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Annas Ehe

Ida Boy-Ed: Annas Ehe - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleAnnas Ehe
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070521
projectid2ffbbe73
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Anna fuhr aus ihrem ohnmachtähnlichen Zustand empor.

Sie blickte in wilder Angst um sich.

»Anna ... wie ist dir?« fragte der Mann und nahm ihre Hand.

Sie begegnete dem liebevollen Blick des Gatten – sie sah den unaussprechlichen Schmerz darin.

»Verzeih mir – verzeih mir ...« stöhnte sie.

»Der Doktor wird gleich hier sein,« sagte er verheißend.

»Ich schäme mich tot – vor ihm – vor allen – am meisten vor dir,« brachte sie heraus.

»Denke jetzt nicht,« bat er, »quäle dich nicht!«

Sie griff nach seiner Hand. »Ich muß leben,« flehte sie ihn an, als wäre er der Herr über Tod und Leben. »Ich muß. Um gut zu machen. Was ich bis jetzt ...«

Der eigene Jammer mischte sich ihm qualvoll mit der Barmherzigkeit für sie ... Er sah, wie sie litt. – Ihre Seele wand sich – nicht nur in Furcht vor der düsteren Gewalt, die sie sich nahe glaubte – fast mehr noch in der Reue über ihre Torheiten.

»Meine Anna,« sagte er tröstend.

»Laß mich! Du verachtest mich,« stieß sie heraus, »du hast recht.«

»Wie sollt' ich ein junges, werdendes Menschenkind verachten!«

»Ach – du bist so gut und groß ...«

Wieder lag sie still. Wieder horchte sie in sich hinein.

Und da ihre Seele aus den Fugen war, da grauenhafte Angst ihr alle Sinne trübte, glaubte sie, in sich wahrzunehmen, was ihre Phantasie ihr vorspiegelte: die Wirkungen des Giftes, die kommen mußten, begannen nun ...

Der Tod kam auf sie zugeschlichen – leise – langsam – mit unfehlbarer Sicherheit nahm er seinen Weg.

Wie schwer schon ihre Hände... wie bleiern schon ihre Füße... welch Summen und Sausen im Kopf ...

Der ganze Körper wie gelähmt ...

»Burchard,« flüsterte sie.

Er neigte sich über sie ... Er nahm ihren Oberkörper in seine Arme ... auf dem Bettrand neben ihr hockend ...

Sie erlag der wahnwitzigen Angst ... eine tiefe Ohnmacht umfing sie abermals... ihre Lippen wurden farblos, und auf der blassen Stirn erschien der kalte Schweiß. Mit Entsetzen sah der Mann die leichenhafte Farbe des Gesichtes – fühlte die Kälte der Hand ...

Und gerade in diesem Augenblick trat Doktor Schüler in das Zimmer.

»Rasch,« schrie Burchard, »sie stirbt ...« Er ließ sie sanft auf ihr Kissen nieder.

Stumm vor Erregung trat der alte Mann über die Schwelle.

Eine große Stunde schlug für ihn ... Er näherte sich dem Bett und erschrak ... Einer Sterbenden gleich lag die junge Frau da.

Kam er zu spät? Barmherziger Gott – nur das nicht ... Nein, nur das nicht! Wenn sie nur noch imstande wäre, zu schlucken – wenn es nur noch möglich wäre, ihr das Atropin einzulösen ...

Er beugte sich über Anna ... er nahm ihre Hand ...

Er horchte auf den Herzschlag – zählte den Puls ... befühlte die Haut ... hob das Augenlid ... bewegte ihren Arm ...

In atemloser Spannung folgte Graf Burchard seinem Tun ...

Eine kurze, schreckliche Verwirrung bemächtigte sich des alten Mannes ... Was war das? Sah er falsch? Fehlte ihm die Sicherheit? Nahm ihm die Gemütserschütterung den klaren Blick? Stand er hier als ein Pfuscher? Täuschte ihn seine Beobachtung? Wollte der schreckliche Unglaube an sein Können ihn übermannen? Hier, in diesem tödlich ernsten Augenblick?

Was er sah, waren nicht die Symptome einer Opiumvergiftung ... »Ich kann ihr kein Atropin geben,« murmelte er vor sich hin.

»Warum nicht – o Gott – Doktor – kein feiges Besinnen – kein Zaudern – retten Sie mein Weib ...« rief Graf Burchard. Eine entsetzliche Angst befiel ihn. Immer hatte er dagegen gestritten, wenn es hieß, Doktor Schüler sei infolge seines Unglücks nicht mehr ganz klar. Nun packte ihn die Furcht, es möge doch so sein.

Dann war keine Rettung für Anna von ihm zu erwarten ...

Feige, zitternd, verwirrt würde er sie sterben lassen, anstatt ihr zu helfen.

»Ich beschwöre Sie! Das Gegengift! Das Gegengift!«

Aber dem alten Mann ward es hell, ganz hell.

Jede Angst wich von ihm – seine Vergangenheit war nicht mehr da. – Er hatte hier zu bestimmen – er war der Arzt – ihm hatte man zu gehorchen.

Während er in seinen Beobachtungen und Untersuchungen fortfuhr, sprach er ab und zu ein rasches Wort dazwischen.

»Die Gräfin kann kein Opium genommen haben!«

»Sie hat es doch,« rief Graf Burchard händeringend, »ich weiß es gewiß. Sie selbst hat es mir gestanden ... ein Fläschchen voll, das sie Ihnen entwendete.«

Wieder eine Pause von Sekunden.

»Wo ist es? Zeigen Sie es!«

Wo war die kleine Phiole? Nicht auf dem Nachttisch ... nicht auf der Toilette ... nicht auf der Erde ...

Sie war nicht zu finden.

Doktor Schüler wendete keinen Blick von der starr und bleich daliegenden Frau ... Jetzt hob sich ihre Brust ... ein schwerer Atemzug kam herauf ... Für ihres Gatten Ohr ein Stöhnen – vielleicht das des Todes.

»Das Gegengift!« Er schrie es heiser.

Aber unbeirrt fuhr der andre fort: »Suchen Sie ... ich muß das Fläschchen haben ... sehen Sie im Papierkorb nach ... im Kohlenkasten ... im Ofen ...«

Mit fiebernder Hast befolgte Graf Burchard die Befehle.

Der Papierkorb war ganz leer. Einen Kohlenkasten gab es nicht. Graf Burchard riß den Ofen auf.

Unter den toten Kohlen glomm eine leise Glut.

Und oben auf den Kohlen lag ein kleines Etwas ... ein Reflex blitzte darauf, als das Licht der Lampe es beleuchtete ...

Die Phiole.

»Hier,« sagte der Mann mit bebender Stimme – »hier – glauben Sie es nun? ...«

Doktor Schüler wurde leichenblaß.

Ja, dieses Fläschchen kannte er nur zu genau – ein paar seiner Geschwister standen in der Studierstube auf dem Borde.

Er nahm es. Es war sehr heiß – man konnte es kaum halten ... Und es war ganz und gar ausgetrocknet. In seinem Halse saß viel Asche.

Von seinem früheren Inhalt ließ sich nichts mehr feststellen – wenigstens nicht durch Geruch oder Geschmack.

Aber sagte nicht die Gestalt der kleinen Phiole alles?...

»Geben Sie nun das Gegengift!« befahl Graf Burchard drohend, »werden Sie nicht aus Feigheit und Bedenklichkeit zum Mörder meiner Frau!«

Der Mann starrte auf das Fläschchen in seiner Hand.

Dies war ein Beweis. Der wollte alle Beobachtungen Lügen strafen.

Seine Wissenschaft sagte ihm: diese Frau kann kein Opium genommen haben. Die Phiole sagte: sie hat es doch genommen. Seine Wissenschaft sagte: du wirst zum Mörder, wenn du der Frau das Gegengift gibst. Die Phiole sagte: du wirst zum Mörder, wenn du es ihr nicht gibst.

Aber seine klare Sicherheit, die ein paar Herzschläge lang gefährdet schien, verließ ihn nicht. Und allen Beweisen zum Trotz – – nein, und wieder nein ... »Ich sehe keine Symptome – ich sehe nur eine Frau, die eben aus schwerer Ohnmacht zu sich kommt,« sagte der alte Mann fest.

Nun war es für den Grafen Burchard entschieden.

Es fehlte Doktor Schüler an Mut zum Einschreiten!

O mein Gott – wie viel unnütze Zeit verloren ...

Er stürzte hinaus. – Im Korridor stieß er auf Wolf.

Der ging da stetigen Schrittes rastlos wie ein Wächter hin und her. »Gefahr?« stieß er heraus.

»Höchste! Campell soll in den Stall laufen – anspannen lassen – zum Doktor in die Stadt – Schüler ist wie von Sinnen ...«

»Ich fahre selbst,« sprach Wolf kurz.

Die Männer wechselten einen festen Händedruck. Jeder hatte das Bedürfnis, vom andern Trost zu empfangen.

Graf Burchard kehrte in das Zimmer seiner Frau zurück.

Er sah, daß der Doktor ihr etwas unter die Nase hielt ... Es war Annas Englisches Salz, das er eben auf dem Tisch neben dem Bett entdeckt haben mochte. Welche Lächerlichkeit ...

»Lassen Sie starken Wein bringen,« befahl der Doktor.

Graf Burchard klingelte. Ein paar Augenblicke später hatte Mimi das Befohlene herbeigeschafft ...

Im Glase stand der dunkle Wein – ein rotglühender Reflex blitzte auf der kristallenen Rundung. Graf Burchard verzehrte sich in verzweifelter Ungeduld, als er sah, daß der alte Mann Annas Kopf hob und ihr den Wein einzuflößen versuchte.

Aber was war das ... Annas Farbe kam zurück ... die tiefen Atemzüge klangen, als ob eine große Last von ihrer Brust gehoben ward ...

Nun schlug sie die Augen auf.

Fremd, verwundert sah sie in das bärtige, alte Männergesicht, das mit wachsamen Augen über sie gebeugt war.

Allmählich ging der Ausdruck der Verwunderung in den des Schreckens über. Wieder blickte sie wild um sich.

»Retten Sie mich!« schrie sie auf und umklammerte den Arm des Doktors.

»O mein Gott!« murmelte Graf Burchard.

Die zornige Sicherheit, in der er annahm, daß der alte Mann sinnlos handelte und zu feige wäre, entschwand ihm doch.

Noch einmal flehte Anna ... ihre herzzerreißende Angst erfüllte den Mann mit Erbarmen.

Aber fest und ruhig sprach er: »Sie haben keine Opiumvergiftung.«

»Sie sagten es mir doch selbst, daß in jenen Fläschchen Opium sei.«

»Ja, das sagte ich. Und das war es. Und wenn Sie es getrunken haben, stehe ich vor einem Rätsel. Ich kann aber nur handeln, wenn ich Symptome sehe. Ich sehe keine ...«

Graf Burchard war ja ein Laie – er maßte sich nicht an, Symptome zu kennen. Nun aber fing er an zu begreifen ... was auch Anna genommen hatte, Opium konnte es nicht gewesen sein. Aber vielleicht irgendein andres Gift ... Was mochte der Doktor da alles bei sich bewahren ... War die Gefahr nicht noch größer, weil man nichts wußte ...? Der Feind, der erkannt ist, läßt sich leichter in die Flucht schlagen als ein im Dunkeln schleichender ... »Besinnen Sie sich, Doktor, was hatten Sie da alles auf Ihrem Borde?« beschwor er den Mann.

Der hörte gar nicht. Er sah nur Anna, dachte nur Anna ...

»Wie fühlen Sie sich?«

»Ich weiß nicht ...« stammelte sie.

»Also gut. Und nur aufgeregt. Wir werden lauwarme Kompressen auf Herz und Brust legen – das beruhigt die Nerven. So – so ...« Und er streichelte ihr die Hand.

Dies ernste, sichere Wesen, der klare Blick taten Anna wohl. Aber doch ... ihre Gedanken waren wie mechanisch nur auf das eine gerichtet. »Retten Sie mich!« murmelte sie noch einmal.

Doktor Schüler hob lauschend den Kopf. Ihm war, als habe es gerufen: Vater – Vater ... Als sei das die Stimme seiner Tochter gewesen, die draußen nach ihm schrie ...

Als Sophie in rasendem Lauf bis vor das Schloß gekommen war und den Weg durch die Anlagen davor nahm, sah sie oben die kleine Reihe heller Fenster im ersten Stock. Das waren die Räume ... da war vielleicht schon das Furchtbare geschehen.

Und sie rief hinauf, als müßte sie ihre Warnerstimme als Herold voranschicken ...

Vorn das Portal geschlossen – die Halle dunkel ...

Sie lief an der Front entlang, bog um die Ecke – da – der Seiteneingang stand offen, als sei eben jemand heraus gestürzt und habe in der Hast vergessen, die Tür zu schließen. Der lange Korridor war hell. Als sie ihn hinunterhastete, kam sie am Dienerschaftszimmer vorbei.

Campell rief: »Wer ist da? Was wollen Sie?«

Weiter. Das Treppenhaus befand sich in der Mitte des Baues, der Korridor lief daran vorbei. Gerade kam Mimi treppab.

»Mein Gott – das Fräulein Schüler – was wollen Sie? – Ihr Papa ist oben – da dürfen Sie nicht hin.«

Und sie hielt sie ohne weiteres am Kleide fest.

»Lassen Sie mich. Ich soll – ich muß eine Medizin bringen ...« keuchte Sophie und rannte weiter.

Nun öffnete sie die Tür. Nun sah sie Anna auf dem Bett – die beiden Männer davor – –

Sie stürzte herzu.

Sie hob die Hände ...

»Es ist kein Opium,« schrie sie, »es ist kein Opium!«

Und dann war ihre Kraft zu Ende. Sie brach in die Knie. Fassungslos, vollkommen erschöpft, lehnte sie die Stirn gegen die Fußwand des Bettes und rang mit ihrem keuchenden Atem.

Kein Opium!

Doktor Schüler sandte einen heißen Dankesblick nach oben.

»Was war das dann?« rief Graf Burchard und packte die Kniende hart an die Schulter, »sprechen Sie – so sprechen Sie doch!«

»Nur Chinin,« stammelte Sophie.

Und dann war es, als ob alle diese vier Menschen den Atem anhielten ... die Erlösung aus Todesangst ... die Furcht vor den Folgen des frommen Betruges – die Erkenntnis, betrogen zu sein, das ließ sie verstummen – wohl eine lange spannungsvolle Minute. Dann brach das Mädchen in heiße Tränen aus.

Ihr Vater half ihr auf. Vom wilden Lauf, von der noch wilderen Angst war sie wie zerbrochen.

Sie klammerte sich an ihn und weinte an seiner Schulter.

Er hielt sie fest umschlossen. Seine Blicke waren in unbestimmte Fernen gerichtet.

Er sah nicht mehr, was hier um ihn war – hatte vergessen, daß er nicht allein mit seiner Tochter hier stand.

So blind verrannt war er in die Gedanken über sein Unglück gewesen, daß sein gutes, kluges Kind schon zum Betrug gegriffen hatte, um ihm mit frommen Täuschungen aufzuhelfen?

In krankhafter Einseitigkeit hatte er fanatisch nur über den »Fall« nachgegrübelt, sich in allerlei fruchtlosen Experimenten verloren. Und darüber war in seinem Kinde die Angst erwacht, daß sein Verstand in Gefahr sei? Man täuscht nur einen, den man aus solchen Gefahren noch zu retten hofft.

Armes teures Kind! Welch ein Licht warf das plötzlich auf all die Opfer, die sie ihm gebracht, auf all die Leiden, die sie in treuer Kindesliebe um ihn getragen!

Aber, gottlob – wenn er in Gefahren gewesen – die Stunde, die er eben erlebt, hatte ihn daraus befreit!

Am Bette der unseligen Frau, die aus Gott weiß was für geheimen Ursachen den tollen Vergiftungsversuch gemacht hatte, da empfand er sie wieder, jene ruhige Sicherheit des Arztes, der auf sein Können vertraut.

Seinem geliebten Kinde das Leben froh zu machen, lag nicht in seiner Macht. Aber schwerer wollte er es ihr auch nicht mehr machen ... Sie sollte wieder einen tätigen, mutvollen Vater als Schützer neben sich sehen.

»Bist du böse?« flüsterte sie. »Nein, mein Kind,« flüsterte er zurück, während seine tiefe Erschütterung ihm Tränen in die Augen trieb, »ich danke dir vielmehr. Wer weiß, ob ich sie noch hätte retten können, wenn es doch Opium gewesen wäre ...«

Graf Burchard saß auf dem Bettrand und küßte Annas Hände. Ein unsägliches Freudegefühl überwältigte ihn fast.

Alles war nur wie ein Phantom gewesen – ein wüster Traum – es war vorbei – verweht – sein Weib lebte – war nicht einmal in Gefahr ...

Sie aber barg ihr Gesicht in den Kissen und weinte Tränen der Erlösung und der Scham.

Sie meinte, nie wieder ihrem Gatten oder einem andern Menschen frei ins Gesicht sehen zu können.

Vorher hatte die Reue sie schon fast von Sinnen gebracht. –

Nun kam noch etwas viel Schwereres dazu: die Lächerlichkeit.

Die grausamste aller Erzieherinnen. – – Und alles, was noch von Resten und Ansätzen zum Hochmut, zur Einbildung, zur Selbstliebe in Annas Seele sich versteckt haben mochte, um sich gleichsam lebenskräftig für ein späteres Wiedererwachen zu halten, spottete die hinweg.

Und gerade vor diesen beiden Menschen, über die sie sich hoch erhaben geglaubt hatte, gerade vor diesen stand sie nun so armselig, so kläglich da ...

Graf Burchard begriff völlig, welche qualvollen Erschütterungen durch das Wesen des jungen Weibes gehen mußten. Keine Geduld konnte langmütig genug sein – keine Zärtlichkeit schonend genug, um ihr über diese Stunden hinwegzuhelfen ...

Für jetzt aber gab es noch eine dringende Pflicht ... Er sah Vater und Tochter sich nun voneinander lösen. Der Augenblick war gekommen, der heißen Dankbarkeit Worte zu geben.

Graf Burchard stand auf.

Er streckte dem alten Mann beide Hände hin.

»Sie haben mir mein Weib gerettet. Anders zwar, als ich dachte, daß es geschehen sollte. Den Beweisen zum Trotz ... meinen Bitten zum Trotz weigerten Sie sich ... O mein Gott, lieber Doktor ... wenn Ihre Sicherheit Sie verlassen hätte ... was wäre geschehen! Es ist nicht auszudenken! Und Sie, mein teures Fräulein ... allein durch die Nacht kamen Sie, um Unheil zu verhüten. Keine Dankbarkeit kann groß genug sein ...«

Doktor Schüler drückte fest und warm die Hand des Mannes.

»Kein Wort von Dankbarkeit! Ich bin belohnt. Ich fand mich selbst wieder,« sprach er.

Und das Mädchen sah ihn mit fast feindselig funkelnden Augen an. »Wir wollen keine Dankbarkeit. Wir taten, was Menschenpflicht ist.«

Eine schwere Verlegenheit bemächtigte sich des Grafen Burchard. Ihm fiel plötzlich die ganze Verknüpfung der Verhältnisse ein ...

Diesem selben Mädchen raubte sein Machtwort den Geliebten ... Deshalb sah sie ihn so feindselig an ... vielleicht haßte sie ihn und haßte Anna und war doch gekommen, sie zu retten ...

Tapferes, edles Mädchen!

Er hielt ihr seine Hand hin. Sie aber sah über diese Hand hinweg. Die tolle Angst war gegenstandslos geworden, die Frau lebte, ihr Vater war nicht zum Mörder geworden ... nun hatte sie ihre Ruhe wiedergefunden, und deutlich stand es vor ihr, daß dieser Mann und die törichte Frau dort ihr und dem Geliebten kein Glück gönnten.

»Komm, Vater,« sagte sie, »mir scheint, du kannst hier nicht mehr nützen.«

Sie gingen, überhastig, als hätten sie das brennende Verlangen, nur schnell dieses Haus zu verlassen, seine Herren nicht mehr zu sehen.

Und es schien, als wäre mit ihnen noch etwas andres gegangen: die große Erregung, die den Mann in Atem gehalten ...

Grau und nüchtern standen auf einmal die Tatsachen da ...

Es gab keine Gefahr mehr und keine Todesangst. Nur noch das jämmerliche Elend der Wirklichkeit. Und dieser mit stolzer Stirn zu begegnen, erforderte einen ganzen Mann. – –

Graf Burchard war wieder allein mit seiner Frau und sah sie an – lange, mit einem schmerzlichen, nachdenklichen Blick. Was es zwischen ihnen klarzustellen gab, mußte morgen geschehen ...

»Soll Mimi bei dir wachen?« fragte er sanft.

Er bedachte wohl, daß ihre Nerven sich in unerhörtem Aufruhr befunden hatten, und daß sie vielleicht Furcht vor der Einsamkeit haben mochte.

»Nein!«

»Soll ich bei dir bleiben?«

Ja, ja! hätte sie flehen mögen, aber sie traute sich nicht.

»Nein!«

»Wünschest du noch irgend etwas?«

»Ja – bitte – – all die Menschen – was soll ich morgen ...« sie weinte heftiger in ihr Kissen hinein. Er verstand genau, was in ihr vorging.

Tröstend sprach er: »Du wirst morgen in deinem Zimmer bleiben. Die Gäste werden abreisen, weil die Hausfrau erkrankt ist.«

»Du bist so gut.«

Da übermannte es ihn. »Ich habe dir kein Glück geben können,« rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand.

Annas Tränen stockten. Sie wandte sich zu ihm ... richtete sich halb auf ... »Kein Glück?« fragte sie, »o Gott – mehr als ich verdiente ... Und nun ist es vorbei ...«

Er kniete schon neben ihrem Bette.

»Vorbei? Weil du einen andern liebst?«

»Weil ich zu kleinlich und zu gering bin für dich ...«

Er nahm ihre Hände. Er sah ihr mit heißen Blicken in die Augen. Seine ganze Seele flammte auf in dem einen Wunsch: Sei mir nur jetzt wahr und klar!

»Du liebst Stephan? Du hast ihn schon damals geliebt!«

»Nein, ich liebe ihn nicht. Ich schwöre es dir. Einmal vielleicht – war ich im Begriff, ihn – zu lieben. – Das ist vorbei – längst. – Wie könnt' ich ... ich bin doch dein Weib.«

»Ist es wahr, Anna? Wahr?« Er schloß sie in seine Arme. Sein ganzes Herz war voll Jubel. »So wird alles gut werden zwischen dir und mir ...«

Aber trostlos schüttelte sie den Kopf. – Der Fall, den sie getan hatte, schien ihr zu tief. Davon gab es keine Erhebung. Matt und ergeben duldete sie seine Küsse. Ihre Leblosigkeit ermahnte ihn zur Fassung. Das arme junge Geschöpf bedurfte der Ruhe ...

In seine Seele war die Zuversicht zurückgekehrt. »Schlafe,« flüsterte er, »morgen geht dir die Sonne wieder auf.« »Niemals mehr ... niemals mehr.«

Als er sich endlich von ihr losgerissen hatte, besann er sich darauf, daß sie ja nicht allein auf der Welt waren. Da wachten Dienstboten – Wolf holte einen Arzt, den man nicht mehr brauchte ...

Er ging hinaus. Was er fand, erleichterte es ihm, Anna die ungestörte Einsamkeit für die nächsten Tage zu sichern.

Im Korridor standen Herdeke und Greti Wenderoth und fragten Campell aus. Gerade kam Herr v. Reinbeck im Schlafrock die Treppe herab.

Das Laufen und das Türengehen, das ganze eilige Hinundher hatte doch die Schläfer alle nach und nach erweckt. Und durch alle Räume pflanzte sich das Gerücht fort: Die junge Gräfin ist schwer erkrankt.

Herdeke empfand einen tiefen Schmerz, daß der Bruder in den bangen Stunden ihrer nicht bedurfte.

Nun sah sie ihn und eilte auf ihn zu. Er war sehr bleich, sehr ernst. Aber er sah nicht aus wie einer, der für sein Liebstes auf der Welt zittert. Sie umarmte ihn.

»Wie steht es? Was ist es? Kann ich nicht helfen?«

»Nein, Anna bedarf nur der vollkommensten Ruhe, auch in der ganzen nächsten Zeit. Doktor Schüler hat sich glänzend bewährt ...«

»Was – der alte verrückte Kerl?« fragte Greti Wenderoth.

»Ich habe nie eine klarere Besonnenheit gesehen,« sagte er scharf.

»Wie wollen wir ihm danken!« rief Herdeke.

Endlich zogen sich alle wieder zurück.

Auch der andre Arzt, der mit Wolf in schärfstem Trabe durch die Nacht gefahren kam, war wieder hinauskomplimentiert. Nun war wieder Schweigen im Schloß. Auch die Leute wurden zu Bett geschickt. »Ist es Ihnen recht, lieber Wolf, so rauchen wir noch eine Beruhigungszigarette zusammen,« sagte Graf Burchard.

Ja, es war Wolf recht. Er hatte ein so großes, volles Herz – ihm schien, es werde darin stiller und heller, wenn er sich bei diesem Mann befand.

Sie saßen friedlich beisammen im Arbeitszimmer des Grafen. Ihr Gespräch blieb karg. Jedem war die Persönlichkeit des andern, seine Gegenwart wohltuend. Das genügte ihnen.

»Wir werden morgen vormittag abreisen,« sagte Wolf.

»Ihr auch? Reinbecks und Wenderoths gehen. Ich besprach es schon mit ihnen. Aber ihr? Soll ich nicht erst Anna danach fragen?«

»Nein, bitte nicht!« sprach der jüngere Mann mit Entschiedenheit. »Wir reisen ab.«

»Heißt das: auch Donat?«

»Natürlich. Was soll er wohl ohne uns hier?«

»Aber er ist doch Annas Bruder.«

»Ach – er gehört doch mehr zu uns. Anna entfernt sich von uns. Es ist, als wenn sie weit, weit weggehe ...«

Seine Stimme bebte. Der andre sah ihn aufmerksam an.

»Sie und Ursche – ihr kommt bald wieder,« sprach er tröstend.

»Nein!« antwortete Wolf ganz schroff. Er erschrak selbst über den Ton. Verlegen lächelnd setzte er hinzu: »Doch – wenn ich auch mal erst 'ne Frau hab'! Aber so flink wird es wohl nicht gehen. Nun will ich erst tüchtig arbeiten. Anna hat gewiß recht: Vater und ich, wir sind zu viel auf Pallau. Vater soll mir Glinde überweisen. Da will ich mal zusehen, ob ich allein was kann.«

Graf Burchard hatte ein wunderbar feines Verständnis für die seelischen Vorgänge in Menschen, die ihm teuer waren. Es war ihm gegeben, sich sozusagen heranzufühlen an das Leid und die Erregungen andrer. Er spürte deutlich, daß Wolf befangen war, daß er litt.

Aber er wehrte sich förmlich dagegen, den Grund zu erraten.

Nach einer Pause sagte er: »Ich fürchte, unsre liebe Ursula reist mit Gefühlen der Enttäuschung heim.«

»Sie ist eine Weber v. Pallau,« sprach Wolf, »sie wird die Zähne zusammenbeißen und den Nacken steif halten. Und sie wird vergessen und auf ihre Weise später mit Donat ein braves Glück finden –« Und die Lippen zuckten ihm. Er dachte daran, daß er auch die Zähne zusammenbeißen müsse ...

Graf Burchard stand auf. Die Uhr auf dem Kamin hatte Drei geschlagen. Das war ihm der Vorwand.

»Es ist spät. Nun wollen wir schlafen gehen.«

Auch Wolf erhob sich. Zögernd, mit niedergeschlagenen Augen stand er ... er kämpfte schwer mit sich ... man sah es.

Nun hob er die Lider. Da begegnete er dem tiefen, gütigen Blick des andern, der ihn erwartend anschaute. Dieses Auge schien ihm zu sagen: Was du mir auch anvertrauen willst, ich verstehe menschliches Leid und menschliche Schwachheit.

Und in einer plötzlichen, unbezwinglichen Bewegung warf der junge Mann sich ihm in die Arme. Sie hielten sich fest umschlungen.

»Anna ist doch glücklich?« raunte der eine.

»Ich hoffe zu Gott, sie wird es werden,« sagte der andre feierlich. Er gestand dem jungen Menschen das Recht zu, diese Frage zu tun.

Nicht nur, weil jener der Jugendgenosse seines Weibes war.

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