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Ardinghello und die glückseligen Inseln

Wilhelm Heinse: Ardinghello und die glückseligen Inseln - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleArdinghello
authorWilhelm Heinse
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-009792-4
titleArdinghello und die glückseligen Inseln
pages1-367
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1787
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Wir liefen gegen Abend in dem Hafen von Villafranca ein, nachdem wir den ganzen Tag vergebens herumgekreuzt hatten, um die Verwundeten zu pflegen, unsre Toten zu begraben (die gebliebnen Feinde warfen wir gleich über Bord) und den abgehärmten Frauenzimmern einige Ruhe genießen zu lassen; nur ein Paar Vermählte unter denselben waren von Kanonenkugeln zerschmettert worden, die übrigen alle blieben unversehrt. Wir führten sie den Berg hinauf in das Städtchen, das hinten im Kessel unter dem gähen Felsen mit wenigen Häusern nur wie eine Einsiedelei liegt zwischen Ölbäumen. Ich nahm Lucinden in Arm, die auf dem festen Boden gleich wieder zu sich kam, und sprach ihr Mut ein nach überstandner Gefahr. »Ach«, antwortete sie seufzend, »warum leb ich noch, um auf immer unglücklich zu sein! Niemand weiß mein Leiden. O wär ich nur dort oben bei den Auserwählten unter den Heiligen und Engeln!« Und hier tat sie einen schmachtenden Blick aus ihren großen schwarzen Augen gen Himmel und zerschmelzte mir ganz mein Herz damit. »So viel Schönheit ist nicht gemacht«, versetzt ich ihr, »um hienieden sich zu quälen; wirf allen Kummer weg; und sei selbst so selig, als du andere selig machst.« Sie schwieg und neigte das Haupt wie eine welke Blume und ging, ohne auf meine Reden achtzugeben, mit mir voran; ihre traurige Miene und blasse Farbe, ihr verwirrtes Haar und losgegangnes Gewand vollendeten das Bild einer bezaubernden Heiligen. Wir quartierten sie zusammen in ein Haus ein, und sie wurden gut verpflegt und gewartet. Ich selbst blieb in dem Städtchen und ruhte die Nacht aus; meine Streifwunde hatte zwar nichts zu bedeuten.

Den andern Morgen nach der Messe unterhielt ich mich noch ein paarmal auf den Raub wenige Augenblicke allein mit Lucinden, die nun wieder zu Kräften gekommen war; und erfuhr, daß der Anführer der Räubergaleeren, den ich niedergestoßen hatte, ein Liebhaber von Fulvia gewesen sei, ein Genueser, der gefangen seinen Glauben verleugnete und alsdenn unter dem berühmten Ulazal diente, größtem Seehelden unsrer Zeiten. In sie entbrannt, ohne daß seine Leidenschaft je ihr Ziel erreichte, unternahm er die Tat nach hinlänglich eingezogner Nachricht von allen Umständen der Hochzeit, und hätte sie bald glücklich ausgeführt. Er war Bastard von einem Adorno, und man nannte ihn zu Genua Biondello. Jungfräulich versicherte sie mir, daß die Braut noch ihre Ehre bewahrt hätte mit heißen Bitten und Beschwörungen, daß er sie nur so lange verschonen möchte, bis er ans Land käme, bei ihrem üblen Befinden; und sie sei rein bis auf einige Küsse, die sie dem Verdammten unterdessen habe gestatten müssen. Die andern wären meistens noch viel ärger als die Braut von der Seekrankheit befallen gewesen, so daß die Barbaren selbst Mitleiden und Barmherzigkeit gegen sie gehabt hätten, ohne sie weiter noch zu martern. Außerdem habe die Not, in Sicherheit zu kommen, die Räuber zu äußerster Geschäftigkeit angetrieben, und die Menge die Begierden jedes einzelnen im Zaum gehalten; und so seien sie noch glücklich der Schand entrissen worden, und eine könne für die andre zeugen. Biondello habe denn in der Verzweiflung Fulvien aus Eifersucht niedersäbeln wollen, als ich sie errettet hätte. »Heilloses Geschenk der Schönheit«, rief sie aus, »in wie viele Drangsale stürzest du uns! Und wenn wir andre damit glücklich machen, so geraten wir dadurch selbst in das äußerste Elend. Wie die Könige, die alles vermögen, nur daß unsre Herrschaft kurze Zeit dauert, haben wir durch dich keinen Freund; und die vortrefflichsten Männer, mit allen Vollkommenheiten ausgerüstet, wie zum Exempel Ihr seid, legen uns häßliche Fallstricke.«

Diese Apostrophe ging mir wie eine Kugel vor den Kopf, und ich fiel in Staub vor der Himmlischen nieder.

Nachmittags drehte sich der Wind, und wir fuhren mit Rudern und Segeln wieder ab. Auf unser Schiff war mit einigen andern Gefangnen der junge Held gebracht worden, der auf der zweiten eroberten Galeere so tapfer kämpfte, so daß wir unser drittes Fahrzeug darüber einbüßten. Ich hörte ihn hernach im Neugriechischen mit einem seiner Gefährten sprechen; und er stampfte noch mit dem Fuße vor Zorn, daß die zwei andern Galeeren sie im Stiche gelassen hatten; jedoch mit Unrecht: denn jene wurden gleich im Anfang des Gefechts von unserm Geschütz sehr übel zugerichtet. Er sprach inzwischen so frei und ohne Furcht in der Gefangenschaft, und seine Gestalt war so schlank und edel in der wilden Farbe von Meer und Sonnenbrand, daß mein Herz gegen ihn von Zuneigung wallte. Ich beschloß, alles Mögliche anzuwenden, ihn von der Knechtschaft loszumachen, welches mir denn auch glückte; noch ehe wir zu Genua einliefen, schenkt' ihn mir Doria zur Belohnung. Ich nahm ihn zu mir, wie wir von Bord traten, erklärte ihm seine Freiheit, worüber er mir an die Brust flog, und ließ ihn wenig Tage darauf mit einem venezianischen Schiffe nach Konstantinopel abfahren. Er bat mich vorher um meine Zuschrift, die ich ihm dann an Dich gab.

»Du sollst dich nicht in mir betrogen haben«, sprach er zu mir beim Abschied; »solche Menschen wie wir müssen einander ihr Leben lang helfen.«

Die Männer, die ihre schönen jungen Weiber wiederbekamen, freuten sich wenigstens, daß ihnen Grund und Boden geblieben war; und die Väter und Mütter hofften bei ihren Töchtern das Beste. Wegen der Braut wurden insgeheim von der Familie des noch verwundet darniederliegenden Bräutigams verschiedne Personen besonders in Verhör genommen; und als ihre Aussagen übereinstimmten und derselben Unschuld bekräftigten, so überließ man sich wieder ganz der Freude.

Der Himmel beschere mir nur immer so fort ein Leben und lasse mich nie in Untätigkeit schmachten; von Cäcilien und Dir geschieden zu sein aber tut mir weh im Herzen. Wann wird einmal wieder die Zeit der Vereinigung kommen! Ach, wenn es ihr nur wohl geht! Dies ist jetzt alles, was ich von ihr verlange.

Ardinghello
 

Ich meldete Ardinghellon den Empfang seines Briefs, und daß die Sachen der Cäcilia erwünschten Ausschlag nähmen und man auf ihn gar keinen Verdacht hätte, und andre Dinge, die mich betrafen und nicht zu dieser Geschichte gehören; und erhielt von ihm im Dezember folgende weitere Nachricht.

 
Genua, Dezember.

Die See ist hier doch etwas ganz anders als in Euren Brentasümpfen! Die Stürme machen mir jeden Tag ein neues Schauspiel; und ich begreife nun, wie Kolumben der Mut im Herzen erwuchs, sich mit einer Bande Gesindel in den unwirtbaren Ozean hinauszuwagen, gleich einem Gotte, der Wasserfluten und Orkane kennt und in ihr grausames wildes Spiel sich zu finden weiß, kühner als Herkules und alle Helden der vorigen Zeitalter. Wann die Wogen so den Hafen hereinbrechen und sich an seine hohe Mauer hinaufwälzen, bis über die Dächer der Häuser, die da stehen, und Schaum und Meer wie ein Wolkenbruch wieder herabströmt und mit dem neu herbeirauschenden Ungestüm sich klatschend zu Staub wirbelt: wie lebt die Natur da in meinem Sinn und ergreift mit ihrer Musik mein Wesen!

Ich habe angefangen, es mit Farben darzustellen, aber alles wieder weggeworfen: dahin reicht keine Kunst; sie bleibt hier zu sehr bloß toter winziger Buchstabe.

Dafür geb ich mich desto mehr mit den hiesigen Seeleuten ab; studiere den Schiffbau; lasse mir ihre Züge durch das Mittelländische Meer erzählen, ihre Gefechte, Gefangenschaften, ihren Handel; bewirte die besten oft und teile ihnen wieder von demjenigen mit, was ich weiß; und erkenn immer mehr, daß der Mensch eher so gut ist, als er sein kann, als daß er so bös wäre, als er sein könnte, im ganzen genommen.

Zufriedner bin ich mit ein paar Skizzen, die ich aus den Begebenheiten gemacht habe, welche ich Dir in meinem vorigen Brief erzählte. Die eine stellt die Szene vor, wie die Räuber in den Tanzsaal fielen und Braut und Frauenzimmer entführten; doch würde mir die nächtliche Beleuchtung bei der Ausführung im Großen schwer werden. Die andre ist, wie ich den Biondello unter dem Verdeck niederstieß. Wenn ich den Ausdruck der Wut und Verzweiflung in seinem Kopf erreichen könnte, und den höchsten Schrecken, der an die Ohnmacht grenzt, in den schönen Weibergestalten, die ich in ihren Gruppen und zerzausten Kleidungen ganz nach der Natur genommen habe, samt den zwei Niedergeschmetterten: so müßte dieses Bild im Großen jedermann ergreifen. Fulvia besitzt sie, und sie mag sich dieselben einmal von einem andern ausmalen lassen. Ich bin mit ihr schon bekannter geworden, als ich anfangs wollte.

Ich stecke in einer Lage, die ich Dir kaum mit Worten andeuten kann. Wenn Lucinde an Fulvias Stelle wäre, so führten wir ein Götterleben; so aber ist Natur und bürgerlicher Stand einander ganz entgegen. Fulvia hat eine Phrynenseele; und diese sollte Lucinde haben, um das glückseligste Geschöpf zu sein. Ich habe Gespräche mit der letztern gehabt, mich auf ewig mit ihr zu fesseln, wenn die Ehe nicht der Tod bei lebendigem Leibe für meinen freien Sinn wäre. Ach, es geht bei ihr alles so schön hinüber und herüber! Was dies weibliche Wesen für einen süßen Klang hat, ist unaussprechlich. Und ihre Ahndungen und Gefühle von unsichtbaren Welten, so fremd und sonderbar und kindlich zuweilen sie mir auch vorkommen, ergötzen mich doch wie Homerische und Platonische Dichtungen.

Es ist mancher von ihr angebrannt und lüstern bis zur Wut nach ihrem Ambrosia und Nektar: aber wen sie etwa möchte, der will oder darf sie nicht heuraten; und so ist der Engel melancholisch und unglücklich. Sie will mir wohl, das seh ich, und leidet Pein, und tut sich die äußerste Gewalt an. Warum müssen wir so gebunden sein und jeden Tropfen Lust mit Ach und Weh erkaufen! Alles in der Natur ist glücklich, nur der Mensch nicht; das, was wir Vernunft nennen, steht ihm immer als ein tyrannischer Zuchtmeister zur Seite; und diejenigen, welche man ihrer Vollkommenheit wegen bewundert, sind die Armseligsten unter allen.

Als ich mich einst an einem Abend tiefer mit ihr im Gespräch hierüber verlor und ihr dieses einleuchten machen und sie, wie mich dünkt, auf ihren rechten Lebenspfad führen wollte: sah ich auf einmal Fulvien neben uns, die ich im Eifer nicht bemerkt hatte; wir sonderten uns vorher von der Gesellschaft ab und standen an einem Fenster im Saal mit der Aussicht übers Meer hin. Der Ernst kehrte sich dann in Kurzweil; Fulvia foppte mich als einen blöden Schäfer, und in Rücksicht auf sie war der Spott nicht ungerecht: und Lucinden sagte sie einige unanständige Dinge, welche deswegen errötend ausschied.

Folgenden Nachmittag erhielt ich durch ein Weib, das Lucinden bediente, ein Zettelchen, worauf geschrieben stand: »Ich muß Sie allein sprechen, mich zwingt die Not dazu; warten Sie eine Stunde nach Einbruch der Nacht unten am Palaste; die Überbringerin wird Sie an Ort und Stelle führen.«

Ich wußte nicht, was ich denken sollte, und von der Frau war weiter nichts herauszubringen; inzwischen versprach ich, gewiß zu kommen.

Dieselbe führte mich auch die bestimmte Zeit die Treppe hinauf und oben durch den kleinen Garten. Es war finster und regnete, und der Wind sauste. Alsdenn machte sie ein Zimmer auf, schloß mich hinein, und ich war völlig im Dunkeln. Sogleich wurd ich von einer warmen Hand fest gefaßt und auf ein Ruhebettchen gebracht, schüchtern erst und endlich inbrünstig umarmt und geküßt unter heißen Seufzern, ohne weiter nur ein Wort zu hören. Mein ganzes Blut geriet in Wallung an den Liebe klopfenden Brüsten; ich glaubte, Lucinde sei plötzlich eine heitre Griechin geworden und wollt ihr himmelschönes junges Leben genießen und mit mir den Anfang machen. Mir wich das Gewand unter immer mehr verführerischem Sträuben; und ich gelangte bei dem höchsten Reize, den junge zarte nackte vollkommne weibliche Formen in der Dunkelheit für unsern stärksten Sinn nur haben können, zum entzückendsten Ziel meiner entflammten Begierden.

Das bacchantische Leben, das endlich alle Verstellung vergaß, brachte mich hernach doch etwas aus meiner Unüberlegung, obgleich noch ganz im Rausche. »Lucinde, Lucinde«, rief ich, »welch eine glückliche Verwandlung! Laß mich deine Stimme hören.«

»O du mein alles!« hört ich nun Fulvien statt ihrer, »verzeihe mir diesen Betrug: was ich bin und habe, ist dein Eigentum, du bist mein Herr und Meister! Du hast mir das Leben errettet, und ich kann nichts weniger tun als dir wie Magd und Sklavin dienen, Engel, Gott! Wo find ich einen Namen, der alles das ausdrückt, was ich in dir umfasse? Auch Lucinde soll dir zuteil werden! Stolz und Eifersucht samt der Person will ich deinem Vergnügen aufopfern.« Hier umrang sie mich aufs heftigste und biß mich wie rasend in die Brust.

Ich mußte mir's gefallen lassen; ich war angeführt auf eine Weise, die mir hohe Lust gewährte. Wenn ich auch ein Joseph hätte sein wollen, so war die Flucht zu spät. Ihr Gemahl erzeigt mir Freundschaft: aber wer kann dafür, daß er einfältig ist und kein besser Schicksal verdient? Warum hat er so geheuratet? Dies sind natürliche Folgen, die selten ausbleiben. Fulvia hat ein heißes Temperament, und er ist schwach und kalt und träge: solch ein Paar tut kein gut zusammen, wie mancher wegen des Kontrastes sich wohl einbilden möchte.

Ich verwunderte mich über den Schritt, den sie getan hätte; freute mich ihrer Liebe und pries ihre Reize; gestand ihr aber aufrichtig, wie närrisch der Mensch sei, und daß mein Herz auch beim lebendigsten Genuß der Wonne noch nach Lucinden schmachte.

»Und warum sollen wir dich nicht als Freundinnen lieben können? O du bist ein so teuer Gut, daß wir beide an dir überflüssig genug haben; und ihrer mehrere, wenn du willst. Du sollst als der edelste Wein nur zum höchsten Fest aufgespart werden, der mit seinem Balsam allen köstlichen Geschmack überflügelt. Warum sollen vernünftige Schwestern nicht friedlich miteinander an dir Teil nehmen? Warum sollen wir uns von Gewohnheiten und Gesetzen im Zaum halten lassen, die bloß für den Pöbel sind, eben weil er Pöbel ist, der sich nicht selbst regieren kann?«

Du siehst hieraus, daß ich doch mit einem gutartigen Geschöpfe noch zu tun habe. Ich mußte über ihre Aspasienberedsamkeit und feinen Lobsprüche lächeln; band ihr aber aufs Gewissen, behutsam zu sein; und so war der neue Liebeshandel fertig.

Es läuft mir heiß über den Leib, da ich mit Dir von Cäcilien sprechen will, und ich erröte wie ein Unheiliger; sie bleibt immer die Krone von Venedig. Möchte sie und Lucinde nur so Schwestern sein, wie Fulvia sagte! Aber ich bin ein Tor und unersättlich. Ach, die Arme wird verlangen, Nachricht von mir zu hören; und dies ist noch nicht einzulenken. Wie, bin ich strafbar, daß ich mich mit dem Schönen zu vereinigen suche, wo ich's finde? Ist dies nicht der edelste Trieb unsers Geistes? Ist der nicht ein Elender, ein von Gott Verworfner, der diesen Trieb nicht hat, nicht ausübt? In was für einer Welt bin ich, wo dies Naturlaster sein soll? Den Menschen zerrüttende bloße bürgerliche Ordnung ist es. Komm, göttlicher Plato, und stürz alle die barbarische Gesetzgebung über den Haufen, und führe deine Republik ein, wo wenigstens Mann und Weib mit ihrer Liebe heilig und frei sind.

Ardinghello

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