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Anna Croissant-Rust: Arche Noah - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleArche Noah
authorAnna Croissant-Rust
year1911
firstpub1911
publisherGeorg Müller
addressMünchen / Leipzig
titleArche Noah
pages393
created20131222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Stationschef Stackebein

Majestätisch stand Frau Amalia vor dem Spiegel im wallenden Gewand. Den himmelblauen Mantel schon übergeworfen, die eine Hutnadel im Munde, bemühte sie sich, das Gebäude von Bändern, Federn, Schleiern, Blumen und Samt auf dem »wirren Gelock« des pomadisierten Haares zu befestigen.

Ungerührt sah ihr Spiegelbild nach dem kleinen, kurzbeinigen, dicken Gatten – wie kann man auch gerührt aussehen mit einer Hutnadel zwischen den Lippen! –, der von einem Fuß auf den andern hüpfte und dabei stöhnte: »Amalia, ich bitte dich! Eile! Eile, mein Kind! Ich muß den Zug abfahren lassen!«

»So laß ihn abfahren!« sagte sie mit Lächeln, nahm die Nadel aus dem Munde, steckte sie so fest, daß sie knirschte, und spreizte alle zehn Finger nachdrücklich und so überlegen dabei aus, als wollte sie sagen: »Wage es nur! Ich weiß ja, daß du es nicht wagst!«

244 Dem kleinen Stationschef standen die Schweißtropfen in hellen Reihen auf der Stirne, er schneuzte sich ununterbrochen, um nur irgendwie tätig zu sein, gerade wie wenn das die Eile der Gattin befördern könnte:

»Amalia!« (Sie hatte sich verbeten, Amalie genannt zu werden.) Er war schon ganz heiser geworden vor Aufregung. »Amalia!«

Hörte sie es denn nicht? Es wurde ja immer unruhiger drunten, die Schaffner klappten wütend mit den Türen, obwohl sie ihm ja sonst gut gesinnt waren, die Maschine stampfte ärgerlich, stieß einen kurzen, bitterbösen Pfiff aus – er mußte hinunter! Ohne es zu wagen, die Gattin abermals zu mahnen, überwältigt von der drohenden Situation, stürzte er die Treppe hinunter.

Aber siehe da! Amalia rauschte nach, einen langen, spitzen, allzu engen Zipfel der Schleppe hinter sich drein schleifend, der sich in der Eile so wunderlich gebärdete, als gehöre er nicht zu ihr. Doch kam er glücklich mit über den Bahnsteig und übers Trittbrett, der Schaffner schleuderte ihn, als sei er ein selbständiges Wesen, Amalien nach, und noch ehe die Türe wieder geschlossen, noch ehe der Stationschef dazu gekommen war, das Zeichen zur Abfahrt zu geben, noch ehe Madame saß, ging schon das Rattern und Knattern und Aechzen und Stöhnen und Rütteln und 245 Schütteln los. Ein paar Minuten Verspätung sind für einen normalen Postzug, der etwas auf seine Reputation hält, immerhin genug, um ihm Stimmung und Behaglichkeit zu rauben.

Amalia aber dachte weder an den Gatten noch an den gekränkten Zug, sie hatte Wichtigeres zu tun ›momentan‹: sie hatte ihren Gefühlen zu leben. Fuhr sie denn nicht nach Kronstadt, geweihten Stunden der hehren Musik, ihrem tiefsten Hange, ihrem ›Sichausleben‹ entgegen? Mit einer innigen Gebärde drückte sie den großen, schwarzlackierten Zitherkasten an sich, und aus seinem Innern tönten ihr zauberhafte Stimmen entgegen.

Währenddessen saß der kleine, schwammige Stationschef, von der Aufregung noch an allen Gliedern zitternd, halb gelähmt in seinem Bureau. Großer Gott im Himmel, man setzte ihn gewiß noch einmal ab wegen dieser Frau, wenn nicht sonst ein Unglück passierte! Diese entsetzlichen Mittwoch- und Samstagfahrten! Dieser Frühzug, mit dem sie nie fortkam, und dieser Abendzug, den sie nie erreichte! Streckauf, streckab war es ja bekannt! Die Schaffner schimpften, die Lokomotivführer fluchten, die Passagiere gaudierten sich, und die jungen Diätare schmunzelten in ihre Westen hinein. Wie hätten sie es auch wagen dürfen, offiziell in die Luft hinaus vor 246 den Augen des Chefs zu lachen! Frau Stationschef Stackebein fuhr in die Musikstunde!

O, alles wußte der kleine dicke Stationschef, und alles mußte er allein tragen! Nie würde er ihr, deren Gedanken und Empfindungen so ganz andere Bahnen wandelten, und die sie alle nicht verstanden, eine Andeutung davon zu machen wagen!

Und nicht einmal harmlos war die Sache, wäre sie nur das gewesen! Die Aermste hatte Feinde in der Kreisstadt, wahrhaftige Feinde!

Da waren vor allem die Adjunkten – einem jeden hätte er auf die Brust tippen können und sagen: »Du bist es! Du Barbar! Du Bestie!« Aber er unterließ es wohlweislich.

Jeden Mittwoch und Samstag lagen sie auf der Lauer, und sobald nur ein Schein des himmelblauen Radmantels auftauchte – ein genialer Mantel, eine der »Kreationen« Amalias; lang war er und von unbestimmtem Schnitt, für alle Situationen des weiblichen Daseins berechnet – sowie also der Himmelblaue dem Bahnhof zustrebte – zu früh war Amalia ja nie daran, – schrien sie: »Laßt den Zug abfahren, Amalia Stackebein naht.« Selbst wenn noch eine halbe Minute fehlte, ließen sie den Zug abdampfen, die entmenschten Bestien! Das war wohl nur die Rache für Madames Nichtbeachtung ihrer 247 männlichen Qualitäten! Pah! Amalia hatte andres zu tun, Amaliens Gedanken gingen in andern Kreisen! Dann freuten sich die Niederträchtigen auch über den Trab, den Frau Amalia Stackebein, geborene Haberstroh, anzuschlagen genötigt war, und machten sich sogar des öfteren über den vorne zu kurzen Rock – anstatt daß ihnen dieser Zustand heilig war! –, über die nach innen gerichteten Fußspitzen und die Schleppe lustig.

Kam Amalia an und sah den Zug eben pfeifend verschwinden, waren die Missetäter eitel Bedauern.

»Nur eine Ahnung wenn wir gehabt hätten, gnädige Frau! Wenn wir gewußt hätten, daß es die Gnädige ist! Was liegt an ein paar Minuten Verspätung, die hätte der Zug leicht eingeholt mit Ihrer süßen Last!«

Da war stets der Zorn des großen, edeln und empörten Herzens vergangen; nie ahnte sie die Tücke, es tat ihr wohl, daß sie so schön zu ihr sprachen, und er, o, er hütete sich, ihren Wahn zu zerstören, abgesehen davon hätte sie ihm auch nicht geglaubt. Die Frechlinge wagten es sogar, ihm zu erzählen, daß sie, auf den Nachtzug wartend, im Warteraum sitze, das mächtige Haupt geneigt und Töne ausstoßend, die nicht nach der Gesangs-, Zither- und Gitarrestunde schmeckten, sondern ein regelrechtes Schnarchen waren, das 248 sie fortsetzte, bis der Nachtzug in die Halle brauste. Dann allerdings weckten sie die Schlaftrunkene sehr nachdrücklich.

»Gemeine Bande!« schrie sie gewöhnlich in ihrer Benommenheit.

»Aber, aber, gnädige Frau! Wir wollten doch nur –«

Gnädige Frau – da war das große Herz wieder versöhnt. Gewöhnlich schwenkte sie in der Nacht ihr Taschentuch, wenn sie am Hause vorbeifuhr, enthusiastisch und innig tat sie das, aber sie mußte bis zur Kreuzungsstation weiterfahren und kam dann erst nach Mitternacht zurück, vergnügt und voll von schwärmerischen Ideen.

Er konnte ihr dann freilich nur schwer folgen mit seinen verängstigten und konfusen Gedanken, war er doch derweilen in Pein und Not und Angst gesessen, in Angst um sie! Aber er sagte kein Wort, kein Wort. Ja, diese vielen Aufregungen! Ein andrer hatte keine Ahnung davon. Da waren vor allem die Kinder. Schon bis sie da waren, jedes Jahr eines; Amalia genierte das nicht einmal gar so sehr. Aber ihn! Gerade wie wenn er sie kriegen müßte; gewiß, ihn nahm's viel mehr mit; er war erschöpft, er war matt, er ängstigte sich; in seinem Leib fühlte er all die Schmerzen, er zitterte vor einer Katastrophe. Ja und zehnmal ja, seine Freunde 249 hatten recht, wenn sie sagten: ›der Stackebein hat wieder ein Kind gekriegt‹, oder: ›der Stackebein kriegt ein Kind, er sieht miserabel aus‹.

Selbst Amalien fiel es auf, aber es machte sie eher ungeduldig. »So was muß man gewöhnen,« sagte sie.

Stets waren ihre Kleider danach eingerichtet, nur die Länge oder Kürze des Rockes machte ihr Schwierigkeiten, aber auch das überwand sie, genial wie sie war; sie ließ ihn zuzeiten zu lang und zuzeiten zu kurz sein, deshalb sah sie doch imponierend aus und geadelt durch ihrer Seele Schwung. Diese große, stattliche Figur! Dieser wuchtige Gang! Und stets ganz eigenartig angezogen, stets anders als andere Frauen!

Aber da waren noch die Kinder! – Bis in die tiefste Tiefe seines Bureaus gellte oft ein Schrei, daß er, außer sich vor Angst und bangen Ahnungen, vom Apparat wegstürzen und über die Stiege hinaufkeuchen mußte – Amalia hatte nichts gehört – Amalia sang.

Die Gitarre an sich gepreßt, die Augen zur Decke erhoben, saß sie am Fenster und sang ergreifend:

»Will sich Hektor ewig von mir wenden« usw.

und:

»Teures Weih, gebiete deinen Tränen, 250
Nach der Feldschlacht geht mein heißes Sehnen,
Diese Arme schützen Pergamus.«

Auch die zweite Stimme sang sie, das ganze herrliche Duett allein! Und da hätte er sie stören sollen? Was hatte sie denn sonst, die Arme? Was konnte er ihr und ihrer idealen Sehnsucht bieten?

Ja, die Kinder! da hatte sich eines den Finger halb abgeschnitten oder war von einem andern mit einem glühenden Bügeleisen gebügelt worden; oder ein andres war kopfüber die Stiege hinuntergestürzt, oder es stellte sich heraus, daß ihm die halben Haare ausgerissen worden, ein Unglück gab's immer. Wie oft war es schon passiert, daß eines nackt auf den Bahnsteig gelaufen kam und, sich unschuldsvoll an ihn anschmiegend, sich als seinen Sprößling dokumentierte oder gar paradiesisch naiv Dingen ihren Lauf ließ, denen man, eben auf dem Bahnsteig, nicht ihren Lauf läßt, alles, während er in seinem langen blauen Uniformrock und in der roten Mütze, ganz Amt und Würde, dastand!

Es war ja geradezu darauf angelegt, daß er fortwährend vor Angst schwitzen, für seine Stellung zittern mußte, ein wahres Wunder, daß er dabei so dick und rund wurde.

Die freien Tage waren dagegen ein richtiger Segen, da konnte er oben in der Wohnung 251 bleiben, brauchte nicht unten zu sitzen und mit einem Ohr hinauf zu horchen. Auch mit Wasser und Seife konnte er dann hantieren; die Kinder liebten deshalb die freien Tage des Papas durchaus nicht, verkrochen sich unter die Betten und Schränke und Kanapees und mußten mit Mühe und Not und mit Versprechungen hervorgeholt werden. Amalia war mehr für ungebundene Erziehung.

»Quäl sie doch nicht,« sagte sie, »sie werden so auch groß! Sie werden dich fürchten, laß sie! Siehst du, wenn du nur ein bißchen ideal veranlagt wärst, würdest du dich zu mir setzen und mit mir schwärmen, oder wir würden in die schöne Natur gehen.«

Stationschef Stackebein würgte, aber er sagte nichts. Er dachte an die sieben ungewaschenen Gesichter, an die sieben ungekämmten Köpfe, an die sieben grauen Hemdlein und die vierzehn zerrissenen Strümpfe, auch an das halbausgewachsene Dienstmädchen dachte er, das noch so viel mit der eigenen Nase zu tun hatte und mit dem Zustand, in den Amalia es versetzte – war dieser Zustand Bewunderung, Schrecken oder Verblüffung? – »Es« redete nicht darüber. An das Geld wagte er sogar zu denken, das er für Stunden ausgab, für ihre Musikstunden! Auch die schöne Natur wollte ihm nicht aus dem Sinn, 252 die Natur, die aus Sand ringsum und einem eine Stunde entfernten zerzausten Föhrenwäldchen bestand!

O teures Herz! O ideales Gemüt! Wie viel besser war sie, als alle andern, und wie war sie direkt zu beneiden, daß sie alles so hoch empfinden konnte! Dabei verstand sie zu kochen, sie machte Kleider und Hüte selbst, und steckte manches sogar nur mit Nadeln, und dennoch hatte es etwas Eigenes, ihr Gepräge eben.

Manchmal kriegte sie es mit der Rage und fing an zu schneidern und schneiderte tage- und nächtelang Phantasiegewänder für die Kinder; o, sie war sehr stolz auf ihre Kinder! Fertig wurden diese genial hingeschnittenen Kleider nie, und die Brut kroch herum und hatte nichts zum Anziehen, oder lief, wenn gerade Not an Mann ging und sie präsentiert werden mußte, mit Stecknadeln gespickt einher, und mußte sorgsam im Auge behalten und im Zaum gehalten werden, um nicht durch unangebrachte Lebhaftigkeit Gefahr zu laufen, auf der Stelle zu platzen. Er selbst suchte oft verzweifelt nach Vorhemd und Kragen, er war oft gezwungen, den Uniformrock bei der ärgsten Hitze bis hinauf geschlossen zu halten und das Kinn auf die Brust zu drücken. Manchen Tag vergaß Amalia auch gänzlich das Kochen, hinwiederum brachte sie ausgiebige 253 Schüsseln auf den Tisch, die drei und vier Tage langten.

Manchmal, obwohl sehr sehr selten, überfiel sie auch eine wahre Scheuerwut, und sie ergoß eine ganze Sintflut über die Zimmer, doch gab sie dies unfruchtbare Tun sehr bald wieder auf.

Wozu auch? meinte sie. Verirrte sich je ein Besucher zu ihnen, so war doch der Salon da. Stets unberührt, stets im Glanze der weißen Gehäkelten über Tisch, Stühlen und Sofa, imponierend vor allem durch die riesigen Makartsträuße, stets wie ein Repräsentationsraum wirkend, vornehm sogar, durch die immer herabgelassenen tiefgelben Leinenstores, feierlich. Bei dieser Beleuchtung sah niemand den Staub, darüber war selbst der kleine Stationschef beruhigt, der in dieser Beziehung etwas kleinlich dachte.

Nur seit einiger Zeit genierte dieser einsame, seriöse Salon, der selten betreten wurde, Frau Amalia, und als sie mit dem Nachtzug (fünf Stationen vor, eine rückwärts) wieder heimkehrte, war sie nicht hochgestimmt wie sonst, sondern sie war unwirsch, sie klagte die Einsamkeit drücke sie, der Mangel an gleichgestimmten Seelen zehre an ihr.

»Ja, aber du hast doch Musikstunden, eben deshalb, eben dafür,« wagte der kleine Gatte sie zu erinnern.

254 »Mein Gott, ja, das ist es gerade! Wofür habe ich die Musik gelernt? Warum hast du mir die Pforten geöffnet?«

»Ja, du selbst –« schaltete der kleine Stationschef ein.

»Ich selbst, ich selbst! Na ja, in Gottes Namen ich selbst! Aber für wen soll ich denn singen? Doch nicht etwa für mich? Oder für dich, du hörst ja gar nicht hin! Ich brauche Leute, die sind wie ich und nicht wie du! Wir müssen Verkehr haben. Hörst du? Es ist auch nicht mehr wie anständig, das sind wir unsrer Stellung schuldig, wir sind doch ein Stationschef!«

Ohne den üblichen zärtlichen Gutenachtkuß rauschte Amalia an ihm vorbei, und die enge, zipfliche Schleppe wand sich hinter ihr drein, wieder ganz selbständig und in so komischen Kapriolen, als wollte sie den dicken Stationschef verhöhnen.

Er war geknickt, sein ganzes Wesen war erschüttert. Das war es! Er genügte ihr nicht mehr, sie brauchte andre. Es würgte ihn in der Kehle; das nach achtjähriger Ehe! Er trat in das eheliche Schlafgemach direkt hinter Amalia, und sein Blick fiel auf die fünf kleinen Betten, in denen die sieben Früchte der achtjährigen innigen Ehe schliefen, und die Tränen traten ihm 255 in die Augen. Er sah die Zukunft in keinem rosigen Licht!

»Amalia, muß es sein?« frug er mit einem Zittern in der Stimme und erhob flehend die Hände.

Langsam drehte sie sich um, setzte die Bierflasche ab, aus der sie eben getrunken, und sagte etwas traumverloren: »Was, sein?«

»Nun – der Verkehr – die andern Menschen – du weißt: Besuche machen, Einladungen und dergleichen kosten viel Geld, abgesehen davon, daß wir, daß ich – ach, Amalie! Es liegt wie ein Alp auf mir.«

Doch die geborene Haberstroh hörte nicht auf den Untergrundton von zitternder Angst in seiner Stimme. Sie hörte nur »Amalie« und nahm noch einmal einen Schluck, ehe sie barsch sagte: »Amalia, wenn ich bitten darf, wie oft habe ich dir das schon gesagt, aber es fehlt eben am feineren Verständnis bei dir, das ist es ja! . . . Du kommst mir nicht mehr nach! Aber mach deshalb kein so unglückliches Gesicht, du kannst doch nichts für deine Organisation, und ich bin dir auch nicht böse! Du hast es eben nicht!« Sie tätschelte ihn vertraulich, aber sehr in Gedanken und fast gönnerhaft auf die Wange. Sie hatte dabei die Art, wie man ein Kind beruhigt.

256 Gleich warf sie aber auch in alter Majestät den Kopf mit den pomadisierten Locken zurück; sie hatte sich heute entschlossen, der »umliegenden« Honoratiorenwelt den Verkehr abzutrotzen, selbst ohne Gatten, sei es, wie es wolle. Seine Einwürfe zu beachten, fand sie nicht der Mühe wert, sie ging einfach darüber weg.

»Wenn du nicht gern Visiten machst, es steht dir auch nicht an, so tue ich das allein,« sagte sie nicht ohne Würde, »ich versende auch die Einladungen, du bleibst ganz aus dem Spiel. Ich allein habe die Idee und führe sie aus, wir geben ein Kirchweihessen, verstanden? Du wirst schon Augen machen und die andern auch, was ich alles herzaubere. Was? – Manieren? – Was sich gehört? Mein Lieber, das weiß ich alles besser wie du, wenn ich auch vom Lande bin. Ich hab' den Schwung, aber du hast ihn nicht.«

Und im Gefühl, in ihren tiefsten Eigenschaften nicht gewürdigt zu werden, tat sie den letzten Schluck aus der Flasche mit einem Aufwand von Energie, der ganz wie Demonstration gegen die überflüssigen ehelichen Reden aussah. Während sie beschäftigt war, das Haargebäude zu entwirren und die einzelnen Strähne auf dünne schwarze Lockenwickel zu drehen, daß ihr Kopf bald aussah, als hätten sich dort unzählige schwarze Schnecken niedergelassen, sagte sie: 257 »Nun? – Du sagst ja nichts! Du wunderst dich gewiß?«

Der kleine Stationschef wunderte sich allerdings und drückte dies Wundern durch ein paar tiefe Seufzer aus, wobei seine trübe und unglückliche Miene sich nicht erhellte, sondern immer düsterer wurde. Schon längst schlief Frau Amalia einen gediegenen Schlaf und hatte auf ihrem großangelegten Antlitz den Ausdruck eines Triumphators, da schlich der Gatte leise von Bettchen zu Bettchen und deckte zu und wickelte ein und streckte und lockerte Kissen und rechnete, bis es ihm heiß wurde, und ihm Seufzer um Seufzer entfuhr.

Von dem Zeitpunkt dieses großen, inhaltschwangeren Entschlusses an entfaltete Frau Amalia eine unheimliche Tätigkeit.

Täglich fegte die aufgeregte Schleppe in aufgeregten Ringeln hinter ihr her durch sämtliche Räume. Täglich wurden Möbel gerückt, umgestellt, phantastisch mitten ins Zimmer hineingeschoben, zurückgerückt und wieder vorgezerrt, daß der vieljährige Staub in Schwaden aufflog und das halbausgewachsene Dienstmädchen ein immer ratloseres Gesicht bekam, wenn es von dem wahllosen Durcheinander der vielen Arbeiten weggejagt wurde, Leitern besteigen und in schwindelnder Höhe oben Vorhänge stopfen sollte, die in 258 ihren allzu sichtbaren Gebresten selbst der genialen Auffassung der Dame des Hauses bedenkenerregend erschienen.

Täglich wurde es gescholten, ohne zu begreifen warum, täglich wurde es konsternierter und konnte die Bildung weniger fassen, die Frau Amalia bemüht war, ihm einzuimpfen.

Täglich fuhr die gnädige Frau Stationschef, wie das Mädchen sich befleißigen mußte, von nun an die Dame des Hauses zu nennen, in die Stadt, täglich gab es vermehrte Bitten, Beschwörungen und Aengste von seiten des armen, ebenfalls konsternierten Gatten, gab es Lärmen, Schimpfen und Gebrüll an den Zügen, täglich wurde Frau Amalias Ruhe stoischer und überlegener, und täglich wurde auch das Gebäude der Locken höher und das Kunstwerk des Hutes bereicherter und geheimnisvoller zu entwirren. Große Pakete schleppte Frau Amalia an mit Wolken von Tüll und Schleiern und Bändern, zuletzt erstand sie in dieser duftigen Umrahmung mit einer weißen, wallenden Federboa um den Hals, und nun war sie innen und außen gerüstet, ihre Visiten anzutreten.

Sie hatte von nun an nur mehr Auge und Ohr für diese ihre Mission, wie dies alle haben müssen, die einem hehren, fernen Ziel zustreben. 259 Ja, Frau Amalia hatte ein Ziel, sie fühlte sich berufen. Ihr war es nicht gegeben, in engen Verhältnissen zu vertrauern, ihre Seele wollte die Flügel ausspannen, und sie hatte die Kraft, recht hoch zu fliegen, das fühlte sie. Was scherten sie scheele Blicke, mißgünstige Worte und enge Verhältnisse! Fort über Leichen! »Wenn man von dem einen ganz erfüllt ist – komplett erfüllt,« dachte Frau Amalia, »lebt man durch Mauern von allem Profanen getrennt, man hat nicht einmal nötig, abzuwinken.«

Freilich, mißlich blieb immer der Gatte, denn er versuchte immer wieder, ihr von Zeit zu Zeit zu wehren, sei's in traulicher Abendstunde, oder wenn sie den Kopf erschöpft auf den Pfühl legen wollte!

Im ersteren Fall, wenn er mit mißbilligendem Räuspern begann, sah sie nur mit emporgezogenen Brauen verloren im Zimmer umher oder durch ihn durch. Gewöhnlich räusperte er sich dann noch einmal, aber es war nichts Kriegerisches mehr in dem Ton, nichts Aggressives, es klang eher hilflos, verlegen. Im zweiten Fall sagte sie höchstens schlafbefangen: »Ach, red doch nicht! Kümm're dich um deine Sachen, Klaffel!« Darauf sagte er wieder nichts, denn sie fing sofort an zu schnarchen, und dann: »Klaffel« sagte sie sonst nur, wenn sie sehr lieb mit ihm war.

260 Um seine Sachen kümmerte er sich natürlich. Er kümmerte sich sogar um noch mehr; er kochte jetzt auch mit Hilfe des ganz verstörten, halbausgewachsenen Dienstmädchens, sonst wären sie wohl samt und sonders Hungers gestorben. Wo Amalia aß, und mit was sie ihres immerhin ansehnlichen Leibes Notdurft bestritt, blieb ihm ein Rätsel. Zu fragen wagte er sie überhaupt nicht darum.

Manchmal kam sie freudestrahlend heim, gebläht von Erfolg, manchmal düster dräuend wie eine Meduse, oder mit verachtungsvoll herabgezogenen Mundwinkeln. O, sie hatte Nuancen, sie fielen dem armen kleinen Stationschef auf die Nerven! So fieberhaft dem Vielbeschäftigten der Tag verging, so fieberhaft erwartete er ihr Kommen, und so eindringlich forschte er in ihren Mienen. Doch wagte er es nie, sie direkt zu fragen. Ein paar Mal hatte er nur durch eine Andeutung eine Flut von Schmähungen und einen allzu temperamentvollen Wutausbruch bei ihr ausgelöst, so daß er lieber schwieg, besonders da für ihn selbst nicht viel Gutes abfiel und er zufrieden sein mußte, wenn sie nur Notiz von seiner Existenz nahm.

So hatte er das sich steigernde wehe Gefühl, daß sie seinen Händen entglitt, daß sie nichts oder nur sehr wenig von ihm wissen wollte, und 261 daß ihre Gedanken und Wünsche sich über ihn hinausschwangen in ganz andere Regionen.

Oh, tausendmal verfluchte er den Tag, an dem er sie selbst, von hoher Freude erfüllt, der Musik in die Arme führte! Von der Stunde an begann sein Martyrium. Und betäubte er sich noch so sehr mit Arbeiten, und stürzte er sich mit schönem Mut in die grauenhafte Unordnung ringsum, oder flüchtete in sein Bureau, die Sorgen liefen hinter ihm drein, das Chaos blieb, und noch immer verzehrte ihn dazu die Unruhe um Amalias Tun in der Stadt, von dem Augenblick an, wo sie mitsamt der weißen imponierenden Boa, dem kühn plazierten Federhut und der selbständigen Schleppe unter dem Fluchen der Schaffner, halb ins Coupé eingezwängt, verschwand, bis sie mit der Miene einer erschöpften Fürstin dem Nachtzug wieder entstieg. Nein, es war keine Unruhe zu nennen, es war eine Kette von Aengsten, ein unentwirrbares Knäuel dräuender Vorstellungen. Nur ein Trost stieg von Zeit zu Zeit leuchtend aus dem schwarzen Brodem seiner Kümmernisse auf: ›Vielleicht wird es Licht, wenn alles vorbei ist.‹ Er klammerte sich an dieses »Vorbei«.

Doch wie? Wenn es mit dieser einmaligen Herbeiziehung der vornehmen Welt, die Amalia ersehnte, nicht getan war? – Der arme kleine 262 Stationschef sah Scharen von Menschen auf seine einsame Station zu pilgern, die Treppen waren belagert, die wenigen Zimmer vollgepfropft, so voll, daß die Kinder förmlich an die Wand gedrückt wurden und weder Raum noch Gelegenheit zu atmen hatten! Und er war verdammt, unter dieser Herde von Menschen seine Frau zu suchen, und fand sie nicht, und dennoch tönte aus irgendeiner Ecke ihr Gesang und lockte ihn. Nie würde das gut ausgehen, er hatte das sichere Gefühl, daß es mit einem Unglück endete.

Das waren seine bösen Träume bei wachen Augen, und er gestand sich schaudernd, daß sich seine Phantasie in immer groteskeren und schreckhafteren Bildern ergehen würde, wenn nicht endlich ein Ende der geheimnisvollen Fahrten, endlich ein Resultat erfolgen würde.

Und siehe da, eines Tages kam Amalia früher als gewöhnlich mitten in ein großes Scheuern hinein, das der kleine Gatte veranstaltet hatte, und welches das kleine, halbausgewachsene Dienstmädchen mit mehr Wasser als Umsicht betrieb.

Die Gattin brachte einen aufgeschossenen Jüngling mit, dessen Haupthaar lang und rötlich, dessen Angesicht aber, ins Weißlich-Grünliche spielend, mit langen Reihen linsengroßer brauner Flecken ornamental geschmückt war.

263 Herr Adolf oder Signor Adolfo, wie sie ihn nannte und vorstellte, ließ sich mit ihr mitten unter Scheuereimern, Wischtüchern und Wasserfluten nieder, warf die rötlichen Haarmassen über den Rockkragen, und bald widerhallte das Haus von süßen Klängen.

»Trenne nicht das Ba–a–a–a–and der Liebe,
Störe nicht der Hi–i–i–i–rten Glü–ück.«

Damit begannen die intimeren Vorbereitungen für das Fest, und nun ward Frau Amalia auch wieder zugänglicher. Sie stellte ihre Fahrten ein und fand es nun an der Zeit, den Gemahl über die Resultate ihrer Reisen zu unterrichten.

O gewiß, sie hatte Resultate gehabt. Mit einer schönen Geste zog sie eine Liste aus der Tasche, und nun begann sie Namen zu nennen – Namen, Namen, Namen –

Dem kleinen Stationschef schwindelte. Das wurde ja weiß Gott ärger, als er geträumt hatte! Ja, sie würden in Prozessionen auf sein Haus zupilgern, seine Treppen belagern, die Zimmer füllen, die Kinder an die Wand drücken, ganz wie er geträumt hatte, und wie ein Heuschreckenschwarm über Küche und Keller herfallen, die Etage verwüsten, am Ende in die Bureaus eindringen, die Geleise versperren, es war ja nicht auszudenken, was da alles passieren konnte!

264 Und dazu lachte sie! Lachte ihn einfach aus! »Komisch bist du, Klaffel,« sagte sie, und das vor dem rothaarigen Jüngling, der nun jeden Tag im Hause Stackebein erschien und, ausgehungert, wie er schien, nicht eher von dannen zog, bis er einen ausgiebigen Happen erwischt hatte.

»Großer Gott, der nimmt ja den Kindern das Brot weg!« seufzte er öfter.

»Du freilich denkst nur ans Materielle,« wies ihn Frau Amalia kurz zurück.

Doch das älteste der Kinder rief einmal geärgert, als es mit einem Butterbrot vorliebnehmen mußte: »Onkel Adolf, nimm dein' Hut und geh, du ißt uns alle Wurst auf!«

»Die wird wie du!« schleuderte ihm Frau Amalia entgegen, »die denken alle nur ans Essen. Schau sie doch an! Da sitzen sie rundum herum und sperren die Augen und die Mäuler auf und sehen zu, wie wir andern essen. Pfui! Ich werde ihnen schon andre Ideale einimpfen, was, Signor Adolfo?«

Und Adolfo senkte das präraffaelitisch frisierte, interessante grünliche Haupt fast unmerklich in fein nuancierter Beipflichtung, riß das schmalbelippte, karpfenähnliche Maul auf, dem in rascher Folge Wurst, Salat und Kartoffeln zugeführt wurden, wobei der große, knochige Adamsapfel, ein Objekt anziehenden Grauens 265 für die Kinder, rhythmisch auf- und abstieg. Gewiß, er aß für drei, das gestand selbst Frau Amalia zu, aber er sang für fünf. So was von Ausdauer war unerhört. Er sang sogar Frau Amalia nieder, und das wollte etwas heißen! Direkt nach dem Essen, noch knödel- oder kartoffelbeschwert, klang es schmelzend von seinen breitgezogenen Karpfenlippen:

»Silberlicht – a–weiche nicht,
A–leite des Geliebten Schritte,
Hin zu dieser stillen Hütte,
Wo an seines Mädchens Brust
Ihn erwartet Himmelslust.«

Oder mit ihr vereint:

»Teures Weib, gebiete deinen Tränen,
A–nach der Feldschlacht geht mein heißes A–sehnen,
Diese Arme schützen Pergamus.«

Das dauerte, bis der Mitternachtszug andonnerte und der kleine Stationschef vor Uebermüdung fast vom Stuhl gefallen wäre, denn es schickte sich doch, daß er dabei saß, wenn sie Duette sangen. Der singende Jüngling sprang dann auf, elastisch wie ein Gummiball, trank rasch sein Bier aus, stürzte sich in seinen schäbigen Ueberzieher, und eins – zwei – drei war er mit seinen langen Beinen über die Treppen hinunter und kam, o Wunder, ganz im Gegensatz zu Frau 266 Amalia, nie zu spät; die Türen klappten, und davon fuhr er, um am nächsten Spätnachmittag ebenso beharrlich wieder aufzutauchen.

Nicht als ob der kleine Stationschef gar Böses vermutet hätte, er kannte doch Amalia, und wußte, wie hoch ihre Wünsche flogen. Dahin würde sie sich niemals verirren, glaubte er. Aber er, der ihr Herz und ihre Seele in den Händen zu haben wähnte, sah jetzt, daß diese seine Hände leer waren und daß sich der dünnbeinige Jüngling mit der Giottofrisur gebärdete, als habe man ihm dies Amt des Hütens aufgedrängt.

Trotzdem wußte er sicher, sie schätzte den Giotto, wie sie ihre Gitarre schätzte, und sie gab ihm zu essen, wie sie ihrer Gitarre oder ihrer Zither neue Saiten aufzog, gewiß. Aber er war schon ein wenig eifersüchtig auf die Gitarre gewesen, und nun bereitete ihm dies breitgezogene Karpfenmaul, aus dem die süßen Töne mahnend klangen:

»Störe nicht der Hi–i–i–i–irten Glü–ück,«

wahrhaften Schmerz, den Schmerz des Depossedierten, (alles natürlich, ohne Amalia etwas aufzubürden).

Und nicht bloß, daß sie zusammen sangen und aßen, nun dekorierten sie auch zusammen.

»Ich will auch mithelfen,« plusterte sich der kleine Stationschef auf.

267 »Du? – Geh doch in deinen Dienst! Du hast ja immer Dienst! Du hast ja keine Zeit. Und wir verstehen das auch viel besser!«

Wir verstehen das auch viel besser!‹

Da ging er. Drunten saß er und schaute dräuend zur Decke empor und horchte auf jeden Ton. Nicht auf die Kinder, wie sonst, die rannten ja auf einmal dem neuen Onkel nach wie dem Rattenfänger von Hameln. Auch da war er abgesetzt oder nur Popanz. Der Onkel prügelte nicht und sang so schön.

»Warum kannst denn du nicht so schön singen wie der Onkel Adolf?« Oder: »Gelt, du kannst gar nichts?« Oder: »Ach, bist du ein langweiliger Papa.« Auch die Kinder hatte er verloren, er war ganz allein.

Er saß allein da und horchte auf das Reden und Lachen oben, auf das Hin und Her, das Trällern und Singen, auf die leichten, förmlich beschwingten Schritte, das Leiter auf und Leiter ab, die gedämpfte Fröhlichkeit, die förmlich durch die Decke sickerte.

Beinahe das ganze Föhrenwäldchen hatten sie zur Dekoration herbeigeschleift.

»Es muß originell werden,« sagte Frau Amalia. Die Wände waren mit Föhrenzweigen verkleidet, dazwischen wurde Fahnentuch gespannt (vom Speicher des Aerars genommen, er hatte es 268 widerstrehend gegeben!); sogar auf den Boden hatten sie Zweige gebreitet und darüber weißen Sand gestreut. Nun mußten noch Tafeln aufgestellt werden. Frau Amalia in ihrem Taumel wollte sich an den Bureautischen vergreifen, aber da wehrte er sich mit allen Kräften. Das ging zu weit! Wie eine Löwin ihr Junges verteidigte er seine langen Tische!

Die betörte Gattin zuckte verachtungsvoll die Achseln. Da nahm man eben die Wirtstische vom »Roten Ochsen«, die ihren Winterschlaf im »Salettl« hielten. Was focht sie's denn an, daß man nun auch die Wirtin selbst in Kauf nehmen mußte?

Dem kleinen Stationschef, der etwas auf Rang und Stand hielt, gab's freilich einen Riß.

»Amalia, ist das eine höhere Sphäre?« sagte er nicht ohne hintergründigen Groll in der Stimme. »Was hat denn Frau Anastasia Grünstäudl, die Wirtin vom ›Roten Ochsen‹, bei uns zu tun?«

»Ach was! Der Reiz beruht in den Gegensätzen, sagt Herr Adolf, und wenn ich (ich, sagte sie!) die Ehre habe, die Frau Bezirksamtmann zu empfangen, so wird das wohl eine höhere Sphäre sein mitsamten der Ochsenwirtin!«

Daß Amalia es fertiggebracht hatte, diese exklusive und gefürchtete Frau »Gnaden Frau Bezirksamtmann« für ihr Haus zu gewinnen, 269 erfüllte ihn allerdings mit hoher Bewunderung. Da ließen sich die anderen Absagen, die auf einmal massenweise eintrafen, leicht tragen. Ja, es war ihm recht, daß die Gäste weniger und weniger wurden, es kostete sowieso Geld genug. Aber Amalia, einmal entfesselt (wie hatte sie nur das Bezirksamt berannt!), gab nicht nach, bis einige unter Hinblick auf die Frau Bezirksamtmann wieder zusagten, in die andern Lücken rückten nun die Frauen und Schwestern der Lehrer der Umgegend ein, die damit gekitzelt wurden, ihr möglichstes an Toilette zu leisten: »Frau Bezirksamtmann wird uns nämlich die Ehre geben.«

In der Fama des Ortes nahm die Einladung bei Stationschefs immer größere Dimensionen an. Man sah doch die Kisten und Kasten, die ankamen, man schnüffelte an den Briefen herum, man hörte das Singen und Jubilieren!

Soweit war alles in Ordnung, die Duette und die Sologesänge:

»Fahr mich hinüber, schöner Schi–iffer,
Nach dem Rialto fahre mich.«

und:

»Fern im Süd das schöne Schbanien,
Schbanien ist mein Heimatland«

klappten wundervoll; in der Mägdekammer standen hohe Kisten prall voll mit Würsten aufgestapelt, und das stets hungrige und stets eßbereite, 270 halbausgewachsene Dienstmädchen schnupperte lüstern, so oft es ins Bett stieg; das Bier lag reihenweise in Flaschen im Keller, die Schmalzkübel blähten und die Mehltruhe bog sich in der engen Speisekammer. Des Stationschefs alter schwarzer Rock war aufgebürstet, geschwärzt und für tadellos befunden worden, der Salon erstrahlte in frischgewaschenen »Gehäkelten«, und Frau Amalia war mit der ihr eignen Grazie beschäftigt, an alle Stellen der Wand, wo die Tapete fleckig und zerrissen war, riesige japanische Fächer anzunageln, und siehe: ihr Werk war gut. Nur eines, Frau Amalia rang noch mit der Toilette. Ein »seidenes« mußte es sein, ohne Frage, sie besaß aber keines außer ihrem weißen Brautkleid, das ihr nicht ganz geeignet erscheinen wollte. Jedoch ihre Größe und ihre Vorurteilslosigkeit setzten sich auch über dieses Hindernis siegreich hinweg. Mit einem kühnen Satze sprang sie förmlich in die stäbchengepanzerte Taille, die in allen Nähten krachte. Vorne war der Rock allerdings bedeutend zu kurz, dafür war er hinten um so länger, und um so pompöser wirkte die Schleppe, die sich nicht selbständig gebärdete, wie die andere, sondern mächtig und majestätisch im Rhythmus Frau Amalias hinter ihr drein rauschte wie ein weißer Katarakt.

Der kleine und in manchem korrekte und 271 ängstliche Stationschef meinte zwar, zu einer Kirchweiheinladung mit Würsten, Kücheln, Kraut und Doppelbier gezieme sich eine andere Toilette, doch Frau Amalia wehrte ihm verächtlich.

»Ich bin nicht so kleinlich wie du. Du hinderst immer meinen Schwung.« Ja, es wurde ihm bedeutet, sich in nichts einzumischen, was den »Schwung« angehe. Wollte er etwas tun, konnte er ja das Dienstmädchen unterweisen und die Kinder an Artigkeit und feines Benehmen gewöhnen.

»Was?« protestierte der Gatte, »vor Torschluß soll ich die Kinder umerziehen? Und tu' ich etwa sonst nichts? Ich spüre meine Beine nicht mehr vor lauter Auf und Ab und Hinter und Vor, Bureau, Küche, Keller, Speisezimmer.«

»Und mehr nicht?« lächelte spitz Frau Amalia. »Sieh doch, was ich leiste! Aber das kannst du eben nicht einschätzen. Es ist doch das wenigste, was ich von dir verlangen kann, daß du deine Kinder so herpolierst, daß man sie aufzeigen kann.«

Da sie gebot, versuchte er es. Aber es wurden Tage des Schreckens und des Entsetzens für ihn. Nicht eines brachte er dazu, nur ordentlich sein Kompliment zu machen, vom Hochdeutschsprechen, auf das Amalia besonderen Wert gelegt haben 272 wollte, keine Rede! Kriegte er denn noch keine weißen Haare? Wurde er denn nicht sichtlich magerer? Oh, nichts von alledem, trotz der Kümmernisse und Niederlagen von allen Seiten. Nicht einmal diese Befriedigung gönnten die neidischen Götter dem kleinen geplagten »Klaffel«. Seine Bürste stach noch immer strohblond und dicht wie ein Igel»pelz« in die Höhe, seine Wangen rundeten sich rosig und sein Bäuchlein blieb. Auch der immer elegischere Ausdruck vermochte ihm nicht das Ansehen eines robusten, untersetzten, gesunden Bajuvaren zu nehmen. Und doch war ihm zumute wie vor den großen Ereignissen, die eigentlich Frau Amalia persönlich betrafen (ja noch schlimmer!), nur daß er jetzt nicht mit einem neuen Stackebeinchen, sondern mit der Einladung schwanger gehen mußte. Frau Amalia dagegen benahm sich genau so, wie sie sich stets vor der drohenden weiblichen Katastrophe benommen hatte. Sie dachte gar nicht an ein Mißlingen, sie kannte keine Angst – sie schlief wie ein Sack und schnarchte, während er sich ruhelos hin und her wälzte, schnarchte das gediegene Schnarchen, von dem man ihm erzählt, das er aber selbst nie vernommen hatte. Sie trällerte beim Aufstehen, sie hatte Appetit für zweie, ja ihre Laune stieg fortwährend wie ein Barometer bei hohem Druck.

273 Dagegen erlitt er alles am eigenen Leibe, er, der stets in Aengsten einhergehen mußte, der bald über die Stiegen hinaufraste, um an den Kindern herumzuexerzieren, bald wieder abwärts sauste und im Bureau herumlief, immer gehetzt war, immer voller Angst und Schrecken.

Gott! Wie sollte das werden, wenn sich die Verwirrung bei ihm steigerte? Er richtete ja nirgends mehr etwas aus, die Diätare schauten ihn oft grinsend und oft mit ganz blöden Augen an, ja, in ihren Blick kam der Ausdruck äußerster Unsicherheit, fast der der Furcht. Was ging denn mit ihm vor? Redete er laut, oder gab er verworrene Befehle? Kein Wunder, er kam sich ja selbst wie ein Nachtwandler vor, er war wie verwechselt, nur in seinem Innern jagten sich die Gedanken, ja die Projekte. Er sah sich in schönem Wüten an der Arbeit, den zähen, karpfenmäuligen Schmarotzer an die Luft zu setzen – nur Geduld, kam der ominöse Tag, nein, war er vorüber, dann kam seine Zeit, und er wünschte das Fest mit zitternder Ungeduld heran, um es gleich wieder feig abzuwehren. Es war ihm, als stände er vor einem Unheil, das herbeieilte wie eine sturmgepeitschte, unheilschwangere Wetterwolke, es kam mit Windeseile heran und war nicht aufzuhalten.

Vergebens sagte er sich vor, daß es kindisch sei, solchen Lappalien eine Bedeutung beizulegen, 274 weit, weit über ihre Natur hinaus, da saß es ihm eben im Genick und peinigte ihn und ließ ihn nicht mehr los.

»Du wandelst an einem Abgrund hin,« sagte sich hellseherisch und mit gesträubtem Haar der kleine Stationschef; man sieht, auch seine Seele entbehrte nicht des Schwungs, nur wurde dies stille, gute und bescheidene Seelchen von Frau Amalia nicht erkannt und noch weniger von dem rothaarigen Adonis, der täglich mehr Pomaden und Oele auf seine Stiften schmierte, je näher das Fest rückte. Wenn das so fortging, mußte er an diesem großen Tage in einer Lake von Fett sitzen.

Täglich ging Frau Amalia in königlicher Haltung Probe durch die »Festräume«, immer im weißen Atlaskleid, das schon eine bedenkliche Farbe anzunehmen begann. Im »Speisezimmer« stand schon die Tafel fix und fertig gerüstet, man aß in drangvoll fürchterlicher Enge in der Küche, die Wirtstische waren mit Leintüchern überdeckt, da die Ochsenwirtin nicht mit ihrem Damastzeug hatte herausrücken wollen. Es sah aber auch so mit den kühn auf das Weiß hingeworfenen Föhrenzweigen sehr apart aus, und niemand würde wohl an das mangelnde Tafeltuch denken. Teller, Bestecke und Gläser waren längst aufgestellt und zeigten schon eine leichte Staubschicht, die 275 Kinder wurden immer unbändiger, das halbausgewachsene Dienstmädchen immer konfuser, der Herr des Hauses immer schlafloser, nur die Dame Amalia wandelte unverbrennlich wie der Vogel Phönix durch all die Feuer. Da traf eine Hiobsbotschaft ein – der kleine Stationschef bekam Dienst für diesen Tag! War er nicht hilflos allen bösen Mächten preisgegeben? Wie sollte er Amalia beibringen, daß sie ihr Fest nun verschieben müsse?

»Natürlich, es erheischt es doch unwiderlegbar –« vor lauter Angst drückte er sich unmöglich aus –, »daß du das Fest verschiebst,« sagte er.

Frau Amalia hob die runden Achseln sehr hoch, fuhr mit dem Zeigefinger ein paarmal auf der Stirne hin und her und meinte dann in gemacht nachlässigem Ton, der aber sehr hintergründig klang: »Warum? – Du hast doch eigentlich nicht direkt etwas dabei zu tun! Von drei bis fünf hast du so wie a so frei, das genügt epper doch zum Empfang und zum Beginn des Mahles; ich hab's für drei Uhr eingeladen.«

So sah denn Stationschef Stackebein, angetan mit dem langschößigen Uniformsrock und der bedeutsamen roten Vorstandsmütze, dem Zug, der um drei Uhr zwei Minuten von der Kreisstadt eintraf, Gnaden Frau Bezirksamtmann und ihre Busenfreundin, Frau Apotheker Langenwandel, 276 entsteigen, nebst einigen andern Gästen, die sich separiert hielten. Die Damen brachten gute Laune mit, das heißt Frau Bezirksamtmann und Frau Apotheker. Sie schienen über alle Maßen freudig gestimmt, kicherten in die Taschentücher und winkten ihm, der mit der gewaltsam angezwungenen Amtswürde dort stand, übermütig zu, ja warfen ihm Kußhände hinüber und dokumentierten somit ihm, der sie ja eigentlich nicht kannte, sofort ihre Freude und Heiterkeit; dann rauschten sie lärmend die Treppen hinauf. Jedoch sie kamen nicht allein, in ihrem Gefolge befanden sich ein paar sehr lustige junge Herren, die ihr Monokel einkniffen und sich das Stationsgebäude sowie den kleinen Stackebein mit dem langen Uniformsrock sehr gründlich ansahen. Die zwei kannte er nicht einmal vom Sehen und konnte sich auch gar nicht denken, wie sie auf die Liste geraten waren. Nein, die waren überhaupt nicht auf die Liste gekommen, die waren gar nicht eingeladen, die drängten sich nur so auf! Das Blut stieg ihm zu Kopf, und seine beamtliche Korrektheit bäumte sich mächtig auf. War denn sein Haus ein Wirtshaus und seine Frau eine Wirtin, zu der man beliebig lief und, wenn einem gerade die Laune danach stand, mitbrachte, wen man wollte? Das ging denn doch zu weit! Ein Schmarotzer war ihm schon mehr als genug.

277 Er übergab rasch das Bureau der Hut seines Untergebenen, der mit gespitztem Maul und gespitzten Ohren am Fenster stand und lieber zehn Augen gehabt hätte anstatt zwei, stieg, ganz Würde und Protest, mit sehr scharfem, hartem Tritt die Treppenstufen empor, man hörte seinen Unmut aus jedem neuen Aufsetzen seiner starken ortsüblichen Stiefel. Vergebene Liebesmüh, die kümmerten sich nicht um ihn, stiegen nur laut lachend voran. Der Gang war erfüllt von einem Gesurre und Gesumme und Gekreisch, das aus dem Salon herausdrang, einem Lärm und Geschnatter, daß der Hausherr instinktiv zuerst nach der Küche flüchtete. Unter der Küchentüre stand das halbausgewachsene Dienstmädchen, den Zeigefinger im Munde, angetan mit einer weißen Schürze, die viel länger war als das Kleid und schon deutliche Spuren der verschiedensten Tätigkeiten aufwies, und horchte entgeistert auf das Stimmengewirr. Hinter der zerzausten Maid, die auf ihren schlechtgekämmten Haaren ein weißes gekräuseltes Häubchen schief trug, sah der entsetzte Vater sieben verwirrte Kinderköpfe, nein, keine Köpfe, sieben ganze Kinder kamen zum Vorschein, und wie sahen sie aus! Er vergaß augenblicklich seine vorigen, beinahe heroischen Zorneswallungen, alle Männlichkeit ging dem kleinen Stationschef verloren, er hätte heulen können vor Schmerz. Wie 278 sahen sie aus! Nicht eines war angezogen! Wo waren denn die sensationellen Gewänder, die Frau Amalia hatte zurechtschneidern wollen? Sie waren ja alle in den Hemden, und in was für Hemden!

»Gleich ziehst sie an,« herrschte er das geistesabwesende Dienstmädchen an, »was sollen sie für Kleider anlegen?«

»Keine,« bemerkte lakonisch die weißbemützte Maid.

»Was?« schrie er entsetzt.

»Die gnädige Frau Stationschef hat gesagt, gibt es nicht; auch keine Schuhe und Strümpf nicht, sie sollen kommen wie die Engerln.«

»Was? Mit dene Füaß?« Der kleine Stationschef fiel fast um vor Schrecken; er vergaß sein ganzes Hochdeutsch. »Glei wascht es ihnen ab, du –« Perle der Reinlichkeit nannte er sie nicht, und zart drängte er sie auch nicht hinter die Küchentüre. Das waren Instruktionen! Er zitterte vor Aufregung und Angst.

»Der Herr Adolf hilft mir die Kinder anziehen,« bockte das Mädchen, »und Sie sollen gar nicht hereingehen, hat d'Frau g'sagt.«

»So! Auch gut.« Als er endlich zur Begrüßung in den Salon trat, klopfte sein Herz vor Wut, vor Weh und Angst vor dem Kommenden so laut, daß er nur ein wildes Brausen in und um 279 sich vernahm. Er sah auch gar nichts beim Eintritt, so stimmungsvoll düster präsentierte sich der Salon an diesem Spätoktobertag, wo der Nebel in Schwaden vor den Fenstern stand.

Amalia sprang sofort von ihrem Sessel auf und dirigierte ihn; neckisch wie ein junges Bräutchen tätschelte sie an ihm herum. Wie schön sie war in dem weißen Kleid mit den Efeugewinden im Lockenhaar! Der kleine Stackebein fühlte eine Art wehmütiger, hoffnungsloser Bewunderung, doch sie ließ ihm keine Zeit, mit starker Hand – sanft war's zwar anzusehen – drängte sie ihn nach dem Sofa und raunte ihm zu: »Nicht so linkisch, die Frau Bezirksamtmann begrüßen! Mach! Schnell!«

Dort, wo der große, rote japanische Schirm aufgehängt war, thronte auf dem Sofa mit den »diversen« neugewaschenen Gehäkelten die rundliche, angenehm zur Fülle neigende hochblonde Frau Bezirksamtmann von Riedißer, geborene Gräf von Gräfenstein. Huldvollst, wie um seiner Schüchternheit vorzubeugen, hatte sie schon von weitem den uniformierten Herrn des Hauses mit dem Lorgnonstiel zu sich beschieden und betippte nun mit dem entgegengesetzten Ende seine Schulter. Neben ihr auf dem Sofa räkelte sich einer der bemonokelten, uneingeladenen Dandys und roch parfümiert auf zehn Schritte. Aber der kleine 280 Stationschef sagte nichts von Manneswürde, Wirtshausart und Arroganz, wie er vorgehabt, er dachte gar nicht mehr daran, daß die jungen Herren in den verblüffenden Gehröcken und erstaunlichen Krawatten nicht eingeladen waren. Er hatte andres zu tun. Vorerst sich nach seiner Frau umzusehen, sie mußte doch – nein! Das war ja unglaublich, sie stellte nicht vor! Also dienerte er allein und beteuerte der Frau Bezirksamtmann von Riedißer, geborenen Gräf von Gräfenstein, zweimal, daß er der Stationschef Stackebein sei, und daß es unglaublich, ja – daß es unglaublich – und daß es eine große, große Ehre sei – und dann kam er endlich zum Sitzen, und zwar ließ er sich auf der äußersten Stuhlkante nieder, und seine kurzen Beinchen suchten an den Stuhlbeinen Halt. So ließ er den Wortschwall der geborenen Gräf von Gräfenstein über sich ergehen und hielt den belorgnonten Blicken stand, die ihn fast zutraulich-frivol anblinzelten. Zu antworten, ja überhaupt zu reden brauchte er ja nicht. Der Dandy auf dem Sofa und der Dandy nebendran sekundierten, antworteten, lachten, zwinkerten, regten etwas Neues an, kurz, es kam ihm vor, als machten sie sich in ihrer übertriebenen Höflichkeit über ihn lustig. Es ging ihm wie ein Mühlrad im Kopf herum, der Uniformkragen war zu eng, das Zimmer zu heiß, der selten 281 geheizte Ofen verbreitete einen übeln Geruch, und er saß dicht neben diesem übelriechenden Ungetüm, das förmlich Wärme spie; seine Augen suchten rastlos nach Signor Adolfo, und konnten ihn nicht entdecken, eine furchtbare Angst und Beklemmung kam über ihn. Bald war der arme Hausherr naß vom Kopf bis zu Fuß.

So ungefähr sprach die Frau Bezirksamtmann: »Eine ideale Frau, diese Frau Amalia, Herr – Herr Stackebein, Ihre Frau, die ich bis jetzt nie in Gesellschaft getroffen, und die niemand kennt, schade! Wie eine Dryade sieht sie aus, nicht, Röchling?« und tippte den einen der korrekt gekleideten Jünglinge an. »Wissen Sie, kleiner Schäker, überhaupt, was eine Dryade ist? Wie eine Sappho eher, meinen Sie? Hm – ja, die Figur stimmt nicht ganz zur Dryade? Oder Ophelia? Und wie sie repräsentiert! So apart, so nonchalant! Wie eine Amerikanerin bleibt sie im Schaukelstuhl liegen. E–minent finde ich das! Und verspricht uns Konzert und Fête champêtre, und dies Talent blüht im verborgenen? Wie haben Sie sie denn entdeckt, mein lieber Herr Stationschef? Wo haben Sie sie kennen gelernt? Was ist sie für eine Geborene? – Was? – Ich verstehe nicht recht. Röchling, sagen Sie, was hat er gesagt? Haberstroh? – Ausgezeichnet. Hören Sie, Ritter von Haber? 282 Am Ende sind Sie verwandt! Und der Stand? Den Stand der Eltern meine ich? Wissen Sie, Verehrter, das interessiert mich vom völkerpsychologischen Standpunkt aus. Grinsen Sie doch nicht, Röchling! Was sagte der Wackere? Gutsbesitzer? Famos! Prächtig! Ja, sie hat so was – so einen Erdgeruch, etwas unnachahmlich Rustikales. Großgrundbesitzer, mein Bester, oder Kleingrundbesitzer? Ah! – so mittendurch! Bon! Merken Sie sich das Wort, von Haber, mittendurch, ein feines Wort! Die Apothekerin soll auch herkommen und nicht nur stumm an dem ganzen Tisch herumblicken. Das ist die Dame, mein Lieber, die so fabelhaft einfach aussieht gegen Ihre übrigen Gäste. Wer ist denn zum Beispiel, hm – dieses weibliche Wesen mit dem grasgrünen Kleid und den Goldknöpfen vorne, das ein so volltönendes Organ hat beim Lachen, und den Kopf zurückwirft, damit man alle Zähne und alle Lücken besser sehen kann? Leider nur die Wirtin vom ›Roten Ochsen‹? O, schadet nichts! Es ist ja himmlisch, daß wir gekommen sind, nicht, Apothekerin, es macht uns rasend Freude?! Und die verschiedenen Damen in den ehrwürdigen Schwarzseidenen? Lehrersgattinnen? Und die bebrillten Begleiter sind wohl die Gatten? Sie sehen sich alle so ähnlich, verwechseln Sie die Damen da nicht manchmal? Von 283 Haber, es ist ein so eigentümlicher, ungewohnter Geruch hier, öffnen Sie doch ein Fenster, mir ist zu heiß!« Und die korpulente Dame streckte den mächtigen Busen atemringend vor, fächelte sich Luft mit dem Taschentuch zu und blickte kokett auf ihre kurzen, dicken, pferdehufähnlichen Füßchen, die in nagelneuen, prallsitzenden Knopfstiefeln mit sehr hohen Absätzen staken.

Alles sah immer wieder nach ihr hin als nach dem Mittelpunkt des Festes. So viel geredet, geschwätzt, gelacht und gelächelt wurde, sie legte den Gästen bis jetzt doch einen gewissen Dämpfer auf. Die Wirtin mit dem grasgrünen Kleid, das mit Goldknöpfen geschlossen war, ließ sogar die Faust sinken, mit der sie nach alter Gewohnheit auf den Tisch hatte hauen wollen. Allmählich wurden überhaupt die Reden stiller und seltener, das Räuspern mehrte sich, die Wirtin vom »Roten Ochsen« gähnte sogar sehr laut und gar nicht mißzuverstehend. Es ging auf halb vier Uhr, und Frau Amalia machte keine Anstalten, die Gäste in die innern Gemächer zu führen. Vergebens bat, mahnte, ja drohte der kleine Stationschef mit den Augen, er saß wie auf Kohlen, doch ungerührt wippte die Gattin in dem weißen Brautkleid, das so kindlich kurz war, mit dem wilden Efeukranz im wirren Gelock, auf dem Lehnstuhl auf und nieder – ein Engel ging 284 durch das Gemach mit den Gehäkelten, sogar Frau Bezirksamtmann schien erschlafft, doch raffte sie sich bald wieder auf.

»Wie viele Kinder haben Sie, mein lieber Stationschef? Zehn? Nein? Nur sieben?«

Und wie wenn dies Wort ein Zeichen gewesen wäre, öffneten sich die großen Türen zum Eßzimmer, und unter Führung des Herrn Adolf, der pomadisiert und geölt war wie nie zuvor, einen unglaublich weiten schwarzen Rock trug (›wo hat er den nur aufgetrieben?‹ sagte sich der kleine Stationschef, ›weiß Gott, es ist meiner,‹ brüllte es in ihm, und er ward rot vor Wut) wie ein Waisenhauslehrer anzusehen, erschienen, nein fluteten, der Größe nach aufgestellt, sämtliche kleinen Stackebeins herein.

Einen Augenblick war alles totenstill, denn sämtliche kleinen Stackebeins –, dem Vater sträubte sich das Haar! waren vollständig nackt. Mochten sie nun gewachsen sein, wie sie wollten, nicht immer Putten und Amoretten vergleichbar, sie waren und blieben splitternackt; gerade nicht tadellos, aber ein wenig gewaschen, schoben sie ihre runden Bäuchlein vor – Vaters Erbteil – und wackelten auf Vaters O-Beinen, sahen entgeistert mit seinen wasserblauen Augen um sich, mit Gesichtern, aus denen die Angst den letzten Rest von Kindlichkeit genommen hatte. Alle 285 hielten sie die eine, die linke Hand aufs Herz, und in der rechten trugen sie einen papierenen Palmwedel, was sie nicht hinderte, von Zeit zu Zeit entweder mit der Herzhand oder gar mit der Hand, die den Palmwedel trug, sich die Nase zu wischen. Nachdem alle sieben ein paarmal gepreßt aufgeschnauft hatten, begannen sie im Schulton:

»Ihr werten Gäste kommt zu Tisch,
Nicht Braten gibt's zwar und nicht Fisch,
's ist nur ein leckrer Kirchweihschmaus,
Den bietet frohbeglückt dies Haus.
Laßt euch gut schmecken Brot und Wurst
Und Küchel auch, Bier für den Durst.
An hehren Gaben, wie Musik,
Soll weiden sich gleich Ohr und Blick.
Willkommen also allzumal,
Und tretet ein in unsern Saal.«

Hier schnauften wieder sämtliche Sieben tief auf wie vorher, nur war Erleichterung in dem Seufzer, machten linkische Knickse und schnell kehrt und marschierten wieder in der Größenreihenfolge zurück. Man hätte nicht sagen können, daß ihr Anblick von hinten mit den vierzehn rot- und blaugefrorenen, sehr drallen Hinterbäckchen über den O-geschwungenen Beinen schöner und ästhetischer gewesen wäre als der von vorne, auch 286 waren sie nicht gewaschener dort – doch das schöne Auge Frau Amaliens ruhte schwärmerisch auf ihrer Schar und verklärte sich: »Meine Schätze und Kleinodien,« rief sie der Frau Bezirksamtmann bedeutsam über das Zimmer herüber zu, die mit dem Lorgnon den Zug verfolgte, bis er sich in einer Ecke des Eßzimmers verlor.

»Ha, wahrlich, Beste! Strahlende Kleinodien!« rief diese entgegen. »Einzig! Einzig! Aber ich dachte, es seien zehn! Nur sieben? Schade! Doch trösten Sie sich, was nicht ist, kann noch werden, Ihnen traue ich das zu, Verehrte! Entzückend! Entzückend!« Sie sagte »entzickend«, sprach sich aber nicht deutlicher aus, was sie entzückend finde, jedoch Frau Amalia enthusiasmierte sich so sehr über das, was bei ihr anerkannt wurde, sowohl was ästhetischen Sinn, als was ihre speziell weiblichen Leistungen anlangte, daß sie schnell die Frau Bezirksamtmann von Riedißer, geborene Gräf von Gräfenstein, unterzufassen kriegte und sie lebhaft nach dem Eßzimmer zu drängte. An der Schwelle rief sie über die Schulter der Frau Bezirksamtmann zurück, in schöner Einfachheit, ein wenig gönnerhaft: »Kommt's! So kommt's doch alle!«

Der kleine uniformierte Herr des Hauses, vollständig aus dem Konzept gebracht durch die unerwarteten und ihm ganz entsetzlichen Dinge, die 287 auf ihn eingestürmt waren (seine Kinder nackt präsentiert! Die Leute würden sagen, weil sie keine Kleider haben, er hatte die Gesichter gesehen!), suchte verwirrt nach der Apothekerin, dem zweitvornehmsten Gast, um sie zu Tisch zu führen.

Doch die magere Dame mit der spitzen Nase rauschte an ihm vorbei, (sie mußte seidene Unterröcke tragen, dem einfachen Wollkleid sah man freilich so was nicht an) wie wenn er Luft wäre. Sie hatte die knöchernen Ellbogen wie zwei Tassenhenkel nach auswärts gestreckt, und an jedem Henkel hing ein feudaler Jüngling, alle drei sahen sich fast starr in die Augen und prusteten dann in aller Vergnügtheit laut heraus.

In der Verwirrung, mit ganz rotem Kopf, kriegte der kleine Stackebein die Wirtin mit dem grünen Kleid zu fassen, die gleich schallend lachte: »Na, so was! So was! Das war no nie net da! Als a ganz Nackeder! Jessas! Jessas! Gell, Sie schamen Ihnen? – Jetzt aber schnell was z'mampfen, mir fallt der Magen raus.«

Er war blutrot vor Zorn, hielt aber noch an sich. Das war Adolfs Werk! Eine böse Wut gegen den Jüngling, der seinen schwarzen Rock trug, begann immer mächtiger in ihm aufzusteigen und sich zugleich auch auf Amalia auszudehnen. Das ging zu weit, das ging offensichtlich zu 288 weit! Sie war irregeleitet, aber warum ließ sie sich denn überhaupt von diesem leiten? Das brachte doch kein anderer bei ihr fertig. Seine Kinder nackt! Wie ein Automat marschierte er neben der dicken Wirtin her, die ihn aufzumuntern suchte: »Sie werden doch net beleidigt sein? O gehngens! Sie san ja nudelfett, die Kinderlen, ma' kann sie schon sehen lassen!«

Aber dann bemerkte sie, daß noch nichts auf dem Tisch aufgetragen war. »No?!« sagte sie auffordernd und durchaus mißvergnügt zu dem Hausherrn und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl nieder.

»Was geht denn jetzt noch vorher los?« fragte sie sehr laut und indigniert, als Herr Adolf mit der Gitarre auftauchte.

»O! o!« stöhnte resigniert die dicke Wirtin, denn Frau Amalia gesellte sich dem Jüngling mit den roten Haaren zu, nachdem sie mit einem kühnen Bogen ihres rechten Fußes die sieben »englischen«, rot- und blaugefrorenen Sprößlinge, die sich zu einem Klumpen in einer Ecke des Eßzimmers zusammengeballt hatten, förmlich hinausgekehrt hatte, nicht ohne daß die Jugend protestiert und lebhaft nach hinten gebockt hätte.

»Gib ihnen g'scheit Bier, Resl!« rief sie noch in den Gang hinaus, dann lehnte sie träumerisch am Fenster neben dem pomadisierten Jüngling, 289 der seine geschlitzten Augen so weit als möglich aufriß, sein Karpfenmaul auf und zuklappte, und nun begann's.

Sie:
»Will sich Hektor ewich von mir wenden,
Wo Aschill mit den unnahbar'n Händen
Dem Batroklus schrecklich Opfer bringt?«

Er:
»Deires Weib, gebiehde deinen Drähnen,
Nach der Feldschlacht geht mein heißes Sehnen,
Diese Arme schützen Pergamus.«

Die Apothekerin spitzte den Mund, blickte mit hochemporgezogenen Brauen zur Decke hinauf und stieß einen kleinen pfiffähnlichen Schrei aus.

»Phänomenal!« sagte die Frau Bezirksamtmann und ließ sich auf den Sessel fallen, daß er in allen Fugen krachte. In ihren Augen über dem weißen Taschentuch standen Tränen.

Ueberhaupt kamen jetzt ungemein viele Taschentücher zum Vorschein; man schneuzte, man räusperte sich, und bei dem nächsten Duett:

»Trenne nicht das Ba–a–a–a–and der Aliebe,
Störe nicht der Hi–i–i–i–irten Glü–ück!«

kam in die Gäste ein unwiderstehliches Hinstreben nach den Sitzen, ohne daß die vom Geist berauschten Singenden es gemerkt hätten. Als es aber immer unruhiger, immer lauter zu werden 290 begann, schlich der Stationschef mit gesträubtem Schnurrbart in die Ecke, »schnitt« den »Hi–i– i–i–irten« und hauchte: »Amalia, es ist zu viel.«

Amalia funkelte ihn an.

Und nochmals nahm er einen Anlauf: »Amalia, sie wollen essen.«

Doch die Gattin stampfte nur mit dem Fuße auf, der auch in ortsüblichen Produkten stak, und sang schmelzend weiter, denn nie und nimmer läßt sich das Erleuchtete vom Profanen unterkriegen!

Da patschte einer der Jünglinge schallend in die Hände: »Bravo! Bravo!« schrie er, und die rundliche, mollige Frau Bezirksamtmann mit der sonoren Stimme, desgleichen die spitze Apothekerin klatschten frenetisch und schrien: »Bravo! Bravo!«

Und »Bravo! Bravo!« setzte es sich durch das große Eßzimmer fort. »Da capo!« rief ein Unvorsichtiger, aber sofort wurde er niedergezischt; wie bei einer Premiere war's: »Schluß! Schluß!« begehrten sie und »Würscht! Würscht!« brüllte die grüne Wirtin vom »Roten Ochsen« dazwischen.

Frau Amalia dankte huldvollst nach allen Seiten für die Ovation; fast wie ein öfters hervorgerufener, abgebrühter dramatischer Autor, ein wenig nonchalant sogar, machte sie die Sache ab.

291 Diesem Gebrause und dieser wilden, begeisterten Situation war sie vollkommen gewachsen. So hatte sie sichs gedacht. Dem Gatten, der sie erschrocken und glasig anstierte, warf sie nur einen verachtungsvollen Blick zu, der zugleich triumphierte über ihn und seine Armseligkeit. Oh, er fühlte es, – gerade war sie über ihn weggeschritten und hatte ihn aufs Herz getreten! Es war aus mit ihm. Dumpf und gequält sank er neben der Wirtin vom »Roten Ochsen« in den Stuhl.

Frau Amalia aber rüstete sich zum zweiten Teil des Festes. Sie krempelte ihre weißseidenen Aermel, die sie etwas beengten, in die Höhe und gebot in den Gang hinaus: »Resl, die Würscht, 's Sauerkraut, 's Bier, aber gleich, schleun dich!«

Huldvoll lächelnd, noch angeregt vom Beifall, saß sie an des Tisches Ende, einen mächtigen Stoß Teller vor sich und eine lange Reihe von Gläsern.

Nun erschien auch Resl, nachdem sie eine zeitlang sinnlos im Gang auf und ab gerannt war und einen Heidenspektakel vollführt hatte, mit einer Riesenschüssel voll roter, dampfender Würste, in die sie ihre beiden Daumen in schönem Gleichmaß versenkt hatte. Ihre Schürze war mittlerweile nicht kürzer und nicht weißer geworden, und das strähnige Haar hing mänadenhaft unter dem weißen schiefen Häubchen hervor.

292 »Jetzt 's Kraut und 's Bier,« kommandierte die »gnädige Frau Stationschef« mit stahlharten Augen. Und Resl flog, und Resl kam wieder und trug wieder eine Riesenschüssel, mächtig dampfend, und wieder hatte sie ihre Daumen liebevoll darein versenkt. Doch schleckte sie sie diesmal ab, nachdem die große weiße Schüssel nach einigen Schwankungen glücklich auf den Föhrenzweigen stand.

»Küchel! Küchel!« Die Wirtin vom »Roten Ochsen« klopfte gebieterisch mit dem Knöchel des Zeigefingers auf den Tisch. Frau Amalia ignorierte das mit Hoheit. Zudem war sie eben beschäftigt, die vielen Flaschen Bier von dem eben ankeuchenden Bahnbediensteten zu ihren Füßen niederstellen zu lassen. Ja, da standen sie jetzt und da blieben sie stehen, um nach Bedarf hochgeholt zu werden.

Nun nahm Frau Amalia die Gabel ihres Besteckes, und nun ging die Verteilung an. Ritsch, ratsch flog Wurst um Wurst auf die Teller; sie hielt die Gabel sehr kurz gefaßt und schnellte immer graziös mit dem Daumen nach, während der kleine Finger der linken Hand sich dazu ausspreizte, um die Vornehmheit ganz besonders anzudeuten. Dann ein Stich, eine elegante Schwenkung, ein kleiner Berg Sauerkraut sauste dazu nieder; ebenso schwungvoll reichte sie Teller um 293 Teller Signor Adolfo mit dem feierlichen Bratenrock, der sie mit einer Würde weitertrug, die der Flinkheit durchaus nicht entbehrte, und um welch glückliche Kombination von Eigenschaften ihn mancher »Ober« hätte beneiden können.

»Ach! Sie haben einen Kellner? Wundervoll!« sagte Frau Bezirksamtmann, die Signor Adolfo offenbar interessiert mit dem Lorgnon verfolgte, zu dem kleinen Stationschef.

»Entschuldigen Sie, es ist nur der musikalische Herr!« stotterte der Gequälte.

»Ah so, der Verehrer Ihrer Frau.«

»Verehrer?« brauste der Stationschef auf. »Ich muß bitten –«

»Still, mein Lieber,« belehrte ihn die geborene Gräf von Gräfenstein, »das muß jede geniale Frau haben, wenigstens einen, das weiß Frau Amalia, wie sie alles weiß. Er gehört zu ihr wie das Weißseidene, der Efeukranz, die Locken und die Gitarre. Stören Sie doch die Stimmung nicht!« Und lachend sang sie ihn gleich darauf an: »Störe nicht der Hi–i–i–irten Glü–ück.«

Dem kleinen Stationschef stieg die Hitze immer mehr zu Kopf, alles drehte sich um ihn, am liebsten wäre er der molligen Dame an den Hals gefahren, ja mit einer Art Wollust stellte er sich vor, wie seine Finger in dem weichen Fleisch versinken würden. Doch er fletschte nur 294 liebenswürdig die Zähne und griff hastig nach einem Glase, das an ihm vorübergetragen wurde. Denn der Bierausschank hatte begonnen. Flasche um Flasche zog Frau Amalia unter dem Tisch zu ihren Füßen hervor, und Glas um Glas, hochschäumend, trug der schwarzberockte Ganymed mit dem Karpfenmaul den Gästen zu.

»Küchel! Küchel!« schrie wieder unten am Tisch die grüne Wirtin vom »Roten Ochsen« genau in dem Ton, in dem unwillige Gäste nach ihr oder nach der heroisch frisierten Kellnerin zu schreien pflegten, wenn sie sich schlecht bedient glaubten.

»Ruhig!« rief Frau Amalia sehr laut, »wenn Sie keine besseren Manieren nicht haben, schämen Sie Ihnen doch!« Und zu Frau Bezirksamtmann gewendet, hochfahrend, mit emporgezogenen Brauen: »So ist es, wenn die Leute keine Bildung und keine Rundine haben!«

»Ach, geben Sie doch der originellen Frau, uns würden sie auch ganz gut schmecken!« meinte lächelnd, ihr Lorgnon auf die grüne Wirtin richtend, die geborene Gräf von Gräfenstein, und »Küchel! Küchel!« rief und schrie und krähte auf einmal alles durcheinander. Man trampelte mit den Füßen, man klatschte in die Hände, man pfiff – die beiden wohlerzogenen, reservierten jungen Männer hatten das Zeichen dazu gegeben, indem 295 sie zwei Finger in den Mund steckten und frenetisch drauflos pfiffen. Als wirklich eine ungeheure Schüssel voll des goldgelben, knusperigen Gebäcks erschien, kannte der Jubel keine Grenzen mehr.

»Aber ich hab's bachen!« sagte die grüne Wirtin und blähte sich auf, sie wollte auch ihren Teil an dem Ruhm haben und sah stolz zu, wie alle über ihr Werk herfielen. Man nahm sich Stück für Stück mit den Händen heraus und aß mit den Händen; sogar die schwarzseidenen Lehrersfrauen zerrissen die Küchel mit den zehn Fingern und stopften sich so voll, daß ihnen das Fett über die Handrücken lief, Frau Bezirksamtmann desgleichen.

»Nein, so was! So was!« stöhnte sie. »Es ist zu originell!« Sie barst fast vor Lachen. Die hagere Apothekerin fuhr mit der spitzen Nase nach rechts und links und ihre Augen schossen ruhelos an der Tafel auf und ab.

»Musik! Musik!« schrie plötzlich jemand, und »Musik! Musik!« wiederholten mehrere, bald gröhlte und brüllte der ganze Haufe: »Musik! Musik!«, während Frau Amalia, geschmeichelt, die stürmischen Rufe hörte, aber in schöner Gelassenheit immer noch Bierflasche um Bierflasche herauszog und fortwährend Signor Adolfo mit schäumenden Gläsern kreisen ließ. Aber den 296 Mund voll und das Glas an den Lippen, schrie alles ununterbrochen: »Musik! Musik! Musik!«

In dem allgemeinen Tohuwabohu erhob sich licht, weiß und majestätisch Frau Amalia. Wie klang doch dieser brausende Ruf nach Musik berauschend! Ein Triumph war dieser Tag für sie! Stolz reckte sie das efeugekrönte Haupt empor, und ihr Gang wurde zum wogenden Schreiten.

»Bravo! Bravo! Hoch!« brauste es über sie hin, ein Riesentumult brach los. Frau Amalia drehte sich um und verneigte sich mit jenem diskreten und doch verstehenden, holdseligen und doch hochmütigen Lächeln, der Primadonnen eigen ist.

Während alle am Tische nach ihr schauten und nach dem mit tänzelnden Schritten herbeieilenden Jüngling, stand der kleine Hausherr auf, um sich leise zu entfernen. So rot und erregt er vorhin gewesen, so blaß und verstört sah er jetzt aus. Eine plötzliche furchtbare Bangigkeit war über ihn gekommen, er wußte nicht genau, was ihn so sehr beklemmte. Ach, es war nicht nur der heutige Tag allein, nein, er hatte eine förmliche Angst, weiterzuleben – es war ihm auch, als habe ihn jemand gerufen, als habe jemand geklopft. Richtig, da war ja einer von seinen Leuten draußen. Was? Was war's? Der Postzug hatte Verspätung, mußte aber trotzdem bald kommen; also mußte er sofort hinunter und mußte 297 auch den Schnellzug da in der Station halten lassen, der durfte den Postzug nicht überholen wie sonst. Gut! gut! – Er sagte sich das immer wieder vor, damit es in seinem wirren Kopf hafte. Der Postzug muß die nächste Station erreichen, so lange muß der Schnellzug aufgehalten werden. Ja, so ist's. Aufgehalten werden – – aufgehalten werden.

Aber er trat noch einmal ins Zimmer zurück und sah nach Amalia hin, fing ihren Blick auf, der ihn dableiben hieß, und er drohte, dieser Blick. Dann sah er, wie ihre Augen an dem Jüngling hingen, der seinen aufgebürsteten und geschwärzten Bratenrock trug – Amalia war für ihn verloren, für immer verloren!

Eine lange Zeit stand er allein, mit fieberndem Hirn, zerschlagen im Gang, wie lange, wußte er nicht, auf einmal schlug eine Uhr. Guter Gott! Es war höchste Zeit, er hörte ja schon den Postzug einfahren; sein Herz begann ganz schnell zu schlagen, er stürzte hinunter – hinaus, wieder herein – wo war denn seine Mütze, seine rote Mütze? Herrgott, dort kam der Zug schon! All seine Gedanken drehten sich auf einmal um die rote Mütze, endlich hatte er sie und trat auf den Bahnsteig und sagte sich dabei immer noch vor: ›Den Postzug nicht überholen lassen, den Schnellzug stellen‹, den Schnellzug stellen, noch während 298 der Postzug abfuhr. Droben jubilierten und sangen sie, er hörte deutlich Frau Amalia:

Fahr mich hinüber, schöner Schiffer,
Nach dem Rialto fahre mich –«

Er hielt's nicht aus, er mußte noch einmal die Treppen hinauf und noch einmal zur Türe hineinsehen, ganz leise, ganz vorsichtig tat er es und mit einem Herzen, das wie rasend schlug – niemand sah ihn, wie er mit seinen angsterfüllten, wasserblauen Augen nach der Singenden schaute. – – Da gab's ihm einen Stich! Herrgott, der Schnellzug! Das Haltsignal! Das Haltsignal! Kam er denn nicht schon angebraust? – Er taumelte förmlich über die Stiege hinunter, durch den Gang. Er wollte schreien, rufen, winken und brachte nichts heraus – er hatte das Haltsignal nicht stellen lassen – nein, er hatte es vergessen! – und da, da rannte etwas Weißes, Nacktes an ihm vorbei, noch etwas, schreiend, tanzend, auf das Geleise zu, Palmwedel in der Hand, schwankend und gröhlend – – Seine Kinder! Dicht vor ihm tanzten sie wie die Irrwische auf und ab, und dort kam das Ungetüm, die Lokomotive, die Bestie, immer näher, immer näher – –

Er stürzte vorwärts, seitwärts, auf und ab, den kleinen weißen Dingern nach, die vor ihm hin und her flatterten. Eine rasende Jagd, die die Kinder mit Jauchzen begrüßten.

299 Endlich hatte er das eine, riß das andere noch gerade an sich – es war ihm, als fielen Berge von seiner Seele –

Schon donnerte der Schnellzug an ihm vorbei. Die Kinder hatte er; doch:

»Das Haltsignal! Das Haltsignal!« schrie er auf. Der Zug donnerte weiter, an ihm vorbei. Wie ein Wahnsinniger lief er hinter ihm drein und schrie hinter ihm drein und schrie sich heiser und lief, bis ihm der Atem versagte, immer weiter ihm nach, dem da vorne nach, der ihn vernichten würde; winzig klein sauste er vor ihm her. Und jetzt! Jetzt kam er in den Wald, kam an die Biegung – Nein! nein! nein! Es durfte nicht sein, es konnte nicht sein!! Alles in ihm schrie und bettelte – – und doch wußte er, mit einer starren Gewißheit wußte er es, dort würde es sein, ja, dort stürzte er sich schon wie eine wilde, scheußliche Bestie auf den Postzug. Er hörte das Getöse, das heisere und zugleich schrille Pfeifen, den Notschrei der sterbenden Maschine und das Zischen des ausströmenden Dampfes, ein erlöschendes Leben – – das Bersten und Krachen, das Stöhnen und Todesgebrüll, einmal im Leben hatte er es schon gehört – –

»Da! da!« sagte endlich starr der kleine Stationschef vor sich hin, mit demselben dummblöden und hilflosen Gesichtsausdruck, den sein 300 Kleinstes bekam, wenn es etwas getan hatte. »Aus ist's.«

Mechanisch drehte er sich um, mechanisch setzte er Fuß vor Fuß, ganz langsam kam er die lange, lange Strecke, die er vorhin dem Zug nachgerannt war, wieder zurück, ging – ganz gemächlich sah's von weitem aus – am Bahnsteig hin, langsam dem Haus zu, durch den Eingang, die Treppen hinauf, über den Flur und trat langsam und vorsichtig in den Salon, tastete sich weiter. Niemand hörte ihn, niemand hatte ihn gesehen.

Nebenan waren sie gerade beim Tanzen, sie schrien und juchzten und stampften wie auf einer Bauernkirchweih. Da machte der kleine Stationschef den Schlußpunkt hinter seinen Tag mit den fürchterlichen Wirrnissen, aus denen er nicht mehr herausfand.


Es war furchtbar heiß in dem langen, schmalen Eßzimmer, und Signor Adolfo, dessen vom Friseur kühn getollter Scheitel sich wieder zu sträuben begann, öffnete dienstbeflissen die Türe zu dem stimmungsvollen Salon mit den Gehäkelten. Dort standen jetzt die Fenster auf, man hörte das Rangieren der Wagen und das dumpfe Hinundher einer eilfertigen und geschäftigen Lokomotive. Mit den Geräuschen kam aber auch ein frischer Luftzug durch die Türe, und bald traten 301 einige Paare, erhitzt vom Tanzen, laut lachend und plaudernd ein. Traten ein und blieben stehen, verstummten und drängten zurück, winkten und drängten vor und wehrten wieder ab, voller Entsetzen. An der roten Klingelschnur, die zum heutigen Fest neu aufgemacht, die bestimmt war, das halbausgewachsene Dienstmädchen herbeizurufen, hing der tote kleine Stationschef, der sich regelrecht aufgeknüpft hatte; kein Schütteln und Reiben, kein Rufen und Schreien half, er war und blieb steif und kalt, und als sie ihn, endlich, verstummt, vor Schrecken starr und fast gelähmt, wie sie waren, abschnitten, tippte drunten der Telegraph im rasenden Wirbel, und eilige, angstvolle Tritte durchtönten das Haus, wie ein Suchen und Rufen nach dem Toten war's, rasende, zürnende Stimmen, die sein Verbrechen in die Welt hinausriefen. 302

 


 

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