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Anselmus Rabiosus Reise durch Ober-Deutschland.

Wilhelm Ludwig Wekhrlin: Anselmus Rabiosus Reise durch Ober-Deutschland. - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWilhelm Ludwig Wekhrlin
publishern.n.
titleAnselmus Rabiosus Reise durch Ober-Deutschland.
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
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Baaden.

Was ich gewünscht hab' ich gesehen.

Gellert.

Vom Provinzialgeiste der Baader.

Wie lang wird man den Deutschen vorwerfen, daß sie keinen Nationalcharakter besäßen? Es ist wahr, wenn Tacitus wiederkäme, so würde er seine Geschichte ins Feuer werfen. Aber kann man ihnen den Provinzialgeist absprechen: jenen Sittenzug, woran sich ein Land von seinen Nachbarn unterscheidet? diese einzelne Proprietäten, wordurch ein Volk das andere im Fleisse, in der Mäßigkeit, in der Achtung für sich selbst, in der Liebe gegen seine Gesezze übertrift?

Dieß ist der Provinzialgeist der Baader. Man kan unmöglich den Fus in dieses Land sezen, so fällt einem die Betrachtung Marc-Aurels auf die Brust: Glücklich ist das Land, wo die Weltweisen Könige sind, oder die Könige die Weltweisheit treiben!

Der Karlsruher Hof.

Man weiß, daß während sich Seine regierende Durchlaucht mit den Vorwürfen der Antonine und der Usongs in ihrem Kabinette beschäftigt, so widmet die Prinzessin, seine Gemahlin, die Zeit, welche ihr von der Erziehung ihrer Kinder, oder von der Polizeyverwaltung ihres Hofs übrig bleibt, dem Briefwechsel mit auswärtigen Gelehrten, der Lektur, oder der Gesellschaft der Schöngeister, die sich an ihrem Hofe befinden.

Diese Prinzessin, die im Reiche der Unsterblichkeit einst an der Seite der Semiramiden und einer Sophie Scharlotte von Hanover blühen wird, hat ihren Hof zu einem Tempel gemacht, in welchem der Vestalinin heiliges Feuer unterhalten wird.

– – um ihren Thron – – –
Stehn Grazien und Musen. Ihren Tänzen
sieht sie oft zu. Sie werfen sie,
Nicht ohne Neid, mit ihren Lorbeerkränzen.

Diese Situation allein wäre hinlänglich ein Land weise, glücklich und beneidet zu machen. Allein seine regierende Durchlaucht hat noch mehr gethan. Eben diejenigen Kosten, welche sich andere Prinzen machen, Kunststücke in Europa aufzukaufen, hat der Marggraf aufgewendet, eine Sammlung Männer von Talent anzulegen.

Indem man solchergestalt dem Verdienste zu Karlsruhe die Thüre geöffnet hat, so haben sich fähige und geschickte Ausländer von allen Seiten eingefunden, und der Marggraf hat das Genie an seine Regierung geheftet.

Die Folgen hievon sind herrschendes Licht in der Staatsverwaltung, Resonnanz zwischen den Departements, ein thätiger, erleuchteter und wirkender Wetteifer unter den Dienern, Rath und That im Kabinete.

In der That der Karlsruherhof ist einer der ehrgeizigsten Höfe. Er besizt die Ambition, keine Schulden zu haben. Diß wäre hinlänglich, ihn von den Sitten Deutschlands zu unterscheiden. Allein er fügt noch die Kapriz hinzu, keine Prachtfeste, keine Opern, keine Kastraten, keine Tänzerinnen zu dulden. Diß ist zu viel.

Karlsruhe.

Die Stadt Karlsruhe ist, wie man weis, in einem regelmäßigen Geschmack erbaut. Ihre Straßen sind schnurgerecht, und die Häuser laufen unter einerley Geschoß. Die öffentlichen Pläze und die Lusthäuser verrathen den Wohlstand der Einwohner.

Karlsruhe ist einer der angenehmsten und reizendsten Ruhepunkte des Lebens. Die Nachbarschaft Strasburgs hat eine gewisse Verflößung in die Manieren und in die Lebensart der Innwohner gebracht, welche sie von dem grißgrämischen und spießbürgerischen Charakter der übrigen Schwaben entfernt. Der Umgang der Karlsruher ist ungezwungen, verbindlich und aufgeklärt. Es ist – beynahe – atheniensische Urbanität. Die Stutzer sind hier erträglich. Der vortreffliche Aether, welcher die Stadt umfleußt, hat den Geist und die Herzen der Einwohner mitgereiniget.

Der Pallast des Marggrafen ist ein würdiger Vorwurf der Bewunderung. Er enthält die vornehmste und unschätzbarste Gallerie in der Welt. Es ist eine lebendige Reihe geschickter, treuer und patriotischer Ministere.

Außer demselben verdienen die Palläste der Marggrafen Louis und Christoph, der Parck und andere öffentliche Prachtplätze Betrachtung. Und kein Theater!

Gelegenheitsdyatribe.

Also sollte die Entfernung der Schaubühne der Bildung des Publikums – einem der vornehmsten Endzwecke der Polizey – zuträglich seyn? So lang die Schaubühne sich begnügte, in Bescheidenheit bey dem ersten Endzwecke ihrer Einrichtung, dem Ergötzen des Publici zu beharren, so war sie berechtigt, auf den Schuz der Polizey Anspruch zu machen. Panem et Circenses ist der Wahlspruch aller Nationen. Allein seitdem sie die Etiquette verändert hat, seitdem sie, mit einem unausstehlichen Hochmut, den Titel einer Schule der Tugend und des Verstands annimmt; seitdem sie Königen den Ton geben will, wie sie sprechen, und den Ninons, wie sie lieben sollen: so hat sie sich der Verachtung würdig gemacht, womit ihr die Weltweisen begegnen.

Ich will nicht abgeschmackt werden, um die Gründe zu wiederholen, welche man in diesem wichtigen Prozesse angeführt hat. Die Feinde des Theaters mögen ewig gegen dasselbe schreiben: die Anhängere davon antworten durch eine Fluth von neuen Stücken, womit sie die Bühne überschwemmen.

Worüber streitet man so heftig? Ganz gewiß gereicht das Theater zur Erholung des Fleisses und zur Beschäftigung des Vergnügens: und es wäre nicht schlechterdings unmöglich, daß es etwas zu den Sitten beytrüge. Die Schaubühne ist ihrem Ursprunge nach ein Spiegel des Lebens: aber die heutigen Komödianten haben das Glas verdorben.

Die, so von der Religion der Schaubühne sind, geben vor, sie sey eine Art von moralischer Predigt. Erlauben sie, meine Herren, in keiner Religion kann man eine gute Predigt über einen schlechten Text halten.

Einer der gefährlichsten Nachtheile, den uns die Schaubühne, nach meiner Empfindung, zugeführt hat, ist, daß sie so viel Leute verführt, Komödien zu schreiben. Ein Mensch, der an der Landstrasse arbeiten oder öde Plätze umreissen könnte, schreibt dramatische Werke, und entzieht dem Staate zween gesunde Aerme. In der That der Kanal, wordurch die Sittenlehre womit uns das Theater gütigst bedient, ihren Weg nimmt, ist einer der beredtesten Gründe wider seinen angemaßten Nuzen. Zum mindesten siehet man an dem Beyspiele von Karlsruhe, daß ein Publikum vollkommen weise, glücklich und wohlgebildet seyn kann, ohne den Beytrag des Theaters.

Eine litterarische Anecdote.

Die Lieblingslitteratur der Marggräfin ist das Studium der Kunst. Man hat eine Anecdote von ihrem schönen Geist, welche, wenn man sie für wahrhaft anführen darf, der deutschen Nationalliteratur zum Stolze gereicht.

Vor einigen Jahren, so erzält man sie, besuchte ein junger französischer Duc auf seiner Reise durch Deutschland, den Karlsruher Hof. Man weis, daß dieser Herr, dessen Leidenschaft die Studien sind, mit der deutschen Sprache und den vornehmsten Schriftstellern unserer Nation bekannt ist. Nichtsdestoweniger behauptete er hartnäckig, daß die Deutschen keinen Namen aufzuweisen hätten, welcher mit den berühmten Genies der französischen Nation in diesem oder jenem Falle verglichen werden könnte.

Die Marggräfin besaß die Grosmut, sich ihrer Landsleute anzunehmen. Der Streit wurde lebhaft. Endlich foderte die Prinzessin den Duc auf, ihr die Namen von sechs französischen Genies zu geben, die er für unvergleichbar hielte.

Der Duc nahm eine Karte und schrieb darauf:

  • Descartes,
  • Fontenelle,
  • Moliere,
  • Buffon,
  • Montesquieu,
  • Gresset

Die Marggräfin ergrief den Bleystift, und sezte gegen über:

  • Leibniz,
  • Haller,
  • Lessing,
  • Gmehlin,
  • Grotius,
  • Gleim.

Hierauf ersuchte der Duc, welcher über das Defi betroffen schien, die Prinzessin, die Aufforderung umzuwenden. Er erhielt folgende Namen:

  • Kopernikus,
  • Friederich Wilhelm II,
  • Luther,
  • Hasse,
  • Winkelmann,
  • Klopstock.

Der Duc küste die Karte und erklärte sich für überwunden.

Zur Geschichte der deutschen Rentkammern.

Die Centrallandestugend in Baaden ist die Haushaltungskunst. Nirgendswo trift man weniger verlohrne Erdreich, Lustgärten, Teiche, Thiergärten, Fasanerien, Terassen, Alleen, an. Dieses ist, nach der Anmerkung des Lord Chesterfield, ein Merkmaal, woran man den Wohlstand eines Landes beurtheilen muß.

In der Kultur dieser Kunst, trägt der Fürst, so wie in allen übrigen Tugenden, seinen Unterthanen die Fackel voran. Man trift keine Rentkammer an, worinn mehr Licht, ein grösserer Geist der Ordnung und des Systems herrschet, als zu Karlsruhe. Als der Marggraf seine Regierung antrat, so war die Schazkammer nicht in den Umständen, worinn sie gegenwärtig ist. Es waren grosse Schulden von den Prinzen, seinen Vorwesern, vorhanden, welche die französischen Kriege verursacht hatten. Man erwartete ihre Tilgung von seiner Gerechtigkeit und Menschenliebe. Der Hof war in beträchtliche Appanagen engagirt. Die Provinz Baaden Baden, hatte damals noch ihre eigene Regenten. Sie lag in einem Abgrunde von Schulden. Der durlachische Hof, an welchen solche Provinz nach Erlöschung jener Linie fallen sollte, hatte in der hierüber errichteten Erbverbrüderung, die Bezahlung dieser Schulden übernommen.

Einen weniger entschlossenen Regenten würde eine solche Lage scheu gemacht haben. Vermöge der Weisheit des Marggrafen wurde eine der klügsten Finanzoperationen erfunden, diese Schulden zu tilgen. Die Bürgere jener benachbarten Staaten, bey denen nicht erlaubt ist, ungestraft reich zu seyn, schätzen sich itzt eben so glücklich, ihr vorräthiges Geld in die Rentkammer zu Karlsruhe niederzulegen, wie sich ein Premierminister zu .... oder .... schäzt, seine Reichthümer in die Bank zu Genua, oder Amsterdam zu flüchten.

Beschluß der Reise.

Der Ueberrest Schwabenlandes bestehet in einem Striche, der längs dem Schwarzwalde hinziehet. Er ist mit einer unzählbaren Menge kleiner Herrschaften, Staaten und Monarchien bedeckt, welche oft kaum so gros sind, daß ihr Erdkreis die Tabattiere des Regenten ausfüllt. Was man in diesen Gegenden beobachtet, ist ein Kontrast unfruchtbarer Ländereyen mit einigen wenigen angebauten Feldern; mageres Hornviehe, unwirthbare Waldungen, verfallene Schlösser, elende Bauerhütten, Amtleute und Bettler.

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