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Annas Ehe

Ida Boy-Ed: Annas Ehe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleAnnas Ehe
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070521
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Beim Frühstück wußten es schon alle, daß Stephan abreise. Er kam, ehe man zu Tisch ging, in die Halle, entschuldigte sich wegen seines Reiseanzuges und sagte, nun heiße es, den Urlaub vor der Zeit abbrechen. Warum? Weshalb? Was ist los? Stephan antwortete auf alle anstürmenden Fragen achselzuckend: »Befehl.«

Und jeder glaubte, es sei ein Befehl vom Regiment.

Ursula war dunkelrot und hatte mit sich zu tun, um nicht vor allen Anwesenden in Tränen auszubrechen.

Sie wurde von einer fieberhaften Spannung erfaßt. Nun mußte es sich entscheiden, ob er sich etwas aus ihr mache. Die nächste Stunde brachte Gewißheit. Wenn er daran dachte, um sie zu werben, so würde er nicht von ihr scheiden, ohne ein andeutendes Wort zu sagen.

Der Mann, dem dies zitternde Hoffen galt, bemerkte es wohl. Jetzt, da ihm selbst das Herz so bitter weh tat und erfüllt war von eigenem Leid und den Vorstellungen der Leiden der Geliebten, jetzt hatte er auch rechtes Mitleid mit Ursula.

Es beschämte ihn tief, das reine, treuherzige Geschenk ihrer Liebe nicht annehmen zu können.

Still saß er neben ihr. Es demütigte ihn in die Seele des guten Kindes hinein, daß Anna ihn gestern fort und fort an Ursulas Seite beordert hatte, trotzdem sie wußte ...

Und nun war er bestrebt, in den kargen Worten, die er sich überwand, an sie zu richten, wenigstens Achtung zu zeigen, hohe Achtung.

Ursula fühlte aber wohl, daß es nur die war ...

Wolf und Donat sagten, sie würden natürlich mit ihm zum Bahnhof fahren. Und Donat strahlte dabei über das ganze Gesicht. Ihn freute es, daß Leutnant Normann abreiste; seit dieser gestern den ganzen Abend neben Ursula gesessen hatte, fand er ihn viel weniger nett als bisher.

Herdeke und Renate sahen sich an. Diese Abreise kam ihnen verdächtig vor. Aber jetzt war keine Gelegenheit, den Bruder nach den Gründen zu fragen. Sie kannten ihn ja zu genau: aus seiner gütigen Art gegen Stephan, in der eine Note des Mitleids spürbar war, schlossen sie es: Graf Burchard schickte ihn fort.

Hat er es bemerkt? dachten beide. Aber Herdeke meinte Sophie Schüler, und Renate meinte des Grafen Burchard junge Frau.

Annas Blick suchte unaufhörlich über die Tafel hin das blasse, sehr ernste Gesicht des jungen Mannes. Bald lächelte sie und war sich gar nicht bewußt, wie triumphierend. Bald dachte sie wieder: diese Abreise sei eine verkehrte Maßnahme. Man trennt Liebende nicht durch solches Auseinanderreißen. Es gab nur ein wirkliches Mittel, dieses Abenteuer mit der Sophie Schüler ganz zu enden, und dies Mittel bestand darin, Stephan zu veranlassen, daß er eine andre Frau heirate.

Mit heimlicher Qual beobachtete Graf Burchard seine Frau. Welch unerklärliches Wechselspiel von Triumph und Ärger auf ihrem Gesicht. Was ging in ihr vor?

Und er war so schweigsam, daß es allen Tischgenossen peinlich auffiel.

Gleich nach dem Frühstück gab es einen großen Aufbruch. Alle standen in der Halle und warteten, um Stephan Lebewohl zu sagen. Einige aus Anhänglichkeit, andre, weil es zu den Lebensgewohnheiten des Landaufenthaltes gehört, aus jedem kleinen Ereignis ein großes zu machen.

Wolf und Donat stiegen schon vorweg in den kleinen offenen Jagdwagen, der vor dem Portal hielt.

Stephan umarmte die Tanten, verabschiedete sich von Wenderoths und Reinbecks und drückte Ursula die Hand.

»Leben Sie wohl!« murmelte er.

Sie stand aufrecht und tapfer. Sie wußte, was sie sich schuldig war. Er reiste ab – ohne ihr von Liebe gesprochen zu haben. Und eine stille Würde kam über sie und half ihr den Augenblick überstehen. Solange sie gehofft hatte, war sie haltlos und weinerlich gewesen. Die Erkenntnis gab ihr Kraft. Und sie lächelte ihm zu, ohne zu ahnen, wie schmerzlich dies Lächeln anzusehen war.

An der Tür stand der Hausherr mit seiner Gattin. Stephan küßte die Hand Annas. Ihr Blick begegnete dem seinen. So sehen sich Feinde an – der Sieger und der Unterliegende. Graf Burchard schloß ihn in seine Arme.

»Mein lieber, lieber Junge,« sagte er.

Und dann ein Hurra, Wolf und Donat schwenkten die Hüte, und der Wagen fuhr davon.

Sehr aufrechten Ganges verließ Ursula die Halle.

Herdeke folgte ihr. Sie verstand so gut, was in dem armen jungen Ding vorging. Sie wußte wohl, die eben bewiesene Tapferkeit würde sich in einen Tränenstrom auflösen.

Und da sollte sich das weinende Gesichtchen an einer treuen, mitfühlenden Brust verstecken können. Und zwei Arme sollten sie warm umschließen.

Weine nur, wollte Herdeke sagen, je mehr Tränen, desto besser. Junges Leid wird so hinweggespült. Nur wer trockenen Auges auf seine Schmerzen sieht, bei dem bleiben sie für immer fest auf dem Herzensgrund.

Renate, die von brennender Neugier geplagt war, sah sich, während die Gäste noch in der Halle plauderten, nach ihrem Bruder um. Graf Burchard aber hatte sich sofort zurückgezogen. Anna war auch nicht da. Vielleicht waren sie beide in sein Arbeitszimmer gegangen? Und in der Tat, als Renate die Tür zu diesem öffnen wollte, hörte sie drinnen sprechen.

Laut sprechen! Heftig! Welch ein ungewohnter Ton...

Es ging aber wirklich nicht an, hier draußen zu stehen und auf den Charakter des Stimmenklangs zu lauschen!

Also hinein! Renate klopfte an.

Sie fand das Ehepaar in sichtlicher Erregung. Anna stand mitten im Zimmer. Burchard ging auf und ab, was er beim Sprechen nur tat, wenn er sehr heftig zu werden fürchtete und sich zu bezwingen strebte.

»Ich störe?« fragte Renate.

Gerade dieser Schwägerin stand Anna ganz ferne. Aber sie vermutete jetzt plötzlich, in ihr eine Bundesgenossin zu finden, weil sie sich des stark ausgebildeten Standesbewußtseins der Komtesse erinnerte.

»Nein, du störst nicht. Im Gegenteil. Du kannst und wirst mir recht geben gegen Burchard. Denke dir, er will die Güte so weit treiben, noch zu diesen Schülers zu gehen!« rief Anna.

»Was ist denn mit den Schülers los?« fragte Renate und setzte sich in ihres Bruders Schreibstuhl, ihre Hände auf die flachen, breiten Lehnen legend.

»Ach so, du weißt noch nichts – denke dir ...«

Aber Graf Burchard fiel seiner Frau in die Rede. Nicht noch einmal wollte er das schmerzliche Schauspiel erleben, sie, die er liebte, die er hoch über alle Frauen stellen zu können wünschte, sich in Worten voll Gehässigkeit ergehen zu hören.

Er erzählte seiner Schwester von dem törichten Liebesroman zwischen Stephan und Sophie Schüler. Und er sagte, daß er die Überzeugung gewonnen habe, es handle sich da weder um eine abenteuerliche, noch um eine frivole Sache, sondern die beiden armen Kinder hätten einfach vor den Stimmen der Liebe die Stimmen der Vernunft nicht gehört.

Renate saß schweigend. Mit Befriedigung trank sie förmlich jedes Wort in sich hinein. Wie deutlich war für sie nun der geheime Grund des Benehmens der jungen Frau. Wie deutlich ...

Anna aber wußte gar nicht mehr klar, von welchen Empfindungen sie sich treiben ließ. Ihre wundgeschlagene Eigenliebe, die sich an dem Mann hatte rächen wollen, der sie einst übersehen hatte, fühlte sich nun von neuem schmerzlich gereizt durch all den Tadel und Widerspruch, den sie von ihrem Mann erfuhr.

Und sie hatte geglaubt, ihn beherrschen zu können, weil er sie liebte, er, der Alternde, sie, die Junge...

Und sie hatte gedacht, wie interessant das Leben sein werde, wenn man einen bedeutenden, einflußreichen Mann als Vollstrecker des eigenen Willens nach Wunsch und Laune benutzen kann ...

Alle ihre ungesunden, überspannten Vorstellungen von der Macht, die sie haben werde, fielen jäh zusammen.

Bei der ersten Angelegenheit, wo sie wünschte, daß alles nach ihren geheimen Absichten sich entwickeln solle, sah sie, daß ihr Gatte nicht daran dachte, sich zu ihrem Werkzeug machen zu lassen. Vielmehr ging er seinen klaren, gerechten Empfindungen nach.

Ihr wacher, schlagfertiger Geist half ihr, ein Schlußwort zu finden, mit dem sie dennoch zu triumphieren hoffte: »Muß ich es denn erst aussprechen: ich selbst fühle mich durch dies Mädchen belogen und beleidigt, dem ich doch mit Güte entgegenkam. Ich fühle mich auch beleidigt durch euren Stephan, daß er während meiner ersten Anwesenheit auf deinem Stammsitz mir den Aufenthalt durch seine Abenteuer trübt. Geh und spiele den Tröster bei diesen Schülers, wenn du willst und wenn sie dir wichtiger sind als ich!«

Damit verließ sie hocherhobenen Hauptes das Zimmer, beleidigt und stolz zugleich.

Der Beginn ihrer Rede hatte Graf Burchard getroffen. Ja, eine feinfühlige Frau konnte sich dergestalt wohl gekränkt fühlen ... Aber mit ihren Schlußworten, die den falschen Trümpfen eines unsicheren Spielers glichen, hatte sie diese seine Empfindung wieder ganz verwischt ...

Und wie peinvoll war es ihm, daß gerade Renate Zeugin einer solchen Szene geworden. Ja, es war eine Szene gewesen – er mußte es sich gestehen. Seine Frau hatte wider ihn gestritten. Was trieb sie nur dazu ... was?

»Ich begreife Anna in dieser ganzen Sache nicht,« begann er und fühlte sich fast verlegen. Er, der Mann mit der sicheren Herrschernatur – verlegen, weil er nicht wußte, wie er seine Frau recht reinwaschen sollte.

Und die kluge Renate spürte diese seine Verlegenheit. Das kommt davon, dachte sie, was heiratet er ein so junges, schlecht erzogenes Ding! Alles bloß äußere Form. Herzensbildung keine. Das sah ich gleich bei der Hochzeit.

»Wahrscheinlich spricht die Enttäuschung aus ihr, daß es nichts mit Stephan und Ursula wurde,« fuhr er fort.

»Bewahre. Das wollte sie ja erst gar nicht haben.«

Also auch das hatte Renate gewußt! Und er sah den rätselhaften Ausdruck auf dem Gesicht seiner Schwester ... so hinterhältig, so halb lächelnd, halb sinnend sah sie immer vor sich hin, wenn sie erwog, ob sie etwas Bedenkliches aussprechen solle.

»Was denkst du? Du willst etwas sagen?« fragte er nervös.

»Man weiß manchmal nicht, ob man durch Offenheit schadet oder nützt.«

Er stand vor ihr. »Ich bitte in jedem Fall um Offenheit.«

Renate zögerte noch. Ihre Begier, sich als die viel klügere Beobachterin zu beweisen, war ebenso stark in ihr wie die Feindseligkeit gegen Anna. Aber dennoch ...

Dies Zögern steigerte des Mannes Nervosität und seinen Wunsch, sie möge sprechen. »Nun ...« drängte er.

»Herdeke freilich sieht und merkt nie was,« sprach sie vor sich hin.

»Und du – was hast du gesehen?« fragte er heftig.

»Daß Anna aus dem simpelsten Grund von der Welt so haßerfüllt ist, nämlich aus ... ja, aus Eifersucht.«

»Aus Eifersucht?« fragte Graf Burchard langsam.

Und ein entsetzliches Gefühl schwoll in ihm an ... nahm ganz von ihm Besitz, erfüllte sein ganzes Wesen ...

»Ja, aus Eifersucht. Ganz einfach auf Stephan. Ich glaube, sie hat ihn geliebt. Wer weiß, ob sie nicht noch ...«

»Renate!« schrie er auf, »was sagst du?«

Sie erschrak vor seinem Ton und dem entsetzten Ausdruck seines Gesichtes. Aber es beleidigte sie zugleich, daß er ihr Handgelenk so umfaßte, als wollte er es zermalmen.

»Du lügst!« rief er ihr ins Gesicht, und aus seinem Ruf schrie schon die Angst: es ist wahr!

Und sie, die nie geliebt hatte, die keine Ahnung von der Furchtbarkeit einer solchen Leidenschaft hatte, dachte einen Augenblick nur gereizt daran, sich gegen den Vorwurf der Lüge zu wahren, den er natürlich seiner Lieblingsschwester Herdeke nie gemacht haben würde.

»Ich lüge nicht. Schon auf der Hochzeit ...« Und sie begann, alle ihre Beobachtungen aufzuzählen. Das reihte sich aneinander, lauter kleinen Beweisen gleich – jeder nur ein Steinchen – aber eins fein sorgsam zum andern gelegt, gab es einen wohlgegliederten Bau – – an seiner Konstruktion war kein Fehler, so schien es ...

Der Mann hörte. Er saß am Tisch, das Angesicht in den Armen auf der Tischplatte und hörte, hörte ...

Erst als Renate fertig war und nun sich und ihre Klugheit in ein sehr helles Licht gestellt hatte, erst da fand sie Gedanken und Aufmerksamkeit für des Bruders Zustand.

Mein Gott ... er lag da wie ein Zerbrochener ... Das war es ja nicht wert. Er kannte doch die Welt und die Frauen. Er hatte sich doch denken können, daß eine Zwanzigjährige, die einen alternden Mann heiratet, irgendeinen unbefriedigenden Roman hinter sich hat. Daß es sich bei Anna nur um einen Seelenroman handelte, war ja gewiß. Und viel gesünder für Burchard, er wußte nun darum – da konnte er aufpassen.

Aber wie sie nun ein dumpfes Stöhnen hörte, so einen unheimlichen Laut, als wenn jemand sich mit Gewalt bestrebt, stumm zu bleiben, da ging sie sacht an ihn heran und streichelte ihm den grauen Kopf.

»Aber Burchard ... wie kannst du das so schwer nehmen ...! So irgend etwas dergleichen hättest du dir ja denken können ... ein kleiner vorehelicher Roman in aller Unschuld – Gott, den hat schließlich jede – – ja, wenn's auf Gegenseitigkeit beruht hätte! Aber so ... in dem bißchen Feindseligkeit klingt diese alte Geschichte vielleicht noch einmal an und damit aus. Es ist ja selbstverständlich ausgeschlossen, daß Anna ... daß ...«

»Laß mich,« stöhnte er auf, »laß mich ... laß mich nur allein!« Noch stand sie zögernd, das Herz nun doch voll Unbehagen. Eine erneute Bewegung von ihm verscheuchte sie, und sie ging mit dem Gedanken: hoffentlich macht er das mit sich allein aus und vertraut sich nicht Herdeke an.

Als der Mann die Tür gehen hörte, richtete er sich auf. Mit fast tappendem Schritt ging er und schloß ab.

Nur allein sein, ganz allein ... und denken ...

Er setzte sich vor seinen Schreibtisch nieder, die Hände auf den Stuhllehnen. Er saß unbeweglich, das bleiche Gesicht wie versteinert in Schreck und Schmerz.

Immer noch und immer wieder hörte er die Schwester reden. Und von jenem Erblassen an der Hochzeitstafel bis zu dem Erröten an diesem Morgen – es schien bewiesen. Ihr ganzes Benehmen war erklärt. Aufgehellt die Verschwiegenheit ihres Wesens, die Rätsel, die es ihm aufgegeben.

Graf Burchard hatte es ja gefühlt und gewußt: seiner heißen, späten Leidenschaft begegnete in Annas Herzen ein ungleich ruhigeres Gefühl. Er hatte es nicht anders erwartet. Er war nicht mehr der Mann, jähe Glut in einem Frauenherzen zu erwecken. Wohl aber war er der Mann und sich dessen kraftvoll bewußt, sich langsam und sicher nach und nach ein Frauenherz zu erobern.

Und sind nicht diese stillen, langsamen Eroberungen die festesten, wertvollsten? Im Feuer eines Liebesrausches die Eisen zu schmieden, die das Lebensglück vernieten sollen – das gelingt nur wenigen. Was in der immer gleichmäßigen, stillen Glut der Achtung und Neigung zusammengeschweißt wird – das hält für ewig!

Und darauf hatte der Mann vertraut. Er wußte, daß er sich die Hand seines Weibes mit den glanzvollen Äußerlichkeiten erobert hatte, die seine Persönlichkeit umgaben; das Herz seines Weibes sich nach und nach dazu zu ersiegen, traute er sich zu.

Nur – frei mußte es sein ... gegen Schatten konnte er nicht siegen ... das Bild eines andern geliebten Mannes aus dem Tempel ihres Herzens nicht reißen ...

Mit einer Lüge war sie an den Altar getreten. Mit einer Lüge an seine, des Vertrauenden Seite!

Das traf ihn schwerer als alles. Und verschlossen, in die Geheimnisse dieser ihrer Liebe gehüllt, war sie neben ihm hergegangen – hatte seine Küsse geduldet und erwidert ...

Wer wußte, ob sie nicht gerade ihn genommen hatte, weil er ein Verwandter des heimlich Geliebten war – weil sie so den Weg fand, jenem wieder zu begegnen ...

Und die rasendste, qualvollste Eifersucht durchrüttelte ihn.

Er rang mit ihr. Hier war die Grenze. Seine Klugheit und Würde hatten ihn davor bewahrt, ein Spielzeug ihrer jungen Launen zu werden. Mit vornehmem Takt verstand er, seine heiße Leidenschaft zu verbergen und von seiner Liebe gerade so viel erraten zu lassen, als es für ihn geschmackvoll blieb.

Er war nicht der Mann, jemals eine geringe oder unklare Rolle zu spielen neben einer jungen, schönen Frau. Er wußte es: niemals würde es in der Gesellschaft einem andern Manne beikommen, sich der Gattin eines Grafen Burchard anders als voll Hochachtung zu nähern.

Seine Persönlichkeit stand vor dem jungen Weibe und der jungen Ehe wie ein eherner, leuchtender Schild...

Aber wenn sie schon mit einer Lüge an den Altar getreten war ... Wenn die Liebe zu einem andern in ihr war ...

Dann zerbrach alles ...

Ein ungeheurer Zorn wallte in ihm auf.

Zu ihr ... sie zur Rede stellen ... ihr sagen: Fort, fort von hier – hinweg von meiner Seite ... ich dulde keine Lüge in meinem Leben ...

Die Welt? Mochte sie lachen über den schlimmen, schnellen Ausgang der ungleichen Ehe ...

Nur keine Lüge ...

Aber dann kam die Eifersucht und krallte sich in seine Gedanken und zerfleischte sie, bis sie ganz zerfetzt und gestaltlos wurden. Und es blieb nur das dumpfe Gefühl: ich kann nicht von ihr lassen ...

In sein Grübeln hinein kamen die Stimmen anderer Menschen. An seiner Tür vorüber gingen zwei mit lauten Reden und Lachen.

Das waren Wolf und Donat ... schon zurück? ...

Stunden waren also verronnen?

Und ihm war, als säße er hier erst Minuten ... Es befiel ihn wie Schreck. Es hieß, nun bald den Menschen wieder begegnen. Und ihr. Ihr!

Unmöglich! Und er hatte den Wunsch, ihr und allen zu entfliehen. Er zitterte davor, daß man an seine Tür klopfen könnte ...

Er ging hinaus. Er vermied die Halle und suchte den Seitenausgang, der sich nach der Richtung des Gutshofes zu befand. Er hatte Glück. Niemand sah ihn. So gelangte er zu den Ställen. Und eine halbe Stunde später kam Herr v. Braunau in die Halle, wo er Herrn v. Reinbeck und den Baron Wenderoth beim Schach traf. Diesen bestellte er, daß Graf Geyer in Geschäften habe nach Saßnitz reiten müssen und wohl erst zur Nacht zurückkäme.

Es wunderte sich niemand darüber, wenigstens niemand von den Gästen. Die drei Damen des Hauses freilich konnten sich eines peinvollen Gefühls nicht erwehren.

Renaten schlug doch das Gewissen, und vor allen Dingen lebte sie in Angst, daß der Bruder mit Herdeke sprechen könne. Die Vorwürfe dann! Das war nicht auszudenken. Und Renate fühlte wohl, daß sie gerecht sein würden.

Herdeke hatte inzwischen von der jungen Schwägerin die Liebesgeschichte »Stephan – Sophie Schüler« gehört und auch, daß Burchard, trotzdem er diese Heirat nicht wollte, eine unglaubliche Milde an den Tag lege. Das hatte denn zu einem scharfen Wortwechsel geführt; denn Herdeke stand zu ihrem Bruder. Aus seinem Fernbleiben schloß sie nun auf einen ernsten Konflikt zwischen den Gatten, und das tat ihr leid.

Anna aber war von einer unbestimmten Angst erfaßt. Angst? Wovor sollte sie Angst haben? fragte sie sich. So eine törichte Ahnung, als ob Unheil in der Luft läge, hat man wohl einmal, um sie den andern Tag zu verlachen.

Immer wieder ging sie in Gedanken durch, was sie gesagt und wie sie sich benommen hatte. In kluger Selbstkritik fühlte sie: es war nicht alles richtig gewesen. Sie hatte sich im Ton vergriffen.

Wenn man ein Gewebe hübsch spinnen will, muß man Farbe und Stärke aller Fäden kennen ...

Sie kannte ihren Gatten schließlich noch so wenig. Seine ritterliche Liebe hatte sie zu falschen Schlüssen geführt.

Aber anstatt zu denken: er ist ein Mann, ich werde ihn nie beherrschen, er ist es, von dem ich mich führen lassen will und kann ... dachte sie: ich muß es anders anfangen, wenn ich ihn beherrschen will. Aber ihre hochfahrende Eigenliebe ruhte nicht mehr auf so sicherem Grunde ... jene törichte Angst kam immer wieder.

Und Anna zitterte eigentlich vor dem Augenblick, wo sie ihrem Gatten wieder in das stolze, offene Angesicht blicken sollte ... Er erwartete gewiß, sie solle sich schämen ... Und Anna ... sie gestand es sich nicht – sie wollte es nicht fühlen und in sich nicht groß werden lassen ... Anna schämte sich auch – trotz all der künstlich festgehaltenen, hochfahrenden Gedanken.

Ganz unlogisch, ganz zusammenhanglos damit, war sie liebevoll gegen Ursula wie noch nie. Sie versuchte, während ihr selbst Kopf und Herz so schwer waren, das gute Ding auf jede Art aufzuheitern. Und es gelang ihr auch ein wenig.

Sie saßen zu viert, abgesondert von der übrigen Gesellschaft, um einen Tisch und spielten ein harmloses Kartenspiel, an dem sie sich in Kindertagen oft vergnügt hatten. Donat und Wolf lachten zuweilen laut auf, so ganz ungeniert und knabenhaft, wie die andern Herrschaften hier nicht mehr lachen konnten. Wolf war einfach selig, und in seinen strahlenden Augen stand die Bewunderung für Anna als deutliche Schrift.

Frau v. Reinbeck, die sich am Whisttisch mit ihrem Gatten, Greti Wenderoth und Renate etwas langweilte und lieber bei der Jugend gesessen hätte, sah neidisch auf die Lachenden.

Mein Gott, dachte sie, hat hier denn niemand ein Auge dafür, daß dieser junge Cherusker in die Anna Geyer bis über die Ohren verliebt ist?

Anna sah jeden Augenblick zur Tür. Aber was sie erhoffte und wovor sie zitterte, geschah nicht: ihr Gatte kam noch nicht zurück. Nachher saß sie allein und in immer steigender Aufregung in ihrem Wohnzimmer.

Sollte sie schlafen gehen? Auf Burchard warten?

Das Wohnzimmerchen lag zwischen ihrem Schlafraum und dem seinen. Die Türen der zusammenhängenden Räume standen fast immer geöffnet. So auch jetzt.

Im ihrem Schlafzimmer wie in dem ihres Mannes brannten Lampen.

Er konnte nicht in sein Schlafzimmer treten, ohne daß Anna ihn hörte und sah. Sowohl an ihr Zimmer wie an das seine stieß noch je ein kleines Gemach als Toilette. Diese fünf Räume bildeten förmlich eine Wohnung für sich.

Anna schritt hin und her, ruhelos, wartend, immer wieder erwägend, ob sie alle Türen schließen und einfach zu Bett gehen solle.

Dazu war es noch viel zu früh. Man hatte sich heute so zeitig getrennt, schon um neun Uhr. Das geschah zuweilen. Einige der Gäste blieben dann wohl noch in ihren Zimmern zusammen.

Wie, wenn Burchard jetzt etwa ganz gemütlich bei den Reinbecks säße und über Parteiangelegenheiten mit seinem Freund plauderte? Oder, wenn er bei Donat und Wolf wäre, seinen Lieblingen?

Ich gehe zu Bett, dachte Anna. Sie fühlte, daß das Trotz war.

Mochte er es denn dafür nehmen! Schon näherte sie sich der Tür, die in ihres Mannes Zimmer führte, um sie zuzuschlagen.

Trotz – das ist die schlechteste Waffe, sagte eine Stimme in ihr. – Sie zögerte.

Und da öffnete sich die Tür vom Korridor her, und der, an den sie in fieberhafter Unruhe gedacht hatte, kam über die Schwelle.

Sie erschrak. Wie sah er aus! Bleich, hohl – wie jemand, der von übermenschlichen Anstrengungen ermüdet ist und sich kaum mehr aufrecht hält.

Er sah sie erblassen. Er glaubte zu verstehen... sie sah sich erraten ...

Ich muß ihr helfen. Ich muß ihr helfen! dachte er.

Das war der Gedanke, der sich aus allen Kämpfen erhoben hatte. Er, der Reife, mußte ihr, der Unreifen, helfen ... Vor allen Dingen zur Wahrheit ...

Und wenn sie dann den andern liebte ...

Ja, dann war es aus. Das Glück vorbei. Die Zukunft lag zerbrochen am Boden wie ein Spielzeug, das für seine und ihre Hände nicht gepaßt hatte ...

In dem Elend dieses Gedankens war es ein heimlicher Trost, daß der andre ihr unerreichbar blieb ... das linderte so unmerklich die Qual. Das machte die Mühe, sich zur Höhe der Entsagung emporzuschwingen, unbewußt leichter. Das schlug ihm Brücken ... es bewahrte ihn davor, in die letzten Untiefen der Eifersucht zu versinken ...

»Was – was starrst du mich so an?« fragte er und kam mehr ins Zimmer.

Sie wich zurück.

Und diese unwillkürliche, ängstliche Bewegung erbitterte ihn.

»Du fürchtest dich vor mir?« fragte er.

»Weshalb sollte ich? – Was geht überhaupt vor ... ich verstehe nichts,« sprach sie, durch seinen Ton gereizt.

»Ich aber – ich verstehe desto besser alles – dich – dein ganzes Benehmen,« sagte er. Ihr schien, als er nun näher auf sie zutrat, als habe er etwas Drohendes.

»Ich – was habe ich denn getan?« rief sie.

»Hast du nicht gelogen – mir nicht gelogen in der heiligsten Stunde deines Lebens?«

Sie sah ihn an – unsicher – nach Verständnis suchend – und doch mit einem seltsam unfreien Gefühl im Herzen.

»Ich...«

»Komm, Anna,« sprach er und nahm ihre Hand, »komm – laß mich mit dir reden – wie – wie vielleicht ein bester Freund – wie ein Vater.«

Sie sah es ja, daß er erschüttert war. Sie begriff nicht, weshalb. Aber ihr Unverständnis konnte sich nicht in klaren, liebevollen Fragen äußern. Es lag so auf ihr wie Unsicherheit – mehr noch, wie Schuld.

Denn gerade in diesem Augenblick begriff sie auch, daß alle ihre Gedanken und ihr Trachten kleinlich, unrein, dieses Mannes und deshalb ihrer selbst nicht würdig gewesen waren.

Er litt. Sie sah es. Warum aber nur?

Hätte ich mich doch nie um diesen Stephan und seine Liebesangelegenheiten gekümmert, dachte sie. Wenn ich geahnt hätte, daß daraus ein solcher Streit mit meinem Manne erwachsen würde ...

Aber sie saß hilflos. Sie konnte nicht gerade heraussagen: Leidest du, weil du mich gehässig fandest? Ich war es, weil jener mich einst verschmähte. Er ist mir gleichgültig, plötzlich ganz gleichgültig, weil es uns entzweien könnte!

Wie durfte sie das sagen? Sie wußte nicht, ob er das so durchschaute – sie wußte nicht, was er dann von ihr denken würde. Und sich durch eigenes Geständnis vor ihm der Kleinlichkeit anschuldigen? Nein, niemals!

Sie erinnerte sich, wie seine Liebe sie fort und fort auf einen Thron erhoben hatte. Das war dann vorbei.

Wie ein geringes, gewöhnliches Menschenkind würde sie vor ihm stehen, wenn sie sich selbst die Krone stolzer Eigenschaften vom Haupt nahm.

»Du schweigst?« fragte er.

Sein Blick durchforschte ihr Gesicht, und er verlor keine Spur von all dem wechselnden Ausdruck, der darüber hinspielte.

»Was soll ich denn sagen?« sprach sie, in der Haltung einer Gefangenen neben ihm sitzend. Seine Hand war wie eine Fessel und hielt die ihre. »Du beschuldigst mich der Lüge. Welcher Lüge?«

»Anna,« begann er, und es war, als stockte ihm der Ton in der Kehle, »als du mir dein ganzes Leben gabst – gabst du es nicht aus Liebe?«

»Mein Gott...«

Er sah, daß eine große Angst ihr Gesicht entstellte.

Liebe? Man muß nicht fragen – nein, so nicht! Das nennen Worte nicht. Liebe? Damals nicht. Gewiß nicht.

Und jetzt? Was war überhaupt Liebe?

Vielleicht doch noch ein andres als alles, was sie bisher empfunden hatte. War diese unbegrenzte Verehrung Liebe? Oder war Liebe in diesem beglückenden Stolz, ihm so wert zu sein? Verbarg sie sich in der Eitelkeit, die sich an dem Schauspiel entflammte, in dieses Mannes Auge die Leidenschaft brennen zu sehen?

»Du schweigst,« sagte er zum andern Male. Immer war ihre nachdenkliche Verschlossenheit, in der sie sich zuweilen verbarg, seine Qual. In dieser Stunde reizte sie ihn aufs äußerste. »Wird es dir so schwer, wahr und offen zu sein?« fragte er hart. Der Zorn stieg in ihm auf, und seine Fassung und Selbstbeherrschung fuhr hinab und sauste hinein in das Meer der wild aufschäumenden Eifersucht. »Soll ich dir helfen? Soll ich dir diese Wahrheit vorhalten? Dir sagen, daß ich deine haßvolle Intrige gegen Stephan verstehe...?«

»Burchard!« rief sie flehend.

Es war ja nicht dies bißchen Intrige – kindisch gedacht – kindisch geleitet – das war ein lächerliches Hin und Her. Aber was dies alles offenbarte, was sich dahinter barg...

»Burchard!« rief sie noch einmal.

Aber er hörte nicht.

»Oh, ich versteh' es gut! Du gönntest ihm nicht das arme Kind, das ihn liebte – du wolltest sie, die du deine Freundin nennst, nicht glücklich sehen. Dann aber, als du begriffest, er habe seit langer, langer Zeit schon eine andre geliebt – da warst du voll Zorn. Und nun sollte er doch lieber Ursula haben – zur Strafe. Oh, wie klein, wie klein! Und warum das alles? Weil du ihn selbst geliebt hast, weil du ihn vielleicht noch liebst – weil du gelogen hast, als du mir Treue schwurst. Eifersüchtig warst du – eifersüchtig...«

Und als sättigte ihn das Wort, sprach er es wieder und wieder.

»Nein,« schrie sie dazwischen, »nein ...«

Wenn jemand ihm in die Arme gefallen wäre mit dem Ruf: Halt ein, dich treibt die Eifersucht! so hätte er voll Hohn und Stolz das ewig Verleugnete auch für sich verleugnet.

Und darum hörte er aus dem verzweifelten »Nein« – »nein« – gar nichts andres heraus, als den Ruf: ich bin nicht eifersüchtig.

»Eifersucht trieb dich,« wiederholte er im Triumph, »Eifersucht ... du liebst Stephan.«

»Nein ... nein ...«

Da sank sein Triumphatorgefühl zusammen. Es hatte nur gleichsam von einer Barrikade aus, die der Aufruhr in ihm gebaut, den Feind verhöhnt.

»Anna,« sprach er fast unverständlich, »Anna – mit der Liebe zu einem andern kamst du zu mir ...«

So war es ja nicht gewesen – so nicht. Und doch ... damals – ihr erstes Sehnen und Träumen hatte Stephan gegolten ... Wie dem Gatten das gestehen? Wie ihm klar machen, daß von jenem Gefühl nichts geblieben sei, als die Begier, verletze Eigenliebe zu rächen. Wie das sagen, ohne vom Throne hinabzusteigen in die Jämmerlichkeit ewiger Demut.

Sie unterschied nicht klar – alles in ihr war verworren ... aber ein dumpfes, warnendes Gefühl sagte ihr, daß er vielleicht noch weniger verstehen, noch mehr zürnen würde, wenn er erkannte, was für niedrige Eitelkeiten sie beherrscht hatten.

Nein, nein. Lieber leugnen ... lieber kämpfen ... um nicht so nackend in Armseligkeit vor ihm zu stehen ...

»Burchard,« rief sie, »glaube mir doch! Ich habe mir niemals das mindeste aus Stephan gemacht.«

Aber ihre Blicke, die ihn mieden, und ihre bebende Stimme sprachen deutlich von Unwahrheit.

Er stieß die Hand zurück, die seine Rechte zu umklammern suchte. »Häufe nicht Lüge auf Lüge,« sprach er wieder aufflammend, »wie soll ich dich verstehen und dein Benehmen? Nur so ist alles erklärlich.« Sie schwieg – zitternd – wartend.

Er stand auf. Er ging hin und her. Es schien, als spräche er zu sich selbst, oder mit einem Phantom. Kein Blick suchte das junge Weib, das ratlos und bleich dasaß, mit großen Augen an ihm hängend.

»Ich brachte dir mein ganzes Herz ... trotz meiner reifen Jahre, ich kann es sagen ... es war eine reine, starke, ausschließliche Liebe. Es schien, als habe das Leben mich an allen Frauen vorbeiführen wollen – zu dir, zu dir! Und du ... aus Trotz gegen einen andern nahmst du mich ... aus kleinlichem Mädchenhochmut ... wenn nicht aus dunkleren Gründen ... wenn nicht, um in meinem Hause den Geliebten wiederzusehen.«

»Burchard!« flehte sie weinend.

Die Wahrheiten in seinen Worten warfen mit Keulenschlägen all ihre Selbstherrlichkeit um. Die Ungerechtigkeiten erbitterten sie. Und wie es ihr unmöglich war, mit sicherer und starker Hand aus dem Bilde, welches er sich gemacht hatte, all die falschen Farben hinwegzuwischen – so war es ihr auch unmöglich, ihre Beschämung von ihrem Trotz zu sondern.

Sie versank in ein Chaos von Unglücksgefühlen.

Er aber hatte ganz vergessen, daß er in schmerzlicher Resignation, als ein Helfender gekommen war. Fern von ihr konnte er sich leicht in diese priesterliche Aufgabe hineindenken ...

Jetzt war nur noch der Mann in ihm wach – der Mann, der leidenschaftlich liebte und qualvoll litt, weil er begriff: seine Göttin sank in den Staub und – seine Leidenschaft sank mit ...

Und es war, als müßte er sie dafür strafen und zugleich sich selbst, weil er in all seinem zornigen Leid klar fühlte, er könnte doch nie von ihr lassen.

»Denkst du denn, daß ich eine solche Frau noch achten kann?« sagte er hart und laut, um sich selbst zur Kälte und zur Entsagungskraft zurückzuführen.

Da schrie sie auf. Sie warf sich zurück und versteckte ihr Gesicht in den Kissen.

Er ging hinaus. Er wußte wohl, es war eine Flucht – vor ihr, vor sich selbst ... Er glaubte, seine Mannheit retten zu müssen – sich nicht weiter fortreißen lassen zu dürfen ... denn furchtbar und heiß stieg das Verlangen in ihm auf, die Weinende an sich zu reißen und die Flammen des Zornes mit Küssen zu ersticken..

Sie hörte die Tür schließen.

Als Graf Burchard das Zimmer seiner Frau verlassen hatte und Anna allein zurückgeblieben war, richtete sie sich auf – blickte verstört um sich – sann ...

Ihre Seele, die während langer trüber Jugendjahre sich eine phantastische Welt aufgebaut und auf das Leben gewartet hatte, fand sich nun in der Wirklichkeit nicht zurecht.

Nur vielleicht nicht, weil sie einfacher und derber war ... kein reizvolles Spiel mit menschlichen Schachfiguren ... kein Zaubergarten, in dem ernste Männer sich von geliebten Prinzessinnen zu Sklaven machen lassen ...

»Er achtet mich nicht mehr. Dann will ich nicht seine Frau bleiben.« Das sagte sie flüsternd vor sich hin – zweimal, dreimal.

Und dabei war ihr wunderbar zu Mut. So, als habe sie ein Doppelleben.

Einmal war sie die Frau, die sich plötzlich in Unglück verstrickt sah und in einem Irrgarten von Peinlichkeiten verstört umherwanderte, vergebens nach einem Ausgang suchend, die Hände ringend, »was soll nun werden, was soll nun werden!«

Und dann war sie außerhalb dieser Frau als Zuschauerin da, die das erregte Leid in fieberischer Spannung genoß und es tragisch fand und es durch mitleidigen Zuruf steigerte – immer noch steigerte ...

Nicht hier bleiben als Königin von gestern und Büßerin von heute ... ihn strafen für das harte Wort ... sich selbst verstecken, weil es verdient war ...

Und immer mehr Seitengänge taten sich im Irrgarten auf, und ihre Seele tastete sich darin umher und fand sich nicht zurecht.

»Wer hilft mir?«

Plötzlich war ihr, als sei sie hier fremd und werde in der Fremde gequält ...

Einst hatte es sie gedrängt, der Heimat und den Ihren ganz zu entfliehen.

Nun dachte sie: Wolf – Donat – Ursche –. Sie war nicht allein. Da waren Herzen, zu denen sie sich flüchten konnte ...

Ohne Besinnen huschte sie hinaus.

Draußen auf dem Korridor erlosch gerade fern am Ende ein Lichtschein, der aus dem Treppenschacht noch heraufgequollen war. – Ein Schritt verhallte irgendwo.

Anna schlich den Korridor entlang, bis zum Fuß der Treppe, die zum zweiten Stockwerk führte.

Leise – leise. Wenn Burchard sie hörte, konnte er erraten, was sie wollte ...

Durch die großen Fenster des Treppenhauses kam das Mondlicht. Sein Schein malte kraftlos die farbigen Muster auf die Treppe. Es war ein Licht wie in einem Grabgewölbe. Anna hastete durch das fahle Licht.

Oben der Korridor war dunkel. Er gähnte ihr entgegen wie ein tiefer, schwarzer Tunnel.

Alle phantasievollen Menschen neigen zur Furcht. Anna hatte von klein an im Dunkeln keinen Schritt gewagt und sich vor den Finsternissen der Nacht immer halbtot geängstigt.

Auch jetzt wurde sie von jener törichten, peitschenden Furcht befallen, bei der es immer ist, als schleiche ein unsichtbares Wesen hart hinter einem her ... Und diese Furcht trieb sie vorwärts – erhöhte in ihr das Gefühl von Not und Jammer – steigerte ihre Lage bis zur Unerträglichkeit.

Unter den Türen einiger Zimmer kam über die Schwelle noch der Schein des Lampenlichtes heraus.

Da war Ursulas Zimmer ... hell ... da Donats ... dunkel ... da Wolfs ... hell. Und als sie das Ohr an die Tür legte, hörte sie: er pfiff leise. Und es raschelte Papier.

Sie klopfte. So leicht und fein und leise, wie das Geheimnis klopft.

Und der Mann da drinnen hörte den raschen kleinen Klopfton und hob horchend das Haupt von seinem Brief, den er nach Hause schrieb.

Nun wieder. Er sagte nicht Herein. Auf so ein Klopfen antwortet man aus Instinkt nicht laut. Er ging zur Tür und öffnete.

»Anna ...«

Sie streckte die Hand gegen seinen Mund aus, und das hemmte den Ausruf auf seinen Lippen.

»Ich muß dich sprechen,« flüsterte sie.

Er zog sie herein. Sie sah sich ängstlich um – es war ja sein und Donats gemeinschaftliches Wohnzimmer – wenn Donat da in irgend einem Lehnstuhl herumräkelte ... Aber er war nicht da.

»Was ist los? Wie siehst du aus! Gott – Anna – was glühen deine Augen ...«

Er hielt sie an der Hand.

»Wolf,« sprach sie mit fliegendem Atem, »du mußt mir helfen. Ich bin sehr unglücklich. Mein Mann liebt mich nicht mehr. Er verachtet mich. Du mußt mich fortbringen von hier.«

Er starrte sie an – ein paar Sekunden lang.

Dann platzte er heraus – drastisch – ungläubig: »Ach – du bist verrückt ...«

»Wolf,« fuhr sie beschwörend fort, »wenn ich doch komme und es dir sage!«

»Kind – besinn' dich doch bloß! Wie soll ich dich fortbringen jetzt! Das ist ja kompletter Unsinn – romantischer Firlefanz – du bist ja wohl ganz von dir ... So 'n Mann wie Graf Burchard mißhandelt doch seine Frau nicht. Ich kann doch nicht mit dir davon reisen ... so auf einmal...«

»Nicht jetzt – nicht in der Nacht – nein, das geht ja gar nicht. Aber wir wollen darüber sprechen ... morgen vormittag ... du und ich und Donat und Ursche ... wir gehen zusammen fort. Er hat mich mißhandelt ... moralisch. Ja. Er achtet mich nicht mehr, sagt er. Und das ertrage ich nicht – das ertrage ich nicht ...«

Zuletzt schrie sie es fast und packte mit ihren beiden Händen seinen Arm.

Da wurde seine Stirn finster, und der Ausdruck von Unglaube, von Verständnislosigkeit verschwand.

»Wenn dein Mann dich beleidigt hat – mein Gott, Anna, dieser Mann?! Wie kann das sein? Ich kann es nicht glauben! Und doch – du bist so von dir ... wenn er dich beleidigt hat, so will ich mit ihm reden ... Auge in Auge ... denn Donat ist ein unmündiger Mensch ... und ich ... ich hab' ja wohl ein Recht, meine Jugendfreundin ...«

Er wußte nicht aus noch ein. Auf einmal lähmte ihn wieder diese qualvolle Unsicherheit ... so, als käme von Anna her irgend etwas auf ihn zu und machte ihn zum schwachen Knaben ... so angstvoll war das.

»Nein,« flüsterte Anna erregt, »nicht mit ihm reden. Ich will fort. Er soll sehen, wer ich bin. Ich lasse mich nicht kränken.«

»Heimlich gar? Besinn' dich bloß, Anna – mach' keine Sachen, die schief aussehen! Komm, setz' dich daher ... erzähl' mal alles genau. In den besten Ehen kommt was vor. Vater und Mutter streiten sich auch mal. Na, und du weißt doch ...«

Das war nicht, was Anna wollte – Rat, Zuspruch, Erwägungen, Vernunft, Vergleiche mit dem kleinen Zank von Hinz und Kunz – –

Sie wollte etwas Großes. Etwas, das ihm zeigte: So bin ich! Und was laut verkündete: Wenn du mich nicht mehr achtest, andre stehen zu mir und schützen mich ...

Plötzlich fiel sie Wolf um den Hals und drängte sich gegen den Mann.

»Wolf,« raunte sie, »du hast mich doch lieb? Du wirst doch tun, um was ich bitte, wenn ich sage, es muß sein ... Weißt du noch ... an meinem Hochzeitstag trugst du mich auf deinen Armen zurück in mein Vaterhaus ... bring' mich zurück ... noch einmal...«

Als sie sich so an ihn drängte und er ihre Arme um seinen Hals fühlte, ihre Gestalt an der seinen, da erzitterte er vor Schreck und war ein paar Herzschläge lang wie benommen und hörte auf ihre raunenden Worte und empfand ihre Nähe ...

Plötzlich stieß er sie von sich – rauh – daß sie fast taumelnd zurückweichen mußte.

Sein Gesicht war fahl und verzerrt. Er vermied ihren Blick.

Er hatte begriffen, was in ihm vorging, und sein junges, rasches Blut, das ihr entgegengewallt hatte, ebbte zurück und schlich ihm bleischwer durch die Adern ...

»Geh',« sagte er. »Geh' zu deinem Mann!«

»Wolf ...«

»Was kommst du zu mir klagen?! Was willst du von mir?! Wenn ich auch so gut wie dein Bruder bin ... Geh' zu deinem Mann – vertrag' dich mit ihm – oder nicht ... ich kann dir nicht helfen ... was du willst, ist häßlich gegen ihn ...«

Er ballte seine Fäuste.

Und auch in ihm bäumte sich der Mann feindlich und vor sich selbst Rettung suchend auf gegen das unredliche Weib ...

»Du willst mich zu deinem Werkzeug machen,« sagte er hart. »Das nehm' ich dir so übel, daß ich morgen fortgeh' – ja, wir gehen fort – ich und Donat und Ursche ...«

Seine Stimme brach. Er wendete das Gesicht ab.

Die da war das Weib eines andern Mannes! Und welchen Mannes!

Er wollte sie nicht einmal mehr ansehen – aus Furcht – und diese Furcht empörte ihn, daß er meinte, es sei Haß ... »Liebst du mich nicht – hast du mich nicht lieb?« rief sie, »und willst mir nicht helfen?«

»Nein! Ich will, daß du gehst! Ich will, daß du mich in Frieden läßt! Ich will gar nichts von dir wissen! Geh' – geh' – zu deinem Mann!«

Sie stand noch – ein – zwei bange, trotzige Augenblicke lang...

Er kehrte sich ab und trat ans Fenster und stierte in die Nacht hinaus, mit zusammengebissenen Zähnen und einem einzigen Gedanken, der unaufhörlich, unaufhörlich in ihm kreiste: Ein anständiger Kerl bleiben – ein anständiger Kerl bleiben...

»Wolf!« flüsterte es hinter ihm, heiß und bittend.

»Geh'!« schrie er wütend.

Und da verlor sie jeden Halt. Sie lief davon – besinnungslos schlug sie die Tür hinter sich zu, daß es durch die nächtliche Stille knallte.

Mit eiligen Füßen, von Zorn, Scham, Angst getrieben, rannte sie den langen, dunklen Korridor hinab und dann durch die fahlbunten Lichtflecke, die der Mondschein durch das farbige Glasfenster warf, die Treppe hinunter.

Sie kam wieder in dem Zimmer an, wo sie vorhin mit ihrem Gatten gekämpft.

Nichts hatte sich da verändert. Es war friedlich, traulich hell. Die Tür zu seinem Zimmer war geschlossen – aus ihrer Schlafstube kam das etwas rosiger getönte Licht, das dort still hinter der weißen Lampenkuppel und dem rötlichen Schleier brannte.

Sie ging in ihr Schlafzimmer. Ohne Zaudern. Wie eine, die genau weiß, was sie will.

Mit sichern Schritten trat sie an ihren Schrank. Dort in einem Fach stand die Schmuckkassette. Ohne mit den Händen zu zittern, nahm sie aus dieser das Fläschchen, das sie damals dem Doktor Schüler entwendet hatte.

Der eigentliche Mensch in ihr – der gesunde, der sich schwer emporzuringen hatte aus dem Dornengestrüpp von Torheiten und Phantastereien, von Eitelkeiten und Trotz – der sagte deutlich: Das willst du ja gar nicht ... das ist ja nur eine Komödie ...

Aber die »Zuschauerin« in ihr – die raunte: Tu's! Triff ihn! Trumpfe aus! Imponiere ihm! Zeig's auch Wolf! Der ist so feig – will dir nicht einmal helfen – du bist von allen verlassen.

Der gesunde Mensch sagte wieder ganz deutlich: Das war ja nur ein Wort, daß er dich nicht mehr achtet – er liebt dich ja. Suche den Weg zu ihm – trachte, dich ihm klar zu machen – zeig ihm deine innern Feinde – nimm seine starke Hand. Und schäm' dich – daß du den reinen, jungen Menschen in Not gebracht ...

Die »Zuschauerin« aber stachelte auf: Wie lächerlich ist all diese Männerliebe, wenn sie dir nicht einmal zu Füßen liegen will – tu's, erschrick sie auf den Tod – das sei ihre Strafe ...

Das wirbelte durch ihr Hirn in rasender Schnelle.

Und im Triumph des letzten Gedankens nahm sie das kleine Fläschchen und trank es aus.

Die lächerlichste aller Empfindungen durchschüttelte Anna.

Das schmeckt ja scheußlich, dachte sie ganz banal.

All die echten und all die künstlichen Aufregungen der letzten Stunden sanken in sich zusammen, waren für Minuten wie nie dagewesen, vor dieser ganz gewöhnlichen Peinlichkeit.

Mein Gott – wie schmeckte das bitter ... Und der Nachgeschmack auf der Zunge war so herb, so gallig, daß immer wieder ein Zusammenschaudern ihr das Gesicht verzog und die Schultern bewegte.

Sie ging an ihren Nachttisch. Auf seiner Platte stand eine Wasserflasche und ein Glas.

Anna schenkte sich etwas Wasser ein. Als sie das Glas aufnahm, blieb irgendwie das Spitzendeckchen der Nachttischplatte an ihrem Ärmel hängen.

Die Flasche und einige andre kleine Gegenstände, die da gestanden hatten, fielen polternd zu Boden. Der Teppich machte, daß die Töne nur dumpf waren.

Aber Anna erschrak entsetzlich.

Es war, als erweckte dieser Schreck sie ...

Sie stand wie entgeistert ... besann sich ... ihr schwindelte.

Was hatte sie getan! Mein Gott ... nein, es war ja nicht möglich – nur eine Einbildung ... Aber der gallenbittere Geschmack ... der war doch da ...

Schlotternd trank sie das Wasser ... der Geschmack linderte sich etwas – er wich noch nicht.

War das Gift? Hatte sie wirklich Gift genommen ...

Und merkwürdig war es ... so als ob Wolf noch einmal ganz laut zu ihr sagte: »Du bist verrückt ...«

Das war ja wirklich Wahnsinn ...

Aber vielleicht schadete es gar nichts ... so ein kleines Fläschchen voll ... für einen großen Menschen ...

Da fiel ihr ein, daß sie es oft und oft bei der Unglücksgeschichte des Doktors Schüler hatte erzählen hören ... nur ein paar Tropfen wären es gewesen ... Wie viele doch noch? Sie konnte sich nicht besinnen – auf keine Weise ... Ihr Herz klopfte rasend.

Wenn nur der bittere Geschmack auf der Zunge nachlassen wollte...

Aber gewiß, es schadete nichts ...

Sie schauderte.

Sterben?! Ach mein Gott – sie dachte nicht daran, zu sterben.

Das war ja alles Unsinn... Wolf hatte recht: in jeder Ehe kommt mal was vor ...

Sie hatte es ja auch eigentlich nicht darum getan. Warum denn?

Ganz wirr sah sie sich um ... Warum? Sie schrak davor zurück, sich die Antwort zu geben. Denn nun wußte sie sie genau. Ganz merkwürdig klar sah sie mit einem Mal ihr ganzes Leben vor sich, seit ihren Kindertagen.

Sie hatte sich immerfort eine Fata Morgana vorgezaubert und gedacht, das sei die Welt – aber in so einem Luftgebild steht alles auf dem Kopf ...

Sie hatte in ihrer Kindheit schon, da ihr Herz und ihr Verstand nicht die rechte Nahrung bekamen, sich an den Genüssen der Zukunft gesättigt – in der wollte sie herrschen, glänzen, bewundert sein, ihrem Willen nachleben, sich für die Leere ihrer Jugend an dem Inhalt endloser Erlebnisse entschädigen.

Vor ihrer Phantasie hatte es gestanden: es war ein tolles Durcheinander von blinkenden, interessanten, rätselvollen, verbotenen Dingen, und das wirbelte rundherum um Anna, in unklarem Schimmer von allerlei Farben, und sie sah hinein und griff hinein nach Herzenslust.

Zahllos und wahllos hatte sie gelesen, immerfort gelesen, gute und schlechte Bücher durcheinander. Und in jeder bedeutenden Frau, die Macht ausübte über ihre Umgebung, sah sie sich und hatte kindische Vorstellungen davon, zu was für besonderen Erlebnissen sie noch berufen sei.

Und da erlebte sie eine Niederlage, in ihrem ersten, ganz reinen, ganz zarten Empfinden. Und der Mann, dem ihre junge Seele sich öffnen wollte – der beachtete sie gar nicht.

Das pflanzte neben die haltlosen Wucherranken ihrer Phantasie dann den starren Eisenpfahl des Trotzes, dieses gegenstandslosen Trotzes, der ein großer Verderber für junge Seelen ist.

Dann kam Graf Burchard. Und neu flammte das Bewußtsein auf, daß sie zu Besonderem berufen sei. Nun wollte und konnte sie es diesem jungen Manne, der sie verschmäht hatte, einmal zeigen ...

Und das alles hatte sie bis hierher gebracht, bis zu dieser Torheit, die so komödiantenhaft lächerlich war, daß Anna sich vor sich selbst hätte verstecken mögen. Lächerlich, zum weinen lächerlich war es gewesen ...

Der Geschmack auf der Zunge verlor sich. Anna wurde ruhiger.

Es schadete nichts. Gewiß nicht...

Sie setzte sich auf den Rand ihres Bettes und faltete die Hände im Schoß.

Und sie begann über sich Gericht zu halten.

Die »Zuschauerin« war davongeflogen. Für immer. Da saß das junge Menschenkind allein in der Nacht und räumte in seinem Innern auf.

Sie machte sich klar, daß sie nichts gewollt hatte bisher, als eine gewaltige Rolle spielen, vor sich und andern ...

Das hatte kein rühmliches Ende genommen.

Ob wohl alle jungen Menschen gleich den geraden, rechten Weg in die Welt der Tatsachen finden? Ob wohl viele erst so toll herumfahren wie auf goldenem Wagen im Zauberwald und sich dann sehr wundern und wehtun, wenn sie gegen den Stacheldraht der Wirklichkeit stoßen?

Das kam wohl auf die Anlage und die Erziehung an. Für die Weichen mochte immer die Gefahr sein, zu verträumen, für die Härteren, daß sie in selbstgefällige Herrschbegier gerieten ... für die Phantasievollen, daß sie ins Abenteuerliche kämen ...

Ach, wie bin ich erzogen, dachte Anna, gar nicht – gar nicht! Gottlob, daß ich den reifen, bedeutenden Mann habe. Auf was für Wege wäre ich noch neben einem jungen gekommen! Wie schlecht von mir, zu Wolf zu laufen ... Nun hab' ich ihn verloren ... er findet es unanständig, wenn eine Frau über ihren Mann klagt – das darf sie nicht, selbst zum besten Freund nicht. Und außerdem...

Sie erglühte in der tiefen Einsamkeit. O Gott ... wie schlecht. Sie hatte es doch gespürt und geahnt, was dem jungen Menschen selber nicht klar war: daß er für sie mehr empfand, als er durfte. Und das hatte sie sich dienstbar machen wollen ... Und nun hatte er begriffen ... ihr Fraueninstinkt sagte es ihr ... und nun litt er.

Er würde fliehen.

Und mit ihm ging Heimat und Jugend von ihr – sie stand dann allein neben ihrem Mann.

Seine Achtung, seine Liebe mußt sie wieder haben. Sonst war das ganze Leben fortan ja unerträglich.

Und tapfer nahm sie sich vor, morgen mit ihm eine Aussprache zu suchen und sich nicht zu schonen.

Nur dies eine durfte er nie erfahren. Das war zu komödiantenhaft – daß sie Gift genommen hatte. Das mußte ihm doch verächtlich sein. Dies bißchen – nur so ein Fläschchen voll! Aber natürlich, irgend eine Wirkung würde es schon haben. Vielleicht schlief man lange, lange danach.

Dann würden sich wohl alle sehr wundern ... Aber sie sollten doch nicht erraten ...

Und Anna stand auf, nahm das leere Fläschchen und ging damit an den Ofen im Hintergrund des Zimmers, wo ein halb eingeschlafenes, karges Feuer, dem Frühling sorgsam angemessen, sein bißchen Glut unter viel toten Kohlen barg.

So – das war besorgt ...

Aber in diesem Augenblick begann alles ringsum so zu flimmern und zu schwanken ...

In ihrem Ohr hub ein feines, sehr hohes Singen an ... Ihr Herz klopfte rasend.

Ein wahnwitziger Schreck packte sie.

Noch stand sie und horchte in sich hinein ... nur noch im halben Bewußtsein ...

Ja, das Herz raste – hohe, schneidende, langausgesponnene Töne waren in ihrem Ohr ... ein Schwindelgefühl erfaßte sie ... die Angst steigerte es ...

Sie bildete sich ein, die Luft verginge ihr ... ihr Kopf stände wie in Flammen ...

Das war das Gift ... der Tod ... er kam ... er kam doch ...

Sie schrie auf. Sie lief an ihres Gatten Tür.

»Burchard – Burchard ...«

Und er öffnete schon; denn er hatte ja in heißer Sehnsucht gewartet, ob sie nicht komme und flehe: Vergib – ich habe den andern nicht mehr lieb – nur noch dich ...

»Burchard,« schrie sie und warf sich in seine Arme, »hilf mir, rette mich ...« »Was ist dir, mein Kind?...«

Er hielt sie, von jähem Schreck erfaßt – doch noch ohne Verständnis ...

»Rette mich – ich muß sterben ... ich habe ... ich bin ... Burchard, ich habe Gift genommen.«

Und halb ohnmächtig lag sie in seinen Armen, schwer atmend mit glühendem Gesicht.

Das Entsetzen, das über ihn kam, ließ seinen Herzschlag stocken. Er stand wie erstarrt ...

»Rette mich ...« flüsterte sie und sank aus seinen Armen an ihm nieder, als wollte sie zu seinen Füßen um Hilfe stehen.

Sie war wie von Sinnen.

»Nicht sterben! Lieber Gott im Himmel, nur nicht sterben!«

Er neigte sich und half ihr wieder auf. Er nahm sich zusammen, mit eiserner Kraft. Ja, helfen ... retten ...

Aber übermächtig drängte sich eine Angst noch vor, behauptete sich sekundenlang als das stärkste Gefühl.

»Warum, Anna?« stöhnte er und trug sie durch das Zimmer, hinüber auf ihr Bett, »warum ... warum? Weil ich hart mit dir war ...«

Da rannen zwei schwere Tropfen unter ihren Lidern hervor ...

»Weil ich schlecht bin ... ganz schlecht ...«

»Anna!«

Und er drückte sie leidenschaftlich an sich.

»Sprich,« flehte er, »sag', womit – wie war es möglich ...«

Er ließ sie auf ihr Bett nieder, das Herz voll Jammer.

Er beugte sich über sie, hielt ihre Hände umschlossen.

»Sprich!« flehte er; denn ihm schien, ihr schwände das Bewußtsein. Und Wissen hieß doch vielleicht schon Rettung ...

»Womit?« rief er beschwörend, als müßte seine Stimme noch in die Abgründe hineinbringen, darin sie zu versinken schien.

Sie hörte seine Stimme durch das unerträgliche feine Singen in ihrem Ohr, durch das dumpfe, rasche Brausen des Blutes ... Sie hatte den Willen, sich aufzuraffen ... sich zu wehren ... Nicht sterben ... nicht sterben ...

»Opium,« hauchte sie ... »Doktor Schüler genommen ...«

Und eine tiefe Ohnmacht umfing sie und schloß ihr die Lippen ... eine leise Kopfbewegung zur Seite noch ... ein aufmerksames, ganz gesammeltes Horchen auf das schneidende Singen und das dunkle Rauschen, das darunter hinströmte ... Dann wußte Anna nichts mehr von sich.

Der Mann handelte. Sein Gesicht war fahl und finster ...

Er wußte nur zwei Dinge: rasche Hilfe und kein Aufsehen ...

Mit fliegender Hast warf er an Annas Schreibtisch zwei Zeilen auf ein Blatt.

»Retten Sie meine Frau! Sie hat Opium genommen – Ihnen entwendet, wie es scheint.«

Wer sollte das hintragen durch die Nacht ... unten, Campell wachte ... Mimi auch ... sie warteten im Dienerschaftszimmer sicherlich darauf, daß ihre Herrschaft ihre Dienste zum Zubettgehen brauchte. Es war ja kaum elf Uhr ...

Dies Blatt durfte nur in die Hände eines ganz Treuen, Vertrauten gelegt werden ... Doktor Schüler war ein Ehrenmann ... ohne daß man ihm Versprechungen abnahm und überhaupt ein Wort davon verlor: er würde schweigen. Aber er konnte sich in dem ersten Schrecken unwillkürlich verraten, gerade weil es sich um dieses Gift handelte ... weil Anna es ihm genommen ...

Nein, einem Diener ließ sich das nicht anvertrauen.

Wenn er selbst ginge?

Aber da waren ja Wolf und Donat ... sie gehörten zu Anna ... sie hatten ein leidenschaftliches Interesse daran, mit zu wachen, daß ihre Untat verborgen bliebe.

Und schon war der Mann unterwegs, und schon klopfte er an dieselbe Tür, an die vorhin seine Frau so geheimnisvoll gepocht hatte. Aber er wartete auf kein Herein, er öffnete sogleich.

Wolf fuhr zurück ... Rastlos, gequält, in Zorn über sich selbst, leidvoll, in tausend Zweifeln, ob er recht getan, Anna so schroff fortzuweisen, war er in seinem Zimmer hin und her gerannt.

Nun kam ihr Mann ... Auch um zu klagen? über sie? Oh, Wolf wollte ihm das nicht raten ... er würde jeden niederschlagen, der Anna ein Haar krümmte ...

»Wolf,« sprach Graf Burchard atemlos, »laufen Sie – schnell, schnell – hier, das zum Doktor Schüler ... bringen Sie ihn her. Anna ist krank ... ich habe es gleich aufgeschrieben, was ... wegen der Gegenmittel ...«

»Krank ... krank ... wie kann das sein ... eben noch ...«

Nein, sie nicht verraten ... sie nicht bloßstellen vor ihrem Mann!

»Ich sag' Ihnen morgen, was – es ist ... denken Sie nicht – fragen Sie nicht ... Eile ...«

Wolf hatte schon den Brief in der Hand. Und wortlos, blaß, mit funkelnden Augen lief er davon. Graf Burchard war an das Bett seiner Frau zurückgeeilt ... sie lag noch, wie er sie vor zwei Minuten verlassen hatte, ... scheinbar ohne Besinnung, mit kurzem, stoßendem Atem, als fieberten ihr alle Pulse ...

Der Gedanke an all die Menschen in seinem Hause durchblitzte ihn ... Anna schützen, ob sie nun eine Sterbende war, oder ob sie gerettet ward – sie schützen, daß sich kein raunendes Geflüster über ihre Tat erhob ...

Er klingelte.

Einige Minuten verrannen. Dann kamen sowohl Campell als auch Mimi. Er hatte für beide das Zeichen gegeben.

Er stand im kleinen Wohnzimmer, aufrecht, sehr bleich, mit vollkommen gefaßter Miene. »Meine Frau ist erkrankt. Herr v. Pallau ist schon unterwegs zum Arzt. Bleibt in der Küche wach – wenn etwas nötig werden sollte ...«

Mimi, die sich berechtigt glaubte, als Jungfer der Gnädigen, zu ihr zu eilen, wandte sich dem Zimmer zu, wo sie die Herrin kurzatmend, glühend, mit geschlossenen Augen auf dem Bett liegen sah. Graf Burchard machte eine Handbewegung, als wollte er zur Geräuschlosigkeit dem Schlaf gegenüber mahnen.

»Es scheint, die Gräfin schlummert,« flüsterte er. »Sie können ihr im Moment nicht helfen. Haltet euch nur wach und bereit. Und daß unsre Gäste nicht gestört werden.«

»Soll ich Komtesse Herdeke wecken?« fragte Campell leise.

Eine kurze Schwäche zuckte durch des Mannes Herz. Die treue, alte Schwesterseele – die sein ganzes Leben mit ihm zusammen getragen hatte – – wie würde sie erbeben, wenn sie wüßte – wie aber auch vielleicht Anna verdammen – und ihr vielleicht nie verzeihen, daß der Bruder um ihretwillen jetzt litt ...

Anna schützen ... »Nein,« sagte er, »wir wollen meine Schwester nicht erschrecken.« Und er setzte sich neben das Bett seines unseligen Weibes.

War sie bewußtlos? Schlief sie? Würde diesem überhastigen Leben, das offenbar jetzt durch ihre Adern zuckte, bald die tiefe bleierne Ruhe der Opiumvergiftung folgen?...

Er wartete und wachte ... seine gequälte Seele bebte vor dem Moment, wo vielleicht ein plötzliches Erstarren diesen schönen jungen Körper lähmen würde.

Wunderbare Erinnerungen kamen ihm. Er entsann sich der ganz zweifellosen Sicherheit, in welcher er sich entschlössen hatte, um Anna zu werben. Keinen Augenblick hatte seine Liebe mit dem Verstand Kämpfe auszufechten gehabt. Keine Warnerstimme erhob sich in seinem Innern. Und auf die leisen Sorgen seiner treuen Schwester hatte er geantwortet: »Ich bin nicht der Mann, mich durch eine junge Frau unglücklich machen zu lassen; ist Anna unreifer, als ich vermute, so werde ich sie heranbilden.«

Nun hatte sich seine allzu große Zuversicht wohl gestraft!

Hier saß er, ein unglücklicher Mann, und wachte am Bett der Frau, die sich vergiftet hatte, weil sie einen andern liebte; weil diese ihre Liebe erraten worden war.

Denn so sah er es, so mußte er es sehen.

Hätte Renate mit ihrer von Mißgunst allezeit so geschärften Klugheit doch geschwiegen! Wenn er ahnungslos geblieben wäre – immer weiter beglückt von dem Wahn, Anna liebe ihn auf ihre Art – vielleicht hätte sie mit der Zeit still in sich jene andre Neigung begraben und überwunden ... Das Wort fiel ihm ein:

»Ein Wahn, der mich beglückt.
Ist eine Wahrheit wert,
Die mich zu Boden drückt.«

Nein – er erstickte das in sich. Das waren feige Gedanken ... Es hieß, fest und klar dem Unglück ins Auge sehen.

Dies war ein Wendepunkt im Leben dieses jungen Geschöpfes ... Man erhebt sich nicht von einem Lager, an dem der Tod stand, zu neuen Lügen.

Wenn sie gerettet wurde, mußte sie offen ihre Seele vor ihm ausbreiten. Und wenn er fand, daß die Liebe zu dem andern zu sehr alles durchsetzte, daß gar kein Bestand für irgend einen Gedanken oder ein Gefühl war außer ihr, ohne sie – dann mußte er sein Weib freigeben.

Dann war es würdiger für ihn und für sie, sie trennten sich.

Er konnte sie nie mehr küssen, ohne davor zu zittern, daß sie dabei an den andern denke. Er konnte sie nicht mehr in seinem Hause ihrer Pflichten walten lassen, ohne zu denken, sie möge sich dabei vielleicht nach einer Hütte mit jenem andern sehnen.

Wohin eilten seine Gedanken? ... in eine Zukunft, die es vielleicht nicht mehr gab ...

Was schlich jetzt durch die Adern der Frau?

Ihm schien, sie werde stiller ... er sah es mit Entsetzen ... kein Zweifel, die stoßenden, fieberischen Atemzüge ebneten sich ... Kam nun die Wirkung des Giftes? Begann es leise und grausam alle Lebenserscheinungen zu lähmen? Fing jene fürchterliche Stille an, sich im Körper zu verbreiten, die Schlaf scheint und Tod ist? Würden sich diese strahlenden, schönen Augen nie mehr öffnen?

»Anna!«

Aber auf den flehenden Anruf kam keine Antwort.

Ihr Mund blieb stumm. Ihre Lider waren geschlossen.

Wollte sie nicht antworten? Oder konnte sie es nicht mehr?

Waren ihre Sinne schon gelähmt? Drang der Laut der heißen Sorge nicht mehr in ihr Ohr? Entsetzlicher Gedanke!

Sie sollte leben. Nur leben, um jeden Preis. Auch zu seinem Unglück. Lieber wollte er leiden, sein ganzes ferneres Dasein, als sie sterben sehen!

So jung ... Und wie spurlos würde ihr Dasein verwehen. Nur in seinem eigenen Herzen konnte sie weiter leben. Sonst in niemandes. Es war ihr noch nicht vergönnt gewesen, mit dem Pfunde, das die Natur ihr gegeben, zu wuchern. Alles in ihr war erst Verheißung gewesen. Unter seiner liebevollen Leitung sollte sich erst alles erfüllen, was ihre Art versprach.

Und nun sollte sie zerbrechen an der überspannten Torheit, die ihre unreife Jugend in einem Augenblick völliger Sinnlosigkeit beging? Nur einer tauben Blüte sollte ihre Jugend geglichen haben?

Es wäre zu hart gewesen. Er hatte es ja begreifen müssen – voll Todesangst bereute sie die rasche Tat – ihr verzweifelter Ruf: »Rette mich« sagte genug.

Aber das Schicksal hat solche dämonische Launen. Es nimmt den Menschen beim Wort. Und am liebsten beim unbedachten Wort ... Es unterscheidet nicht zwischen besonnener und unbesonnener Tat. Es hat, gerade wie das von Menschen geschaffene Gesetz, das unbarmherzige Prinzip: Unkenntnis schützt nicht vor Strafe ...

Wie bleiern gingen die Minuten ... wenn nur erst Rettung käme! Und wenn noch Menschenkraft hier retten konnte, war es gerade die des Mannes, den er gerufen hatte ... das war seine traurige Sonderwissenschaft ... Opiumvergiftung.

Warum kam er noch nicht?

Ach, es vergingen ja erst Minuten, seit der treue junge Mensch in die Nacht hinausgestürzt war, um Hilfe zu holen.

Barhäuptig, in keuchender Eile stürmte Wolf vorwärts. Es war in seinem Lauf etwas von der wilden Kraft eines Tieres, das in stummer Not flieht. Ihm war entsetzlich zumut. Er durchlitt die erste wirklich schwere Stunde seines Lebens. Einen Augenblick kam er sich wie ein Verbrecher vor, weil seine Sinnlichkeit sich für das Weib eines andern Mannes entflammt hatte. Dann wieder schalt er sich roh und plump, weil er ein offenbar verängstetes und vor Erregung verwirrtes Weib so schroff von sich gewiesen.

Was hatte Anna empfinden müssen, als er, in dem sie so etwas wie ihren älteren Bruder sah, sie einfach fortjagte? Sie konnte ja nicht ahnen, was in ihm vorging – daß er über sich selbst zu entsetzt war, um noch auf seine Handlungsweise zu achten.

Wie unbegreiflich! Er kannte doch Anna seit dem Tage, wo man sie in ihrem Taufkleidchen ins Zimmer gebracht hatte; und er, der kleine Junge, hatte sich an jenem Tage sehr den Magen verdorben, weil sein Papa ihm zu viel Konfekt von der Taufschüssel zusteckte. Ja, seit damals kannte er sie. Seit zwanzig Jahren.

Und als Knabe und als Jüngling und auch später, nachdem er von seinem Jahr bei den Gardedragonern wieder heimgekommen, immer sah er sie voll herzlicher Freundschaft, aber in völliger Ruhe neben sich.

Und wenn davon die Rede war, daß er sie heiraten könnte, oder er selbst einmal flüchtig daran dachte, schloß er das immer mit einem lachenden »Nur ja nicht« ab. Er wollte natürlich niemals heiraten, ohne bis über die Ohren verliebt zu sein. Und wie kann man in eine verliebt sein, mit der man sich als Junge mal geprügelt hat! Und Anna hatte auch immer so etwas Apartes an sich – als stände sie über ihm. Das erkannte er auch an ... unbedingt ... von jeher ...

Wie unbegreiflich! Und um dieser selben Anna willen brach ihm jetzt beinahe das Herz?

Das hatte ihn ja wohl so beschlichen und überfallen ...

Wenn er das geahnt hätte... wenn das nur ein halbes Jahr früher in ihm aufgewacht wäre ...

Dann hätte er sich Anna erobern können.

Nun war sie nicht einmal glücklich mit ihrem Manne ... Das freilich begriff er nicht. Er verehrte den Grafen Burchard unendlich.

Von neuem wurde er wütend auf sich, daß er Anna so hart fortgewiesen. Er hätte sie zum Sprechen bringen müssen, um zu erfahren, was eigentlich vorgefallen sei ...

So jämmerlich unzuverlässig hatte er sich ihr erwiesen – in einer Lage, in der sie auf den Freund ihrer Jugend rechnete – und vertrauend zu ihm kam, jagte er sie fort, weil ... ja, weil seine sündhafte Aufwallung ihn so entsetzte ...

Wenn er es aber recht bedachte ... es ging ihn gar nichts an, was da vorgefallen war ... zwischen Eheleute soll man sich nicht stecken. Es war unrecht von Anna, über ihren Mann klagen zu wollen ... Ja, es war doch gut, daß er sie fortgewiesen hatte ...

Er stolperte – und darüber hielt er in seinem stetigen, raschen Lauf einen Augenblick inne.

Der Nachtwind strich ihm kühl an die Stirn.

Wolf schritt weiter, etwas langsamer, von neuen, noch schwereren Gedanken befangen.

Der Wald zu seiner Linken stand in der geheimnisvollen Unruhe der Nacht. Die Natur schläft niemals. Durch die Wipfel mit ihren aufspringenden Knospen ging der geschäftige Wind in rauschenden und knarrenden Bewegungen. Unten zwischen den Stämmen schien sich allerlei zu rühren, mit schleichenden Tritten, gleichmäßigem Atem, kurzen, gedämpften, unzusammenhängenden Lauten. Und es quoll ein würziger, starker Hauch aus dem Dunkel, so als ob die Luft förmlich dick wäre von Gerüchen. Das feuchte Moos dunstete seinen erdigen Atem aus. Aber daneben roch es auch nach Waldmeister und jungem Laub.

Die ganze Frühlingskraft der jungen Pflanzen strömte schwelgerisch in Düften aus. Die Laute der Nacht, die aus dem verborgenen Leben des Waldes hervordrangen, waren wie die Einzelstimmen, die kurz und leise sich über der Unterströmung einer unendlichen, gleichmäßigen Melodie erhoben.

Drüben, rechts in der Tiefe, rauschte das Meer in seiner ewigen Sisyphosarbeit gegen den Strand. Die uferlose Weite, die dort in der Nacht aufgähnte gab dem nächtlichen Wanderer ein seltsames, schauriges Gefühl.

Den Wald und seine Enge zwischen den Stämmen und die Finsternis darin mit all den tausend flüsternden, knirschenden Schleich- und Fall- und Rauschtönen, den kannte er – der war ihm vertraut ...

Aber dieses ungeheure Loch in der Nacht ... das weite, weite Meer, dessen Horizont man nur erriet, weil die Sterne da aufhörten ... diese Riesenfläche von Schwarzblau aus Wasser und Himmel – die kam ihm vor wie der Schlund der Unendlichkeit ...

Wie viel Rätsel gibt es doch in der Natur, dachte er. Das sieht dann auch oft aus wie Unberechenbarkeiten ...

So etwas Unerklärliches mußte auch in ihm vorgegangen sein. Der Mensch ist ja auch nur ein Sklave der Natur – ein ihr noch unterhaltenderes, weil vielseitigeres Stück Spielzeug als Stein und Pflanzen, ja selbst noch als das Tier ...

Unser einer kann sich darüber den Kopf zerbrechen ... das ist es ... das macht es schwerer ...

Nun kam er ins Freie. Am Gelände voraus, das sich erhob, lag das Dorf schlafend hingestreckt.

Der Doktor Schüler schläft natürlich auch schon! schoß es Wolf durch den Kopf. Und da erst, als er das dachte, kehrten seine Gedanken zu dem eigentlichen Grund dieser nächtlichen Wanderung zurück.

Das andre hatte ihn förmlich hypnotisiert ... das hatte gleich den Schreck über Annas Krankheit wieder verschlungen – diese entsetzliche Erkenntnis, daß man reinen Herzens dennoch eine unreine Flamme in sich aufglühen sehen kann ... Wie sonderbar, wie sehr erschreckend das doch war, diese plötzliche Erkrankung! Eine viertel Stunde oder höchstens eine halbe Stunde vorher war Anna noch bei ihm gewesen. Zwar ganz entsetzlich aufgeregt, aber doch gewiß nicht krank ...

Wenn sie vor Ärger krank geworden wäre? Auch vor Ärger über ihn, der so rauh zu ihr gewesen war und auf ihre abenteuerlichen Reden nicht hatte eingehen wollen?

Aber das verwarf er, nachdem er sich einige Augenblicke reuevoll darüber gequält hatte.

Allerlei Streitereien, die er als Jüngling mit dem Backfisch Anna gehabt hatte, fielen ihm ein. Und obschon jene fernen Vorfälle gar keinen Maßstab abgeben konnten für das Heute, schloß Wolf doch daraus, daß Anna gar kein Talent habe, sich gleich krank zu ärgern. – Unbegreiflich!

Und weshalb hatte Graf Burchard ihm nicht einfach eine mündliche Bestellung mitgegeben?

Er war doch kein Kind. Er konnte sich doch auf sein Gedächtnis verlassen.

Eine Idee durchzuckte ihn ... er blieb plötzlich stehen. Vielleicht war Graf Burchard zu delikat gewesen, es ihm zu sagen ...

Woran erkranken so junge Frauen zuweilen so plötzlich? ..

Gewiß ... es handelte sich um eine vernichtete Hoffnung ... Anna hatte irgend einen ehelichen Zank gehabt mit ihrem Mann ... war vielleicht schon in großer nervöser Erregung – und das entschuldigte sie auch für ihren törichten Versuch, den Gatten durch ihr Fortgehen strafen zu wollen ... und dann war sie plötzlich erkrankt ... Ja, so hing es zusammen! Er konnte sich vor Erschütterung kaum fassen ... Ihm war, als begriffe er jetzt erst ganz, daß Anna die Frau eines andern Mannes sei. Die Hoffnung, die heute dahinstarb, konnte bald neu erblühen. Gewiß – eines Tages würde Anna ihrem Gatten ein Kind schenken ... Mutter werden ...

Und ihm war, als wandelte ihre Gestalt fort aus dem Garten ihrer gemeinsamen Jugend – über eine tiefe Schlucht schwebte sie hinweg – drüben öffneten sich andre Gärten, und fremde Blumen blühten darin, die er, ihr Jugendgespiel, nicht gemeinsam mit ihr pflücken konnte.

Und unter dieser Vorstellung erlosch alle quälende Unruhe in ihm. Tränen standen in seinen Augen. Er fühlte es: er mußte und würde fertig werden mit dieser Leidenschaft, die ihn so jäh gepackt hatte. Wenn sie nur glücklich wird! dachte er nun. Und wenn diese Erkrankung nur nicht schlimm wird!

Fester schritt er aus.

Nun war er im Dorf.

Über so einer Anzahl von Wohnstätten, die alle stumm, verschlossen, dunkel in der Nacht daliegen, schwebt es immer wie eine Wolke von Unheimlichkeit.

Am Tage scheint es, die Häuser haben sich traulich angebaut – eins die gesellige Nähe des andern suchend. In der Nacht scheint es, die Furcht vor Unheil habe sie getrieben, sich nahe bei einander zu versammeln, damit sie Beistand finden, wenn auf eines von ihnen der Schrecken eines Unglücks niederfällt.

Und vor jeder verschlossenen Tür hockt eine graue Gestalt – das Geheimnis des Hauses – und scheint mit großen Augen zu wachen und Fragen zugleich zu stellen und zu verbieten.

Wer weiß, wie viel Schuld und Unglück da überall wohnen? Hell im Mondenschein lag das kleine Häuschen des Doktors. Auf den weißen Hauswänden klebten die grünen Fensterläden wie Plakate. Das rote Ziegeldach war so klar beleuchtet, daß man die von Regen und Staub dunkleren Rillen zwischen den Rundungen der Dachsteine erkennen konnte.

Mit jener Deutlichkeit, mit der das Gedächtnis im Bedarfsfalle eine vordem als ganz gleichgültig halbüberhörte Kleinigkeit wieder aus seiner Tiefe hervorbringt, besann sich Wolf plötzlich, daß von der engen Bescheidenheit des Doktorhäuschens gesprochen worden war. Rechts von der Haustür eine Wohnstube und eine Studierstube, links ein Zimmerchen, die Küche und wieder ein Zimmerchen.

Er beschloß, an den ersten Fensterladen links zu pochen, einerlei, ob er damit den Vater oder die Tochter aus dem Schlaf weckte. Der Zufall führte seine Hand richtig. Der Mann drinnen, der über all seinen gramvollen Grübeleien immer erst nach stundenlangem Umherwälzen Schlaf fand, machte sofort Licht. Wolf sah es. Die beiden kleinen Herzen, die als Öffnung in die beiden Flügel des Ladens geschnitten waren, sahen mit einem Male nicht mehr schwarz aus, sondern so, als wären sie von Flittergold.

Nach wenig Augenblicken hörte er ein Geräusch an der Haustür. Sie öffnete sich leise. Doktor Schüler erschien auf der Schwelle, halb angekleidet, mit der Hand den Rock auf der Brust zusammenhaltend. Als er den großen, blondbärtigen Mann sah, dachte er erstaunt und erschreckt: Einer vom Schloß!

Denn er wußte zwar nicht, wer Wolf war, hatte ihn aber mit dem Grafen Burchard zusammen reiten sehen. Seine Tochter hatte ihm auch von allen Gästen erzählt. Er aber vergaß die Namen wieder. Jene ferne, fröhliche Welt ging ihn nichts an!

»Graf Geyer bittet, Sie möchten sofort kommen, die Gräfin ist krank,« bestellte Wolf hastig, »hier ist ein Brief. Es steht darin, was ihr fehlt.«

Die Gräfin krank? Und er sollte helfen? Man vertraute ihm? Noch dazu, wo es sich um die kostbarste Gesundheit handelte? Wenn er nur helfen könnte! Welche Aufregung ... Seine Hände zitterten ein wenig, als er den Brief nahm.

»Wollen Sie nicht hereinkommen?«

»Danke,« sagte Wolf, »ich gehe hier auf und ab. Machen Sie nur schnell!«

»Ja, ja ...« Und Doktor Schüler war schon wieder in seinem Zimmer und zog sich an, mit der Raschheit, die er als Arzt gewohnt war... Das hatte er nicht verlernt ...

Nun der Brief des Grafen. Wahrscheinlich umsichtigerweise geschrieben, damit der Doktor gleich aus seiner Hausapotheke das Nötige mitbringen könnte ...

Wenn es nur vorhanden war. Da er nicht mehr praktizierte, hatte er ja nur noch dies und jenes ...

Er wurde bleich und starr ... er hatte gelesen.

Verfolgte ihn denn ein Fluch? Sollte er denn zugrunde gehen an diesem einen fürchterlichen Gift ...

Diese junge, schöne, strahlende Frau, die auf den Gipfeln des Glücks einherzuschreiten schien, hatte sich bei ihm ein Fläschchen Opium genommen?!

Das mußte damals geschehen sein, als sie ihren Arm von ihm untersuchen ließ ...

War sie so unglücklich? Neben einem Mann wie Geyer? Undenkbar. Oder hysterisch? Oder was war dies alles ...

Aber man hatte sich an den rechten Helfer gewandt! Ja, er besaß das Mittel, das sie retten konnte, mußte – wenn man ihn rechtzeitig gerufen hatte ...

Es kam über ihn wie ein Rausch.

Welche Verknüpfung des Schicksals! Er glaubte tiefe, sinnvolle Zusammenhänge zu spüren ... Es war ihm beschieden, ein Menschenleben zu retten. Und gerade aus den Krallen desselben Feindes, dem er einst ein andres Leben fahrlässig überantwortet haben sollte.

Welch ein Ausgleich ...

Nein – kein neuer Fluch war auf ihn gefallen ...

Aus diesem Unglück gebar sich ihm vielleicht ein neues Dasein. Wenn er dem edlen Mann die geliebte Frau rettete ... Welch unnennbare Freude! Er würde wieder Mut gewinnen, sich wieder zutrauen, an das Bett kranker Mitmenschen zu treten.

Das erschütterte ihn so, daß Tränen über seine Wangen liefen. – Gewiß, er würde sie retten!

Da in seinem Schränkchen stand ja das unfehlbare Gegengift ... Schnell, nur schnell ... daß er nur Füße hatte und keine Flügel ...

Dennoch hatte er in seiner tiefen Gemütserschütterung ein oder zwei Minuten länger gebraucht, als dem Wartenden draußen erträglich schien.

»Doktor!« rief es von draußen mahnend.

»Ja – ich komme ... da bin ich.«

Er zog die Tür hinter sich zu. Und schnell, schweigend und schweratmend gingen die beiden Männer durch die Nacht.

Wolf tat keine Frage, keine einzige. Und der alte Mann verriet sich nicht, mit keinem Seufzer.

Ihr Zartgefühl schonte das Geheimnis, das Graf Burchard mit dem Brief zwischen ihnen errichtet hatte. Der jüngere Mann war ganz fest in der Idee befangen, die ihm vorhin gekommen war, und er hätte es indiskret gefunden, darüber zu sprechen.

Doktor Schüler aber nahm von selbst an, daß Graf Burchard das Geheimnis seiner Frau zu bewahren wünschte ... die Kenntnis davon hätte der Phantasie aller Welt Tür und Tor geöffnet ... welche Schlüsse mußte man ziehen ... wie viel Unglück vermuten ...

Ich werde sie ihm retten, dachte er inbrünstig.

Sophie Schüler schreckte auf. Sie hatte vielleicht seit einer halben Stunde erst in tiefem Schlaf gelegen.

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