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Annas Ehe

Ida Boy-Ed: Annas Ehe - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleAnnas Ehe
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070521
projectid2ffbbe73
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Früh ging man in dem kleinen Haus zur Ruhe; denn man begann den arbeitsreichen Tag schon um sechs Uhr. Sophie war abends dann müde, mehr noch von den Leiden als von den Arbeiten des Tages. Selbst mit allen Erregungen einer hoffnungslosen Liebe kämpfend, mußte sie ihre ganze Kraft auf die eine Aufgabe sammeln, den armen Vater fort und fort mutig zu erhalten.

Trost spenden, ist ein heiliges Amt. Mut zusprechen, eine schöne Aufgabe. Aber Jahr um Jahr, Tag für Tag immer Trost für immer die gleiche Qual finden, immer das ermutigende Wort für immer dieselben Zweifel – das war eine Riesenlast, die das Geschick auf das Gemüt des jungen Mädchens gelegt hatte. Oft dachte sie: Wie finde ich noch Worte? Wie noch Gründe? Aber die Barmherzigkeit und Kindestreue machten ihre Beredsamkeit schier unerschöpflich. Immer wieder fand sie ein gutes, tapferes Wort. Immer wieder richtete sich an ihr der Mann auf, den, mehr als das tragische Ereignis, die Berufslosigkeit aufrieb.

Er hatte keine Mittel zum Vergessen. Keine zum Gutmachen. Nach jenem Ereignis fehlte ihm eben die zähe Kraft, die sich auch gegen widrige Schicksalsströmungen behauptet. Er, der sich in tiefster Seele als ein Unschuldiger fühlte, hatte nicht die Stirn des Unschuldigen gehabt, kühn dem Gerede zu trotzen, bis es angesichts nützlicher Taten verstummte.

Das war der verkehrte Zug im Spiel seines Lebens gewesen ...

Sophie dachte oft: Das ganze Geheimnis eines erfolgreichen Kampfes ums Dasein liegt vielleicht nur darin, daß man an sich selbst glaubt. Vater hat nicht an sich geglaubt.

Sie verstand diese Schwäche nur zu gut. Ihr eigenes Wesen stand unter dem Druck einer fast unüberwindlichen Zaghaftigkeit. Sie fühlte, sie sei imstande, ihr ganzes Leben lang für den Geliebten zu dulden.

Aber ihm zu folgen, ihn nur zu ermutigen in dem Kampf um ihre endliche Vereinigung – dazu war sie nicht fähig.

Sie glaubte die Größe ihrer Liebe durch Entsagen zeigen zu müssen. Und als heute abend der Brief gekommen war, in dem Stephan ihr schrieb, daß seine Verwandten ihrer Heirat widerstrebten, da war ihr, als hätte nun alles Schwanken ein Ende.

Sie wollte ihm sein Wort zurückgeben. Nun ganz gewiß! Sie wollte sich nicht wie ein Bleigewicht an seine Laufbahn hängen.

Erst da sie die letzte Hoffnung verlor, fühlte sie ganz, wie stark diese doch gewesen war. Ihr Herz hatte ganz in seinen geheimsten Tiefen doch gehofft, Graf Burchard würde ihnen helfen, sich auf ihre Seite stellen, ihrer Verbindung kein »Nein« entgegensetzen.

Gewiß hatte Stephan recht: ohne den Einfluß der Gräfin Anna wäre es anders gekommen ... Oh, sie fühlte es an jenem Nachmittag, da die junge Frau kam, um ihren Vater zu konsultieren, ganz deutlich: Anna Geyer war ihr und Stephan feindlich gesinnt!

Das weiche Herz von Sophie Schüler war nicht gemacht, zu hassen. Die starke Kraft, die der Haß fordert, war nicht darin.

Sie verstand nur zu lieben und zu opfern ...

Und doch – alles, was sich an Gefühlen, die von fern dem Haß verwandt sein mochten, nur in ihr aufbringen ließ, sammelte sich und kehrte sich gegen die Frau.

Die Tränen, die um den Verlust des Geliebten flossen, bekamen bitteren Beigeschmack. Anstatt zu lindern, quälten sie, weil sich die Weinende nun nicht mehr bei dem Schicksal allein beklagte, sondern weil sie sich mit Vorwürfen gegen einen Menschen wandte.

Endlich aber, müde vom traurig anstrengenden Tag, der hinter ihr lag, war sie doch eingeschlafen.

Und nun schreckte sie auf. Sie sann dem Geräusch nach, dessen Nachhall in ihrem Ohr lag.

Es wurde ihr klar. Ganz gewiß, es konnte nur das Zuklappen einer Tür gewesen sein. War ihr Vater krank? Trieb ihn die Unruhe seiner Gedanken jetzt auch nachts rastlos umher?

Sie machte Licht und zog sich rasch an – dabei fortwährend horchend ...

Dem Ohr, das in das nächtliche Schweigen eines Hauses hineinhorcht, ertönen immer zahllose Geräusche, die sich nicht voneinander sondern, nicht bestimmen lassen ... Es schien zu schleichen und zu schlurfen – da knisterte es und da krachte es ... über den Flur huschten Schritte, und auf dem Boden polterten derbere Geräusche ... Sophiens Finger bebten. Auf die sonst Furchtlose legte sich ein Gefühl schauriger Angst. Die Hand zur Schale gebogen, um das Licht, das die Rechte trug, zu schützen, trat sie auf den Flur.

Vor dem Schein des Lichtes verkrochen sich auf einmal alle Lärmgeister. Kühle und Stille webten in dem kleinen, länglichen Flur, und das Licht malte auf dem Ziegelfußboden einen orangefarbenen, bizarr geformten Fleck und an die Kalkwand den ungeheuren Schatten der gewölbten Hand.

Sophie horchte an ihres Vaters Tür. Dahinter war es stumm. – Es ist aber, als ob es verschiedene Grade des Schweigens gebe. Dieses war nicht das Schweigen im Zimmer eines schlafenden Menschen. Es war ein andres: ganz totes, kaltes ...

Sophie riß die Tür auf. Ihr Vater war fort.

Wirklich – ihn hatte die Unrast nicht schlafen lassen?

Ärmster Mann!

Nun erst bemerkte sie, daß die Tür zum Wohnzimmer nur angelehnt war. Und sie wußte gewiß, daß sie am Abend, wie immer, alle Türen verschlossen hatte.

War ihr Vater in sein Studierzimmer gegangen? Fing er nun an, auch nachts zu lesen, zu forschen?

In tiefster Bekümmernis ging sie weiter – fast sicher, ihn an seinem Schreibtisch zu finden.

Auch das Studierzimmer leer?

Der Arzneischrank stand auf ... Sophie sah es und erinnerte sich, daß er geschlossen gewesen war.

Da kam ihr die Idee, daß man ihren Vater vielleicht geholt habe... Mein Gott – möchte es etwas sein, wo es in seiner Macht liegt, zu helfen! dachte sie von ganzem Herzen, damit dem Erkrankten Gutes geschähe, und ihrem armen Vater auch ... Was war denn das – ein zerrissener Briefumschlag auf der Erde – ein Briefbogen auf dem Tisch unter dem Arzneischrank?

Wenige Zeilen – mit großen, eiligen Buchstaben hingeworfen ... Und Sophie nahm das Blatt und las ...

Den Schrei, der sich aus ihrer Brust herausdrängen wollte, erstickte das Entsetzen ...

Anna Geyer hatte Gift genommen? Opium? Und es hier entwendet? Hier aus der kleinen Zahl von Fläschchen, die da auf dem Borde standen, eins genommen?

Aber das war ja gar kein Opium!

Fromme Tochterliebe hatte betrogen – und dem armen Manne die Fläschchen mit einer Flüssigkeit von derselben Farbe gefüllt.

Einmal hatte er seitdem damit Versuche gemacht und, da er die Flüssigkeit nicht schmeckte und da sie geruchlos war, den Betrug nicht gemerkt ... Sophie zitterte immer vor dem nächsten Mal und vor der Entdeckung.

Und nun war ihr Vater unterwegs, um Anna zu retten? ... Nein, um sie zu töten!

Mit dem Gegengift ...

Ach, das unglückliche Mädchen kannte zu genau all die Mittel, die versucht werden konnten, um einen Vergifteten zu retten – den Wirkungen des Opiums entgegenzuarbeiten.

Seit einigen Jahren hatte sie so viel darüber gehört und gelesen ... Dieses düstere Wissen war ihr so vertraut geworden wie ein Abc. Sie wußte, daß man dem Vergifteten zunächst den Magen auspumpt.

Wenn eine Magenpumpe zur Stelle war ... Das war sie nicht. Sophie wußte es genau. Ihr Vater war keineswegs mehr im Besitz aller ärztlichen Instrumente – er bedurfte ihrer ja gar nicht, er übte ja seinen Beruf nicht mehr aus ...

Und wenn dieses Instrument nicht zur Hand war, oder wenn es zu seiner Anwendung zu spät, dann mußte dem Gefährdeten das Gegengift eingeflößt werden ...

Atropin!

Furchtbar – furchtbar ... Ihr Vater würde zum Mörder anstatt zum Retter werden.

In dem glühenden Verlangen, zu helfen – in der Gier, dem Tode ein Menschenleben abzujagen, würde er der Frau sofort das Atropin einflößen ... und sie damit töten.

Das kostete zwei Menschenleben – keine Stunde würde er das Entsetzliche überleben ...

Vielleicht war es schon geschehen ... ein Schlaftrunkener kann die Zeit nicht messen ... wie lange mochte es her sein, daß sie jenen dumpfen Ton vernommen, der vom Zuschlagen einer Tür herzurühren schien ...

»Barmherziger Gott ... laß mich noch zur rechten Zeit kommen ...« Und sie rannte in die Nacht hinaus.

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