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Annemargreth und die drei Junggesellen

Otto Julius Bierbaum: Annemargreth und die drei Junggesellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudentenbeichten
authorOtto Julius Bierbaum
year1990
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
isbn3-87584-318-5
titleAnnemargreth und die drei Junggesellen
pages135-157
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Kleine aber sprang vom Pferde, schüttelte die zerknillten Röcke, rieb sich ein bißchen in der Gegend, die den Sattel gefühlt hatte, und rief: »Also gut, Ihr unverschämten Junker, jetzt geh ich in Eure Burg. Da mags nett aussehen! Na, ich bin bloß gespannt, was ich da drinnen soll, in dem alten Wolfszwinger.«

– »Braten, Jungfer, hahaha!«

– »Betten machen, hohoho!«

– »Strümpfe stopfen! Wämser flicken!«

– »Weiter nichts? Das kann ich gut und noch viel mehr.«

Mit diesen Worten schritt die kecke, kleine Bestie über die Zugbrücke, als hätte sie Zeitlebens keine andere Schwelle gekannt, zupfte den alten Christoph, der völlig Glasaugen gekriegt hatte vor blödem Staunen, am Bart, ging, während die zwölf Hufe über die Brücke donnerten, geradenwegs zum inneren Burghofe, guckte sich gelassen um und rief:

– »Ja so! Wieviel Lohn krieg ich denn?«

– »Einen Dukaten für den Braten!« lachte Welf.

– »Zwölf Batzen fürs Schüsselauskratzen!« lachte Ralph.

– »Zehn Groschen für die süße Goschen!« lachte Rolf.

Mit der zufriedenen Heiterkeit, die sich nach wohlgetanen Werken bei allen Menschen von frisch zu greifender Sinnesart einzustellen pflegt, sprangen die drei jungen Junggesellen von ihren Pferden, griffen, hübsch einer nach dem andern, dem Mädchen unters Kinn und fragten:

– »Jetzt aber: wie heißt die Jungfer!«

– »Annemargreth, wie sie geht und steht, die die Betten macht und den Bratspieß dreht.«

– »Ich weiß noch einen Reim drauf!« erklärte Rolf.

– »Na?«

– »Die mit dem Junker ins Be...«

Aber da hatte er auch schon einen derartigen Klapps auf dem Munde, daß er einstweilen das Reimen sein ließ.

Klappse, die der eine kriegt, stimmen die andern heiter. Das war auch schon in den alten Raubritterzeiten so. Und deshalb ist es kein Wunder, daß Welf und Ralph sich jenes Mal vor Lachen so weit bogen, als es ihre Harnische zuließen, während sich Rolf unterm Schnurrbarte rieb und etwas unwirsch bemerkte: »Racker verdammter!«

Indessen war Annemargreth aber schon in der Küche verschwunden, und aus allerlei Geräuschen konnten die drei Brüder entnehmen, daß das resolute kleine Mädchen bereits dabei war, die so jäh unterbrochene Tätigkeit der seligen Barbara aufzunehmen.

 

Die drei Junker auf, zu und von Wolfsturm waren im allgemeinen selten einer Meinung, aber darin stimmten sie bald völlig überein, das es im Grunde eine Gnade des Himmels gewesen sei, das ehr- und tugendgeachtete Reibeisen zu sich und in die Schar seiner Seligen aufzunehmen. Denn Annemargreth war der verblichenen Barbara wirklich in jeder Hinsicht überlegen. Vielleicht machte sie den Braten nicht gerade besser, als die am Bratspieß selig entschlafene, aber, daß er besser schmeckte, daran war kein Zweifel erlaubt. Selbst ein Bärenschinken bekommt ein Ansehen von Fröhlichkeit, wenn die Zinnplatte, auf der er in Burgundersauce zwischen gerösteten Kastanien dampft, von zwei netten, kleinen Händen auf den Tisch gesetzt wird. Und dann schon das Geträller von der Küche her, während der Bratenwender den Grundton schnurrt. Man sieht dem Kommenden mit größerer Heiterkeit entgegen, und selbst ein versalzenes Mus hat von vornherein mildernde Umstände in sich, wenn es von so gerne gesehenen Fingern versalzen worden ist.

Vielleicht war Barbara das bessere Gemüt, die frommere Seele gewesen: aber so aufbetten wie Annemargreth hatte sie nicht gekonnt. Viel Wert hatten die drei rauhen Junggesellen ja auch nicht darauf gelegt, daß der Strohsack immer aufgeschüttelt, das Kissen frisch überzogen, das Leintuch glattgebreitet wurde – wenn nur immer der Schlaftrunk handbereit stand. Aber nun war es doch angenehm, sich auch in diesen Dingen wohlbesorgt zu fühlen. Die kleine Unbequemlichkeit, daß man auch selber, schandenhalber, sich etwas ordentlicher zu führen hatte und nicht, nach längeren Schlaftrünken oder so, mit den Stiefeln ins Bett steigen durfte, ließ sich mitnehmen. Man ließ sich überhaupt ganz gerne ein bißchen glatt lecken, da es ja nicht bis auf die ritterliche Seele und den rauhen Kern des deutschen Mannes ging, wenn man es sich gefallen ließ, daß die Lederwämser Nähte in den Wolfsturmschen Farben, blaurot, kriegten, die Stiefel auch an Wochentagen geputzt, die geknickten Helmfedern durch neue ersetzt und überhaupt allerlei Dinge getrieben wurden, die eigentlich gegen die Tradition der Wolfsturms waren. Annemargreth hatte sogar ein Heer von alten Weibern aufgeboten und die Dielen scheuern, die Vertäfelung putzen und die Küche weißen lassen, – lauter Dinge, die seit dem Tod der ehedem gebietenden Frau Mutter nicht geschehen waren und den Brüdern als krämerhafte Albernheiten gegolten hatten. Es war sogar Geld dafür ausgegeben worden, und Welf hatte sich bei Erwerbung dieses Geldes einen kleinen Leibesschaden zugezogen, da er die schwere Kassette dem renitenten früheren Inhaber eigenhändig entrissen hatte.

Doch das wurde alles gerne ertragen, da man sich unter dem neuen Regime wirklich behaglich fühlte.

Ja, die drei Brüder brachten noch weitere Opfer für das kleine, aber unentbehrliche Mädchen.

Da Annemargreth die Tochter des Bürgermeisters von St. Ursula war, eines gewichtigen Mannes unter den Bauern, und da dieser Mann und Bürgermeister die Hartnäckigkeit besaß, Herausgabe der Tochter zu fordern, andernfalls er mit Klagen bei irgend einem Herzoge drohte, der sich Landesfürst nannte, und da überdies Annemargreth selber recht schön bat, man möge alles in Frieden ordnen, so ließen sich die drei Brüder, die eigentlich prinzipiell gegen jede friedliche Ordnung einen angebotenen Widerwillen hatten und es schlechterdings würdelos fanden, sich mit jemandem zu »vertragen«, herbei, dem in St. Ursula hausenden Volke für ewige Zeiten Freiheit von jeder Brandschatzung durch das Wolfsturmsche Haus schriftlich mit beigesiegeltem Wolfsrachen zu versprechen, zu verheißen und zuzusagen.

Welf und Ralph hatten sich gegen dieses Ansinnen als echte Wölfe von Wolfsturm lange und mannhaft gewehrt, aber Rolf war schließlich damit durchgedrungen, daß er nicht weniger als zwanzig Möglichkeiten nachwies, den Vertrag beiseitezuschieben; schlimmsten Falles dadurch, daß man sich mit den Vettern auf Zinkenberg, Festenburg, Geyerstein, Rabenhorst verbände und das Nest unten überhaupt beseitigte, – womit denn der Kontrakt auch beseitigt wäre, da eben der eine Kontrahent nicht mehr existierte. Schließlich wirkte aber doch am gründlichsten das Mädchen selber.

Den Welf brauchte sie nur im Nacken zu krauen, so ward er milde wie Mandelöl.

Beim Ralph genügte schon ein kleiner Patscher auf die Backen.

Und den Rolf hatte sie überhaupt schon und ohne jede besondere Hantierung.

Das ging nun also alles vorzüglich, und auf Wolfsturm herrschte ein vorzüglicher Humor. Ralph blies sogar die Klappentrompete, und Welf, der weniger musikalisch war, rührte zuweilen vor lauter Wohlgefühl die große Kesselpauke, die in der Waffenkammer stand. Rolf aber – sang.

Zu den eigentlichen Minnesängern, die nun in der Literaturgeschichte stehen und von den höheren Töchtern auswendig gelernt werden müssen, gehörte er ja nicht. Er dichtete und sang etwas kunstlos, aber Reime auf et fand er immerhin eine erkleckliche Menge, obwohl es des Peregrinus Syntax Reimlexikon damals noch nicht gab.

Oft, während die beiden Älteren draußen im wilden Walde den Jagdspieß sausen ließen, saß er, gleich Herrn Walther von der Vogelweide, auf einem Steine und deckte Bein mit Beine. Doch gehörte das eine Beinpaar der Annemargreth. Auch dichtete und sang er in dieser Stellung keineswegs unablässig, trieb vielmehr andere zum poetischen Hausgebrauch notwendige Dinge. Als da sind: Ausmessung des Parallelismus der Glieder beim Strophenbau, Rhythmenabklopfung auf rundlichen, rhythmisch wohlgebauten und daher als Maßeinheit dienlichen Stellen, Gleichklangstudien unter Zugrundelegung des Geräusches, das zwei Lippen hervorbringen, die, soeben noch fest aufeinandergepreßt, sich plötzlich voneinander lösen.

Die weniger dichterisch veranlagten Brüder bemerkten diese Übungen in praktischer Poetik mit Unbehagen und ermangelten nicht, dem Benjamin von Wolfsturm klar zu machen, daß sie ihm die Knochen im Leibe zerbrechen würden, wenn er fürderhin zu Hause wilderte, während sie draußen mit Wölfen und Bären Stelldicheins hatten.

Aber Rolf rümpfte nur die Nase dazu und zog die Lippen hoch, schlug auch wohl aufs Schwert, daß es nur so klirrte, und meinte: der Busch, in dem er jetzt jagte, dünkte ihm lieblicher als der wilde Wald, und wenn ihm da einer ins Gehege käme, so wäre es wohl möglich, daß er mit ihm verführe, wie mit einem frechen Bauern, den's nach Edelmanns Hirschen lüstete.

Derlei Reden, hin und hergeschleudert wie Jagdspieße, trübten den Humor auf Wolfsturm zuweilen etwas, und wenn nicht Jungfer Annemargreth so unbändig klug gewesen wäre, wie sie wirklich war, so hätte der Humor wohl bald ein Ende gehabt und es wäre nicht bei geredeten Jagdspießen geblieben.

Aber, ei, wie war Margrethlein klug! Hatte sie's mit Junker Rolf, wenn die andern draußen mit Bruder Petz tanzten, so hatte sie's doch auch mit diesen, wenn die Gelegenheit gut war.

Der grimme Welf war sicher, sie nicht gar selten oben im Treppenwinkel zu treffen, wenn er, Ausguck zu halten, zum Turme stieg. Und da schwand sein Unmut schleunig, hatte er im Dunkel das runde, gefügte Ding im Arm, das er noch lieber an sich preßte, als den Urhumpen der Wölfe von Wolfsturm. Wie wundersüß ging's ihm ins Ohr, wie sie so an ihm hing und flüsterte: »Liebs Welfle Du, was bist Du stark!«

Ralph aber kriegte sein Theil wohl zugemessen unten im Weinkeller. Dort, wo's so kühl und heimlich war, zwischen den großen, werten Tonnen, saßen sie eng beieinander auf dem Tonnenschragen, rechts den braven Malvasier und links den lieblichen Traminer, und hielten einander so nahe und enge, daß es ihnen bei aller Kellerkühle gar freundlich warm wurde. Ach, wie wunderhold's ihm im rundwölbigen Keller widerklang, wenn sie lispelte: »Lieb's Ralphle lieb's, was bist Du g'schmeidi!«

So glaubte sich denn im Grunde jeder Hahn im Margrethenkorbe und lachte heimlich die andern aus, die nach demselben Bissen leckten, und keiner wußte, daß ein Korb drei Hähne beherbergen kann, wenn die Körblerin es nur einzuteilen weiß.

Ein bißchen dumm waren die drei jungen Junggesellen schon, wie man sieht. Aber was will man bei so ungenügenden Volksschulverhältnissen, wie sie in den Raubritterzeiten herrschten, anders verlangen? Es war halt das finstre Mittelalter.

Also: gut ging's im allgemeinen. Es kriegte jeder sein Annemargrethisch Teil, und, ein paar Verdachtswolken abgerechnet, die sich hie und da über dem Haupte Rolfs gleich schwarzen Kutteln himmlischer Riesenkühe zusammenzogen, trübte nichts die verliebte Selbstsicherheit jedes einzelnen.

Ralph blies bereits schelmische Triller auf der Klappentrompete, Welf verübte ganz virtuos leidenschaftliche Donnerwetter der Liebe auf der Kesselpauke, und Rolf hatte ungefähr sämtliche Reime beisammen, die die deutsche Sprache auf et hergibt. Es wurde fast idyllisch auf Wolfsturm, und sämtliche Bewohner dieses adeligen Sitzes, Christoph und die gewaltigen Streitrosse nicht ausgenommen, setzten einigermaßen Fett an.

Da kam das Schicksal in Ritterstiefeln und trat alles entzwei.

Es war ein schöner, klarer Herbsttag und die Weinlese eben vorüber.

Welf saß oben auf dem Geländer des Turmumgangs und guckte aus. Plötzlich rief er in den Hof hinab, wo Margareth eben die drei paar Ritterstiefel im Brunnentrog spülte: »Ralph und Rolf: wo stecken die Junker!?«

– »Im Keller und klopfen die Tonnen ab, wieviel noch Wein drinnen. »

– »Ha, das ist gut, bei meiner Seel'! Ruf sie herauf!«

Annemargreth schickte ein gutes Blickchen empor, das mit eisengepanzerter Kußfaust sehr ritterlich erwidert ward, beugte sich zu einer allerliebsten Rundung zusammen, daß Welf beim Anblick der kühn ausgebogenen Hinterfülle vor Entzücken stöhnte und rief mit süßer Stimme ins dunkle Kellerloch: »Junkerchen herauf! Der Welf hat was!«

Ralph und Rolf traten gebückt aus der niederen Kellertür und schrien zum Turm: »Halloh, was ist?«

– »Gewimmt ist! Die Bauern fahren das Praschlett zur Stadt.«

– »Alle Teufel und Satansbrut!« rief Ralph, – »schon?«

– »Ei freilich! Es ist die Zeit! Ihr ließt wohl alles den Krämern in die Löcher fahren, säß ich nicht hier und guckte aus. Wie steht's in den Tonnen?«

– »Nieder!« antwortete Rolf. »Die Traminerin klingt hohl wie Deine Pauke.«

– »Und den Malvasier kann eine junge Katze auslecken«, fügte Ralph hinzu.

– »So denn mit Eilen in Stiefel und Sattel und hurtig Ersatz geschafft!«

Welf schwang sich vom Gelände und polterte die Treppe herab.

»Her die Stiefel, Annemargreth,
Her die Stiefel, eh es zu spät!«

sang anmutigen Eifers voll der nie um Reime verlegene Rolf.

– »Sind alle noch naß!« gab die zurück.

– »Was schiert mich das!?« reimte Rolf entgegen und fuhr in die patschnassen Lederhöhlen.

Indessen brüllte Ralph nach den Pferden, rumorte Welf im Waffengelasse, klirrte Christoph mit den Zaumketten, klapperten die Gäule aus dem Stalle, lachte und kicherte Margreth. Kurz: Wolfsturm machte mobil.

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