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Appelschnut

Otto Ernst: Appelschnut - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAppelschnut
authorOtto Ernst
year1998
publisherCarlsen Verlag
addressHamburg
isbn3-551-88463-3
titleAppelschnut
pages3-5
created19990920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Ein Ausflug mit Appelschnut und anderem Kleinzeug

Ein Mann, der gestern mittag in mein Haus getreten wäre, würde vielleicht den Eindruck einer schauerlichen Familientragödie empfangen haben, er würde geglaubt haben, der Erstickung und Zerfleischung eines Vaters durch seine Kinder beizuwohnen. Es handelte sich indessen nur um den etwas lebhaften Ausdruck der Freude, die diese Kinder darüber empfanden, daß der halberstickte Vater ihnen einen Ausflug nach Blankenese versprochen hatte. Es war nämlich ein halber Festtag: Erasmus war der Mannheit um einen gewaltigen Schritt nähergerückt; er war von Untertertia nach Obertertia versetzt worden. Sein Organ gibt schon hin und wieder versehentlich tiefe Töne von sich, und auf der linken Hälfte der Oberlippe treten bei günstiger Beleuchtung zwei Härchen hervor, ein kürzeres und ein schon ziemlich langes. Als ich die vier Blutegel der Dankbarkeit endlich von mir abgeschüttelt hatte, kam auch er, der sich männlich zurückgehalten hatte, schüttelte mir die Hand wie einem alten Freunde (der ich auch bin) und gab mir einen Kuß. Gottlob, er hält es noch nicht für kindisch seine Eltern zu küssen! Nur vor kurzem einmal, als er von einer Tertianerkonferenz heimgekommen war, küßte er meine Frau und mich zur guten Nacht in auffallend oberflächlicher Weise; seine Lippen streiften die unsern nur wie ein Hauch – effleurer nennt es der Franzose –, und dann war er verschwunden. Und meine Frau und ich waren übereinstimmend der Meinung, unter unseren Nasen so etwas wie den Duft einer Zigarette gespürt zu haben.

Appelschnut, obwohl sie bald das gesetzte Alter von sechs Jahren erreicht haben wird, hat für ihre Freude über den geplanten Ausflug noch nicht die hinreichende körperliche Auslösung gefunden; sie liegt noch auf dem Teppich, stößt alle vier Gliedmaßen abwechselnd oder gleichzeitig in die Luft und ruft: »Gott, ich freu' mich zu doll! Ich freu' mich zu doll!« Und als meine Frau eintritt, ruft sie: »Mutter, Vater is doch zu süß, daß er mit uns ausgehen will, nich?«

»Ja, das glaub' ich«, sagt meine Frau, »solchen Vater möcht' ich auch haben.«

Das geht Appelschnut ans Herz; sie läßt alle vier Gliedmaßen fallen, starrt nachdenklich die Zimmerdecke an und sagt dann beschwichtigenden Tones:

»Na, du hast ihn ja als Mann, das is auch ganz nett.«

Wie sie denn überhaupt von unserer Ehe eine schmeichelhafte Vorstellung haben muß, was daraus hervorgeht, daß sie die ihrige genau nach demselben Schema einzurichten gedenkt.

»Nächstes Jahr bin ich groß, nich? Un wenn ich denn groß bin, denn geh ich los un nehm' mir 'n Mann. Un das muß auch 'n Dichter sein, un denn muß er auch immer solchen Spaß machen wie Vater. Das mag ich zu gern leiden, wenn Vater un Mutter sich so aus Spaß zanken.«

Als sie das gesagt hatte, blickte sie eine Weile vor sich hin und sprach dann mit tiefem Ernste: »Latürlich muß es nich übertrieben werden.«

Seit halb drei hält sich Gertrud in der Nähe der Haustür. In vierzig Minuten fährt unser Zug, und bis zum Bahnhof sind's fünf Minuten. »Wenn wir bloß den Zug nicht versäumen«, raunt sie ihrer Schwester zu. Sie hat schon dreimal probeweise den neuen Sonnenschirm aufgespannt. Er funktioniert.

Ich werfe einen Blick zum Fenster hinaus und sage: »Wenn's nur keinen Regen gibt!«

Einen Augenblick starres Schweigen – und dann ein Sturm der Entrüstung.

»Aber Vaaater!! Heute gibt es doch keinen Regen?? Die Sonne scheint ja!!«

»Ja, aber sie scheint verdächtig. Sieh mal da die Wolken.«

»Och, die paar!« ruft Hertha. »Die gehen gleich wieder weg.« In der Wetterkunde forsch wie in allem.

»Vater, wie kannst du bloß so was sagen!« schnurrt Irene.

Ja, wie konnt' ich nur. Ich begreife es selber nicht. Alles kann ja verregnen: Hochzeiten, Säkularfeste, Jahrtausendfeiern, Entscheidungsschlachten können verregnen. Muspell, der Weltbrand kann verregnen, aber der heutige Ausflug? O nein!

Man muß bedenken: es handelt sich ja nicht nur um den Ausflug! Da stehen noch andere Dinge auf dem Spiel. Eine Obertertianermütze, mit der man nicht heute paradieren kann, hat ihren Beruf verfehlt; ein neuer Sonnenschirm, den man nicht heute spazierenführen kann, hat seine Schönheit verloren; ein halblanges Kleid, wie es Irene vor drei Tagen bekommen, hat, wenn es nicht heute gezeigt wird, eigentlich überhaupt keinen Sinn, und was ist Herthas Spitzenkragen, wenn man ihn nicht heute noch nach Blankenese trägt? Bei Appelschnut fallen nun gar zwei Gründe ins Gewicht: erstens ihr »schärpenes Kleid« (das ist ein Kleid mit einer Schärpe) und zweitens Männe, der Dackel, der zum erstenmal mit ihr spazieren soll. Also ist jeder Regen ausgeschlossen.

Inzwischen ist, zu Gertruds tiefster Beruhigung, auch Mutter mit ihrer Toilette fertig geworden.

»Mutter ist doch wirklich eine schöne Frau!« ruft Hertha mit einer vehementen Umarmung, durch die sie der Bewunderten sämtliche Spitzen, Rüschen, Falbeln und sonstige Ornamente zerdrückt.

Erasmus aber spricht mit verweisendem Tone: »Das bedarf doch gar nicht erst der Erwähnung.« Gegen zwei Damen des Hauses ist er ritterlich, gegen seine Mutter und gegen seine jüngste Schwester. Mit den andern läßt er sich zuweilen zu Rempeleien herbei, die man geradezu untertertianerhaft nennen muß; aber seiner Mutter gegenüber ist er ein Kavalier, wenn ich nicht dabei bin, zahlt er sogar für sie aus ihrem Portemonnaie – und von Appelschnut läßt er sich alles gefallen. Eines Tages sah ich, wie sie mit beiden Beinen auf seinem Leibe kniete und ihm das Rohr einer enormen Gartengießkanne in den Mund steckte.

»Was macht ihr denn da?« fragte ich.

»Ach«, rief sie, »er hat 'n hohlen Zahn, un nu gieß ich ihm Aswald hinein.« Sie hat nämlich gesehen, daß die Ritzen des Straßenpflasters mit Asphalt ausgegossen werden.

Eine Bewegung des Aufbruchs geht durch die Massen – Gertrud legt die Hand auf die Klinke – nur hat sich bei Roswitha-Appelschnut eine Schleife gelöst, Hertha hat – natürlich – ihr Taschentuch verlegt, Gertrud entdeckt, daß sie ihre Eisenbahnkarte vergessen hat, und muß die Klinke fahren lassen usw. usw.

Mittlerweile verbreitet sich ein magisches, seltsam gedämpftes Licht durchs Zimmer. Und es wird immer magischer und immer weniger Licht und immer mehr Dämpfung. Jetzt kann man es schon sozusagen dunkel nennen.

Na –?

Na – –???

»Tip – terip – terip« – da schlägt es gegen die Scheiben. Es regnet. Es wagt zu regnen! Es entblödet sich nicht! Meine gesunden Kinder haben blasse Gesichter.

Dann wird zunächst die Tatsache geleugnet.

»Es regnet überhaupt nicht! Das waren nur so'n paar Tropfen!«

Die Antwort kommt von draußen.

»Rrrrrrrrr!« geht es gegen die Scheiben wie auf einer Trommel.

Sie sind schon halb überzeugt, daß es regnet.

Grenzenlose Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. So eine Falschheit.

»Vater, Vater!« schreit Appelschnut. »Das Barometer steigt!«

»Wer sagt, daß das ›Barometer‹ steigt?«

»Rasmus!«

»Ja, Vater«, versichert mein junger Gelehrter, »gestern abend stand es hier, und jetzt steht es da.«

Wenn hier nicht jene Täuschung vorliegt, auf der ein großer Teil des menschlichen Denkens beruht, dann ist das Barometer in der Tat um ein Stück gestiegen, das man vielleicht als Zehntel eines Millimeters bezeichnen könnte.

Und außerdem geniert das den Regen draußen durchaus nicht.

»Das ist überhaupt nur ein Gewitterschauer«, stellt Erasmus fest.

Da hat er recht, es wird sogar immer schauriger. Da nun die Tatsache, daß es regnet, ziemlich feststeht, verlegen sie sich auf eine andere Taktik.

»Mutter, wir können ja Regenschirme mitnehmen«, meint Irene.

Wer da weiß, daß fünf Kinder nur mit größter Abneigung einen Regenschirm mitnehmen und daß sie den im letzten Augenblick auch noch mit Vorliebe »vergessen«, der wird die Größe dieses Zugeständnisses würdigen.

Aber die Mutter schüttelt den Kopf. »Kinder, wie kann man bei solchem Wetter gehen!«

Bleierne Stille.

»Mutter, wir ziehen auch Regenmäntel an«, beteuert Gertrud.

Wer da weiß, daß Kinder bei 10 Grad Kälte, wenn sich im Laufe des Tages ein einziger Sonnenstrahl gezeigt hat, versichern, man schwitze sich tot, wenn man einen Mantel anziehe, der muß zugeben, daß Regenmäntel das Äußerste an Konzession bedeuten.

Die Mutter blickt lächelnd ihre Älteste an und sagt nur »Gertrud!«

Ich werde ja schon schwach; aber die Frauen sind darin anders. Im allgemeinen sind sie ja weicher als wir, und besonders die meinige hat ein weicheres und besseres Herz als ich; aber bei Wolkenbrüchen und neuen Kleidern sind sie härter. Jetzt hat Hertha einen rettenden Gedanken. »Regen ist überhaupt gesund«, erklärt sie, »da wird man ordentlich aufgefrischt.«

Sie hat's nötig. Ihre Augen funkeln wie zwei Roßkastanien.

Aber auch der hygienische Gesichtspunkt versagt. »Es klart schon auf«, behauptet Erasmus.

Da er länger ist als ich und folglich einen weiteren Horizont hat, so ist nicht ausgeschlossen, daß sich irgendwo am Himmelsrande ein blaues Fleckchen findet, das mir entgeht. Ich kann ihm wenigstens nicht das Gegenteil beweisen.

Und mit einemmal erhebt sich ein Aufruhr. »Es läßt nach!« – »Es hört auf!« – »Es regnet nicht mehr!« – »Es wird klar!« – »Es wird hell!« – »Das schönste Wetter!«

Ich öffne die Tür und trete hinaus. Der Regen macht in der Tat eine Atempause; es ist auch etwas heller geworden.

»O Vater, nun laß uns gehen!«

Als Schwächling, der ich bin, zucke ich die Achseln. »Fragt Mutter.«

»O Mutter, man zuu!«

»Kinder, es regnet ja gleich wieder. Seht nur die Wolken!«

»Ach Mutter, das sind keine Regenwolken.«

»Vater, man zuuu!«

»Vater hat schon so'n bißchen gelacht, denn sagt er bald ja«, erklärt Appelschnut.

Und in der Tat: In mir erwacht der Demagoge, der um die Gunst der Masse buhlt.

»Meinetwegen«, sag' ich, »wenn's Mutter recht ist.« Ich erfahre von neuem, daß die Gunst des Volkes unter Umständen mit Lebensgefahr verknüpft ist.

»Mutter, man zuuu!«

Und meine Frau spricht ein arithmetisches Wort, das sich auf die Sommerkleider bezieht.

»Mutter, wir nehmen uns ja so in acht!« Die Bande gibt die frivolsten Versprechungen.

»Ach was«, sag' ich, »man los! Aber 20 Regenmäntel und 40 Schirme nehmt ihr mir mit.«

»Ja, ja, hurra, ja, hurra, ja!« Sie sind schon draußen.

Ich kann's ja nämlich selber nicht erwarten.

»Du bist ein leichtsinniger Mensch!« sagt meine Frau, und sie weiß, daß sie mir damit etwas ganz, ganz Altes sagt.

Als wir hinaustreten, scheint sogar die Sonne, und die Wege sind leidlich trocken. Gleichwohl nimmt Appelschnut energisch ihr Kleidchen auf, das ihr bis an die Knie reicht. Erstens, weil es die Mutter auch tut, und zweitens hat sie versprochen, sich »in acht zu nehmen«.

Wir betreten den Bahnsteig.

»Pappi, weiß du was?« flüstert Appelschnut mir ins Ohr, »laß uns 'n Buffet nehmen (sie meint ein Coupé), was noch ganz leer is, da kann man tüchtig Ulk machen!«

Für den Ulk ist sie nun einmal sehr.

»Hertha!« rief sie am letzten Sonnabend, als sie aus dem Badezimmer kam, »laß dich bloß heute von Mutter baden, sie is heute zu ulkig, du lachs dich tot!«

Und dieselbe Leidenschaft hat sie für das Traurige, ist das nicht seltsam? Nein, es ist gar nicht seltsam; denn wer ein Kind ist, saugt das Leben durch alle Poren ein.

Im »Buffet« muß sie natürlich am Fenster sitzen, sie und Hertha, damit sie schauen können.

»Mutter!« ruft Appelschnut plötzlich, »Kramers haben doch 'n Boden, nich?«

»Ja, ich weiß nicht«, sagt meine Frau, »aber sie werden ja wohl.«

»Ja, sie haben 'n Boden, un wenn man da aus 'm Fenster guckt, denn kann man die ganze Welt sehen!«

Und dabei reißt sie die Augen auf, als wenn die ganze Welt hinein sollte. Und als sie wieder eine Weile hinausgelugt hat, fährt sie fort:

»Weiß du was, Mutter? Lottis Vater is verreist, gans weit weg, ich glaub, noch weiter als Malaga« (Malaga bedeutet für sie gewissermaßen die Säulen des Herkules) »ich glaub, es heißt Helgoland oder so.«

Am Ziele der Fahrt gibt es einen neuen Hochgenuß. »Vater, bitte, laß mich selbs mein Bullet abgeben, bitte, Vater, man zu!«

Ich händige also Roswitha ihre halbe Fahrkarte aus. Und seltsam: sofort wird ihr Schritt fester und weiter ausgreifend, er wird sozusagen männlich. Der Kontrolleur sieht sie verständnisinnig lächelnd an – er scheint zu Hause ähnliche Gewächse zu ziehen – und sagt: »Du bist 'ne fixe Deern.« Das hat noch gefehlt. Mit überirdischen Augen gibt sie mir die Karte zurück.

Und nun beginnt die Wanderung! Es gibt bekanntlich in der Mathematik einen Lehrsatz, der lautet: Zwischen zwei Punkten ist der gerade Weg der kürzeste. In der Geometrie der Kinder gibt es dagegen einen Satz, der heißt: Zwischen zwei Punkten ist der gerade Weg der langweiligste. Auf den Umwegen liegt der Reiz des Lebens. Über jenen – zum Glück ausgetrockneten – Bach führt zum Beispiel eine Brücke mit einem Geländer. Einfach über diese Brücke gehen wäre banal, reizlos, abgeschmackt. Aber den mäandrisch gekrümmten Weg um jede einzelne Stütze des Geländers gehen – von außen nach innen, von innen nach außen, von außen nach innen und so fort und um Gottes willen keinen Balken überschlagen –, das ist das Wahre. Es ist ja wahr, Roswitha hat versprochen, ihr »schärpenes Kleid« »in acht zu nehmen«, aber wer kann an alles denken! Brückengeländer machen überhaupt eine Ausnahme. Als sie den schlangenförmigen Weg zurückgelegt hat, soll »Männe« dasselbe machen. Aber Männe ist überhaupt mit Geistesgaben nicht übermäßig gesegnet; er sieht sie mit seinen melancholisch-dummen Dackelaugen an, als wenn er sagen wollte: »Was wünschen Sie eigentlich?«

»Männe, du solls da immer so rumgehen!«

Männe sieht sie an und versteht nicht.

»Männe, verstehst du mich denn gar nicht?«

Männe bedauert unendlich.

»Hund, du bis wirklich zu dumm!« ruft sie. Sie hat es mir auch kürzlich nach Berlin schreiben lassen, in einem Brief, den sie ihrer Mutter diktierte. »Männe ist sehr faul und sehr dumm. Aber er hat mich lieb und ich ihn auch.«

Und das ist wahr; er attachierte sich ihr sofort, als er in unser Haus kam, und wenn sie ausgegangen war, setzte er sich hin und starrte nach der Haustür wie Ritter Toggenburg. Ihre Liebe haftet freilich weniger an dem Individuum; wenigstens erklärte sie vor einiger Zeit, wenn sie groß sei, wolle sie drei Kinder und drei Hunde haben.

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