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Gutenberg > Otto Ernst >

Appelschnut

Otto Ernst: Appelschnut - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorOtto Ernst
titleAppelschnut
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunSechsundzwanzigstes bis dreißigstes Tausend
illustratorRichard Scholz
year1912
firstpub1905
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Bild: Richard Scholz

Ein Tag aus dem Leben Appelschnuts.

»Eigentlich heißt sie Euphrosyne;
Aber ich sage immer ›Rosine‹«

singt Dr. Bartolo, und ebenso ergeht es meinem dreijährigen Töchterchen. Eigentlich heißt sie Roswitha; aber ich sage immer »Appelschnut«. Man darf diesen Namen nicht ins Hochdeutsche übersetzen; »Apfelschnauze« klingt roh, klingt gräßlich; »Schnauze« hat geradezu etwas Berlinerisches. »Schnauzerl«, »Schnäuzchen« käme der Sache schon näher, deckt sie aber nur zum Teil. »Schnut« umfaßt nämlich nicht nur Mund und Nase, sondern so ein ganzes kleines Gesichtchen, das man noch ganz und gar in eine Hand nehmen kann. Ja, zuweilen umfaßt es einen ganzen fünfundzwanzigpfündigen Menschen; wenn er eine geniale Bemerkung macht, sagt man: »Du Klooksnut,« wenn er im Feuerungsverschlag gespielt und Steinkohlen gegessen hat: »Du Swattsnut.« Und da nun Roswitha nicht nur zwei rote Wangen hat, sondern alles in allem genommen ausschaut wie ein rundes, blankes, rot und goldenes, mit wahrer Tollkühnheit zum Einbeißen herausforderndes Früchtlein, das soeben vom Baume des Lebens gepurzelt ist, so hab' ich in einer begnadeten Stunde für das ganze Stück Sein und seine Erscheinungsform den Namen »Appelschnut« gefunden. »Appelschnut« ist unübersetzbar.

Die junge Dame hat es gut; das darf man wohl sagen. Schon im Frührot umstehen ihre Geschwister, bevor sie sich zum Schulgang rüsten, mit nackten Beinchen ihr Bett und bewundern die Anmut ihres Schlummers, die Dicke ihrer Ärmchen, die Blondheit ihres Haares und ihre Kunst, auch im Schlaf noch mit Ausdauer auf dem Daumen zu lutschen. Wenn sie endlich die Augen aufschlägt, begegnet sie gewiß irgend einem Blick, der sie mit Liebe oder Bewunderung anschaut; ein Geschick, das selbst den höchsten Staatsministern und erfolgreichsten Dramatikern in dieser Häufigkeit nicht zuteil wird.

»Was ist los?«

»Appelschnut hat was geträumt!«

»Appelschnut hat geträumt? Holla, Appelschnut hat geträumt! Also los, Appelschnut! Erzähl mal! Was war's denn?«

Appelschnut: »Also, ich wollte nach Hamburg, und da wollte ich Bonbons kaufen. Und da vergangte ich mich, und schließlich kamte ich wieder nachhause.«

Hurra, Appelschnut kam »schließlich« wieder nachhause. »Schließlich«! Was so ein miserables Formwort für eine Wirkung ausüben kann! Einen ganzen vergnügten Morgen kann es machen. Besonders, wenn man bedenkt, daß »Hamburg« eine benachbarte Straße ist, in der ein Bonbonkrämer wohnt.

Appelschnut braucht nur das Mäulchen aufzutun, und das ausverkaufte Haus ist entzückt. Jedes falsch konjugierte Verb ist ein Erfolg, wie ihn mancher Schriftsteller mit gleichen Mitteln ewig vergeblich erstrebt. Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis.

Bild: Richard Scholz

Nicht, daß solch ein Sonnenkäferleben nicht auch seine Schatten hätte! Jeden Morgen tritt auch in dieses Leben die hundertzähnige Pflicht in der für die Pflicht so bezeichnenden Gestalt des Kammes. Und man lächle, bitte, nicht über den Kamm als über etwas Geringfügiges! Ihr müßt hier mit Proportionen rechnen und bedenken, daß für das Kind ein Kamm genau dasselbe ist, was für uns ein unangenehmer Vorgesetzter mit abgebrochenen und verbogenen Zähnen ist! Die kleinen Leiden sind für die kleinen Kinder, was die großen Leiden für uns große Kinder sind, und oft nähren sie gar in der großen Werdestille ihrer jungen Seele ein Sonnenstäubchen zu einer schwarzen Unheilswolke heran. Eines Tages saß Roswitha auf dem Schoß ihrer Mutter und blinzelte unter ihren Liebkosungen wie ein Kätzchen in der Sonne.

»Du bist meine Zuckerdirn',« sagte die Mutter.

»Jaa,« versetzte Appelschnut mit Überzeugung, und mit treuherzigem Aufblick zur Mutter fügte sie hinzu: »Du schicks mich auch garnich in Paket, nich?«

Meine Frau verstand sie anfangs nicht. Erst allmählich ging ihr ein Licht auf. Mehrere Tage vorher hatte ich aus der Ferne geschrieben: »Schick mir doch die Appelschnut im Paket!« Meine Frau hatte den Kindern aus dem Briefe vorgelesen, und Roswitha hatte sich tagelang mit der Angst getragen, sie würde als Paket auf die Post gebracht werden.

Bild: Richard Scholz

Nachdem Appelschnut heute gekämmt und fertiggeputzt ist, kommt sie in meine Hände. In diesem Stadium gefällt sie mir am wenigsten. Ein frischgekämmtes und frischgebügeltes Kind sieht aus wie ein Kunstwerk, das die Kritik berichtigt und verbessert hat. Aber nach einem halben Stündchen schon fangen die ängstlich nebeneinandergeduckten Härchen wieder an zu leben und stehen leis und behutsam auf, und wenn sie merken, daß der Kamm nicht mehr daherfegt, beginnen sie sogleich wieder ihr leises, lustiges Flimmergespräch mit Luft und Sonne, und die ernsten, strengen Falten der hohen Bügelkunst verschwinden vor den natürlichen Linien des Menschenleibes. Alles genau wie beim Kunstwerk. Womit ich die Existenzberechtigung der Kritik ebenso wenig geleugnet haben will wie die des engen Kammes.

Der heutige Tag gehört meinem Töchterlein Appelschnut. Das kommt daher:

Eines Tages kam sie an meinen Schreibtisch und sprach:

»Pappa, weiß du was? Wir spielen Mutter un Kind zusammen. Du bis das Kind un ich bin die Mutter. Un denn muß du immer tüchtig ungezogen sein un denn bekomms du Schläge, aber nur aus Spaß, mein ich! O ja – nich?«

»Ich kann aber jetzt nicht mit dir spielen.«

»Worum nich?«

»Weil ich arbeiten muß.«

»Worum muß du arbeiten?«

Da ich nicht hoffen durfte, ihr den Schöpferdrang eines Dichterherzens klarzumachen, so ergriff ich die Gelegenheit zu einer ökonomischen Aufklärung und sagte:

»Weil ich Geld verdienen muß.«

»Worum muß du denn Geld verdienen?«

»Weil ich für euch was zu essen kaufen muß.«

»Mamma hat was zu essen!« ruft sie mit der Kraft eines befreienden Gedankens. »In'n Küchenschrank! 'n ganze Masse!«

Das ist eines jener Argumente, die unwiderleglich sind. Die Dreijährigen haben's überall in der Welt so leicht, recht zu behalten! Und das hat man nun davon: Da rackert man sich unaufhörlich, um sieben »tägliche Brote« zu schaffen, und den Ruhm der Ernährerin trägt die »Mamma« davon.

Nach einer höchst nachdenklichen Pause nahm Appelschnut das Gespräch wieder auf.

»Pappa, wann muß du mal garnich, garnich, garnich mehr arbei'n!«

»Ja, das weiß ich nicht. Was willst du denn, wenn ich nicht mehr arbeite?«

»Denn will ich mal 'n ganzen Tag mit dir spiel'n!«

Der freudige Glanz aus ihren Augen überlief mir so schmeichlerisch das Herz, daß ich ihr versprach, ich wolle bald einmal einen ganzen Tag mit ihr spielen. Selbstverständlich wurde ich am andern Morgen um 5 Uhr durch eine Bearbeitung meines Bartes und meiner Nase aus dem Schlaf geweckt. Appelschnut stand an meinem Bett und fragte:

»Wills du heute mit mir spiel'n?«

»Nein, heute noch nicht.«

»Wann denn?«

»Bald.«

»Morgen?«

»'mal seh'n. Vielleicht.«

»O Mamma, Pappa will fürleich morgen mit mir spieln!!«

Auf diese Weise wurde auch »Mamma« geweckt.

Appelschnut bewährte sich außerordentlich als Erzieher zum Worthalten. Freilich hätt' ich unter allen Umständen mein Versprechen erfüllt. Denn ich bin gewöhnlich ein Freund vom Worthalten, bin es aber besonders Kindern gegenüber, und das kommt daher, daß mir einmal eine liebe schöne Dame eine kleine Geschichte erzählt hat. Als die liebe schöne Dame noch ein kleines dünnes Mädel war, kam eines Tages in ihr sehr bescheidenes Elternhaus ein ganz berühmter und reicher Onkel. Ach war das ein Mann und war das ein Fest! So freundlich war er zu allen und so spaßig und war doch ein so berühmter Mann, und das kleine Mädel nahm er auf den Schoß und sagte zu ihm: »Wenn ich wiederkomme, mein Kind, dann kriegst du eine Puppe, wie du sie noch nicht gesehen hast!« Und dann verschwand der Onkel wie ein Komet und ließ einen sieben Wochen langen Schweif von Glanz und Erinnerungen hinter sich zurück. Es dauerte aber viel länger als sieben Wochen, bis der Komet wiederkam, und da kann sich jedermann denken, wie die Puppe in der Zwischenzeit wuchs und sich veränderte! Immer größer wurde sie, und die Arme und Beine wurden beweglich, und die Augen konnte sie schließen, ordentlich als wenn sie schliefe, und eines Tages fing sie mit einem Male laut an zu schreien, und wenn man genau hinhorchte, dann sagte sie »Mama! Mama!«

Bild: Richard Scholz

Und nach einem Jahre konnte sie gehen und sprechen und essen und mochte keine Milchsuppe und unterschied sich in gar nichts mehr von einem gewöhnlichen Menschen; es war ja doch eine Puppe, wie man sie noch nie gesehen hatte! Und Kleider hatte sie – na! Ordentlich zum Aus- und Anziehen! Hemdchen und Höschen mit Spitzen! Einen seidenen Unterrock, der richtig »Frou Frou« machte! Und das Kleid nach der neuesten Mode, mit Schneppentaille und mit weiten Ärmeln und mit Volants! Und endlich, endlich eines Tages erschien der Onkel wieder am Himmel. »Guten Tag« konnte das kleine Mädchen gar nicht sagen; ihm stak etwas im Halse, und nur die strahlenden Augen grüßten den Onkel. Der reiche und berühmte Onkel war diesmal wieder sehr freundlich, aber auch sehr eilig; das kleine Mädel dachte immer: wo mag er nur die Puppe haben; für die Rocktasche ist sie doch zu groß! – es war aber zu wohlerzogen, um von der Puppe anzufangen. Da trat der Onkel auf sie zu (jetzt kommt's, dachte das kleine Mädel), klopfte ihr leichthin die Bäckchen, als habe er sie noch nie auf dem Schoße gehabt, und dann sagte er »Adieu« und war weg. Und dem kleinen Mädel war, als habe sie der Onkel gerade aufs Herz geschlagen, so daß es gar nicht mehr klopfen konnte. Ja, aber glaubt denn so ein kleines Mädel, daß so ein großer Onkel an nichts Besseres zu denken hat als an Puppen?! Dem gehen Kreditaktien und Marmorbrüche und italienische Gesandte im Kopf herum, aber Puppen –? Und die liebe schöne Dame, so groß und schön sie war, hat die verlorne Puppe niemals ganz verwunden. Und ich hab' es ihr damals gleich gesagt und ich sag' es noch heute: Wenn mir der reiche und berühmte Onkel einmal in den Lauf kommt, dann geht es ihm eine Viertelstunde lang hundeschlecht.

Bild: Richard Scholz

Es ist Winterszeit; draußen steht blendendes Schneelicht und umschließt wie eine Mauer die einsame Welt. Bis ins Innerste der Wohnungen glänzt der bläulich-silberne Himmelsfrieden. Wir beginnen das Divertissement mit Puppen- und Mutter- und Kindspielen, dem A und O der Mädchenspiele. Mama Roswitha hat heute drei Kinder: Ursula, Hedwig und mich. Meine Schwestern Ursula und Hedwig sind Puppen; aber ich habe Grund zu dem eifersüchtigen Gedanken, daß sie dem Herzen Appelschnuts mindestens so nahe stehen wie ich. Besonders erregt Ursula meinen Neid, obendrein ein gänzlich abgenutztes Kind, das bei jeder Bewegung Sägespäne verliert und Backen hat, so rissig wie ein altes Nashornfell. Sie wird mir vorgezogen, darauf möchte ich wetten, sie hat freilich auch viel öfter mit ihrer Mama gespielt als ich, und daher mag's kommen. Und nun stellt gefälligst mal einen Professor vor Appelschnut hin und laßt ihn erklären: »Liebes Kind, die Puppe ist nur das Bild eines Menschen, nicht aber ein wirklicher Mensch!« – was, glaubt ihr, würde Appelschnut erwidern, wenn sie ihn überhaupt verstünde? Sie würde lachen und sagen: »Ursula ist gerade so gut ein Mensch wie du.« Als unser Junge noch ein Baby war, hatte er eine Puppe, die den für einfache Zungenverhältnisse passenden Namen »Dadda« trug, und diese Puppe hatte eines Tags aus irgend einem Grunde keinen Hinterkopf mehr. Als meine Frau nun den ganzen Kopf entfernen wollte, da zeigte sich, daß er so fest auf dem Rumpfe saß wie der Kopf eines Millionendiebes in einem modernen Kulturstaat. Sie ergriff daher einen Hammer und zertrümmerte den Kopf, um ihn stückweise zu entfernen. Aber sie hatte nicht bemerkt, daß unser männliches Baby sie beobachtete, und als der Hammer auf Daddas Kopf niederfuhr, stieß der Junge einen so durchdringenden Schrei aus, daß wir tief erschraken. Wie aus der Brust eines Erwachsenen, so schmerzlich hatte es geklungen. Meine arme Frau hatte nichtsahnend ein beseeltes Wesen erschlagen. Denn Dadda hatte eine Seele gehabt, das fühlten wir nun, eine treue Seele, die durch das große Loch im Hinterkopfe nicht entwichen war.

Sehr merkwürdig ist es nun, daß die erste Tätigkeit, welche Appelschnut an ihren Kindern vornimmt, darin besteht, daß sie sie kämmt, wie denn ja das in der Tat ein erhabener Gedanke der ausgleichenden Gerechtigkeit ist, daß auch die unangenehmsten Prozeduren zum Vergnügen werden, wenn man sie an andern ausübt. Und wie indigniert die kleine Mama tut, daß »so große Mädchen« wie Ursula und Hedwig sich schreiend gegen die Toilette sträuben! Noch merkwürdiger aber ist es, daß, als ich nun darankomme und mich artig kämmen lasse und mir einbilde, mir dadurch bei der strengen Mama einen weißen Fuß zu machen, die Mama erst ernstlich unzufrieden wird.

»Ach nein, Pappa, pfui, du muß auch schrein!« ruft sie enttäuscht und entrüstet.

Ich heule also wie ein Torpedoboot und bemerke deutlich, daß selbst so brave Kinder wie Appelschnut die Ungezogenheit unvergleichlich interessanter finden als die Wohlerzogenheit. Das beobachtet man auch, wenn die Kinder Schule spielen. Eine Weile geht das Spiel in korrekten Formen dahin; dann wird ein beweglicher Geist unter den Schülern unverschämt, die Klasse geht sofort zur Meuterei über; die Lehrerin notiert einen »Tadel« nach dem andern; der Lehrer prügelt wie ein Drescherquartett, und die Pädagogik hat begonnen, interessant zu werden.

Da Appelschnut inzwischen Lust bekommen hat, einen Besuch zu machen, so muß ich die für diesen Zweck erforderliche Tante abgeben.

»O ja, Pappa, nich?? Du muß mal aus Spaß die Tante sein!«

»Aus Spaß« ist der Gegensatz von »wirklich«; die ganze Welt zerfällt für sie in eine Welt der Wirklichkeit und eine Welt »aus Spaß«.

»O, un hier muß aus Spaß dein Haus sein, nich??«

Sie führt mich in einen Winkel, wo ich zwischen einem Schrank und einem Ofen niederkauern muß. Nachdem sie sodann in ihrem Puppenwagen ihren Töchtern ein Bett gemacht und die Kissen so kunstgerecht aufgeschüttelt und geklopft hat, als hätte sie seit zwanzig Jahren nichts anderes getan, und nachdem sie sich ein buntes Stück Zeug, das »aus Spaß« ein Hut ist, auf den Kopf gelegt hat, macht sie sich mit ihren Kindern auf den Weg zur Tante.

Bild: Richard Scholz

»Lingelingeling!« ruft sie, als sie nahe vor mir steht. Das ist die Türglocke.

»Ah, guten Tag –« ruf ich, werde aber sofort unterbrochen.

»Nein, du muß erst ›Schließ!‹ sagen.« Das Wort »Schließ« markiert das Türaufmachen. Ich sage also »Schließ«, und sie tritt ein.

»Guten Tag.«

»Ah, sieh da, guten Tag Frau Appelschnut –«

»Ach nein, ich bin doch Frau Schmidt!«

»Ach ja richtig, Frau Schmidt, das ist aber hübsch von Ihnen, daß Sie mich besuchen.«

»Ja.«

»Und das sind wohl Ihre Kinderchen? Die sind aber niedlich!«

»Ja. – Ich krieg noch 'n Baby, wenn mein Geburtstag is.«

»So! – Aber nehmen Sie doch, bitte, Platz, Frau Schmidt!«

»Ja.« Sie läßt sich auf ein Stühlchen nieder mit der Miene einer Dame, die sich auf acht Tassen Kaffee einrichtet. Dann aber »fliegt ein Engel durchs Zimmer«; die kleine Frau Schmidt ist noch nicht so weit fortgeschritten, um mit dem Wetter anzufangen. Endlich weiß sie was.

»Was wollen Sie heute kochen?« fragt sie.

»Bohnen mit Speck,« sage ich.

»Das mag ich nicht. Ich koch heute Pudding.«

»So!«

»Ja. – – Nu muß ich wieder nach Hause.«

Frau Schmidt alias Appelschnut alias Roswitha geht also heim und begibt sich an ihre häuslichen Geschäfte. Wer muß das erforderliche Dienstmädchen spielen? Natürlich ich, die grande utilité an diesem Theater.

»Amanda, nehmen Sie den Korb; Sie müssen was zum Mittagessen einholen.«

»Jawohl, Frau Appelschnut!«

»Ich heiß doch nich Appelschnut, ich heiß doch Frau Schmidt!!«

»Ach ja, richtig! Was soll ich denn holen, Frau Schmidt?«

»Zucker.«

»Wieviel?«

»Für swanzig Mark.«

»Ist das nicht etwas viel?«

»Na ja, für'n Fennig!«

»Ist das nicht etwas wenig?«

»Vater, sag mal, wieviel!«

»Ich heiß doch nicht ›Vater‹, ich heiß doch ›Amanda‹!«

»Ach Vaa-te-r – –!!!«

»Na ja: also für 50 Pfennige.«

»Ja.«

»Und was soll ich sonst noch holen?«

»Bonbons.«

»Wieviel?«

»Für tausend Bijonen Mark.«

Frau Schmidt hat nämlich vier Zahlvorstellungen: Eins, zwei, drei und »tausend Billionen.« Sie gebraucht zwar auch andere Zahlen; aber bei denen denkt sie sich nichts. Wenn sie ein größeres Quantum bezeichnen will, so sagt sie »tausend Bijonen«. Das ist das liebe, ewige Märchen »Selige Kindheit« oder »Mit drei Schritten in der Unendlichkeit.« Frau Schmidt läßt aber mit sich handeln.

»Für tausend Billionen Mark Bonbons ist zu viel. Da kriegen Sie Leibschmerzen, Frau Schmidt.«

»Für wieviel denn?«

»Für fünf Pfennige.«

»O ja!!«

»Was soll ich sonst noch holen?«

»Mehr nich.«

Das heutige Diner umfaßt also Zucker und Bonbons. Angenehme Aussichten.

In diesem Augenblick zerflattert Roswithas hausfrauliches Phantasiespiel in nichts; denn ein großer, blankpolierter Gegenstand ist ihr ins Auge gefallen und hat für den Augenblick die Interessen der Mutter und Hausfrau verdrängt. Es ist die »Bimm-Kommode«.

Wer die kindliche Etymologie weniger oft studiert hat als ich, ist sich im ersten Augenblick vielleicht nicht ganz klar über die Bedeutung des Wortes »Bimm-Kommode«.

Als der schon einmal erwähnte männliche Erbe meines Namens noch im Baby-Röckchen am Fenster zu sitzen pflegte und von den Dingen der Welt mit dem Staunen der mehr und mehr erwachenden Seele Kenntnis nahm, da sah er eines Abends in der Dämmerung einen Mann daherkommen, der ein kleines Licht auf einer Stange trug, und der Mann steckte das kleine Licht einen Augenblick in eine Lampe hinein, die auf einem eisernen Pfahl stand, und mit einem Male brannte die Lampe ganz hell! Das ist der Lichtmann, sagte sich Erasmus. Und eines anderen Tages kam ein großer, blitzender Ring dahergelaufen und ein kleinerer dahinter, und oben saß ein Mann, der mit den Beinen strampelte. Das ist ein Ringroller, dachte der kleine Weltreisende, und was er dachte, sagte er auch. Und einmal kam ein Wagen mit zwei Pferden daher, und auf dem einen Pferde saß ein Mann, der hatte einen Stock in der Hand, und an dem Stock war eine Schnur, und wenn der Mann mit dem Stock in die Luft hieb, dann knallte es! Ein Knallstock, sagte Erasmus. Und so rief Appelschnut eines Tags, als sie einen Star in den Starkasten schlüpfen sah: »O tuck mal, Mamma, der süße kleine Vogel is in sein Vogelstall gegingt – gegangt – gegungt!« und als sie eines Tages eine Kommode sah, die, wenn man sie aufmachte, eine Menge weißer und schwarzer Zähne zeigte und »Bimm–bimm« machte, wenn man ihr auf die Zähne schlug, da taufte sie das Klavier mit feierlichem Entzücken auf den Namen »Bimm-Kommode«.

Appelschnut will also musizieren. Ich lege die Nibelungen-Tetralogie auf den Klavierstuhl und setze sie oben drauf. Sie schlägt ein Dutzendmal dieselbe Taste an und bemerkt, das sei »O Tannenbaum«. Dann erklärt sie, das Lied vom »Hänschen klein« spielen zu wollen – es bewegt sich genau innerhalb desselben Tonumfangs. Ich mache sie darauf aufmerksam, daß auch die schwarzen Dinger Musik von sich geben. Sie spielt jetzt sehr chromatische Sachen. Allmählich kommt sie dahinter, daß es noch mehr Spaß macht, wenn man die ganze Hand, und noch mehr, wenn man beide Hände nimmt und damit so viele Zähne niederschlägt, wie möglich. Aber sie fühlt, daß an dem Vergnügen noch etwas fehle, und jetzt fällt's ihr ein: Die Noten!

»Pappa, nu muß ich auch dabei lesen, nich?«

»Ja, richtig! Das ist ja die Hauptsache!«

Ich hole den dritten Band von Beethovens Sonaten her und schlage ihn auf: Op. 106, Sonate für Hammerklavier. Also los.

Im Notenlesen beschämt sie den gewiegtesten Partiturenleser. Immer nach drei Schlägen aufs Klavier schlägt sie um.

»Pappa, nu muß du auch sing'n!«

Wenn man bedenkt, daß das gereizte Talent des Kanarienvogels sich schon seit zehn Minuten in einem wahnwitzigen Geschmetter Luft macht, so wird man begreifen, daß hier die Vaterliebe ihre Grenze findet. Ich weiß, was sie auf andere Gedanken bringt.

Bild: Richard Scholz

»Appelschnut, woll'n wir Bilder besehen?«

Im selben Augenblick rutscht sie mitsamt der Tetralogie vom Stuhl und etabliert sich auf dem Fußboden.

Bilder müssen genossen werden, indem man bäuchlings auf dem Fußboden liegt und beide Backen in beide Hände legt. So verlangt es Appelschnut, auch von mir. Ein großes, transatlantisches Dampfschiff erregt zunächst ihre Bewunderung.

»O Pappa, kuck mal, was 'n großes Schiff! Das fährt ganz weit bis nach Berlin, nich?«

»Ja, noch weiter sogar!«

»Oha! Da möcht ich auch 'mal mitfahr'n!«

»Das glaub ich.«

»Weiß du noch, Pappa, einmal, da fahrten ... fuhrten wir auch in Schiff, weiß noch?«

»Na natürlich, wie sollt ich denn das nicht wissen!«

»Da war so 'ne ganz, ganz große Elbe!« Sie meint die Ostsee. Meere, Ströme, Bäche und Regentümpel faßt sie zusammen unter dem Namen »Elbe«.

»O, eine lektersche Bahn (elektrische Bahn)!« ruft sie bei einem neuen Bilde aus. Es stellt das antike Theater zu Segesta dar. Ihr Bruder hat nämlich eine Eisenbahn mit einem kreisförmigen Schienenweg, und die konzentrischen Sitzreihen des Amphitheaters hält sie für solche Schienen. Noch überraschender ist es, daß sie bei einer Abbildung des Parthenons zu Athen ausruft:

»O Pappa, gerade wie in ßuggologischen Garten, nich?«

»Im zoologischen Garten? Warum?«

»Ja, bei den Löwe sein Bauer, weiß noch?«

Heiliger Parthenon! Deine erhabenen Säulen hält sie für die Gitterstäbe eines Löwenkäfigs. Für die Antike ist sie noch nicht reif. Gehen wir zu anderem über. Da ist ein Blatt mit wunderschön gemalten Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren usw. usw.

»Pappa, das sind doch keine wirklichen Stachelbeeren, nich? Das sind doch bloß ausspaßige, nich?«

»Ja, das sind bloß ausspaßige.«

»Junge, ich möcht', das wär'n wirkliche!« Dies Zeichen, wie man sieht, wirkt anders auf sie ein. Auch auf einer Tafel mit Tierbildern weiß sie gut Bescheid.

Bild: Richard Scholz

»O, ein Löwe! – ein Affe! – ein Bär! – Pappa, was is das?«

»Ein Rhinoceros.« – Ich beschließe, mir einen Extragenuß zu verschaffen und frage: »Wie heißt das Tier?«

»Ein Cirocenos!«

»Richtig!« Ist das nicht ein Ohrenschmaus? Als sie zwei Jahre alt war, sagte sie statt »Elefant« – »Hameninth.« Ihr schlummerndes Ohr hatte nur den Rhythmus bewahrt, hatte nur behalten, daß der Elefant ein anapästisches Tier ist – das übrige machte sie selbst, wie es einem braven Poetenkinde ziemt.

»O, der böse Wolf!« ruft sie plötzlich. »Will er jetz nach die Großmutter?«

»Ich weiß nicht. Ich glaub's wohl.«

»Du böser Wolf,« ruft sie und prügelt mit ihrem Händchen den Räuber in effigie gehörig durch, »du solls nich das süße Rotkäpschen auffressen!«

Bei einer Abbildung der deutschen Reichskleinodien zeigt sie auf die Krone und fragt: »Was is das?«

»Das ist die Krone, die trägt der Kaiser auf dem Kopf.«

»M!«

»Sieh nur, da sind eine Menge Edelsteine darin.«

»M! – Die bekommen die Kinder, nich?«

»Die Kinder?«

»Ja, du weißt doch: der Vater soll ihnen doch Edelsteine mitbringen!«

»Der Vater? Welcher Vater?«

»Der Vater!! – Die Kinder sind doch so ungeschämt un woll'n Edelsteine haben; aber Aschenputtel wollte bloß 'n ›Zweig von ihrer Mutter Grab‹ haben!«

»Aaah – Aschenputtel! Jawohl! Verzeihung, Prinzessin Appelschnut; ich vergaß, daß Sie im Märchenlande wohnen.«

Die Menschen teilt Appelschnut mit feinem Instinkt in »Menschen« und »Kinder« ein. Die »Menschen« zerfallen wiederum in »Frauen« und »Onkel«.

»Wie heiß der Onkel?«

»Das ist Onkel Beethoven.«

»Un der Onkel?«

»Onkel Waldersee.«

Bild: Richard Scholz

»Un der Onkel?«

»Onkel –« ja ... darf man den Mann eigentlich Onkel nennen? ... Sei's drum: Die Sonne dieser Kinderstunde soll scheinen über Gerechte und Ungerechte; also los denn: »Onkel Caracalla.«

Nachdem sie bei einer belvederischen Apollobüste bezeichnender Weise gefragt hat: »Wie heiß die Frau?« wird ihre Aufmerksamkeit durch einen Raben abgelenkt, der draußen mit lautem Schrei durch die winterstille Luft fliegt.

»Der Rabe rabt!« spricht sie mit andächtigem Blick.

So hör ich aus ihrem Mündchen einen Gruß aus dem Kindheitsalter der Menschheit, da die Sprache geboren ward, und fühle vor ihren rosigen Lippen voll Andacht den lautlosen Atem der Jahrtausende.

Sie blickt noch immer nach draußen und sagt plötzlich:

»In der Quickbornstraße war es viel schöner als hier.«

In der Quickbornstraße wohnten wir ehemals.

»Warum?« frage ich.

»Da war so'n schönes Gitter.«

Bild: Richard Scholz

Ein schönes Gartengitter hat sie damals glücklich gemacht, und keine Seele hat es geahnt. Um dieses Gitter haben sich unbekannte Träume gerankt, frühe, frühe Blumen eines Kinderherzens, die ihre Köpfchen bis zu den goldnen Spitzen des Gitters hoben und hinüberschauten. Hinter diesem Gitter hat vielleicht das Paradies gelegen, das sie nicht wiederfinden wird, wenn sie einmal an die alte Stätte kommt, das sie suchen wird ihr Leben lang wie wir andern alle.

»Jetz is doch Winter, nich?« fragt sie.

»Ja, jetzt ist Winter.«

»Nach Winter kommt Frühling,« erklärt sie mit weisem Gesicht. »Pappa, wann kommt eigenlich Frühling?«

»Bald.«

»Morgen?«

»Nein, morgen noch nicht.«

»Wann denn?«

»Nach sieben Wochen.«

»Is jetz sieben Wochen?«

»Nein, jetzt muß erst Sonntag werden, und dann nochmal Sonntag, und dann nochmal, und dann nochmal, und dann nochmal, und dann nochmal, und dann nochmal, und dann ist Frühling!«

»O ja!« Sie freut sich, als wenn sie ihn schon in der Hand hätte. Und auf dem Boden liegend, die Wangen in die Hände gedrückt, beginnt sie eine aus Reminiszenz und eigener Dichtung gemischte Litanei zu singen:

»Jetz kommt der schöne Frühling,
Dann scheint die liebe Sonne so schön,
Und dann singen die Vögelchenlein,
Und dann spiel'n wir wieder in Garten,
Und dann gibt Rudi mir wieder seine Schaufel,
Und dann graben wir wieder in Garten ...«

Es ist ein Kinderlied nach unendlicher Melodie, die aber jäh abgerissen wird durch die Sensationsnachricht, daß der Tisch gedeckt sei.

»Aah – mein gnädiges Fräulein, darf ich die Ehre haben?« Ich reiche ihr herablassend den Arm, sie hakt ein und hüpft an meiner Seite zu Tisch wie der Hase in den Kohl.

Als die Suppe auf den Tisch kommt, ruft sie mit leuchtenden Augen: »Ei, Kerbelsuppe, das is mein Liebstes!« Es ist ein Glück, daß sie diese Erklärung ungefähr bei jeder Speise abgibt. Selten nur erklärt sie beim Anblick einer Speise, daß sie »solche Leibschmerzen« habe. Wenn meine Frau ihr dann die Speise fortnimmt und sagt: »Dann kannst du ja heute auch kein Obst essen,« so versichert sie strahlenden Angesichts: »Jaaa, Mamma, für Obs hab ich kein Leibweh!«

Daß man ihre kleinen Schwindeleien nicht durchschaue, diese naive Meinung, die uns an den Erwachsenen so sehr entzückt, findet man oft schon bei den Kleinen.

Als gebratene Fische auf den Tisch kommen, ruft sie: »Ei gebrat'ne Schiffe! Mein Liebstes!«

Die beiden Wassertiere »Fisch« und »Schiff« kann sie durchaus nicht auseinanderhalten, und es ist eines der anmutigsten Schauspiele, zu sehen, wie ihre Lippen und ihr Zünglein sich bei diesen Worten in Zweifelsqualen wälzen.

Ich erläutere ihr nochmals mit logischer Distinktion die beiden Dinge und denke dabei: Wer doch so ein aufhorchendes Kinderauge beschreiben könnte! Was müßte das für ein Dichter sein, der den Blick eines Kindes singen könnte! Nach Beendigung meines Vortrages frage ich sie:

Bild: Richard Scholz

»Also was liegt auf deinem Teller?«

»Ein Schfffff-schiff!«

»Und was fährt auf dem Wasser?«

»Ein Schschf–fisch!!«

Das wollt ich nur hören.

Sie bittet inständigst, ihr die Fische mit den Gräten zu geben, wie sie auch Kirschen, Pflaumen u. dergl. mit den Steinen erbittet. Meine Frau läßt denn auch ein paar riesengroße Gräten in dem Fisch, die Appelschnut nach beendeter Mahlzeit mit großem Stolze vorzeigt. Ein Gefühl, das ich durchaus verstehe. Wenn man drei Jahre alt ist, will man schließlich nicht mehr bevormundet sein wie ein kleines Kind. Bei welcher Gelegenheit man mit der Selbständigkeit anfängt, ist einerlei; aber anfangen muß man mit ihr, das liegt so im Wesen der Selbständigkeit.

Mittlerweile hat die hohe Mittagssonne den Schnee draußen an manchen Stellen weggeleckt, und als ich zufällig hinausblicke, sitzt auf dem Fenstersims ein verfrühter Schmetterling in bang-erwartungsvoller Stille. Ich sage nichts, sondern nehme nur Appelschnut auf den Arm, trage sie ans Fenster und zeige ihr schweigend das stille Wunder. Im nächsten Augenblick wäre sie mir fast aus dem Arm geschnellt wie ein springlebendiger Karpfen.

»Ein Schmeckerling, ein Schmeckerling! Mamma, Mamma, ein Schmeckerling! Trude, Rasmus, Hertha, ein Schmeckerling, ein Schmeckerling!«

Die ganze Familie versammelt sich am Fenster.

»Der is doch wirklich, nich? Das is doch ein garkein ausspaßiger, nich Pappa?«

»Nein, das ist ein wirklicher lebendiger Schmetterling.«

»Ja, ein gebendiger Schmeckerling! Irene, ein gebendiger Schmeckerling!« Ich habe die größte Mühe, sie zu halten; ihr ganzes Körperchen ist Zittern und Jauchzen.

Das ist die erste Freude an den Dingen! Sie hat im Bilde und in der Natur schon Schmetterlinge gesehen; aber die sind verblichen und vergangen wie tausend andere Eintagsfalter aus dem Frühsommer der Kinderseele. Heut erst erfolgt die formelle Vorstellung zwischen Schmetterling und Appelschnut. Das ist Freude! Das ist die Freude an den Dingen, die noch nicht fragt, was sind uns die Dinge und was sind wir den Dingen – die in jeder Blume ein entdecktes Land sieht und in jedem Steinchen ein persönliches Geschenk.

»Bitte, bitte, süßer Pappa, laß den Schmeckerling mal reinkommen!« fleht die Kleine.

Vaterschaft verpflichtet. Ich mache mich also mit großer Vorsicht daran, den »Frühling« ins Zimmer zu schaffen, ohne daß ich seine Flügel berühre, und es gelingt. Jetzt sitzt er auf dem Tisch unter dem Kreuzfeuer von sieben Augenpaaren.

Bild: Richard Scholz

»Hertha, du muß nich so laut sprechen,« flüstert Appelschnut, »das mag er nich hören«.

Und jede leise Regung seiner Fühler und Schwingen wird mit unterdrücktem Jubel begrüßt. Dann aber geschieht etwas Großes, etwas unerhört Großes. Der Falter hebt sich auf und setzt sich auf Roswithens Arm.

Nun sitzt sie da, ein erstarrtes Freudebeben. Sie rührt keine Muskel, nur ihre weit offenen Augen gehen behutsam von einem zum andern. Ihr Glück hat auf ihrem Gesichtchen nicht Platz und strahlt weit darüber hinaus wie ein Glorienschein.

»Er mag mich leiden,« spricht sie mit seligem Stolz.

— — — — — — —

Der Schmetterling hat – nach Art der Schmetterlinge – die Dame seiner Wahl verlassen und ist weit fortgeflogen, bis hoch oben auf das Gardinenbrett. Er macht keine Miene, von dort zurückzukehren, und so erkalten allmählich auch Appelschnuts Gefühle.

Da aus der Gewohnheit sich das Recht bildet, so hat Appelschnut das Recht erworben, mich nach dem Essen schlafen zu legen. Sie bekommt bei dieser Gelegenheit nicht selten ein Stück von der Schokolade, die in einer Düte auf meinem Schreibtisch liegt. Das Schlafengehen geht so vor sich: ich muß mich vor die Chaiselongue stellen; Appelschnut gibt mir einen Stoß, dann muß ich lang aufs Ruhebett fallen und eine Minute lang schrecklich mit den Beinen strampeln. Ich muß heut eine besonders geniale Strampel-Intuition gehabt haben; denn die ganze kleine Roswitha explodiert in ein wahrhaft beseligendes Gelächter. Und wieder hab ich es ganz genau beobachtet, daß solch ein Kinderlachen unmittelbar aus dem Herzen hervorbricht. Das Herz springt auf mit einem Knall wie eine Knospe und schüttet siebentausend flügelschlagende Engel aus.

Inzwischen befinden wir uns bereits bei Nr. 2 des Programms; Appelschnut ist zu Pferde gestiegen. Das Pferd bin ich. Die Aufgabe besteht nun darin, die Literatur der Reiterlieder zu durchhopsen, z. B. »Hoppe hoppe Reiter« und »Hopp hopp Reiterlein« etc. etc., eine väterliche Leistung, die nur derjenige würdigen kann, der weiß, was Embonpoint heißt. Dabei gibt es Literaturwerke, die mindestens sechsmal wiederholt werden müssen, z. B.:

Zuck zuck zuck noh Möhlen,
Roswitha sitt op't Föhlen,
Trudel ob de bunte Koh
An Rasmus op'n Swanz bitoo.
Rid wi all noh Möhlen.

Bild: Richard Scholz

»Goden Dag, Froo Möllerin,
Wo sett wi unsen Sack denn hin?«
»Buten op de Trepp,
Mang all de bunten Säck'.
Morgen geiht de Möhl;
Denn geiht se: Rumpumpel rumpumpel rumpumpel rumpumpel.«   (in infinitum.)

Plötzlich hält sie im Reiten inne, macht ein tief nachdenkliches Gesicht und fragt: »Pappa, wie heiß noch man das Lied von den Schwalben?«

Sie meint Chamissos Schwalbengedicht:

»Mutter, Mutter, unsre Schwalben,
Sieh doch, liebe Mutter, sieh:
Junge haben sie bekommen,
Und die Alten füttern sie.«

Sie gibt nicht eher Ruhe, bis ich ihr das ganze Gedicht vorspreche. Und während ich spreche, muß ich denken: Wer doch den Blick eines Kinderauges beschreiben könnte, diese ruhig strahlende Blume, die ahnungslos unter den überhangenden Felsen des Schicksals blüht. Denselben Blick sah ich einmal, als ich an einem trüben Ostertage durch die traurigen Straßen einer Vorstadt schlenderte. Ein kleiner Knabe ergriff mich beim Rock und sagte:

»Du, kuck mal, ich hab'n neue Mütze gekriegt!«

Bild: Richard Scholz

Er mußte sein Glück hinaussprechen, und er vertraute es mir, dem völlig fremden Manne an. Aus einem schmutzigen Gesichtchen lachten mich zwei große Glaubenssterne an. Und der Ostertag wurde licht und schön.

Wenn man nur ein einziges Mal so reden oder schreiben könnte, daß die Worte mit solchen Augen die Menschen ansehen ... Dann könnte man sich doch ruhig hinlegen und sterben. – – – – – – – – – – – – – – –

Als ich das Schwalbengedicht zu Ende gesprochen habe, atmet sie tief auf und sagt:

»Das is zu hübsch! Das lern' ich mir, un denn zieh ich einfach mein Mantel an un geh in die Schule.«

Kinder in diesem Alter haben bekanntlich ein kaum zu zügelndes Verlangen nach der Schule – sozusagen ein mathematischer Beweis für die Naivität dieser kleinen Wesen. Dabei hat sie offenbar die Vorstellung, daß man in die Schule gehe, um daselbst zuhause Gelerntes abzulagern. Sollte das Kind eine Ahnung von unseren Gymnasien haben?

Die Gedanken, welche Appelschnut in dieser Unterhaltung produziert, muß man sich übrigens wohluntermischt denken mit Schokoladegedanken. Betteln darf sie natürlich nicht; aber von Zeit zu Zeit schleicht ein tiefernster Schokoladeblick nach dem Schreibtisch, und dann betrachtet sie mich mit einem Blick, welcher konstatiert: Er merkt noch immer nichts.

Da wir bei der Schule waren, so kommt sie auf den Gedanken, ihre wissenschaftlichen Kenntnisse auszukramen.

»Soll ich mal ßählen?«

»Ja, zähl mal!«

Sie zählt; bei »zwei« und »zwölf« und »zwanzig« aber macht sie jedesmal ein verschmitzt triumphierendes Gesicht, als wollte sie sagen: Was sagst du dazu?!! Früher sagte sie nämlich »ßei« und »ßölf«; aber jetzt sagt sie ganz richtig »ßwei« und »ßwölf«. Natürlich wälze ich mich vor Bewunderung; als sie aber gar vollkommen richtig »ßweiunßwanzig« sagt, drohe ich zu vergehen. Wie nun aber die jungen Künstler gewöhnlich sind – sie wollen den Gipfel übergipfeln; Appelschnut denkt: Ich muß ihm noch mehr bieten, und mit einem Triumph, der schon an Größenwahn grenzt, fährt sie fort: »Dreiunßwanzig – vierunßwanzig –«

Siehst du, Appelschnut: das war gefehlt. 23 ist keine Kunst mehr; 24 noch weniger. 22 war das Höchste.

Als der Erfolg ausbleibt, erklärt sie mit dem bekannten Primadonnengesicht: »Ich mag nich mehr ßähl'n.«

»Warum nicht?«

»Das is so wangleilig.«

Folgt eine längere Pause mit einem längeren Blick nach dem Schreibtisch.

Still war es, und mein Ohr hing an Roswithens Munde, die also anhub vom erhabnen Pfühl:

»Pappa, wo wächst eignlich Schokolade?«

»Schokolade wächst gar nicht, die wird gemacht.«

»M!«

»Aus so kleinen schwarzen Bohnen, und die wachsen auf einem Baum.«

»M! – In Hamburg, nich?«

»Nein, ganz weit weg, in Ländern, wo es viel wärmer ist als bei uns.«

»M!«

Wieder Schweigen. Aber mein Mannesherz schmilzt, und ich frage:

»Magst du denn gern Schokolade?«

Das war das befreiende Wort.

»Latürlich!!« ruft sie und illuminiert sofort aus beiden Augen, und auf der strahlenden Stirn steht: »Endlich!«

»Na, dann steig mal vom Pferde und hol die Tüte!«

Es war gethan fast, eh gedacht.

Einen großen Teil dieser Schokolade hat Appelschnut mir gelegentlich geschenkt. Sie kommt oft zu mir herein, wenn ich mitten in der Arbeit bin, um mir ein Stück Schokolade oder ein Bildchen oder eine Puppe, oder ein in ihren warmen Händchen längst verwelktes Gänseblümchen zu schenken, und alles muß ich unweigerlich annehmen. Nach dem Gesetze des Stoffkreislaufes kehrt also diese Schokolade jetzt an ihren Ursprungsort zurück.

»Die bewahr ich mir bis Sonntag auf!« ruft Appelschnut.

Diesen »Sonntag«, verehrtes Fräulein, hoff ich ganz bestimmt zu erleben. Dieser »Sonntag« wird nach 5 Minuten angebrochen, nach 8 Minuten zur Hälfte und nach 10 Minuten ganz vergangen sein.

Und als sie ihr Naschwerk empfangen hat, gibt sie mir eilig einen Kuß, sagt »Schlaf wohl« und springt davon. Und das – habe ich immer gefunden – unterscheidet die Kinder von den Erwachsenen. Wenn die ihre Schokolade erreicht haben, bleiben sie immer noch etwas sitzen und reden von Richard Wagner oder von Afghanistan.

Hier folgt nun des Vaters Mittagsschlaf, den der geneigte Leser hoffentlich als einen wohlverdienten anerkennen wird. – – – – – – –

* * *

Vom Baum der Träume fiel mir eine weiche, köstliche Kirsche gerade auf den Mund, und als ich erwachte, war es Appelschnuts Mäulchen, das mich wachküßte.

»Pappa –! Aufwecken –! Kaffee trinken –!« ruft sie in einer Art Nachtwächterton.

»Ich bin aber noch so müde! Laß mich doch noch'n bißchen schlafen!«

»Nein, mein Liebling, jetz muß du aufstehn, nich? Bis auch mein Engel!«

Sie sagt das mit einer mütterlichen Milde und Zärtlichkeit, daß ich mir wie ein Wickelkind vorkomme.

»Ich kann aber nicht allein hochkommen; du mußt mir helfen!« Sie faßt mich bei den Händen und zieht aus Leibeskräften, und als ich stehe, ist sie fest wie ein Heildiener davon überzeugt, daß sie an meinem Aufkommen schuld sei. Als ich dann kaum einen Schluck Kaffee zu mir genommen habe, erinnert Appelschnut mit ernstem Pflichtgefühl daran, daß wir jetzt »arbeiten müssen«. Da ich beim Arbeiten wohl mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und abzugehen pflege, so legt sie die Hände auf den Rücken und wandert gesenkten Hauptes auf und ab, mit einem Gesicht, als grübe sie nach der vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Ich muß natürlich das Gleiche tun, und dabei begegnen sich einmal unsere Blicke, und dabei muß es um meinen Mund herum irgendwo unwillkürlich gelacht haben.

Bild: Richard Scholz

»Ach Vaaater!!« ruft sie beleidigt.

»Entschuldigen Sie, Herr Schopenhauer, entschuldigen Sie!« Wir »arbeiten« weiter.

»Nu muß ich auch schreiben, Pappa.«

»Natürlich, warum solltest du nicht schreiben?«

Ich muß ihr meinen Armstuhl an den Schreibtisch rücken, sie darauf setzen und ihr Papier und Bleistift geben. Sie macht zunächst eine lange Reihe von n-Strichen; dann fällt ihr ein, daß es auch lange Buchstaben gibt, solche, die nach oben, und solche, die nach unten gehen; sie macht also mit dem Bleistift einige kühne Abstecher nach oben und unten, und schließlich bringt sie sogar etwas wie eine h-Schleife an.

»Pappa, les mal, was da steht!«

»Das kann ich nicht lesen, das ist zu schwer.«

»Da steht: Mama is eine süße Deern.«

»Richtig, das steht da.«

»Was soll ich nu mal schreiben?«

»Nun schreib mal: Appelschnut ist auch eine süße Dirne.«

»O ja.«

Mit derselben Leichtigkeit schreibt sie auch diesen Satz. Dann malt sie mancherlei wurmartige Gebilde, von denen sie mit großer Unbefangenheit behauptet, das sei ein Ofen, und das sei ein Pferd und das sei ich. Dann will sie lesen.

»Aber in Lexikomm!« ruft sie.

Ich hole einen Band »Meyer« herbei und schlage ihn auf bei dem Artikel »Salpetersäureanhydrid.«

Sie wirft sich mit dem ganzen Oberkörper auf die Lektüre, und mit dem lächerlich kleinen Zeigefinger die Zeilen gewissenhaft verfolgend, liest sie:

»Eia popeia, was raschelt in Stroh,
Das sind die kleinen Gänselein, die haben kein' Schuh'.
Schuster hat Leder, kein Leister dazu,
Darum kann er auch den Gänselein keine Schuh' machen.«

Und so liest sie noch gar manche Sachen aus dem »Meyer«, die noch kein Mensch darin gefunden hat. Als sie auf das Lied: »Ringel Rangel Rosen« stößt, rutscht sie vom Stuhl und hat mich im selben Augenblick bei der Hand.

»Das woll'n wir mal spiel'n!!«

Wir zwei spielen also Ringelreih'n:

»Ringel Rangel Rosen,
Schöne Apfrikosen,
Veilchen un Vergiß man nich,
Alle Kinder setzen sich«

und viele andere schöne Sachen, so viele, daß ich vollauf befriedigt bin.

»Tanz, Püppchen, tanz!
Deine Schühchen sind noch ganz;
Tanzt du sie entzweie,
Kauft der Vater neue.«

O du ahnungsloses, grenzenloses Kindervertrauen in die Zahlungsfähigkeit des Vaters! O Kinderschuhe, ihr laufenden Ausgaben! Und doch würde ich Kinderschuhe über Kinderschuhe kaufen, wenn ich mir damit einen Ruhm erwerben könnte wie Buko von Halberstadt. Der war im grauen Mittelalter ein mächtiger Bischof, besiegte die Slaven, machte Päpste und Könige und setzte Könige ab; aber wenn er mal ein Mensch sein wollte, dann spielte er mit den Kindern, schenkte ihnen Naschwerk und dachte tief innen, ich meine: so ganz, ganz im Innersten seines streitbaren Herzens sicherlich wie alle großmächtigen Herren: »Dies ist das Gescheitere.« Von dem Slavenüberwinder und Königmacher, der den armen Kaiser Heinrich bedrängte, wissen nur ein paar absonderliche Leute, die Geschichte lernen und behalten: von dem Kinderfreund aber singen nach achthundert und noch mehr Jahren zur Abendstunde die Mütter in Kathen und Hütten:

»Buko von Halberstadt
Bringt all de lütten Kinner wat.
Wat sall he uns' denn bringen?
Schoh mit goll'ne Ringen,
Denn wüllt wi danzen un springen.«

Auf »springen« reimt sich »singen«, und indem ich (endlich!) in meinem Stuhle sitze und Appelschnut (vorläufig!) auf meinem Schoße sitzt, singen wir (oft sehr zweistimmig) alles, was in ihrem kleinen Herzen an Liedern wächst. Da heben denn auch jene Lieder ihre Augen auf, die den Hauch der Weihnacht von Winter zu Winter tragen.

»O Pappa, weiß du was?«

»Na?«

»Ich will mal »O Tannenbaum« singen!«

»O ja, das tu mal!« Und sie singt:

»O Tannenbaum, o Tannenbaum,
Wie kosten deine Blätter – –«

Ich sehe, geneigter Leser, wie diese Version Sie stutzen macht. Gestatten Sie, daß ich Sie durch ein kleines Labyrinth zur Klarheit führe. Die richtige Lesart lautet bekanntlich:

»Wie treu sind deine Blätter.«

Der Begriff der Treue war aber Roswithen fremd. Sie verstand die Zeile dahin: »Wie teuer sind deine Blätter?« und da sie von dieser Zeile nicht den Wortlaut, wohl aber den Sinn behielt, so singt sie jetzt standhaft: »Wie kosten deine Blätter?«

Zu solchen Aufschlüssen zu gelangen, ist natürlich nur der exakten, sorgsam beobachtenden Appelschnut-Philologie beschieden. Ich wette, meine Damen und Herren, Sie ahnen nicht, warum Appelschnut ein Goldstück, das ich ihr zeigte, auf meine Frage, was das sei, als »Silberpapiergeld« bezeichnete. Wollte das Kind einen Währungswitz machen? O nein! Der Appelschnutforscher löst diese Frage mit spielender Leichtigkeit. Schokolade ist häufig in Stanniol eingewickelt, nicht war? Dieses Stanniol nennen die Kinder »Silberpapier«. Appelschnut hat nun offenbar von allen metallisch glänzenden Gegenständen die Vorstellung, daß sie mit »Silberpapier« überzogen seien. Und so nannte sie das Goldstück »Silberpapiergeld«.

Was also wie ein Währungswitz aussah, ist etwas unvergleichlich Schöneres: ein Abirren zweier Kinderbeinchen vom Waldwege ins Dickicht und ein plötzliches Wiederhervorschauen zweier einfaltstillen Augen aus Blatt- und Zweiggewirr, ein Versteckspiel, wie es müdeste Herzen erquicken kann.

Bild: Richard Scholz

Inzwischen haben die Mädchen ihre Schularbeiten beendigt, nur der Junge muß noch übersetzen, daß der Reiteroberst Quintus Fabius mit den Samnitern kämpfte, obgleich Papirius Kursor verboten hatte, daß eine Schlacht geliefert würde – was der Knabe im Interesse seiner menschlichen Bildung natürlich mit vielen Freuden tut. Und dann ist die Abend- und Märchenstunde da; alles versammelt sich um den Tisch, und meine Frau erzählt eine »Geschichte«, heute zum soundsovielten Male mit immer gleichem Erfolge »Rotkäppchen«.

Alle Kinder, auch die größten, sind mit den Ohren dabei; nur Appelschnut hört mit Ohren, Augen, Mund und Nase – was sage ich: sie hört mit dem ganzen Körper und mit der ganzen Seele zu. Meine Frau erzählt:

»... Und einmal schenkte ihr die Großmutter ein rotes Käppchen, und weil das kleine Mädchen so hübsch damit aussah, nannten es die Leute nur noch das »Rotkäppchen«. Da sagte einmal die Mutter: »Komm, Rotkäppchen, hier ist Wein und Kuchen –«

»O ja!« stößt Appelschnut hervor.

»– – bring's der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und soll sich daran pflegen. Sei aber auch ja hübsch artig –«

»Jaa!!« beteuert Appelschnut voll Andacht.

»Lauf auch nicht vom Weg ab –«

»Nein!« versichert Appelschnut gehorsam. Sie ist immer mitten in der Sache, und als meine Frau auf die Frage des Wolfes »Wo wohnt denn deine Großmutter?« das Rotkäppchen erwidern läßt: »Eine Viertelstunde von hier, unter den drei großen Bäumen –« da unterbricht Appelschnut:

»So heiß das gar nich; das heiß: ›unter den drei großen Eichbäumen‹!«

Und als die Erzählung zu Ende ist, da ist die Produktivität Roswithens so auf den Gipfel gebracht, daß sie herausplatzt:

»Nu will ich auch mal 'n Geschichte gezähl'n!«

»Hallo, Appelschnut will 'ne Geschichte gezähl'n! Man zu, Appelschnut, man zu!«

Es wird so still, daß man unsere Winterfliege würde atmen hören, wenn sie nicht in diesem Augenblick den Atem anhielte. Ich blicke zufällig zum Kanarienvogel hinauf: er neigt das Ohr und richtet sein kleines schwarzes Auge fest auf Appelschnut.

Und Appelschnut erzählt:

»Ein Jäger gingte still in den Wald. Und da verlierte ... verlorte er sein Schossgewehr. Und da freuten sich all die Tiere, daß er sie nu nich mehr totschossen konnte.«

Dies also ist die Historia vom verlornen Schossgewehr von Roswitha der Jüngeren. Sie hat allen, die sie hörten, das Herz erwärmt und ungeheuren Jubel erregt; aber ich halte es wohl für möglich, daß sie der Kritik Gelegenheit zu den scharfsinnigsten Übungen gäbe. Schon daß die Dichterin zwischen den Formen »verlierte« und »verlorte« schwankt (letztere Form ist die richtige), beweist wieder einmal, daß wir gegenwärtig nur einen deutschen Dichter haben: Ibsen. Immerhin ist es merkwürdig, zu beobachten, daß das deutsche Herz mit drei Jahren zu dichten beginnt. Appelschnuts Produktivität zeigt sich auch in der Art, wie sie gehörte Geschichten wiedergibt. Auf allseitiges Verlangen muß Appelschnut die Geschichte von »Hänsel und Gretel« erzählen. Hänsel und Gretel spazieren in folgender Gestalt aus ihrem Köpfchen hervor:

»Also es war einmal ein armer Holzhacker, der hießte Pappa, un seine Frau hießte Mutter. Und sie hatten ßwei Kinder, die hießten Hänsel un Gretel. Na und als es abends war, sagte die Mutter: »Wir wollen Hänsel un Gretel in Wald schicken.« Und das tun sie auch. Und da kamten sie an ein Hexenhaus, das war ganz voll Zucker, un voll Kuchen, un voll Schokolade, un voll Mazipan, un voll Kakes, un voll Bonbons un noch viel mehr. Da brachen sie ein Stück ab, da riefte die Hexe: »Wer knappert an mein Häuschen?« »Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.« Da kam sie raus und sagte: »Kommt nur herein, liebe Kinder, ihr sollt Reis mit Zucker un Kaneel haben.« Un da wollte sie Hänsel un Gretel in Ofen stecken, aber da ließen sie es lieber sein un steckten die Hexe in Ofen. Aber die Hexe mögte auch nich in den Ofen sein un da schrie sie – oha, was schrie sie! Ganz doll! »Ich will es auch nich wieder tun, ich will es auch nich wieder tun!« Da ließen sie sie wieder raus. Un da gingten sie fröhlich wieder zu ihr Eltern. Un da gingten sie alle in den Wald, un da eßten sie das ganze Kuchenhaus auf.«

Bild: Richard Scholz

An dieser schöpferischen Reproduktion ist dreierlei bemerkenswert:

  1. das echt epische Verweilen bei dem Baumaterial des Hexenhauses,
  2. die humane Abneigung gegen Hexenverbrennung, ein durch und durch unmoderner Zug,
  3. in schroffem Gegensatz zu diesem moralischen Idealismus die kühn materialistische Nutzanwendung des Kuchenhauses.

Der gesunde Sinn der Dichterin sagte sich mit Recht: Wozu soll dieses wunderschöne Haus ungegessen im Walde stehen? Allen früheren Dichtern des Märchens ist dieses wichtige Moment entgangen, und so blieb es Appelschnut vorbehalten, den Stoff erst vollends zu bewältigen.

Allgemach hat die Mutter das Appelschnütchen auf den Schoß gezogen und ihr Kleiderknöpfchen und Schuhbändchen gelöst. Der kluge Leser erwartet jetzt den üblichen tränenreichen Widerstand gegen das Zubettegehen. Der kluge Leser irrt sich. Erstens weiß Appelschnut genau, daß dergleichen Bemühungen nutzlos sind. Zweitens ruht ihre ganze Weltanschauung auf der Grundlage: »Morgen ist es ebenso schön, und so leben wir alle Tage.« Und drittens erwachte sie eines Abends spät und rief nach ihrer ältesten Schwester, die den Posten einer Vize-Mutter bekleidet. Aufrecht im Bette sitzend, mit weit geöffneten Augen sprach Appelschnut zu ihrer Schwester:

»Trudel, fühl mal nach, ob meine Ohr'n noch da sind!«

Trudel fühlte nach und stellte fest, daß beide Ohren noch da seien. Und Appelschnut warf sich befriedigt ins Kissen zurück, steckte den Daumen in den Mund und entschlief sofort.

Ihr Traum ist Leben und ihr Leben Traum – warum sollte solch ein Geschöpfchen, das noch zwischen Himmel und Erde schwebt und die Wirklichkeit nur erst mit dem Saum seines Kleidchens berührt, warum sollt' es die Welt einteilen in Schlaf und Wachen?

Während des Auskleidens nehmen ihre Augen schon den Ausdruck aus jener anderen, verschwiegeneren Welt des Traumes an ...

Augen sind wie Wesen mit eigenem Leben, sind beseelte, bewußte Wesen im Menschen. O vieles könnten sie berichten vom tiefen Seelengrund, wenn ihnen ein neidischer Gott nicht die Worte versagt hätte. Und ist es nicht immer, als ob Kinderaugen mit Worten reden wollten? Unsere Augen werden müder, je älter sie werden, und geben endlich den Versuch zu reden auf.

»Mamma,« ruft Appelschnut plötzlich, »die Diebe sind doch ganz dunkel, nich?«

»Warum meinst du das?«

»Ach – ich meine – die sind doch ganz dunkel, nich??«

»Nein, die Diebe sehen gerade so aus wie andere Menschen.«

Die Diebe spielen nämlich in Appelschnuts Phantasie eine Rolle seit einer dunkeln Nacht, in der ein dunkler Ehrenmann ihr Kaninchen stahl. Sie hatte sich so sehr ein lebendiges Tier gewünscht; erst wollte sie mit einem richtigen Pferd spielen, dann mit einer Ziege, und so wurde das Pferd immer kleiner, bis es ein entzückend weißes Kaninchen war. Appelschnut küßte und drückte es mit einer Liebe, die für ein Pferd genügt hätte, und brachte ihm so viel Zärtlichkeit entgegen, daß es selbst dem Karnickelchen zu viel wurde; es sprang ihm mit einem jähen Entschluß vom Arm; Appelschnut fiel ins Gras, und das Nickelchen sprang über ihre Nase hinweg. Appelschnut war ihm anderthalb Minuten lang wirklich böse; dann verzieh sie ihm, und so sprangen die beiden zwei Tage lang durch den Sonnenschein. Am Morgen des dritten aber war das Ställchen leer, und Appelschnut hörte, daß ein Dieb das Nickelchen weggenommen habe. Es zuckte bedenklich um Appelschnuts Mäulchen – da sah sie im Sande ihre kleine Gießkanne liegen.

»O Mamma,« rief sie begeistert, »sieh mal: der süße Dieb hat meine Gießkanne nicht weggenommen!« – –

Unter den Seligpreisungen der Bergpredigt fehlt die eine: »Selig sind, die dankbaren Herzens sind. Schon unter Menschen werden sie glücklich sein.«

Bild: Richard Scholz

 


 

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