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Aphorismen (Sudelbücher)

Georg Christoph Lichtenberg: Aphorismen (Sudelbücher) - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleAphorismen Schriften Briefe
titleAphorismen (Sudelbücher)
publisherCarl Hanser Verlag
editorWolfgang Promies / Barbara Promies
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D

1773 – 1775

Warum gefällt eigentlich Witz so sehr?

*

Es ist nicht Lasterhaß, sondern Halseisen-Furcht. oder so Wer kann in jedem Fall Tugend von Halseisen-Furcht unterscheiden?

ΠM

*

Unsere Gesinnungen sind so unterschieden als unsere Gesichter, denn wer will uns beweisen, daß unsere inneren Werkzeuge zumal des Gehirns nicht merklich unterschieden sind? Wie mannichfaltig sind die Vorfälle des Lebens aus denen hernach Gesinnungen und Meinungen werden. Sie sind deswegen immer menschlich. Die meisten Menschen nehmen die Meinungen an, so wie sie von andern gemacht worden sind. Der Deutsche geht hierin unbegreiflich weit. In England hat beinah jedermann seine eigne Meinung. Ich sage damit nicht, daß jeder eine verschiedene habe. Dieses gibt der Urteilskraft ein leichteres Spiel, gelernte Meinungen hingegen schränken sie ein. In dem neuen Land könnte man die Masken der Kinder in kupferne Formen zwingen. Wir sollten uns bemühen Facta kennen zu lernen und keine Meinungen, hingegen diesen Factis eine Stelle in unserm Meinungen-System anweisen. Man räsoniere nur einmal selbst über die gemeinsten Dinge, hüte sich aber ja etwas hineinzubringen, was die Meinung eines andern war, wenigstens muß sie nicht qua talis hinein, wenn sie nicht die unsrige ist. Es ist unglaublich was sich die Menschen Dinge einander nachbeten können. Der größte Mann, der alles auf seiner eignen Waage wiegt was er ausgibt, glaubt sich einmal einen Augenblick allzu sicher und legt etwas hin, das er nicht gewogen hat. Wo ich nicht sehr irre, so liegt hierin eigentlich der Unterschied des großen und des schlechten Schriftstellers, daß jener mit eignen geübten Kräften aus Factis räsoniert, und dieser die verstümmelten Meinungen anderer mit nicht genugsam geübten verbindet. Ein schlechter Schriftsteller ist von dem guten nicht dem Grade nach unterschieden, daher gibt es große schlechte Schriftsteller. Daß die Geschichte eine Lehrmeisterin des Lebens sei ist ein Satz der gewiß von vielen ununtersucht nachgebetet wird. Man untersuche einmal, wo die Menschen, die sich durch ihren Verstand gehoben haben, ihren Verstand herhaben. Sie holen ihn in den Affairen selbst, da wo die Begebenheiten sind und nicht da wo sie erzählt werden. Man kann sehr viel gelesen haben und wenig Verstand zeigen. Die Geschichte sollte die Begebenheiten so erzählen, aber welcher Geschichtschreiber kann dieses tun? Sie belohnt vielmehr die großen Taten, sie kann anflammen. Wenn sie sagt, der Held bei Minden ist ein großer Mann, so schallt es durch Jahrtausende durch, ohne sie würden jene den Klang seines Ruhmes so wenig hören, als sie den Donner seiner Batterien gehört haben. Ein gemeiner Mann kann aber nach der Art über einen Gegenstand schreiben nach welcher ein großer Mann darüber schreibt, ob sie gleich nicht dasselbe schreiben.

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Er hat den Galgen nicht auf dem Buckel, aber in den Augen.

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Schwachheiten schaden uns nicht mehr sobald wir sie kennen.

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Manches an unserm Körper würde uns nicht so säuisch und unzüchtig vorkommen wenn uns nicht der Adel im Kopf steckte.

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Man ist nur gar zu sehr geneigt zu glauben, wenn man etwas Talent besitzt, Arbeiten müßte einem leicht werden. Greife dich immer an, Mensch, wenn du etwas Großes tun willst.

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Allzeit: Wie kann dieses besser gemacht werden?

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Lehre mich wie ich meinen heilsamen Entschlüssen Kraft gebe, lehre mich mit Ernst wollen was ich will, lehre Standhaftigkeit wenn die Stürme des Schicksals oder ein aufgestreifter weißer Arm meinen Bau von 3 Jahren beben machen. Lehre mich dem Menschen in das Herz zu reden, ohne daß mein Ausdruck in dem brechenden Mittel seines Gesinnungs-Systems eine andere Richtung nimmt, und dann gib mir noch Horazens Geist, und dein Ruhm soll durch Jahrtausende durch schallen.

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Eine Uhr, die ihrem Besitzer immer um Viertel zuruft Du ... um halb Du bist – – um ¾ Du bist ein ... und wenn es voll schlägt: Du bist ein Mensch.

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Eine Fleder-Maus könnte als eine nach Ovids Art verwandelte Maus angesehen werden, die, von einer unzüchtigen Maus verfolgt, die Götter um Flügel bittet, die ihr auch gewährt werden.

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Das ist wahr, meine Schuh kann ich mir nicht selbst machen, aber ihr Herrn, meine Philosophie laß ich mir nicht zuschreiben. Meine Schuh will ich mir allenfalls selbst machen lassen, das kann ich selbst nicht.

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Er pflegte das die Abweichung der Leidenschaften zu nennen, wenn er etwas mit Hitze wollte, was unter oder über das Maximum der bürgerlichen Glückseligkeit fiel.

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Was heißt schwätzen? Schwätzen heißt mit einer unbeschreiblichen Geschäftigkeit von den gemeinsten Dingen, die entweder schon jedermann weiß oder nicht wissen will, so weitläuftig sprechen, daß darüber niemand zum Wort kommen kann, und jedermann Zeit und Weile lang wird. Die deutsche Sprache ist sehr arm an Wörtern für Handlungen die sich so zu andern Handlungen des vernünftigen Mannes verhalten wie Geschwätz zur zweckmäßigen vernünftigen Unterredung. So fehlt es uns an einem solchen Wort für rechnen.

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Die Komödie bessert nicht unmittelbar, vielleicht auch die Satyre nicht, ich meine man legt die Laster nicht ab, die sie lächerlich macht. Aber das können sie tun, sie vergrößern unsern Gesichtskreis, vermehren die Anzahl der festen Punkte aus denen wir uns in allen Vorfällen des Lebens geschwinder orientieren können.

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Auch ich bin erwacht Freund, und zu dem Grad der philosophischen Besonnenheit gekommen, wo Liebe zur Wahrheit die einzige Führerin ist, wo ich allem was ich für Irrtum halte mit dem mir verliehenen Licht entgegengehe, ohne grade laut zu sagen, das halte ich für Irrtum, und noch weniger, das ist Irrtum.

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Eine Vergleichung zwischen dem was man denkt und dem was man sagt anzustellen. Man kann es sagen ohne deswegen den Staupbesen zu fürchten, daß die Hälfte der Einwohner den Staupbesen bekommen würden, wenn sie öffentlich sagten was sie denken, und doch ist der Mensch das was denkt und nicht das was sagt. Zwo Personen, die sich einander komplimentieren, würden einander an den Köpfen kriegen, wenn sie wüßten was sie von einander denken.

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Men would be angels, angels would be Gods. Man hält immer das für verdienstlicher was einem sauer wird, dieses fließt aus einer Verachtung seines gegenwärtigen Zustandes, daher kommen die vielen Stümper, der Schnallengießer will die Meeres-Länge erfinden. Tue das was dir leicht wird, wovon du gern immer sprächest, wozu du gern jedermann brächtest wenn du könntest, wovon du dir deine eignen Vorstellungen machst, die andern Leuten zuweilen nicht in den Kopf wollen und die sie fremd und seltsam finden. Weiter muß man gehen, allerdings, allein es muß sich gleichsam von selbst geben, man muß glauben immer dasselbe zu tun und zur Verwunderung anderer Leute sehr viel mehr tun. Es ist ein Unglück wenn ein Mann von Fähigkeiten durch Empfehlungen von Männern, deren Begriffe von ihm etwas zu groß sind, in ein Amt kommt, wo man etwas Außerordentliches von ihm erwartet, das er noch nicht leisten kann. Es ist immer besser, daß das Amt geringer ist als die Fähigkeiten. Wer oft dasselbe tut, kommt darin weiter, aber nicht der der sich vornimmt Dinge zu tun die von seinen gegenwärtigen Verrichtungen verschieden sind. Dieses könnte mit der Einleitung gesagt werden, daß man aus Erfahrungen reden müsse, wenn man lehren wolle, sein eignes Leben auf diese Art beschreiben fruchtet mehr für andere, als hundert Kaiserhistorien. – Wenn man sagt: man müsse Geschichtbücher lesen um die Menschen kennen zu lernen, so muß man nicht glauben man verstehe jene feinen, ins Verschlagene fallenden Künste darunter, die lernt man wohl allein in der Gesellschaft, und gewiß sicherer und schneller.

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Der Gedanke hat in dem Ausdruck noch zu viel Spielraum, ich habe mit dem Stockknopf hingewiesen, wo ich mit der Nadelspitze hätte hinweisen sollen.

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Es scheint als wenn Herr S.., der durch das Tor der Geschichte in den Tempel des Ruhms gekommen, sich nun wieder durch das Türchen der Dichtkunst hinausschleichen wollte.

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Die Zeitungsschreiber haben sich ein hölzernes Kapellchen erbaut, das sie auch den Tempel des Ruhms nennen, worin sie den ganzen Tag Porträte anschlagen und abnehmen und ein Gehämmer machen, daß man sein eignes Wort nicht hört.

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Armer Teufel, wo du jetzt bist, da bin ich längst gewesen.

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Bilder wie: die Offenherzigkeit schlägt der Dankbarkeit ins Gesicht.

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Laß dich nicht anstecken, gib keines andern Meinung, ehe du sie dir anpassend gefunden, für deine aus; meine lieber selbst.

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Man kann sicher bei verschlossenen Augen in das erste beste Buch den Finger auf eine Zeile legen, und sagen, hierüber ließe sich ein Buch schreiben. Wenn man die Augen auftut, so wird man sich selten betrogen finden.

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So närrisch als es dem Krebse vorkommen muß wenn er den Menschen vorwärts gehen sieht.

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Alles bis auf das äußerste hinaus zu verfolgen, so daß nicht die geringste dunkle Idee zurückbleibt, mit Versuchen die Mängel daran zu entdecken, sie zu verbessern, oder überhaupt zu dieser Absicht etwas Vollkommneres anzugeben, ist das einzige Mittel uns den so genannten gesunden Menschen-Verstand zu geben, der der Haupt-Endzweck unsrer Bemühungen sein sollte. Ohne ihn ist keine wahre Tugend. Er macht allein den großen Schriftsteller, scribendi recte sapere est et principium et fons. Man muß nur wollen, war der Grundsatz des Helvetius.

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Was sind unsere Gedanken und Vorstellungen, die wir wachend haben, anders, als Träume, wenn ich wachend an meine verstorbene Freunde gedenke, so geht die Geschichte fort ohne daß mir nur einmal einfällt sie seien tod, so wie im Traum, ich stelle mir vor ich hätte das große Los gewonnen, in dem Augenblick habe ich es, der hinten drein kommende Gedanke, daß ich es nicht gewonnen habe, wird erst hinten angetroffen als eine Urkunde zum Beweis des Gegenteils. Der würkliche Besitz eines Guts gewährt uns zuweilen Vergnügen die nicht stärker sind als die uns die bloße Vorstellung, wir besäßen es, gewährt. Unsere Träume können wir sanfter machen, wenn wir des Abends kein Fleisch essen, aber die andern? – –

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Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller.

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Die Einwohner von Uliettea sandten dem Herrn Cook ein Mädchen und ein Schwein zum Zeichen der Freundschaft. Mittel gegen beide Arten von Hunger.

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Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals.

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Die Eingießung des Lebens in den Menschen ist gleichsam der Stoß, der sie in Bewegung setzt, die immer würkende Friktion reizt ihn zur Ruhe. Daher entsteht der Hang zum Läppischen. Obgleich dem Menschen das Denken so natürlich ist als dem Ochsen das Wiederkäuen, so hat er sich nunmehr ein Geschäfte daraus gemacht. Das Gute wird dem Menschen schwer.

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Der Mensch ist vielleicht halb Geist und halb Materie, so wie der Polype halb Pflanze und halb Tier. Auf der Grenze liegen immer die seltsamsten Geschöpfe.

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Er ist in sein Unheil eingegangen. Wer wird jedermann gleich anpfuien?

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Er hat mich einiger Fäden des frömmsten Geifers gewürdigt und sein geweihtes Pfui über mein Werkgen ausgespuckt.

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Wörter die recht herumgezerrt worden sind, dazu gehören unstreitig die Wörter Butterbrod, Philosophie, Laune.

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Sich in einen Ochsen verwandeln ist noch kein Selbst-Mord.

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Ich bin nun nicht mehr Geselle, als Mensch betrachtet, ich verarbeite selbst Meinungen so gut ich kann, wenn sie nicht abgehen, so ist es mein Schaden. Aber meine Schuld? das ist eine andere Frage.

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Acht Bände hat er geschrieben. Er hätte gewiß besser getan er hätte 8 Bäume gepflanzt oder 8 Kinder gezeugt.

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Bei Ausarbeitungen habe vor Augen Zutrauen auf dich selbst, edlen Stolz und den Gedanken, daß andere nicht besser sind als du, die deine Fehler vermeiden und dafür andere begehn, die du vermieden hast.

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Ein rechtes Sonntagskind in Einfällen.

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Die Attraktion scheint bei der leblosen Materie das zu sein, was die Selbstliebe bei der lebendigen ist.

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Zur Verteidigung des Witzes. In bequemeren Zeitaltern, als unser gegenwärtiges ließ man den Himmel durch die Philosophie befragen warum er das Böse geschaffen hätte, da es etwas höchst Unangenehmes wäre. Unser gegenwärtiges ernsthaftes Dezennium wird ihn hoffentlich bald befragen warum er die bunten Schmetterlinge und den Regenbogen hat werden lassen, der offenbar zu weiter nichts da ist, als daß sich die Gassenjungen und Mädchen darüber freuen, oder ein physikalischer Müßiggänger in Betrachtungen darüber gerät.

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Allein so geht es, wenn man die Gelehrten ums Himmels willen bittet eine demütigste Vorstellung zu Herzen zu nehmen – kaum haben sie sie gelesen, grad geht sie nach dem Kopf.

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Daß die Seele nach dem Tode übrig bleibt, ist gewiß erst geglaubt und hernach bewiesen worden. Dieses zu glauben ist nicht seltsamer, als Häuser für einen einzigen Mann bauen, darin ihrer hundert Platz haben, ein Mädchen eine Göttin und einen gekrönten Wackermaul unsterblich zu nennen. Der Mensch ist kein künstlicheres Geschöpf, als die andern, er weiß es nur daß er ist und daraus läßt sich alles erklären, und wir tun wohl diese Eigenschaft unseres Geistes allen übrigen Eigenschaften eines Geistes vorzuziehen, da wir in der Welt die einzigen sind, die uns dieses streitig machen könnten.

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Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich der Mensch schuf Gott nach dem seinigen. Sieh unten p. 34

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Heutzutage haben wir schon Bücher von Büchern und Beschreibungen von Beschreibungen.

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Eine affektierte Ernsthaftigkeit, die sich endlich in einer moralischen Lähmung der Gesichtsmuskeln endigt.

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Was die Spannung der Triebfedern in uns am meisten hemmt, ist andere Leute im Besitz des Ruhms zu sehen, von deren Unwürdigkeit man überzeugt ist.

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Der gute Schriftsteller ist der der viel und lange gelesen und nach 100 Jahren noch in allerlei Format aufgelegt und eben dadurch das Vergnügen des Menschen im allgemeinen wird. Das ganze menschliche Geschlecht lobt nur das Gute, das Individuum oft das Schlechte.

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Die Genies brechen die Bahnen, und die schönen Geister ebnen und verschönern sie. Eine Wegverbesserung in den Wissenschaften wäre anzuraten, um desto besser von einer zu den andern kommen zu können.

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Es ist mit dem Witz wie mit der Musik, je mehr man hört, desto feinere Verhältnisse verlangt man.

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Es ist eine Bemerkung die ich durch vielfältige Erfahrung bestätigt gefunden habe, daß unter Gelehrten diejenigen fast allezeit die verständigsten sind, die nebenher sich mit einer Kunst beschäftigen oder wie man im Plattdeutschen sagt klütern.

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Erstlich glaube ich nicht, daß ich auf die Nachwelt komme, und dann sind wir ja die Väter der Nachwelt und die wird uns gewiß ihren kindlichen Respekt nicht versagen. Ich kann nicht begreifen warum man sich mehr vor ihr als vor dieser Welt schämen soll.

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Der gesunde Gelehrte, der Mann bei dem Nachdenken keine Krankheit ist.

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Was auf Shakespearisch in der Welt zu tun war hat Shakespear größtenteils getan.

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Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen.

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Das ist eine Arbeit wobei sich glaube ich die Gedult selbst die Haare ausrisse.

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Weil doch nun einmal Geld in der Welt dasjenige ist was macht, daß ich das Kinn höher trage, freier aufsehe, sicherer auftrete, härter an andere anlaufe.

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Die Professoren auf Universitäten sollten Schilde aushängen wie die Wirte.

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Man könnte eine Diätetik schreiben für die Gesundheit des Verstandes.

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Jeder Mensch hat seinen Zirkel von Kenntnissen, worin er sich besser zu finden weiß als der meiste Teil unsrer Philosophen sich in den ihrigen zu finden wissen. In diesem bemerkt er das Lächerliche, das Feine, das Dumme, das Überflüssige in einem Blick, und wie kann es anders sein, wenn ich die Absicht einer Sache kenne, und habe mir eine Kenntnis der bekannten Mittel erworben, so muß es mir leicht sein das Falsche in neuen Mitteln einzusehen. Wenn ich einem Küchen-Mädchen eine Beschreibung von einem Gericht geben will, und sagte ihr daß es ein cürieuses Essen und von einem besondern Wohlschmack sei, und daß man Grütze auf den Rand der Schüssel streuen könne, so wird sie mich sicher auslachen. Viele Schriftsteller behandeln ihre Materien auf diese Art, das Widersinnige ist ihnen verborgen. Wenn man also Personen etwas begreiflich machen will, so muß man sich der Beispiele aus ihrem Zirkel bedienen, und wiederum kann man aus diesen Erfahrungen lernen was man zu tun hat um eine gewisse Wissenschaft sich zu seinem Zirkel zu machen.

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Es wäre kein Wunder fürwahr wenn die Zeit einem solchen Schurken das Stundenglas ins Gesicht schmisse.

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Sind wir nicht schon einmal auferstanden? Gewiß aus einem Zustand in welchem wir weniger von dem gegenwärtigen wußten, als wir in dem gegenwärtigen von dem künftigen wissen. Wie sich verhält unser voriger Zustand zu unserm jetzigen, so der jetzige zum künftigen.

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Wenn ich sage, halte deine Zähne rein und spüle den Mund alle Morgen aus, das wird nicht so leicht gehalten, als wenn ich sage, nehme die beiden Mittelfinger dazu und zwar über das Kreuz. Des Menschen Hang zum Mystischen. Man nütze ihn.

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Ich habe bemerkt, daß zwar jetzt eine gewisse Freigeisterei unter jungen Leuten einreißt, die mit der Zeit üble Folgen haben kann, aber so viel ist gewiß, es hat sich doch ein gewisses Wohlwollen unter eben diesen Leuten ausgebreitet. Man findet viel Mitleiden, Bescheidenheit pp unter ihnen.

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Wenn man über dieses anfängt zu sprechen, so wird es plausibel, denkt man aber daran, so findet man daß es falsch ist. Der erste Blick, den ich im Geist auf eine Sache tue, ist sehr wichtig. Unser Geist übersieht die Sache dunkel von allen Seiten, welches oft mehr wert ist, als eine deutliche Vorstellung von einer einzigen.

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Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, sagt die Bibel, die Philosophen machen es grade umgekehrt, sie schaffen Gott nach dem ihrigen.

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Ich glaube der schlechteste Gedanke kann so gesagt werden, daß er die Wirkung des besten tut, sollte auch das letzte Mittel dieses sein ihn einem schlechten Kerl in einem Roman oder Komödie in den Mund zu legen.

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Ob ein Mann, der schreibt, gut oder schlecht schreibt, ist gleich ausgemacht, ob aber einer, der nichts schreibt und stille sitzt, aus Vernunft oder aus Unwissenheit stille sitzt, kann kein Sterblicher ausmachen.

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Ein Impromptu an dem er schon ein paar Tage zuvor in müßigen Stunden gearbeitet hatte.

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Die Bauernmädchen gehen barfuß, und die Vornehmen barbrust.

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Wenn die Menschen nicht in Etagen wohnten, so wäre die halbe Erde schon mit Häusern angefüllt, so bauen wir schon in die Luft wo wir nicht hingehören.

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Ich stelle mir vor, wo wir an die uns gesetzten Grenzen der Dinge kommen oder noch ehe wir daran kommen, so können wir ins Unendliche sehen, so wie wir auf der Oberfläche der Erde in den unermeßlichen Raum hinaussehen.

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Man muß keinem Werk, hauptsächlich keiner Schrift die Mühe ansehen, die sie gekostet hat. Ein Schriftsteller der noch von der Nachwelt gelesen sein will muß es sich nicht verdrüßen lassen, Winke zu ganzen Büchern, Gedanken zu Disputationen in irgend einen Winkel eines Kapitels hinzuwerfen, daß man glauben muß, er habe sie zu Tausenden wegzuschmeißen.

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Wo sich ein Körper bewegt, da ist Raum und Zeit, das simpelste empfindende Geschöpf in dieser Welt wäre also das Winkel und Zeiten messende. Unser Hören und vielleicht auch unser Sehen besteht schon in einem Zählen von Schwingungen.

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Daß die Menschen alles aus Interesse tun, ist dem Philosophen nützlich zu wissen, er muß nur nicht darnach handeln, sondern seine Handlungen nach dem Weltgebrauch einrichten. So wie ein guter Schriftsteller nicht von dem gewöhnlichen Gebrauch der Wörter abgeht, so muß auch ein guter Bürger nicht gleich von dem Handlungsgebrauch abgehen, ob er gleich vieles gegen beides einzuwenden hat. Ich bin so sicher überzeugt, daß der Mensch alles seines Vorteils wegen (dieses Wort gehörig verstanden) tut, daß ich glaube es ist zu Erhaltung der Welt so nötig als die Empfindlichkeit zu Erhaltung des Körpers. Genug daß unser Vorteil so sehr oft nicht erhalten werden kann ohne 1000 glücklich zu machen, und unsere erste Ursache das Interesse eines Teils so weislich mit dem Interesse vieler andern zu verbinden gewußt hat.

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Über den Neger-Embryo in Spiritus

Da liegt er noch in der Stellung, worin er Leben und Tag erwartete, Leben und Tag, die dem Armen nie erschienen. Kind wie glücklich bist du, schon so früh an dem Ziel, das Tausende deiner Brüder unter blutigen Striemen, unter Leiden ohne Zahl erst erreichen.

Armer Kleiner, wie glücklich bist du, die Ruhe die du genießest müssen sich Tausende deiner unglückseligen Brüder mit Blut unter der Geißel nichtswürdiger Krämer erkaufen. Nichts, nichts hast du an dieser Welt verloren, wo deine Rechte verkauft sind, und wo dein Herr ein Krämer gewesen wäre. Auch für ihn wäre es besser gewesen, der deine Kette schon bereit hielt, er hätte wie du den Tag nicht gesehen.

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Bei wachender Gelehrsamkeit und schlafendem Menschen-Verstand ausgeheckt.

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Unsere Welt wird noch so fein werden, daß es so lächerlich sein wird einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster.

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Daß der Mensch das edelste Geschöpf sei läßt sich auch schon daraus abnehmen, daß es ihm noch kein anderes Geschöpf widersprochen hat.

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Es läßt sich ohne sonderlich viel Witz so schreiben, daß ein anderer sehr vielen haben muß es zu verstehen.

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Alle Tiere, die etwas mit den Pfoten fassen können, können es auch mit dem Kopf, Affen, Papageien, Biber.

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Einer unsrer Voreltern muß in einem verbotenen Buch gelesen haben.

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Die Täfelchen von Chocolade und Arsenik worauf die Gesetze geschrieben sind.

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Vielleicht gehören die eigentlichen Dichter nur in die rohen Zeiten, jetzt da diese nicht mehr sind müssen wir auch andere Dichter haben.

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Der Witz wird mit den Jahren stumpf, andere Kenntnisse bleiben.

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Es muß untersucht werden, ob es überhaupt möglich etwas zu tun ohne sein eignes Bestes immer dabei vor Augen zu haben.

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Der Mangel an Ideen macht unsere Poesie jetzt so verächtlich. Erfindet wenn ihr wollt gelesen sein. Wer Henker wird nicht gern etwas Neues lesen?

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Man kann eine Sache wieder so sagen wie sie schon ist gesagt worden, sie vom Menschenverstand weiter abbringen, oder sie ihm nähern, das erste tut der seichte Kopf, das zweite der Enthusiast, das dritte der eigentliche Weltweise.

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Wenn du auch schon einmal in dem Zustand gewesen bist, so wirst du mich beneiden, lieber Leser, wo nicht, für einen Narren halten.

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Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte Gesetze, alte Gebräuche und alte Religion hat man alles Übel in der Welt zu danken.

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Bei noch jungfräulicher Vernunft.

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Musik war in der ersten Zeit Lärm, Satyre war Pasquille. Alles verfeinert sich. Hier und da sieht man nur noch die Geister der abgeschiedenen Wissenschaft.

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Wenn man dieses Buch in die Hand nimmt, so empfindet man ein gewisses Ichweißnichtwas, eine Ruhe, so etwas von einer wollüstigen Abspannung der Fibern, die mit derjenigen etwas Ähnliches hat, die man empfindet wenn man nach einer Partie Schach anfängt Gänsespiel zu spielen. Ihr könnt freilich nichts dazu, daß ihr es noch nicht wißt.

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Er wurde toll, eine ewige Warnung für die Klugen.

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Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?

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In den vorigen Zeiten achtete man auf Kometen und Nordscheine um andere Bedürfnisse zu befriedigen. Aberglauben trieb damals den Beobachter, jetzt tut es Ehrgeiz und Wißbegierde.

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Der Philosoph setzt sich oft über die Großen der Erde weg mit einem Gedanken, der Große setzt sich über sie weg und fühlt es.

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Die Welt muß noch nicht sehr alt sein, weil die Menschen noch nicht fliegen können.

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Ich glaube kaum, daß es möglich sein wird zu erweisen, daß wir das Werk eines höchsten Wesens, und nicht vielmehr zum Zeitvertreib von einem sehr unvollkommenen sind zusammengesetzt worden.

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Je mehr man in einer Sprache durch Vernunft unterscheiden lernt, desto schwerer wird einem das Sprechen derselben. Im Fertig-Sprechen ist viel Instinktmäßiges, durch Vernunft läßt es sich nicht erreichen. Gewisse Dinge müssen in der Jugend erlernt werden, sagt man, dieses ist von Menschen wahr, die ihre Vernunft zum Nachteil aller übrigen Kräfte kultivieren.

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Es gibt Leute die nicht sowohl Genie als ein gewisses Talent besitzen dem Jahrhundert oder wohl gar dem Dezennium seine Wünsche abzumerken, noch ehe es sie tut.

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Ich weiß gar nicht was ihr Leute wollt. Ich bin gar nicht einmal willens ein großer Mann zu werden, und das hättet ihr mich wenigstens erst einmal vor der Hand fragen müssen. Meint ihr denn um einem Sünder einmal mit der Geißel über den Wirbel zu hauen müsse man eine Löwen-Force besitzen? Man braucht kein großer Mann zu sein um jemand die Wahrheit zu sagen und ein Glück für uns, daß auch der arme Teufel Wahrheiten sagen kann.

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Wenn wir mehr selbst dächten, so würden wir sehr viel mehr schlechte und sehr viel mehr gute Bücher haben.

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Ich wünschte sehr ein wohlgetroffenes Porträt von Christo zu haben. Hätte man doch Münzen von ihm.

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Man muß nie denken, dieser Satz ist mir zu schwer, der gehört für die großen Gelehrten, ich will mich mit den andern hier beschäftigen, dieses ist eine Schwachheit die leicht in eine völlige Untätigkeit ausarten kann. Man muß sich für nichts zu gering halten.

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So wird uns der Vetter Engel und der Vetter Affe auslachen.

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Es gibt heuer eine gewisse Art Leute, meistens junge Dichter die das Wort Deutsch fast immer mit offnen Naslöchern aussprechen. Ein sicheres Zeichen daß der Patriotismus bei diesen Leuten sogar auch Nachahmung ist. Wer wird immer mit dem Deutschen so dicke tun? Ich bin ein deutsches Mädchen, ist das etwa mehr als ein englisches, russisches oder otaheitisches? Wollt ihr damit sagen daß die Deutschen auch Geist und Talent besitzen? O das leugnet nur ein Unwissender oder ein Tor. Ich stelle mich zum Beweis, wenn er sich zur Behauptung stellt. Er sei Prinz, Duc, Bischof, Lord, Aldermann, Don oder was er will. Gut das ist ein Narre oder Unwissender wer das leugnet, das nehme ich schlechtweg an. Ich bitte euch Landesleute, laßt diese gänzlich unnütze Prahlerei, die Nation die uns verlacht und die die uns beneidet müssen sich darüber kützeln, zumal wenn sie inne werden, daß es ihnen gesagt sein soll.

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Ich wollte lieber das Wort superklug gemacht haben als irgend eines, es macht seinem Zusammensetzer zuverlässig Ehre. Es gibt Leute, die sich angewöhnt haben über alles Reflexionen anzustellen, nicht weil ihnen die Sachen natürlich einfallen, sondern es ist viel mehr ein künstliches Einfallen, das der Philosophie nicht den Henker nützt. Es sind so zu reden Wunder in der Welt der Ideen, auf die man nicht rechnen kann. Da dergleichen Leute immer Ursachen angeben, weil sie es für ihre Pflicht ansehen oder für schön halten, so verfehlen sie fast allemal das Natürliche, denn das Schwere, weit Hergeholte schmeichelt dem Stolze aus welchem sie es tun mehr, als das Natürliche. Auch hierin liegt der Grund davon, daß uns die großen Entdeckungen so leicht zu machen scheinen, wenn sie gemacht sind. Der eigentliche Verständige hingegen, der nicht so viel lebhaften Witz hat, oder ihm wenigstens alsdann nicht gleich traut, schließt so weil er hohe Ursache hat so zu schließen, durch Ähnlichkeit sind mir Tausende verwandt, durch nahe Blutsfreundschaft nur wenige. Versteht ihr mich? Daher urteilt das Frauenzimmer so vernünftig, Wenn sie erst einmal besser erzogen werden, so werden sie schon schlechter werden das haben unsere Vorfahren eingesehen und sie bei großen Sachen zu Rate gezogen. Die Gallier glaubten sogar, es sei etwas Göttliches in ihnen. Ihr Gefühl für das wahre Schöne hängt mit jenem zusammen, so wie das Superkluge mit einem Vergnügen am Sonderbaren verbunden ist. Herr Magister Thiele ist superklug, Professor Meister klug. Der Kluge wird nie superklug, hingegen kann der Superkluge, wenn er aufhört aus dem Erfinden ein Geschäfte zu machen und viel vernünftige Sachen liest, wenn er sich nicht gar zu sehr verstiegen hat, am Ende klug werden.

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Wenn man die Lage, Gestalt und Einrichtung alles dessen was um uns ist gnau untersucht, so werden sich noch natürliche Gründe finden lassen, warum sie so liegen, so gestaltet und so eingerichtet sind. Hat man diesen Regeln nachgespürt, so finden sich nach Maßgabe des Verstandes dessen, der diese Untersuchungen unternimmt, leicht Verbesserungen dieser Dinge, weil man finden wird, daß diese einzigen Regeln in einem Punkt befolgt und in dem andern aus der Acht gelassen worden sind.

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Einige Leute wollen das Studieren der Künste lächerlich machen indem sie sagen man schriebe Bücher über Bildchen. Was sind aber unsre Gespräche und unsre Schriften anders als Beschreibungen von Bildchen auf unserer Retina oder falschen Bildchen in unserem Kopf?

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Wenn man die meisten Gelehrten ansieht, nichts verrichten sie an sich als daß sie sich die Nägel und Federn schneiden. Ihre Haare lassen sie sich durch andere in Ordnung legen, ihre Kleidung durch andere machen, ihre Speise durch andre bereiten, dafür daß sie das Wetter in ihrem Kopfe beobachten.

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Der Mann hatte so viel Verstand, daß er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war.

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Ich kenne die Leute wohl, die ihr meint, sie sind bloß Geist und Theorie und können sich keinen Knopf annähen. Lauter Kopf und nicht so viel Hand als nötig ist einen Knopf anzunähen.

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Die beiden Frauenzimmer umarmten sich aus Grimasse, und hingen zusammen wie 2 Vipern in coitu.

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Außer den Eigenschaften, die er mit allerlei Tieren gemein hatte, hatte er auch noch einige mit Thermometern, Hygrometern und Barometern gemein.

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Man wird in manchen Fällen bloß aus dem Grunde nicht gestraft, oder es sieht vielmehr so aus als wenn man nicht gestraft würde weil man die Strafe an sich selbst bezahlt. Das was ausgezahlt wird wird oft einem Teil genommen und an den andern erlegt. Einer kann an dem Ruhm ein witziger Schriftsteller zu sein zunehmen, während als der Kredit, den er als ehrlicher Mann hatte, abnimmt.

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Wenn Scharfsinn ein Vergrößrungs-Glas ist, so ist der Witz ein Verkleinerungs-Glas. Glaubt ihr denn daß sich bloß Entdeckungen mit Vergrößerungs-Gläsern machen ließen? Ich glaube mit Verkleinerungs-Gläsern, oder wenigstens durch ähnliche Instrumente in der Intellektual-Welt sind wohl mehr Entdeckungen gemacht worden. Der Mond sieht durch einen verkehrten Tubum aus wie die Venus und mit bloßen Augen wie die Venus durch einen guten Tubum in seiner rechten Lage. Durch ein gemeines Opern-Glas würden die Plejaden wie ein Nebelstern erscheinen. Die Welt, die so schön mit Bäumen und Kraut bewachsen ist, hält ein höheres Wesen als wir vielleicht eben deswegen für verschimmelt. Der schönste gestirnte Himmel sieht uns durch ein umgekehrtes Fern-Rohr leer aus.

*

Es wäre ein Tier möglich das seinen Körper nicht übersehen könnte, so wie unsere Seele sich nicht deutlich begreifen kann ob sie gleich weiß, daß sie da ist. Der Materialist findet die Gründe zu schwach, womit man die Existenz der Seele beweisen will, der Idealist findet die andern wieder schwach.

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Bemühe dich, nicht unter deiner Zeit zu sein.

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Er war ein solcher aufmerksamer Grübler, ein Sandkorn sah er immer eher als ein Haus.

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Die Verfasser der Zeitungen und Monatschriften lassen sehr weislich gegen das Ende etwas nach und schreiben schlechter, um die Leser endlich an den gänzlichen Verlust zu gewöhnen, das hätte man ja schon daraus schließen können, daß sie allemal bald hernach ganz aufhören.

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Er hatte sich ein gewisses System gemacht, das nunmehr einen solchen Einfluß auf seine Denkungsform hatte, daß die Zuschauer sein Urteil immer ein paar Schritte vor der Empfindung vorangehen sahen, ob er selbst gleich glaubte es hielte sich hinten.

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Die Gabe den Menschen ihre Heimlichkeiten sagen zu können ist es was man bei einem Schriftsteller oft Menschenkenntnis nennt. Ein Pursch dünkt sich gleich mehr, wenn er den Hut heruntergeschlagen usw. Jedermann hat seinen guten Grad von Menschenkenntnis, die Leute wissen nur nicht, daß man eben das sagen muß um für einen Menschenkenner gehalten zu werden.

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Es gibt Leute die zuweilen ihre Offenherzigkeit rühmen, sie sollten aber bedenken daß die Offenherzigkeit aus dem Charakter fließen muß, sonst muß sie selbst der als eine Grobheit ansehen, der sie sonst, wenn sie echt ist, hochschätzt.

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Zwei Absichten muß man bei der Lektüre beständig vor Augen haben, wenn sie vernünftig sein soll. Einmal die Sachen zu behalten und sie mit seinem System zu vereinigen, und dann vornehmlich, sich die Art eigen zu machen, wie jene Leute die Sachen angesehen haben, das ist die Ursache warum man jedermann warnen soll keine Bücher von Stümpern zu lesen, zumal wenn sie ihre Räsonnements einmischen, man kann Sachen aus ihren Kompilationen lernen, allein was einem Philosophen eben so wichtig, wo nicht wichtiger ist, seiner Denkungs-Art eine gute Form zu geben lernt er nicht.

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Es ist minder schrecklich einen Venerischen der voller Geschwüre ist anzusehen, als einen andern Menschen der böse Geschwüre hat, vermutlich, weil es nur von uns abhängt, ob wir von jenem Übel befreit bleiben wollen, hingegen aber das letztere uns, wie wir wenigstens glauben, auch wider unser Verschulden befallen kann.

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Ich kann nicht leugnen, daß mir als ich zum erstenmal sah, daß man nun in meinem Vaterland anfange zu wissen was Wurzelzeichen sind, mir die klaren Freuden-Tränen in die Augen gedrungen sind.

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Herr mein Gewissen ist so geldfest, daß meine Taschen in einem halben Jahre keines zu sehn bekommen.

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Wie werden einmal unsere Namen hinter den Erfindern des Fliegens und dergleichen vergessen werden.

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Shakespear hat eine besondere Gabe das Närrische auszudrücken, Empfindungen und Gedanken zu malen und auszudrücken, die man kurz vor dem Einschlafen oder in leichtem Fieber hat. Mir ist alsdann schon oft ein Mann wie eine Einmaleins-Tafel vorgekommen, und die Ewigkeit wie ein Bücherschrank. Er müßte vortrefflich kühlen, sagte ich, und meinte den Satz des Widerspruchs, ich hatte ihn ganz eßbar vor mir gesehen.

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Manche Leute wissen alles so, wie man ein Rätsel weiß, dessen Auflösung man gelesen hat, oder einem gesagt worden ist, und das ist die schlechteste Art von Wissenschaft, die der Mensch sich am wenigsten erwerben sollte; er sollte vielmehr darauf bedacht sein sich diejenigen Kenntnisse zu erwerben, die ihn in den Stand setzen vieles selbst im Fall der Not zu entdecken, was andere lesen oder hören müssen um es zu wissen. Viele Simplicia. Also sind wir hier wieder auf einem schon einmal gehabten Gedanken.

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Entsprechen, entsagen. versprechen, versagen.

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Der Herbst, der der Erde die Blätter wieder zuzählt, die sie dem Sommer geliehen hat.

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Ich bin aus vielfältiger Erfahrung überzeugt, daß die wichtigsten und schwersten Geschäfte in der Welt, die der Gesellschaft den meisten Vorteil bringen, durch die sie lebt und sich erhält, von Leuten getan werden die zwischen dreihundert und 800 oder 1000 Taler Besoldung genießen, zu den meisten Stellen, mit denen 20, 30, 50, 100 Taler oder 2000, 3000, 4000, 5000 Taler verbunden sind, könnte man nach einem halbjährigen Unterricht jeden Gassenjungen tüchtig machen, und sollte der Versuch nicht gelingen, so suche man die Schuld nicht im Mangel an Kenntnissen, sondern in der Ungeschicklichkeit, diesen Mangel mit dem gehörigen Gesicht zu verbergen.

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Da sie sahen, daß sie ihm keinen katholischen Kopf aufsetzen konnten, so schlugen sie ihm wenigstens seinen protestantischen ab.

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Endlich kam er, gnau wie er versprochen hatte nach einem Viertelstündgen, das aber fast so lang war als anderthalb der gewöhnlichen bürgerlichen Stunden.

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Wenn sich etwas Bestimmtes von dem Charakter der Engländer sagen läßt, so ist es dieses, daß ihre Nerven wie man zu sagen pflegt sehr fein sind, sie unterscheiden vieles wo andere nur eins sehen, und werden leicht durch den gegenwärtigen Eindruck hingerissen, daher sieht man wie ihre Wankelmütigkeit mit ihrem Genie zusammenhängt. Wenn sie sich vorsätzlich einer einzigen Sache überlassen, so müssen sie es auf diese Art sehr weit bringen.

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Grade das Gegenteil tun heißt auch nachahmen, es heißt nämlich das Gegenteil nachahmen.

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Manche unserer Original-Köpfe müssen wir wenigstens so lange für wahnwitzig halten, bis wir so klug werden wie sie.

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Ich übergebe euch dieses Büchelgen als einen Spiegel um hinein nach euch und nicht als eine Lorgnette um dadurch und nach andern zu sehen.

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Ich habe mit meinen Augen in einer englischen Schrift gelesen, daß die Rede eines gewissen Mitgliedes im Parlament zwar ausgearbeitet, aber sehr vernünftig gewesen sei.

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Es ist nicht zu leugnen, daß das Wort Nonsense, wenn es mit gehöriger Nase und Stimme ausgesprochen wird, etwas hat, das selbst den Wörtern Chaos und Ewigkeit wenig oder nichts nachgibt. Man fühlt eine Erschütterung die wo mich meine Empfindung nicht betrügt von einer fuga vacui des menschlichen Verstandes herrührt.

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Man kann, was einer erfindet, immer ansehen als hätte er es verloren, es ist nur so zu reden verlegt in seinem Kopf, wer nichts in seinem Kopf verloren hat kann nichts finden.

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Leib und Seele ein Pferd neben einen Ochsen gespannt.

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Die so genannten gesitteten Menschen, die unter uns zu reden die allerungesittetsten sind.

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