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Annas Ehe

Ida Boy-Ed: Annas Ehe - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleAnnas Ehe
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070521
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Die Natur lachte. Vom blauen Himmel gleißte die Sonne. Es war ein förmliches Prahlen, und die Erde tat, als schmückte sie sich mit einem Maientag.

Die Fröhlichkeit aller belebte sich. In aller Herrgottsfrühe machten schon Wolf und Donat mit dem Grafen Burchard einen Ritt, und in diesen Morgenstunden war es Ursula endlich geglückt, Stephan Normann an ihrer Seite festzuhalten.

Herdeke und Frau v. Reinbeck zogen sich gleich nach dem ersten Frühstück zurück. Renate trank ihren Tee stets im Bett. Ebenso der Baron Wenderoth. Sie konnten sich dann, wie Herdeke sagte, mit gestärkten Kräften der Auffärbung ihrer Schönheitsreste widmen. Herr v. Reinbeck arbeitete in seinem Zimmer, und Greti Wenderoth saß als einzige Gesellschaft und Aufsicht mit dem Leutnant Normann und Ursula in der Halle.

Die Baronin thronte, wie immer, breitbeinig in einem der »Kirchenstühle«. Rechts neben ihr lag ein Haufen Zeitschriften und Zeitungen, links neben ihr eine Anzahl winziger Blättchen. Sie schnitt mit einer Schere aus alten hauswirtschaftlichen Beilagen Rezepte und Mittel aus und sammelte sie in einem großen Kasten. Wenn sie dann einmal wirklich eine Vorschrift benutzen wollte, mußte es nach stundenlangem Suchen aufgegeben werden, gerade diesen Ausschnitt in der Unzahl loser Zettelchen zu finden.

Stephan saß mit Ursula vor dem Kamin. Sie taten, als läsen sie die Morgenzeitungen. Aber Ursula las gar nicht und richtete alle Augenblicke das Wort an Stephan. Auch er las kaum, seine Gedanken waren zu sehr beschäftigt. Dennoch hatte er nicht vergessen, daß er Ursula v. Pallau keine »Hoffnungen« machen dürfe. Er antwortete immer freundlich, aber doch mit einer gewissen Abgemessenheit, übertrieben höflich und formvoll.

Verliebte Mädchen aber empfinden und bemerken nur, was ihrer Flamme Nahrung gibt.

Er ist reizend zu mir, dachte sie, so männlich – so gütig ...

Da Ursula ihn innerlich auf unendliche Höhen über sich erhob, kam ihr seine Freundlichkeit eben schon wie große Güte vor.

»Hören Sie, Ursula,« rief Greti Wenderoth herüber, »ein vorzügliches Mittel, Fettflecke aus Elfenbein zu entfernen ...«

Und lesend schnitt sie mit der langen Papierschere Graf Burchards das kleine Viereck aus der Journalseite.

»Ich habe gar keine Elfenbeinsachen und mag keine leiden,« sagte Ursula.

»Ich auch nicht, aber man kann doch nie wissen...«

»Wie freu' ich mich auf die Partie nach Stubbenkammer heut' mittag,« sprach sie und sah Stephan an. »Ja, es kann sehr nett werden ...« Um Gottes willen, dachte er, wie komme ich hier nur los? Er war ja nicht mitgeritten, um inzwischen die Geliebte besuchen zu können, da er voraussah, daß er zum Nachmittag nicht frei sein würde. Nun hielt Ursula ihn so fest ...

»Hören Sie, Ursula,« rief die Baronin, die schon geöffnete Schere auf Daumen und Zeigefinger der Rechten vor sich haltend, so daß der Scherenrachen förmlich drohend klaffte, »hören Sie, ein großartiges Rezept, alte Rebhühner zu verwenden ...«

»Ach, die kochen wir immer in Sauer,« sagte Ursula.

Nun mußte Stephan doch lächeln.

Wenn er lächelt, ist er bezaubernd, dachte Ursula und strahlte ihn verklärt an.

Anna war eingetreten, während Greti Wenderoth das Rezept von den alten Rebhühnern las. Darüber hatten weder Ursula noch Stephan ihr Kommen bemerkt.

Sie aber sah Stephans Lächeln und Ursulas anbetende Blicke.

Heißer Zorn wallte in ihr auf.

»Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, mich auf einem kleinen Gang ins Dorf zu begleiten, Stephan?« sagte sie.

Er verbeugte sich. Was blieb ihm übrig! Nun komme ich heute gar nicht zu Sophie, dachte er verzweifelt.

»Aber Anna – das ist ja eine Hetze – wir wollen doch um Zwölf nach Stubbenkammer,« bemerkte Greti Wenderoth.

»Noch fast drei Stunden bis dahin. Eben Neun jetzt ...«

»Ich gehe mit,« sagte Ursula entschlossen. Sie wollte sich nicht schlecht von Anna behandeln lassen. Das fehlte gerade noch, daß ihre einzige geliebte Freundin ihr jedes Zusammensein mit »ihm« zerstörte.

»Nein, mein Kind,« sprach Anna kühl, »ich weiß nicht, ob es für dich paßt – ich will zum Doktor Schüler. Das soll ein besonderer Mann sein, den können wir nicht gleich zu dritt überfallen. Ich setze voraus, daß Stephan ihn kennt ...«

Er verneigte sich, als Antwort auf den fragenden Blick. Sprechen konnte er nicht. Das Herz schien ihm im Halse zu schlagen.

»Was wollen Sie denn da, Anna? Und gerade jetzt noch eilig vor unsrer Partie?« fragte die Baronin, die klaffende Schere wie ein Zepter gerade aufgerichtet vor sich haltend.

Anna ärgerte sich. Zu Hause war dereinst nie jemand gewesen, der sie gefragt hätte: Wohin, was, warum?

Ursula stand trotzig und hatte einen roten Kopf.

»Ich glaube, ich habe mir eben die Hand ein wenig verstaucht,« erwiderte Anna. »Es tut weh. Da will ich lieber gleich nachsehen lassen ... Und mein Mann soll nicht erst beunruhigt werden – vielleicht ist es nichts ... sagt ihm, bitte, nichts ...«

Dies alles fiel ihr erst in dem Augenblick ein, wo sie es sprach. Heute schon Doktor Schüler zu besuchen, war gar nicht ihre Absicht gewesen. Sie hatte gestern, nach dem Gespräch mit ihrem Manne gedacht: den plausiblen Vorwand, diesen Doktor zu besuchen, finde ich schon einmal. Denn es zog sie mit unbezwinglicher Neugier zu dem Menschen, der das Leben eines andern Wesens auf dem Gewissen zu haben glaubte. Es mußte sehr interessant sein, so jemand kennenzulernen.

Aber als sie Stephan und Ursula in dem Schein einer gewissen Intimität da zusammen am Kamin sah, wollte sie die beiden sofort auseinander jagen, und so gab sie dem Einfall nach, der ihr just kam.

Anna und Leutnant Normann gingen am Waldsaum entlang auf das Dorf Niepmerow zu, das unfern voraus auf einem Buckel des Geländes lag. Die Sonne schien auf die verstreuten Gehöfte und die kleineren sich enger zusammendrängenden Häuser.

Es war noch morgenfrisch. Der Boden, noch durchtränkt von den gestern gefallenen Regengüssen, atmete einen herben kühlen Erdgeruch aus.

Ein Gespann kam ihnen entgegen, Schimmel, die eine blaugemalte Egge hinter sich Herzogen, die zuweilen kleine tanzende Sprünge machte, wenn sie auf Unebenheiten traf. Das Stirnhaar hing den Tieren auf die Nase, was ihnen ein dummes und gutmütiges Aussehen gab. Der Knecht, die Leine in der Hand, schritt schwer ausschreitend nebenher.

Stephan und Anna schwiegen.

Er hätte froh sein sollen. Nun fand sich ja die Gelegenheit, der Geliebten sein Ausbleiben für diesen Nachmittag zu erklären. Nun wollte ja ein gütiger Mensch dem armen Mann die Gelegenheit geben, sich wieder ärztlich zu betätigen. Eine verstauchte Hand – das war so wenig; und Stephan war obenein überzeugt, daß die Hand sicherlich nicht verstaucht sein konnte. Er glaubte, daß Anna sich vielleicht gestoßen habe und das bißchen Schmerz verzärtelt übertrieb. Aber daß eine Dame wie Anna, die Gräfin Geyer in Person, ihn vertrauend aussuchte – das mußte Sophiens Vater wohltun ... Und doch konnte Stephan sich nicht des Augenblicks freuen. Er fühlte sich gedrückt, unsicher.

Anna hatte gar nicht das Bedürfnis, mit ihm zu sprechen. Sie war für den Augenblick nur zufrieden, daß sie Ursula und Stephan das trauliche Beisammensein gestört hatte.

Sie gab sich keine klare Rechenschaft über das, was sie wollte, und wußte es auch eigentlich nicht klar. Sie wußte ebensowenig, was sie für Stephan empfand, und hatte auch nicht das Bedürfnis, deutlich und offen gegen sich selbst darüber nachzudenken.

Vielleicht war es eine Art von kindischem Haß. Vielleicht Eifersucht. Aber nicht die der Liebe, sondern die der Selbstsucht, die trotzig folgert: ich habe dies Glück nicht erreicht, so soll eine andre es auch nicht erreichen!

Ihre Jugend war so öde gewesen. Sie sah ihren Vater in Geistesträgheit versumpfen und konnte keine zärtliche Verehrung für ihn haben. Ja selbst gegen ihre Mutter empfand sie zuweilen mehr bittere Ungeduld als ergebene Liebe. Die Mutter hätte sich nicht so zur Märtyrerin machen dürfen – –

Sie hatte einerseits ein überreiches Phantasieleben geführt und anderseits der Wirklichkeit voll kalter Kritik gegenüber gestanden. Da begegnete ihr dieser Mann ...

Es war gewesen, als ginge ein leises Zittern durch ihr Wesen und erschütterte es ... als wollten sich Starrheiten zu Wärme und Weichheit lösen ... als wollten alle Traumwelten versinken und das Auge sich leuchtend für eine neue Welt öffnen ...

Er aber sah dies Zittern nicht ... er sah nicht das Erwachen einer neuen Seele in diesem Auge – ahnte nichts davon, daß ein steriles Herz durch ihn zum Blühen und Glühen sich erschließen könne ...

Es war das alte stille Drama. An hundert und aber hundert Mädchenherzen geht so achtlos der Mann vorüber. Sie erwachen aus ihrem Traum, dessen sie sich vielleicht nicht einmal deutlich bewußt waren. Es ist nur, als sei der erste goldhelle Sonnenschein aus ihrem Leben geschwunden ... es ist, als habe sich etwas verändert. Und wie viele Herzen wissen nicht einmal, was sich denn so verändert hat, und warum sie mit einem Male so viel nüchterner oder so viel milder ins Leben blicken!

In Annas Seele verdorrte dies erste scheue Keimen einer werdenden Liebe – –

Was von Anlagen zu edlem Stolz in ihr war, wandelte sich in Hochmut. Bis jetzt hatten die Menschen mit ihr gespielt – so schien es ihr; nun wollte sie mit den Menschen spielen – so nahm sie sich vor.

Sie liebte diesen Mann nicht, der jetzt schweigsam neben ihr ging. Sie wäre auch gar nicht mehr fähig gewesen, ihn zu lieben. Denn was so bald, gerade als es erst schüchtern sprossen wollte, im Frost erstorben war, konnte nicht wieder sprießen.

Die Gefahr, daß Anna ihrem Gatten auch nur mit einem sehnsüchtigen Pulsschlag nach einem andern Mann untreu werden könnte, bestand nicht von fern.

Daß sie dennoch unrecht gegen ihn handelte mit allen ihren Gedanken, daß sie sich seiner und seiner Liebe unwert machte, ward ihr nicht bewußt.

Sie genoß es, daß der Mann, der achtlos an ihr vorübergegangen war, von ihrem Gatten in vieler Hinsicht abhing, daß er deshalb auch ihren Wünschen gehorsam sich zu zeigen hatte, daß es in ihrer Macht lag, ihn am Heiraten zu verhindern.

Nun gingen sie die Dorfstraße hinauf. Sie zog sich mit tiefausgefahrenen Furchen am Gelände empor; ein festgetretener schmaler Fußpfad lief neben ihr. Auf diesem schritt Anna dahin, ihr rehfarbiges Kleid mit der Linken emporraffend. Die Seide des Kleiderfutters raschelte.

Stephan sah sich dieses knappe vornehme Kleid an, wahrscheinlich die Meisterschöpfung eines Modeschneiders. Der einfache braune Filzhut mit dem flotten Gesteck von hellen Fittichen stand Anna sehr gut. Er dachte voll Wehmut, daß er seiner Sophie schwerlich jemals so viel kleidsame Eleganz würde schaffen können.

»Das kleine weiße Häuschen mit dem roten Ziegeldach, das ist es,« sagte er voraus deutend.

»Sie kennen Doktor Schüler genauer?« fragte Anna.

»Er kommt nicht zu Gast nach Sommerhagen, er sieht auch keine Gäste bei sich – natürlich nicht – Schülers haben wohl knapp ihr Auskommen. Aber immerhin ... so auf dem Lande begegnet und kennt man sich doch ... Ich habe schon mehrfach mit Schüler gesprochen,« antwortete Stephan und fühlte voll Zorn, daß er errötete.

Sie bemerkte es aber nicht. Sie war nun in einer gewissen Spannung auf den vielbesprochenen Mann.

Das Schülersche Häuschen lag in einem kleinen Garten, den ein grünes Staket umzäunte. Es standen mehrere Obstbäume im Garten, ihr mit dicken weißgrünen Knospen bestreutes Geäst verschränkten sie fast ineinander. Die Stachelbeerbüsche unter den Bäumen hatten schon winzige grüne Blättchen. Die fetten Erdschollen lagen frisch umgebrochen in ihrem tiefen, fast leuchtenden Braun. Das Staket und die Rahmen der Fenster, wie die Haustür an der Schmalseite waren sauber gestrichen, die Fenster sehr blank, die Gardinen dahinter von frischester Weiße.

»Hier sieht es aus, als sei eben reingemacht,« sagte Anna. Er wußte ja, wer hier malte und plättete und putzte, um es bei aller Sparsamkeit doch nett zu haben.

Aber in diesem Augenblick, als die elegante schöne Frau durch die grüne Gittertür ging, empfand er bitter die ärmliche Kleinheit dieses Heims ... Zwei Welten! dachte er.

Gab es keine Wahl als die: die seine zu verlassen, um mit in diese bescheidene Beschränktheit hinab zu steigen? Sollte es ihm wirklich nicht vergönnt sein, sich und das feingeartete, geliebte Wesen emporzuarbeiten in größere, freiere Verhältnisse?

Drinnen, auf dem mit roten Fliesen gepflasterten Flur, der im Hintergrund ein Fenster hatte, unter dem ein Holztisch stand, befand sich Sophie Schüler. Sie trug eine große blaue Schürze und ein Morgenkleid von rotem Kattun. Sie putzte am Tisch die Lampe. Ein deutlicher Geruch von Petroleum lag in der Luft.

»Nun, Papa?« sagte sie, ohne sich umzuwenden.

»Wir sind es, liebes Fräulein ...«

Beim Klang der Frauenstimme drehte Sophie sich um ...

»Mein Gott ...« stammelte sie. Tiefe Glut schoß ihr in das Gesicht. Sie glaubte umzusinken – so rauschend strömte alles Blut ihr zum Haupt ...

Er kam ... er! Mit der Gräfin Geyer! Das bedeutete: er kam, um seine Braut zu grüßen – mit Einwilligung der Verwandten ... doch, doch! ... welches Himmelsglück ...

Sie schloß die Augen.

Das war ein Rausch – die Glücksdauer von ein paar Herzschlägen lang – das floh vorüber – sekundenschnell.

Denn näher kommend, sprach Anna: »Erschrecken Sie doch nicht so, liebes Fräulein – wir stören Sie – – Aber lassen Sie sich eben nicht stören beim Lampenputzen ... Ich wünsche Ihren Papa zu konsultieren ...«

Anna wollte ihr die Hand reichen.

»Ich habe ... sie riechen nach Petroleum,« brachte Sophie heraus und versteckte ihre Hände.

Anna ging darüber hin. »Wir finden Ihren Papa nicht zu Hause?«

»Doch, er ist im Garten – beim Kaninchenstall ...«

»Sie haben Kaninchen ...«

»Zum Experimentieren ...«

»Sie gestatten, daß ich Ihren Herrn Papa benachrichtige,« sprach Stephan.

»Ja, bitte ... Und wollen Frau Gräfin nicht hier eintreten ...«

Sophie öffnete eine der beiden Türen, die rechts auf den Flur gingen. An der linken Seite befanden sich drei, eine davon stand halb geöffnet; Anna sah, daß da eine niedliche saubere Küche war. Gerade schien die Sonne hinein und ließ den Ausschnitt des Raumes, den Anna überblicken konnte, förmlich als malerisches Interieur erscheinen: da stand ein braun- und grünglasierter Bauernmilchtopf neben einer blanken Kupferkanne auf der weißen Holzplatte des Tisches, ein weiß und blaues Tuch, halb über die Tischkante fallend, lag zusammengeknüllt daneben, am Fenster hinter dem braungrünen Topf und der Kupferkanne standen ein Vogelbauer und eine blühende Azalie.

Als Anna dann die Schwelle der Wohnstube überschritt – deren Tür Sophie einladend geöffnet hielt – hatte sie eine sehr unangenehme Empfindung.

Ganz genau dieselben rotbraunen Velourmöbel hatte es in ihrem Elternhaus gegeben. Natürlich, es war ja Dutzendware aus dem Magazin, sie entsprach ebenso den Bedürfnissen einer Doktorfamilie wie denen einer Gutsbesitzerfamilie und denen jedermanns.

Lächerlich – aber es reizte Anna, gab ihrer Stimmung fast etwas hochmütig Feindseliges.

Da war ja auch derselbe Teeschrank und derselbe Sofatisch.

Nur war hier alles näher beisammen im kleineren Raum, und am Fenster stand eine Nähmaschine, und neben ihr auf dem Fensterbrett, zwischen blühenden Topfgewächsen, lag allerlei Werkzeug an Garn, Fingerhut, Stoffflicken. Hier war heute morgen schon gearbeitet worden.

»Sie haben es sehr niedlich. Und das machen Sie alles allein? Haben kein Mädchen?«

Der Ton mißfiel Sophie. Er war ihr zu leutselig.

Sie sah die Gräfin gerade an.

»Ich bin sehr glücklich, meinem Vater das Leben etwas erleichtern zu dürfen,« sprach sie mit ruhigem Stolz.

Ach, dachte Anna, das ist vielleicht eine von denen, die mit ihrer Armut protzen. Solche Leute mußte man sich doch fern halten! Burchard hatte recht!

Ihr Gatte hatte ihr ja eine gewisse Zurückhaltung aus ganz andern Gründen anempfohlen, aber das verwechselte sie so obenhin.

»Frau Gräfin wünschen Papa zu konsultieren? Das wird ihm von großer Wichtigkeit sein. Darf ich Ihnen für die Absicht schon innig danken,« sagte Sophie nun herzlich, um die Ablehnung und Zurechtweisung, die sie sich in ihrem Ton erlaubt hatte, gut zu machen. »Aber hoffentlich ist es nichts Schlimmes.«

»Vielleicht eine kleine Verstauchung der rechten Hand...«

Draußen ward es laut, und dann kamen Doktor Schüler und Stephan herein.

Dieser besorgte die Vorstellung, und man wechselte einige höfliche Worte. Dabei sah Anna sich den Mann an und fand sich ganz enttäuscht.

Sie hatte sich einen düsteren, scheuen Menschen gedacht, dem man auf zehn Schritte die folternden Gewissensqualen ansähe und vor dem man ein leises Grauen empfände. Der Alte sah ja ganz menschlich aus. Auch in seiner Kleidung. Ein bißchen abgetragen, aber sehr ordentlich.

Doktor Schüler war ein mittelgroßer Mann; sein Haupt erschien für die Gestalt ein wenig zu mächtig, vielleicht kam das durch den breiten grauen Vollbart und das starke graue Haar, das etwas buschig um den Schädel und über der Stirn stand. Diese Stirn, die von vielen kleinen Querfalten durchzogen war, trug er etwas vorgeneigt, so daß die tiefliegenden gramvollen Augen von unten herauf blickten, was dem ganzen Gesicht etwas Grüblerisches gab.

Er lächelte. Daß es ein Lächeln war, dankbar und zaghaft, wie es Kranke haben, denen man wohltut, das sah Anna nicht.

Sie mußte leider in ihrer Rolle bleiben, das war ja notwendig. So begann sie denn einen kleinen klagenden Bericht und zeigte mit den Fingern ihrer Linken, wo es ihr am rechten Arm und den Gelenken der Rechten weh tun sollte.

Sophie stand mit Stephan am Fenster bei der Nähmaschine. Sie schwiegen und hörten zu.

»Wollen Frau Gräfin nicht zum Arzt nach Sagard senden? Ich lebe hier doch eigentlich nur als Privatmann ...« sprach Doktor Schüler zögernd.

»Aber ich bitte Sie! Bester Herr Doktor! Werden Sie mir die kleine Hilfeleistung abschlagen?« fragte Anna liebenswürdig.

»Darf ich Sie dann bitten, in mein Studierzimmer zu treten?«

Das war nebenan, und die Tür dahin stand nur angelehnt.

Ihren Kopf zustimmend neigend, ging Anna also dort hinein.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihr und dem Doktor geschlossen, so ergriff Stephan die Hand der Geliebten.

»Ich konnte gestern abend nicht allein mit Onkel Burchard sprechen, ohne sehr auffällig zu werden. Und du willst ja Vorsicht,« flüsterte er, liebevoll ihre kalten Finger streichelnd, »heut' unternehmen wir einen Ausflug nach Stubbenkammer. Vielleicht lädt die Gräfin dich ein. Dann sind wir doch wenigstens zusammen.«

»Ich würde es ablehnen. Die Qual ist größer als die Freude,« flüsterte sie zurück.

»Bitte, bitte – mir zulieb! Ich sehe dann doch dein liebes, schönes Gesicht ... wenn ich es auch nicht küssen darf ...«

Wenn ich dich auch verleugnen muß, verbesserte Sophie in ihren Gedanken bitter seine Worte. Aber sie erwiderte doch seinen heftigen Händedruck ... Sie zürnte ihm ja nicht – diese Heimlichkeiten waren ja nicht seine Schuld.

Anna dachte, als sie in das Studierzimmer trat: Wenn ich nur kein dummes Zeug vorklage – so etwas, was es gar nicht gibt. Dann merkt er ja ... Ihre Komödie war ihr schon lästig. Das Zimmer nahm ihre Aufmerksamkeit sehr in Anspruch. Es erschien ihr interessanter als der Mann.

An der Hauptwand die Bücherei und in der Nähe des einen Fensters der Schreibtisch – das war nebst allerlei andern Einrichtungsgegenständen das Gewöhnliche. Aber an der Wand gegenüber den Fenstern stand ein Tisch, und über ihm an der Mauer zog sich ein Bord hin. Tisch und Bord standen voll zahllosen kleinen Fläschchen, leer, gefüllt, halb voll; Glashäfen, darin sich, offenbar in Spiritus, Präparate befanden, waren aufgereiht. Instrumente, Gummischläuche, Glastrichter lagen da.

»Die reine Fauststube, erster Akt,« sagte sie lächelnd, »nur das Skelett fehlt.«

»Es ist aber im Hause,« antwortete er mit einem schmerzlichen Lächeln. »Ohne Zweifel haben Frau Gräfin von dem schweren Mißgeschick gehört, das mein Berufsleben mir zerstörte.«

Nun hatte Anna eine Aufwallung echter, wirklicher Teilnahme.

»Vor allen Dingen habe ich gehört, daß Geheimrat v. Arnheim und Geheimrat v. Thalmann und Professor Gutter sich in einem Gutachten dahin ausgesprochen haben, daß Sie ganz im Rechte seien. Und speziell was Arnheim sagt, ist mir autoritativ.«

Daß eine so junge Frau noch gar kein Urteil haben konnte und daß es völlig wertlos war, ob für sie Arnheim »autoritativ« sei oder nicht, sagte Doktor Schüler sich. Aber er nahm an, sie spräche nach, was der Graf und andre Personen von Urteilskraft geäußert hatten, und deshalb tat es ihm doch wohl.

Anna sah sich ungeniert und neugierig um.

Das Zimmer lag gegen Westen und war jetzt sonnenlos. Das kalte Licht ließ alles düsterer erscheinen. Da war nirgends Glanz, nirgends Schatten. Eine gleichförmige Beleuchtung lag auf allen Gegenständen.

Wie man zuweilen wildfremden Menschen gegenüber mehr von sich verrät, als man vor den eigenen Angehörigen von seinem Wesen kundgibt, so sagte Anna jetzt lebhaft: »Alles Geheimnisvolle hat für mich einen fabelhaften Reiz. Ich möchte wissen, was alle diese hundert Fläschchen und Gläser bedeuten. Sie locken mich. Es ist, als stehe ich alchymistischen Künsten gegenüber. Wer dazwischen herumhantieren dürfte! Schließlich steckt doch so eine Art Zaubergewalt in allem. Die Macht über Tod und Leben.«

»Nein, die hat schließlich doch nur einer in seiner allmächtigen Hand,« sprach er leise.

Anna begriff, daß sie an etwas gerührt habe. Das wollte sie ja nicht. Aber es war wohl schwer, mit dem Manne hier zu sprechen, ohne an etwas »zu rühren«.

»Was ist das da?« fragte sie.

»Ein Kaninchenmagen in Spiritus,« antwortete er geduldig. »Aber es kann Sie wirklich kaum interessieren, Frau Gräfin, und Stunden würde es dauern, wenn ich jedes Stück erklären wollte.«

»Gewiß, gewiß. Meine Neugier ist etwas kindlich. Ich begreife. Schelten Sie nur.«

»Aber, Frau Gräfin, ich will gerne antworten, solange es Ihnen beliebt zu fragen,« sagte er respektvoll.

Er wußte es: intelligente junge Menschen sind immer sehr neugierig dem Handwerkszeug der Wissenschaft gegenüber.

Und auf irgend eine Weise war der jungen Gräfin der Ruf vorausgegangen, daß sie sehr klug sein solle. Außerdem war sie die Gattin des Grafen Burchard, für den Doktor Schüler eine dankbare Verehrung empfand.

So sah er in Annas Fragen etwas ganz Natürliches und trachtete, für ihren Laienverstand die möglichst klaren Auskünfte zu geben.

»Und diese kleine Gruppe von Miniaturflaschen mit hellbräunlicher Flüssigkeit?« fragte sie endlich, mit dem Zeigefinger dahindeutend.

»Opiumtinktur,« sagte er kurz.

Sie verstummte. Sie fühlte, sie hatte wieder an »etwas gerührt«.

»Aber Ihre Hand, Frau Gräfin,« sprach er nun mahnend in das kleine verlegene Schweigen hinein.

»Ach ja, die Hand. Es ist abscheulich ...«

»Wie kam es denn?«

Sie beschrieb, wie sie sich auf ihre Schreibtischplatte habe stützen wollen und die Hand dabei förmlich umgeknickt sei; es tue bis zum Ellenbogen hinauf weh.

»Darf ich bitten, abzulegen?«

Anna zog ihr knappes Jackett ab, das Seidenfutter krachte und knisterte.

»Auch bitte die Taille, wenigstens so weit, daß ich den rechten Arm frei habe.« Er wendete sich zugleich seinem Experimentiertisch zu, um die Patientin nicht etwa zu genieren.

Anna biß sich auf die Lippen. Sie mußte sich nun blamieren und eingestehen – oder die Komödie durchführen.

Ohne Zaudern entschloß sie sich zu letzterem. Sie knöpfte ihre Taille auf, zog den rechten Arm heraus und sagte: »Bitte, Herr Doktor ...«

Und er befühlte den herrlich gebildeten weißen Frauenarm und drückte hier und drückte da mit sachgemäßem Ernst.

»Es ist nicht die Rede von einer Verstauchung oder nur von einer leisen Sehnenzerrung,« sprach er endlich, »die Schmerzen, welche Frau Gräfin beschreiben, müssen schon neuralgisch-rheumatischer Natur sein, und ich wüßte nichts dagegen zu verordnen wie eine Einreibung. Sollte es schlimmer werden, empfehlen sich natürlich Bettruhe mit gleichmäßiger Wärme und Salipyrinpulver oder dergleichen.«

»Es wird schon nicht schlimmer werden. Ich neige nicht zu dergleichen.«

»Wahrscheinlich der Klimawechsel – die Meeresluft ...«

»Ich kann mich wieder anziehen?«

»Bitte.«

Und er erinnerte sich sehr wohl, daß Patientinnen mit dem Ablegen immer rasch zustande kommen, daß das Anlegen der Gewandstücke aber ihnen oft mühselig ist.

»Soll ich meine Tochter schicken?«

»Aber nein ... ich kann selbst ...«

Er zog sich indessen diskret zurück und ging nach nebenan, um dort dem Leutnant Normann und seiner Tochter zu sagen, daß es sich bei der Gräfin weder um eine Verstauchung, noch um eine Verzerrung handle.

Anna stand inmitten der melancholischen Stube, knöpfte langsam ihre Taille zu und sah dabei immer auf jene Gruppe kleiner Fläschchen, in denen das Gift sein sollte.

Die gleichmäßige sonnenlose Helle, die das Zimmer erfüllte, ließ jeden, auch den kleinsten Gegenstand klar erkennen. Aber die Beleuchtung hatte doch etwas Kaltes, Totes. Kein Lichtreflex brannte auf den Glasleiberchen der kleinen Flaschen.

Und gerade das gab ihnen vielleicht etwas geheimnisvoll Lockendes. Es schien, als ständen sie in still sicherem Warten.

Anna konnte ihren Blick nicht davon wenden.

Ganz mechanisch nahm sie ihr Jackett vom nächsten Stuhl.

Wer so ein Fläschchen besaß! Der war auf gewisse Art auch Herr über Leben und Tod!

Der Gedanke, eine von diesen kleinen, mit bräunlicher Flüssigkeit gefüllten Phiolen zu besitzen, hatte einen abenteuerlichen Reiz für sie.

Was soll ich damit? sprach sie in sich hinein.

Aber ihr Auge konnte sich nicht davon trennen.

Was soll ich damit? Dummer Gedanke. Nichts. Man hat vieles, was man nicht braucht. Und es ist doch interessant, es zu haben. Wer braucht all die Mordwaffen, die in der Halle hängen? Sie beschäftigen die Phantasie, das Auge. Heimlich Gift haben – wie romantisch ...

Und sie lachte lautlos, ihren gierigen Wunsch selbst verspottend.

Unsinn! schloß sie ihre Gedankenreihe. Dann nahm sie ihre Handschuhe, zupfte noch das knappe Jäckchen zurecht und schritt auf die Tür zu.

Aber blitzschnell wandte sie sich noch einmal, trat rasch an die Wand, nahm vom Borde eine der kleinen Phiolen aus der zweiten Reihe und ließ sie in ihre Tasche gleiten.

Alles ganz ohne Kampf und Überlegung.

»So,« sprach sie heiter, indem sie in das nächste Zimmer trat, »da wären wir wieder. Und schönen Dank, Herr Doktor. Halten Sie mich nicht für verzärtelt, daß ich gleich zum Arzt laufe, wegen dem bißchen Schmerz. Adieu, liebes Fräulein! Hoffentlich haben wir bald einmal wieder das Vergnügen. Kommen Sie doch auch einmal von selbst! Muß man Sie denn immer erst feierlich einladen?«

Eine Einladung für heute, zur Teilnahme an der Partie nach Stubbenkammer erfolgte nicht.

Obgleich Sophie entschlossen gewesen war, die Aufforderung jedenfalls abzulehnen, tat ihr das Ausbleiben doch weh. War es nicht ein Zeichen, daß die Gräfin sie doch nicht besonders gern mochte, daß bei der Gräfin keinenfalls die Absicht vorlag, sie viel heranzuziehen? Ach, es war wieder ein Symptom für den traurigen Ausgang ihres Liebesromans.

Sophie hatte alle ihre Hoffnungen begraben – sie sagte es, sie glaubte es fest. Aber solche Hoffnungen haben es so an sich: sie müssen immer wieder von neuem begraben werden; denn sie leben immer wieder auf.

Auch Stephan war enttäuscht. Er bildete sich ein, jedes Zusammensein der Geliebten mit seiner Familie und seinem Wohltäter müßte ihrer glücklichen Vereinigung vorarbeiten. Denn mußte Sophie nicht aller Herzen gewinnen?

Aber jetzt gestattete seine Begleiterin ihm nicht, so schweigsam zu bleiben wie auf dem Herweg.

»Was habe ich mir unter dem Doktor Schüler vorgestellt,« sprach sie, »so eine Art Unglücklichen, von den Erinnyen Verfolgten. Das ist ja aber ein sehr netter, verständiger Mann.«

»Er hat, während er noch seinen Beruf ausübte, das Außerordentlichste an Selbstlosigkeit und Menschenliebe geleistet, hörte ich einmal. Daß er sich Ihnen gegenüber sehr zusammennahm und nicht sein ewiges trauriges Thema gleich besprach, ist natürlich. Der Mann ist ja bei vollem Verstand. Es geht ihm nur wie so vielen Unglücklichen – ihr Unglück ist ihr liebstes Gespräch,« antwortete er.

»Haben Sie bemerkt, wie rein es da war? Nur roch es greulich nach Petroleum auf dem Flur. Scheint eine brave kleine Person, die Tochter – nur etwas bettelstolz ...«

»Sie ist der höchsten Verehrung wert,« sagte Stephan mit starkem Ausdruck. Das war mehr, als er ertragen konnte, in diesem Ton von der Geliebten sprechen zu hören.

Es wäre Anna gewiß aufgefallen, wenn nicht gerade im selben Augenblick ihre Aufmerksamkeit vollkommen abgelenkt worden wäre.

Graf Burchard und Wolf kamen ihnen entgegen, sehr eilig ausschreitend.

Die hohe stolze Erscheinung des Gatten fiel Anna in diesem Augenblick besonders auf. Fürstlich! dachte sie befriedigt.

Und der gute Wolf! Zu viel blonder Bart, zu sehr »Recke« und »Germane« in der Erscheinung!

Was hatten denn die beiden, daß sie so eilig daher kamen? Und im Grunde: wie fatal! Denn nun mußte Anna wohl sagen, daß sie beim Doktor Schüler gewesen war.

»Anna!« rief Wolf schon von weitem, »dir fehlt etwas? Du leidest?«

Mein Gott, Ursula und Greti Wenderoth hatten also doch die Geschichte von der »verstauchten Hand« erzählt! Natürlich, Ursula konnte nie schweigen!

»Anna – mein Liebling – ich höre, du hast Schmerzen – ein Unfall? Ich bin außer mir vor Sorge,« sagte Graf Burchard nun, als er vor seiner jungen Gattin stand.

Sie erglühte. Welche Beschämung! Alles, was gesund in ihr war, kam aus dem Untergrund ihrer Seele herauf und wandelte sich in Scham.

»Ja, wir kriegten einen Todesschreck,« erzählte Wolf, »dein Mann und ich, als Ursche sagte, du wärest rasch zum Doktor gegangen.«

»Warum hast du ihn nicht holen lassen?« fragte Graf Burchard und nahm den Arm seiner Frau.

»Weil es vielleicht ein Nichts war und ich dich nicht erst damit behelligen wollte. Es ist richtig auch nur ein wenig Neuralgie, vom Klimawechsel, meinte Schüler.«

Die liebevolle Besorgnis des Gatten vernichtete sie geradezu.

Und gestohlen habe ich auch noch, dachte sie und erinnerte sich des Fläschchens in ihrer Kleidertasche, von dem sie nicht wußte, ob es ein paar Pfennig oder wie viel Wert habe.

Nun, das ließe sich bezahlen. Morgen kam eine Sendung Schnepfen aus Ostrau und eine Sendung Delikatessen aus Berlin. Man konnte einen »Frühstückskorb« packen und mit einer verbindlichen Karte zu Schülers senden.

Mit dieser praktischen Erwägung beruhigte Anna ihre Gewissensbisse wegen des entwendeten Fläschchens.

Und die tiefe Beschämung, die sie wegen ihrer Intrige und Lüge vor dem Gatten empfand, löste sich nach und nach in Ungeduld auf.

Erst hieß es, die Partie nach Stubbenkammer sollte aufgeschoben werden – Annas »Neuralgie« wegen. Dann gab jeder seinen guten Rat gegen derartige Schmerzen. Greti Wenderoth hatte drei Rezepte in ihrem Kasten. Sie selbst, Frau v. Reinbeck und Wolf suchten fieberhaft danach, fanden sie aber nicht heraus, auch las Frau v. Reinbeck sich bald fest bei allen Teint- und Haarpflegemitteln, die ihr zwischen die Finger kamen. Da Anna aber darauf bestand, wurde der Ausflug endlich doch angetreten.

Einige der Teilnehmer fuhren: die Gräfin Renate, der Baron und die Baronin Wenderoth, sowie Herr v. Reinbeck. Dieser hatte bei dem Abmarsch der Fußgänger genau die Minute festgestellt und prophezeite ihnen, daß sie eine halbe Stunde länger unterwegs sein würden, als sie sich dächten. Streitlustig und jovial, über sein ganzes rötliches, von Narben überquertes Gesicht lachend, stand er unter dem Portal und sah den Freunden nach.

Seine Frau gesellte sich anfangs Anna zu. Sie sollten sich ja befreunden. Das war ihr Programm.

Die kleine dunkle Frau mit den braunen Funkelaugen und den Soubrettenbewegungen hatte eine rasche, fast zwitschernde Art zu sprechen. Ihre Interessen drehten sich um Kleider, Hutpreise, den vorteilhaftesten Schneider und dergleichen. Anna zog sich sehr gut an. Aber in rascher Wahl, mit angeborener Sicherheit traf sie das Geschmackvollste. Viel darüber zu reden, kam ihr unnütz vor.

Entweder sie weiß nichts zu sagen oder sie ist gräßlich bedeutend, dachte die kleine Frau endlich mit einem Seufzer und wußte sich geschickt von der wortkargen Anna zu trennen.

Zu Annas Befriedigung schloß sie sich an Stephan Normann an. Wenn die einen Kavalier neben sich berief, beanspruchte sie ihn auch ganz, das hatte Anna schon beobachtet.

Ursula, gekränkt und dem Weinen nahe, blieb neben der Gräfin Herdeke. Sie fand eine Art vorwurfsvoller Resignation darin, mit dem alten Fräulein zu gehen.

Graf Burchard hatte Donat an seiner Seite. Es war sein Vorsatz, auf den jungen Schwager nach Möglichkeit fördernd einzuwirken, damit Anna doch die Freude habe, aus dem Bruder noch einen rechten Mann werden zu sehen.

Und so konnte Wolf neben seiner Jugendfreundin bleiben.

»Wollen wir mal tüchtig ausschreiten? So wie früher? Weißt' noch ... du und ich, wir brauchten immer zwanzig Minuten weniger von Pallau bis Neuhagen als Ursche und Donat.«

»Ja,« sagte sie, »so im Takt marschieren ...«

Sie ließen die andern Spaziergänger hinter sich zurück.

Es wanderte sich gut im Wald. Durch die noch blätterlosen Wipfel kamen die Sonnenstrahlen herein. Sie malten die Schatten des Geästes als dunkle Schlangenwindungen auf den Goldgrund des Weges. Völlige Windstille herrschte zwischen den Stämmen. Es war eine wohlige Wärme, daß man förmlich spürte, wie der Frühling heut' am Werk sein mußte. Und es schien auch, als ob das grüne Gesprenkel auf dem Unterholz reicher geworden sei.

»Bei uns ist es noch nicht so weit um die Zeit. Und wir sind hier doch um ein gut Stück nördlicher.«

»Ja, das macht die Meeresnähe,« sagte Anna.

»Weißt noch? Vater rieb sich bei solchem Wetter die Hände und sagte zu meiner Mutter: ›Ursi, heut' wächst Butter.‹ – Anna, hast du nie Heimweh?« fragte er.

»Wie sollt' ich wohl!«

»Freilich, freilich.« Er nickte vor sich hin und dachte an Herrn v. Linstow, der sich durchs Leben aß, schlief und träumte. Er setzte hinzu: »Und dann, wenn man so einen Mann hat!« Er bewunderte den Grafen Burchard aufs außerordentlichste.

»Nicht wahr?!« sprach Anna bestätigend; »ich sage dir, Wolf, auch in Berlin habe ich keinen gesehen, der imponierender gewesen wäre, als Erscheinung und im Auftreten.«

»Das ist ja nun was Äußerliches,« meinte Wolf langsam. Ihm war, als hätte sie etwas andres sagen müssen.

»Aber wie wichtig!« sagte sie mit starker Betonung.

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Anna: »Sieh, da rechts geht der Weg hinunter, der oberhalb des Ufers nach Stubbenkammer führt – wollen wir den nehmen? Er soll etwas weiter sein ...«

»Gewiß, wir kommen doch noch vor den andern an.«

Es war ausgemacht, daß man den andern, auf der Ebene oben im Walde hinführenden Weg benutzen wolle. Anna und Wolf aber, in der Kindervergnüglichkeit, die an Umwegen Spaß hat, liefen nun fast hinab. Bald kamen sie aus der sich am Hange hinziehenden Waldstrecke ins Freie. Links blieb das Meer, rechts stieg, oft so steil, daß es zur schroffen Wand wurde, das hohe Ufer auf, vom Meer noch durch einen Streifen steinübersäten Strandes getrennt. In mäßiger Höhe oberhalb des Strandes war ein schmaler Pfad dem Kalkgestein abgewonnen.

»Ei,« sagte Wolf, »das ist hier schön. Das wär' was für Vater. Der schrie gewiß: ›Donnerwetter!‹«

Der blaue Himmel warf den Widerschein all seiner Bläue auf das Meer. In lustigem Rauschen kam es gegen den Strand und bespritzte ihn mit Schaum. In der Ferne schien das Wasser dunkler und dunkler zu werden, so daß am Horizont seine Linie sich wie Blaustahl vom hellleuchtenden Farbenton des Himmels abhob.

Die Wand, die so jäh neben dem Pfad emporstieg, war von blendendem Weiß. Da und dort brach Gestrüpp und hängendes Gerank aus den Spalten des Kalkgesteines, oder auf einem Vorsprung hatte sich ein Baum mit klammernden Wurzeln seine Stätte gesucht. Wenn man den Kopf weit zurücklegte, sah man oben über dem Rand der steilen Wand den Buchenwald in seltsamer Verkürzung seiner Stämme.

Anna schritt vor Wolf einher; denn zusammen konnte man nur selten kurze Strecken auf dem schmalen Pfade gehen.

Schön ist sie gewachsen, dachte Wolf einmal, das ist mir früher gar nicht aufgefallen. Überhaupt, sie war ganz anders geworden, hatte sich fabelhaft herausgemacht, oder er hatte früher kein rechtes Auge dafür gehabt! Wenn man so immer zusammen ist ... dann sieht man eben nichts ...

Wolf seufzte tief auf. Sie drehte sich nach ihm um.

»Nanu – du und ein Seufzer? Warum?« fragte sie.

»Weiß nicht. Anna, ich kann es dir nicht beschreiben: mir ist jetzt manchmal so unzufrieden zumute. Gott weiß warum.«

»Unsinn! Ein Weber von Pallau und unzufrieden! Das gibt's ja gar nicht.«

»Ist wohl wahr. Aber ich weiß einfach nicht wohin mit mir.«

»Dein Vater sollte dem Verwalter auf Glinde kündigen und dich dahin einsetzen. Ihr zwei zusammen auf Pallau – das ist zuviel. Da hast du nicht genug zu tun.«

»Das kann sein – ja, das kann es sein!« rief Wolf förmlich beglückt. »Ich will es Vater mal sagen – es ist nur: Reimers ist schon zwanzig Jahr auf Glinde, brotlos kann man ihn doch nicht machen.«

Das war natürlich nicht Annas Sorge. Die Schicksale des Verwalters Reimers waren ihr egal. »Wie findest du die Reinbeck?« fragte sie über die Schulter zurück.

»Darf ich eure Gäste kritisieren?«

»Gott – wir beide unter uns ...«

»Sie ist nicht mein Genre. So'n kleines Spielzeug möcht' ich mal nicht zur Frau.«

Dann versiegte ihr Gespräch. Im Takte, soweit hier und da die Unebenheit des Weges nicht störte, schritten sie raschen Ganges hintereinander her. In ihrem Ohr lag das gleichförmige Rauschen des Meeres und machte ihre Gedanken seltsam still und inhaltslos.

In dreiviertel Stunden waren sie unterhalb der Kreidefelsen von Stubbenkammer angekommen. Nun hieß es, noch die gewundenen Wege der Waldschlucht emporzusteigen, die sich in einer tiefen Falte der steilen Küste, zwischen den Felsen von Groß- und Kleinstubbenkammer zum Strande hinabsenkt.

»Langsam,« mahnte Wolf, »guck, wie der Weg verwurzelt ist.«

Es wurde Anna doch ein bißchen sauer.

»Soll ich nachschieben?«

»Immer zu!«

Er legte seine Hände rechts und links an ihre Taille und schob ihre Gestalt nun so kraftvoll vorwärts, daß ihre Füße kaum nachkommen konnten.

»Zu viel, zu viel!« rief sie lachend. Gerade in dieser selben Stellung hatte er sie einst über den Pallauer Dorfteich gefahren; aber hier hatte man doch keine glatte Eisfläche unter den Sohlen.

»Zu viel ...«

Wolf ließ los. Fast in demselben Augenblick stolperte Anna über eine Wurzel und fiel. Er schrie auf. Schon war er neben ihr am Boden. Er hob sie auf, er beachtete gar nicht ihr: »Laß doch ...«

Er nahm sie in seine Arme. »Laß doch!« sagte sie, »es ist ja nichts. Man fällt wohl einmal.«

»Nein ...« murmelte er, »was man immer gleich für einen Schreck um euch Weiber hat ...«

Sie entwand sich ihm nun nachdrücklich.

»Kannst du auch stehen? Hast du dir nichts getan? Nicht am Fuß? Nicht am Knie?«

Er hockte schon wieder und umfaßte schon ihren Fuß oberhalb des Knöchels. Aber ebenso rasch ließ er los ...

Sie waren ja keine Kinder mehr – wie damals – als er ihr einmal mit seinem Taschentuch den Fuß verbunden hatte. –

Der seltsame Schreck, der ihn durchflog, als er sekundenlang ihren Fußknöchel erfaßte – der bedeutete gewiß: heut' schickt sich das nicht mehr.

Noch vor ihr kniend, sah er zu ihr empor und fragte mit sonderbar heiserer Stimme: »Hast du wirklich keine Schmerzen?«

»Nicht die mindesten,« sprach sie langsam.

Sie sah sein blaues Auge so sonderbar leuchten – sah die Verstörung in diesem offenen, männlichen jungen Gesicht ...

Und sie begriff, daß er sie liebte!

Ihr Herz begann rasend zu klopfen. »Komm,« sagte sie und fuhr im Aufstieg fort – obschon das Herzklopfen ihr fast den Atem nahm. Er liebte sie! Und ganz gewiß, er hatte selbst nicht die mindeste Erkenntnis davon. Sonst wäre er schon geflohen – sonst würde er fliehen. Das wußte Anna. Dieses große Kind würde sich schuldbefleckt vorkommen und einem Verbrecher gleich ihr und ihres Gatten Antlitz meiden.

Das durfte nicht sein. Wolf durfte nicht begreifen, was das war; er mußte in Unkenntnis bleiben über die Natur seiner Empfindungen. Anna wollte ihn nicht verlieren. Ein ihr so ganz und gar ergebener Mann wie Wolf konnte ihr jederzeit Werkzeug sein.

Wer vermochte in die Zukunft zu sehen ... treue Herzen kann man brauchen!

Ah – das war das Leben mit seinen Komplikationen! Nun stand sie darin! Nun war es schon erfüllt von zahlreichen Verknüpfungen, die Spannung und heimliche Erregung brachten ...

Als es doch notwendig wurde, einmal einige Minuten zu ruhen, sagte sie, mit Atem ringend, harmlos lachend: »Ob wir wohl rechtzeitig kommen? Herr v. Reinbeck ist einer von denen, die es so genießen, wenn sie recht behalten. Und dann ist er so schadenfroh.«

Wolf sah nach der Uhr.

»Ich glaube doch. Wir sind aber auch nicht schlecht gerannt.«

Sie sah es, seine Erregung hatte sich gelegt, und sie hatte kein Selbsterkennen geboren. Gottlob ...!

Und sie stiegen weiter aufwärts durch den sonnendurchwärmten Frühlingswald. Das blaue rauschende Meer blieb unter ihnen zurück, und der blaue, lachende Himmel schien in immer fernere Höhen zu entweichen, im Maße wie sie selbst emporkletterten.

Als sie oben ankamen, hörten sie schon die Stimmen der übrigen Gesellschaft, die nun auch gerade aus dem Wald kam und den Platz betrat, auf dem die Gebäude der Wirtschaft von Stubbenkammer lagen.

Auch die andern waren, je mehr sie sich ihrem Ziele näherten, desto lebhafter von dem Ehrgeiz erfaßt worden, Herrn v. Reinbeck nicht recht bekommen zu lassen, und hatten sich in der törichsten Weise geeilt.

Nun standen alle heiß und lachend vor Herrn v. Reinbeck, der schadenfroh mit der Uhr in der Hand feststellte, daß er doch recht bekommen habe; denn es wären zehn Minuten über die Zeit. Hiervon war er offensichtlich sehr befriedigt. Aber die Spaziergänger waren sehr beruhigt, daß es sich nur um zehn Minuten handelte.

In bester Laune gingen alle in den Restaurationssaal.

»Kind, du bist so erhitzt,« sagte Graf Burchard liebevoll, »ich war beständig in Sorge um dich, seit du mir entschwandest. Denk' doch an deine Neuralgie!«

All das herrische Hochgefühl, in dem Anna eben noch geschwelgt hatte, losch aus. Abermals drückte die Beschämung sie nieder. Und das war ein unerträgliches Gefühl.

Lieber nicht lügen ... dachte sie.

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