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Aphorismen

Karl Kraus: Aphorismen - 1915
Quellenangabe
typeaphorism
authorKarl Kraus
title1915
publisherVolk und Welt
year1971
created20040423
senderRoland_Welcker@t-online.de (Roland Welcker)
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Karl Kraus

Aphorismen

1915

Jetzt sind alle Gedankengänge Laufgräben. Meine gar Katakomben.

Ein Zauberlehrling scheint die Abwesenheit des Meisters benützt zu haben. Nur daß es statt Wassers Blut gibt.

Das Kinderspiel »Wir spielen Weltkrieg« ist noch trostloser als der Ernst »Wir spielen Kinderstube«. Es wäre dieser Menschheit zu wünschen, daß ihre Säuglinge mit Erfolg anfangen, einander auszuhungern und den Ammen die Kundschaft abzutreiben.

Es gibt eine Idee, die einst den wahren Weltkrieg in Bewegung setzen wird: Daß Gott den Menschen nicht als Konsumenten und Produzenten erschaffen hat. Daß das Lebensmittel nicht Lebenszweck sei. Daß der Magen dem Kopf nicht über den Kopf wachse. Daß das Leben nicht in der Ausschließlichkeit der Erwerbsinteressen begründet sei. Daß der Mensch in die Zeit gesetzt sei, um Zeit zu haben und nicht mit den Beinen irgendwo eher anzulangen als mit dem Herzen.

Dieser Krieg wirkt aus den Verfallsbedingungen der Zeit. Er ist die eigentliche Realisierung des Status quo.

Was kann durch einen Weltkrieg entschieden werden? Nicht mehr, als daß das Christentum zu schwach war, ihn zu verhindern.

Paternoster heißt ein Lift. Bethlehem ist ein Ort in Amerika, wo sich die größte Munitionsfabrik befindet.

Das Gefühl des neudeutschen Menschen, daß er sich selbst keine höhere Bestimmung zuerkennen dürfe als die, eine Präzisionsuhr zu sein, hat eine Redensart gefunden, deren smarte Häßlichkeit durch ihre bündige Wahrheit versöhnt. Man spricht davon, irgendwo sei eine Gesellschaft versammelt gewesen, in der außer Künstlern und Bohemiengs [Bohemiens] sogar Prinzen bemerkt wurden. Da setzt man denn, damit es nur sicher geglaubt werde, gleich hinzu: »richtiggehende Prinzen«. Adel und Schönheit, Liebe und Kunst, Tag und Traum, Krieg und Friede, Zufall und Schicksal – alles geht richtig. Man muß den Menschen, wenn er einmal erzeugt ist, nur aufziehen, dann geht er schon alleine richtig. Eine weitere Gebrauchsanweisung erübrigt sich ... Und da wundert man sich, daß im Instinkt der umgebenden Menschheit etwas gegen ein Verfahren rebelliert, das als patentierter Instinktersparer den Menschen so weit gebracht hat, pünktlich dort zu sein, wohin ihn Gott nicht bestellt hat, und pünktlich dort zu fehlen, wo Gott so lange vergebens wartet.

Zwischen der Sprache und dem Krieg läßt sich etwa dieser Zusammenhang feststellen: daß jene Sprache, die am meisten zu Phrase und Vorrat erstarrt ist, auch den Hang und die Bereitschaft erklärt, das Wesen durch ein Surrogat des Tonfalls zu ersetzen, mit Überzeugung alles das an sich selbst untadelig zu finden, was dem andern zum Vorwurf gereicht, mit Entrüstung zu enthüllen, was man auch gern tut, jeden Zweifel in einem Satzdickicht zu fangen und jeden Verdacht, als ob nicht alles in Ordnung wäre, wie einen feindlichen Angriff mühelos abzuweisen. Das ist vorzüglich die Qualität einer Sprache, die heute jener Fertigware gleicht, welche an den Mann zu bringen den Lebensinhalt ihrer Spracher ausmacht; sie glänzt wie ein Heiligenschein, und sie hat nur noch die selbstverständliche Seele des Biedermanns, der gar keine Zeit hatte, eine Schlechtigkeit zu begehen, weil sein Leben nur aufs Geschäft auf- und draufgeht und, wenn's nicht gereicht hat, ein offenes Konto bleibt.

Für die Kultur eines Volkes dürfte die Anzahl der »Zarathustra«-Exemplare, die seine Soldaten im Tornister führen, schwerlich ein verläßlicher Maßstab sein. Eher schon der Umstand, daß den Soldaten mehr »Zarathustra«-Exemplare nachgerühmt werden, als im Felddienst tatsächlich zur Verwendung gelangen, und daß es jene hören wollen, die daheim ihren »Zarathustra« lesen und ihre Zeitung.

Die deutsche Bildung sollte nicht geleugnet werden. Nur muß man auch wissen, daß sie kein Inhalt ist, sondern ein Schmückedeinheim.

Mit gutem Recht ist in den Betrachtungen über Kultur und Krieg immer davon die Rede, daß die andern die Utilitarier sind. Diese Auffassung entstammt dem deutschen Idealismus, der auch die Nahrungs- und Abführmittel verklärt hat.

Ich kann beweisen, daß es doch das Volk der Dichter und Denker ist. Ich besitze einen Band Klosettpapier, der in Berlin verlegt ist und der auf jedem Blatt ein zur Situation passendes Zitat aus einem Klassiker enthält.

Die Pickelhaube ist gebildeter als der Kosak; aber er lebt nicht so weit von Dostojewski wie sie von Goethe.

Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie's lesen.

Was ist denn das für ein mythologischer Wirrwarr? Seit wann ist denn Mars der Gott des Handels und Merkur der Gott des Krieges?

Es ist ein Triumph der Sprache über die Sieger, daß sie, ob sie wollen oder nicht, jetzt so oft den Plural »Schilder« anwenden, und ein Triumph der Kaufleute über die Sprache, daß sie im kommenden Frieden nur noch »Schilde« über ihren Geschäften haben werden. Und es ist nicht einmal eine Verwechslung dieser Worte, da doch der Krieg auf einer Verwechslung dieser Dinge beruht. In der gepanzerten Kommerzwelt, die täglich Blutbilanz macht, tauschen der Schild und das Schild so oft ihre Rollen wie das Verdienst und der Verdienst. Es geht um so leichter, als Berufe, die ihr Lebtag einen Verdienst und ein Schild hatten, jetzt ohne Übergang einen Schild und ein Verdienst haben.

Ehedem war der Krieg ein Turnier der Minderzahl und jedes Beispiel hatte Kraft. Jetzt ist er ein Maschinenrisiko der Gesamtheit und jedes Beispiel steht in der Zeitung.

Die Quantität ist kein Gedanke. Aber daß sie ihn fraß, ist einer.

Einmal rief ein Weib: »Extraausgabe! Neue Freie Presse!« Sie hatte an der Hand ein dreijähriges Kind; das rief: »Neue feile Presse!« Und sie hatte einen Säugling auf dem Arm; der rief: »Leie leie lelle!« Es war eine große Zeit.

Separiertes Zimmer für einen soliden Herrn gesucht, in das der Ruf »Extraausgabee!« nicht dringt.

»Es handelt sich in diesem Krieg –« – »Jawohl, es handelt sich in diesem Krieg!«

Ich begreife, daß einer Baumwolle für sein Leben opfert. Aber umgekehrt?

Die Völker, die noch den Fetisch anbeten, werden nie so tief sinken, in der Ware eine Seele zu vermuten.

Es gibt Gegenden, wo man wenigstens die Ideale in Ruhe läßt, wenn der Export in Gefahr ist, und wo man so ehrlich vom Geschäft spricht, daß man es nicht Vaterland nennen würde, und vorsichtshalber gleich darauf verzichtet, in seiner Sprache ein Wort für dieses zu haben. Solches Volk nennen wir Idealisten des Exports eine »Geschäftsnation«.

Der Anspruch auf einen Platz an der Sonne ist bekannt. Weniger bekannt ist, daß sie untergeht, sobald er errungen ist.

Ich liebe die Lebensbedingungen des Auslandes nicht. Ich bin nur öfter hingegangen, um die deutsche Sprache nicht zu verlernen.

(Kindermund) »Der Papa hat gestern gesagt: Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an. Ist denn das Vaterland jetzt auch teurer geworden?«

Der Kommis kennt jetzt keinen höheren Ehrgeiz, als Französisch und Englisch nicht zu können. Deutsch aber beherrscht er nach wie vor.

Ich weiß nicht, was das ist, aber seitdem ich statt einer Potage à la Colbert eine »Suppe mit Wurzelwerk und verlorenem Ei«, statt Irish stew »Hammelfleisch im Topf auf bürgerliche Art«, ein »Mischgericht« statt eines Ragout, keinen Vol-au-vent, sondern eine »Blätterteighohlpastete« und dazu nicht Mixed pickles, sondern im Gegenteil »Scharfes Allerlei« zu essen bekomme, und wenn mir ein Appetitbrot genügte, »Reizbrot, Leckerschnitte«, statt einer Sauce tartare »Tartaren-Tunke (Soß)«, statt einer Sauce Mayonnaise »Eieröltunke (Soß)«, statt Sardellensauce »Sardellentunke« oder »Sardellensose«, wobei der Patriot ohnehin schon ein Auge zudrückt, statt eines garnierten Rindfleisches entweder ein »Rindfleisch umlegt (mit Beilagen)« oder mit »Gemüse-Randbeilagen (Umkränzung)«, statt Pommes à la maitre d'hotel »Erdäpfel nach Haushofmeister-Art« und ein »Rumpfstück«, ein »Beiried-Doppelstück«, ein »Rinds-Lenden-Doppelstück« oder ein »blutiges Zwischenstück«, entweder »mit Teufelstunke« oder »mit Bearner Tunke«, wobei das unübersetzbare Bearner schwer verdaulich ist, oder gar »auf Bordelaiser Art«, unter der ich mir nichts vorstellen kann, während ich einst doch wußte, wie das Leben à la Bordelaise beschaffen war, seitdem ein »Erdäpfelmus-Brei, frisch gemacht«, ein »Blumenkohl mit holländischer Tunke (Sos)« oder mit »Holländersose« oder ebenderselbe »überkrustet« auf den Tisch kommt, seitdem es, ach, »Volksgartenlendenschnitten« gibt. [,] »Schnee-Eierkuchen mit Obstmus«, die Maccaroni verständlicher Weise »Treubruchnudeln« heißen, der Russische Salat aber »Nordischer Salat« und zwischen einem Wälischen und einem Welschen Salat zu unterscheiden ist, welch letzterer auch »Schurkensalat« genannt wird, seitdem für »zwei verlorene Eier« nur ein ehrlicher Finder gesucht wird und mir zum Nachtisch »Näschereien« geboten werden, sei es »ein Päckchen Knusperchen« oder »Kecks« oder gar eine »Krem« oder – – Hilfe? – ein »Hofratskäschen« statt eines Romadour, – seitdem, ich weiß nicht, wie das kommt, ist halt alles so teuer geworden! Ja, ich versteh nicht, warum diese deutschen Übersetzungen und die dazu notwendigen Erklärungen auf Französisch und Deutsch gar so kostspielig sind!

Im Sagenkreis des Deutschtums wird dereinst ein großes Durcheinander entstehen zwischen Kyffhäuser und Kaufhäuser.

In der deutschen Bildung nimmt den ersten Platz die Bescheidwissenschaft ein.

Jeder Staat führt den Krieg gegen die eigene Kultur. Anstatt Krieg gegen die eigene Unkultur zu führen.

Das Übel wirkt, über den Krieg hinaus und durch ihn; es mästet sich am Opfer.

Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.

Es ist schön, für eine Idee zu sterben. Wenn's nicht eben die Idee ist, von der man lebt und an der man stirbt.

Alles was ehedem paradox war, bestätigt nun die große Zeit.

In Deutschland steht die Kunst »im Dienste des Kaufmanns«. Noch nie dürfte einem Dienstboten mit weniger Wahrheit nachgerühmt worden sein, daß er gesund entlassen wurde.

Derselbe Mischmasch einer Kultur, die aus Absatzgebieten Schlachtfelder macht und umgekehrt, baut aus Stearinkerzen Tempel und stellt »die Kunst in den Dienst des Kaufmanns«. Wenn die Industrie Künstler beschäftigt, so kann sie auch Krüppel liefern.

Es gibt Künstler der Lüge und es gibt Ingenieure der Lüge. Jene wirken gefährlich auf die Phantasie; diese haben sie schon vorher aufgebraucht.

Die deutsche Sprache ist die tiefste, die deutsche Rede die seichteste.

Nie sollte der Bürger das Gefühl haben, daß das Vaterland ein Gut- und Blutegel sei!

Diplomatie ist ein Schachspiel, bei dem die Völker matt gesetzt werden.

Die Entwicklung der Technik ist bei der Wehrlosigkeit vor der Technik angelangt.

Wie geht das nur zu? Die Welt brennt – aber von den Häuptern jener Liebe, die man schon vorher täglich gezählt hat, fehlt kein einziges.

Nichts hat sich geändert, höchstens, daß man es nicht sagen darf.

Jetzt sprechen hat entweder zur Voraussetzung, daß man keinen Kopf hat, oder zur Folge.

Ich sah einen, dessen Gesicht gedieh, wurde breit und breiter, bis es aufging wie ein lachender Vollmond über dem blutigen Zeitvertreib der Erde. Solcher Monde so viele zählte schon der Krieg.

Wenn man dem Teufel, dem der Krieg seit jeher eine reine Passion war, erzählt hätte, daß es einmal Menschen geben werde, die an der Fortsetzung des Krieges ein geschäftliches Interesse haben, das zu verheimlichen sie sich nicht einmal Mühe geben und dessen Ertrag ihnen noch zu gesellschaftlicher Geltung verhilft – so hätte er einen aufgefordert, es seiner Großmutter zu erzählen. Darin aber, wenn er sich von der Tatsache überzeugt hätte, wäre die Hölle vor Scham erglüht, und er hätte erkennen müssen, daß er sein Lebtag ein armer Teufel gewesen sei!

Wenn man von einem Krieg der Quantitäten spricht, bejaht man scheinbar die Notwendigkeit des Krieges als solchen, der ja immerhin das Problem der Übervölkerung auf eine Zeit in Ordnung bringen mag. Aber wäre dieser edle Zweck nicht schmerzloser durch die Freigabe der Fruchtabtreibung zu erreichen? »Dazu würde die herrschende Moralauffassung« – höre ich eben diese sagen –»nie ihre Zustimmung geben!« Das habe ich mir auch nicht eingebildet, da die herrschende Moralauffassung nur dazu ihre Zustimmung gibt, daß Frauen Kinder bekommen, damit diese von Fliegerbomben zerrissen werden!

Der Humor eines Kegelklubs wirft, wenn's sein muß, auch Bomben mit Witzen.

Ich glaube: Daß der Krieg, wenn er die Guten nicht tötet, wohl eine moralische Insel für die Guten herstellen mag, die auch ohne ihn gut waren. Daß er aber die ganze umgebende Welt in ein großes Hinterland des Betrugs, der Hinfälligkeit und des unmenschlichsten Gottverrats verwandeln wird, indem das Schlechte, über ihn hinaus und durch ihn fortwirkend, hinter vorgeschobenen Idealen fett wird und am Opfer wächst. Daß sich in diesem Krieg, dem Krieg von heute, die Kultur nicht erneuert, sondern nur durch Selbstmord vor dem Henker rettet. Daß er mehr war als Sünde: daß er Lüge war, tägliche Lüge, ans der Druckerschwärze floß wie Blut, eins das andere nährend, auseinanderströmend, ein Delta zum großen Wasser des Wahnsinns. Daß dieser Krieg von heute nichts ist als ein Ausbruch des Friedens, und daß er nicht durch Frieden zu beenden wäre, sondern durch den Krieg des Kosmos gegen diesen hundstollen Planeten! Daß Menschenopfer unerhört fallen mußten, nicht beklagenswert, weil sie ein fremder Wille zur Schlachtbank trieb, sondern tragisch, weil sie eine unbekannte Schuld zu büßen hatten. Daß für einen, der das beispiellose Unrecht, das sich noch die schlechteste Welt zufügt, als Tortur an sich selbst empfindet, nur die letzte sittliche Aufgabe bleibt: mitleidslos diese bange Wartezeit zu verschlafen, bis ihn das Wort erlöst oder die Ungeduld Gottes.

»Auch Sie sind ein Optimist, der da glaubt und hofft, daß die Welt untergeht.« Nein, sie verläuft nur wie mein Angsttraum, und wenn ich erwache, ist alles vorbei.

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