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Annas Ehe

Ida Boy-Ed: Annas Ehe - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleAnnas Ehe
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070521
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Am andern Morgen konnte Graf Burchard seiner Frau nur wenige Minuten widmen. Als sie ihn bei sich eintreten sah, flog ein tiefes Erröten über ihr Gesicht. Dies Erröten bezauberte ihn, er hatte aber die Klugheit, darüber hinwegzusehen. Er erkundigte sich nur rasch nach ihrer Nachtruhe.

Dann hieß es, sich den Gästen widmen, ihren Fragen standhalten, ihrer Abreise beiwohnen.

Zum Abschiednehmen von Anna wurden nur Donat und Ursche in ihr Zimmer gelassen. Anna weinte. Dieses ungewohnte Schauspiel machte auf Ursche großen Eindruck. Sie zerfloß in Tränen, und auch Donat war sehr gerührt.

Den Grund ihrer Ergriffenheit hätte keiner der drei jungen Menschen klar angeben können.

Ursula kam dann mit der Nachricht zu den andern Gästen, daß Anna schrecklich blaß und sehr nervös sei, aber nicht nach einer eigentlichen Krankheit aussähe, auch nicht einmal im Bett wäre, sondern auf der Chaiselongue läge. Ursula verstand unter Krankheit ganz was andres: dabei mußte man Fieber haben und Medizin einnehmen. Die älteren Herrschaften vermieden es aber, an Ursulas Bericht eine Diskussion zu knüpfen.

Mit tausend guten Wünschen und der Versicherung, den nun abgekürzten Besuch im Herbst wiederholen zu wollen, fuhren endlich alle davon. Wolf, Ursula und Donat in dem einen Wagen, Greti Wenderoth mit ihrem schönen Mann und den Reinbecks im andern.

Herdeke und Renate standen auf der Schwelle und winkten Grüße nach, bis die beiden Wagen umbogen, um den Weg am Wald entlang zu fahren.

»Na,« sagte Renate, »dank der Unpäßlichkeit unsrer jungen Gnädigen können wir uns hier nun bis auf weiteres mopsen.«

»Eine Bemerkung, die deinem Egoismus ganz ähnlich sieht,« antwortete Herdeke, für die das gesagt worden war.

Aber auch Burchard hatte es gehört. Und die naive Unbefangenheit dieser Bemerkung ging ihm doch zu weit.

Er hatte noch eine Aufgabe zu erledigen, ehe er sich ganz seiner Frau widmen konnte. Was gesagt werden mußte, sollte gleich gesagt werden.

Die drei Geschwister traten in die Halle zurück, Renate machte Miene, auf die in das Treppenhaus führende Tür zuzugehen.

»Bitte, Renate ... auf ein paar Worte!« rief er.

»Kann ich sie mit hören?« fragte Herdeke.

»Ich weiß nicht, ob es ihr lieb ist.«

»Oh, dann bitte ich darum. Der Ton war ja wie eine Fanfare – so, als ob ich abgekanzelt werden sollte. Das wird ja Herdeke immerhin interessieren,« sprach Renate und nahm mit hoheitsvoller Miene Platz. Ihr mokanter Ton war nicht ganz echt. Und sie wußte ganz gut, daß in ernsten Fällen Herdekens Gegenwart Schutz bedeutete. Burchard konnte sehr heftig werden. Und jetzt sah er so aus, als ob es gleich ein Unwetter geben könnte. Warum? Das mochten die Götter wissen. Nun, man würde ja hören!

Herdeke legte ihre Hand auf den Arm des Bruders. »Du siehst so böse aus. Seit zwei Tagen sehe ich dich nur mit allen Zeichen einer großen Erregung – blaß, erschrecklich ernst. Werde ich endlich erfahren, um was es sich handelt?«

»Für den Augenblick handelt es sich darum, daß ich die Pflicht habe, meine Frau den Beobachtungen Renatens zu entziehen,« rief er in aufwallendem Zorn; denn Renatens Haltung und die betonte »Ahnungslosigkeit« darin reizte ihn schwer.

»Was für Beobachtungen?« fragte Herdeke dazwischen.

Renate deutete ihr durch Achselzucken an, daß sie es nicht wüßte.

»Und da meine Frau das Haus nicht verlassen kann, um sich vor Renatens Späherblicken und Kombinationen zu schützen, so wird wohl Renate zu gehen haben,« schloß er.

Herdeke stieß einen leisen Ruf des Schreckens aus.

Renate fuhr zusammen, warf aber dann den Kopf zurück, mit der ihr eigentümlichen Bewegung, die derjenigen der Puterhähne glich. »Was meinst du? Bitte?«

»Nun – das ist unerhört,« sagte er und hielt in seinem Hinundherlauf inne, »du hast noch die Stirn, zu tun, als wissest du nicht ... Hast du mir nicht gestern mittag an einer ganzen Reihenfolge von dir beobachteter Mienen und Tatsachen, die sehr beweiskräftig schienen – hast du mir nicht eingeflüstert, daß meine Frau Stephan geliebt habe, noch liebe und eifersüchtig auf ihn sei?«

»Um Gottes willen! Das hast du getan? Renate, wie sündhaft – wie abscheulich!« rief Herdeke und rang die Hände.

»Ach, das meinst du? Himmel, darum solche Emotion? Ihr habt euch wohl darüber gestritten – Szenen gehabt? Und das ist wohl Annas mysteriöse Krankheit? Es war natürlich nicht meine Absicht, daß du ihr das gleich hintragen solltest. Aber Ehemänner! Ja, bist du denn so ein unschuldiges Lamm und bildest du dir denn wirklich ein, ein Mädchen wie Anna würde zwanzig Jahre alt, ohne den einen oder andern Schwarm gehabt zu haben, dessen Andenken sie auch nach der Ehe noch ein bißchen kultiviert? Aber über so was macht man doch keinen Lärm!«

Nur nie zugeben, daß man einen Fehler gemacht habe; damit behauptet man sich am besten – das war ihr Prinzip. Sie begriff aber auch wirklich nicht ganz, was Burchard an der Sache so »tragisch« nahm; sie war in ihrem Leben so zahllose Male ein bißchen verliebt gewesen, daß sie diese Gefühle zu den nebensächlichsten und vergänglichsten von der Welt rechnete. Es kam ja nur auf die Ehre und den Anstand an! Und hatte sie wohl ein Wort davon gesagt, daß Anna die verletzt habe? Nein, nicht von fern. Also wozu der Zorn?

Auch Herdeke tat ja, als habe sie ein Verbrechen begangen ... stand mit gefalteten Händen und murmelte: »O Gott – o Gott...«

»Selbstverständlich habe ich mich mit Anna darüber ausgesprochen, schonenderweise, ohne dich zu nennen. Ich kann dir mitteilen, daß alle deine Beobachtungen trügerisch waren. Anna denkt nicht an Stephan und hat nie an ihn gedacht.«

Gott segne die blinde Gläubigkeit verliebter Ehemänner! dachte Renate.

»Wenn meine Frau nun auch nicht weiß, daß sie von dir beleidigt worden ist,« fuhr er fort, »so weiß doch ich es. Und wie gesagt: ich habe die Pflicht und den Wunsch, Anna zu schützen. Du begreifst, daß es nach dem Vorgefallenen taktvoller ist, wenn du deinen Wohnsitz anderswo nimmst.«

Mit einem einzigen raschen Gedankenblitz beleuchtete Renate alle pekuniären Nachteile, die ihr daraus erwachsen würden.

Sie sah ihre Schwester an, und Herdeke fragte auch kummervoll: »Ja mein Gott, Burchard – nun sollen wir noch in unsern alten Tagen unser Leben umgestalten?«

»Ihr? Wer spricht denn im Plural? Ich rede mit Renate, nicht mit dir,« sagte er.

»Denkst du denn, daß wir uns trennen werden?« fragte sie.

Nun stand er erstaunt.

»Mich könntest du verlassen und mit Renate gehen?«

»Ach, du hast nun deine junge Frau.«

»Aber ihr zankt euch doch immer!«

»Wir zanken uns nie!« rief Renate mit Entschiedenheit.

Diese Behauptung machte den Mann einen Augenblick vor Verdutztheit mundtot. Und er mußte lächeln.

Herdeke wußte aber: wenn er gelächelt hatte, war er fast entwaffnet. Schnell schlug sie vor, die Frage zu vertagen, und verbürgte sich für Renate und deren im tiefsten Innern doch liebevolle Gesinnung.

Burchard kannte diese »liebevollen Gesinnungen«; aber er wußte auch, daß die Herzenskälte Renatens nicht mit eigentlicher Bosheit verbunden war, sondern daß sie aus Oberflächlichkeit, aus einer gewissen Fahrlässigkeit heraus gehandelt hatte.

Mit ungewohnter Nachsicht willigte er darein, daß die Frage vertagt werde.

Sein Herz trieb ihn zu seiner jungen Frau. Er fand sie niedergeschlagen, verweint. Sie hatte sich über sein langes Fernbleiben beunruhigt. Es ängstigte sie. Es ward ihr sofort zum Beweis, daß seine Güte, die er in der schrecklichen Nacht ihr bewiesen, nun der Kälte gewichen sei, nun den für sie vernichtendsten Urteilen Platz gemacht habe, daß die Kritik in ihm stärker geworden als die Nachsicht. Und sie gestand es gleich.

»So wird es immer sein,« klagte sie, »ich habe dir Gelegenheit gegeben, gering von mir zu denken. Nun habe ich keinen Boden mehr unter mir, habe keine feste Stellung mehr neben dir. Und bei jeder Kleinigkeit werde ich die Angst, den Verdacht haben, es bedeute, daß du mich nicht mehr lieb hast. Ich kann deine Frau nicht bleiben – laß mich gehen – gib mich frei!«

»Ich denke nicht gering von dir,« sagte er.

Er setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. »Frage dich doch selbst,« begann er, »was sollte werden, wenn ein Mensch um einer Handvoll Jugendtorheiten willen gleich verloren gegeben werden dürfte?«

Sie lehnte ihr Haupt gegen seine Schulter. Zögernd, verschämt flüsterte sie: »Aber ich habe – ich habe mich so entsetzlich überspannt betragen ...«

Das Wort auszusprechen, war doch bitterschwer. Zu einem tragischen Vergehen bekennt sich der Mensch mit besserem Mut als zu einem, dem ein Schein von Lächerlichkeit anhaftet.

Ein Lächeln flog über sein Gesicht. Er konnte sich denken, was dieses Bekenntnis sie kostete. Und es freute ihn, wie den Arzt Zeichen der Genesung beim Kranken.

»Mein Kind ... menschliche Fehler sind schwer wägbar. Wir pflegen sie ganz unlogisch zu beurteilen. Es gibt gewisse Favoritfehler, möcht' ich sagen, denen gegenüber die Nachsicht gleich bereit ist, hundert Entschuldigungsgründe zuzubilligen. Andre Fehler gibt es, denen gegenüber nur die Ungeduld und Unerbittlichkeit wach sind. Wenn wir jeden unsrer Fehler auf den Markt stellen könnten, würden wir die wunderlichsten Erfahrungen machen, wie unterschiedlich die Menge sie richtet. Auch vor unsrem eigenen Richterstuhl finden sie keineswegs mehr Gerechtigkeit. Auf die einen sind wir vielleicht gar heimlich stolz, der andern schämen wir uns. Und so scheint mir, geht es nun auch in dir zu. Du bist so ganz herunter, gerade weil du nur überspannt warst. Schlimme Taten des Zorns oder des Leichtsinns würdest du dir gewiß rascher verzeihen; denn du bildest dir ein, daß du dich ihrer nicht so sehr zu schämen hättest. Hab' ich recht? Ist es so?«

Sie nickte und schmiegte sich fester an ihn. Wie wohl das tat, aus seinem Mund so klare Worte zu hören, die ihr in die eigene Seele hineinleuchteten.

»Für mich aber, meine Anna, haben alle Fehler gleichen Rang, – soweit sie nicht ehrloser Art sind.

Ja, hast du denn gedacht, daß ich in dir ein vollkommenes Wesen erwartete? Hast du in dem Wahn gelebt, ein Charakter bilde sich, ohne durch einen Gärungsprozeß zu gehen? Welches Verdienst wäre es denn, reif, milde, klug zu sein, wenn man sich das nicht in Kämpfen zu erringen trachtete und, im Grunde genommen, bis zu seinem letzten Atemzug immer neu erringen müßte? – Wir haben tausend innere Feinde in uns. Trotz alledem ein verständiger, tüchtiger Mensch werden! Das ist eine Lebensaufgabe für die Tapferen. Die Schwachen ergeben sich ihren Fehlern. Und ich denke, meine Anna hat die Eigenschaften in sich, sich auf die Seite der Tapferen zu schlagen.« Sie fiel ihm um den Hals in erlösenden Tränen.

Wie er sie erhob! Welch neue Sicherheiten er ihr gab! Ja, zu werden, wie er hoffte, daß sie werden solle – das war eine Aufgabe – welch seliges Streben und Ringen!

»Ich will versuchen, deine Liebe neu zurückzugewinnen,« flüsterte sie.

»Du hast sie nicht verloren,« sprach er und drückte sie an sich. »Wäre das noch Liebe, die gleich erstirbt, wenn sie ihren Gegenstand auf Irrwegen sieht? Auch für die Liebe heißt es: trotzdem!«

Nun kam eine innere Freiheit über Anna. Mit flammendem Eifer suchte sie sich zu erklären und zu entlasten. Sie konnte sprechen und alles von sich sagen, was sie wußte.

Und was sie nicht wußte, wo sie sich selbst unklar war, erriet sein kluger Sinn. Er sah ihre ganze Seele vor sich, wie sie in unbewachten, ungeleiteten Jugendjahren immer nur von der romantischen Welt geträumt und von der Rolle, die sie in aufregenden Ereignissen spielen würde. Er sah mit Entsetzen, in welcher Lebensleere man dies begabte junge Geschöpf hatte aufwachsen lassen.

Weder Vater noch Mutter hatten daran gedacht, ihr einen Inhalt zu geben. Einer Pflanze gleich, war sie aufgeschossen – mochte sich ihr Wuchs biegen, wohin er wollte. Sein Herz erzitterte, wenn er sich vorstellte, daß es zu ganz andern Auswüchsen hätte kommen können...

Unter all dem tollen Gerank dieser Torheiten war doch ihre Seele rein und stolz geblieben.

Aber dann, als sie alles besprochen und beleuchtet hatten in endloser Hin- und Widerrede, dann erwachte doch von neuem die Scham in Anna. »Wären wir allein – es könnte gehen. Aber du bist nicht der Mann, der neben sich ein Weib haben darf, über das man lächelt. All unsre Gäste – deine Schwestern – die Dienstboten selbst – nein, es geht nicht. Deine Großmut will das vor dir selbst verleugnen.«

»Niemand weiß von dem Vorgefallenen – nicht einmal Wolf – geschweige denn meine Schwestern. Nur die Schülers.«

»Niemand weiß ... du hast geschwiegen ... mich geschont? ... in all deiner Angst! Oh, Burchard ...«

Seine Hände hätte sie küssen mögen.

Er las aber in ihrem Blick die heiße Dankbarkeit. Er zog sie wieder an sich. »Mein geliebtes Weib,« sagte er, »mir scheint, wir fangen unsre Ehe noch einmal von vorne an.«

Sie drückte ihr Gesicht fester gegen seine Brust.

Er ahnte, was in ihr vorging – er verstand die Keuschheit, die in diesem Augenblick noch keine Worte dafür fand.

Lange standen sie in einem glücklichen, andächtigen Schweigen.

»Eine Bitte habe ich,« sagte sie dann, »und ich scheue mich nicht, sie auszusprechen: Vereinige die beiden Liebenden. Früher gebe ich mir nicht das Recht, mich meines Glückes zu freuen.«

Graf Burchards Stirn bewölkte sich. Er ging erst ein paarmal im Zimmer hin und her, ehe er sprach: »Meine Meinung in dieser Angelegenheit ist ja nicht von Übelwollen gegen die Liebenden diktiert, auch nicht unter deiner Beeinflussung entstanden. Die Tatsachen drängten sie mir auf. Und die sind doch dieselben geblieben. Fast – ich gestehe es – habe ich diese Bitte von dir erwartet. Sie freut mich, obschon ich ihr nicht willfahren kann. Ich selbst habe die Sache wieder und wieder erwogen diese Nacht – denn ich sah die Feindseligkeit in Sophie Schülers Auge. Und mein ganzes Herz sehnt sich danach, Vater und Tochter wohlzutun. Aber es ist nun einmal so: Stephan hat nichts gelernt als sein Soldatenhandwerk; ihn in einen andern Beruf übertreten lassen, wäre ein sehr gewagtes Experiment. Als Offizier kann er Sophie Schüler nicht heiraten, das Regiment würde sich dagegen wehren – es bliebe die in ähnlichen Fällen übliche Versetzung. Aber wovon sollen sie leben? Sie haben beide nichts. Das ist der Fall – klipp und klar.«

»Nein,« rief Anna leidenschaftlich, »das ist er nicht. Du bist reich. Gib ihm Geld.«

»Als verheirateter Mann muß ich zuerst an meine Frau denken und an die Zukunft ... Auf ein bloßes Kommißvermögen die beiden heiraten zu lassen, wäre zu wenig – das wäre das glänzende Elend, an dem so viele Offiziersehen kranken.«

Anna ließ nicht nach: »Und wenn deine Frau dich anfleht: Nimm das Geld, hunderttausend oder wieviel du meinst, von dem, was ihr zugedacht ist? Wenn sie dir sagt: Sie wird sich mit heißer Freude einfacher kleiden, bescheidener ausgeben, um diesen Zinsenverlust wett zu machen?«

»Das wolltest du?« fragte er ernst.

»Begreif' es, Burchard,« rief sie beschwörend, »ich habe kein Recht, glücklich zu sein, ehe ich den beiden nicht zum Glück verhalf. Ich seh' es dir an – du läßt dich überzeugen. – – Und schreibe du selbst an Stephans Oberst oder reise mit Sophie hin. – Wenn du so für sie eintrittst, wie kann sich dann das Regiment noch weigern?! Und geschieht es doch – nun, dann wird Stephan eben versetzt und du tust alles, ihm ein gutes Regiment zu besorgen.«

All dies entsprach ja dem eigenen Herzenswunsch des Mannes. Und wenn sie selbst darauf drang, daß das Geld hergegeben werde – sogar zu Opfern dafür bereit war, die er sie auch zunächst tatsächlich bringen lassen wollte – – dann konnte er kaum noch entgegen sein.

Und doch ...

Würde Anna es ertragen, gerade diejenige in der Familie zu wissen, die ihre Torheit kannte – sie in der kleinen Stunde ihres Lebens gesehen hatte?

Als erriete Anna seine Gedanken, so setzte sie noch hastig hinzu, während sie tief errötete: »Daß ich selbst Vater und Tochter nicht wiedersehen mag, begreifst du. Ich weiß es jetzt: mich vor dir zu schämen, ist keine Erniedrigung! Aber gerade den beiden wieder ins Auge zu sehen ... Es läßt sich für alles eine Form finden. Auch für dies Vermeiden ...«

Er unterdrückte einen kleinen Seufzer.

Also doch noch ... Nun, dieses sich Aufbäumen war vielleicht kein Hochmut mehr – es war zu begreiflich, daß ihr ganzes Wesen sich schamvoll gegen die Demütigung auflehnte, die doch in diesem Begegnen lag.

Und endlich kamen die Gatten überein, daß Graf Burchard am Nachmittag die Glücksbotschaft in das kleine Doktorhäuschen bringen und zugleich verabreden solle, daß die Verlobung geheim zu halten sei, bis die gräfliche Familie Sommerhagen verlasse, was dann schon in vier Wochen geschehen könne. So ging man einander schicklich aus dem Wege. Die Hochzeit konnte gleich nach dem Manöver hier auf Sommerhagen stattfinden und Graf Burchard mit einer seiner Schwestern dazu herkommen. Ein Vorwand für Anna, um fern zu bleiben, fand sich leicht. Auch die beiden Schwestern sollten vorerst nichts erfahren, sonst würden sie sich ja wundern, weshalb Anna nicht Stephans Braut bei sich empfange.

Mit leuchtenden Augen sah Anna ihrem Gatten nach, als er den Weg zu Doktor Schüler antrat.

Graf Burchard selbst befand sich in keiner so ganz sonnenhellen Stimmung. Er prüfte sich darauf, ob er schwach gewesen sei, ob er in dieser Sache so ganz Annas Wünschen hätte folgen dürfen. Sein Herz sagte ihm zwar immer wieder, daß es zu grausam sein würde, Anna den Verkehr mit Sophie Schüler und ihrem Vater zuzumuten; vielleicht ließ die Zeit die Erinnerung etwas weniger peinvoll werden. Jemand, der körperlich krank war, schonte man sorgsam und lange. Daß man aber auch einer Seele, die eben zu gesunden anfing, nicht gleich starke Anstrengungen zumuten durfte, war wohl zu bedenken.

Mit diesen Erwägungen gab er sich schließlich recht.

Sophie Schüler sah den Grafen Burchard auf ihr Haus zukommen.

»Vater – Graf Geyer!« rief sie von ihrer Nähmaschine aus.

Der Doktor war in seinem Studierzimmer und kam nun auf die Türschwelle.

»Der Besuch war fast zu erwarten – ob er uns die Demütigung antun wird, unser Schweigen zu erbitten?«

»Es kann sein,« sagte das junge Mädchen, »jedenfalls aber wird er uns eine Geschichte erzählen, die uns das Vorgefallene irgendwie erklärlich machen soll. Aber sieh Vater – nicht wahr? – er scheint fast heiter.«

Nun klang auch schon die Türglocke, und Doktor Schüler eilte hinaus.

Vater und Tochter konnten dann zunächst nicht den Eindruck bekommen, als wenn er um Verschwiegenheit bitten oder eine »Geschichte« erzählen wollte.

Auf des Doktors Frage nach dem Befinden der Gräfin antwortete er sehr einfach, daß es ihr trotz der durchgemachten Erregungen, in die sie sich grundlos hineingesteigert gehabt, ganz vortrefflich gehe.

Zwei Minuten später war es gesagt: Graf Burchard hielt für seinen Neffen, den Leutnant Stephan Normann, bei Doktor Schüler um die Hand von Fräulein Sophie an und fügte hinzu, daß er die finanziellen Verhältnisse des jungen Paares in geeigneter Weise ordnen werde.

Aber kein Jubelschrei, keine Dankestränen antworteten ihm.

Leichenblaß, atemlos saß Sophie auf ihrem Stuhl vor der Nähmaschine.

Mit großen Augen sah sie ihren Vater an – mit einem beschwörenden Blick. Und um ihren jungen Mund legten sich die Züge der tiefsten Bitterkeit.

Auch der alte Mann war sehr blaß geworden.

Er sah zu seiner Tochter hinüber. Lange wurzelten ihre Blicke ineinander. Sie verstanden sich, ohne ein Wort.

Dann richtete der Mann das Auge auf den Grafen Burchard, der mit plötzlicher Beklemmung dies Erblassen und Verstummen wahrnahm.

Klar und ruhig sah er ihn an.

»Meine Tochter dankt Ihnen, Herr Graf. Wir können diesen Antrag nicht annehmen. Die Verhältnisse der beiden Liebenden haben sich seit gestern morgen nicht geändert. Die Gründe, die für Sie maßgebend waren, Ihre Einwilligung zu versagen, bestehen fort. Warum wollten Sie heut' gewähren, was Sie gestern verweigerten?«

Die stille Würde des alten Mannes hatte für den Grafen Burchard etwas sehr Beschämendes. Plötzlich begriff er, daß es eine Auffassung für die vermeintliche Glücksbotschaft gab, an die er nicht von fern gedacht hatte ..

Arme und Unglückliche sind eben überwachsam: sie sehen immer danach aus, welche Demütigung denn nun kommen wird. Und wenn die Sonnenstrahlen des Glücks sich in vollen Bündeln zu ihnen herein spinnen, werden sie erst fragen: Welche kalte, böse Absicht birgt sich dahinter?

»Fräulein Sophie,« sagte er eindringlich, »spricht Ihr Vater wirklich in Ihrem Sinn? Sie lieben doch Stephan.«

»Ja,« sprach sie mit blassen Lippen, aber in ganz bestimmtem Ton, »Vater spricht in meinem Sinn. Sie wollen mir heute aus Dankbarkeit oder vielleicht gar, um unsrer Verschwiegenheit ganz sicher zu sein, gewähren, was Sie gestern verweigerten. Ich bin zu stolz, um auf diese Weise mich in Ihre Familie zu drängen. Wenn Stephan davon wüßte oder je davon erfahren dürfte: er würde meine Haltung billigen.«

Sie war aufgestanden. Auch er erhob sich.

»Ihre Worte klingen sehr herbe,« sprach er ernst, »sie enthalten auch eine Unterstellung, die mich nicht trifft. Ich habe nicht von fern daran gedacht, mich so Ihrer Verschwiegenheit zu versichern. Sie unterschätzen die ausgezeichnete Hochachtung, die ich für Ihren Vater und Sie hege. Und das, obgleich ich Ihnen diese stets bekundete – längst vor diesem unseligen Zwischenfall.«

»Verzeihen Sie meinem Kind das zu harte Wort. Sie hat eben viel, sehr viel gelitten,« bat Doktor Schüler mit zitternder Stimme. »Aber daß so etwas wie Dankbarkeit im Spiel ist, daß ohne die Vorgänge dieser Nacht Ihr Sinn sich nicht so rasch geändert hätte, werden Sie, nicht leugnen wollen.« »Nein,« gab er ehrlich zu, »das kann und will ich nicht leugnen. Meine Frau und ich – wir sind durch schwere Kämpfe gegangen, zu neuem Glück haben wir uns inniger, bewußter als vordem zusammengefunden. Eine Verkettung von Umständen zog Sie und Ihre Tochter in unsre Erregungen hinein. Sie haben sich beide als aufopferungsvoll bewährt – wir sind Ihnen dankbar. Aus der gleichen Empfindung heraus haben wir den Wunsch, Fräulein Sophie glücklich zu sehen.«

Die männliche Offenheit dieser Erklärung entwand dem alten Mann alle Waffen des Gedemütigten. Aber seine Ansicht konnte nicht geändert werden. Sie war unumstößlich; denn seine Ehre hatte sie ihm diktiert.

»Wir verstehen diese Empfindung – meine Tochter und ich – ja, Sophie, das tun wir,« sprach er mit Nachdruck, als wollte er zugleich sein Kind zur gerechten Einsicht ermahnen, »aber wir bitten, daß Sie auch uns verstehen. Wir können ein Glück nicht annehmen, das uns ohne diese Zwischenfälle nicht angeboten worden wäre. Wir können nicht einmal glauben, daß es so ein Glück ist. Wenn es aber Ihnen und der Gräfin eine Genugtuung geben kann, so darf ich Ihnen sagen, daß in einer Weise dennoch das Ereignis dieser Nacht glückliche Folgen haben wird für uns. Ich habe mich selbst wiedergefunden und den Mut, meinen Beruf wieder auszuüben. Beinahe,« schloß er mit einem ergreifenden Lächeln, »hätten Sie mich an meiner Haustür getroffen, bei der Arbeit, das Schild ›praktischer Arzt‹ daran zu befestigen.«

Graf Burchard war gerührt. Er verstand den Stolz, die Würde dieser vielgeprüften Menschen. Sie wurden ihm in dieser Stunde teuer.

»Dies zu hören, ist mir eine tiefe Freude,« sagte er bewegt, »eine ebenso innige würde es uns sein, wenn Fräulein Sophie...«

»Kein Wort mehr,« bat sie in leidenschaftlichem Schmerz, »fühlen Sie denn nicht die unsägliche Bitterkeit, die für mich darin liegt... jetzt soll mir das Glück gegönnt werden – nur weil Ihre Frau eine Torheit beging ... wie kann ich – wie kann ich! Oh, verzeihen Sie mir – ich fühle Ihre Güte – aber ich kann nicht darüber weg – immer, immer wär's, als ginge jemand neben mir und spottete: Darum – darum! ... Wie, wenn es Ihrer Frau nun nicht eingefallen wäre, eines der Fläschchen zu nehmen? ...«

Sie brach in heißes Schluchzen aus.

Und er fühlte wohl, es blieb ihm nichts, als zu gehen. Zum erstenmal in seinem Leben als ein Geschlagener. Auf dem Rückweg gestand er sich, daß er doch schwach gewesen sei, wenn auch in anderm Sinne, als sein Verstand ihm vordem zuraunen wollte.

Wenn die Liebe und der Wunsch, seiner Frau wohlzutun, die sich eben aus so schweren Verirrungen zur Gesundheit emporzuretten begann, ihn nicht blind oder doch einseitig sehend gemacht hätten, würde seine Menschenkenntnis ihm doch haben sagen müssen: Vorsicht! Hier handelt es sich nicht um Anna allein! Diese beiden vornehmen, tiefen, sehr überempfindlich gewordenen Menschen wollen geschont sein.

Das war ein schwerer Rückweg für ihn. Er fürchtete, daß Anna das eben gewonnene Gleichgewicht ganz verlieren würde.

Und seine Furcht bestätigte sich ganz und gar.

Anna geriet außer sich.

Der stille, leidvolle und doch so unendlich würdevolle Stolz der beiden Menschen machte ihr ihr eigenes Wesen ganz verhaßt.

Und über diese hatte sie sich erhaben geglaubt!

Im Maße, wie sie noch wuchsen, wuchs auch ihre Scham vor ihnen.

Graf Burchard mußte ihr zureden, daß sie in Selbstvorwürfen nicht zu weit gehe.

Umsonst!

Und mit immer größerem Jammer wiederholte sie es: »Ich habe kein Recht auf Glück, solange ich diese Liebenden nicht glücklich weiß.«

Er sah es: in einer jungen, leidenschaftlichen Frauenseele geht viel vor, das der Logik spottet.

Aber aus seinem Gefühl heraus begriff er völlig, was Anna empfand: sie mußte, was sie sich selbst Übles getan hatte, gut machen, indem sie andern zum Glück verhalf!

Graf Burchard litt, weil er der geliebten Frau nicht helfen konnte. Er wußte wohl, für einen Menschen, der mit eben erwachtem Erkennen an sich arbeiten will, ist es viel wichtiger, daß er sich selbst verzeihen kann, als alle Verzeihung andrer. Und dann wußte er auch: wer, selbst noch ein Kämpfer, andern Glück zu verschaffen vermag, gewinnt daraus die Hoffnung, daß er für sich auch Glück finden werde.

Wie sollte er aber Anna zur Hilfe kommen, wie sie diesem marternden Seelenzustand entreißen?

Schon seine leisen Versuche, sie liebevoll und tröstend an sich zu ziehen, wehrte sie ängstlich ab.

Nein, sie habe kein Recht auf Glück ... Sie wurde stiller. In sich gekehrt ging sie einher, ein, zwei Tage lang.

Zuweilen schien es, als wollte sie ihrem Gatten etwas anvertrauen. Aber immer noch hielt sie sich zurück. Er sah, daß irgend ein geheimer Kampf in ihr der Entscheidung zuneigte.

Eine große Spannung bemächtigte sich seiner. Aber er bezwang sich und stand still wartend beiseite, um mit keinem Wort, mit keiner Frage vielleicht allzufrüh an das zu rühren, was da werden wollte.

Die beiden alten Schwestern des Grafen, die in diesen nächsten Tagen erst einmal die Behauptung Renatens, daß sie sich nie stritten, wahrzumachen bestrebt waren, fragten sich oft: »Was haben die beiden nur?«

Daß kein Unfriede zwischen den Gatten war, sahen sie wohl.

Aber sie sahen auch kein Glück, sondern eine unruhvolle, wehmütige Zurückhaltung, ein geheimes Sorgen und Leiden.

Sie bestrebten sich beide, Herdeke aus bekümmertem, liebevollem Herzen, Renate mit mehr äußerlicher Beflissenheit, die Mahlzeiten erträglich und unterhaltend zu machen und Anna mit Zärtlichkeit zu umgeben.

Anders nahm sie es hin als früher: mit dankbarem Lächeln, ja mit einem Ausdruck kindlicher Ergebenheit.

Graf Burchard fühlte es: nun waren alle Bedingungen des Glücks gegeben. Aber das Glück selbst stand noch immer auf der Schwelle und wartete vergebens auf Einlaß.

Wieder einmal hob ein neuer Tag an, und bedrückten Herzens stand Graf Burchard am Fenster des kleinen Wohnzimmers neben Annas Stube. Er wartete auf seine Frau. Sie nahmen nun hier ihr erstes Frühstück zusammen. Er sah hinaus. Es war ein so fröhlicher Morgen. In drei Farbenstrichen lag die Gegend vor ihm: erst das helle Grün der sich bis zum Rand der steilen Küste vorschiebenden Koppel, darüber der mächtige Streifen des dunkelblauen Meeres und darüber dann der hellblaue, ganz reine Himmel.

Gerade in der großartigen Einfachheit dieser drei scheinbar gar nicht nuancierten Farben und in der mächtigen Fülle, womit die Natur sie zu dem Gemälde verbraucht hatte, lag der majestätische und dennoch lachende Reiz des Bildes. –

Graf Burchard hörte die Tür gehen.

»Wie, Anna,« sagte er erstaunt, nachdem er ihr zum Morgengruß die Stirn geküßt, »schon zum Ausgehen angezogen?«

»Ja, ich möchte gleich nach dem Tee spazieren gehen,« sprach sie leise.

»Ist dir nicht wohl? Du siehst sehr blaß aus. Hast du nicht geschlafen?«

»Nein, ich habe nicht geschlafen.«

Sie schwiegen. Campell trug das Frühstück auf.

Anna schob bald die Tasse von sich. Er sah, daß ihre Hand unsicher war. Er hörte einen kurzen, schweren Seufzer.

»Was ist dir, Anna?«

Und da sagte sie es – mühsam – stockend –

»Ich will zu Sophie Schüler gehen und sie bitten...«

Diesem Entschluß also hatten in ihrer Seele die Kämpfe gegolten ... Dem Manne klopfte das Herz vor Freude. Sie ist gerettet. Sie hat sich vollends selbst bezwungen, dachte er.

»Gott gebe dir die rechten Worte, meine Anna,« sagte er bewegt, »der Gang kann dir nicht schwer werden; denn du gehst zu vornehmen Menschen.«

Und wenn sie über mich triumphieren, dachte Anna, als sie bald darauf den Weg der Demut ging, ich muß es ertragen! Ich hätte es verdient. –

Der Morgen war so schön. Die von würzigen Düften und moosigen Gerüchen fast dicke Luft, die aus dem Walde kam, ließ sich so köstlich einatmen.

Über die jungen Halme der Koppel strich der Wind, der nicht stark genug war, sie in einer Richtung niederzubeugen. Eine ruhelose Beweglichkeit ging durch die Millionen grüner Rispen, und das gab ein Flimmern und Zittern, daß es das Auge blendete.

Es kam Anna vor, als erleichterte ihr dieses frische Leben des Frühlingsmorgens den Gang. Die Natur trug gleichsam alle ihre Geschöpfe, anstatt sie niederzudrücken. Sie zeigte nur ermunternd ihre Kraft und gar nichts von ihren Gewalten.

Da kam das kleine, friedliche, weiße Haus in Sicht. Der frische grüne Ölanstrich der Läden und des Gitters gleißte im Sonnenschein.

Annas Herz begann schwer zu klopfen. Kehr um! sagte auf einmal der Hochmut, der getan hatte, als sei er besiegt.

Aber da war ihr, als sähe sie die klugen, gütigen Augen ihres Mannes auf sich gerichtet. So deutlich war sein Gesicht vor ihr – sie meinte, es verzöge sich vor Enttäuschung und Schmerz ...

Mit entschlossener Hand öffnete sie die Tür.

Ein wunderlicher Zufall wollte, daß wieder ein Geruch von Petroleum in dem kleinen Raum webte, auf dessen rotem Ziegelboden als orangefarbener Streif die Sonnenstrahlen lagen, die zum Fenster hereinkamen. Aber die Lampen standen schon fertig auf dem Tisch, und niemand war im Flur.

Schnell klopfte Anna an die erste Tür rechts, und fast zugleich ward von innen aufgetan.

Das junge Mädchen fuhr zurück...

Sie sahen sich an – sekundenlang, stumm und fast atemlos.

Sie hatten eine gegen die andre viel Feindseligkeit im Herzen getragen, und dessen waren sie sich in diesem schwülen Augenblick deutlich bewußt.

Durch Sophiens Hirn wirbelten allerlei Fragen: Was will sie? Vater danken? Mir noch einmal als »Honorar« die Heirat mit Stephan antragen? Mich wieder quälen? Wieder demütigen?

Aber Fassung – Haltung!

Als Anna so in dies seine, vergrämte Mädchenantlitz sah, ward ihr wunderbar weich und doch auch ganz leicht ums Herz. Das Mitleid erhob sich stark und rein. Alles Demütigende war vergessen.

Ihr schien auf einmal, als sei es eine Schwesterseele, zu der sie sprechen wollte, eine, die gleich der ihren sich nach dem Glück sehnte, aber es sich nicht gönnen durfte. Innere Feinde hatten ihr selbst den Weg verbaut–äußere Hemmnisse den der andern...

Aber sie wollten den Weg zum Glück schon finden ...

»Frau Gräfin suchen vielleicht meinen Vater,« begann Sophie, als könnte sie mit diesem Wort abwehren, daß man sie selbst suche... »Vater ist zu einer Kranken gerufen worden ... zum erstenmal im Dorf...«

Anna schüttelte den Kopf. Noch ein paar Herzschläge lang zögerte sie. Ihr Blick suchte den Sonnenschein draußen. Gerade vor dem Fenster stand ein Springenbusch, seine braunlila, noch unerschlossenen Knospen schwankten im Licht und in der Wärme, weil der leise Wind die Zweige anstieß. Ihre Blüte war nahe, morgen vielleicht hatten sie Farbe und Duft ...

Und Anna hob an, sanft und einfach: »Ich bin gekommen, Sie um etwas zu bitten.«

»Mich?« fragte Sophie mit bitterem Lächeln, »was habe ich zu gewähren?« Und ihr Herz erzitterte vor der kränkenden Bitte, die sie hören würde, vor der Bitte: Schweige!

»Ich will um mein Glück bitten,« sprach Anna leise.

Sie sah das Mädchen an – in ihre Augen stiegen Tränen...

Vor diesem Ausdruck, vor diesen Worten, kaum verständlich, mit bebender Stimme vorgebracht, erschrak Sophie. »Wie könnten Sie sich Ihr Glück bei mir holen?« sagte sie zögernd.

Anna ergriff ihre Hand. »Wollen Sie mich anhören? Darf ich zu Ihnen sprechen – als spreche ich laut mit mir selbst?«

»Wenn Sie so viel Vertrauen ...« Sophie wußte nicht auszusprechen, was an Gedanken sich überstürzend auf sie zukam.

»Nicht wie Sie bin ich in meiner Jugend von einem liebevoll wachsamen Vater geleitet worden,« sprach Anna. Sie begann mit sanfter Ruhe, nicht ohne gegen eine gewaltsam aufsteigende Rührung zu kämpfen. Aber es riß sie fort. Ihre leidenschaftliche Seele geriet in Flammen. »In meinem Elternhaus gab es Zustände und Charaktere, die ich ungewöhnlich und krankhaft nennen darf. Und mir selbst überlassen, erwuchs ich, während gerade ich eines starken Erziehers bedurft hätte. Und aus der leeren Stille meiner Jugend sehnte ich mich hinaus in die bunte Welt zu tragischen Ereignissen. Um äußerlicher Gründe willen ward ich das Weib des edelsten, klügsten, gütigsten aller Männer. Ich verging mich an ihm und an mir, denn auch in der ersten Zeit meiner Ehe sah ich nur das bißchen Glanz und Stellung und hatte ungemessene Vorstellungen von mir selbst und der Rolle, die ich spielen dürfe. Und durch allerlei Verknüpfungen kam es, daß ich mich endlich in trotzige Stimmungen hineinsteigerte und in ihnen jene törichte, jene lächerliche Tat beging, die Sie kennen.«

Anna preßte die Hand des in Verwirrung zuhörenden Mädchens und fuhr in heißer Erregung fort: »Keine Liebe hatte ich in meiner Jugend erfahren, und keine war in mir geweckt. So blieb mein Herz noch lange kalt und tot, selbst neben diesem Mann. Nun aber bin ich erwacht – nun sehe ich seinen Wert – ihn selbst – ohne den großen Rahmen von Gold und Glanz – und ich möchte Gott auf den Knien danken, daß ich sein, gerade sein geworden bin. Und ich möchte glücklich sein, mir zugleich mein Glück verdienend, Tag für Tag ...«

Sie brach in Tränen aus.

»Was hindert Sie denn?« flüsterte Sophie. »Weinen Sie doch nicht so – o bitte – nicht so weinen!«

Scheu streichelte sie den Arm der Fassungslosen.

Plötzlich aber fiel Anna ihr um den Hals.

»Ich kann nicht glücklich sein – ich gebe mir nicht das Recht – ehe ich euch beide nicht glücklich weiß!« rief sie.

Sophie schloß die Augen. Ihr war, als würde sie schwindlig...

Nicht als Gnade warf man ihr das Glück hin ... Nein, als Gnade von ihr erbat man, daß sie es annähme ...

So kann auch ein stolzes Herz nehmen ... Mit beiden Händen konnte sie nun nach dem Glück greifen; denn das Glück zweier andrer Menschen hing damit zusammen. Und was sie für sich nahm, schenkte sie jenen beiden ...

Sie begriff auch, was es sagen wollte, daß Anna so zu ihr kam! Die Bitte gewann flammende Beredsamkeit durch das, was dieser Gang an Selbstüberwindung gekostet haben mußte ...

Das kann kein kleiner Mensch, dachte Sophie, und sie ist doch seiner wert!

»Soll ich noch mehr sagen,« rief Anna leidenschaftlich und richtete sich wieder auf, »habe ich doch nicht die rechten Worte gefunden?«

»Ja,« sagte Sophie leise, während die Tränen auch ihr über das Gesicht liefen, »ja, es waren die rechten Worte...«

Aufjubelnd umfaßte die andre sie. Und in die stille, noch immer fast ungläubige Seligkeit des jungen Mädchens hinein sprach Anna ...

Ihre Worte – ihre Gedanken warf sie in namenloser Freude durcheinander.

Vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sie ganz jung – war sie ganz glücklich.

Und ihre ganze Seele drängte sich nach dem Mann ... Einst hatte sie sich durch seine Liebe wie auf einen Thron erhoben gefühlt... wie kläglich war sie aus jener künstlichen Höhe herabgestürzt! Nun dankte sie ihm andre Erhebung... die zum ehrlichen, bescheidenen Menschen...

Ihm danken, ihm immer wieder danken – durch ein ganzes Leben...

»Komm zu ihm ... komm, sei meine Freundin – sei mir Schwester – komm zu ihm...«

Ihr Feuer riß endlich die Stille und Zaghafte hin, und sie wagte es, an die Wirklichkeit dessen zu glauben, was sie erlebte.

Und nach wenigen Minuten schritten sie Hand in Hand in den Maimorgen hinein.

Ihre Augen leuchteten, und sie lächelten sich zu.

Sie wußten es beide: wie verschieden auch die Wege sein mochten, die das Leben sie noch führen konnte, es würden die Wege des Glückes sein.

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