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Anna Croissant-Rust: Arche Noah - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleArche Noah
authorAnna Croissant-Rust
year1911
firstpub1911
publisherGeorg Müller
addressMünchen / Leipzig
titleArche Noah
pages393
created20131222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die junge Bäuerin

Langsam zogen die Wallfahrer über die staubige Landstraße heim; die Sonne brannte herunter wie im Juli, obwohl es schon Spätseptember war. Die Vogelbeeren hingen ihre grellroten Doldenfrüchte über den Weg, und auf den Wiesenhängen schnubberten die Kühe ihr Herbstfutter. Die Wallfahrer waren alle müd von dem weiten heißen Weg, am müdesten aber die junge Teschelbäuerin. Frisch war sie heute morgen mit den andern ausgezogen und hatte wieder Mut und Hoffnung fassen wollen auf ihrem Gang zur Kapelle, während alles ringsum in Tau und Licht strahlte; nun schleicht sie trübselig heim, müder und stummer als die andern. Das laute, frische Gebet, das durch den Wald schallte, ist längst erstorben; die eifrigsten ermannen sich wohl wieder, wenn sie an einem Kreuz vorbeikommen, und lassen betend die Rosenkranzperlen durch die Finger gleiten, aber nur als leises Gemurmel schleicht's in den Reihen fort: »Bitt für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unsers Absterbens. Amen.«

362 Am liebsten hätte sich die junge Bäuerin an den Straßenrand in den Staub gesetzt, es war ihr, als könne sie sich kaum mehr vorwärts schleppen.

Der Weg stieg scharf bergan, man sah tief ins Tal hinunter, in dem der Fluß zwischen den steilen Hängen in großen Krümmungen zog. Ihr wurde schwindlig, wenn sie da hinunter sah, ihr Herz fing an zu schlagen, und die große Angst überkam sie wieder. Der Fluß wollte ihr nicht aus dem Sinn. War alles umsonst gewesen? Hatte sie umsonst vor dem Bild der schmerzhaften Mutter gefleht und um Trost gebetet? Mußte sie ihre große Last wieder weitertragen?

Das Schluchzen saß dem jungen Weib in der Kehle, ihr Körper schien so schwer, wie wenn sie einen fremden Körper weiterziehen müsse. Und schauten nicht alle nach ihr, ahnten sie noch nicht, was sie bedrückte? Doch die setzten alle stumpf, fast widerwillig Fuß vor Fuß, niemand beachtete sie, niemand kümmerte sich um sie. Da traf sie ein Blick aus der Männerreihe, ihr Herz stand fast still, der Lechner! War der da? War der mit? Er war doch am Morgen, er war vorhin nicht dagewesen! Wohin sollte sie sich verkriechen, wo konnte sie sich verbergen vor diesem Blick? Diesem stechenden, triumphierenden, begehrlichen. Weiß er es? Was will er sagen? – 363 Zitternd glitten ihre Blicke über ihr seidenes Brusttuch, ihre breite Schürze, dann hastete sie schwerfällig voraus, wie wenn sie ihm entfliehen wolle.

Noch immer stieg die Straße an; die Waldberge drängten sich zusammen, und dunkle Tannen rückten näher. Oede wurde es hier oben auf der Hochstraße, Felder und Wiesen verschwanden, alles war mit Heidekraut bedeckt, aus dem die roten Büschel des Heidelbeerkrautes leuchteten. Zerzauste graugrüne Wacholderbüsche tauchten plötzlich da und dort dicht am Abhang auf, zu Dutzenden standen sie dann wieder durcheinander am Rain, wie kleine, verkrümmte Wichtelmännchen. Ein kalter Wind wehte hier oben, und die junge Frau schauderte, als sie in den schwarzen Tannenwald eintraten, hinter dem die Sonne wie ein großer düsterroter Ball hing. Man hörte keinen Tritt auf den Nadelpolstern, keines sprach, wie bei einem Begräbnis schlichen die Müden durch die beginnende Dämmerung.

Außerhalb des Waldes trennten sich ein paar Weiber vom Zug und verschwanden in den Einödhöfen rechts und links der Straße. Noch immer sind diese niederen Häuser mit dem breiten Dach, das zum Schutz gegen den »böhmischen Wind« mit Steinen beschwert ist, der jungen Bäuerin etwas Unheimliches und Fremdes. 364 Fremd sind ihr die hohen Holzstöße um die kleinen Fenster, fremd sind ihr all diese strohblonden, stumpfen, wortkargen, langsamen Menschen, sie flößen ihr Scheu ein, rufen ihr Heimweh wach nach der heiteren Vaterstadt in der reichen Ebene. Nie würde sie es zwischen diesen düsteren Bergen ausgehalten haben, wenn sie ihren Mann nicht gehabt hätte. In ihm kam das fränkische Blut der Voreltern wieder hoch, er war klug, lebhaft, rasch, von ganz anderm Schlag als dies schwere, feindselige Volk. Hätte er, der viel Aeltere, sie so rasch erobert und ihr das Heimweh nach den strotzenden Obstbäumen und Gärten ihrer Heimat vergessen machen? Freilich jetzt, nach seiner schweren Krankheit, wo er gelähmt im Stuhle sitzt und kein verständliches Wort sprechen kann, wo sie ihren großen Kummer trägt, den sie keinem sagen kann, überkommt sie ihre alte Furcht und ihr alter Abscheu wieder. Sie haßt dies Verlotterte, Dunkle, Unheimliche, sie haßt diese trägen, wortkargen Menschen, die Berge machen ihr bange. Wie nur die kleine Kapelle vorn am Abhang hängt! Ein struppiger Fichtenbaum steht nebendran, der wie ein zerzauster, verscheuchter Vogel aussieht! Um das Mauerwerk der Kirche und den Stamm des Baumes sind Totenbretter aufgeschichtet, wie es Sitte »im Wald« ist; sie schauen ebenso grau 365 und verwittert aus wie der alte Bau. Zerrissen, geborsten, gespalten, die Schrift kaum leserlich. Einige sind schief gerutscht oder verkehrt gestellt, mit der Inschrift nach unten, ein paar leuchten noch in grellen Farben und stechen mit den gelbroten Flammen des Fegefeuers und der Hölle, mit ihren bettelnden Armenseelen aus der Verwitterung heraus.

Wo mögen die sein, die vor ihrer Ruhe in der Erde darauf gebettet wurden?

Jahr um Jahr hat man die Bretter der alten Sitte gemäß hier angelehnt und angehäuft, keiner kümmert sich weiter drum. Das eine oder andre Mal hängt ein Kind einen Vogelbeerzweig, ein Büschel Heidekraut wie im Spiel daran. Die Sonne bleicht, der Regen verwäscht sie, daß sie bald grau und farblos aussehen wie alles ringsum. Wie ein Kirchhof erscheint in der beginnenden Dämmerung der jungen Bäuerin die Stätte, sie zieht ihr rotes Tuch fester um die Schultern; da fällt ihr Blick auf ein Brett vor ihr, auf einen Vers – sie will sich abwenden, will nicht weiterlesen, aber wie im Bann kehren ihre Augen immer wieder zurück.

So lauten Inschrift und Vers:

»Auf diesem Brett ist gelegen die Tugendsame Barbara Braun, Gütlerin von Gutmaning; sie wurde geboren 13. Januar 1860, gestorben den 366 4. Dezember 1881 als sie war bald 22 Jahr. R. I. P.

Für heimliches Vergehen
Stach sie mit Schlangenbissen
Ein unbequemer Worm,
Das strafende Gewissen.

Entfleuch ihm, wenn du kannst,
Er kommt ins Schlafgemach,
Er kommt dir überall,
Auch auf den Lustplatz nach.

Und daß kein Augenblick
Dein armes Herz erfrische,
So wird die Angst dein Gast
Und sitzt mit dir zu Tische.«

So alt wie sie. Trug sie auch ein fremdes Kind unterm Herzen wie sie? Mußte sie auch mit diesem fremden Kind unterm Herzen vor ihrem kranken Manne herumgehen wie sie? Und litt sie auch dieselben Qualen?

»Und daß kein Augenblick
Dein armes Herz erfrische.«

Konnte sie denn noch lange vor seinen Augen herumgehen? Wie lange konnte sie es überhaupt noch verbergen? Und wenn er's nicht sieht, wie 367 bald werden es all die Feindseligen merken, die ihren Groll kaum verbergen können, für die sie nur der Eindringling ist, der fremde Vogel, auf den losgehackt werden muß!

Die Bäume ringsum schwanken, die Aeste der Tannen, vom Wind gezerrt, fuchteln in der Luft herum, wie ein drohendes Auge glüht das Lämpchen aus der Kapelle. Sie will fliehen, aber sie bricht in die Knie, und wieder kommt dies wilde Schluchzen über sie wie draußen am Gnadenort, ein Schluchzen, das sie nicht enden kann, und das heraus muß, soll sie nicht ersticken.

Gleichgültig plappern die Weiber neben ihr weiter. Sie kennt ihre Gedanken: Oh, die! Soll nur weinen, die Teschelbäuerin, sie hat allen Grund dazu. Wenn man einen lahmen Mann zu Haus hat, der kein Wort mehr redet, anstatt des gesunden, stattlichen, den man geheiratet hat, und wenn einen schon kein Mensch mag, da soll man nur weinen und beten Tag und Nacht. Was denn sonst? Sollten sie etwa die bockische Bäuerin trösten, die von Anfang an niemand ein gutes Wort gönnte und den Kopf hoch getragen hat, weil sie sich besser dünkte? Die sollt' nur wieder ins Fränkische gehen, weil's ihr hier nicht paßte, und weil sie wie vom Himmel gefallen unter ihnen herumging, sollte sich nur dort trösten lassen, hier fiel's keinem ein! Die heulte 368 ihnen lang gut, nicht einmal den Hals drehten sie nach ihr um! – Das waren ihre Gedanken, oh, sie wußte es nur zu gut! All die Gleichgültigkeit, Gehässigkeit und Dumpfheit legten sich auf die Kniende, daß sie wie unter einer Last niederzufallen drohte und kaum auf die Füße kam, als sie sich wieder zum Gehen wendeten.

Es war nun volle Dämmerung geworden; im Tal über dem Regenfluß zogen weißliche Nebel. Stolpernd kam die Frau vorwärts.

»Kimm fein net wieder z' Fall, Teschelbäuerin!« raunte ihr da einer ins Ohr. Der Nachbar. Der Lechner.

Großer Gott, war der neben ihr?!

»Kimm fein net wieder z' Fall, kimm fein net wieder z' Fall, heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns, kimm fein net z' Fall – arme Sünder – Absterbens! Amen,« so geht's ihr wirr im Kopf herum. Der Lechner. Wie kommt der daher? Er war nicht dabei am Morgen. Was will er? Die Angst schnürt ihr die Kehle zusammen. Kann man die Lichter des Dorfes noch nicht sehen? Nein, nein, es sollte noch nicht kommen, dies Dorf, in das sie sich nicht traut, lang, lang sollte der Weg so fortgehen, bis sie irgendwo umsank. Jawohl hatte sie gebetet draußen in der Kapelle in ihrer Herzensnot, oh, 369 jeden Tag fleht sie zur gebenedeiten Jungfrau, daß sie ihr Kraft gebe, ihre große Schuld einzugestehen, aber wenn sie versucht, ein Wort zu sagen, würgt sie's schon in der Kehle. Ach, er wird ihr nie verzeihen, und auch heute wird sie den Mut nicht finden, ihm zu sagen: »Ich habe mich versündigt mit dem Lechner, dem Nachbar, einmal nur; ich hab' ihn aber nicht gern, nur dich, ich weiß nicht –« Nein, nein, nie wird sie ihm alles eingestehen können! Wär's nicht besser für sie, hinunter über den Hang zu laufen in den Fluß?

Wer glaubte ihr denn? Konnte es ihr der Mann glauben, daß sie den andern verabscheute? Sie trug doch ein Kind unter dem Herzen.

Und sie sah sich fliegen, ihre Röcke wehten, ihr Herz schlug der Erlösung entgegen.

Aber sie zog weiter mit den andern, sie murmelte die Gebete mit den andern.

Immer kleiner wurde der Zug, immer mehr lösten sich ab und verschwanden stumm in den Häusern, die mit kleinen Lichtern wie mit bösen Augen in den Abend blinzelten; zuletzt ging sie ganz allein, doch hinter ihr waren noch Schritte, die rascher und rascher wurden. Er kam ihr noch näher – jetzt war er da! Hatte er etwas gesagt? »Kimm fein net wieder z' Fall, Teschelbäuerin,« hörte sie durch das Dröhnen und 370 Brausen in ihren Ohren. Aber er schwieg doch! Schwieg und ging dicht neben ihr, so dicht, daß sie das Weiße seiner Augen leuchten sah. Sie zitterte, daß er sprechen, daß er sie berühren würde, da hatte er sie schon fest um die Hüften gefaßt, so fest, daß sie sich im ersten Augenblick nicht wehren konnte.

»Geh einer zu mir,« flüsterte er heiser und suchte sie gegen das Tor seines Anwesens zu drängen, aber sie hatte sich schon ermannt: »Ich hab' dir schon gesagt, daß ich nix von dir wissen will, laß aus – aus – laß!« Die beiden Fäuste stemmte sie gegen seine Brust und stieß ihn mit aller Gewalt zurück, daß er fast gestürzt wäre.

»Wart, des is dir net g'schenkt, du Frankenschädel, du falscher! Deim Mann steck i's!« schrie er und wollte in der Wut wieder nach ihr greifen, doch sie hatte ihr Hoftor schon hinter sich zugezogen und hörte nur mehr das halblaute, erregte Schimpfen des Mannes, der sich schnell entfernte.

Da stand sie nun vor ihrem Haus, scheu wie eine, die zum Betteln kommt, oder die man ausgewiesen, und die sich nicht traut, wieder um Einlaß zu bitten; in der Stube war Licht, und sie stand im Dunkeln wie eine Fremde, eine Ausgestoßene. Das war sein Haus, seine Stube, sein 371 Licht, wie lange würde er sie noch dulden neben sich? – Noch schlotterten ihr Arme und Beine von der Anstrengung, mit der sie den kräftigen Bauern zurückgestoßen, und von dem weiten Marsch war ein Müdigkeitsgefühl in ihr, daß sie sich am liebsten hingelegt hätte, wo sie stand. Sie kauerte sich von Frost geschüttelt auf der Stiege nieder, die Füße wollten sie nicht mehr tragen, und ein Gefühl der Heimatlosigkeit überkam sie, daß sie schluchzend ihren Kopf in ihrem Schoße barg. Auf einmal fühlte sie etwas Weiches, daß sich zwischen ihre Wange und die verschlungenen Hände zu wühlen versuchte, sie hörte ein leises Winseln – das war Ali, der große Hund, den sie als kleines Tier aus der Heimat mitgebracht. Und diese eine scheue Liebkosung löst alles Starre in ihr, sie nimmt den Kopf des Hundes in ihre Arme und weint sich aus bei ihm, der wie ein Tröster neben der Müden steht. Dann treibt sie's auf, sie faßt das Halsband des Hundes und will nach der Türklinke greifen. Und noch einmal wird sie mutlos vor der Stille im Haus und vor dem Bild des Kranken, das vor ihr ersteht, mit den Augen, in denen so viel Leid liegt, und die so viel fragen. Kann sie denn jetzt vor ihn treten? Ihre Sehnsucht treibt sie hinein, ihre Furcht weist sie aus. So läuft sie ruhelos ums Haus; der Hund 372 trottet sacht nebenher, von Zeit zu Zeit aufsehend und ein leises, fast verwundertes Knurren ausstoßend, das in ein kurzes, unwilliges Bellen übergeht, als jemand unter die Haustüre tritt. Wie wenn er fühlte, daß die Frau nicht gesehen werden wolle, duckt er sich neben sie in den Schatten des Holunderbaumes und schaut scharf nach der jungen Magd, die die Straße hinunterspäht. Eine Zeitlang steht sie und horcht, aber kein Tritt schallt durch den Abend, dann kehrt sie gleichgültig ins Haus zurück; das Licht im Flur erlischt, und ein schwacher Schein fällt aus der Kammer neben der Stube. Nun haben sie den Bauern zu Bett gebracht, und nun traut sich auch die Bäuerin ins Haus. Der Mond steht als milchiger Fleck hinter der Nebelwand, von fernher bellen ein paar Hunde, deren Rufe Ali mit zitternden Flanken hört, aber er bleibt still, nur an seinem hastigen Atem merkt sie, daß ihre Erregung auch auf das Tier übergegangen ist. Der Brunnen gurgelt vor dem Hause, im Stall klirren die Ketten, es ist so friedlich, wie wenn alles schon ruhte, nirgends ein Licht; nur dort hinter des Nachbars Fenster ein unruhiger, wandernder Schein. Vor ihm flieht sie, und er verfolgt sie, als sie sich in der dunkeln Schlafkammer neben ihren Mann ausstreckt. Doch das Bedürfnis nach Ruhe und die Sehnsucht, sich warm 373 zu betten nach dem kalten Nebelabend, den sie im Freien verbrachte, sind so stark, daß bald alles andre in ihrem Kopf, der schwer und schwerer wird, zu zerflattern beginnt.

Da hört sie im Einschlafen das rasche und erregte Atmen ihres Mannes, und wenn sie ihn auch nicht sehen kann, und kein Ton von ihm laut wird, fühlt sie plötzlich, daß er nicht schläft, wie sie meint, sondern mit offenen Augen neben ihr liegt; nun kann sie keinen Schlaf mehr finden. Auf dem Rücken liegend, starrt sie nach der Decke, über die ein blasser Streifen Mondlicht läuft; ihr ist, als müsse der neben ihr die Angst ihres Herzens hören, die sie plötzlich wieder überfällt; verbergen, verkriechen möchte sie sich, ungeschehen machen, was geschehen, oder tot sein und von nichts mehr wissen. Wie sie so gemartert daliegt, kann sie sich eines Stöhnens nicht erwehren, und wie sich nun auf einmal die Kammer mit dem hellen Licht des Mondes füllt, der aus den Wolken getreten ist, sieht sie in das Gesicht ihres Mannes. Mit einem Schrei springt sie auf. Er weiß es!

Sie möchte fliehen vor diesen Augen, ihnen entweichen – wie eine Wahnsinnige tastet sie sich im Zimmer herum, den Wänden entlang; nach einem Versteck sucht sie, nach der Möglichkeit, diesen Augen zu entrinnen. In ihrer 374 Raserei denkt sie nicht daran, durch die Türe zu entfliehen, sie läuft nur keuchend an den Mauern des großen Raumes hin.

Wie auf einen Schlag wird das Zimmer plötzlich dunkel, eine Wolke hat den Mond verschlungen; das Bett mit seiner hohen Rückwand, das sich steil und mächtig vor ihr aufgerichtet, mit ihm, der wie ein unbarmherziger Richter nach ihr zu schauen schien, ist verschwunden, und sie fällt neben der Türe zu Boden vor Mattigkeit und übergroßer Angst.

 

Wochenlang ist die junge Bäuerin krank; die Herbststürme johlen um das langgestreckte Haus mit dem breiten Schindeldach, dürre Blätter jagen an den Fenstern vorbei, dazwischen scheint wieder eine blasse scheue Sonne, und wieder braust der Sturm. Dann kommen Regentage, und die Kranke hört das immerwährende, unerbittliche Tappen der Tropfen, das stete, unbeirrbare Rinnen der Dachtraufe und liegt still drinnen in ihren Kissen, wie halb gestorben, immer mit der Empfindung, sie darf nicht zu tief atmen, sie darf sich nicht rühren, sie darf die Augen nicht zu weit aufmachen: sonst wird etwas wach, das man nicht wecken darf!

Ein Leben mit halbem Atem, mit halben Gedanken, mit halber Empfindung, wie im Krampf. 375 Man hat sie allein betten müssen, sie fragt nicht nach ihrem Mann, sie fragt nach niemand, sie spricht nicht. Oder nur ab und zu ein paar Worte mit Ali, dem Hund, der sie an die Heimat gemahnte, und der zuzeiten stürmisch nach ihr verlangt, als ob er wüßte, daß sie sich nach ihm sehne. Den Arzt läßt sie nicht zu sich, sie tut wie eine Rasende, wenn man ihr davon redet, daß er komme, nun lassen sie die Mägde gewähren. Pflege braucht sie keine, sie können alle ihrer Arbeit nachgehen und sind froh deshalb; der andere Kranke macht ihnen Mühe genug, der so wunderlich in der letzten Zeit geworden. Einmal würde sie schon wieder aufstehen, die Frau, meinten sie. Und einmal stand sie auch wieder auf. Der erste Schnee war gefallen, und alles sah weich und heimlich und friedlich aus. Die junge Bäuerin hatte in der Nacht tief und fest geschlafen und von ihrem Manne geträumt. Sie träumte, daß sie ein Kindlein im Arm trug und herzte und küßte, daß sie es ihm reichte, und daß auch er es herzte und küßte. Und wie sie so in das übersonnte Weiß hinaussah, in den blauen Himmel, zu dem ein leichter Hauch aus den Kaminen stieg, überkam sie eine große Sehnsucht nach ihm, eine reuige Demut; sollte er ihr denn nicht verzeihen können? Sie hatte so viel gelitten um ihrer Sünde willen! Die ungesprochenen 376 Worte quollen ihr im Herzen, sie wollte betteln, daß er ihr vergebe, sie war ihm ja noch immer gut. Gern wollte sie fortgehen, weit, weit fort, wohin er sie schicken würde, wenn sie nur ihr Kind haben und einmal wiederkommen dürfte zu ihm!

So schleppte sie sich über die Schwelle der Wohnstube und hielt schon die Hände zur Bitte gefaltet, also demütig und schwach trat sie ein. Die Stube war voll kalten Lichtes von all dem Weiß draußen, das unbesonnt auf dem Nordhang vor dem Hause lag. In dem schwarzen großen Lederstuhl saß ihr Mann, und – sie mußte sich am Türpfosten halten – auf der Ofenbank saß der Lechner. Und die Blicke der beiden Männer hingen an ihr, ihr war's, als strecke sich der Bauer hoch – schützend hielt sie die Hände vor sich hin, schützen wollte sie sich vor diesen Blicken, vor seinen Augen, die sie aus dem Hause zu stoßen schienen, vor denen sie fliehen mußte und nicht Ruhe finden konnte in alle Zeit. Nichts gab's mehr für sie, als sie die Türe schloß, hinter der der Mann saß, den sie noch immer liebte und verraten hatte, und jener andre, der ihre Schmach mit angesehen, und der gelacht hatte. Wie eine Vision sah sie immer diese Stube mit den beiden Männern vor sich, als sie durch den weichen Schnee niederstieg langsam zuerst, dann immer schneller dem 377 Tal zu, wo der Lauf des Flusses mit seinen weißen Nebeln gekennzeichnet war wie damals, wo sie in der Dämmerung von der Wallfahrt heimkehrte. Allen Lärm verschlang der tiefe Schnee; es begann leise um sie zu rieseln von fallenden Körnern, nichts sonst war zu vernehmen. Einmal nur war's ihr, als höre sie eines Kindes bitterlich Weinen, sie hielt einen Augenblick an, kam dann ins Laufen und immer näher dem Fluß, ganz nah hörte sie das dumpfe Murmeln und Gurgeln. Hoch hob sie die Arme, ein Gleiten, ein Sichducken, schon schoß das Wasser über sie weg. Da, ein Schrei, mit zwei Händen griff sie nach einem Strauche. Das Kind hatte geschrien! Ein Kind hatte geschrien! Sie will leben für das Kind! Für ihr Kind. Mit aller Kraft wehrt sie sich nun gegen die Strömung, klammert sich an den Strauch, langsam, langsam gibt er nach. Langsam wird sie in die Mitte des Flusses getrieben, ihre Bewegungen ermatten, ihren Ruf erstickt das Wasser.

Da kommt's über den Hügel heruntergestürmt mit lautem bellendem Winseln, wie Signale und wie Freudenschreie ist es. Ali ist da, Ali wirft sich in die Strömung. Ali zieht und zerrt an ihr, bis er sie am seichteren Ufer hat, gerade als ihr die letzte Besinnung schwindet und hinter den Ufersträuchern Menschen auftauchen, die die Erstarrte 378 in warme Decken wickeln und sie, begleitet von dem in kurzen, halb klagenden und halb freudigen Lauten bellenden Tiere, über den Hang zurücktragen, den sie eben in schwerstem Leid heruntergeflohen war.

Sie erwacht weich und warm gebettet; vor dem großen Kachelofen liegt sie, der vor Wärme und Wohligkeit knattert, die Stube ist voll heller Abendsonne, kleine Eisblumen setzen sich an den Fenstern an, durch die der weitgeschwungene Bogen des Kanterberges schaut; neben ihr steht der große Lehnstuhl ihres Mannes, und die Augen, die auf sie sehen, sind nicht die Augen eines Richters, sind nicht Augen, die sie ausstoßen und gehen heißen; es sind die Augen eines Verstehenden, Verzeihenden, sind Augen, die sie bitten, zu bleiben, die in Trauer und Freude glänzen. Langsam sucht sich eine Hand zu ihr zu stehlen, und sie hält sie fest, sie weint darüber all die Tränen ihres Leides und ihrer Freude, und sie legt sie auf das klopfende Herz, unter dem sie das Kind trägt, das nun auch sein Kind werden soll, um ihres Schmerzes, ihrer Reue und ihrer Liebe willen. 379

 


 

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