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Annemargreth und die drei Junggesellen

Otto Julius Bierbaum: Annemargreth und die drei Junggesellen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudentenbeichten
authorOtto Julius Bierbaum
year1990
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
isbn3-87584-318-5
titleAnnemargreth und die drei Junggesellen
pages135-157
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wie die drei glücklich im Sattel saßen und den Schlußtrunk genommen hatten, den Annemargreth jedem erst annippen mußte, ehe sie ihn dem vom Gaul Gebeugten in die Eisenpfote gab, wurde der Kriegsplan gemacht.

– »Ich reit auf die Traminer!« erklärte Welf.

– »Ich hol den süßen von Margreid!« entschied sich Ralph.

– »Ich will mich hinter Urschel nach Schilcher umtun!« gab Rolf kund.

Aber Annemargreth protestierte: »Nix hinter Urschl! Urschl hat's schriftlich! Ihr seid mir die Nettern!«

– »Ho, die Urschl-Margreth, hohohohoh!« lachten die drei.

– »Also reit ich anderswohin auf den Schilder, daß uns Annemargrethlein nit sauer wird, die Urschlerin!« erklärte Rolf. »Bleibt sie uns dann süß?«

– »Süß allen dreien!« lachte das Mädchen und stemmte die Arme in die Seiten, fest und keck wie eine flinke Bäuerin.

– »Fallt's mir fei' nit ins Praschletschaff«, fügte sie hinzu, wie die Junker abritten.

Dann stand sie noch lange und blickte den nach drei Richtungen auseinandersprengenden von der Mauer aus nach und ließ jedem ihr Tüchlein zuwehen, wenn er sich umwandte und ihr mit der gepanzerten Faust winkte.

Sind doch alle drei recht liebe Junker, dachte sie sich. Jeder hat was besonders liebes. Der Welf ist wie ein Bär so kräftig und grimmig. Huh, wie er zupackt! Schier blaue Flecke gibt's und ist doch gar lieb. Der Ralph ist nicht so ganz stark, aber hitzig. Küßt er, ist's wie ein Biß, und der Atem geht einem aus vor lauter Schönsein. Aber der Rolf hat was gar Zart's und Fein's und kann reden, daß man die Augen zumachen muß, so lieblich schwatzt er. Wenn er so leise um die Hüften greift, geht's kitzlich überallhin, als wenn jed's Blutströpfel im Leibe lachen sollt'. Lacht auch jed's. – So ist's mit allen dreien wundergut in Heimlichkeit. Möcht' keinen missen. Muß aber immer fein schlau und achtsam sein. Hu, wenn der eine mich mit dem andern säh. Das gäb böses Getu.

So sinnierte sie aufs angenehmste vor sich hin. Dann ging sie aufbetten.

Wie sie mit den Junkerbetten fertig war, dachte sie sich: Will doch heut die dreie mit dem Wein im Putz überraschen! Und ging in ihre Kammer, den Sonntagsstaat anzulegen.

Schon damals, in den wilden Raubritterzeiten, zogen sich hübsche Mädchen gerne aus und an, und, wenn die Spiegel auch gar klein und trübe waren, sie sahen sich doch gern darin. Es war also das Anziehen eine liebliche Beschäftigung für die Kleine, und als sie ihre Röcke von sich hatte und im kurzärmeligen Leinenhemdchen dastand, da drehte sie sich wohl viele Male vor dem Spiegel hin und her und betrachtete sich selber mit viel Aufmerksamkeit, Ernst und Genugtuung.

Da, plötzlich, ging die Kammertür auf, und Junker Rolf stand auf der Schwelle.

Aber nicht lange. Denn kaum hatte er das Mädchen in dieser auch für Junker besonders lieblichen Verfassung gesehen, da war er mit einem Satze bei ihr und umfing sie mit den geharnischten Armen.

– »Hu, bist Du kalt!« rief sie erschrocken aus, die über der Kälte dieser eisernen Umarmung ganz vergessen hatte, daß sie sich erst schämen mußte.

Aber auch ihm war das Eisen jetzt unbequem. Hastig entschiente er sich, und krach, bumm, klirr flogen die Harnischteile von ihm, und er stand im Lederwamse. Es ging viel schneller als sonst mit dem alten Christoph.

Nun war es gar nicht mehr kalt, wie er sie umfing.

Eine Weile lang hatten die Lippen mehr zu tun, als zu reden.

Dann aber fragte Margreth: »Ja, aber, daß ich das Pferd nicht auf der Brücke gehört hab'! Und wo ist denn das Praschlet?«

– »Draußen angebunden das Pferd! Praschlet mögen die andern bringen! Du bist mir lieber, als aller Wein! Du, mein rotweißer Schilcher und süßer Malvasier! Lieb's Ding im Rock, viel lieber noch im Hemd! Du! Du! Du! Oh, was Du weiß und weich bist! Dräng Dich, drück Dich, leg Dich mir nah! Oh Du mein Wein von Ursula! Du heiße, weiße, voll und rund! Gib Deinen Mund! Gib Deinen Mund! Und wieder, wieder! Gretlein, mein Mädlein!«

Sie aber sagte nichts und küßte bloß.

Da: Treppengepolter. Da: Rasseln vor der Tür. Da: krach eine Faust wider das Türgetäfel.

Rolf sprang auf und sprang zur Tür, – g'rad vor die Brust Welfs, der sie eben aufgerissen hatte.

Ein Heulen wie aus Wolfsrachen, ein Stoß mit der geschienten Faust vor Rolfs Brust. Der taumelt zurück, bückt sich, sucht sein Schwert.

Aber schon wirft sich, mit beiden Fäusten sein Schwert nach unten stoßend, Welf über ihn und rennt dem Gebückten den Stahl durch den Rücken.

Starr saß Annemargreth im Hemd auf dem Bett und hielt kindsängstlich die Finger an den Mund.

Jetzt... kommt... das Schwert... zu mir...

Welf zog das Schwert aus dem verröchelnden Leibe, warf es nieder und stellte sich vor der Starrenden schnaufend auf.

– »Dich... drossl' ich... so...«

Er streckte die auseinandergekrallten Eisenfinger nach ihrem Hals.

Sie sank vom Bett und kniete vor ihm bettelnd nieder.

– »Lieb's Welfle, stark's, sei gut...!«

Und nimmt die beiden eisernen Hände und legt sie sich auf die hochgehende Brust und lächelt.

– »Du!... Du!...«

Er hebt sie hoch auf und wirft sie aufs Bett, und nimmt sie wieder hoch und preßt sie wütend, klammernd an sich, und nimmt sie wie ein Kind auf den Arm und trägt sie in der Kammer herum und schluchzt und brummt und küßt sie und erdrosselt sie halb vor Grimm und Liebe.

– »Heioh! Heioh! Der Süße von Margreid! Zehn Yrn und gutgemessen! Heioh Margreth, für Dich der Süße von Margreid! «

Ralph hielt im Burghofe neben einem Praschletfuder, das zwei geknebelte Knechte eben eingeführt hatten.

– »Für Dich der Süße von Margreid! Da, schau, Margreth!« schrie Welf und trat, mit dem Mädchen auf dem Arm ans Fenster.

– »Was tust Du da!« brüllte Ralph, bebend vor Zorn, als er das sah.

– »Meine Margreth! Meine Margreth!« brüllte Welf. »Willst Du sie auch noch? So komm und hol sie!«

Mit einem Satze sprang Ralph vom Pferde und die Treppe hinauf.

Welf setzte Margreth aufs Bett, hob sein Schwert auf und stürzte hinaus.

Draußen auf der Treppe rasselten sie aneinander. Brüllen. Fluchen. Schnaufen. Gepolter. Ein Schrei.

Ralph rollte, erschlagen, die Treppe hinunter.

– »Hahahaha! Hahahaha! Annemargreth, jetzt sind wir allein! Geh in den Keller und hol, was noch im Fasse ist! Ei, geh immer im Hemd! Sollst mir fürder immer im Hemde gehn! Denn so hab ich Dich doppelt lieb, Du mollig Ding!«

Annemargrethlein – lächelte und ging. Mit beiden Händen den Humpen tragend kam sie wieder.

– »Trink an, mein Schätzel!«

Sie nippte und bot ihm den Humpen. Er nahm einen langen Zug.

– »Nun lös mir die Riemen und nimm mir die Schienen ab... So, mein liebs Ding... Und küsse mich auch! So, mein liebs Ding! Und setz Dich mir auf den Schoß! So, mein liebs Ding! Ei, ist es nicht besser zu zweit?... Sag's, mein liebs Ding!«

– »Ja...«

 

Nun lagen Ralph und Rolf draußen im wilden Walde bei ihrem Vater, dem alten Raubritter, im Erbbegräbnis, und die ehrsame Steinmetzzunft der Nachbarschaft hatte Arbeit, ihnen das Wappen auf ihren Grabplatten auszubauen. Das Blut auf der Treppe und in Margreths Kammer war zwar nicht so leicht abzuscheuern, aber man sah es bei der Dunkelheit, wie sie in Raubritterburgen gewöhnlich herrschte, auch nicht eben sehr, und überdies war Margreth ausquartiert.

Somit wäre also alles gut gewesen, und es blieb eigentlich nur noch die Fahrt zum heiligen Grabe übrig, die Welf, um nicht unliebsames Aufsehen zu erregen, doch wohl unternehmen mußte. Denn, wenn auch die Polizei damals zu wünschen übrig ließ, wenn es sich um ritterliche Familienangelegenheiten handelte, so hatte der Beichtstuhl doch seine Prinzipien, und alles ließ sich am Ende nicht mit ein paar Messen oder auch Stiftungen abmachen. Aber es hatte ja Zeit.

Indessen kam es böser.

Zuerst kam Welf bloß unter den Pantoffel.

Das war nicht angenehm, ließ sich aber doch ertragen, denn Welf war sehr verliebt, und Annemargreth ließ es an nichts fehlen, diese Verliebtheit immer warm zu erhalten.

Aber eine Weile hin, und sie kriegte Launen.

Und das war schlimmer. Denn Unfriede in der Liebe geht auf die Nerven, – sogar bei raubritterlichen Junkern, denen selbst ein paar eilige Brudermorde noch lange keine Nervenzustände zuziehen. Das Schmollen bald und bald Zanken, das Kammertürverriegeln und Beichtevorschützen und dann wieder das Gebettel: »Geh, ein Ringlein ins Ohr, ein Kettlein um'n Hals, ein seiden Fürtüchel, ein paar rote Schuh!...« Hols der Teufel und sein schwänzig Gesinde!

Indessen: man ritt halt öfter auf die Krämer; man wetterte mal und brüllte sich aus; tat dann auch wieder recht fein und lieblich um den Balg, und schließlich war der am guten Ende auch wieder fein, und es schmeckte die Liebe umso süßer, wenn vorher der Zank recht sauer geschmeckt hatte.

Aber eines Tages, just, als es anfing, kalt zu werden und Welf die Fenster mit Moos ausfütterte, kam Annemargreth, ein Bündel in der Hand, auf ihn zu und sagte ganz kurz: »Junker, i geh!«

– »Was tust Du!!...«

– »Aufkünden tu i. Heim mag i.«

– »Wa...as??...!«

– »Ja, sell. Is mir zu öd hierheroben jetzt.«

– »Wa...s???...«

»Früher, wo Ihr dreie ward, is ja gangen. Hättst halt nit den Ralph erschlagen und den Rolf. Die Langweil hab ich.«

Dem Junker schwollen die Schläfenadern.

– »Also, ich allein bin Dir nicht genug, – Du... Du... ha!«

– »So is.«

– »Also die andern fehlen Dir!!?«

– »Freili!«

Sie ließ die Schürzenbänder wirbeln und legte den Kopf auf die Seite. Das war ihre Trotzpose.

Da ging dem Junker Welf der Ritterzorn durch, und er gab ihr eine Ohrfeige, daß die Trotzpose auf die andere Seite verlegt wurde. Ein Glück, daß er die Eisenhandschuhe nicht anhatte. Es langte auch so.

– »Jetzt geh i erscht recht!« sagte sie, heulte gar nicht mal erst lange, nahm ihr Bündel auf, drehte sich um, daß die Röcke flogen, und ging.

Welf war ganz starr. Dann überlegte er sich, ob es nicht das beste wäre, sie auch totzuschlagen. Aber da er zum Überlegen immer sehr viel Zeit brauchte, war sie schon zum Tore hinaus, als er damit fertig war. Übrigens hatte er sich auch anders entschieden. Er war keines heroischen Entschlusses fähig. Wie vor den Kopf geschlagen saß er da und riß das Moos in Flocken. Dann sprang er plötzlich auf, stieß ein Fenster ein und brüllte hinaus: »Luder! Luder!«

Einen eisernen Topf, der gerade neben ihm stand, schmiß er in gewaltigem Bogen hinter ihr drein.

Sie aber stand jenseits der Zugbrücke und drehte ihm eine lange Nase.

– »Bhütigod, grimms Welfle, verkühl di nit!«

Welf tat einen grausamen Fluch, reckte die Arme, haute aufs Fensterbrett, brüllte, daß die Scheiben klirrten, riß sich am Bart und rannte in die Waffenkammer. Rasend rührte er dort das Instrument seiner Leidenschaft und paukte in Donnerwirbeln seinen Ingrimm aus.

Wie er nicht mehr konnte, sank er auf die Rüstbank nieder und fühlte sich leichter.

Und siehe: es ward ihm weich zu Sinne, und in seinem Gemüt war eine welke Empfänglichkeit für christliche Gedanken.

– »Christoph!« rief er, und in seiner Stimme klang seltsame Milde.

– »Ja, Herr!« antwortete er.

– »Haben wir noch einen Pilgermantel mit Muscheln?«

– »Ja, aber recht schäbig sieht er aus, sind die Motten drin, und ein paar Muscheln gehen ab.«

– »Macht nichts! Bürste ihn aus und nähe die Muscheln fest. Ich walle nach Jerusalem!«

– »Wo...hin!?«

– »Frag nicht, – bürste!«

Christoph sperrte den Mund auf und wunderte sich. Dann bürstete er den Pilgermantel Derer von Wolfsturm und freute sich, daß er nun auf eine Weile keine Stiefeln mehr zu putzen haben würde.

Erst drei Paar, dann ein Paar, dann kein Paar!

So steht Gott seinen treuen Knechten bei und verhilft ihnen zu einem ruhigen Alter.

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