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Apotheker Heinrich

Hermann Heiberg: Apotheker Heinrich - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleApotheker Heinrich
authorHermann Heiberg
yearca. 1927
publisherPaul Franke Verlag
addressBerlin
titleApotheker Heinrich
pages3-337
created20021229
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Hermann Heiberg

Apotheker Heinrich

Roman


Erstes Kapitel.

»Guten Morgen, Herr Heinrich!« sagte ein junges, hübsches Mädchen.

Herr Heinrich rieb gerade eifrig in einem Mörser, als er die bekannte Stimme hörte.

»Guten Morgen, Dora!« – Dora ging noch in die Konfirmationsstunde, trug aber schon ein langes Kleid, hatte flatternde blonde Flechten und ein Paar allerliebste, fröhliche Augen.

Sie war die Tochter des Arztes, der gegenüber wohnte, die Tochter des Physikus.

Herr Heinrich und ihr Papa hatten zusammen studiert.

Letzterer war älter und besaß dieses große Töchterlein; Herr Heinrich war Junggeselle geblieben, sogar ein rechter Junggeselle. Oft konnte man sich über ihn ärgern, wenn er so weise sprach oder gar nicht antwortete, nur die Achseln zuckte.

»Für einen Schilling Salmiakspiritus, bitte!«

»Und eine Stange Lakritzen dazu« – spöttelte Herr Heinrich.

Sie schmollte; immer noch behandelte er sie, als sei sie ein Backfisch.

Aber sie fand es doch richtig, seine gute Laune zu benutzen, und stieß, sanft sich fügend, heraus: »Wenn Sie mir etwas zugeben wollen, dann schenken Sie mir eine hübsche Schachtel.«

»Großes Kind!« spöttelte Herr Heinrich abermals, schüttelte den Kopf, sah ihr in die Augen und schob den Salmiakspiritus über den Ladentisch.

Die Schachtel aber gab er nicht.

»Man kann hier in der Apotheke doch Schachteln kaufen?« fragte nunmehr Dora, ihr kleines Portemonnaie ziehend, patzig.

Herr Heinrich bemerkte, daß nur ein einziges Zehnpfennigstück zwischen den blauseidenen Wänden der zierlichen Geldtasche saß.

»Ja!« erwiderte er gleichgültig gedehnt, als ob er nichts von ihrem Unmut merke. Dann öffnete er eine große, tiefe Schublade (es fehlte ihr der Knopf, so daß Heinrich sie an den Seitenwänden fassen und herausziehen mußte) und nahm eine runde, rotbeklebte Schachtel heraus.

»Zehn Pfennig«, betonte er.

»Haben Sie keine für fünf Pfennig?«

»Nein, die Sorte zu fünf Pfennig ist gerade ausgegangen. Nimm nur diese, Dora, du hast Kredit!« und dabei lachte er wiederum überlegen.

Da schoß ihr das Blut ins Gesicht; sie warf den Kopf in den Nacken, rief, ihren Salmiakspiritus ergreifend: »Sie möchten es anschreiben« – und rannte mit fliegenden Flechten davon.

Herr Heinrich nahm die große Schachtel und wollte sie wieder fortlegen; er besann sich aber und rief den Lehrling.

Dann griff er in die Ladenkasse, nahm etwas Kleingeld heraus und sagte: »Hol' mal für drei Groschen von den echten englischen Brausebonbons von Kaufmann Thomsen und laß sie dir in diese Schachtel packen. Halt! Wart' August!«

Darauf nahm er eine Feder und schrieb auf das weiße Deckelschild: »Fräulein Dora Paulsen. Jede zehn Minuten einen zur Abkühlung. Mit freundlichem Gruß von Heinrich.«

Nach kurzer Zeit kam August zurück, legte die Schachtel auf den Ladentisch und sagte:

»Fräulein Dora ließe sich bedanken; sie brauche nichts zur Abkühlung.«

Herr Heinrich schüttete gerade das letzte von zwölf bestellten Pulvern in ein weißes Papier, dessen Enden er einkniff und dann ineinanderschob.

In dieser Arbeit ließ er sich auch nicht stören, während der Lehrling seinen Auftrag ausrichtete. Dann aber legte er die Schachtel, welche dieser wieder mitgebracht hatte, fort und sagte:

»Es ist gut.« Und er lachte, aber er lachte etwas gezwungen.

August sah ihn von der Seite an. Es schien, als ob Herr Heinrich keinem besonderen Gedanken nachgehe, aber er dachte doch allerlei.

Und August lachte auch, aber wiederum auf seine Art, nämlich etwas hämisch.

August war in Dora verliebt. Zum Glück wußte um diese welterschütternde Tatsache nur er allein; selbst des Physikus Tochter hatte von der Stärke seiner Gefühle keine Ahnung. Es ging zwar nicht unbemerkt an ihr vorüber, daß er besonders dienstfertig gegen sie war, und daß sein Auge häufig auf ihr ruhte. Auch hatte er sich Dora einmal verpflichtet, als sie, auf dem Jahrmarkt vor der Kuchenbude stehend, vergeblich nach dem Gelde gesucht und er ihr zwei Groschen geliehen. Indessen stand sie doch so hoch über ihm, daß sie seine aus stiller Verehrung hervorgehenden Aufmerksamkeiten lediglich als einen selbstverständlichen Tribut ansah. –

Wenn August abends spät in seinem Zimmer saß, machte er Gedichte, die an Dora gerichtet waren. Eines hatte ihm viel Mühe gemacht; es lautete unter Zuhilfenahme des Lateinischen:

»Schon ist es spät, fast zwölfe ist die hora,
Ich sitze ernst und stumm und denke noch an Dora.
Es pfeift der Wind, es flackert in dem Ofen,
Und wie die Flamme dort, so schwindet auch mein Hoffen.
Halt still mein Herz! Doch mußt vor Gram du brechen,
Dann soll mein Mund zuletzt noch ihren Namen sprechen.«

August hatte allerdings kleine Bedenken hinsichtlich dieser poetischen Leistung. Wenn er sich die Verse laut vorlas, kam er bei »Hoffen« nie über das doppelte »f« fort, und das auch als Tätigkeitsbegriff aufzufassende Schlußwort der vorletzten Zeile machte seinem ästhetischen Sinne viel zu schaffen. Als er aber eines Tages auch bei Goethe die Wendung: sein Herz »brach« und selbst das Wort Eingeweide – »Es brennt mein Eingeweide«, fand, erhob er das Haupt und fügte das Gedicht der Sammlung: »Stoßqualen eines Unglücklichen, Poesien von August Semmler«, die er später zu veröffentlichen gedachte, mit dem vollen Bewußtsein seines Wertes hinzu.

So stand es also um August, und so war das Verhältnis zwischen Herrn Heinrich und Dora.

Als Herr Heinrich einige Tage später einer Einladung bei Physikus' zum Tee folgte, streifte ihn Dora, während er auf dem Flur den Sommerüberzieher auszog. An der Wand des Flurs hing ein Bild von Napoleon bei Austerlitz. Die Zeit hatte das Gemälde mit einem unschönen gelben Fleck verunziert. Es sah aus, als ob einmal Kaffee darübergegossen sei. Zwei Büsten berühmter Männer standen auf Postamenten zu Seiten des Kupferstichs. Es seien Shakespeare und Milton, hat der Physikus einmal erklärt. Die Zeit hatte auch an ihnen Veränderungen hervorgebracht. Ihre Gesichtsfarbe ähnelte derjenigen eines Othello, und Milton hatte, so schmerzlich es für ihn gewesen sein mußte, die eine Hälfte der Nase verloren.

Doch dieses nur beiläufig. Viel wichtiger ist es, daß Dora Herrn Heinrichs »Guten Abend« nicht erwiderte.

»Guten Abend, Dora!« wiederholte der Gast noch einmal und schob den Rock über den Kleiderhaken, statt ihn an der Öse aufzuhängen, die, wie er zu seinem Unmut bemerkte, abgerissen war.

»Ich bot dir schon einmal Guten Abend, aber du antwortetest nicht.«

»Nur zur Abkühlung, Herr Heinrich!« rief Dora und verschwand in der gegenüberliegenden Küche. – Herr Heinrich schmunzelte. –

Dora sah in ihrem Gesellschaftskleide heute reizend aus. Die Taille hatte eine Schneiderin gefertigt, aber den Rock hatte sie selbst gesäumt.

Wenn August sie so gesehen hätte, würde er gewiß ein Gedicht auf sie gemacht haben.

Als Dora später den Gästen den Tee herumreichte, präsentierte sie ihn auch Herrn Heinrich, und zwar in einer alten goldverzierten Tasse mit vier Füßchen, geziert durch das Porträt eines Freiheitshelden in grüner Uniform mit hoher Militärkrawatte. Sie sah beiseite, als ob in diesem Augenblick ihre Aufmerksamkeit durch etwas Besonderes abgelenkt würde. Herr Heinrich aber, die Absichtlichkeit durchschauend, sagte: »Na laß dich doch mal in deinem neuen Kleide bewundern, Dora! – Danke, Zucker nehme ich ja nie«, fügte er hinzu, als sie die Achsel zuckte, aber stehenblieb und wartete, daß er sich der süßen Zutat bedienen solle.

In diesem Augenblick trat die Frau Doktor auf Herrn Heinrich zu, und Dora entschlüpfte.

Der Abend verlief wie gewöhnlich. Nach dem Tee machten die Herren eine Whistpartie, während die Damen ihre Mitmenschen ebenso recht und ungerecht zergliederten, wie allerwärts und zu allen Zeiten auf Erden.

Endlich guckte Dora ins Spiel- und Rauchzimmer und rief: »Bitte, Papa! Wenn der Robber aus ist!« worauf denn der Physikus nickte und die andern Herren, je nach ihrem Spielglück oder -unglück, diese Mitteilung störend oder erlösend fanden.

Zum Abendessen gab es Kalbsbraten, den die Frau Physikus anschnitt.

»Bitte, bitte, liebe Sophie, geben Sie doch mal die Kompotts, das Gemüse und die Kartoffeln herum«, rief die Frau Doktorin einer älteren, freundlich dreinblickenden Dame zu. Unabänderlich erscholl bei den Abendgesellschaften im Paulsenschen Hause die höfliche Mahnung. Sophie war eine unverheiratete, gutherzige und deshalb gern gesehene Freundin des Hauses, die vorher den Tisch decken half, überhaupt in solchen Fällen die freiwillige Rolle einer tätigen Hausmamsell übernahm und in liebenswürdiger Bescheidenheit jeden Dank ablehnte.

»Die Dora wird hübsch«, sagte Herr Heinrich nach Tisch zu der Frau Doktor. Ein Lob aus seinem Munde war ein förmliches Ereignis, weil der reiche Apotheker ebenso lobkarg wie spottsüchtig war. Das sind nun einmal Eigenschaften, die selten ihre Wirkung verfehlen, weil die Spottsucht Furcht einflößt und der Besitz von Glücksgütern auf die meisten Menschen, auch wenn ihnen nicht die geringste Aussicht auf einen Mitgenuß winkt, einen allmächtigen Zauber ausübt.

»Finden Sie?« erwiderte Frau Paulsen geschmeichelt. »Ja, ja, wenn sie nur etwas weniger empfindlich sein wollte! Sie ist ein schwer zu behandelndes Kind. Sie glauben gar nicht, wieviel ich zu predigen habe.«

Jetzt kam Dora – abermals Dora – und bot Zigarren an.

»Wollen wir uns wieder vertragen?« fragte Herr Heinrich.

»Ich lege keinen Wert darauf«, entgegnete Dora und eilte mit der Kiste weiter.

Auch in diesem Falle würde August ein Gedicht gemacht haben, etwa mit der Überschrift: »Der süße Trotzkopf«.

Nachdem Herr Heinrich nach Hause gekommen war, saß er, gerade wie August, noch eine Weile in seinem Sofa und grübelte. Ja, er ahmte August vollständig nach, denn seine Gedanken beschäftigten sich mit Dora. Und plötzlich ertappte er sich dabei und rief halblaut:

»Wie ist's möglich? Ein Kind!« Und doch! Nach der Art und Denkweise behäbiger Junggesellen hatte er ja Zeit! Er konnte warten. Heute war er zweiundvierzig, in vier Jahren würde er sechsundvierzig sein. War denn das kein Alter zum Heiraten? Sicher! Aber Dora würde in vier Jahren höchstens zwanzig sein. Wurden denn Ehen geschlossen, in denen der Mann um die Hälfte älter war? Gewiß, häufig! Und heiratete nie ein Vierziger – Herr Heinrich sagte nicht: ein guter Vierziger – ein Mädchen von zwanzig Jahren? Allerdings, sehr häufig! Der Mann sollte eigentlich »immer« doppelt so alt sein als die Frau, hatte einmal eine erfahrene Dame behauptet.

Herr Heinrich dachte sich allmählich so lebhaft in die Sache hinein, daß er endlich zu dem Entschluß gelangte, Dora solle seine Frau werden, – natürlich nicht sogleich, – in einem Jahre!

Und einige Zimmer weiter saß August und richtete seine Gedanken auch auf Dora. Er hatte eben die Pfeife ausgehen lassen, weil er des Prinzipals Schritte auf der Treppe gehört hatte, und sogar schnell das Fenster geöffnet und mit dem Schnupftuch den Rauch hinausgeweht. Jetzt steckte er sie aber wieder an, weil ihm dann das Dichten besser gelang. Sein heutiges Poem hieß: »So jung noch!« Es behandelte die zwischen ihm und Dora ebenfalls im zwanzigsten Jahre geschlossene Ehe. Sie waren so glücklich, sie liebte ihn so eifersüchtig zärtlich, daß nichts zu wünschen übrig blieb. Nur eines fehlte – – Kinder! –

Er wählte deshalb als Refrain den Vers: »Und doch fehlt etwas unserm Glück«. Der Inhalt einer der Strophen hielt eine schöne Mitte zwischen Gemütstiefe und poetischer Anschaulichkeit. Er lautete:

»Sie schaut mich an, ihr Auge lacht,
Den Fidibus brennt an sie sacht.
Ich nehm' die Pfeif', – sie sitzt und näht,
Ich seh', wie ihr das Händchen geht.
So still ist's und so traut im Haus.
Nie ohne mich geht Dora aus,
Säumt Küchentücher Stück für Stück,
Und doch fehlt etwas unserm Glück!«

Aber an diesem Abend, vorm Einschlafen, kam August doch zum erstenmal der Gedanke, daß es mit dem Dichten allein nicht getan sei, um so weniger, als die Geliebte seine Poesien gar nicht zu sehen bekomme. Er wollte deshalb einen regelrechten Plan entwerfen, Doras Herz zu gewinnen.

Weshalb war er so zaghaft? War er ihr nicht ebenbürtig? Winkte ihm nicht dereinst ein Vermögen, wenn seine Tante starb? Freilich, sie war noch nicht sehr alt, konnte sich sogar zum zweitenmal verheiraten! Aber etwas würde sie ihm schon vermachen. Vielleicht gab sie ihm einen Teil des Geldes ins Geschäft? Er würde dann eine Apotheke kaufen! Vielleicht die seines Prinzipals? Wie die Menschen die Köpfe zusammenstecken würden, wenn er Besitzer der Apotheke wäre und Dora seine Frau! Aber erst mußte der Anfang gemacht werden! Doras Liebe mußte er gewinnen! Er dachte sich das weiter aus: das erste Rendezvous, – Prinzipal, – Entdeckung, – Mannhaftigkeit, – Unsinn, – Dummer Junge, – Ewige Treue, – Flucht, – und dann? Ja, dann ging's von vorn an mit neuen Plänen – bis – er – einschlief.

Auch Herr Heinrich hatte sich ins Bett gelegt und war dem allbezwingenden Gotte unterlegen. Beide Liebhaber schlummerten; draußen aber stand der Mond und schmunzelte übers ganze Gesicht.

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