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Arabella von Byrnswack

Johann Gabriel Seidl: Arabella von Byrnswack - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleAusgewählte Werke in vier Bänden - Vierter Band
authorJohann Gabriel Seidl
editorDr. Wolfgang von Wurzbach
firstpub1842
yearca. 1905
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleArabella von Byrnswack
pages64-91
created20070102
sendergerd.bouillon
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Johann Gabriel Seidl.

Arabella von Byrnswack.

– – – »Das sind die Fischer von Byrnswack,« rief mein Coachmann auf mich zurück, als ich ihn um die Bedeutung der Töne fragte, die über einen waldigen Rücken der Lowther-Hills aus der Tiefe heraufklangen. Es war ein ziemlich nebelloser Abend, einer der schönsten, dessen ich mich seit meiner Entfernung von Edinburgh zu entsinnen wußte. Die letzten Strahlen der Sonne tauchten hinter den hohen Wipfeln des Waldes hinab, den wir durchschneiden mußten, um zu irgend einer erträglichen Taverne zu gelangen, die uns ein annehmbares Nachtlager darböte. Der unebene Boden täuschte uns oft und machte uns glauben, daß wir das Flachfeld schon erreicht hätten; kaum waren wir aber in die Talsohle hinabgekommen, als ein neuer Rücken vor uns aufstieg und unseren Irrtum uns erkennen ließ. Vier Stunden mochten wir so zwischen unerquicklichem Gestrüppe über kohlenhältiges Gestein hingerollt sein, als sich der stämmige Zerhau des alten Forstes wirklich lichtete, aber auch zugleich der erste Stern von der Spitze des nächsten Hügels uns entgegenblickte, den wir mit Recht für die letzte Scheidewand halten konnten, die uns noch von unserem heutigen Ziele trennte. Eben am Fuße dieser Anhöhe war es, wo die unterbrochenen Klänge eines nicht allzu fernen, mehrstimmigen Gesanges meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, und sie, infolge des hingeworfenen Bescheides, den mir mein Wagenlenker gab, nur noch spannten. Immer gewöhnt, die Perle der Poesie lieber in der rauhen Muschel herzlicher Natürlichkeit, als sie in der verschnörkelten Fassung der sogenannten feinen Welt zu suchen, gab ich mich mit Leidenschaft jeder Aufregung hin, die meinem Hange nach dem Seltenen, Erhabenen und Kräftigen auch nur einige Befriedigung versprach. Die Hütte des Schafhirten, der Abendtisch des Grubenmannes, der Märchenkreis in der windumheulten Behausung eines grauen Ruinenwächters, das Reisegespräch eines abergläubischen Kutschers sprachen mich stets mehr an, als der Besuch im Palast eines Baronets, als das neugierig gedankenlose Hinschlendern durch die Höfe und Hallen des Register Office, als ein Ritt durch die mächtig langen Highstreet, oder als der ganze namenreiche Kommentar eines redseligen Cicerone. So wuchs denn auch jetzt meine Neugier mit jeder Wegmeile, die wir zurücklegten, und ungeduldig über die notgedrungene Langsamkeit meines Wagens sprang ich auf, um der Aussicht in das Tal, das ich jenseits erwartete, wenigstens um ein Viertelstündchen früher zu genießen. Jetzt wichen die riesigen Stämme auseinander und gönnten dem kleineren Buschwerke Platz, das sich wuchernd in wilder Ordnungslosigkeit zwischen sie hineingedrängt hatte. Des Taues nicht achtend, den der Abend in dicken Tropfen ausspritzt, drang ich auf den erhabensten Punkt vor und fand meine Erwartung nicht getäuscht. Mir gerade gegenüber erhob sich wieder ein Berg, aus dessen dunklem Waldkranze die Ruinen eines Schlosses, hell und weiß, wie ausgebrannte, verkalkte Reste einer vom Feuer aufgezehrten Riesenbaute emporragten und ein ganz eigenes Widerspiel zu dem schwarzen, schauerlich düsteren Trümmerwerke bildeten, das aus dem Tale, in der Dämmerung kaum erkennbar mehr, heraussah. Die Niederung selbst war von dem Vorsprunge der Anhöhe, worauf ich stand, noch verdeckt; aber ein Rauschen wie ferner Ruderschlag und die Wiederholung jener Melodie, die mich eigentlich vorausgetrieben, bestätigten mir die Richtigkeit der Aussage meines Kutschers, daß es Fischer wären, die da sängen. Und heller, die rauhen Stimmen jetzt zu wehmütigem Einklang ordnend, tönte es empor und schwoll an und trug mir, aufgenommen von den günstigen Schwingen der Abendluft, die aus dem Tale in das Antlitz wehte, ziemlich deutlich die Worte einer Ballade zu, deren Kehrzeilen beiläufig so klingen mochten:

Rüstig durch den See mein Boot!
Trank für Trank, und Tod für Tod!

Die getragene, ich möchte sagen, schauriglustige Tonweise dieses Liedes, durch die nordisch ernste Umgebung und die Ruhe des Abends zu einem Eindrucke gesteigert, wie ich nicht bald einen ähnlichen empfunden, trieb mich in vollster Eile hügelab. Jetzt breitete sich ein großes Tal vor mir aus, in dessen Mitte ein See zitterte und mit den Kähnen spielte, auf denen rüstige Fischer seinen Spiegel durchschnitten. Andere, und zwar die, deren Lied mich herabgezogen, saßen vor ihren kleinen Hütten, besserten Netze aus, verfertigten Fischergeräte oder hatten sich's um den dampfenden Kessel bequem gemacht, dessen kargen Inhalt, ihr nationales Hafermus ( Parich), sie durch Gesang sich würzten. Am nördlichen Ende des Sees lag die düstere Ruine, die mir schon vom Hügel aus aufgefallen, und vollendete das Malerische dieses Anblickes. Die Fischer ließen sich durch das Erscheinen eines Fremdlings nicht irre machen, sondern sangen weiter:

Die blasse Maid im wilden Arm,
    Ihr Haar in grimmer Faust,
So geht es auf, so geht es ab,
    Daß alles saust und braust,
Sie tauchen nieder, –
Kommen wieder;
Schlürfen, ringen,
Klagen, singen:
    Rüstig durch den See, mein Boot,
Trank für Trank, und Tod für Tod!«

Als sie geendet hatten, näherte ich mich dem Ältesten unter ihnen, einem rüstigen Greise, dem man die Vertrautheit mit Sturm und Wellen in den Augen ansah. Er bezeugte sich meiner Frage nach der Bedeutung und dem Entstehen der Ballade, die sie abgesungen, nicht unwillfährig.

»Beim St. Cuthbert,« sprach er endlich, »ich habe mit dieser Geschichte schon manchem Wanderer seine Nachtrast verdorben. Aber Ihr, edler Herr, scheint mir keiner von den Verzagten, die vor Angst die Decke übers Ohr ziehen, um eher einzuschlafen, als der Böse ihren Schlummer in Beschlag nehmen kann; und ebensowenig einer von den Spöttern, die alles für eitel erlogen und abgeschmackt halten, was ihren aufgeklärten Köpfen nicht eingeht. Nehmt Platz auf diesem Weidenstrunke; das Seil unserer Kähne hat ihn trotz einer Gartenbank gekerbt. – Überschaut Ihr den See in seiner ganzen Ausdehnung, der bis hinter jene Ruinen trichterförmig zuläuft und in dem Bergstrome, dessen Rauschen Ihr wohl ruckweise vernehmen mögt, seinen Abfluß zu haben scheint? – Dieser See heißt in der Landessprache der Byrnswack-See; wir Schiffer nennen ihn nur Dismal-Swamp , das Grauen-Moor, denn so gut und freundlich er jetzt scheint, so grauenvoll kann er aufbrausen zur Zeit, wo er sein Opfer haben will. Jene schwarzen Trümmer sind die Reste des Schlosses Byrnswack, wovon der See den Namen hat. Als vor fünfhundert Jahren unser König, David Bruce, der Gefangene eines Weibes, der tollkühnen Margarethe wurde, trotzte dieses Bollwerk lange dem Feinde und ward zuletzt auch wieder ein Sitz des Friedens, während sein Bergnachbar da drüben, Schloß Asborn, in wildem Brande zusammenstürzte. Gegen das Ende jener blutigen Tage soll sich die schauerliche Geschichte zugetragen haben, in welcher die drei Punkte, die ich Euch genannt, die Hauptrollen spielen und welche, wie wir Fischer es nur zu gut wissen, noch immer fortlebt in den Tiefen dieses Sees!«

Nach diesem Eingange, der mir zeigte, wie innig der Erzähler von der Wahrheit des geheimnisvollen Märchens überzeugt sei, das ich von ihm zu erwarten hatte, begann er seine Erzählung. Ich würde mich umsonst bemühen, den einfachen, körnigen, aber eben deswegen um so mächtiger ergreifenden Ton zu treffen, in welchem der alte Fischer seine Sage vortrug. So unwahrscheinlich sie an und für sich ist, in seinem Munde klang sie wie ernste Wahrheit. Seine Schilderung glich einem tiefblauen, düsteren Nachtgebilde, durch das nur ein Blitz als feurige Mahnung an den zuckt, der lebt, um zu schirmen und zu rächen. Ich erzähle ihm hier die Hauptmomente seiner Mitteilung in jener Färbung nach, welche sie durch die Eindrücke annahm, die sie auf mein Gemüt hervorgebracht hat.

1.

Zwei kräftige Hochlandsgestalten stiegen vom Rücken des Berges in das Tal hinab, in dessen Mitte der See wie Feuer flimmerte. Der Tag neigte sich schnell und schneller und schon breitete sich über die weite Landschaft lautloses Schweigen aus, von nichts unterbrochen als von wehmütigen Zithertönen, die aus dem nahen Schlosse herabzuklingen schienen. Die beiden Jünglinge waren von den langentbehrten friedlichen Klängen so angenehm überrascht, daß sie durch die lauschige Dämmerung vorsichtig näher schritten, um ja die liebliche Nachtigall dieser Einöde nicht zu verscheuchen. An einem Abhange des Ufers lagerten sie sich und schlürften mit gespanntem Ohre die Töne, die einen gar heiter-milden Gegensatz zu dem rauhen Trompetengeschmetter bildeten, das sie durch sieben Monde gehört hatten. Sie waren nämlich mit ausgezogen wider Eduard III. und seine heldenmütige Gattin und trugen nun statt der erträumten Lorbeeren nichts nach Hause als ein verlorenes Halbjahr und den Überdruß einer mißglückten Unternehmung. Die Stimmung unterdrückten Trotzes, die traurigen Spuren eines ergrimmten Freiheitseifers, die rauchenden Denkmäler verübter Grausamkeiten waren ihnen bis hieher gefolgt, und eine süße Ahnung einer möglichen Beruhigung, bestärkt von den farbigen Bildern jugendlicher Erinnerungen, ging in ihren Herzen auf, als sie wieder die ersten unkriegerischen Akkorde einer friedsamen Zither von dem Söller einer verschonten Feste klingen hörten.

»O zeige dich, Friedensengel dieses Tales,« rief Artur, der jüngere der beiden Wanderer aus, indem er, seines Gefühles nicht länger mächtig, aufsprang, – »o zeige dich und nimm den Dank eines Wanderers, dem du an der Schwelle seiner Heimatberge dein Lied als glückliche Vorbedeutung entgegenschickst!«

Richard, der Ältere, belächelte die losbrechende Begeisterung seines Bruders, wiewohl er selbst recht behaglich hingestreckt lag und den immer lauter rauschenden Tönen eben nicht zu zürnen schien. Endlich erhob er sich, schlug seinen dunkelblauen Plaid, mit dem er sich einen spitzen Kalkstein zum Sitze gepolstert hatte, wieder um die Schultern und mahnte seinen schwärmerischen Bruder, über den Klang der Saiten nicht des Klanges der Becher zu vergessen, der ihnen in der nächsten Nachtherberge denn doch wohl ergötzlicher sein dürfte.

Zögernd gehorchte Artur und folgte, die Augen unverwandt dem Teile des Schlosses zugekehrt, aus welchem die Zither klang, seinem rüstig voranschreitenden Bruder.

Der Mond war indes im Osten gelb und leuchtend emporgestiegen und übertünchte mit einem Male die nordöstliche Wand des grauen Waldschlosses, daß jeder Ziegel daran deutlich zu unterscheiden war. Die beiden Wanderer schritten jetzt längs dem Ufergebüsche, ziemlich nahe am Schlosse fort, von dem sie nur ein Wildbach trennte, der weiter rückwärts in die Tiefe zu stürzen schien. Die Klänge, die eine Weile geschwiegen hatten, begannen nun lauter und vernehmlicher von neuem.

»Siehst du,« rief Artur plötzlich mit gewaltsam gedämpfter Stimme, » siehst du, Richard? Dort am Erker, der über den Bach hinausragt! O hemme deine Schritte. Laß uns hinter jene stämmige Eiche treten! Der Gott der Liebe hat sie hier gepflegt, um lauschenden Wanderern zum Verstecke zu dienen. Siehst du die Nymphe dieser Einöde? Die tonreiche Beleberin dieser Waldnacht? Bei dem großen Könige, dessen Namen ich führe, ich müßte mich desselben schämen, wenn mich dieser Ruf zu einem Abenteuer kalt vorüber ließe!«

Richard wollte seinen Bruder fortziehen, ohne ihm zu antworten, aber dieser beschwor ihn bei seinem Zorne emporzublicken oder zu gestehen, daß kein ritterliches Blut der Ardoch in seinen Adern fließe, das doch niemand der Kälte je geziehen hat! Wirklich lehnte sich über den Erker hinaus eine weibliche Gestalt, deren mondbeleuchtete Züge etwas Geisterhaftes an sich hatten. Ein Kranz brauner Lockenringe faßte das bleiche, leidende Antlitz ein. Ein leichter Samthut bedeckte den Scheitel des feenartigen Wesens, und die weißen Federn dieses Hutes flatterten luftig im Nachtwinde, der mit ihnen wie mit Lilien spielte.

»Laß immerhin die seltsame Erscheinung gewähren,« fiel Richard, die Gestalt nur eines flüchtigen Blickes würdigend, ein, – »was kümmert sie uns? Du hast der schönen Frauen viele schon gesehen!«

»Aber keine so schöne, Bruder! Ich las die Schrift der Verzweiflung, die Schrift der Hoffnung, die Schrift des Dankes auf dem Antlitze mancher Schönheit, mit der uns das Schicksal des Krieges zusammenführte, aber so süße Hingebung, so überirdische Wehmut fand mein Auge noch auf keiner Stirne! Wer weiß, welche Dornen an dem Kranze ihres Lebens haften. Wer weiß, ob sie nicht in den Fesseln herzloser Roheit schmachtet. O blick hinauf! Siehst du, Bruder! Sie nickt! Sie winkt! Die einladende Bewegung ihrer Hand gilt uns! O laß uns dem Rufe der Schönheit, dem Rufe der Ehre folgen! Ich weiche nicht eher von der Stelle, als bis ich von dem Lose dieses Wesens unterrichtet bin!«

»Nun meinethalben,« entgegnete Sir Richard ungeduldig, – »ich aber teile deine tolle Sucht nach Abenteuern nicht. Laß dich immer von den blinden Eingebungen deiner Leidenschaft leiten, mir rät die Vernunft, der hereingebrochenen Nacht wahrzunehmen und die Taverne zu suchen. Zum letzten Male komm' – oder ich übersteige den Bergrücken dort allein. Ich mag nicht länger der Narr deiner unzeitigen Begeisterung sein. Lebe wohl – morgen hoff' ich dich kalt wiederzusehen, die Nacht wird deinen heißen Sinn, mein' ich, doch wohl abkühlen!«

Mit diesen Worten hüllte er sich tiefer in seinen Plaid und wandte sich zu gehen. Das wirkte auf Sir Artur doch. Im Kampfe, den seine aufgeregten Sinne mit dem Gefühle der Bruderliebe kämpften, siegte die letztere und schnell sich losreißend von dem bezaubernden Anblicke rief er seinem Bruder nach: »Halt ein, Richard, – ich folge dir!«

Da kehrte Richard freudig um, streckte seinem Bruder die Hand entgegen und umarmte ihn mit den Worten: »Ich hab's ja doch gewußt, Artur, – daß dein Bruder dir lieber sein würde als ein eitles Gaukelspiel.«

Kaum aber waren sie eine Strecke Arm im Arme so fortgeschritten, als die Töne der Zither von neuem noch süßer, noch schwellender erklangen und folgendes Lied, von düsteren Akkorden begleitet, in die stille Nacht hinaustönte:

Ein Kranz ist wohl mein Leben,
    Jedoch ein Dornenkranz;
Die Stunden, die es weben,
    Sind ohne Farb' und Glanz.
Und wenn der Tag zerstreuet,
    Was mir im Herzen glüht, –
Die düst're Nacht erneuet
    Mein altes Leid – und Lied!

Da war es um Artur geschehen. Diese Worte, von einer so liebreichen Silberstimme gesungen, griffen ihm in die tiefsten Tiefen seines Herzens. Welchen Eindruck machte aber erst der Inhalt des Liedes auf ihn!? Jetzt war seine Ahnung, daß hier eine gequälte Unschuld schmachte, mit einem Male bestätigt. Stürmisch rief er seinem Bruder »gute Nacht!« zu und rannte durch Gestrüpp und Buschwerk zur Eiche zurück, welche ihre kräftigen Äste über den Bach hin freundlich dem Söller entgegenstreckte.

Die blasse Sängerin schien ihn nicht zu bemerken und fuhr mit wachsender Wehmut fort:

Du bist mir, süße Freude,
    Bist mir ein fremdes Ding:
Ein Joch ist mein Geschmeide
    Und Fessel heißt mein Ring.
Kein rettend Plätzchen grünt mir,
    Wohin mein Wunsch auch zieht,
Und zum Begleiter dient mir
    Mein Leid nur – und mein Lied!

Artur hatte sich indes auf einen vorragenden Ast des Baumes geschwungen und erwiderte die Klage der schönen Unbekannten aus dem Stegreife mit folgendem:

Was deine Brust auch quäle,
    Das schwerste Wetter flieht!
Darum ergeuß der Seele
    Geheimes Leid im Lied.
Enträtsle die Verkettung:
    Denn ewig ist kein Schmerz;
Noch wacht zu deiner Rettung
    Ein Ritter und sein Herz.

Erstaunt neigte sich jetzt die nächtliche Sängerin über das Geländer des Erkers hinaus, fuhr aber schnell wieder zurück und verschwand durch die offene Tür des Gemaches. Sie schien nur in demselben die Lichter verlöscht zu haben; denn plötzlich war es hinter den Scheiben, die erst noch hell funkelten, finster geworden.

Artur dehnte sich auf seiner schwanken Warte so gut es gehen mochte, um ja keine Bewegung seiner wunderbaren Dame zu übersehen. Jetzt trat sie wieder heraus, und wenn ihn sein Ohr nicht täuschte, so lispelte sie »schönen Dank« für ihn herüber.

»O, wofür Dank?« rief er mit feurigem Entzücken, indes seine Blicke unersättlich an dem reizenden, vom Monde magisch beleuchteten Bild hingen, – »wofür Dank? Daß Ihr mich durch Euer himmlisches Lied in eine Zauberwelt entrückt, – daß Ihr mir das Rätsel meines Daseins gelöst habt! Ich wollte, daß es mir gelänge, je den Dank so liebenswürdiger Lippen zu verdienen! Darum enträtselt mir die Verkettung Eures Schicksals. Nennt mir die Dornen, die den Kranz Eures Lebens verunzieren; nennt mir, was Eure Stunden des Glanzes und der Farbe beraubt! Zerbrechen will ich das Joch, das Ihr Euer Geschmeide, zertrümmern die Fessel, die Ihr Euern Ring nennt! Ich will Euch die Freude nicht als Gast, nein, als ewige Gesellschafterin in die Hallen Eures Schlosses führen, will den Pfad wieder grünen machen unter Euren Schritten und Euch beweisen, daß der Ritter mit seinem Herzen zu Eurer Rettung nicht umsonst gewacht hat!«

In steigender Begeisterung würde der Liebesritter sein schweres Herz erleichtert haben, hätte ihn die holde Schöne nicht durch ein gebietendes »Gemach, Herr Ritter, gemach!« zur kälteren Überlegung zurückgebracht. – »Mäßigt doch den brausenden Strom Eurer Rede,« sprach sie mit gedämpfter Stimme, »wir sind hier nicht allein! Oder ist Euch der Ruf meines Geschlechtes so wenig heilig, daß Ihr ihn blind Eurer Leidenschaft aufopfern könntet! Schweigt, Fremdling, oder Ihr seht mich nimmer wieder!«

Wie angedonnert sank Artur zurück und hielt sich mit Mühe an dem Aste fest, dessen Laub ihn bisher verborgen hatte. Alle seine Hoffnungen waren mit einem Male getäuscht. Er sah sich schon erhört, schon geweiht zum Verfechter unterdrückter Weiblichkeit – und plötzlich stieß ihn ein Wort zurück von der Schwelle des Paradieses. Er konnte diesen raschen Absprung von der höchsten Wonne zur kältesten Enttäuschung nicht schweigend ertragen: – »Willst du nicht,« begann er dringender, »willst du nicht, Grausame, daß ich mich von dieser Höhe häuptlings in den schäumenden Strom hinabstürze, so entferne dich ja nicht, wie du es – wehe mir Armen! – zu tun gewillt scheinst; laß mich ein freundliches Wort hören! Sprich, wer du bist? Welcher neidische Stern hat dich, Schmuck der Städte, gebannt in dieser Einöde düsteres Grauen, wo noch kaum die Brände des Krieges verraucht sind!«

»Nun so sprecht leiser,« – entgegnete die Schöne, wieder vortretend. – »Bedenkt, wenn mich ein Diener belauscht, wenn – es wäre entsetzlich! Ihr könnt ja wohl aus meiner Tracht, aus meinem Lied einen Teil meines Leides erraten. Euch mehr zu sagen, ist hier nicht die Zeit – hier nicht der Ort!«

»Hier nicht! Gott! wo sonst? – o redet, redet! – Wo sonst?! – Fordert mein Blut, mein Leben, nur nicht Scheiden, nicht Nimmerwiedersehn!«

Die Geheimnisvolle schien zusammenzuschauern. Lange schwieg sie, das Haupt bald gesenkt, bald die krampfhaft geöffneten Augen starr zum Himmel aufschlagend. Endlich brach ein dumpfer Seufzer dieses Schweigen des Seelenkampfes, und sie begann hastig: »Es sei, Ritter, hört!«

»Sprecht, sprecht,« entgegnete Artur, »ich will lauschen, um ja keinen Laut zu verlieren!«

»An der Hinterseite des Schlosses, wo der See ausströmt in den Wildbach, der hier vorüberbraust, findet Ihr ein kleines eisernes Pförtlein. Macht es Euch möglich, dahin zu gelangen; Ihr werdet mich dort finden!«

Mit diesen Worten verschwand die Gestalt vom Balkone.

2.

Nicht im geringsten seines Bruders gedenkend, der längst schon den Bergpfad eingeschlagen, eilte Artur über Stock und Stein dem bezeichneten Ziele zu. Schon war er nicht mehr zu fern. – Die Riegel klirrten, und das Pförtchen öffnete sich knarrend im Mondscheine. Noch aber trennte der schäumende Waldstrom den Abenteurer vom jenseitigen Ufer. Kein Weg führte hinüber; nur ein morscher Föhrenstamm streckte sich halb gebrochen quer hin und klapperte, bewegt von dem aufspritzenden Wellenschlage. In verzehrender Ungeduld rannte er längs dem Strome hinunter bis zu dem finsteren Kessel, in welchem er das Wasser des Sees aufnimmt. Aber auch hier wollte sich kein Mittel zu seinem Zwecke darbieten. Schon argwohnte er, daß die Grausame ihr Spiel mit ihm getrieben, als er im Schilf ein kleines Boot bemerkte. Hastig sprang er hin, band die Barke los, warf sich hinein und zwang sie so rüstig durch die Flut her, daß er in kurzem das jenseitige Ufer erreichte. Mit welcher glühenden Eile flog er der Erscheinung entgegen, die starr wie eine Bildsäule im halboffenen Pförtchen lehnte. Von dem Scheitel, welchen früher ein Samthut bedeckt hatte, floß nun ein schwarzer, wallender Schleier.

Artur sank vor ihr auf das Knie nieder, sie schwieg; sah himmelan, fuhr bei seinem ersten Worte wie schmerzlich getroffen zusammen und reichte ihm dann die Hand, um ihn, wie es schien, in das Innere des Schlosses zu leiten. Aber so heiß des Ritters Hand war, so eisig war die der Dame, und weit entfernt zu erwärmen in den zuckenden Fingern des Begeisterten, starrte sie vielmehr immer krampfhafter, als ob sie keiner Lebenden gehörte. Artur jedoch empfand das nicht, und hätt' er's empfunden, so würde solch ein Beweis zagender Schüchternheit seine Glut nur gemehrt haben. Schon fühlte er sich leise fortgezogen, – aber plötzlich hält die Rätselhafte wieder an, läßt seine Hand sinken, seufzet tief auf und verzieht den schönen Mund, der allein noch unter dem Schleier hervorblickt, zu einem höhnischen Lächeln.

Jetzt faßt sie ihn wieder beherzter als vordem, um ihn noch schneller loszulassen. Ihr schlanker Leib neigt sich vorwärts, als ob es ihn fort in die Ferne zöge, ihre Füße aber wurzeln im Boden und versagen ihr treulos den Dienst. Wild wirft sie das Haupt empor, daß der Schleier zurückrollt und seinen schwarzen Wellen die braunen des Gelockes in Fülle nachdringen. – »Unerklärbares Wesen,« ruft Artur aus, »wie schön macht dich der Kampf, den du kämpfest; wie unaussprechlich reizend der innere Sturm, der aus deinen Zügen spricht! Was es auch sei, zögere nicht länger, mir als Führerin zu dienen! Wohin kannst du mich führen, wo es nicht gut wäre?!«

Mit einem stechenden Blicke durchbohrt jetzt die Bleiche seine Brust, daß er selbst befremdet zurückweicht und nicht umhin kann zu glauben, die Gefahr, die ihnen, wenn sie gesehen würden, im Schlosse drohe, sei denn doch größer, als er wähne. Ein Seitenblick auf die Barke, die ihn eben herübergebracht, gibt ihm jedoch einen raschen Entschluß ein. – »Du zitterst,« spricht er, »und vielleicht mit Recht! Drum laß uns lieber, bis droben alles still geworden, der herrlichen Nacht hier unten genießen. Der Kahn, der mich zu dir gebracht, schaukelt hier auf der Flut, besteig ihn mit mir, und schütte mir, während wir tändelnd den See durchschneiden, die Tiefen deines Herzens aus!«

»Ja, das laß uns tun, holder Fremdling,« ruft die liebliche Gestalt so freudig, als ob ein schweres Unglück dadurch verhütet würde, – »bis zum Morgen laß uns schiffen, – wenigstens bis sie vorüber ist, die böse grause Nacht, die uns auslacht mit ihrem mondfahlen Gesichte!« – Und mit diesen Worten folgt sie dem Jünglinge, der voraneilt über die Stufen an den Rand des Sees, um das Boot zu besteigen.

Als ihr aber Artur die Hand reicht, um sie stützend in den Raum des Bootes zu leiten, scheint die Unschlüssige mit einem Male gewaltsam wieder umgestimmt.

»Nicht doch,« beginnt sie, »ich hab' Euch in mein Schloß eingeladen, und Ihr sollt mir folgen. Die Diener ruhen nun wohl alle, der – hier fuhr sie fröstelnd zusammen – der, den Ihr am meisten zu fürchten hättet, ruht auch! Darum kommt! Nur eines ist, womit Ihr Euch den Schritt über diese Schwelle erkaufen müßt. Schwört mir auf den Kreuzgriff Eures Schwertes eine Bitte mir zu erfüllen, von deren Gewährung mein Glück, mein Heil, mein Leben abhängt! Wollt Ihr mir diesen Schwur leisten?«

»Ich weihe mich deinem Dienste, rätselhafte Schöne,« entgegnete Artur, einen feurigen Kuß auf ihre zitternde Hand drückend.

»Nicht küssen,« entgegnet sie, die Hand zurückziehend, – »schwören sollt Ihr! Die Erfüllung einer Bitte, deren Inhalt ich in meinem Gemache Euch nennen werde, sollt Ihr mir beschwören!«

»Nun höre denn die verschwiegene Nacht den Schwur, jede deiner Forderungen blindlings zu erfüllen! Jetzt aber zaudere auch nicht länger, in dein Gemach mich einzuführen.«

Durch den Schwur beruhigt, führte ihn die Schloßfrau zurück zum Pförtchen und durch dasselbe, das sie sorglich hinterdrein wieder zuriegelte, in das Innere des Schlosses. Durch lange dunkle Gänge ging die Wanderung. Nur hin und wieder schimmerten rote Ampeln wie Blutstropfen, oder mattblaue wie halbgebrochene Augen durch die formlose Nacht. Altes Säulenwerk, mit seinen scharfabgegrenzten Schnörkeln wunderlich hervorstarrend, glich hier krampfhaft ausgestreckten Armen, dort garstigen Fratzengesichtern und vermehrte noch das Gespensterhafte des lautlosen Schweigens, welches selten nur das Geklapp lockerer Quadersteine oder der Fall eines Tropfens, in denen die Wand ihren hundertjährigen Moder ausschwitzte, eintönig unterbrach. Ja die verschleierte Führerin selbst, die mehr schwebte als ging, hatte etwas Geisterhaftes an sich. Ihre eisige Hand, ihr leise fortwischender Fuß, ihr gesenktes Haupt gemahnten ihn, als ob er einer Botin aus dem Grabe folgte, bis ihn das Erwärmen ihrer Hand unter seinen Fingern, und als sie weiterglitten, der Schlag des Herzens und die entzückende Wärme des ungestüm wogenden Busens überzeugten, – daß sie wirklich lebe. Anfangs wagte er die leise Berührung seiner Leiterin nur mit einem zaghaften Drucke zu erwidern, bald aber widerstand er dem günstigen Dunkel nicht länger und drückte die Hand ihr kühner, preßte sie heftig an seine Lippen, heftiger an sein pochendes Herz und hielt nur dann wie um Verzeihung flehend ein, wenn sie, seiner Kühnheit zürnend, die Hand zurückzuziehen und eine Buße zu fordern schien, die, ehe sie noch gefordert wurde, schon erlassen war.

Jetzt ging eine hohe Flügeltür auf, die in einen geräumigen, von einer weißen Schwebelampe nur matt erleuchteten Vorsaal führte. Eine zweite Tür ging auf, und Artur sah sich in dem Gemache der Schloßfrau, vor demselben Fenster, demselben Erker, von welchem aus ihm die Wunderbare zuerst in das Herz gesungen. Seine ersten flüchtigen Blicke verschlangen die Umrisse des hohen, altertümlichen Saales. Mächtig gewölbte Bogen kreuzten sich an der Decke mit laubartigen Gesimsen. Das marmorne Estrich war stellenweise von bunten Teppichen überspannt, die Wände behangen mit silberdurchwirkten Purpurdecken. An einem Schranke, auf dem nichts weiter stand als ein Paar goldene Becher und eine Phiole, lehnte noch die Zither, deren Klänge die beiden Wanderer in der Dämmerung verspätet hatten. Gepolsterte Lehnstühle, mit Damast und buntblumigem Brokat überkleidet, umherstehende Silbergefäße, reichgestickte Vorhänge, ein hohes, auf silbernen Stangen ruhendes Himmelbette, – kurz alles zeigte von Wohlstand, ja von Pracht. An der einen Seite des Zimmers ging eine Nische in die Wand, welche von einem schweren Seidenvorhange verdeckt war. Das Zimmer war von einem hohen, kostbar gearbeiteten Armleuchter, der auf dem Tische stand, hell genug erleuchtet, um den nächtlichen Gast jeden Reiz seiner Wirtin erkennen zu lassen. Er stand, als sich zum ersten Male im klaren Lichte die ganze Anmut der Schloßfrau vor ihm entfaltete, wie geblendet. Alle Erinnerungen aus den Träumen seiner Jugend, aus der Märchenwelt, in die er sich von redseligen Mägden oder Knechten so gern hinüberschwatzen ließ, aus den Phantasien seiner feurigsten Jünglingsglut, schienen verkörpert vor ihm zu stehen. Ein langes, wortloses Anschauen, mit einem Blicke vom gelockten Haupte bis zum niedlichen Fuße und wieder zurück von der schlanken Schmäle des Leibes bis zur heiteren Breite der Stirne fliegend, war der erste Eindruck des ersten Näherns.

Aber auch die Wirtin war nicht minder ergriffen, als der Jüngling mit seinem golden um die Schultern fließenden Haare, seinem geraden Wuchse, seiner nordisch-kräftigen Gestalt so hold verschämt vor ihr stand und dem hellen, blauen Auge zu zürnen schien, das, ihm untreu, so kühn ihren Augen zu begegnen strebte. Und wie ungleich war sich dies Begegnen! – Artur, mit seinem Blick gerade den Weg zum Herzen suchend und wohl auch findend, überwuchs mit jedem Momente seine Schüchternheit mehr, während seine Wirtin den unsicheren Blick bald erhob, bald senkte, bald starr auf ihn heftete und alle Stufen des Seelenkampfes im stürmischen Fluge durcheilte. Sogar etwas Grauenerweckendes hatten ihre Züge, und nur in der Lieblichkeit ihrer Stimme, wenn sie sprach, glich sich der unerklärliche Zweifel, den jene rege machten, wieder aus.

»Ihr seid wohl,« begann sie, nachdem sich die erste Scheu verloren hatte, »seid wohl ein Fremdling in diesem Lande?«

»Nicht so ganz, als Ihr meint,« versetzte Artur ruhiger, – »meine Eltern hausen auf ihrem Schloß an der Nordostgrenze dieses Landes, wohin mich der Weg mit meinem Bruder führt, den Ihr wohl an meiner Seite bemerkt habt!«

»Euer Bruder? Und er verließ Euch?« – fügte sie fast ängstlich hinzu.

»Das heißt, ich verließ ihn, schöne Frau! denn er verläßt mich nicht so leicht! Er ist der ältere, ein wahrer Bruder, der dem Vater das ihm anvertraute Gut unversehrt nach Hause bringen will. Langen Kampf hat es mich gekostet, allein in Eurer Nähe zu bleiben; aber um so hohen Preises willen kann man ja wohl dem Zorn eines allzuernsten Bruders trotzen!«

»Er harrt also wohl Euer in der Nähe?«

»Wir wollten uns morgen wiedersehen; er schlug die Bergstraße über jenen Waldrücken ein, um in der nächsten Herberge zu übernachten. Nun ich Euch aber so freimütig Rede gestanden und Euch zudem noch sage, daß mein Name Artur von Andoch ist, so laßt auch mich wissen, wie ich Euch nennen soll!«

»Mein Name ist Arabella von Byrnswack; das mög' Euch einstweilen genügen. Als was Ihr mich in diesen Hallen zu betrachten habt, das hat Euch mein Lied, denk' ich, so gut verraten, daß ich mehr Euch zu gestehen erröten müßte. Nun wißt Ihr alles, was ich Euch sagen darf!«

»So grüß' ich Euch denn als liebenswürdige Frau dieses Schlosses,« entgegnete Artur, durch diese Gewißheit nur noch gespannter. –

»Als Frau,« sprach sie tonlos nach, – und fügte aufstehend und zum Schranke tretend hinzu, »die Euch bittet, als ihr unverhoffter Gast die karge Bewirtung, die sie um solche Stunde bieten kann, nicht zu verschmähen!«

Ohne fremde Beihilfe war schnell der Tisch gedeckt, vor welchem sich Arabella mit ihrem Gaste niederließ. Doch seine Lippen sehnten sich nach anderer Kost und sehnten sich so heftig, daß sie die Beredsamkeit als Bittwerberin brauchten und zuletzt lispelnd die Frage taten: Ob Arabella dem nächtlichen Abenteurer nicht ganz abhold sei? Sie sah ihn mit einem tiefen Seufzer an und durchlief ihn mit einem Blicke, der ein Spiegel aller Leidenschaften war, wenn sie vereint ein Herz bewältigen. Ihr Haupt sank auf seine Schulter, und ihre schwimmenden Augen schlugen sich auf zu ihm und schienen den Kuß zu fordern, um den er nicht zu bitten wagte. Erst als er sich herüberneigte, die süße Frucht zu brechen von ihren schwellenden Lippen, zog sie wieder mit weiblicher Schlauheit zurück und machte die Wiederholung des Schwures, den er vorm Pförtchen schon geleistet, zum Bedinge.

»Du hast geschworen, mein Ritter,« rief Arabella ruhigeren Tones, »zweimal geschworen und würdest ein zweifach Meineidiger, wenn du den Schwur brächest! Aber die Zeit drängt, und der Augenblick, wo du dein Wort lösen sollst, ist nahe! Wir müssen scheiden! Von dir hängt es ab – wie?«

»Als der Deinige bis in den Tod!« rief Artur feurig und ergriff mit Hast den Goldpokal, welchen Arabella fast unwillkürlich vom Schrank herübergelangt und auf den Tisch gestellt hatte.

»Nun so leere denn jetzt den Abschiedstrunk,« sprach sie, Arturs Mienen mit ängstlicher Gespanntheit beobachtend; – »die Mitternacht ist nicht mehr fern, und du hast, um deinen Schwur zu erfüllen, noch weit zu pilgern!«

Artur hatte den Becher hinuntergestürzt; Arabella betrachtete ihn einige Zeit schweigend und ließ seinen heftig pochenden Puls auf ihren Fingern ruhen. Fieberhafte Hitze durchzuckte ihn ein um das andere Mal, wozu wohl die Neugierde, den Gegenstand seines Eides zu erfahren, das Ihrige beitrug. Jetzt sprang er auf.

»Nun, kühner Jüngling, zeige,« rief sie, »zeige, wie sehr du mir ergeben bist, und beweise durch die Erfüllung deines Doppeleides, ob dir daran liegt, mich je wieder zu sehen!«

Mit diesem Worte zog sie den Gast, der vor Neugierde und Erwartung glühte, zum Alkoven und riß krampfhaft abgewandt, als ob es ihr die peinlichste Überwindung kostete, an der schweren Vorhangquaste, daß die Gardinen rauschend zurückflogen. Artur stürzte dem Ruhebette zu, das sich ihm zeigte und auf dem, eingehüllt in weiße Laken, eine Gestalt mit stark vorstechenden Umrissen ruhte. Arabella riß ihm zugleich das Schwert heraus und hielt es ihm, den Kreuzgriff voran, wie eine Mahnung an seinen Schwur, mit schweigendem Erstarren vor. Er näherte sich, von unwillkürlichem Schauer ergriffen, faßte den Laken und zog ihn, während der dumpfe Schlag der Schloßuhr jeden Ruck begleitete, langsam mit wachsendem Grauen zurück. Der zwölfte Hammerstreich zitterte eben gellend nach; da sank das weiße Tuch vom Bette nieder, – der Leichnam eines Mannes lag vor dem Entsetzten.

»Was soll ich,« rief er aus, – »mit dem? Was hat das Leben mit dem Tode gemein? Fort! Laß mich diesen Anblick vergessen!«

»Vergiß diesen Anblick nicht, Meineidiger!« schrie Arabella verzweifelnd und hielt ihm nochmal sein Schwert vor: –»Entweder löse, was du mir schwurst, – oder faß es an diesem Griff und stoße mir als Siegel deines Meineides die Spitze durch die Brust!«

»Zurück, du Schreckliche! Ich will nicht forschen, will nicht fragen! will nicht begreifen lernen, wie du am Fenster eines Zimmers auf Ständchen sinnen konntest, auf dessen Bette der Tod schlief; wie du mir einen Trank der Gastfreundschaft darbieten konntest, wo ihm ein umgestürzter Lebenskelch zur Seite lag; – wie du –«

»O halt ein, Grausamer! Verdamme nicht, wo du den Grund nicht weißt! Dieser Tote ist mein – Oheim. Er besuchte mich und starb plötzlich bei wir, wir waren uns gram, – das weiß die Welt. Fände man ihn tot bei mir, so könnte mich ein entsetzlicher Verdacht treffen. Könnt' ich da wohl einen Diener ins Geheimnis ziehen? Könnt' ich mein Leben in feile Hände legen? – Unentschlossen, was ich tun sollte, starrte ich heute zum Erker hinaus, da sah ich dich von weitem. Dein edler Anstand, dein ritterliches Wesen, der Zug der Milde, der deiner Kühnheit zum Schleier dient, – flößten mir Vertrauen zu dir ein. »»Nur Rittertreue, Rittereid kann dich retten!«« so rief es laut in mir! Ich mußte mich zwingen, die Verzweiflung in Wehmut umzuheucheln, denn diese zieht an, während jene, wie der Wahnsinn, schreckt. Es gelang mir; dir galt mein Locken, – dich hab' ich, – du schwurst wir, – du mußt mich retten! Du mußt mich vor mir selbst entschuldigen, denn nur dem Retter meines Lebens, meines Glückes darf ich Pflichten opfern, denen ich sonst Leben und Glück geopfert hätte.«

»Was also forderst du,« spricht Artur ruhiger, sein Schwert einsteckend und Arabellen fest ins Auge fassend.

»Nimm diesen Leichnam, trag ihn fort aus diesen Mauern, so weit du kannst, – mindestens bis zu den Trümmern des Asborn-Schlosses, das abseit der Straße vom Bergrücken dort herübersieht. Findet man ihn dort, so kann auf mich hier kein Verdacht mehr fallen. Du aber eile deinem Bruder nach, – und wäre dir's möglich, je mich wiederzusehen, so fordere jeden Preis von mir, den ich dir im stillen ja schon zugetrunken. – Doch eile jetzt, – Mitternacht ist vorüber! Noch einen Labetrunk auf den Weg, damit du ihn recht bald zurücklegen mögest!«

Mit Schaudern stürzt Artur den Becher hastig aus, hüllt den Leichnam in das Tuch und schickt sich, die gräßliche Bürde auf der Schulter, zu seinem nächtlichen Grabgang an. Ihn ungeduldig ziehend eilt Arabella voraus. An der Pforte drückt sie ihm noch mit der Bitte, wenn es ihm möglich wäre, wieder zu kommen, mit ihren eiskalten Lippen einen Kuß auf den Mund.

3.

Erst als Artur mit seiner unheimlichen Bürde über den See gesetzt hatte, kehrte ihm die vollkommene Besinnung zurück. Sein düsteres Leichenamt kam ihm so schauerlich und zugleich so seltsam vor, daß er versucht war, alles für einen Traum zu halten. Aber die immer drückendere Schwere des Leichnams, der einförmige Anschlag der herabhangenden Arme und die Gewalt, die es oft brauchte, um das Tuch, das im Dorngestrüppe hin und wieder hangen blieb, zurückzuhalten, – gemahnten ihn nur zu deutlich an die Wahrheit. Was wollte er auch tun? Mußte er nicht, im Nachklange einer so kriegerischen Zeit, seiner eigenen Sicherheit zu Liebe, so viel als möglich eilen, um des Toten los zu werden?

Mit angestrengten Kräften eilte er daher dem Ziele seines fürchterlichen Ganges zu. Aber oft drohte er seiner Bürde zu erliegen. Eine Ermattung, die er sich selbst nicht zu erklären wußte, fesselte allmählich seine Glieder. Bald stieg ihm das Blut in betäubender Wallung zu Kopf und trieb ihm große Schweißperlen auf die Stirne; bald gerann es ihm eisig um das Herz und schnürte es ihm in widerlichem Krampfe zusammen. Seine Knie waren wie abgeschlagen, die Füße so gelähmt, daß sie mehr zurückglitten als vorstrebten. Seine eigene Empfindung Lügen strafend, raffte er sich noch einmal auf und klomm den Rücken des Waldberges hinan, auf dessen Höhe das ausgebrannte Trümmerwerk emporragte. Da ward der dumpfe Schmerz in seinem Innern plötzlich schneidend. Jetzt trennte ihn nur mehr ein schmaler Steig von der Ruine, welche sich seitwärts von der Straße aus abgesengtem Zwergholz erhob; er konnte aber nicht mehr weiter. Kraftlos sank er nieder, daß die Leiche kollernd von seiner Schulter fiel, preßte die Hände heftig gegen den Leib, den es wie kreuzweis gelegte Messer durchzuckte, und schöpfte mit steigender Angst endlich die furchtbare Gewißheit – daß er vergiftet sein müsse.

Gejagt von dem Sturme der Verzweiflung, drängten sich an seinen Sinnen die Bilder alles dessen vorüber, was er seit Sonnenuntergange durchlebt hatte, und alles bestätigte seine Ahnung, daß er vergiftet sei. Arabellas Kampf, ihre Augen, ihre eisigen Hände, ihre Hast, ihre hingeworfenen Anspielungen, – kurz alles erschien ihm jetzt als Vorbote des Schicksals, das seiner harrte. Und welches Schicksals? Darin lag das Entsetzliche. Er brauchte nicht erst seine Phantasie zu erschöpfen, daß sie ihm Bilder vorspiegelte, die trotz all ihrer Schrecken doch noch minder schrecklich waren, als der kalte, nackte, nüchterne Tod! Sein Schicksal lag vor ihm, er hatte sich den Spiegel mitgetragen, in welchem er sein eigenes Ich schauen konnte, wie es in wenigen Minuten sein würde! Mit der Neugierde der Verzweiflung raffte er die Linnen von dem Leichname weg, und faßte ihn und lehnte ihn an einen Baum sich gegenüber, und schaute ihm mit kreischendem Hohngelächter in das monderhellte Antlitz und in die glotzenden, weit aufgerissenen Augen, und rief ihm, die krampfige Hand schüttelnd, zu: »Holla, Kamerade! So geht es dem, der seinem besseren Sterne den Rücken kehrt und der Lockung seiner Sinne folgt! So geht es dem, der den klaren Trank der Vernunft verschüttet, um vom Taumeltranke der Leidenschaft zu schlürfen. Sie hat mir den rechten Trank zu geben gewußt, mit dem wir uns Bruderschaft zutranken, weil ich meinen lebendigen Bruder von mir gestoßen! O Richard, o mein Richard!«

Mit diesem Jammergeschrei fiel er sinnlos zu Boden und blieb, von dem glühendsten Schmerz in seinen Eingeweiden gefoltert, eine Weile liegen. Als ihm die Besinnung wiederkehrte, sah er einen Mann vor sich stehen, der ihn warm bei der Hand hielt und ihn mit ängstlicher Besorglichkeit, des toten Rastgenossen, wie es schien, gar nicht achtend, ein um das anderemal beim Namen nannte.

»Großer Gott, was ist dir, Bruder?« fragt ihn Richard, denn er war jener Mann. – »So sprach meine Ahnung recht? Eine folternde Bangigkeit hieß mich, eh' ich noch die Taverne erreicht hatte, umkehren. Ich bereute, dich so schnell aufgegeben zu haben, denn das ganze finstere Schloß mit seinen Zinnen schien mir unheimlich, um wie viel mehr noch jene singende Sirene, die es recht darauf abgelegt zu haben schien, dich zu locken und zu umgarnen! Was ist dir aber? Wie bring ich dich unsern Eltern wieder?«

»Als einen stummen Mann, Richard!«

»O scherze nicht, Artur! Ein kaltes Entsetzen faßt mich an, du siehst so totenblaß, deine Augen rollen im Kreise, deine Beine schlottern, deine Finger zucken krampfhaft. Was soll aus dir werden?«

»Was dieser ist,« – schreit Artur auf, hinweisend nach dem Leichname, den Richard erst jetzt bemerkt, – »ich bin vergiftet!«

Angedonnert wankt Richard zurück, er kann es nicht glauben, aber des Bruders Antlitz spiegelt den durch die Adern schleichenden Tod nur zu deutlich.

»Gräßlich, gräßlich!« bricht nun Richard los, »wie werd' ich heimkehren! Wie den Blick der Eltern ertragen, wenn sie das anvertraute Kleinod des Bruderlebens von mir zurückfordern! Wie Teuker vor Telamon floh und ein neues Salamis suchteTeukros, der Sohn des Telamon aus Salamis, der beste Bogenschütze unter den Griechen vor Troja, wurde von seinem Vater, als mitschuldig am Tode seines Bruders Ajax, Landes verwiesen und ging auf Apollos Rat nach Cypern, wo er ein neues Salamis gründete., wird es mich forttreiben, aber ich werde kein Asyl auf dieser Erde finden! Denn ich bin schuld an meines Bruders Tode! Warum ließ ich dich von mir! Warum konnt' ich mich durch das Wort des Bruders erzürnen lassen! Warum unterdrückt' ich, aus falscher Scham, den ersten Ahnungslaut, der in meinem Innern rief: Kehr um, suche du ihn, weil er dich nicht sucht! Doch halte deine fluchtbereite Seele noch zurück! Sage mir, wie, wo, warum es geschah! Sage mir, wer dieser Tote ist! Sage mir mit der letzten Kraft deiner Stimme alles, damit ich dich, mich, unsere Eltern an deinem Mörder, – oder (ja mein Inneres sagt es nur) – an deiner Mörderin räche, – und vielleicht auch den hier!«

Noch einmal rafft Artur alle Lebenskraft zusammen, um der Herold seines eigenen Unglückes zu werden.

»Also mit dem Abschiedstranke hat sie dich vergiftet!« ruft Richard wie wahnsinnig, den zurücksinkenden Bruder mit Mühe stützend!

»Ja mit dem Abschiedstranke!« röchelt Artur, – »räche mich!«

Mit diesen Worten sinkt er und verhaucht in wildem Krampfe sein Leben.

Jetzt erst bricht Richards Jammer ohne Rückhalt los. Seine Klage hallt fernhin durch den schweigenden Wald und prallt schauerlich zurück von dem Trümmerwerke des Schlosses Asborn. Wie ein Rasender wirft er sich ein um das andere Mal auf den vielgeliebten Leichnam nieder, zieht bald sein Schwert, entschlossen, seinem Leiden schnell ein Ende zu machen, bald hebt er die Hand zum Wolkenhimmel empor und schwört, den tödlichen Trank sie furchtbar entgelten zu lassen. Von diesem heißen Triebe nach Rache beseelt, brütet er über einem entsetzlichen Plane, der auch in wenigen Augenblicken schon zur Reife gediehen ist. Mit gewaltsam verhaltenem Schmerze entkleidet er seinen toten Bruder, tauscht Wams, Mantel, Schwert und Barett mit ihm, hüllt dann die teueren Glieder in sein eigenes Kleid, bedeckt beide Körper mit Reisern und eilt im hastigen Laufe durch Busch und Dornen von hinnen.

4.

Etwas westlich abwärts hinter den Ruinen von Asborn lag eine kleine Hütte, welche in der kriegerischen Zeit Wegelagerern zum Schlupfwinkel diente. Deswegen blieb sie auch von ihnen, ihres eigenen Vorteiles willen, verschont. Jetzt bewohnte dieselbe ein alter Grubenmann, der einen wiederaufgefundenen Kohlenschacht im Gebirge mit seinen Knechten bearbeitete. In der Hütte dieses Grubenmannes spricht Richard ein und bringt bei demselben, der sich wenig um den Gemütszustand seines Gastes bekümmert, den Tag in düstrem Sinne hin.

Auch mehrere Briefe schreibt er allda und übergibt sie dem Grubenmann, als er abends von der Arbeit heimkehrt, mit der Bitte, selbe, falls er am kommenden Morgen nicht zurückkehrte, unten auf dem Schlosse Byrnswack erbrechen zu lassen. Zugleich drückt er ihm eine Börse in die Hand, um der Vollziehung dessen, was er wünscht, gewiß zu sein.

Als es zu nachten begann, macht er sich auf den Weg und erreicht nach einer kurzen Stunde Schloß Byrnswack. Eine unfreundliche, stürmische Nacht scheint zu seinem stürmischen Innern recht wohl zu passen. Er benützt genau die Angaben, die ihm sein sterbender Bruder gleichsam als Vermächtnis zurückgelassen; hüllt sich tief in Arturs Mantel, drückt seine blaue, rot und weiß geränderte Mütze weit in die Stirne herab und schleicht sich unter das verhängnisvolle Erkerfenster.

Aber im Schlosse ist heute alles still und finster, nur in einem entlegenen Flügel schimmert ein matter Schein durch die Fenster. In Arabellas Gemache zeigt sich wohl ein Licht, aber kein lebendes Wesen läßt sich durch die Scheiben gewahren. Richard macht Geräusch, ahmt in Haltung und Gebärde seinen armen Bruder nach und harrt mit ungestüm klopfendem Herzen, ob sich denn nicht jemand zeigen würde.

In der Tat klingt das Fenster wieder wie gestern, und Arabella neigt sich, durch das Geräusch aufmerksam gemacht, herab. Mit einem Schreie des Entsetzens aber fährt sie zurück, da sie die Gestalt des Jünglings erblickt, den sie längst schon für erkaltet hielt. Hatte sie sich in der Phiole vergriffen, oder war das Gift zu schwach für eine kräftige Jünglingsnatur, oder schwebte über ihm sichtbar Gottes Finger; – kurz, ihr staunendes Gemüt findet keinen anderen Ausweg, als sich zu fassen und was gestern mißglückte, heute sicherer zu versuchen. Der Mitwisser ihres Verbrechens lebt, sie sieht sich verraten, sieht sich den Gerichten des Landes überliefert und vielleicht bald in ihren eigenen Netzen gefangen. Fassung ist also vor allem nötig, und sie gibt in ihrer schrecklichen Lage wieder einen Beweis, wie sehr das Weib Meisterin des Augenblickes ist. Das Staunen des Entsetzens in Überraschung der Freude umlügend, neigt sie sich zum Erker hinab und überzeugt sich nun vollends von der Wahrheit dessen, was sie noch immer nicht recht zu fassen weiß.

»Ich habe das Kleinod, das du mir anvertrautest, auf Asborn abgesetzt und komme nun, meinen Lohn zu holen!« lispelt Richard mit verstellter Stimme empor, – »bist Du's zufrieden?«

»Also wirklich, Artur!« stöhnt Arabella, während sie ihm »Schönen Dank!« hinablispelt. Die Macht des Giftes ward an ihm zu schanden, aber er darf nicht leben, wenn sie leben soll. Ihr Herz, in dem ein Funke Menschlichkeit, wenn auch gewaltsam unterdrückt, noch glimmt, regt sich zwar und sträubt sich wie von Mitleid, oder vielleicht von mehr als Mitleid erfaßt, – aber sie muß jede Neigung zurückpressen, wenn sie nicht zur Feindin des eigenen Lebens werden will. Er muß noch einmal einen Trunk tun, muß noch einmal auf die Ruine, muß neben jener Leiche zur Leiche werden; nur wenn man die beiden Körper nebeneinander findet, ist jeder Verdacht aufgehoben.

»Willst du nicht herauf,« ruft sie so sanft und lieblich, als es der schwarze Plan in ihrer Seele zuläßt.

»Nein, komm lieber du zu mir, schöne Arabella,« flüstert er empor. – »Der Sturm hat sich gelegt, der Himmel klärt sich, und der Mond tritt aus den Wolken. Wir wollen zuerst der nächtlichen Stille genießen und dann in deinem Gemache wie gestern mit einem erquickenden Trank uns laben.«

»So harre denn, – ich komme,« entgegnet sie und schließt das Fenster. Ehe sie aber hinabeilt, mischt sie noch zweifach so viel Gift als gestern in den Goldbecher und stellt ihn, seiner Wirkung gewiß, auf den Schrank.

Richard erwartet Arabellen schon am Nachen, den er am Ufer des Sees bereit hielt. Sie öffnet das bewußte Pförtlein und eilt mit erlogener Fröhlichkeit auf ihn zu. Der Mond, soeben hinter dichteres Gewölk zurückgetreten, begünstigt Richards Vermummung. Die schuldbewußte Schöne zögert anfänglich, das Boot zu besteigen. Als aber Richard dringend darauf besteht und auf die einzelnen Lichter im Schlosse weist, deren Verlöschen er zu erwarten vorgibt, eh' er die Schwelle desselben zu betreten wagte, sträubt sie sich nicht länger seinem Wunsche nachzugeben.

In langen Ringen fallen ihr die braunen Haare über Nacken und Schultern; ein leichtes Nachtkleid umhüllt die feenartige Gestalt und in ihrem leidenden, vom blassen Mondsilber übergossenen Antlitze mochte selbst für den noch Reiz liegen, der wußte, daß es der Seelenspiegel einer Giftmischerin sei. – – Mit banger Zudringlichkeit schmiegt sie sich, als sie kaum den Nachen bestiegen, dem schweigenden Schiffer an, der, abgewandt von ihr, lässig mit dem Ruder die Flut teilt.

»Was bist du doch so still, Artur von Andoch,« schmeichelte ihm Arabella, sich fester an seinen Arm drängend. – »Was hast du, Stiller, Geheimnisvoller?«

Keine Antwort. Nur sein Arm zuckt krampfhaft zurück, daß ihre Hand, ohne Erwiderung gefunden zu haben, niedergleitet. Die Nacht ist indessen dunkler geworden. Ein plötzlicher Wind fängt aus dem Berggeklüft hervorzublasen an und stört die Ruhe des Sees. Sie haben nun seine Mitte erreicht, er wird unruhiger, gärt, ruckweise murrend, auf und legt sich wieder, wie ein Raubtier, das auf einen Fang lauert und manchmal lüstern auffährt, aber seine Stimme wieder dämpft, um sich nicht vor der Zeit zu verraten.

Ein heftiger Windstoß schaukelt jetzt den Nachen, daß Arabella, ängstlich den Fährmann umklammernd, bittet: »O zurück, Artur, zurück!«

»Zurück?« lacht Richard, mit kaltem Hohn, in die Nacht hinaus.

»Was hast du, Rätselhafter! – Siehst du nicht, der See geht hoch – willst du, daß wir ertrinken?«

»Ertrinken! das ist das Losungswort!« schreit Richard, seinen Mantel zurückschlagend, indes ihm der Sturm die Mütze vom Haupte reißt, – »kennst du mich, Mörderin meines Bruders?«

Ein lauter Schrei ist alles, was Arabella, wie vom Donner niedergeschmettert, hervorbringen kann.

»Erbarmen,« wimmert sie, als sie sich von ihrer Ohnmacht erholt, »Erbarmen! Verdamme nicht, ehe du gehört.«

»Ich hab's gehört, Entsetzliche; hab's aus meines sterbenden Bruders Munde gehört, dein Trank hat ihm den Tod gegeben. – »»Räche mich!«« war sein letztes Wort!«

Dies donnert er auf die Kniende nieder, windet ihre flatternden Locken um seine Faust und zerrt sie mit sinnloser Wut an den Rand des schwankenden Nachens. Umsonst hängt sie sich an seine Knie, umsonst schwört sie Reue, umsonst verspricht sie sklavische Genugtuung; er ist taub für alle Bitten, blind für die Ströme von Tränen, die über die verzerrten Spuren jugendlicher Schönheit herabquellen, ehern für jedes Umfangen, jede Berührung, jedes lebenfordernde Drücken und Pressen, wodurch sie Arturn selbst in seiner Sterbestunde noch Verzeihung abgeschmeichelt hätte.

»Trank für Trank,« knirscht er, im Ausbruche der glühendsten Rachsucht; – »trinke du nun im See den Tod, den er aus deinem Becher getrunken! – Und sollt' ich in alle Ewigkeit an dich gekettet die Tiefe dieses Sees bewohnen müssen, – dich rettet kein Gott mehr aus meinen Händen! Trank für Trank und Blut für Blut!«

Hinunter drückt er ihr nun das Haupt, daß die Lippen den tödlichen Wellentrank in röchelnden Zügen einschlürfen müssen. Da verliert der Kahn das Gleichgewicht; er selbst, ihr Haar noch um die Faust gewunden, stürzt mit ihr in die Flut hinab, und der schwarze Mund des Sees hat beide verschlungen. Ein Blitz zischt ihnen nach, – und kräuselnd schließt sich über ihnen die rächende Flut.

5.

Am andern Morgen bewegte sich im Schlosse Byrnswack alles hin und wieder. Die Nachricht des alten Grubenmannes aus dem Asborn-Walde, der den Junker Richard umsonst zurückerwartete, und seine Briefe hatten diese Bewegung hervorgebracht. Man wollte ihm anfangs gar nicht glauben. Die Schloßfrau ganze Tage lang nicht zu sehen, war man bereits gewöhnt, indem es dann gewöhnlich eine etwas strenge, auf Kerker und Ausgangsverbot hinausgehende Abrechnung mit ihrem alten Gemahle galt. – Von einem Oheim Arabellens wollte man nichts wissen. Da man aber Arabellens Zimmer offen, des Lords Gemach leer und im ganzen Schlosse, trotz alles Nachsuchens und Rufens, nicht die geringste Spur von beiden fand, so sendete man wirklich Boten nach den Stellen aus, die in den erbrochenen Briefen bezeichnet waren. Bald kehrten auch die Boten zurück und brachten aus dem Asborn-Walde die Leichname des Lords und des fremden Jünglings, vom See aber die Mütze eines Ritters und den Gürtel Arabellas, so daß über die Wahrheit dessen, was der Grubenmann aussagte und die von ihm vorgezeigten Briefe bestätigten, kein Zweifel mehr blieb.

Was man aus letzteren, aus dem Geständnisse des Kastellans, der des harten Schloßherrn eben so harter Knecht war, und aus den höchst wahrscheinlichen Mutmaßungen der übrigen Schloßbewohner rücksichtlich des Beweggrundes entnehmen konnte, der Arabellen zu zweifachem Giftmorde getrieben haben mochte, war folgendes:

Arabella war das Kind armer Eltern, nach deren Tode sie ein reicher aber geiziger Oheim, weil sie schön und darum auch für eine Wucherseele wie die seinige einträglich zu werden versprach, zu sich in das Haus nahm. In einem Alter von siebzehn Jahren lernte sie einen Jüngling kennen, der ihr ganzes Wesen so sehr einnahm, daß sie nichts empfand, nichts dachte, nichts begehrte als ihn. Dem planreichen Onkel kam das, wie leicht denkbar, in die Quere. Der Gegenstand eines Gefühles, das ihr die Freiheit über sich und ihm die Freiheit über sie zu nehmen drohte, mußte für lange, womöglich für immer entfernt werden. Bruce, der unglückliche Schottenkönig, brauchte Leute; Arabellas Oheim wußte den schönen kriegerischen Abgott seiner Nichte unter die Zahl der ersten Scharen zu bringen, die für Fürst und Vaterland ein Opfer wurden, ohne mit ihrem Blute den Baum der Freiheit zu begießen. Nicht genug aber: an des verlornen Geliebten Stelle suchte der hartherzige Mann seiner halbverzweifelten Ziehtochter einen gefühllosen, tyrannischen Gemahl, den Lord Byrnswack, aufzudringen, der im ganzen Hochlande der Devil von Byrnswack hieß. Arabella bot alle Mittel auf, welche dem weiblichen Herzen zu Gebote stehen, um zu rühren, zu schrecken oder abzustumpfen, – – aber der Preis des Bündnisses war reicher Lohn für den Oheim der schönen Braut, und dieser Oheim war reich, also wohl auch lüstern, noch reicher zu werden. Zweimal entfloh die arme Gepeinigte und irrte in den Wäldern um Edinburgh, mitten im Getümmel des Krieges umher, – aber Krieg, Wut der Wegelagerer und Beschwerde des Umherirrens rieb sie nicht auf, um sie einem herberen Schicksale zu überlassen. Beide Male wurde sie zurückgebracht und nur noch härter als vordem gehalten. Noch ein drittes Mal gelang es ihr zu entkommen, aber auch diesmal griff man sie auf und schleppte sie nun nicht mehr zu ihrem Oheim, sondern geraden Weges auf Schloß Byrnswack, wo sie mit dem Lord vermählt wurde. Getrennt von allen Verwandten, selbst von ihrem Oheim, der ihr gegen den Devil von Byrnswack jetzt noch ein Engel schien, im Herzen kein anderes Gefühl als Liebe zu ihrem hingeopferten Geliebten, Schmerz um ihn, Haß gegen seinen Mörder, Abscheu vor ihrem aufgedrungenen Gatten, lebte sie durch dreißig Monden das Qualleben einer Gefangenen. Ihr Gatte sah sie nur an, um sie zu schrecken, sprach nur mit ihr, um sie zu verwunden, gönnte ihr die geringste Freude nur als Folie, auf welcher eine nachfolgende Entbehrung um so greller abstäche. Kurz, er verstand vom Grund aus die Kunst, sich einem Herzen ganz verhaßt zu machen, um es desto peinlicher zu quälen, wenn er es zur Liebe zwänge.

Lange trug sie dieses eherne Joch mit stiller Hingebung. Als aber der Lord sich nicht mehr damit begnügte, sie nur zu quälen, sondern auch mit frecher Hand in die heiligsten, unantastbarsten Seiten der Weiblichkeit zu greifen versuchte; da keimte ein gräßlicher Gedanke mit einem Worte, das sie zuerst von seinen Lippen gehört, in ihrem Innern auf, der Gedanke: – Mord. Und dieser Gedanke ist – Kind im ersten Augenblicke seines Lebens, im zweiten – Riese. Riesig stand es mit einem Male vor ihr: »Nur sein Tod bricht deine Ketten!« – Was kann ein schönes Weib, selbst wenn es ein Drache bewacht, sich nicht durch List erschleichen, wenn es gilt, ihre Leidenschaft ans Ziel zu bringen. So hat sich wahrscheinlich auch Arabella Gift zu verschaffen gewußt, mit welchem sie den Lord, als sie ihn auf ihr Zimmer gelockt, tötete. Aber Blut gleicht jenem unverlöschlichen Feuer, das, einmal entzündet, selbst unter dem Wasser der Reue fortbrennt, bis es alles ringsum aufgezehrt. Den Lord zu vergiften – war leicht; den Leichnam des Lords wegzuschaffen – aber schwer, fast unmöglich. Einen Diener ins Vertrauen zu ziehen, war zu gefährlich. Sie mochte daher einen Fremden in das Netz zu locken gesucht haben, der, wenn er den Leichnam weggeschafft, mit ihrem Gatten ein gleiches Los teilen müßte. Daß dieses Arturn traf, war gewiß ihr selbst am schmerzlichsten: aber wer einen Schritt zur bösen Tat getan, muß auch den letzten tun. Wenn man im tiefen Walde, nahe der Ruine von Asborn, von der man ohnedies so manches sich erzählte, neben dem Leichnam ihres Gatten einen zweiten fände, so wäre – dachte sie – jeder Verdacht von ihr entfernt. Die Trümmer des Schlosses Asborn hatte sie höchst wahrscheinlich darum gewählt, weil bis dahin das Gift seine Wirkung getan haben mochte und die Gegend umher zu einsam war, als daß dem Sterbenden jemand hätte zu Hilfe kommen können. Doch Gottes Gerechtigkeit hatte es anders gefügt. – So viel ergab sich aus den vorliegenden Dokumenten, den genaueren Hergang mußten Vermutungen ersetzen.

 

 

Das ist beiläufig die Erzählung, die mir in ihren Umrissen und Grundlinien der alte Fischer als den Stoff der Ballade angab, deren Absingung mich herabgelockt hatte; – aus meiner Feder floß sie vielleicht zusammenhängender und wahrscheinlicher; erschütternder aber und kräftiger klang sie gewiß im Munde des rauhen und kräftigen Naturmenschen. Er hielt sich, ohne es zu wissen, streng an die Idee der göttlichen Nemesis, welche wie ein schwarzer Faden durch die ganze Sage läuft, und stempelte jede Unwahrscheinlichkeit durch den Beisatz: »Beim St.  Cuthbert! so war's!« zur unleugbaren Gewißheit.

»Beim St. Cuthbert, so sagt es der Vater dem Sohn und der Sohn dem Enkel!« waren auch die Schlußworte seiner Erzählung, und mit ausgestrecktem Finger auf die Mitte des Sees weisend, in welchem es sich allmählich wie ein kleiner Wirbel zu drehen begann, fügte er hinzu: »Seht Ihr, dort drinnen war's, wo sie untersanken, und wenn der See stürmt, so soll man noch unter der Oberfläche, wie unter einem Glase, den Junker Richard sehen, wie er, Arabellens Haar um die Faust gewunden, auf schwankem Boote die Wellen durchfliegt. Sah ich es auch selbst nicht, so sah es doch mein Großvater, und der wird meinen Vater so wenig belogen haben als dieser mich!«

Mit warmem Danke drückt' ich dem Alten ein Goldstück in die Hand und bat ihn, mir den kürzesten und bequemsten Weg zur nächsten Herberge anzugeben.

»Dieser ist noch immer derselbe,« entgegnete er, »welchen Richard gewandelt, vorüber an jenem weißlichten Trümmerwerk über den Asborn-Bühel. Seht Euch droben nur nicht um, der Anblick hat selbst für unsereins etwas Eigenes, um wie viel mehr für einen so gefühlvollen Gentleman, als Ihr seid: die schwarze Ruine dort – die Sünde, die weiße hier – die Rache, und der See in der Mitte – die Sühnung! Sagt noch einmal, daß ein roher Schotte, dessen Element das Wasser ist, so ganz sinn- und herzlos sei.«

Mit diesen Worten schüttelte er mir zum Abschiede die Hand und setzte sich wieder zu seinen Kameraden, während ich in meine Kutsche einstieg, die mir längst schon nachgekommen war und, erfüllt von der Bedeutung der Punkte, die mich umgaben, den Asborner Bergrücken langsam hinanfuhr. Ich war kaum zur Anhöhe gekommen, als es wieder vernehmlich, wie früher, zu mir emporklang:

»Die blasse Maid im wilden Arm,
    Ihr Haar in grimmer Faust,
So geht es auf, so geht es ab,
    Daß alles saust und braust,
Sie tauchen nieder, –
Kommen wieder;
Schlürfen, ringen,
Klagen, singen:
    Rüstig durch den See, mein Boot,
Trank für Trank, und Tod für Tod!«







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