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Aphorismen

Karl Kraus: Aphorismen - Kunst
Quellenangabe
typeaphorism
authorKarl Kraus
titleKunst
publisherVolk und Welt
year1971
created20040423
senderRoland_Welcker@t-online.de (Roland Welcker)
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Karl Kraus

Aphorismen

Kunst

Mit einem Blick ein Weltbild erfassen, ist Kunst. Wieviel doch in ein Auge hineingeht!

Die Persönlichkeit hat's in sich, das Talent an sich.

Talent haben – Talent sein: das wird immer verwechselt.

Es beweist immerhin eine gesunde Konstitution, wenn sich unter der Einwirkung der Strahlen einer Persönlichkeit die Weltanschauung zu schälen beginnt.

Ein guter Stilist soll bei der Arbeit die Lust eines Narzissus empfinden. Er muß sein Werk so objektivieren können, daß er sich bei einem Neidgefühl ertappt und erst durch Erinnerung darauf kommt, daß er selbst der Schöpfer sei. Kurzum, er muß jene höchste Objektivität bewähren, die die Welt Eitelkeit nennt.

Die Vorstellung, daß ein Kunstwerk Nahrung sei für den philiströsen Appetit, schreckt mich aus dem Schlafe. Vom Bürger verdaut zu werden, verschmähe ich. Aber ihm im Magen liegenzubleiben, ist auch nicht verlockend. Darum ist es vielleicht am besten, sich ihm überhaupt nicht zu servieren.

Gegen den Fluch des Gestaltenmüssens ist kein Kraut gewachsen.

Ein Dichter, der liest: ein Anblick, wie ein Koch, der ißt.

Wozu sollte ein Künstler den anderen erfassen? Würdigt der Vesuv den Ätna, Es könnte sich höchstens eine feminine Beziehung eifersüchtigen Vergleichens ergehen: Wer speit besser?

Wenn's auf der Weltbühne nicht klappt, fällt das Orchester ein.

Der Philister ist nicht imstande, sich seine Gemütserhebungen selbst zu besorgen, und muß unaufhörlich an die Schönheit des Lebens erinnert werden. Selbst zur Liebe bedarf er einer Gebrauchsanweisung.

Diese finden jenes, jene dieses schön. Aber sie müssen es »finden«. Suchen will es keiner.

Es gibt zweierlei Kunstgenießer. Die einen loben das Gute, weil es gut, und tadeln das Schlechte, weil es schlecht. ist. Die anderen tadeln das Gute, weil es gut, und loben das Schlechte, weil es schlecht ist. Die Unterscheidung dieser Arten ist um so einfacher, als die erste nicht vorkommt. Man könnte sich also leicht auskennen, wenn nicht eine dritte Kategorie hinzuträte. Es sind solche, die das Gute loben, obgleich es gut, und das Schlechte tadeln, wiewohl es schlecht ist. Diese gefährliche Art hat die ganze Unordnung in künstlerischen Dingen verschuldet. Ihr Instinkt weist sie an, das Unrichtige zu treffen, aber vorsätzlich treffen sie das Richtige. Sie haben Gründe, die außerhalb des künstlerischen Empfindens liegen. Ohne den Snobismus, der ihn erhebt, könnte der Künstler leben. Schwerlich ohne die Dummheit, die ihn herabsetzt.

Wenn ein Künstler Konzessionen macht, so erreicht er nicht mehr als der Reisende, der sich im Ausland durch gebrochenes Deutsch verständlich zu machen sucht.

Ein Snob ist unverläßlich. Das Werk, das er lobt, kann gut sein.

Nicht alles, was totgeschwiegen wird, lebt.

Die Kritik beweist nicht immer ihren gewohnten Scharfblick; sie ignoriert oft die wertlosesten Erscheinungen.

Es gibt keine Erzeuger mehr, es gibt nur mehr Vertreter.

Die Kunst ist so eigenwillig, daß sie das Können der Finger und Ellbogen nicht als Befähigungsnachweis gelten läßt.

Künstler haben das Recht, bescheiden, und die Pflicht, eitel zu sein.

Was ist die Neunte Symphonie neben einem Gassenhauer, den ein Leierkasten und eine Erinnerung spielen!

Geräusch wird störend nie empfunden, weil stets es mit Musik verbunden.

Leidenschaften können Musik machen. Aber nur wortlose Musik. Darum ist die Oper ein Unsinn. Sie setzt die reale Welt voraus und bevölkert sie mit Menschen, die bei einer Eifersuchtsszene, bei Kopfschmerz, bei einer Kriegserklärung singen, ja sterbend selbst auf die Koloratur nicht verzichten. Sie führt durch die Inkongruenz eines menschenmöglichen Ernstes mit der wunderlichen Gewohnheit des Singens sich selbst ad absurdum. In der Operette ist die Absurdität vorweg gegeben. Sie setzt eine Welt voraus, in welcher die Ursächlichkeit aufgehoben ist, nach den Gesetzen des Chaos, aus dem die andere Welt erschaffen wurde, munter fortgelebt wird und der Gesang als Verständigungsmittel beglaubigt ist. Der »Operettenunsinn« versteht sich von selbst und fordert nicht die Reaktion der Vernunft heraus. Daß Operettenverschwörer singen, ist plausibel, aber die Opernverschwörer meinen es ernst und schädigen den Ernst ihres Vorhabens durch unmotiviertes Singen. Der Operettenunsinn ist Romantik Die Funktion der Musik, den Krampf des Lebens zu lösen und die gedankliche Tätigkeit entspannend wieder anzuregen, paart sich mit einer verantwortungslosen Heiterkeit, die in jenem Wirrsal ein Bild unserer realen Verkehrtheiten ahnen läßt. Der Gedanke der Operette ist Rausch, aus dem Gedanken geboren werden; die Nüchternheit geht leer ans. Die Voraussetzung einer romantischen Welt nun wird einer Welt, die mit jedem Tage voraussetzungsloser wird, immer schwerer. Darum muß die Operette rationalisiert werden. Sie verleugnet die Romantik ihrer Herkunft und huldigt dem Verstand eines Commis voyageur. Die Forderung, daß die Operette vor der reinen Vernunft bestehe, ist die Urheberin des reinen Operettenblödsinns. Jetzt singen nicht mehr die Bobèche und Sparadrap, die Schäferprinzen und die Prinzessinnen von Trapezunt, die fürchterlichen Alchimisten, in deren Gift Kandelzucker ist, keine Königsfamilie mehr wird beim bloßen Wort »Trommel« zu musikalischen Exzessen hingerissen, kein Hauch eines Tyrannen wirft einen falsch mitsingenden Höfling nieder. Aber Attachés und Leutnants bringen sachlich in Tönen vor, was sie ihren Partnerinnen zu sagen haben. Psychologie ist die Ultima ratio der Unfähigkeit, und so mußte auch die Operette psychologisiert werden. Als aber der Unsinn blühte, war er ein Erzieher. Indem die Grazie das künstlerische Maß dieser Narrheit war, mochte dem Operettenunsinn ein lebensbildender Wert zugesprochen werden. Ein Orchesterwitz in Offenbachs »Blaubart« hat mir mehr Empfinden beigebracht als hundert Opern. Erst jetzt, da das Genre Vernunft angenommen und den Frack angezogen hat, wird es sich die Verachtung verdienen, die ihm die Ästhetik seit jeher bezeigt hat.

Ich kann mir denken, daß ein junger Mensch von den Werken Offenbachs, die er in einem Sommertheater zu hören bekommt, entscheidendere Eindrücke empfängt als von jenen Klassikern, zu deren verständnisloser Empfängnis ihn die Pädagogik antreibt. Vielleicht wird seine Phantasie zur Bewältigung der Fleißaufgabe gespornt, sich aus der »Schönen Helena« das Bild jener Heroen zu formen, das ihm die Ilias noch vorenthält. Vielleicht könnte ihm das Zerrbild der Götter den wahren Olymp erschließen.

Die Oper: Konsequenz der Charaktere und Realität der Begebenheiten sind Vorzüge, zu denen nicht erst Musik gemacht werden muß.

Die Naturheilmethode wütet auch in der Kunst.

Man darf auf dem Theater die Natur einer Persönlichkeit nicht mit der Natürlichkeit einer Person verwechseln.

Ich traue der Druckmaschine nicht, wenn ich ihr mein geschriebenes Wort überliefere. Wie kann ein Dramatiker sich auf den Mund eines Schauspielers verlassen!

Endlich sollte einmal zu lesen sein: Die Ausstattung des neuen Stückes hat alles bisher Übertroffene geboten.

Das Lachen über Schauspielereitelkeit, Applausbedürfnis und dergleichen ist lächerlich. Die Theatermenschen brauchen den Beifall, um besser zu spielen; und dazu genügt auch der künstliche. Das Glücksgefühl, das mancher Darsteller zeigt, wenn ihm die applaudieren, die er dafür bezahlt hat, ist ein Beweis für seine Künstlerschaft. Kaum einer wäre ein großer Schauspieler geworden, wenn das Publikum ohne Hände auf die Welt gekommen wäre.

Der persönliche Umgang mit Dichtern ist nicht immer erwünscht. Vor allem mag ich die Somnambulen nicht, die immer auf die richtige Seite fallen.

Wohl hat das Grinzinger Bachl Beethoven zur Pastoral-Symphonie angeregt. Das beweist aber nichts für das Grinzinger Bachl und alles für Beethoven. Je kleiner die Landschaft, desto größer kann Kunstwerk sein. und umgekehrt. Aber zu sagen, die Stimmung, die der Bach einem beliebigen Spaziergänger vermittelt, sei eins mit der Stimmung, die der Hörer von der Symphonie empfängt, ist töricht. Sonst könnte man ja auch sagen, der Geruch von faulen Äpfeln gebe uns Schillers Wallenstein.

Der moderne Geschmack braucht die ausgesuchtesten Komplikationen, um schließlich zu entdecken, daß ein Wasserglas in der Rundform am bequemsten sei. Er erreicht das Sinnvolle auf dem Weg der Unbequemlichkeiten. Er arbeitet im Schweiße seines Angesichts, um zu erkennen, daß die Erde kein Würfel, sondern eine Kugel sei. Dies Indianerstaunen der Zivilisation über die Errungenschaften der Natur hat etwas Rührendes.

Der Ästhet lebt nicht so fern dem Politiker, wie man glaubt. Jenem löst sich das Leben in eine Linie auf, diesem in eine Fläche. Das nichtige Spiel, welches beide treiben,führt beide gleich weit vom Geiste, irgendwohin, wo sie überhaupt nicht mehr in Betracht kommen. Es ist tragisch,für jene Partei reklamiert zu werden, wenn man von dieser nichts wissen will, und zu dieser gehören zu müssen, weil man jene verachtet. Aus der Höhe wahrer Geistigkeit aber sieht man die Politik nur mehr als ästhetischen Tand und die Orchidee als eine Parteiblume. Es ist derselbe Mangel an Persönlichkeit, der die einen treibt, das Leben im Stoffe, und die anderen, das Leben in der Form zu suchen. Sie wollen voneinander nichts wissen, aber sie gehören beide auf denselben Schindanger.

Die Realität nicht suchen und nicht fliehen, sondern erschaffen und im Zerstören erst recht erschaffen: wie sollte man damit Gehirne beglücken, durch deren Windungen zweimal im Tag der Mist der Welt gekehrt wird? Über nichts fühlt sich das Publikum erhabener als über einen Autor, den es nicht versteht, aber Kommis, die sich hinter einer Budel nicht bewährt haben, sind seine Heiligen. Den Journalisten nahm ein Gott, zu leiden, was sie sagen.

Es gibt zwei Arten von Schriftstellern. Solche, die es sind, und solche, die es nicht sind. Bei den ersten gehören Inhalt und Form zusammen wie Seele und Leib, bei den zweiten passen Inhalt und Form zusammen wie Leib und Kleid.

Das geschriebene Wort sei die naturnotwendige Verkörperung eines Gedankens und nicht die gesellschaftsfähige Hülle einer Meinung.

Wer Meinungen von sich gibt, darf sich auf Widersprüchen nicht ertappen lassen. Wer Gedanken hat, denkt auch zwischen den Widersprüchen.

Was leicht ins Ohr geht, geht leicht hinaus. Was schwer ins Ohr geht, geht schwer hinaus. Das gilt vom Schreiben noch mehr als vom Musikmachen.

Wer nichts der Sprache vergibt, vergibt nichts der Sache.

Ein Schriftsteller, der einen täglichen Fall verewigt, kompromittiert nur die Aktualität. Wer aber die Ewigkeit journalisiert, hat Aussicht, in der besten Gesellschaft anerkannt zu werden.

Daß einer sich der Sprache bedient, um zu sagen, daß ein Minister untauglich ist, macht ihn noch nicht zum Schriftsteller.

In der Sprachwissenschaft muß ein Autor nicht unfehlbar sein. Auch kann die Verwendung unreinen Materials einem künstlerischen Zweck frommen. Ich vermeide Lokalismen nicht, wenn sie einer satirischen Absicht dienen. Der Witz, der mit gegebenen Vorstellungen arbeitet und eine geläufige Terminologie voraussetzt, zieht die Sprachgebräuchlichkeit der Sprachrichtigkeit vor, und nichts ist ihm ferner als der Ehrgeiz puristischen Strebens. Es geht um Sprachkunst. Daß es so etwas gibt, spüren fünf unter tausend. Die anderen sehen eine Meinung, an der etwa ein Witz hängt, den man sich bequem ins Knopfloch stecken kann. Von dem Geheimnis organischen Wachstums haben sie keine Ahnung. Sie werten nur das Material. Die platteste Vorstellung kann zu tiefster Wirkung gebracht werden: sie wird unter der Betrachtung solcher Leser wieder platt. Die Trivialität als Element satirischer Gestaltung: ein Kalauer bleibt in ihrer Hand.

Der Wortwitz, als Selbstzweck verächtlich, kann das edelste Mittel einer künstlerischen Absicht sein, indem er der Abbreviatur einer witzigen Anschauung dient. Er kann ein sozialkritisches Epigramm sein.

Beim Witz ist die sprachliche Trivialität oft der Inhalt des künstlerischen Ausdrucks. Der Schriftsteller, der sich ihrer bedient, ist echter Feierlichkeit fähig. Das Pathos an und für sich ist ebenso wertlos wie die Trivialität als solche.

Die Form ist der Gedanke. Sie macht einen mittelmäßigen Ernst zum tieferen Witz. So, wenn ich sage, daß in ein Kinderzimmer, wo wilde Rangen spielen, ein unzerreißbares Mutterherz gehört.

Man muß meine Arbeiten zweimal lesen, um ihnen nahe zu kommen. Aber ich habe auch nichts dagegen, daß man sie dreimal liest. Lieber aber ist mir, man liest sie überhaupt nicht als bloß einmal. Die Kongestionen eines Dummkopfs, der keine Zeit hat, möchte ich nicht verantworten.

Man muß alle Schriftsteller zweimal lesen, die guten und die schlechten. Die einen wird man erkennen, die andern entlarven.

Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche.

Die Ideensumme eines literarischen Aufsatzes sei das Ergebnis einer Multiplikation, nicht einer Addition.

Werdegang des Schreibenden: Im Anfang ist man's ungewohnt und es geht darum wie geschmiert. Aber dann wird's schwerer und immer schwerer, und wenn man erst in die Übung kommt, dann wird man mit manch einem Satz nicht fertig.

Ein Buch kann darüber täuschen, ob es die Weltanschauung des Autors bietet oder eine, die er bloß vertritt. Ein Satz ist die Probe, ob man eine hat.

Einen Aphorismus kann man in keine Schreibmaschine diktieren. Es würde zu lange dauern.

Ein Aphorismus braucht nicht wahr zu sein, aber er soll die Wahrheit überflügeln. Er muß mit einem Satz über sie hinauskommen.

Journalist heißt einer, der das, was der Leser sich ohnehin schon gedacht hat, in einer Form ausspricht, in der es eben doch nicht jeder Kommis imstande wäre.

Ein Feuilleton schreiben heißt, auf einer Glatze Locken drehen.

Die gefährlichsten Literaten sind die, welche ein gutes Gedächtnis aller Verantwortung enthebt. Sie können nichts dafür und nichts dagegen, daß ihnen etwas angeflogen kommt. Da ist mir ein ehrlicher Plagiator lieber.

Zuerst schnüffelt der Hund, dann hebt er selbst das Bein. Gegen diesen Mangel an Originalität kann man füglich nichts einwenden. Aber daß der Literat zuerst liest, ehe er schreibt, ist trostlos.

In der Literatur gibt es zwei verschiedene Ähnlichkeiten. Wenn man findet, daß ein Autor einen andern zum Verwandten, und wenn man entdeckt, daß er ihn bloß zum Bekannten hat.

Zu seiner Belehrung sollte ein Schriftsteller mehr leben als lesen. Zu seiner Unterhaltung sollte ein Schriftsteller mehr schreiben als lesen. Dann können Bücher entstehen, die das Publikum zur Belehrung und zur Unterhaltung liest.

Einen Roman zu schreiben, mag ein reines Vergnügen sein. Nicht ohne Schwierigkeit ist es bereits, einen Roman zu erleben. Aber einen Roman zu lesen, davor hüte ich mich, so gut es irgend geht.

Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?

Nur eine Sprache, die den Krebs hat, neigt zu Neubildungen.

Ungewöhnliche Worte zu gebrauchen, ist eine literarische Unart. Man darf dein Publikum bloß gedankliche Schwierigkeiten in den Weg legen.

Wo weder zum Weinen Kraft ist noch zum Lachen, lächelt der Humor unter Tränen.

Sentimentale Ironie ist ein Hund, der den Mond anbellt, dieweil er auf Gräber pißt.

In der Literatur hüte man sich vor den Satzbauschwindlern. Ihre Häuser kriegen zuerst Fenster und dann Mauern.

Geistige Zuckerbäcker liefern kandierte Lesefrüchte.

»Gut schreiben« ohne Persönlichkeit kann für den Journalismus reichen. Allenfalls für die Wissenschaft. Nie für die Literatur.

Warum schreibt mancher? Weil er nicht genug Charakter hat, nicht zu schreiben.

Deutsche Literaten: Die Lorbeern, von denen der eine träumt, lassen den andern nicht schlafen. Ein anderer träumt, daß seine Lorbeern wieder einen andern nicht schlafen lassen, und dieser schläft nicht, weil der andere von Lorbeern träumt.

Als mir da neulich einer unserer jungen Dichter vorgestellt wurde, rutschte mir die Frage heraus, bei welcher Bank er dichte. Es geschah ganz unabsichtlich und ich wollte den armen Teufel nicht beleidigen.

Es gibt seichte und tiefe Hohlköpfe.

Die Prostitution des Leibes teilt mit dem Journalismus die Fähigkeit, nicht empfinden zu müssen, hat aber vor ihm die Fähigkeit voraus, empfinden zu können.

Ein guter Schriftsteller erhält bei weitem nicht so viele anonyme Schmähbriefe, als man gewöhnlich annimmt. Auf hundert Esel kommen nicht zehn, die es zugeben, und höchstens einer, der's niederschreibt.

Die bange Frage steigt auf, ob der Journalismus, dem man schweigend die besten Werke zur Beute hinwirft, nicht auch kommenden Zeiten schon die Empfänglichkeit für die sprachliche Kunst verdorben hat.

Lichtenberg gräbt tiefer als irgendeiner, aber er kommt nicht wieder hinauf. Er redet unter der Erde. Nur wer selbst tief gräbt, hört Ihn.

Im Anfang war das Rezensionsexemplar, und einer bekam es vom Verleger zugeschickt. Darin schrieb er eine Rezension. Dann schrieb er ein Buch, welches der Verleger annahm und als Rezensionsexemplar weitergab. Der nächste, der es bekam, tat desgleichen. So ist die moderne Literatur entstanden.

Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, »Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können«. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist, Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.

Seitdem faule Äpfel einmal in der deutschen Dramatik zur Anregung gedient haben, fürchtet das Publikum, sie zur Abschreckung zu verwenden.

Revisoren über Shakespeare-Schlegel! Die Flügel, die ein Wort bekommen hat, ihm brechen, das vermag nur ein philologisches Gewissen.

Mein Gehör ermöglicht es mir, einen Schauspieler, den ich vor Jahrzehnten in einer Dienerrolle auf einem Provinztheater und seit damals nicht gesehen habe, nachzuahmen. Das ist ein wahrer Fluch. Ich höre jeden Menschen sprechen, den ich einmal gehört habe. Nur die heutigen Schriftsteller, deren Feuilletons ich lese, höre ich nie sprechen. Darum muß ich jedem erst eine besondere Rolle zuweisen. Wenn ich einen Wiener Zeitungsartikel lese, höre ich einen Zahlkellner oder einen Hausierer, der mir vor Jahren einmal ein Taschenfeitel angehängt hat. Oder es ist eine Vorlesung bei der Hausmeisterin. Mit einem Wort, ich muß mich auf irgendeinen geistigen Dialekt einstellen, um mich durchzuschlagen. Aber es wird wohl die Stimme des Autors sein.

Eigene Gedanken müssen nicht immer neu sein. Aber wer einen neuen Gedanken hat, kann ihn leicht von einem andern haben.

Eine neue Erkenntnis muß so gesagt sein, daß man glaubt, die Spatzen auf dem Dach hätten nur durch einen Zufall versäumt, sie zu pfeifen.

Es gibt Wahrheiten, durch deren Entdeckung man beweisen kann, daß man keinen Geist hat.

Nicht immer darf ein Name genannt werden. Nicht, daß einer es getan hat, sondern daß es möglich war, soll gesagt sein.

Ein armseliger Hohn, der sich in Interpunktionen austobt und Rufzeichen, Fragezeichen und Gedankenstriche als Peitschen, Schlingen und Spieße verwendet.

Den Witz eines Witzigen erzählen heißt bloß: einen Pfeil aufheben. Wie er abgeschossen wurde, sagt das Zitat nicht.

Einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es kann, ist oft schwer. Viel leichter ist es, einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es nicht kann.

Lebensüberdrüssig sein, weil man in seiner Arbeit einen Fehler gefunden hat, den kein anderer sieht; sich erst beruhigen, wenn man noch einen zweiten findet, weil dann den Fleck auf der Ehre die Erkenntnis der Unvollkommenheit menschlichen Bemühens deckt: durch solches Talent zur Qual scheint mir die Kunst vom Handwerk unterschieden. Flachdenker könnten diesen Zug für Pedanterie halten; aber sie ahnen nicht, aus welcher Freiheit solcher Zwang geboren ist und zu welcher Leichtigkeit der Produktion solche Selbstbeschwerung leitet. Nichts wäre törichter, als von Formtiftelei zu sprechen, wo Form nicht das Kleid des Gedankens ist, sondern sein Fleisch. Diese Jagd nach den letzten Ausdrucksmöglichkeiten führt bis ins Eingeweide der Sprache. Hier wird jenes Ineinander geschaffen, bei dem die Grenze von Was und Wie nicht mehr feststellbar ist und worin oft vor dem Gedanken der Ausdruck war, bis er unter der Feile den Funken gab. Die Dilettanten arbeiten sicher und leben zufrieden. Ich habe oft schon um eines Wortes willen, das die Milligrammwaage meines Stilempfindens ablehnte, die Druckmaschine aufgehalten und das Gedruckte vernichten lassen. Die Maschine vergewaltigt den Geist, anstatt ihm zu dienen: so will er ihr den Herrn zeigen. Wann bin ich zu Ende, da das Erscheinen schließlich nicht verhindert werden kann und die ersehnte Cäsur des Schaffens doch nicht bringt? Ach, ich bin mit einer Arbeit erst fertig, wenn ich an eine andere gehe; so lange dauert meine »Autorkorrektur«. So lange währt auch die lebenswerte Narrheit, zu glauben, das Fehlen eines nachgeborenen Einfalls werde der Leser merken. Und gegenüber einem Schreiben, das seine Unvollkommenheit so blutig bereut, hält dieser Leser seine am Journalismus entartete Lesefähigkeit für vollkommen. Er hat für ein paar Groschen ein Recht auf Oberflächlichkeit erworben: käme er denn auf seine Kosten, wenn er auf die Arbeit eingehen müßte? Es stünde vielleicht besser, wenn die deutschen Schriftsteller den zehnten Teil der Sorgfalt an ihre Manuskripte wenden wollten, die ich hinterher an meine Drucke wende. Ein Freund, der mir oft als Wehmutter beistand, staunte, wie leicht meine Geburten seien und wie schwer mein Wochenbett. Den anderen geht's gut. Sie arbeiten am Schreibtisch und vergnügen sich in der Gesellschaft. Ich vergnüge mich am Schreibtisch und arbeite in der Gesellschaft. Darum meide ich die Gesellschaft. Ich könnte die Leute höchstens fragen, ob ihnen dieses oder jenes Wort besser gefällt. Und das wissen die Leute nicht.

Man muß jedesmal so schreiben, als ob man zum ersten und zum letzten Male schriebe. So viel sagen, als ob's ein Abschied wäre, und so gut, als bestände man ein Debüt.

Ich beherrsche die Sprache nicht; aber die Sprache beherrscht mich vollkommen. Sie ist mir nicht die Dienerin meiner Gedanken. Ich lebe in einer Verbindung mit ihr, aus der ich Gedanken empfange, und sie kann mit mir machen, was sie will. Ich pariere ihr aufs Wort. Denn aus dem Wort springt mir der junge Gedanke entgegen und formt rückwirkend die Sprache, die ihn schuf. Solche Gnade der Gedankenträchtigkeit zwingt auf die Knie und macht allen Aufwand zitternder Sorgfalt zur Pflicht. Die Sprache ist eine Herrin der Gedanken, und wer das Verhältnis umzukehren vermag, dem macht sie sich im Hause nützlich, aber sie sperrt ihm den Schoß.

Das älteste Wort sei fremd in der Nähe, neugeboren und mache Zweifel, ob es lebe. Dann lebt es. Man hört das Herz der Sprache klopfen.

Es gibt einen produktiven Zweifel, der über ein totes Ultimatum hinausgeht. Ich könnte Hefte mit den Gedanken füllen, die ich bis zu einem Gedanken, und Bände mit jenen, die ich nach einem Gedanken gedacht habe.

Warum ist das Publikum so frech gegen die Literatur? Weil es die Sprache beherrscht. Die Leute würden sich ganz ebenso gegen die andern Künste vorwagen, wenn es ein Verständnismittel wäre, sich anzusingen, sich mit Farbe zu beschmieren oder mit Gips zu bewerfen. Das Unglück ist eben, daß die Wortkunst aus einem Material arbeitet, das der Bagage täglich durch die Finger geht. Darum ist der Literatur nicht zu helfen. Je weiter sie sich von der Verständlichkeit entfernt, desto zudringlicher reklamiert das Publikum sein Material. Das Beste wäre noch, die Literatur so lange vor dem Publikum zu verheimlichen, bis ein Gesetz zustande kommt, welches den Leuten die Umgangssprache verbietet und ihnen nur erlaubt, sich in dringenden Fällen einer Zeichensprache zu bedienen. Aber ehe dieses Gesetz zustande kommt, dürften sie wohl gelernt haben, die Arie »Wie geht das Geschäft?« mit einem Stilleben zu beantworten.

Was vom Stoff lebt, stirbt vor dem Stoffe. Was in der Sprache lebt, lebt mit der Sprache.

Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, daß in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort bat, in das der Gedanke hineinwächst.

Die Sprache sei die Wünschelrute, die gedankliche Quellen findet.

Weil ich den Gedanken beim Wort nehme, kommt er.

Der Gedanke ist in der Welt, aber man hat ihn nicht. Er ist durch das Prisma stofflichen Erlebens in Sprachelemente zerstreut: der Künstler schließt sie zum Gedanken.

Der Gedanke ist ein Gefundenes, ein Wiedergefundenes. Und wer ihn sucht, ist ein ehrlicher Finder, ihm gehört er, auch wenn ihn vor ihm schon ein anderer gefunden hätte.

Es gibt Vorahmer von Originalen. Wenn zwei einen Gedanken haben, so gehört er nicht dem, der ihn früher hatte, sondern dem, der ihn besser hat.

Es gibt eine Zuständigkeit der Gedanken, die sich um ihren jeweiligen Aufenthalt wenig kümmert.

Man tadelte Herrn v. H. wegen eines schlechten Satzes. Mit Recht. Denn es stellte sich heraus, daß der Satz von Jean Paul und gut war.

In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.

Der längste Atem gehört zum Aphorismus.

Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern.

Der Ausdruck sitze dem Gedanken nicht wie angemessen, sondern wie angegossen.

Wenn ein Gedanke in zwei Formen leben kann, so hat er es nicht so gut wie zwei Gedanken, die in einer Form leben.

Vom Künstler und dem Gedanken gelte das Nestroysche Wort: Ich hab einen Gefangenen gemacht und er läßt mich nicht mehr los.

In der Kunst kommt es nicht darauf an, daß man Eier und Fett nimmt, sondern daß man Feuer und Pfanne hat.

Der Journalist ist vom Termin angeregt. Er schreibt schlechter, wenn er Zeit hat.

Ein Redner schrieb: »Möge die Stimme des Freundes nicht ungehört verhallen!« – Die Stimme verhallt, weil sie gehört wird. Das Wort kann auch ungehört nicht verhallen.

Zur Entschuldigung eines Leseabends:

Literatur ist, wenn ein Gedachtes zugleich ein Gesehenes und ein Gehörtes ist. Sie wird mit Aug und Ohr geschrieben. Aber Literatur muß gelesen sein, wenn ihre Elemente sich binden sollen. Nur dem Leser (und nur dem, der ein Leser ist) bleibt sie in der Hand. Er denkt, sieht und hört und empfängt das Erlebnis in derselben Dreieinigkeit, in der der Künstler das Werk gegeben hat. Man muß lesen, nicht hören, was geschrieben steht. Zum Nachdenken des Gedachten hat der Hörer nicht Zeit, auch nicht, dem Gesehenen nachzusehen. Wohl aber könnte er das Gehörte überhören. Gewiß, der Leser hört auch besser als der Hörer. Diesem bleibt ein Schall. Möge der stark genug sein, ihn als Leser zu werben, damit er nachhole, was er als Hörer versäumt hat.

Man sagt, der Autor habe einen Einfall in Worte gekleidet. Das kommt daher, daß das Schneidern eine seltenere Gabe ist als das Schreiben. Von jeder Sphäre bezieht man Worte, nur nicht von der literarischen. Was macht der Dichter aus den Worten? Bilder. Oder er bringt sie zu plastischer Wirkung. Wann aber sagt man einmal, es sei ein Gedicht, und hat das höchste gesagt? Wenn es eine Omelette surprise ist.

Ein Original, dessen Nachahmer besser sind, ist keines.

Wenn in einem Satz ein Druckfehler stehengeblieben ist und er gibt doch einen Sinn, so war der Satz kein Gedanke.

Ich warne vor Nachdruck. Meine Sätze leben nur in der Luft meiner Sätze: so haben sie keinen Atem. Denn es kommt auf die Luft an, in der ein Wort atmet, und in schlechter krepiert selbst eines von Shakespeare.

Ein Werk der Sprache in eine andere Sprache übersetzt, heißt, daß einer ohne seine Haut über die Grenze kommt und drüben die Tracht des Landes anzieht.

Wenn man einem deutschen Autor nachsagt, er sei bei den Franzosen in die Schule gegangen, so ist es erst dann das höchste Lob, wenn es nicht wahr ist.

Ein Gedankenstrich ist zumeist ein Strich durch den Gedanken.

Wer nicht Temperament hat, muß Ornament haben. Ich kenne einen Schriftsteller, der es sich nicht zutraut, das Wort »Skandal« hinzuschreiben, und der deshalb »Skandalum« sagen muß. Denn es gehört mehr Kraft dazu, als er hat, um im gegebenen Augenblick das Wort »Skandal« zu sagen.

Wer sich darauf verlegt, Präfixe zu töten, dem geht's nicht um die Wurzel. Wer weisen will, beweist nicht; wer kündet, hat nichts zu verkünden.

Er meint nicht mich. Aber seine Unfähigkeit, sich so auszudrücken, daß er mich nicht gemeint hat, ist doch ein Angriff gegen mich.

Wer von Berufs wegen über die Gründe des Seins nachdenkt, muß nicht einmal so viel zustande bringen, um seine Füße daran zu wärmen. Aber beim Schuhflicken ist schon manch einer den Gründen des Seins nahe gekommen.

Im Epischen ist etwas von gefrorner Überflüssigkeit.

Ich habe gegen die Romanliteratur aus dem Grunde nichts einzuwenden, weil es mir zweckmäßig erscheint, daß das, was mich nicht interessiert, umständlich gesagt wird.

Der geistige Leser hat das stärkste Mißtrauen gegen jene Erzähler, die sich in exotischen Milieus herumtreiben. Der günstigste Fall ist noch, daß sie nicht dort waren. Aber die meisten sind so gearbeitet, daß sie eine Reise tun müssen, um etwas zu erzählen.

Moderne Architektur ist das aus der richtigen Erkenntnis einer fehlenden Notwendigkeit erschaffene Überflüssige.

Sie legen ihm die Hindernisse in den Weg, von denen er sie befreien wollte.

Zum erstenmal fühlen die Kunstmaurer, wie sie das Leben als tabula rasa anstarrt. Das hätten wir auch gekonnt! rufen sie, nachdem sie sich erholt haben, während er [es?] vor ihren Schnörkeln bekennen muß, daß er [es?] es nie vermocht hätte.

Kokoschka hat ein Porträt von mir gemacht. Schon möglich, daß mich die nicht erkennen werden, die mich kennen. Aber sicher werden mich die erkennen, die mich nicht kennen.

An einem wahren Porträt muß man erkennen, welchen Maler es vorstellt.

Varieté. Der Humor der Knockabouts ist heute der einzige Humor von Weltanschauung. Weil er tieferen Grund hat, scheint er grundlos zu sein wie die Aktion, die er bietet. Grundlos ist das Lachen, das er in unserer Region auslöst. Wenn ein Mensch plötzlich auf allen vieren liegt, so ist es eine primitive Kontrastwirkung, der sich schlichte Gemüter nicht entziehen können. Ein feineres Verständnis setzt schon die Darstellung eines Zeremonienmeisters voraus, der auf dem Parkett hinplumpst. Es wäre die Ad-absurdum-Führung der Würde, der Umständlichkeit, des dekorativen Lebens. Diesen Humor zu verstehen, bietet die mitteleuropäische Kultur alle Voraussetzung. Der Humor der Clowns hat hier keine Wurzel. Wenn sie einander auf den Bauch springen, so kann bloß die Komik der veränderten Lage, des unvorhergesehenen Malheurs verfangen. Aber der amerikanische Humor ist die Ad-absurdum-Führung eines Lebens, in dem der Mensch Maschine geworden ist. Der Verkehr spielt sich ohne Hindernisse ab; darum ist es plausibel, daß einer zum Fenster hereingeflogen kommt und zur Tür wieder hinausgeworfen wird, die er gleich mitnimmt. Das Leben ist eben ungemein vereinfacht. Da der Komfort das oberste Prinzip ist, so versteht es sich von selbst, daß man Bier haben kann, wenn man einen Menschen anzapft und ein Gefäß unter die Öffnung hält. Die Leute schlagen einander mit der Hacke auf den Schädel und fragen zartfühlend: Haben Sie das bemerkt? Es ist ein unaufhörliches Gemetzel der Maschinen, bei dem kein Blut fließt. Das Leben hat einen Humor, der über Leichen geht, ohne weh zu tun. Warum diese Gewalttätigkeit? Sie ist bloß eine Kraftprobe auf die Bequemlichkeit. Man drückt auf einen Knopf, und ein Hausknecht stirbt. Was lästig ist, wird aus dem Weg geräumt. Balken biegen sich auf Wunsch, alles geht flott vonstatten, müßig ist keiner. Nur ein Papierschnitzel will auf einmal nicht parieren. Es bleibt nicht liegen, wenn man es der Bequemlichkeit halber hingeworfen hat, es geht immer wieder in die Höhe. Das ist ärgerlich, und man sieht sich gezwungen, es mit dem Hammer zu bearbeiten. Noch immer zuckt es. Man will es erschießen. Man sprengt es mit Dynamit. Ein unerhörter Apparat wird aufgeboten, um es zu beruhigen. Das Leben ist furchtbar kompliziert geworden. Schließlich geht alles drunter und drüber, weil irgendein Ding in der Natur sich dem System nicht fügen wollte ... Vielleicht ein Fetzen Sentimentalität, den ein Defraudant aus Europa herübergebracht hatte.

Der Bürger duldet nichts Unverständliches im Haus.

Der Erzähler ist für die Leute da? Wenn die Abende lang werden? Man kürze sie ihnen anders! Ihnen noch etwas erzählen? Bevor die Nacht kommt, etwas Spannendes? Etwas in Lieferungen? Strychnin und die Folter! Der Abend dauert zu lange.

Meine Angriffe sind so unpopulär, daß erst die Schurken, die da kommen werden, mich verstehen werden.

Ich mache kleine Leute durch meine Satire so groß, daß sie nachher würdige Objekte für meine Satire sind und mir kein Mensch mehr einen Vorwurf machen kann.

Es gibt Leute, die sich schlechter, als es notwendig ist, benehmen, damit mir übel werde, ehe ich sie angreife. Doch sie geben sich einer falschen Hoffnung hin, da sie zwar jenes bewirken, aber dieses nicht verhindern können. So unappetitlich kann gar keiner sein, daß ich ihn nicht angreife.

Tadler und Lober sind unerwünschte Zeugen. Die am Ufer stecken ihre Füße ins Wasser, um zu beweisen, daß es schmutzig sei. Die am Ufer nehmen eine hohle Hand voll, um die Schönheit des Elements darzutun.

Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.

Wenn der Leser den Autor fragt, was er sich dabei gedacht habe, so beweist das nichts gegen den Gedanken. Aber er ist sicher gut, wenn der Autor es nicht mehr weiß und den Leser fragt, was er sich dabei gedacht habe.

Logik ist die Feindin der Kunst Aber Kunst darf nicht die Feindin der Logik sein. Logik muß der Kunst einmal geschmeckt haben und von ihr vollständig verdaut worden sein. Um zu behaupten, daß zweimal zwei fünf ist, hat man zu wissen, daß zweimal zwei vier ist. Wer freilich nur dieses weiß, wird sagen, jenes sei falsch.

Ich beherrsche nur die Sprache der andern. Die meinige macht mit mir, was sie will.

Wenn ich der Vollendung nahe bin, beginne ich erst zu zweifeln, und da brauche ich darin einen, dem ich alle meine Fragen beantworte.

Der Journalist hat das Wort bei der Hand. Ich bin oft in Verlegenheit! Hätt ich nur einen Journalisten bei der Hand! Ich nähm ihm das Wort aus der Hand und gäb ihm dafür einen Schlag auf die Hand.

Er wollt es brechen, da sagt' es fein: Soll ich zum Welken gebrochen sein? Ich grub's mit allen den Würzlein aus . . . Aber selbst verwelkt, läßt sich das Wort noch zum Fortblühen bringen.

Das Hauptwort ist der Kopf, das Zeitwort ist der Fuß, das Beiwort sind die Hände. Die Journalisten schreiben mit den Händen.

Die Phrase ist manchmal doch einer gewissen Plastik fähig. Von einem Buch, das als Reiselektüre empfohlen wurde, hieß es: »Und wer das Buch zu lesen beginnt, liest es in einem Zuge durch.«

Ein X. sagte geringschätzig, daß von mir nicht mehr bleiben werde als ein paar gute Witze. Das wäre immerhin etwas, aber leider bleibt auch das nicht, weil mir die paar guten Witze längst gestohlen wurden, und zwar vom X.

Ein Künstler, der Erfolg hat, muß den Kopf nicht hängenlassen. Er soll erst dann an sich verzweifeln, wenn ein Schwindler durchfällt.

Die meisten Kritiker schreiben Kritiken, die von den Autoren sind, über die sie die Kritiken schreiben. Das wäre noch nicht das schlimmste. Aber die meisten Autoren schreiben dann auch die Werke, die von den Kritikern sind, die über sie Kritiken schreiben.

Manche Talente bewahren ihre Frühreife bis ins späte Alter.

Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist.

Dieser Autor ist so tief, daß ich als Leser lange gebraucht habe, um ihm auf die Oberfläche zu kommen.

Ein Literaturprofessor meinte, daß meine Aphorismen nur die mechanische Umdrehung von Redensarten seien. Das ist ganz zutreffend. Nur hat er den Gedanken nicht erfaßt, der die Mechanik treibt: daß bei der mechanischen Umdrehung der Redensarten mehr herauskommt als bei der mechanischen Wiederholung. Das ist das Geheimnis des Heutzutag, und man muß es erlebt haben. Dabei unterscheidet sich aber die Redensart noch immer zu ihrem Vorteil von einem Literaturprofessor, bei dem nichts herauskommt, wenn ich ihn auf sich beruhen lasse, und wieder nichts, wenn ich ihn mechanisch umdrehe.

Ich bin vielleicht der erste Fall eines Schreibers, der sein Schreiben zugleich schauspielerisch erlebt. Würde ich darum einem andern Schauspieler meinen Text anvertrauen? Nestroys Geistigkeit ist unbühnenhaft. Der Schauspieler Nestroy wirkte, weil er etwas, was kein Hörer verstanden hätte, so schnell heruntersprach, daß es kein Hörer verstand.

Solange die Malerei nicht den Leuten was malt und die Musik ihnen nicht heimgeigt, halte ich's mit der Literatur; da kann man mit ihnen deutsch reden.

In mir verbindet sich eine große Fähigkeit zur Psychologie mit der größeren, über einen psychologischen Bestand hinwegzusehen.

Künstler ist nur einer, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann.

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