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Arbeit

Emile Zola: Arbeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEmile Zola
titleArbeit
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
translatorLeopold Rosenzweig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071028
projectid1d8041c8
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Erster Teil

I

Lucas Froment hatte Beauclair verlassen und ging die Straße nach Brias an der Schlucht entlang, in der zwischen den Hängen der Monts Bleuses die Mionne fließt. Und als er sich der »Hölle« näherte, so nennen die Arbeiter die Stahlwerke Qurignon, sah er am Ende der Holzbrücke zwei dunkle, armselige Gestalten stehen. Es war ein anscheinend noch ganz junges Weib, ärmlich gekleidet, den Kopf von einem zerrissenen Wolltuch bedeckt, und neben ihr ein etwa sechsjähriger Knabe mit blassem Gesicht, in Fetzen mehr als in Kleider gehüllt, der sich an ihrem Rocke festhielt. Sie standen unbeweglich da, die Blicke auf das Tor der Fabrik geheftet, und warteten mit der Geduld der Verzweiflung.

Lucas blieb ebenfalls stehen und sah auf die beiden. Es war nahe an sechs Uhr, und der feuchte und trübselige Septembertag begann in eine feuchte und trübselige Nacht überzugehen. Es war Samstag, und seit Donnerstag hatte es ununterbrochen geregnet. Nun hatte der Regen zwar aufgehört, aber ein scharfer Wind jagte noch immer rußige Wolkenfetzen über den Himmel, eine schmutziggelbe Abenddämmerung tropfte herab und überzog die Welt mit Todesfarbe. Über die Straße mit ihren tiefen Wagenspuren, ihren von den schweren Rädern verschobenen unregelmäßigen Pflastersteinen floß ein Meer von Kot, ein schwarzer Brei, ein Gemenge von Regenwasser und dem Kohlenstaub aus den nahen Gruben von Brias, deren Karren ununterbrochen über die Straße hinächzten. Dieser Kohlenstaub hatte mit seiner Trauerfarbe die ganze Schlucht überzogen, klebte in großen Flächen auf den schmutzigen Mauern der Fabrikgebäude und schien selbst die düsteren Wolken zu schwärzen, die endlos dahinzogen wie schwerer Rauch. Der Atem des Unheils und der Hoffnungslosigkeit schien in dem heftigen Winde zu blasen, und die feuchte, gelbe Dämmerung war gleich der Dämmerung eines Weltunterganges.

Auf einige Schritte Entfernung hörte Lucas, wie der Junge altklug und entschieden sagte:

»Sag mal, willst du, daß ich mit ihm rede? Vielleicht wird er da nicht so wütend werden.«

Aber die Frau antwortete:

»Nein, nein, das ist nichts für kleine Jungen.«

Und sie warteten schweigend weiter.

Lucas wandte den Blick auf die Hölle. Er hatte, als er letztes Frühjahr zum erstenmal in Beauclair gewesen war, die Werke mit dem Interesse des Technikers besichtigt. Und seitdem er vor wenigen Stunden, einem dringenden Rufe seines Freundes Jordan folgend, wieder hier eingetroffen war, hatte er viele Einzelheiten über die schreckliche Krise gehört, die die ganze Gegend durchgemacht hatte: ein zwei Monate dauernder Streik, der hüben und drüben furchtbare Verheerungen angerichtet hatte. Die Werke hatten durch die Arbeitseinstellung gewaltigen Schaden erlitten, und die Arbeiter waren, knirschend vor ohnmächtiger Wut, nahezu Hungers gestorben. Erst vorgestern, Donnerstag, war die Arbeit wieder aufgenommen worden, nachdem von beiden Seiten unter langwierigen und erregten Verhandlungen widerwillig Zugeständnisse gemacht worden waren. Und die Arbeiter waren freudlos, unbefriedigt wieder angetreten, Besiegte, denen ihre Niederlage in der Seele brannte und deren Herzen erfüllt waren von der Erinnerung an ihre Leiden und von dem Verlangen nach Rache.

Unter der eiligen Flucht der schwarzen Wolken lagerte die Hölle mit den schweren Massen ihrer Gebäude und Schuppen, ein Ungeheuer, das seine Riesenglieder im Laufe der Jahre immer mehr und mehr ausgedehnt hatte. Die Werke umfaßten nun viele Hektare und beschäftigten etwa tausend Arbeiter. Sie bildeten eine kleine Stadt für sich, und an der Farbe der nach allen Richtungen sich erstreckenden Dächer konnte man das Alter der allmählich aufgeführten Bauten erkennen. Die hohen, blauschwarzen Schieferdächer der großen Arbeitsgalerien mit ihren paarweise angeordneten Fenstern überragten die geschwärzten Ziegeldächer der ältesten, viel bescheideneren Gebäude. Hinter diesen sah man von der Straße aus in einer Reihe nebeneinander die Riesenbienenkörbe der Zementieröfen sowie den vierundzwanzig Meter hohen Härteturm, in dem die aus einem Stück gegossenen Kanonenrohre in einem Petroleumbade aufrecht standen. Und höher noch als dieser reckten sich die rauchenden Schornsteine empor, Schornsteine aller Größen, die ihren rußigen Atem mit den ziehenden rußigen Wolken vermengten, während die dünnen Dampfauslaßrohre ihre weißen Federbüsche in regelmäßigen Abständen zischend hinausstießen. Wie die Atmung des Ungeheuers wölkten sich Dampf und Rauch unablässig über seinem arbeitenden Leibe, aus dessen Innern das Geräusch seiner mächtigen Organe drang, das Dröhnen der Maschinen, der helle Klang der Hämmer, der schwere Rhythmus der großen Schmiedehämmer, von denen die Luft wie von tiefen Glocken tönte und unter deren Stößen die Erde erzitterte. Und ganz nahe an der Straße, aus einem kleinen Gebäude, einer Art Keller heraus, in dem der erste Qurignon das Eisen geschmiedet hatte, scholl der wütende Doppelschlag zweier Schnellhämmer, die hier wie der Puls des Ungeheuers pochten, dessen menschenverschlingende Feueröfen nach langer Ruhe wieder in voller Glut flammten.

Noch durchdrang von den Höfen her kein elektrisches Licht den rötlichgelben Nebel der Abenddämmerung. Kein Schein erhellte noch die staubigen Fensterscheiben. Nur durch das offene Tor einer der großen Arbeitsgalerien lohte ein mächtiger Feuerschein ins Halbdunkel heraus, wie von einem schmelzenden Meteor: ein Werkmeister hatte vermutlich die Tür seines Ofens geöffnet. Und nichts sonst, nicht einmal ein vereinzelter Funke verriet das Reich des Feuers – des Feuers, das in dieser arbeitsgeschwärzten Stadt brauste, des Feuers, von dem ihr ganzes Inneres durchglüht war, des bezähmten, dienstbar gemachten Feuers, das das Eisen dehnt, biegt und formt wie weiches Wachs, und das den Menschen zum Herrn der Erde macht, seitdem er die Kunst Vulkans erlernt hat.

Jetzt schlug die Uhr in dem Türmchen auf dem Verwaltungsgebäude die sechste Stunde. Und Lucas hörte den Kleinen wieder sagen:

»Jetzt werden sie gleich kommen.«

»Ja, ja, ich weiß, sei nur ruhig.«

Bei der Bewegung, die sie machte, um ihn zurückzuhalten, hatte sich das zerrissene Wolltuch ein wenig von ihrem Gesichte verschoben, und Lucas war überrascht von der Zartheit ihrer Züge. Sie war sicherlich noch nicht zwanzig Jahre alt. Wirre blonde Haare umgaben ein schmales, kleines Gesicht mit von Weinen geröteten Augen und einem blassen, leidensverzogenen Munde. Und welch schwächlicher, kindlicher Körper in dem alten, abgetragenen Kleide! Mit welch dünnem zitternden Arm hielt sie den kleinen Bruder an sich gedrückt – blondköpfig gleich ihr, mit ebenso ungekämmtem Haar, aber kräftiger und entschlossener von Natur, wie es schien. Lucas fühlte wachsendes Mitleid mit den beiden Unglücklichen, während diese mißtrauisch und ängstlich zu dem Fremden herüberblickten, der stehengeblieben war und sie beobachtete. Das junge Mädchen besonders schien sich unbehaglich zu fühlen unter dem aufmerksamen Blicke des großen, schönen, etwa fünfundzwanzigjährigen Mannes mit den breiten Schultern und den starken Händen, mit dem von Gesundheit und Lebenslust blühenden Gesicht. Sie wandte die Augen ab von den braunen Augen des jungen Mannes, die sie offen und geradezu anblickten. Dann wagte sie noch einen verstohlenen Seitenblick, und als sie sah, daß er sie gütig anlächelte, wich sie scheu zurück in der Furchtsamkeit ihres großen Unglücks.

Eine Glocke ertönte, hinter dem Tore der Hölle wurde es lebendig, und die Arbeiter der Tagesschicht begannen herauszukommen, um von der Nachtschicht abgelöst zu werden. Denn das Leben des gefräßigen Ungeheuers rastete nie, es flammte und hämmerte Tag und Nacht. Die Arbeiter erschienen jedoch nur spärlich, denn die meisten hatten einen Vorschuß erbeten, obgleich sie erst seit Donnerstag arbeiteten. In allen Wohnungen herrschte der Hunger nach den entsetzlichen zwei Monaten des Streiks. Sie kamen nun einzeln oder in kleinen Gruppen, gesenkten Kopfes, düster und eilig, in den Taschen die wenigen, so schwer erworbenen Silberstücke, für die sie endlich den Kindern und der Frau wieder etwas Brot würden kaufen können. Und sie verschwanden auf der schwarzen Straße.

»Da ist er«, sagte das Kind mit gedämpfter Stimme. »Siehst du ihn, er geht mit Bourron.«

»Ja, ja, sei still.«

Zwei Arbeiter waren eben herausgetreten. Der eine hatte seinen Rock umgehängt, ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mensch mit rötlichem Haar und Bart, von mittlerer, kleiner, aber kräftiger Gestalt, mit aufgestülpter Nase und überhängender Stirn, mit roten Backen und brutalem Kinn, aber einem Mund, der angenehm lächeln konnte, was ihn für die Mädchen verführerisch machte. Sein Gefährte, Bourron, der seinen alten grünlichen Samtrock eng zugeknöpft hatte, war fünf Jahre älter als er, ein langer, hagerer Mensch, dessen großes Gesicht mit den schmalen, flachen Wangen und dem kurzen Kinn, mit den schiefgestellten Augen die ruhige Gemütsart eines leichtlebigen Menschen verriet, der immer unter der Herrschaft einer stärkeren Natur steht.

Bourron war der erste, der das arme Geschöpf mit dem Kind auf der anderen Seite der Straße an der Holzbrücke stehen sah. Er stieß seinen Gefährten an.

»Sieh hin, Ragu. Dort stehen Josine und Nanet. Sieh dich vor, wenn du nicht willst, daß sie sich an dich hängen.«

Ragu ballte wütend die Fäuste.

»Verdammte Klette! Ich hab' sie hinausgeworfen, ich hab' genug von ihr. Wenn sie mich belästigt, sollst du was erleben!«

Er war ein wenig angetrunken, wie immer an den Tagen, an denen er über die drei Liter Wein hinausging, deren er bedurfte, damit die Glut des Ofens ihm nicht die Haut ausdörre. Und in seiner Halbtrunkenheit ließ er sich vor allem von der grausamen Prahlsucht beherrschen, seinen Kameraden zu zeigen, wie er die Mädchen behandelte, wenn er sie nicht mehr mochte.

»Ich werfe sie an die Wand, verstehst du? Ich hab' genug von ihr!«

Josine hatte mit Nanet, der sich an ihre Röcke klammerte, furchtsam einige Schritte gemacht. Aber sie blieb wieder stehen, als sie sah, daß zwei Arbeiter an Ragu und Bourron herangetreten waren. Diese beiden gehörten zur Nachtschicht, und sie kamen von Beauclair. Der eine, Fauchard, ein Mann von dreißig Jahren, der wie vierzig aussah, war Zieher, schon gebrochen von der gefräßigen Arbeit, mit gedunsenem Gesicht und entzündeten Augen. Sein großer Körper war verdorrt und verkrümmt von der Gluthitze des Tiegelgußofens, in dem er das geschmolzene Metall zog. Der andere, Fortuna, sein Schwager, war ein Junge von sechzehn Jahren, den man kaum für zwölf gehalten hätte, so schwächlich und unscheinbar war er mit seiner kleinen Gestalt, seinem schmalen Gesicht, seinen farblosen Haaren. Er schien im Wachstum zurückgeblieben, seine Jugendkraft verzehrt von dem mechanischen Einerlei seiner Arbeit: er saß am Steuerhebel eines großen Hammers, betäubt von dem schrecklichen Getöse, blind gemacht von beißendem Rauch.

Fauchard trug einen schwarzen Korb am Arm, und er fragte die beiden mit seiner rauhen Stimme:

»Seid ihr an der Kasse gewesen?«

Er meinte, ob sie sich einen Vorschuß hatten auszahlen lassen. Und als Ragu, ohne zu antworten, sich damit begnügte, auf seine Tasche zu schlagen, in der die Fünffrankstücke klimperten, sagte er:

»Himmelkreuzdonnerwetter! Wenn ich denke, daß ich bis morgen früh warten muß, und daß ich heute nacht vor Durst krepieren kann, wenn meine Frau nicht etwa das Wunder zuwege bringt, mir meine Ration zu schaffen!«

Seine Ration waren vier Liter Wein für den Arbeitstag oder die Nacht, und er sagte, daß das gerade hinreichte, um ihm den Körper anzufeuchten, so dörrte ihm die Glut des Ofens das Wasser und das Blut aus dem Leibe. Er sah trostlosen Blickes auf seinen leeren Korb, in dem bloß ein Stück Brot herumkollerte. Wenn er nicht seine vier Liter hatte, war alles aus, dann wurde die furchtbar schwere Arbeit zur Todesqual, zur Unmöglichkeit!

»Pah«, sagte Bourron leichthin, »deine Frau läßt dich schon nicht im Stich. Die versteht's wie keine, sich immer wieder Kredit zu verschaffen.«

Auf einmal verstummten die vier Leute, die im klebrigen Schmutz der Straße beisammen standen, und zogen die Hüte. Lucas sah einen alten Herrn mit regelmäßigen Zügen und langem, weißen Haar, der von einem Diener in einem Rollstuhl gefahren wurde. Und er erkannte Jérôme Qurignon, Herr Jérôme, wie die ganze Gegend ihn nannte, den Sohn Blaise Qurignons, des ehemaligen Walzenarbeiters und Begründers der Werke. Sehr alt, gelähmt, ließ er sich zu allen Zeiten durch die Straßen fahren, ohne ein Wort zu sprechen. Als er jetzt auf dem Heimwege zu seiner Enkelin, die die Guerdache, einen nahegelegenen Landsitz, bewohnte, an den Werken vorüberkam, gab er seinem Diener ein Zeichen, langsamer zu gehen. Und mit seinen noch immer klaren, scharfen und tiefen Augen sah er lange auf das in Tätigkeit befindliche Ungeheuer, auf die Tagschichtarbeiter, die fortgingen, auf die der Nachtschicht, die herankamen, während die Wolken über den bleiernen Himmel jagten und die Abenddämmerung in ein düsteres Schwarzgrau überging. Dann blieb sein Blick auf dem Hause des Direktors haften, einem quadratischen, mitten in einem Garten stehenden Bau, den er selbst vor vierzig Jahren hatte aufführen lassen und in dem er als König geherrscht und Millionen verdient hatte.

»Herr Jérôme dürfte wohl nicht in Verlegenheit sein, wo er heute seinen Wein hernimmt«, sagte Bourron lachend und leise.

Ragu zuckte die Achseln.

»Ihr wißt, daß mein Urgroßvater der Kamerad des Vaters von Herrn Jérôme war. Sie waren Arbeiter, einer wie der andere, sie arbeiteten an der Streckwalze, einer wie der andere, und der Reichtum hätte gerade so gut auf einen Ragu wie auf einen Qurignon fallen können. Es ist nur Glückssache, wenn es nicht Diebstahl ist.«

»Sei doch still!« flüsterte Bourron. »Du wirst dir Unannehmlichkeiten zuziehen.«

Die Kühnheit Ragus verflog sofort, und als Herr Jérôme sie mit seinen großen, hellen, starren Augen ansah, zog er aufs neue den Hut mit der furchtsamen Ehrerbietung des Arbeiters, der wohl gern über den Herrn loszieht, dem aber die Sklaverei langer Generationen im Blute steckt und der vor dem irdischen Gotte zittert, von dem seine ganze Existenz abhängt. Der Diener schob den Rollstuhl langsam vor sich her, und Herr Jérôme verschwand auf der schwarzen Straße, die nach Beauclair hinabführte.

»Ach was«, sagte Fauchard philosophisch, »er ist nicht so glücklich in seinem Rollsessel, und wenn er noch Verstand hat, so muß er keine große Freude gehabt haben an all dem, was sich da zugetragen hat. Es hat jeder das Seine. – Oh, Himmeldonnerwetter! Wenn mir Natalie nur meinen Wein bringt!«

Und er wandte sich den Werken zu, mit ihm der junge Fortuné, der stumpfen Blickes und wortlos zugehört hatte. Ihre gebeugten Gestalten verloren sich in dem zunehmenden Dunkel, das die Massen der Gebäude einzuhüllen begann, während Ragu und Bourron, beide Verführer und Verführte in einer Person, ihren Weg nach irgendeiner Schenke des Ortes fortsetzten. Man konnte sich heute wohl einmal ein Glas Wein und etwas Lustigkeit gönnen, nachdem man soviel Elend erduldet hatte.

Dann sah Lucas, den mitleidiges Interesse hier am Geländer der Brücke festhielt, wie Josine mit kleinen, wankenden Schritten vorwärts ging und sich Ragu in den Weg stellte. Einen Augenblick hatte sie wohl gehofft, daß er die Brücke überschreiten und nach Hause gehen werde. Denn über die Brücke führte der nächste Weg nach dem alten Beauclair, einem Haufen schmutziger Hütten, in denen die meisten Arbeiter der Hölle wohnten. Aber als sie sah, daß er sich dem neuen Viertel zuwandte, da stand ihr mit einem Male alles vor Augen, was das bedeutete: die Schenke, der vertrunkene Lohn, und wieder eine Nacht, die sie halbverhungert, mit dem Kleinen im kalten Wind der Straße würde verbringen müssen. Und das Übermaß des Leidens und des Zornes gab ihr solchen Mut, daß sie sich aufrecht vor den Mann hinstellte.

»Auguste«, sagte sie, »sei menschlich, du kannst mich doch nicht draußen lassen.«

Er wollte, ohne zu antworten, weitergehen.

»Wenn du noch nicht nach Hause gehst, gib mir wenigstens den Schlüssel. Seit heute früh sind wir auf der Straße und haben nicht einmal einen Bissen Brot gegessen!«

Nun brach er los.

»Wirst du mich endlich in Ruhe lassen? Was läufst du mir nach und hängst dich an mich?«

»Warum hast du heute früh den Schlüssel mitgenommen? Ich verlange ja nur den Schlüssel, du kannst nach Hause kommen, wann du willst. Die Nacht ist da, und du kannst doch nicht wollen, daß wir auf der Straße schlafen.«

»Den Schlüssel? Den Schlüssel? Ich hab' ihn nicht, und wenn ich ihn hätte, so würde ich ihn dir nicht geben. Ich habe genug von dir, verstehst du, ich will nichts mehr von dir wissen! Es ist mehr als genug, wenn wir zwei Monate lang nichts zu fressen gehabt haben, jetzt tu meinetwegen, was du willst!«

Er schrie ihr das wild und brutal ins Gesicht. Und das arme, gebrechliche Geschöpf, das unter der ihr angetanen Schmach zitterte, hielt trotzdem stand, mit Sanftmut und mit der verzweifelten Beharrlichkeit der Unglücklichen.

»Wie hartherzig du bist! Wenn du heute nacht nach Hause kommst, können wir ja weiter sprechen. Morgen will ich gehen. Aber heute, heute, gib mir den Schlüssel!«

Da wurde der Mann von blinder Wut erfaßt und stieß sie roh zur Seite.

»Himmel und Hölle! Ist denn die Straße nicht für alle Leute da? Verkriech dich, wo du Lust hast. Mich gehst du nichts mehr an, sag' ich dir!«

Und als der kleine Nanet seine große Schwester in Schluchzen ausbrechen sah und ihm in den Weg trat, schrie Ragu:

»Der Balg auch noch, die ganze Familie hängt sich an mich! Wart, Nichtsnutz, ich werde dir gleich einen Fußtritt versetzen!«

Josine zog den Kleinen rasch an sich. Und die beiden blieben im Kot der Straße stehen, zitternd vor Kälte und Elend, während die beiden Arbeiter ihren Weg fortsetzten und bald in der Dunkelheit gegen Beauclair hin verschwanden, dessen Lichter sich allmählich entzündeten. Bourron, im Grunde ein guter Mensch, hatte eine Bewegung gemacht, als wollte er sich einmischen. Aber aus falschem Schamgefühl gegenüber dem hübschen, mädchenverführenden Kameraden, unter dessen Einfluß er stand, hatte er es bleiben lassen. Josine war stehengeblieben, offenbar unschlüssig, ob sie den nutzlosen Versuch, machen sollte, ihnen zu folgen. Dann, als die beiden verschwunden waren, raffte sie sich auf und ging mit der Beharrlichkeit der Verzweiflung langsam hinter ihnen drein, den kleinen Bruder an der Hand führend, vorsichtig an den Mauern hinschleichend, als ob sie fürchtete, daß die Männer sie sehen und umkehren könnten, um sie mit Schlägen abzuhalten, sich an ihre Schritte zu heften.

Lucas hätte in seiner Empörung sich beinahe auf Ragu geworfen und ihn gezüchtigt. Ach, dieses Arbeiterelend! Die erbarmungslose, erdrückend schwere Arbeit verwandelte die Menschen zu Bestien, die sich das armselige, hart erworbene Brot gegenseitig entrissen. Während der zwei Monate des Streiks hatten sich die Leute in täglichen, wütenden Zänkereien gierig um jeden Bissen Brot gebalgt. Und nun am ersten Lohntag eilte der Mann hastig zur Schenke, um sich die lang entbehrte Betäubung des Alkohols zu schaffen, unbekümmert um die Gefährtin seiner Leiden, die Frau oder Geliebte. Lucas durchlebte im Geiste wieder die vier Jahre, die er in einer Vorstadt von Paris in einer der dumpfen, ungesunden Kasernen verbracht hatte, in denen das Elend des Arbeiters in allen Stockwerken zum Himmel schreit. Wieviel Dramen hatte er gesehen, wieviel Schmerzen hatte er vergeblich zu lindern versucht! Das furchtbare Problem der Qualen und Demütigungen des Lohnsklaventums hatte sich in seiner ganzen Größe vor ihm aufgerichtet. Er hatte die grauenhafte Ungerechtigkeit der sozialen Einrichtungen vor Augen gehabt, hatte mit dem Finger an das entsetzliche Krebsgeschwür gerührt, das am Leibe der menschlichen Gesellschaft frißt. Er hatte viele Stunden damit verbracht, über ein Heilmittel nachzudenken, und war überall gegen die eherne Mauer der bestehenden Wirklichkeiten gestoßen. Und heute nun, da er infolge eines unvorhergesehenen Vorfalles plötzlich nach Beauclair gekommen war, bot sich ihm gleich am ersten Abend diese grausame Szene, der Anblick dieses bleichen, unglücklichen Geschöpfes, das, auf die Straße gestoßen, Hungers sterben mußte durch die Schuld des gefräßigen Ungeheuers, dessen Feuer er im Innern seines Leibes brausen hörte, während es den schwarzen Rauch in dicken Wolken gegen den schicksalsdüsteren Himmel stieß.

Ein kurzer Regenguß fiel, von dem klagenden Winde in schiefen Linien hingepeitscht. Lucas war auf der Brücke stehengeblieben und versuchte sich in der Gegend zurechtzufinden. Zu seiner Rechten erstreckten sich längs der Straße nach Brias hin die Gebäude der Hölle; zu seinen Füßen floß die Mionne, während sich zu seiner Linken der Eisenbahndamm der Linie von Brias nach Magnolles hinzog. Und hier, wo die Schlucht sich in die Ebene ergoß, drängten sich die Häuser des alten Beauclair, ein armseliger Haufen von Arbeiterhütten, an die sich eine kleine, neue Stadt anschloß. Dort befanden sich die Unterpräfektur, das Rathaus, das Bezirksgericht und das Gefängnis, während die Kirche, deren alte Mauern zu zerbröckeln drohten, mitten zwischen der neuen Stadt und dem alten Flecken stand. Der Kreishauptort zählte etwa sechstausend Seelen, von denen nahe an fünftausend arme, stumpfe Seelen in elenden, von der ungerechten Arbeit gebrochenen und verkrümmten Körpern hausten. Die Arbeit, die Arbeit! Wer wird sie endlich erhöhen, wer sie umgestalten nach dem natürlichen Gesetze der Wahrheit und Gerechtigkeit, damit sie als die erhabene und ausgleichende Allmacht walte, damit eine gerechte Verteilung der Güter dieser Erde eintrete und jedem Menschen endlich sein Anteil am Glücke zugemessen werde!

Obgleich der Regen wieder aufgehört hatte, wandte sich auch Lucas dem unteren Beauclair zu. So sehr hatte die Trauer und die Empörung im Verein mit dem Gefühl seiner Ohnmacht Lucas überwältigt, daß er am liebsten noch diesen Abend, noch in dieser Stunde wieder abgereist wäre, wenn er nicht gefürchtet hätte, daß Jordan es ihm übelnehmen könnte. Jordan, der Eigentümer der Crêcherie, befand sich in großer Verlegenheit infolge des plötzlichen Todes des alten Ingenieurs, der seinen Hochofen geleitet hatte. Er hatte an Lucas geschrieben und ihn gebeten, zu ihm zu kommen, um die Sachlage zu untersuchen und ihm einen guten Rat zu geben. Und als der junge Mann mit freundschaftlicher Bereitwilligkeit herbeigeeilt war, hatte er einen zweiten Brief vorgefunden, worin Jordan ihm von einem abermaligen Unglück erzählte: dem plötzlichen tragischen Tode eines Vetters in Cannes, durch den er gezwungen worden war, sofort mit seiner Schwester abzureisen und drei Tage fortzubleiben. Er bat ihn, bis Montagabend auf ihn zu warten und sich mittlerweile in dem kleinen Häuschen einzurichten, das er ihm zur Verfügung stelle und in dem er alle Bequemlichkeit finden werde. Lucas hatte also noch zwei Tage vor sich, und beschäftigungslos in die kleine Stadt verschlagen, die er kaum kannte, war er heute vom Hause fortgegangen, um sich ein wenig umzusehen, hatte sogar dem Diener gesagt, daß er nicht zum Essen heimkehren werde. Er wollte in einem beliebigen Gasthause essen, denn ihn zog vor allem das Volk und seine Lebensweise an, er wollte sehen, vergleichen, Erfahrungen sammeln.

Neue Gedanken stiegen in ihm auf, während er in dem heftigen Winde durch den schwarzen Kot dahinschritt, inmitten des schweren Stapfens der ermüdeten, schweigenden Arbeiter. Er schämte sich der Anwandlung von Schwäche, die ihn eben überkommen hatte. Warum sollte er die Flucht ergreifen, wenn er hier das Problem, das ihm so schwer auf der Seele lag, in seiner unerträglichsten Form fand? Er durfte den Kampf nicht fliehen, er mußte den Tatsachen ins Auge sehen, nur so konnte es ihm vielleicht gelingen, in der Finsternis den richtigen Weg zu finden. Als Sohn von Pierre und Marie Froment hatte er gleich seinen Brüdern Matthäus, Marcus und Johannes neben seinen Fachstudien als Ingenieur ein Handwerk erlernt: er war Steinmetz, Architekt und Baumeister. Und da er Wert darauf gelegt hatte, in allem selbst mit Hand anzulegen, und manchen Tag in den großen Pariser Werkstätten gearbeitet hatte, war ihm keines der Dramen der Arbeit von heute verborgen, bildete es seinen schönsten Traum, zu dem Triumphe der Arbeit der Zukunft sein Teil beitragen zu können. Aber wie sollte er es anfassen, wo den Hebel ansetzen, wie den Gedanken Körper und Leben verleihen, von deren unklaren, verschwommenen Formen seine Seele erfüllt war? Größer und kräftiger als sein Bruder Matthäus, mit dem offenen Gesicht des Mannes der Tat, mit einer hohen Stirn, hinter der ein unaufhörlich tätiger Geist gärte, hatte er bis jetzt nur das Leere umfaßt mit seinen starken Armen, die ungeduldig strebten, eine Welt zu schaffen. Ein plötzlicher Windstoß kam daher, ein Sturmwind, der ihn mit heiligem Schauer erfüllte. Hatte eine unbekannte Macht ihn als Messias in diesen leiderfüllten Erdenwinkel gesandt, um die oft erträumte Mission der Erlösung und Beglückung zu erfüllen?

Als Lucas, aus seiner Versunkenheit erwachend, den Kopf hob, sah er, daß er Beauclair erreicht hatte. Vier Hauptstraßen, die auf dem das Zentrum bildenden Rathausplatz zusammenliefen, teilten die Stadt in vier fast gleiche Teile; und jede dieser Straßen trug den Namen der benachbarten Stadt, wohin sie führte: die Rue-de-Brias nach Norden, die Rue-de-Saint-Cron nach Westen, die Rue-de-Magnolles nach Osten, die Rue-de-Formeries nach Süden. Die bedeutendste und belebteste von diesen war die Rue-de-Brias mit ihren zahlreichen Geschäftsläden, in der sich Lucas befand. Denn in ihrer Nähe lagen alle Fabriken, und sie entließen nach jedem Arbeitsschluß die dunkle Menge ihrer Arbeiter auf diese Straße. Als er vorüberkam, öffnete sich das Tor der Schuhfabrik Gourier, die dem Bürgermeister gehörte, und heraus drängten die fünfhundert Arbeiter, die hier beschäftigt waren, darunter über zweihundert Frauen und Kinder. Und in den Nebengassen befanden sich die Fabrik von Chodorge, in der nur Nägel geschlagen wurden, das Haussersche Sensenwerk, das jährlich mehr als hunderttausend Sensen und Sicheln lieferte, die Fabrik Mirande, die landwirtschaftliche Maschinen erzeugte. Alle hatten sie unter dem Streik in den Stahlwerken gelitten, von denen sie ihr Rohmaterial bezogen. Über alle hatte der Hunger und das Elend geherrscht, und den hageren, hohlwangigen Menschen, mit denen sie die kotige Straße überschwemmten, glühte der Groll in den Augen, zuckte die verhaltene Empörung um den Mund, während sie sich in scheinbar stummer Ergebung in dicht gedrängten Scharen vorwärtsschoben. Die ganze Straße, die schwach erhellt war von den im Winde flackernden gelben Gasflammen, war schwarz von der Masse ihrer Gestalten. Und das Gedränge wurde noch vermehrt durch die Schar der Frauen, die, endlich im Besitze einiger Sous, zu den Kaufleuten eilten, um sich den Genuß eines Brotes und eines Stückes Fleisch zu gönnen.

Lucas empfing den Eindruck, als befände er sich in einer belagert gewesenen Stadt, am Tage nach der Aufhebung der Belagerung. Gendarmen schritten in der Menge auf und ab, eine ganze bewaffnete Macht, und beobachteten die Leute scharf, als befürchtete man einen neuen Ausbruch der Feindseligkeiten, ein neues Aufflammen der Wut der Unterlegenen, deren frische Wunden noch brannten, eine letzte wahnsinnige Empörung, die die Stadt dem Untergang preisgeben würde. Die Arbeitgeber, die bürgerliche Macht mochten über die Lohnsklaven den Sieg davongetragen haben, aber die gefesselten Sklaven waren so gefährlich in ihrer stummen Passivität, daß eine entsetzliche Bitterkeit die Luft erfüllte, und daß man darin den Schreckenshauch wütender Vergeltung und blutiger Gemetzel wehen fühlte. Ein dumpfes, geheimes Grollen bebte durch diese Scharen, die besiegt und ohnmächtig dahinzogen, und der helle Glanz einer Goldborte, das Blinken einer Waffe da und dort zwischen den Gruppen verrieten die uneingestandene Furcht der Herren, welche ihr Siegergefühl hinter den dichten Vorhängen der reichen Häuser bargen. Und die schwarze Masse der Arbeiter, der halbverhungerten Menschen, zog immer noch vorüber, dicht gedrängt, schweigend, gesenkten Hauptes.

Lucas mischte sich unter die Gruppen, blieb stehen, hörte zu, beobachtete. So machte er auch halt vor einem großen Fleischerladen, dessen Türen weit geöffnet waren, und dessen helle Gasflammen die blutigen Fleischstücke bestrahlten. Dacheux, der Fleischer, ein massiger, schlagflüssiger Mensch mit großen, vorquellenden Augen in einem dicken, roten Gesichte, stand auf der Schwelle, um seine Waren zu beaufsichtigen, begrüßte mit großer Beflissenheit die Mädchen der wohlhabenden Häuser und sah mißtrauischen Blickes auf die armen Weiber, die hereinkamen. Seit einer kleinen Weile beobachtete er eine große, magere, blonde junge Frau, die blaß, kränklich und verwelkt aussah, ein hübsches Kind von vier oder fünf Jahren an der Hand führte und am Arm einen großen Korb trug, aus dem vier Weinflaschen heraussahen. Er hatte die Fauchard erkannt, die ihn dauernd um kleine Kredite bat. Als sie Miene machte, einzutreten, verstellte er ihr fast den Weg.

»Was wollen Sie denn schon wieder?«

»Herr Dacheux«, stammelte Natalie, »wenn Sie so gut sein wollten... Sie wissen, daß mein Mann wieder ins Werk gegangen ist, und morgen früh bekommt er einen Vorschuß. Herr Caffiaux war so gut und hat mir die vier Liter geborgt, die ich da habe, und wenn Sie nun auch so gut sein wollten und mir ein Stückchen Fleisch borgen, nur ein Stückchen Fleisch!«

Der Fleischer fuhr sie wütend an, und sein Gesicht wurde krebsrot.

»Nein, hab' ich Ihnen schon gesagt! Euer Streik hat mich fast zugrunde gerichtet. Es wird immer genug Nichtstuer geben, die die anständigen Leute in ihren Geschäften schädigen. Wenn man nicht genug arbeitet, um sich Fleisch zu verdienen, so braucht man auch keins zu essen.«

Er befaßte sich mit Politik, stand auf Seite der Reichen und Starken, war ein gefürchteter, beschränkter, aufbrausender Mensch. Und das Wort »Fleisch« nahm in seinem Munde eine gewaltige Bedeutung, eine aristokratische Würde an: das heilige Fleisch, die Luxusnahrung, die nur für die Reichen da war.

»Sie schulden mir noch vier Frank vom Sommer her«, fuhr er fort. »Ich muß auch meine Schulden zahlen!«

Natalie sank in sich zusammen und fuhr fort, mit leiser, tränender Stimme zu bitten. Aber ein kleiner Vorfall vernichtete auch den letzten Schimmer von Hoffnung. Frau Dacheux, eine kleine, schwarze, häßliche, unbedeutende Frau, die es jedoch trotzdem zuwege brachte, ihrem Mann gewaltige Hörner aufzusetzen, hatte sich mit ihrer kleinen Julienne, einem gesunden, dicken, munteren Blondkopf von vier Jahren, genähert. Der kleine Louis Fauchard hatte ihr trotz seines Elends zugelächelt, und die blühende Julienne, die offenbar von sozialen Unterschieden noch nichts wußte, lief auf ihn zu und faßte ihn bei den Händen. Und die beiden Kleinen hatten begonnen, sich fröhlich miteinander zu unterhalten, in kindlicher Unschuld die Versöhnung der Zukunft vorwegnehmend.

»Verdammter Fratz!« schrie Dacheux außer sich. »Krabbelst du mir schon wieder zwischen den Beinen herum? Marsch, dorthin und setz dich!«

Dann fuhr er seine Frau heftig an und schickte sie zu ihrer Kasse zurück, indem er ihr zurief, sie täte besser, auf ihr Geld acht zu geben, damit sie nicht wieder bestohlen werde wie vorgestern. Und er wandte sich an alle Leute, die im Laden waren, um ihnen entrüstet wieder von diesem Diebstahl zu erzählen, der ihn seit zwei Tagen unablässig beschäftigte und empörte.

»Jawohl, kommt da so ein lumpiges Weib herein und nimmt ein Fünffrankstück aus der Kasse, während meine Frau in die Luft gaffte. Sie konnte nicht leugnen, denn sie hatte das Geld noch in der Hand. Die habe ich aber gleich dingfest machen lassen! Jetzt sitzt sie im Gefängnis. Es ist schrecklich, schrecklich! Man wird uns noch ausrauben, ausplündern, wenn wir nicht nach dem Rechten sehen!«

Und mißtrauischen Blickes bewachte er die ausgelegten Fleischstücke, damit die Hungrigen sie ihm nicht aus dem Schaukasten stahlen.

Lucas sah dann, wie die Fauchard sich eingeschüchtert entfernte, als fürchte sie, daß der Fleischer einen Gendarmen rufe. Sie überschritt die Straße mit ihrem kleinen Louis und blieb vor einem hellerleuchteten, mit Spiegelscheiben gezierten Bäckerladen stehen, der gerade gegenüber dem Fleischerladen lag und in dessen offenem Schaufenster gelbe Kuchen und große braune Brote ihre appetitlichen runden Formen den Blicken der Vorübergehenden boten. Mutter und Kind blieben in Betrachtung versunken vor den Broten und Kuchen stehen. Und Lucas vergaß sie eine Weile, indem er sich für die Vorgänge im Laden interessierte.

Ein Wagen stand vor der Tür, dem eben ein Bauer mit einem achtjährigen Knaben und einem sechsjährigen Mädchen entstiegen war. An der Kasse saß die Bäckerin, die schöne Frau Mitaine, eine üppige Blondine von fünfunddreißig Jahren, in die alle Männer des Ortes verliebt gewesen waren, ohne sie aber in der Treue gegen ihren Gatten wankend machen zu können, einen blassen, hageren, schweigsamen Mann, den man selten sah, weil er sich fast immer in seiner Backstube aufhielt. Neben der Frau saß auf dem Bänkchen ihr Sohn Evariste, ein Knabe von zehn Jahren, groß für sein Alter, blond wie sie, mit einem hübschen Gesichte und sanften Augen.

»Ah, Herr Lenfant, wie geht es Ihnen? Und da sind ja auch Arsène und die kleine Olympe. Man braucht nicht erst zu fragen, ob die Kinderchen gesund sind, wenn man sie ansieht.«

Der Bauer, ein Mann von dreißig und etlichen Jahren, mit einem breiten und ruhigen Gesichte, antwortete langsam und bedächtig:

»Ja, ja, gesund sind wir wohl, damit geht es uns nicht schlecht in Combettes. Nur die Erde ist krank. Ich kann Ihnen die Kleie nicht liefern, die ich Ihnen versprochen habe, Frau Mitaine. Wir haben keine. Da ich heute nach Beauclair hereinfahren mußte, so dachte ich mir, ich sag' Ihnen das gleich.«

Er fuhr fort zu reden und machte seinem ganzen Grolle Luft gegen die undankbare Erde, die den Bauer nicht mehr nähre, die nicht einmal mehr den Samen und den Dünger hereinbringe. Und die schöne Bäckerin nickte voller Mitleid. Ach ja, leider, es bedürfe jetzt vieler Arbeit um wenig Ertrag. Niemand könne sich mehr vollkommen satt essen. Sie verstehe nichts von der Politik, aber wie schlecht gehe es, mein Gott, wie schlecht! Jetzt während des Streiks, da habe es ihr das Herz gebrochen, zu denken, daß sich Menschen zu Bett legen mußten ohne einen Bissen Brot, während der Laden voll mit Broten war. Aber Geschäft sei Geschäft, nicht wahr? Man könne doch die Ware nicht verschenken, das würde ja aussehen, als wollte man den Aufruhr unterstützen.

»Freilich, freilich«, stimmte Lenfant bei, »jedem das Seine. Man muß auch verdienen, wenn man sich plagt, das versteht sich. Aber es gibt Leute, die zuviel verdienen wollen.«

Evariste, dessen Interesse Arsène und Olympe erweckten, hatte die Kasse verlassen, um sie gewissermaßen zu begrüßen. Und als großer Junge von zehn Jahren lächelte er freundlich der sechsjährigen Kleinen zu, deren pausbackiges, munteres Gesichtchen ihm gefiel.

»Gib ihnen doch jedem einen Kuchen«, sagte die schöne Frau Mitaine, die ihren Knaben mit großer Zärtlichkeit behandelte und auch ein wenig verzog.

Und als Evariste bei Arsène den Anfang machte, rief sie scherzend: »Aber Herzchen, man muß galant sein, die Damen kommen immer zuerst!«

Evariste und Olympe lachten verlegen und waren sofort gute Freunde. Und Lenfant nahm Abschied, indem er noch sagte, er hoffe, doch noch die Kleie bringen zu können, aber später. Frau Mitaine begleitete ihn zur Tür und sah ihm zu, wie er seinen Wagen bestieg und die Rue-de-Brias hinabfuhr. In diesem Augenblicke sah Lucas, wie die Fauchard mit plötzlichem Entschluß, ihren kleinen Louis an der Hand, auf den Bäckerladen zuging. Sie stammelte einige Worte, die er nicht hören konnte, offenbar eine Bitte um weiteren Kredit, denn die schöne Frau Mitaine trat mit einem gewährenden Kopfnicken sofort in den Laden zurück und händigte ihr einen großen Brotlaib aus.

Dacheux, noch immer von erbittertem Mißtrauen erfüllt, hatte das von der anderen Seite der Straße aus mit angesehen und rief nun herüber:

»Man wird Sie bestehlen! Jetzt ist bei Caffiaux wieder eine Büchse Sardinen gestohlen worden. Alle Leute werden bestohlen!«

»Pah«, erwiderte Frau Mitame fröhlich, wieder auf der Schwelle ihres Ladens, »man stiehlt nur bei reichen Leuten.« Langsam setzte Lucas seinen Weg durch die Rue-de-Brias fort. Ein Hauch von Schrecken schien ihm durch die Menge zu wehen, und es war, als sollte er sich zum Sturm der Empörung steigern und diese finstere und stumme Masse vor sich hertreiben. Auf dem Rathausplatze angekommen, traf er wieder auf den Wagen Lenfants, der an der Straßenecke vor einem Eisenwarenladen, einer Art Basar stand, der dem Ehepaar Laboque gehörte. Und durch die weitgeöffneten Türen hörte er ein heftiges Feilschen zwischen dem Bauer und dem Händler.

»Zum Henker auch, jetzt wird man euch die Spaten ja bald mit Gold aufwiegen müssen! Nun wollt ihr wieder zwei Frank mehr fürs Stück haben!«

»Das kommt alles von diesem verwünschten Streik, Herr Lenfant. Wir können nichts dafür, wenn die Fabriken nicht gearbeitet haben und alles teurer geworden ist. Ich zahle die Eisen selber teurer, und ich muß doch auch etwas verdienen.«

»Verdienen sollt ihr, aber nicht gleich das Doppelte verlangen. Sie sind mir ein schöner Geschäftsmann! Man wird ja bald kein Werkzeug mehr erschwingen können.«

Laboque war ein kleiner, magerer, beweglicher Mensch, mit der Nase und den Augen eines Wiesels, und er hatte eine schwarze, lebhafte Frau von gleicher Gestalt und von außerordentlicher Habsucht. Sie hatten ihr Geschäft damit begonnen, daß sie mit ihrem Karren voll Spaten, Rechen und Sägen von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen. Vor zehn Jahren hatten sie dann einen kleinen Laden eröffnet, hatten diesen von Jahr zu Jahr vergrößert und betrieben jetzt einen sehr beträchtlichen Handel als Vermittler zwischen den Fabriken der Umgebung und den Käufern, denen sie alle Werkzeuge mit großem Gewinn verkauften. So zapften sie dem Lande eine erhebliche Menge von Kraft und Reichtum ab und häuften ihn bei sich auf, als ziemlich anständige Kaufleute, die nach Brauch und Herkommen stahlen und allabendlich mit gieriger Freude den in ihre Kasse geflossenen Gewinn überzählten, den sie aus den Bedürfnissen der anderen zu ziehen verstanden. Unnütze Räder in der Maschinerie der menschlichen Gesellschaft, die nur Kraft verzehrten, und deren Knirschen den Untergang der Maschine beschleunigte.

Während der Bauer und der Händler sich in einem heftigen Feilschen um einen Preisnachlaß von einem Frank ergingen, richtete Lucas seine Aufmerksamkeit wieder auf die Kinder. Es waren zwei im Laden, ein großer Junge von zwölf Jahren, Auguste, von stillem, gesetzten Wesen, der seine Schulaufgabe lernte, und ein Mädchen von kaum fünf Jahren, Eulalie, das sehr sittsam auf einem Stuhle saß und die hereinkommenden Leute mit ihren ernsten, sanften Augen ansah, als ob sie sie prüfend beurteilte. Sie hatte sich für Arsène Lenfant interessiert, kaum daß er die Schwelle betreten hatte. Er gefiel ihr offenbar, und sie bewillkommnete ihn in ihrer wohlwollenden Art. Und die kleine Versammlung war vollständig, als ein fünftes Kind an der Hand einer Frau hereinkam. Es war die Frau des Arbeiters Bourron, Babette, ein frisches, rundliches, unverwüstlich heiteres Weibchen, und ihre kleine Marthe, vier Jahre alt, war ebenso frisch, rundlich und lustig wie sie. Sie machte sich von ihrer Mutter los und lief auf Auguste Laboque zu, den sie offenbar kannte.

Die Ankunft Babettes unterbrach das Feilschen des Bauers und des Händlers, die sich endlich einigten, indem sie die Differenz teilten. Die Frau brachte eine Kasserolle zurück, die sie gestern gekauft hatte.

»Sie rinnt, Herr Laboque. Ich habe es bemerkt, wie ich sie aufs Feuer setzte. Ich kann doch keine rinnende Kasserolle brauchen.«

Während Laboque die Kasserolle murrend untersuchte und sich endlich herbeiließ, sie gegen eine andere umzutauschen, sprach Frau Laboque von ihren Kindern. Wahre Ofenhocker seien sie, die sich den ganzen Tag nicht vom Hause fortrührten, die Kleine immer auf ihrem Sessel, der Junge über seinen Büchern. Man müsse wohl sehen, Geld für sie zu verdienen, denn sie gerieten ihrem Vater und ihrer Mutter nicht nach und würden wohl nie eifrig beim Verdienen sein. Ohne auf sie zu hören, lächelte Auguste Laboque der kleinen Marthe Bourron zu, Eulalie Laboque streckte ihr Händchen Arsene Lenfant entgegen, während Olympe Lenfant gedankenvoll den Kuchen verzehrte, den der junge Mitaine ihr gegeben hatte. Und die kleine Kindergruppe bildete ein entzückendes Idyll, ein frischer, wohltuender Hauch strömte von ihr aus, ein Hauch der Hoffnung auf das Morgen, während draußen auf der Straße der glühende Atem des Kampfes und des Hasses wehte.

»An solchen Geschäften verdient man nicht viel«, sagte Laboque, indem er Babette eine neue Kasserolle aushändigte. »Es gibt schon keine guten Arbeiter mehr, alle liefern schlechtes, verpfuschtes Zeug. Und was es sonst für Verluste gibt! Wir können uns gar nicht vor Diebstahl schützen, mit den auf der Straße ausgelegten Waren. Heute nachmittag sind wir wieder bestohlen worden.«

Lenfant, der bedächtig seinen Spaten bezahlte, fragte erstaunt:

»Stimmt denn das mit den Diebstählen, von denen man spricht?«

»Das sollte ich meinen, daß das wahr ist! Nicht wir stehlen, sondern man bestiehlt uns. Zwei Monate waren die Leute im Ausstand, und da sie kein Geld zum Kaufen haben, so stehlen sie, was sie können. Sehen Sie, aus diesem Kasten da hat man mir vor zwei Stunden Messer und Gabeln gestohlen. Das wird bald unheimlich!«

Er war plötzlich erblaßt und deutete mit unruhiger Gebärde auf die Straße, durch die die dunkle, drohende Menge zog, als fürchtete er, daß diese Haufen des Elends plötzlich seinen Laden stürmen, ihn plündern, sein Eigentum vernichten könnten.

»Messer und Gabeln«, sagte Babette mit ihrem fröhlichen Lächeln, »die kann man doch nicht essen, was sollten die Leute damit anfangen? Caffiaux gegenüber klagt auch, daß ihm eine Büchse Sardinen gestohlen wurde. Wahrscheinlich hat irgendein Gassenjunge Appetit darauf gehabt!«

Sie war immer froh und zufrieden, immer überzeugt, daß alles gut ausgehen werde. Diesen Caffiaux, den sollten die Weiber verwünschen! Sie hatte eben ihren Mann, Bourron, zu ihm hineingehen sehen, und der würde sicherlich seine fünf Frank dort lassen. Aber was will man tun? Es war doch nur natürlich, daß ein Mann ein wenig Vergnügen suchte, nachdem er soviel Schweres hatte ertragen müssen. Damit nahm sie ihre kleine Marthe bei der Hand und ging fort, glücklich über ihre schöne neue Kasserolle.

»Wissen Sie«, sagte Laboque zu dem Bauern, »wir müßten Militär herbekommen. Wenn es nach mir ginge, so müßte allen diesen Revolutionären eine ordentliche Lektion gegeben werden. Wir brauchten eine starke Regierung, die fest dreinhaut, damit sie die Leute lehrt, Respekt zu haben vor dem, was Respekt verdient.«

Lenfant schüttelte den Kopf. Sein zähes Mißtrauen vermied es, irgendeine Meinung auszusprechen. Er ging mit Arsène und Olympe fort, indem er sagte:

»Wenn das nur kein böses Ende nimmt, diese Geschichten zwischen Bürgern und Arbeitern!«

Lucas hatte seine Aufmerksamkeit dem Geschäfte von Caffiaux zugewandt, das die andere Ecke der Rue de Brias und des Rathausplatzes einnahm. Das Ehepaar Caffiaux hatte hier ursprünglich nur einen Kolonialwarenladen gehalten, der heute in großer Blüte stand, und vor dem offene Säcke, aufeinandergestellte Konservenbüchsen, Lebensmittel und Leckereien aller Art ausgestellt und durch Netze gegen diebische Finger geschützt waren. Dann hatten sie den anstoßenden Laden dazu gemietet und dort eine Weinstube eröffnet, mit der sie glänzende Geschäfte machten. Die benachbarten Fabriken, besonders die Hölle, verbrauchten eine erschreckende Menge von Alkohol. Ein ununterbrochener Zug von Arbeitern ging in dem Lokale ein und aus, besonders an Samstagen nach der Lohnauszahlung. Viele verweilten lange, nahmen ihre Mahlzeit dort ein und gingen schwer betrunken fort. Hier wurde das Gift verabreicht, das war die Gifthöhle, in der die stärksten Männer ihre geistigen und körperlichen Kräfte zugrunde richteten. Lucas entschloß sich hineinzugehen, um zu sehen, wie es da zuging. Er hatte ja ohnehin die Absicht, im Gasthaus zu essen. Wie oft hatte ihn in Paris sein leidenschaftliches Verlangen, das Volk in seiner wahren Gestalt kennenzulernen, in die elendesten Kneipen geführt.

Er ließ sich ruhig an einem der kleinen Tische neben dem großen, zinnbeschlagenen Schenktisch nieder. Es war ein großer Raum. Etwa ein Dutzend Arbeiter nahmen ihr Getränk stehend ein, während andere an den Tischen tranken, schrien und Karten spielten. Die ersten, die Lucas sah, waren Ragu und Bourron, die einander gegenüber an einem benachbarten Tische saßen und einander aufgeregt ins Gesicht redeten. Sie hatten sich zunächst Wein geben lassen, dann hatten sie Wurst und Käse bestellt, und nun waren sie schon ziemlich betrunken. Aber sein hauptsächliches Interesse erregte Caffiaux, der mit den beiden plauderte. Lucas hatte sich eine Schnitte kalten Rinderbraten geben lassen, und er hörte zu, während er aß.

Caffiaux war ein großer, dicker, lächelnder Mensch mit väterlich-wohlwollendem Gesicht.

»Wenn ich euch sage, daß, wenn ihr nur noch drei Tage länger ausgehalten hättet, die Herren sich euch hätten auf Gnade und Ungnade ergeben müssen! Himmeldonnerwetter! Ihr wißt ja, daß ich immer auf eurer Seite bin. Ich wollt' es lieber heut als morgen erleben, daß ihr diesen niederträchtigen Ausbeutern den Garaus macht!«

Ragu und Bourron, die sehr erregt waren, schlugen ihm auf die Achseln. Jawohl, jawohl, sie kannten ihn, sie wußten, daß er ihnen ein wahrer Freund sei. Aber trotzdem sei ein Streik eine verflucht harte Sache, und einmal müsse er schließlich ein Ende nehmen.

»Die Herren werden immer die Herren sein«, sagte Ragu. »Man muß sie sich also wohl gefallen lassen und kann nichts tun, als ihnen so wenig wie möglich für ihr Geld zu geben. Noch einen Liter, Vater Caffiaux, Sie trinken mit uns.«

Caffiaux sagte nicht nein und setzte sich an den Tisch. Er war ein Anhänger radikaler Ideen, weil er bemerkt hatte, daß sein Geschäft nach jedem Streik sich vergrößerte. Nichts regte die Leute so auf wie der Kampf, der erbitterte Arbeiter warf sich dem Alkohol in die Arme, die langen Tage verbissenen Nichtstuns gewöhnten selbst den Fleißigen an die Schenke. Außerdem zeigte sich Caffiaux in kritischen Zeiten entgegenkommend, eröffnete den Frauen kleine Kredite, verweigerte den Männern kein Glas Wein, denn er war sicher, nachher bezahlt zu werden. Dadurch schuf er sich aber den Ruf eines gutherzigen Menschen und verlockte die Leute zum Genuß des abscheulichen Giftes, das er verkaufte. Manche behaupteten jedoch, daß dieser Caffiaux mit seinem glatten Gehabe ein Verräter, ein Spion der Eigentümer der Hölle sei, die sein Geschäft finanziert hätten, um die Leute zum Plaudern zu bringen. So schloß sich der Ring zum unabwendbaren Verderben, der elende Lohnsklave, der weder Freude noch Vergnügen auf der Welt hatte, bedurfte der Schenke, und die Schenke vollendete seine körperliche und moralische Zerrüttung.

Die Aufmerksamkeit Lucas' wurde eine Weile von dem Gespräch am Nebentisch abgelenkt, als er die Tür, die vom Kramladen in die Schenke führte, aufgehen und ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen eintreten sah. Es war Honorine, die Tochter Caffiaux', ein kleines, zartes, brünettes Kind mit schönen schwarzen Augen. Sie hielt sich nie in der Weinstube auf, sie bediente nur im Laden. Sie rief lediglich nach ihrer Mutter, die an dem großen zinnernen Schenktisch saß, eine dicke, lächelnde Frau mit ebenso mütterlicher Miene, wie die ihres Mannes väterlich war. Alle diese gewinnsüchtigen Geschäftsleute, diese egoistischen und hartherzigen Krämer hatten schöne Kinder. Waren auch diese Kinder bestimmt, ebenso gewinnsüchtig, ebenso hartherzig und egoistisch zu werden?

Plötzlich schien es Lucas, als sei eine schöne und traurige Vision vor ihm aufgetaucht. Mitten in der verpesteten Luft der Schenke, in dem immer dichter werdenden Tabaksrauch, umtost von dem Lärm eines heftigen Streites, der vor dem Schenktisch ausgebrochen war, stand Josine da, so undeutlich in der dicken Luft, daß er sie nicht gleich erkannt hatte. Sie war, wie es schien, unbemerkt eingetreten und hatte Nanet vor der Tür gelassen. Zitternd und zögernd stand sie hinter Ragu, der sie nicht sah, da er ihr den Rücken zuwandte. Und Lucas konnte sie eine Weile betrachten: sie war sehr schwächlich in ihrem armseligen Kleidchen, mit ihrem leidenden Gesicht, das beschattet war von dem zerrissenen Wolltuch, das sie auf dem Kopfe trug. Und nun sah er auch etwas, was ihm vorhin auf der Straße entgangen war: ihre rechte Hand, jetzt nicht mehr in den Falten ihres Rockes verborgen, war mit Leinewand bis ans Handgelenk verbunden.

Josine nahm endlich allen ihren Mut zusammen. Sie war an das Fenster der Weinstube gekommen, hatte hineingeblickt und Ragu am Tische sitzen sehen. Sie trat jetzt mit ihren kleinen Schritten heran und legte ihm ihre schmale Kinderhand auf die Schulter. Er, in seiner Trunkenheit, fühlte es nicht einmal, bis sie ihn endlich stärker schüttelte und er sich umdrehte.

»Hölle und Teufel, bist du's schon wieder! Was willst du hier?«

Er schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Gläser und Flaschen tanzten.

»Ich muß wohl herkommen, da du nicht nach Hause kommst«, erwiderte sie sehr bleich.

Aber Ragu hörte nicht einmal auf sie, er schrie sich immer mehr in seine Wut hinein.

»Ich tu', was mir beliebt, und mir hat kein Frauenzimmer nachzuspionieren, verstehst du? Ich werde hierbleiben, solang es mir gefällt!«

»So gib mir wenigstens den Schlüssel«, sagte sie verzweifelt, »damit ich die Nacht nicht auf der Straße verbringen muß.«

»Den Schlüssel, den Schlüssel?« brüllte Ragu. »Du willst den Schlüssel?«

Und in wilder Wut sprang er auf, faßte sie an der verwundeten Hand und zerrte sie durch den Raum, um sie hinauszustoßen.

»Hab' ich dir nicht gesagt, daß es aus ist mit uns, daß ich nichts mehr von dir wissen will? Such ihn dir draußen auf der Straße, deinen Schlüssel!«

Josine wankte halb ohnmächtig und stieß einen durchdringenden Schmerzensschrei aus.

»Du hast mir weh getan!«

Unter seinem brutalen Griffe hatte der Verband sich verschoben und rötete sich sofort mit Blut. Das hinderte den vor Wut und Trunkenheit rasenden Menschen nicht, die Tür weit aufzureißen und das Mädchen auf die Straße zu stoßen. Und als er dann schwerfällig zu seinem Platze zurückkehrte, lallte er mit schwerer Zunge:

»Wenn man den Frauenzimmern nachgeben wollte, da käme man weit!«

Außer sich vor Empörung ballte Lucas die Fäuste, um sich auf Ragu zu stürzen. Aber er sah voraus, daß er dadurch mit allen diesen brutalen Menschen in Streit geraten würde. Es duldete ihn nicht länger an diesem Ort, und er beeilte sich zu zahlen. Caffiaux, der den Platz seiner Frau an der Kasse eingenommen hatte, wollte den Vorfall mildern, indem er mit seiner väterlichen Miene sagte, daß es doch recht ungeschickte Weiber gebe: was wolle man von einem Manne herausbringen, der ein Gläschen über den Durst getrunken habe? Ohne zu antworten, eilte Lucas hinaus, sog aufatmend die frische Luft der Straße ein und blickte suchend nach allen Seiten. Er war hauptsächlich so rasch fortgegangen, um Josine zu finden und ihr zu Hilfe zu kommen. Aber vergebens eilte er die Rue de Brias hinauf und wieder bis zum Rathausplatz zurück, vergeblich suchte er in allen Menschengruppen nach ihren Gestalten: Josine und Nanet waren verschwunden. Wahrscheinlich hatten sie sich, aus Furcht, verfolgt zu werden, irgendwohin verkrochen; die regnerische und stürmische Finsternis hatte sie wieder verschlungen.

Blutenden Herzens schritt Lucas wieder ziellos durch die verbissene, drohende Menge, die noch dichter als vorher die Rue de Brias erfüllte. Wieder fühlte er den Hauch des Schreckens über die Köpfe hinwehen, den Sturm des Klassenkampfes, der hier noch bis vor wenigen Tagen getobt hatte, der niemals endet, dessen baldiges Wiedererwachen in der Luft lag. Das Wiederaufnehmen der Arbeit war nur ein trügerischer Friede, unter der stummen Ergebenheit der Arbeiter grollte es dumpf, in allen Seelen lebte das Verlangen nach Rache, in den Augen brannte die schlecht verlöschte Glut grausamen Hasses, bereit, jeden Augenblick aufs neue aufzuflammen. Die Schenken zu beiden Seiten der Straße waren überfüllt, der Alkohol verschlang den sauer erworbenen Lohn und blies seinen Pesthauch bis auf die Straße, während die Läden der Kaufleute nicht leer wurden und mit den armseligen Groschen der Arbeiterfrauen ihre Kassen füllten. Überall wurden die Proletarier, die Halbverhungerten ausgebeutet, ausgesogen, wurden zerrieben zwischen dem Räderwerk der knirschenden sozialen Maschine, deren Zähne um so härter wurden, je mehr sie aus dem Gefüge ging. Und unter dem gelben Schein der flackernden Gasflammen trottete hier ganz Beauclair durch den Straßenkot wie eine verirrte Herde, die blind dem Abgrunde zutreibt.

In der Menge sah Lucas mehrere Leute, die er von seinem ersten Besuche in Beauclair vom Frühjahr her kannte. Die Vertreter der Behörden waren da, offenbar weil sie unerwartete Zwischenfälle befürchteten. Er sah den Bürgermeister Gourier und den Unterpräfekten Châtelard miteinander vorübergehen: der erste, ein reicher und ängstlicher Bourgeois, hätte am liebsten militärische Besatzung herbeigerufen, der Unterpräfekt aber, feineren Geistes, ein hierher verschlagener, liebenswürdiger Pariser, war klug genug gewesen, sich mit Gendarmen zu begnügen. Der Gerichtspräsident Gaume ging vorüber, begleitet von dem Hauptmann a. D. Jollivet, der mit seiner Tochter verlobt war. Vor dem Laden Laboques blieben sie stehen, um das Ehepaar Mazelle zu begrüßen, Kaufleute, die sich zur Ruhe gesetzt und wegen ihres rasch erworbenen Vermögens Eingang in die gute Gesellschaft der Stadt gefunden hatten. Alle diese Leute sprachen halblaut mit nicht sehr zuversichtlichen Mienen und warfen verstohlene Seitenblicke auf die schwerfällig schreitenden Gestalten der Arbeiter, die die Genüsse des Samstagsabends suchten. Als er bei Mazelles vorbeiging, hörte Lucas, daß auch sie von den Diebstählen sprachen, über die sie Fragen an den Präsidenten und den Hauptmann richteten. Die Gerüchte liefen von Mund zu Mund, erzählten von dem aus der Kasse bei Dacheux genommenen Fünffrankstück, von der bei Caffiaux entwendeten Sardinenbüchse, aber besonders die bei Laboque gestohlenen Messer forderten die ernstesten Betrachtungen heraus. Ein Schrecken bemächtigte sich aller besonnenen Leute: bewaffneten sich die Aufrührer schon, planten sie etwa ein Blutbad für die Nacht, diese schwarze, stürmische Nacht, die so schwer über Beauclair lag? Der unheilvolle Streik hatte alle Bande gelockert, der Hunger trieb die Elenden zur Tat, der Alkohol stachelte sie zu wahnsinniger Vernichtungswut und Mordgier. Und so sah man hier längs der Straße die Symptome der Vergiftung und Herabwürdigung der Arbeit, der Sklaverei der ungeheuren Mehrzahl um des Genusses einiger weniger willen, der entweihten, verabscheuten, verwünschten Arbeit, mit all dem entsetzlichen Elend, das in ihrem Gefolge ist, dem Diebstahl und der Prostitution, die als Giftpflanzen aus ihrem verpesteten Boden wachsen. Blasse Mädchen gingen vorüber, Fabrikarbeiterinnen, die irgendein Liebhaber verführt hatte, um sie dann auf die Straße zu werfen, niedrige Genußware, tiefgesunkene, jammervolle Geschöpfe, die irgendein Betrunkener für vier Sous in die nahegelegenen finsteren und nassen Gebüsche führte.

Brennendes Mitleid, eine Empörung voll Zorn und Schmerz erfaßte Lucas. Wo war Josine? An welchem jämmerlichen Ort barg sie sich in der Finsternis mit dem kleinen Nanet? Plötzlich ertönten laute Rufe, ein Sturmwind schien über die Menge hinzufegen und riß sie mit sich fort. Man konnte glauben, die Läden würden gestürmt, die auf beiden Seiten der Straße ausgestellten Waren würden geplündert. Gendarmen rannten vorbei, ihre Stiefel stampften schwer aufs Pflaster, ihre Säbel klirrten. Was ist geschehen? Was ist geschehen? Angstvolle, eilige Fragen liefen von Mund zu Mund, Entsetzen verbreitete sich, atemlose Antworten wurden erteilt.

Lucas hörte jemanden sagen:

»Ein Kind hat einen Laib Brot gestohlen.« Die erregte Volksmenge eilte nun in vollem Lauf durch die Straße. Das Ereignis mußte sich weiter oben, in der Nähe der Bäckerei Mitaine, zugetragen haben. Frauen schrien, ein alter Mann fiel hin, und Lucas mußte ihn aufheben. Ein großer, dicker Gendarm stürmte so heftig vorwärts, daß er zwei Leute umstieß.

Auch Lucas hatte zu laufen angefangen. Er kam an dem Präsidenten Gaume vorbei, der mit seiner schleppenden Stimme zum Hauptmann Jollivet sagte:

»Ein Kind hat einen Laib Brot gestohlen.«

Der Satz kehrte immer wieder, von den laufenden Tritten der Menge gleichsam unterstrichen. Alles drängte vorwärts, aber man sah noch immer nichts. Die Kaufleute standen bleich an der Schwelle ihrer Läden, bereit, die Türen zu schließen. Ein Juwelier nahm bereits die Uhren aus seinem Schaufenster. Ein Gedränge entstand um den großen, dicken Gendarmen, der sich mit den Ellbogen Bahn brach.

Und Lucas, neben dem der Bürgermeister Gourier und der Unterpräfekt Châtelard liefen, hörte wieder dieselben Worte, den immer wiederholten Ruf:

»Ein Kind hat einen Laib Brot gestohlen.«

Als nun Lucas hinter dem großen, dicken Gendarmen die Bäckerei Mitaine erreichte, sah er, wie der Gendarm vorwärtsstürzte, um einem Kameraden Beistand zu leisten, einem hageren, langen Gendarmen, der einen Knaben von fünf bis sechs Jahren am Handgelenk festhielt. Und Lucas erkannte Nanet mit seinem Blondkopf, den der Kleine aber in seiner mutigen Weise unerschrocken hoch hielt. Er hatte aus dem Schaukasten der schönen Frau Mitaine einen Laib Brot gestohlen. Der Diebstahl war unleugbar, denn er hielt den Laib, der fast so lang war wie er, noch immer im Arm. Dieser Diebstahl eines Kindes hatte also die ganze Rue de Brias in Aufruhr versetzt. Vorübergehende, die es sahen, hatten den Gendarmen aufmerksam gemacht, der sogleich hinter dem Missetäter herlief. Aber der Kleine war flink, schlüpfte gewandt zwischen den Leuten durch, so daß der verfolgende Gendarm, von der Wut des Jagdinstinkts erfaßt, die ganze Straße in Aufruhr brachte. Nun führte er triumphierend den Verbrecher an den Ort seines Verbrechens zurück, um ihn ganz zu vernichten.

»Ein Kind hat einen Laib Brot gestohlen«, wiederholten die Leute.

Frau Mitaine war, erstaunt über den Lärm, auf die Schwelle ihres Ladens getreten. Und sie war ganz bestürzt, als der Gendarm zu ihr sagte:

»Da, sehen Sie, der Taugenichts da hat Ihnen diesen großen Laib Brot gestohlen.«

Er schüttelte Nanet, um ihn einzuschüchtern:

»Du wirst eingesperrt, du Nichtsnutz. Sag, warum hast du das Brot gestohlen?«

Aber der Kleine verlor den Mut nicht. Er erwiderte mit seiner dünnen, klaren Stimme:

»Ich habe seit gestern nichts gegessen und meine Schwester auch nicht.«

Frau Mitaine hatte sich mittlerweile gefaßt. Sie sah den Kleinen mit ihren schönen Augen an, aus denen ein gutes Herz sprach. Armer kleiner Schelm! Und wo war seine Schwester? Einen Augenblick zögerte die Bäckerin, während eine leichte Röte in ihre Wangen stieg. Dann sagte sie mit dem angenehmen Lächeln einer schönen Frau, der alle ihre Kunden den Hof machten, in ruhigem, fröhlichen Tone:

»Sie irren sich, Herr Gendarm, das Kind hat den Laib nicht gestohlen. Ich habe ihm das Brot geschenkt.«

Der Gendarm sah sie verblüfft an, ohne Nanet loszulassen. Zehn Leute hatten gesehen, wie er den Laib genommen hatte und davongelaufen war. Und nun mischte sich plötzlich der Fleischer Dacheux, der von der anderen Seite der Straße herübergekommen war, mit leidenschaftlicher Wut ein:

»Aber ich hab' es ja selbst gesehen! Ich blickte gerade herüber, da ergriff er den größten Laib und rannte davon. So wahr wie man mir vorgestern fünf Frank gestohlen hat und wie heute wieder Laboque und Caffiaux bestohlen worden sind, hat diese kleine Bestie Sie bestohlen, Frau Mitaine. Sie werden doch das nicht bestreiten?«

Ganz rosig wegen ihrer Lüge, wiederholte die Bäckerin sanft:

»Sie irren sich, Nachbar. Ich selbst habe das Brot dem Kind gegeben. Es hat es nicht gestohlen.«

Während Dacheux ihr ganz aufgebracht zurief, daß sie mit ihrer falschen Nachsicht es noch dahin bringen werde, daß sie alle ausgeplündert und zugrunde gerichtet würden, näherte sich der Unterpräfekt Châtelard, der die ganze Szene mit klugem Blick überschaut hatte, dem Gendarmen, befreite Nanet von seinem Griffe und flüsterte ihm zu:

»Mach daß du fortkommst, Junge!«

Schon hatte die Menge angefangen zu grollen und wütend zu werden. Wenn doch die Bäckerin selbst sagte, daß sie ihm den Laib geschenkt habe! So ein kleiner Wurm, nicht höher als eine Spanne, der seit gestern fastete! Schrille Rufe, Schreie wurden laut, und eine mächtige Stimme übertönte plötzlich den wachsenden Lärm:

»Hölle und Teufel! Müssen sechsjährige Kinder uns erst mit dem Beispiel vorangehen? Der Bub hat ganz recht. Wenn man Hunger hat, darf man alles nehmen. Ja, alles, was da in den Geschäften liegt, gehört uns, und nur, weil ihr Feiglinge seid, müßt ihr vor Hunger krepieren!«

Die Menge geriet in heftige Erregung, wallte auf, wie wenn ein Stein in eine Lache geworfen wird. Fragen wurden laut: »Wer ist das? Wer ist das?« Und von mehreren Seiten kam die Antwort und lief von Mund zu Mund: »Der Töpfer ist's, der Lange, der Lange!« Lucas sah nun einen Mann sich durch die Leute drängen, die ihm Platz machten, einen kurzen, stämmigen Menschen von kaum fünfundzwanzig Jahren mit einem massigen Kopf, auf dem ein dichter schwarzer Haar- und Bartwald wucherte. Von bäuerischem Aussehen, mit intelligent funkelnden Augen, die Hände in den Taschen, sprach er mit der urwüchsigen Beredsamkeit eines Menschen, der seine Träume laut hinausruft:

»Die Lebensmittel, das Geld, die Häuser, die Kleider, das alles hat man uns gestohlen, und wir haben das Recht, uns alles wieder zu nehmen! Und nicht morgen, noch heute, jetzt gleich sollten wir uns zu den Herren der Fabriken, der Minen, des Bodens machen, wenn wir Männer wären! Es gibt keine zwei Wege, es gibt nur einen: das ganze Gebäude niederreißen, alle Gewalt mit Beilhieben zerschmettern, damit das Volk, dem alles gehört, sich alles selber wieder aufbauen kann!«

Die Frauen wurden ängstlich, und auch die Männer verstummten unter der aufreizenden Heftigkeit dieser Worte und wichen etwas zurück, aus Angst vor den möglichen Folgen. Nur wenige verstanden den wahren Sinn des Gehörten, den meisten, vom jahrhundertelangen Druck der Lohnsklaverei geistig stumpf geworden, war diese Raserei der Empörung fremd. Was sollte ihnen das nützen? Hunger leiden müßte man nach wie vor, nur eingesperrt würde man noch obendrein.

»Ich weiß, ihr traut euch nicht«, fuhr Lange mit grimmigem Hohn fort. »Aber es gibt schon Leute, die sich eines Tages trauen werden! Dieses Beauclair wird in die Luft gesprengt werden, wenn es nicht etwa schon früher in Fäulnis zerfallen ist. Ihr habt keine Nasen, alle miteinander, wenn ihr nicht riecht, daß hier alles faul ist und daß es nach Aas stinkt. Wir stehen auf einem Misthaufen, und man braucht wahrhaftig kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, daß der Sturmwind, der sich erhebt, die Stadt wegblasen wird mit all den Räubern und Mördern, die unsere Herren sind. Alles muß stürzen, alles muß hin werden, Tod der Tyrannei, Tod den Tyrannen!«

Die Sache wurde so gefährlich, daß der Unterpräfekt Châtelard, sosehr er es sonst liebte, den Dingen ihren Lauf zu lassen, sich genötigt sah einzugreifen. Man mußte jemand verhaften. Drei Gendarmen warfen sich auf Lange und führten ihn durch eine dunkle, menschenleere Seitengasse fort, in denen der Schall ihrer Schritte sich bald verlor. In der Menge hatte sich übrigens nur eine geringe, zögernde Bewegung gezeigt, die alsbald wieder in sich zusammensank. Die Menschenansammlung löste sich auf, und wieder begannen die Leute langsam und schweigend im schwarzen Kot der Straße hin und her zu gehen.

Lucas war erschüttert. Die prophetischen Drohworte hatten geklungen wie die Ankündigung der furchtbaren Folgen aller Dinge, die er seit der Abenddämmerung gesehen und gehört hatte. Soviel Ungerechtigkeit und Elend mußten endlich die Katastrophe herbeiführen, die auch er am Horizont heraufkommen sah, gleich einem Gewittersturm, der Beauclair zerschmettern und hinwegschwemmen würde. Und sein Herz krampfte sich schmerzlich zusammen, schreckte vor der Gewalttat zurück. Sagte der Töpfer die Wahrheit? Sollte es der Gewalt, sollte es des Raubes und Mordes bedürfen, um die Gerechtigkeit wieder herzustellen? Während er in erregtem Sinnen dastand, glaubte er inmitten der harten und düsteren Gesichter der Arbeiter die blassen Gesichter des Bürgermeisters Gourier, des Präsidenten Gaume und des Hauptmanns Jollivet vorbeikommen zu sehen. Dann erblickte er im hellen Licht einer Gasflamme die angstverzerrten Züge des Ehepaars Mazelle. Die Straße flößte ihm Widerwillen ein, und sein Mitgefühl, sein Trostbedürfnis drängten ihn, Nanet zu folgen, ihn einzuholen, zu erfahren, in welchem Winkel Josine sich barg.

Nanet marschierte tapfer mit aller Kraft seiner kleinen Beine. Trotzdem holte ihn Lucas sehr bald ein, denn das arme Kind schleppte schwer an dem großen Laib Brot. Er hielt ihn mit den Armen fest an die Brust gedrückt, aus Furcht, ihn zu verlieren. Als er den eiligen Schritt Lucas' hinter sich hörte, bekam er Angst und versuchte zu laufen. Aber als er sich umwandte und beim Scheine des aus den letzten Läden fallenden Lichts den Herrn erkannte, der ihnen beiden, ihm und seiner großen Schwester, heute zugelächelt hatte, ließ er sich einholen.

»Soll ich dir dein Brot tragen?« fragte der junge Mann.

»O nein, ich trag's lieber selber, ich freue mich so damit.«

Sie hatten nun Beauclair hinter sich gelassen und befanden sich auf der Landstraße unter dem dunkeln, stürmischen Himmel. Aus einiger Entfernung schienen die Lichter der Hölle herüber. Und man hörte das Klappern der Holzpantoffeln des Kleinen, der das Brot höher an seiner Brust hinaufschob und fester faßte, um es nicht zu beschmutzen.

»Weißt du, wohin du gehst?«

»Freilich.«

»Ist das weit, wohin du gehst?«

»Nein, da irgendwo.«

Nanet wurde von neuer Furcht beschlichen, denn er verlangsamte seine Schritte. Warum fragte ihn der Herr so aus? Der Kleine, der fühlte, daß er der einzige Beschützer seiner Schwester sei, dachte über eine List nach. Aber Lucas, der seine Gedanken erriet, wollte ihm zeigen, daß er sein Freund sei, erfaßte ihn und hob ihn hoch empor, gerade im Augenblick, da der Kleine mit seinen kurzen Beinchen beinahe in eine Lache geplatscht wäre.

»Hoppla, mein Junge, du darfst dein Brot nicht in eine Sauce tunken!«

Nanet, der die sichere Kraft dieser guten brüderlichen Arme gefühlt hatte, lachte laut mit kindlicher Fröhlichkeit, und plötzlich zutraulich geworden, duzte er gleich seinen neuen Freund:

»Oh, du bist stark, und du bist lieb!«

Und er trabte ohne jede Ängstlichkeit weiter. Aber wohin mochte Josine sich verkrochen haben? Sie gingen weiter und weiter, und Lucas glaubte im Schatten eines jeden Baumstammes ihre unbeweglich wartende Gestalt zu erkennen. Sie näherten sich der Hölle, das Stampfen des großen Dampfhammers ließ den Boden erzittern, und lange elektrische Strahlen erleuchteten die wolkige Luft. Nanet wandte sich, ehe sie die Werke erreicht hatten, nach rechts, der Brücke zu, und überschritt die Mionne. Plötzlich fing der Knabe an zu laufen, Lucas sah ihn nicht mehr und hörte ihn nur, wie er freudig ausrief:

»Da, Schwester, da, Schwester, sieh nur her! Ist das nicht schön?«

Unmittelbar nach der Brücke senkte sich das Ufer, und dort stand eine Bank im Schatten eines Bretterzaunes, gerade gegenüber der Hölle, die am anderen Ufer des Flusses qualmte und zischte. Lucas hatte sich an dem Bretterzaun gestoßen und hörte im selben Augenblick das Lachen des Kindes in Weinen und Schreien übergehen. Er fand sich endlich in der Finsternis zurecht und sah nun Josine ohnmächtig auf die Bank hingesunken. Sie hatte sich hier, erschöpft vor Hunger und Schmerzen, niedergelassen, und Nanet war von ihr weggeeilt, ohne daß sie recht begriffen hätte, was er in seiner Straßenjungenkühnheit plante. Nun fand er sie, zurückgekehrt, ganz kalt und wie tot, und er brach in heftiges Schluchzen aus.

»Wach auf, wach auf! Du mußt essen, so iß doch, wir haben ja jetzt Brot!«

Lucas' Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Er stieg schnell zum Fluß hinab, tauchte sein Taschentuch ins Wasser und befeuchtete die Stirn Josinens. Die Nacht, düster und unheildrohend, war glücklicherweise nicht kalt. Er nahm die linke Hand des Mädchens und rieb und wärmte sie; sie seufzte endlich und schien wie aus einem schweren Traume zu erwachen. Von ihrer langen Ohnmacht betäubt, wunderte sie sich über gar nichts: es schien ihr ganz natürlich, daß ihr kleiner Bruder da war, daß er einen Laib Brot gebracht hatte, und daß neben ihm dieser große und schöne Herr stand, den sie nun wiedererkannte. Vielleicht dachte sie, der Herr habe das Brot gebracht. Ihre armen schwachen Finger konnten die Rinde nicht brechen. Er mußte ihr helfen, mußte kleine Stücke abbrechen und sie ihr langsam, eins nach dem anderen, reichen, damit sie nicht ersticke in ihrer gierigen Hast, den nagenden Hunger, der in ihr wühlte, zu stillen. Dann fing ihr zarter, schwächlicher Körper an zu zittern, und sie weinte, weinte ohne Unterlaß, aß dabei immer weiter und befeuchtete jeden Bissen mit ihren Tränen, aß mit der Gier, mit der Ungeschicklichkeit eines geschlagenen Tieres, das nicht einmal schlingen kann und das sich zitternd beeilt. Lucas brachte ihre Hände zur Ruhe, und wehen Herzens, von Mitleid überwältigt, fuhr er fort, ihr langsam die Bissen einen nach dem anderen zu reichen. Nie im Leben vergaß er dieses Abendmahl des Leidens und Mitleidens, dieses Brot des Lebens, das er dem jammervollen und zarten Geschöpfe gereicht hatte.

Nanet hatte sich mittlerweile sein Teil genommen und aß mit gierigem Appetit, stolz auf das, was er vollbracht hatte. Die Tränen seiner großen Schwester setzten ihn in Verwunderung. Warum weinte sie denn, da sie nun so herrlich zu essen hatten? Dann, als er gesättigt war, wurde er müde von der ungewohnten Mahlzeit, schmiegte sich gegen sie und verfiel fast augenblicklich in den glücklichen Schlaf der Kindheit. Josine, die sich ein wenig erholt hatte, saß nun auf der Bank und hielt ihn mit dem rechten Arm an sich gedrückt, und Lucas blieb an ihrer Seite, da er es nicht über sich gewinnen konnte, sie hier mit dem schlafenden Kinde allein in der Nacht zu lassen. Es fiel ihm jetzt auch ein, daß ihre Ungeschicklichkeit beim Essen auch durch ihre verwundete Hand verschuldet war.

»Haben Sie sich verletzt?« fragte er sie.

»Ja, eine Schuhsteppmaschine hat mir den Finger zerquetscht, und er mußte abgenommen werden. Aber der Werkmeister hat gesagt, es ist meine Schuld, und Herr Gourier hat mir fünfzig Frank auszahlen lassen.«

Sie sprach mit sanfter, leiser Stimme, in der manchmal etwas wie Scham zitterte.

»Sie arbeiten also in der Schuhfabrik des Bürgermeisters Gourier?«

»Jawohl. Ich bin mit fünfzehn Jahren eingetreten, und jetzt bin ich achtzehn. Meine Mutter hat dort mehr als zwanzig Jahre gearbeitet, aber sie ist jetzt tot. Ich bin ganz allein, ich habe nur noch meinen kleinen Bruder Nanet, der sechs Jahre alt ist. Ich heiße Josine.«

Sie erzählte weiter, und Lucas brauchte nur einige Fragen zu stellen, um ihre ganze Geschichte zu erfahren. Es war die herkömmliche und jammervolle Geschichte vieler armer Mädchen: ein Vater, der eines Tages davongeht, mit einem anderen Weib verschwindet, eine Mutter, die mit vier Kindern auf dem Halse zurückbleibt und die nicht imstande ist, sie zu ernähren, obgleich sie das Glück hat, zwei durch den Tod zu verlieren. Dann stirbt die Mutter an der aufreibenden Arbeit, das Mädchen wird mit sechzehn Jahren die Mutter ihres kleinen Bruders und arbeitet sich halb zu Tode, ohne genug zu verdienen, um immer Brot für beide zu haben. Dann das unausbleibliche Drama der hübschen Arbeiterin, der Verführer, der sich einstellt, Ragu, der interessante Mann und Herzensbrecher, an dessen Arm sie leichtsinnigerweise jeden Sonntag nach dem Tanz spazieren geht. Er macht ihr schöne Versprechungen, sie sieht sich schon verheiratet, in einem netten Heim, ihren Bruder bei sich und ihn gemeinsam mit den Kindern erziehend, die sie selbst haben würde. Ihre einzige Schuld ist, sich ihm eines Abends hingegeben zu haben, im Frühjahr, in einem Gehölz hinter der Guerdache. Sie weiß sogar selber nicht, bis zu welchem Grade sie willig war. Das ist jetzt ein halbes Jahr her, und sie hat den zweiten Fehler begangen, mit Ragu zusammenzuwohnen, der nichts wieder von Heirat gesprochen hat. Dann ist ihr das Unglück in der Fabrik zugestoßen, und sie hat nicht mehr arbeiten können, gerade um die Zeit, als der Streik Ragu brutal und schlecht machte, als er anfing sie zu schlagen und sie für sein Unglück verantwortlich machte. Und dann ist es immer schlimmer und schlimmer geworden, und jetzt hat er sie sogar auf die Straße geworfen und will ihr nicht einmal den Schlüssel geben, damit sie mit Nanet nach Hause gehen kann.

Ein Gedanke beschäftigte Lucas.

»Wenn Sie ein Kind hätten, das würde ihn vielleicht fesseln, ihn vielleicht veranlassen, Sie zu heiraten.«

Sie machte eine Gebärde des Schreckens.

»Ein Kind – ach Gott, das wäre das größte Unglück! Davon will er nicht das geringste wissen, wie er mir immer wiederholt, und er richtet sich danach ein. Er sagt, wenn man sich zusammentut, so geschieht es nur zum Vergnügen für beide, und dann, wenn man genug hat, Gott befohlen, dann trennt man sich eben.«

Sie verfielen wieder in Schweigen. Die Gewißheit, daß sie nicht Mutter sei, daß sie von diesem Manne nicht Mutter werden würde, hatte in das schmerzliche Mitleid, das Lucas empfand, eine eigenartige Linderung, eine Art Erleichterung gebracht, die er sich nicht erklären konnte. Wirre Gefühle stiegen in ihm auf, während er, den Blick in die Dunkelheit richtend, die ungewissen Umrisse der Schlucht von Brias vor sich sah, die er vorher in der Abenddämmerung überblickt hatte und die nun von der Nacht bedeckt war. Zu beiden Seiten hoben die Monts Bleuses ihre Felswände in noch schwärzere Dunkelheit empor. Hinter sich hörte er auf der halben Höhe der Berglehne einen Zug vorüberrollen, der nun unter dem langen Pfiff der Lokomotive seine Schnelligkeit verminderte und in den Bahnhof einfuhr. Zu seinen Füßen blinkte schwärzlich die Mionne und schäumte gegen die hölzernen Brückenpfeiler. Und zu seiner Linken erweiterte sich plötzlich die Schlucht, die beiden Ausläufer der Monts Bleuses streckten ihren Fuß in die ungeheure Ebene der Roumagne vor, darin die stürmische Nacht ihr unendliches schwarzes Meer rollte und die kleine Insel Beauclair umflutete, die in ungewissen Umrissen, mit kleinen Lichtpunkten besetzt, in ihrem dunkeln Schoße lag. Aber immer wieder kehrten seine Blicke zur Hölle zurück. Von Zeit zu Zeit sah man durch eine Fensteröffnung den Feuerschlund eines Ofens aufgähnen, die blendenden Glutbäche des geschmolzenen Metalls herausschießen, bisweilen brannte die Luft vom blutroten Schein des Höllenfeuers, das brausend und gefräßig im Leibe des Ungeheuers unablässig arbeitete. Der Boden ringsumher zitterte, eilfertig erklang der helle Doppelschlag der Schnellhämmer, vermischt mit dem dumpfen Sausen der Maschinen und den schweren Schlägen der großen Dampfhämmer, die gleich entferntem Kanonendonner dröhnten.

Mit diesem Bilde vor Augen, das Herz zerrissen von dem traurigen Schicksal des verlassenen, bedauernswerten Geschöpfes, das an seiner Seite saß, sagte sich Lucas, daß in dieser Unglücklichen sich das Bild der schlecht eingerichteten, entehrten, zum Fluche gewordenen Arbeit verkörperte. Diese vom Schwersten heimgesuchte Dulderin, dieses den menschlichen Einrichtungen zum Opfer gefallene schwache Kind schloß die Reihe der Bilder des heutigen Abends ab: das Elend im Gefolge des Streiks, die Geister und Gemüter vom Hasse vergiftet, der harte Egoismus der Kaufleute, der Alkohol zum notwendigen Betäubungsmittel geworden, der Diebstahl durch den Hunger gerechtfertigt – die ganze alte menschliche Gesellschaft krachte unter der Last ihrer furchtbaren Ungerechtigkeit in allen Fugen. Er hörte noch die Stimme Langes, wie er die Katastrophe prophezeite, die das verfaulte und Fäulnis verbreitende Beauclair vernichten würde. Und er sah die durch die Straßen streichenden blassen Mädchen, die niedrige Genußware der Fabrikstädte, den tiefsten Pfuhl der Prostitution, in den das Krebsgeschwür des Lohnsklaventums die hübschen Arbeiterinnen versinken läßt. Glitt nicht auch Josine diesem Schicksal zu? Erst verführt, dann verstoßen, dann von Betrunkenen aufgelesen, so führte die schiefe Bahn mit furchtbarer Schnelligkeit bis in den Abgrund. Er ahnte in diesem Kinde ein unterwürfiges, liebendes Geschöpf, eines jener entzückenden, zärtlichkeitserfüllten Wesen, die zugleich die Ermutigung und den Lohn der Starken bilden. Und bei dem Gedanken, daß er sie hier auf dieser Bank sich selbst überlassen, sie nicht vor der bösen Macht des Schicksals beschützen sollte, empörte sich derart alles in ihm, daß er nicht weiter hätte leben können, wenn er ihr nicht eine brüderliche und hilfreiche Hand geboten hätte.

»Hören Sie, Sie können doch nicht mit dem Kinde hier die Nacht verbringen. Der Mann muß Sie für heute wenigstens aufnehmen. Nachher werden wir weiter sehen. Wo wohnen Sie?«

»Nicht weit, in Alt-Beauclair, Rue des Trois-Lunes.«

Sie erzählte ihm, daß Ragu dort eine aus drei Räumen bestehende kleine Wohnung habe, im selben Hause mit seiner Schwester Adele, die alle »Schopf« nannten, man wußte nicht warum. Und sie meinte, daß Ragu, falls er den Schlüssel nicht bei sich habe, ihn dem Schopf übergeben habe, die ein schreckliches Weib sei und sehr hartherzig gegen arme Mädchen. Als Lucas davon sprach, daß er hingehen wolle, um den Schlüssel zu verlangen, zitterte sie.

»O nein, nicht von ihr! Sie haßt mich wütend! Wenn man noch sicher wäre, daß man ihren Mann trifft, der ein braver Mensch ist. Aber ich weiß, daß er heute nacht in der Hölle arbeitet. Er ist Werkmeister und heißt Bonnaire.«

»Bonnaire?« sagte Lucas, in dem eine Erinnerung erwachte. »Den Mann kenne ich, ich habe ihn letztes Frühjahr gesehen, als ich die Werke besuchte. Ich habe mich sogar lange mit ihm unterhalten, denn er war mein Führer. Er ist ein intelligenter Mensch und hat auch auf mich den Eindruck gemacht, daß er ein braver Mann ist. Nun ist die Sache ganz einfach, ich gehe zu ihm und werde mit ihm über Ihre Angelegenheit sprechen.«

Josine stieß einen Ruf der Dankbarkeit aus. Sie zitterte, sie faltete ihre armen, schwachen Hände, ihr ganzes Wesen blühte auf.

»Wie gut Sie sind und wie danke ich Ihnen!«

Ein roter Glutschein strahlte von der Hölle herüber, und Lucas sah sie nun etwas deutlicher. Ihr Kopf war unbedeckt, das zerrissene Wolltuch war auf ihre Schulter geglitten. Sie weinte nicht mehr, ihre blauen Augen leuchteten voll inniger Erkenntlichkeit, ihr kleiner Mund hatte sein jugendliches Lächeln wiedergefunden. Mit ihrer schlanken, biegsamen, graziösen Gestalt hatte sie ein kindliches Aussehen behalten, ihr Blick verriet die unschuldige, zu Spiel und Heiterkeit geneigte Natur. Ihr reiches, blondes Haar, das ihr halbaufgelöst in den Nacken hing, ließ sie fast wie ein kleines Mädchen erscheinen, das unverdorben geblieben war in ihrer Erniedrigung. Es ging ein unbeschreiblicher Reiz von ihr aus, der den Mann allmählich ganz gefangen nahm, ihn mit bewegtem Staunen erfüllte angesichts des entzückenden Weibes, das aus diesem armseligen Geschöpfe hervorleuchtete. Und sie sah dankbar zu ihm auf. So schön, so gut erschien er ihr, wie ein Gott, nach den Mißhandlungen, die sie von Ragu hatte erdulden müssen. Und etwas unendlich Süßes und Starkes entstand zwischen ihnen, ein Band unendlicher Hinneigung, unendlicher Liebe.

»Nanet wird Sie führen. Er kennt dort jeden Winkel.« »Nein, nein, ich finde mich schon zurecht. Wecken Sie ihn nicht auf, er hält Sie warm. Bleiben Sie hier nur ruhig mit ihm sitzen und warten Sie auf mich.«

Er ließ sie auf der Bank mit dem schlafenden Kinde, von der schwarzen Nacht umhüllt. Als er sich von ihnen abwandte, erleuchtete ein heller Schein den Abhang der Monts Bleuses, oberhalb des Parkes der Crêcherie, wo das Wohnhaus Jordans lag. Vom düsteren Hintergrunde der Bergwand hob sich das massige Profil des Hochofens ab. Ein Abstich fand statt, und alle Berge, selbst die Dächer von Beauclair, erglühten wie unter dem Schein einer Morgenröte.

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