen Gebeinen.

»Vergib, o Himmelskind, einem von unwiderstehlicher Liebe ganz Niedergeworfnen und Überwältigten diese Frechheit. Ich schwöre dir bei allen deinen und meinen Heiligen, ich werde dir kein Leid zufügen!« so faßt ich sie mit Gewalt bei ihrer Rechten und hielt sie an mein laut schlagend Herz.

»Weg von mir, grausamer Verderber!« schluchzte sie.

»Komme wieder zu dir, Lucinde!« sprach ich ihr ein; »sieh! ich berühre dich nicht mehr. Ich bin schon glücklich, wenn ich dich nur sehe; und wenn ich von dir bin, ist alles vor mir in Leerheit. Deine Gestalt allein, auch ohne Wort und Zuneigung, ist mir mehr als andrer feurige Liebe. Sende mich in Gefahren, worin ich tausendmal mein Leben wage: dein Wink wird mein Gesetz sein. Du bist meine beßre Seele, die alle meine Fähigkeiten füllt. Du herrschest über mich wie mein strengster Verstand; sieh! das zeig ich dir; und alles kann ich für dich tun, außer was mir unmöglich ist.«

»O Ardinghello! Ardinghello!« weinte sie, »verlaß mich! o verlaß mich!«

»Göttliche, und warum? Warum können zwei Menschen, wie wir sind, nicht ohne Sünde so beisammen sein! Warum immer eine Scheidewand von Mauer und Kleidung und mechanischer Gesellschaft dazwischen! Bedenke, wie die Seligen im Himmel sind und unsre erste Eltern waren. Alles dies dient nur, wenn man unter dem großen Haufen ist.«

»Und was willst du von mir? was kann ich für dich tun, ohne mich unglücklich zu machen?« versetzte sie etwas ruhiger, sich rundum einhüllend.

»Sage mir, wen du liebst«, fuhr ich fort; »denn daß du liebst, das weiß ich, und weiß noch, daß du unglücklich geliebt hast.«

»Ach«, antwortete sie darauf nach einigem Stillschweigen, »den Hauptmann einer Galeere! der mich, wie ich noch ein kleines Kind zu Nizza war, schon aufblühender großer Knabe, bei meinen Eltern lesen und schreiben lehrte. Hernach legte er sich auf die Handlung und führte mit der Zeit Kauffahrteischiffe; und endlich wurd er Anführer einer spanischen Galeere. Als solchen sah ich ihn nach lange vor zwei Jahren in Genua wieder, wo wir uns einander versprachen und die Vermählung feiern wollten, wenn er wieder aus dem Türkenkriege käme. Allein er kam nicht wieder; und ich hielt ihn für tot, bis ich vor wenig Tagen die zugleich frohe und traurige Botschaft hörte, daß er zu Konstantinopel in harter Sklaverei sich befinde. Mir brachte sie ein alter Schiffer aus Antibes, der von dort abfuhr und uns beide kennt. Nun hoff ich, daß man ihn erlösen und ihm seinen ehemaligen Posten wiedergeben und wir endlich glücklich sein werden.«

»Zärtliche«, verfügt ich darauf, »deine Hoffnung steht auf schwachen Füßen. Spanien ist noch im heftigen Kriege mit den Türken; und wenn dein Bräutigam ein Held war, so werden sie ihn so leicht nicht herausgeben.« Hier verbarg sie ihr Gesicht ins Küssen und seufzte und weinte, und ich fuhr fort: »Doch wenn es von Spanien aus nicht geschieht, so kann vielleicht ein andrer ihn frei machen; und was schenkst du mir, Englische, wenn ich es wäre!« drückt ich ihr mit der Rechten in die Hand und mit der Linken ins Herz; »und ich will es dir fast so gut als gewiß versprechen; ich hab einen Freund am türkischen Hofe selbst, der alles kann.« Sie verbarg ihr Gesicht noch tiefer und sagte gebrochen unten hervor: »Ach, mein Bestes! aber du bist grausam!« »Und die Versicherung?« redt ich außer mir ihr zu. »Gib dort mir her Feder, Papier und Dinte, und leuchte!« Dies war nun mein Wille nicht, aber ich verlangte zu wissen, was das schwärmende Mädchen begänne; und nahm die Lampe von der Magdalena, Feder, Dinte und Papier, und den Petrarca zur Unterlage; und die Fromme schrieb, und lächelte unter Tränen:
 

»Wenn Ardinghello mir meinen Bräutigam Florio Branca aus der Sklaverei erlöst und frei wieder herstellt und zärtlich liebt und schweigt: so soll er meine erste höchste Gunst haben mit diesen Zeilen oder Madonna mich nie zu Gnaden annehmen, aber eher er auch nicht einen gütigen Blick verlangen.

Lucinde«
 

Darauf gab sie mir das Zettelchen mit einem strengen Blick voll Bedachtsamkeit und sagte: »Nun gehorche, und verwahr es sorgfältiglich, wenn ich so viel über dich vermag, als du sprichst. Und noch eins: wer hat dich hiehergebracht?« Hier mußte mir nun platterdings eine Lüge aus der Not helfen: ich sagte, ich sei ihr nachgegangen und habe mich dort hinter den Schrank versteckt, ohne von ihr bemerkt zu werden. »Bist du so ein Tausendkünstler!« sagte sie spottend.

Der Morgen brach an; ich wollt ihr einen Kuß zum Abschied geben, aber er ward mir nicht verstattet. Ich kleidete mich geschwind wieder zurecht und verließ sie, machte für Fulvien auf der Treppe das verabredete Zeichen, daß nichts geschehen sei und sie schweigen sollte, eröffnete sachte die Tür des Palastes und schlich in meine Wohnung.

Den ganzen Morgen konnt ich kein Auge zutun; und als ich des Nachmittags ein paar Stunden geschlummert hatte, dünkte mich alles ein Traum.

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