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Anna Steinhofer

Margarethe von Sydow: Anna Steinhofer - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorMargarethe von Sydow
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik ? Achter Band
titleAnna Steinhofer
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeAchter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081029
projectid225b9cd4
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I.

Wenn man auf der gemauerten Terrasse der Westernburg steht, sieht man über den waldigen, sanft abfallenden Hang hinunter auf die roten Ziegeldächer und die grün schillernden Kirchtürme der kleinen Stadt. Die Stadt liegt in dem schmalen, wiesenreichen Talgrunde, und durch das Tal rollt die muntere Lahn ihre glitzernden Wellen. Man kann ihrem eiligen Lauf nur auf eine kurze Strecke mit den Augen folgen, denn sie windet sich in unendlichen Krümmungen durch die niedrigen Höhen der hessischen Waldberge. – Vor der Stadt, da wo die alten Tortürme noch stehen geblieben sind, schwingt sich eine steinerne Fahrbrücke über den Fluß. Die Straße, die, aus der Stadt kommend, hinüberführt, teilt sich drüben in zwei Wege. Der eine führt in den Wiesen entlang, stromabwärts. Der andere geht geradeaus und verliert sich ansteigend im Walde. Da drüben ist der Wald am dichtesten, hier und da von kahlen Felsnasen durchbrochen, und die gewölbten Kuppen am höchsten. Auf der vordersten erhebt sich das alte, feste Schloß Runkelstein. Es gehört einem fürstlichen Geschlecht und blickt mit hoheitsvoller Miene auf das Tal und die Stadt und die bescheidenere Westernburg hernieder.

Es ist Sommer. Der Himmel ist blau, die Wellen der Lahn funkeln und blitzen im Sonnenlicht. Es duftet nach Heu und Kiefernadeln, auf denen die Sonne brütet. Aus dem Tal herauf klingt das Lachen und Singen der Mäher, das Wetzen der Sensen, das Knallen der Peitschen, mit denen die Pferde vor dem hochbeladenen Heuwagen angetrieben werden – gerade so, wie es heute – hundert Jahre später – auch noch klingt.

Auf der Terrasse der Westernburg steht eine Linde; sie ist mit zahllosen Blüten besät, und das Volk der Bienen summt in den duftenden Zweigen. Unter der Linde steht ein Tisch, der mit einem weißen Tuch von schimmerndem Gespinst bedeckt ist. Darauf steht eine Schale mit Waldbeeren, ein Krug mit Wein, Gläser und Teller.

Um den Tisch sitzen auf bequemen, rohrgeflochtenen Sesseln fünf Menschen.

Der Älteste und Würdigste unter ihnen ist der Herr des Hauses, der Graf Reinhard Westernburg. Er hat einen grauen Vollbart, ein edles, energisches, freundliches Gesicht mit hellblickenden, blauen Augen. Seine Kleidung ist eine leichte Jägerjoppe, eine stramm sitzende Lederhose und große bequeme Stiefel. Er ist seit zehn Jahren Witwer. Die Stelle der Hausfrau vertritt, seit sie vor fünf Wintern in den Kreis der Erwachsenen eintrat, seine einzige Tochter.

Griseldis sitzt neben ihm und arbeitet an einer feinen Stickerei – ein Stück Seide, das straff über einen Rahmen gespannt ist und das sie mit Blumen aus Goldfäden verziert. Sie ist sehr reich und kostbar gekleidet und hat eine selbstbewußte, befehlende Haltung; gemessene Bewegungen, weiße, zarte Hände, ein wohlgebildetes, sehr fest gezeichnetes Gesicht und kühle, klare, aber auffallend seelenlose Augen. Sie ist geboren um zu herrschen, zu repräsentieren, besonnen zu denken und rücksichtslos zu handeln. Sie steht dem großen Hauswesen mit Geschick und Umsicht vor, sie ist im ganzen Lande bekannt für ihre Schönheit, ihren Geist, ihre schönen Kleider und ihre reiche Mitgift. Sie verbreitet sehr viel Glanz und blendendes Licht. Aber ein Licht, das keine Wärme hat.

Der Jüngling im bunten Waffenrock ist ihr einziger Bruder, nur weniges älter denn sie. Er ist Fähnrich in einem hessischen Dragonerregiment und für ein paar Urlaubstage hier. Ein ritterlicher Knabe mit treuem, redlichem Sinn und einem einfachen, ehrlichen Herzen. Welt und Leben stehen ihm offen, und der Himmel hängt ihm voller Geigen. Er lebt sorgenlos in den Tag hinein, fragt und denkt nicht viel, und kennt das Dasein nur von der sonnigen Seite. Er wird seine Jugend genießen in der bevorzugten Stellung, die seine Geburt ihm sichert, und einst das väterliche Erbe antreten und ebenso frei und ungestört dort walten, wie bis heut' und hoffentlich noch lange sein Vater tut.

Zwischen Bruder und Schwester sitzt der Runkelsteiner. Er ist dreißig Jahre alt und seit wenigen Monden unumschränkter Gebieter in seinem Schloß und in dem Lande, das dazugehört. So lange hatte er sich in der Welt herumgetrieben und nach der Heimat nichts gefragt. Nun waren ihm Vater und Mutter schnell hintereinander gestorben und er war zurückgekehrt. – Er ist ein echtes Fürstenkind. Schön und groß gewachsen, mit einem geschmeidigen, kraftvollen Leibe, einem stolzgetragenen Kopf und einem sorglos entschlossenen Auftreten. Das königliche Blut, das in seinen Adern fließt, nährt einen herrischen, aufbrausenden, ungestümen Sinn und strömt zusammen in einem leidenschaftlichen, heiß empfindenden Herzen. Er ist wild und heftig im Zorn – hingebend und gut im Lieben. Sein Temperament steigert jedes Gefühl zu schmerzhafter Intensivität. Leidenschaftlich glücklich – oder leidenschaftlich unglücklich; mit rücksichtsloser Gewalt seinen Willen durchsetzend; mit alles niederwerfendem Ungestüm seinem raschen Fühlen folgend. Immer in Flammen – sei es vernichtend oder erschaffend. Fähig, immer nur eins zu denken, zu wollen und zu tun – aber das eine mit Hingabe aller Seelen- und Körperkräfte. Heftig, wahrhaftig, ideal und großherzig. Einer von denen, die entweder sehr gut oder sehr schlecht sind. Stark persönlich – nicht imstande, etwas von dem eigenen, stark ausgeprägten Ich zu opfern. Stark sinnlich, der Wirklichkeit lebend, des äußeren Eindrucks benötigend, um den inneren zu empfangen. Einer von den Erringenden, die vorwärts kommen, weil sie sich alles unterwerfen, im Gegensatz zu den Entsagenden, die allem ausweichen. Befähigt, Großes zu leisten, wo seine Natur ihre Lebensbedingungen fand. Flügellahm, finster und machtlos, wenn die kleinen Widerwärtigkeiten sich wie Bleigewichte an die Flügel seiner Seele hängen.

Einer von denen, die nur eine selbstlose oder eine geniale Frau brauchen können, aber an Engherzigkeit und Kälte elend zugrunde gehen.

Er war als Kind und Jüngling nie auf der Westernburg gewesen, denn Ehrenreich war mehrere Jahre jünger. Als Mann und Nachbar war er gekommen, das alte gute Einvernehmen zwischen hüben und drüben von neuem zu knüpfen. Aus dem Nachbarn aber war gar bald ein Freier geworden.

Griseldis machte einen großen Eindruck auf das schönheitsdurstige Auge des mit allen Spielarten weiblichen Wesens übersättigten Weltmannes. Sie erschien ihm einzig würdig, sein Fürstendiadem auf dem stolzen blonden Haupte zu tragen, die Ehre seiner Familie und den Glanz seines Geschlechtes zu voller Blüte zu bringen. Sie war klug, kühl, besonnen und vornehm. Sie würde ihn nie mit Sentimentalität langweilen, mit weiblicher Ängstlichkeit und Kleinlichkeit quälen. Er würde mit ihr glänzen in der Welt, sie würde ihm eine Häuslichkeit nach seinem Geschmack einrichten. Sie würde ihm schöne fürstliche Kinder schenken. Ihre schöne Gestalt und ihr großartiges Gebaren berauschten und reizten ihn, er wünschte sie zu besitzen, und sein Wunsch wurde leidenschaftlicher Wille.

Ein wenig seitwärts, um eines Schrittes Breite von den anderen getrennt, sitzt Anna Steinhofer.

Sie trägt die einfache, schlichte Tracht der Bürgermädchen in den Städten – ein glattes, hellblaues Leinenkleid mit weißen Säumen und einem breiten, gestickten Gürtelband. Auf den goldbraunen schlichtgescheitelten Haaren liegt ein hellblaues Seidenmützchen, das nur den oberen Hinterkopf bedeckt, die Ohren freiläßt und nach vorn spitz zuläuft. Es gibt dem jungen Gesicht etwas unendlich Sanftes und Frommes. – Sie sitzt und stickt Hauswäsche und sieht aus, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan und könne auch nichts anderes tun. Sie schweigt meist zu der Unterhaltung der andern und sieht kaum von der Arbeit auf. Man kümmerte sich nicht viel um sie. Griseldis war heut' der Mittelpunkt der Unterhaltung und des Interesses.

Nur der junge Ehrenreich richtete dann und wann das Wort an sie, und sein Gesicht strahlte in kindlichem Vergnügen, wenn sie ihm so freundlich und anmutig antwortete.

Der Fürst war heut' nur zu einem kurzen Besuch gekommen. Während man noch unter der Linde saß, wurde hinten im Hof sein Pferd vorgeführt. Er erhob sich und nahm Abschied. Mit dem Grafen tauschte er höfliche Worte, mit Ehrenreich kameradschaftlichen Händedruck. Griseldis küßte er ritterlich die weißen Fingerspitzen und sah ihr tief in die Augen dabei. Dann wollte er auch von Anna Abschied nehmen. Aber die war nicht zu sehen. Da ging er ohnedem. Ehrenreich begleitete ihn und half ihm aufsteigen. Griseldis ging an den Rand der Terrasse, um ihm zu winken, wenn er unten vorbeikommen würde.

Da kam Anna mit ihrem schwebenden Gang aus einer Seitentür des Hauses wieder heraus. Sie hatte ihren Flickkorb fortgetragen und schickte sich an, Gläser und Teller abzuräumen. Der alte Graf stand dabei, die Hände in den Taschen seiner Joppe, und sah ihr nachdenklich zu.

»Anna,« sagte er mit gedämpfter Stimme, so daß die abseits in der Brüstung stehende Tochter es nicht hören konnte – »Anna, mich dünkt, wir haben bald eine Braut im Hause!?«

»Ich glaube es auch,« sagte sie, ohne ihre Beschäftigung zu unterbrechen.

»Es wäre gut so,« fuhr der Graf nachdenklich, wie im Selbstgespräch fort, und sah gerührt nach der Tochter hin; »ich könnte mir nichts Besseres und Lieberes denken.«

Darauf hatte Anna Steinhofer nichts zu erwidern.

»Es wäre überhaupt gut, wenn sie heiratete,« begann er noch einmal, während der Huftritt von des Fürsten Pferd auf dem gepflasterten Wege erklang, der um das Schloß herum, unter der Terrasse vorbeiführte. »Ich glaube, sie kommt nicht auf ihre Rechnung in unserem weltabgeschiedenen Dasein. Ich weiß wohl auch nicht recht, wie man mit einer erwachsenen Tochter umgeht. Ich bin nicht mehr frisch genug – bin zu alt. Karl Friedrich und seine Lebensstellung wären das Rechte für sie.«

Anna Steinhofer warf ihm einen schnellen, forschenden Blick zu. In diesem Blick zuckte es wie ein schlagendes Wetter in einem tiefen Schacht. Wer das sah, mußte wissen, daß Anna noch etwas anderes war als sanft und gut.

Griseldis winkte indessen dem Davonreitenden mit ihrem seidenen Tüchlein und nickte vornehm ruhig mit dem Kopf. Dann wandte sie sich zu dem Tisch unter der Linde zurück, streifte Anna Steinhofer mit einem gleichgültigen Blick und sagte zum Vater:

»Was wird aus unserem Gang in den Wald? Ich dächte, wir hätten noch Zeit.« Der alte Graf fuhr aus tiefem Sinnen auf und nickte.

»Gewiß, mein Kind, wir wollen gehen. Kommst du auch mit, Ehrenreich?« wandte er sich an den eben Zurückkehrenden.

Ehrenreich nickte, schien aber an andere Dinge zu denken. Er hielt die eine Hand auf den Rücken und näherte sich schnell und behend von hinten dem Mädchen mit der blauen Mütze und den fleißigen Händen. Als er dicht herangekommen war, hob er blitzschnell die verborgene Hand. Sie hielt einen blütenbedeckten Heiderosenzweig, dessen beide Enden von einem Grashalm zum Kranz zusammengehalten wurden. Den setzte er geschickt der Ahnungslosen auf den Kopf und trat schnell zurück.

Anna wandte sich betroffen um, griff nach oben und nahm das unbekannte Ding herunter. Als sie es erkannte, wurde sie rot; sie sah den Jüngling an, ihr Mund lächelte, aber ihren Augen schien das Weinen nahe. Sie wußte nichts zu sagen, und sah ratlos bald den Kranz und bald den Spender an. Ehrenreich hatte die Arme in die Seite gestemmt und weidete sich an ihrer Verlegenheit, die er sich zu seinen Gunsten auslegen mochte, denn sein ganzes Gesicht strahlte. Der alte Graf sah stillvergnügt von einem zum andern. Griseldis lachte höhnisch auf und sagte:

»Du bist ja recht freigebig mit deinen Gunstbezeugungen, Bruderherz, daß dir's nicht mehr genügt, sie an deinesgleichen zu verschwenden!« Sie beachtete nicht des Vaters erschrockenen, strafenden Blick und begann ihre Stickerei zusammenzuraffen. Ehrenreich wurde blaß vor Ärger. Anna wurde noch röter.

»Nehmt Euren Kranz zurück, Junker,« sagte sie; »ich danke Euch für Eure Freundlichkeit, aber es ist besser, ich trage ihn nicht.« Sie hielt ihn ihm hin – er wandte sich schroff ab. Sie stand unschlüssig.

Plötzlich hob sie sich auf die Zehen und hing ihn im Gezweig der Linde auf, wo die rosenroten Blüten lieblich von dem tiefgrünen Laube abstachen.

»Da mag er bleiben,« sagte sie, »da können wir alle ihn sehen und uns daran freuen.«

Ehrenreich sah das Mädchen bewundernd und begeistert an:

»Griseldis,« sagte er dann scharf, »ich habe mir schon oft überlegt, wer von euch beiden die Vornehmere sei. Jetzt weiß ich es.« Ein peinliches Schweigen trat ein. Annas feines Gesicht zuckte, sie merkte nicht, wie des alten Grafen Blicke sie schüchtern zu liebkosen schienen.

»So, und nun wollten wir ja wohl spazieren gehen,« sagte Ehrenreich, als sei nichts vorgefallen. »Ihr kommt doch mit, Anna?« und seine Miene schien es zu verlangen.

»Nein, ich kann heut' nicht,« sagte sie sanft und fest; »es werden heut' Zuckerfrüchte eingekocht, und das kann ich den Leuten nicht ganz überlassen.« Es war ihm gar nicht recht; aber er widersprach nicht. – Sie gingen; Griseldis rauschte voran, er folgte mit dem Vater. Vor dem Tore holte er sie ein.

»Es ist nicht sein,« sagte er schnell, »wie du mit Anna umgehst. Könntest du ihr nicht ihre Arbeit für heut' abnehmen?«

»Es ist ihres Amtes,« sagte sie achselzuckend.

»Du behandelst sie wie eine Magd!« fuhr er empört auf.

»Was ist sie denn anders?« fragte sie kühl, »und was geht es dich an?«

»Griseldis ...« wollte er losbrechen –

»Kinder, zankt euch nicht!« sagte der alte Graf streng.

Er kannte diese Streitereien zwischen den Geschwistern. Sie schwiegen, aber sie mieden einander. Anna Steinhofer trug das Geschirr ins Haus und ging in die Küche. – Nach einer guten Stunde trat sie aus dem Wirtschaftsflügel ins Freie. Sie sah erhitzt und müde aus. Von der Brüstung der Terrasse schaute sie ins Tal hinunter und nach dem Wald hinüber, ob die Spaziergänger noch nicht zurückkämen. Es war niemand zu sehen.

Da setzte sie sich auf einen steinernen Schemel, stützte den Kopf auf den Mauerrand und wartete.

Es dunkelte schon, der Abendstern flimmerte über den schwarzen Waldbergen, hoch über den Zinnen von Runkelstein. Ein kühler Hauch wehte von dort herüber, spielte mit dem Heiderosenkranz in den Lindenzweigen und kühlte Anna Steinhofers heißes Gesicht. Sie atmete durstig die Kühlung ein.

Anna war eine Waise. Vater und Mutter waren ihr an einer bösen Krankheit gestorben, so früh, daß ihr keinerlei Erinnerung an sie geblieben war.

Als kleines Kind war sie in das Haus ihres Oheims gekommen, der unten in der Stadt der reichste und angesehenste der Kaufleute war. Er und sein treues und gutes Eheweib hatten dem Kinde das verlorene Vaterhaus wiedergegeben. Aber sie waren jung verheiratet gewesen, als sie Anna aufnahmen. Nun mehrten sich jährlich die eigenen Kinder, Arbeit und Sorge nahmen zu, der Platz nahm ab. Sie hätten es trotzdem einzurichten gewußt, denn Anna war ihnen von Herzen lieb.

Da hieß es eines Tages, auf der Westernburg werde eine Pflegeschwester für das einzige Töchterlein gesucht. Auch jetzt noch dachten sie kaum daran, daß Anna diese Pflegeschwester werden könne. Da kam die Gräfin selber zu ihnen.

Sie hatte von dem Kindersegen im Steinhoferschen Hause gehört und daß sich zu den eigenen noch ein fremdes gesellt habe. Und weiter, daß dies fremde Kind ein überaus liebliches, gutes und kluges Mägdlein sei und ebenso alt wie ihre Tochter. Da ging sie hinunter und sah sich das Mägdlein an und gewann es lieb. Sie bat, man möchte es ihr geben, sie wolle es halten wie ihr eigen Kind.

Anna war zwölf Jahre alt, als sie auf die Westernburg kam. Sie fühlte sich bald heimisch; sie freute sich des Wohllebens, das sie umgab, und blühte auf wie eine Rose am Sommertag. Alle hatten sie lieb, vom Grafen herunter bis zum Küchenjungen, denn sie war holdselig und bescheiden und übte nur einen einzigen Zwang aus – das war der Zwang ihrer herzensreinen Sammetaugen, mit denen sie jedermann freundlich ansah, und um derentwillen man sie lieben mußte.

Nur eine liebte sie nicht, weil sie es nicht wollte – das war Griseldis. Sie betrachtete das Waisenkind als einen Eindringling in ihr Reich, in ihr Eigentum und in ihre Rechte. Sie wollte die Erste und Einzige sein und bleiben. Sie erzwang sich das äußerlich, denn sie war herrisch und drängte sich überall hervor, und Anna trat gern zurück; einmal aus angeborener Bescheidenheit, und dann, weil sie wohl wußte, daß sie hier keine Rechte hatte, sondern nur Güte genoß. In der Liebe des ganzen Hauses aber wurde leise und unmerklich Anna Steinhofer die Erste; selbst der Graf und seine Gemahlin, wenn auch die Elternliebe dieselbe blieb, konnten sich der Einsicht nicht verschließen, daß Anna die liebenswertere der beiden Mädchen sei. Griseldis fühlte das, je mehr, je älter sie wurde. Sie fühlte, daß sie mit ihrer Schönheit und ihrem großartigen Wesen nie erreichen würde, was Anna mit ihrer Lieblichkeit und Einfachheit erreichte. Sie grollte der Gespielin darum, und je länger, je mehr baute ihr Neid eine Scheidewand zwischen ihren Herzen.

Äußerlich lebten sie ganz gut nebeneinander, denn Griseldis wagte nicht, ihre Gefühle in offene Feindschaft ausarten zu lassen. Aber innerlich standen sie einander fremd gegenüber. Sie wollte es nicht anders.

Anna versuchte jahrelang immer wieder, mit ihrer unversiegbaren Herzenswärme das Eis zu schmelzen, mit dem Griseldis sich umgab. Sie versuchte es aus Dankbarkeit gegen ihre Wohltäter, und weil ihr das Mädchen mit dem mißgünstigen, hochmütigen Gemüt leid tat. Es nützte nichts. Da hatte sie es endlich aufgegeben und tat, als bemerke sie es nicht.

Fünf Jahre waren so hingegangen. Niemand konnte sich die Westernburg ohne Anna Steinhofer denken.

Da starb die Gräfin.

Nun wurde Griseldis Herrin des Hauses und Gefährtin ihres Vaters. Sie gewann eine große Selbständigkeit, denn der alte Graf verlangte nur in großen Dingen unbedingte Unterwerfung und ließ sie in allen kleinen Dingen machen, was sie wollte.

Griseldis ließ alle im Hause ihre Herrschaft fühlen und legte ihren häufigen Launen keinen Zwang mehr an.

Am meisten ließ sie Anna Steinhofer ihre Überlegenheit empfinden. Sie brachte es mit kleinen Quälereien so weit, daß Anna eines Tages unter Tränen den Grafen bat, sie wieder zu ihren Verwandten heimkehren zu lassen.

Da entlud sich über Griseldis' Haupt ein Ungewitter, und von Annas Fortgehen durfte keine Rede mehr sein. Anna blieb und hatte sogar fortan ein erträglicheres Leben. Denn Griseldis hatte einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, dessen seltene Zornausbrüche um so kräftiger waren. Sie hütete sich, Anna mit Worten oder Handlungen zu verletzen – aber unter der Decke äußerer Höflichkeit glimmte ein unverlöschbarer Haß, der mit der Zeit ein Bestandteil ihres Charakters wurde. Selten nur spritzte ein Funke dieses Hasses auf – das war, wenn, wie vorhin, der Gefährtin eine Behandlung zuteil wurde, die sie auf dieselbe Stufe mit dem Grafenkinde stellte.

Anna Steinhofer tröstete sich endlich über den Mangel an Liebe von dieser Seite. Sie erwog zwar noch eine Weile, ob es nicht lieber doch besser sei, sie ginge, woher sie gekommen war, aber endlich siegten die Vernunft, die ihr die Vorteile ihres gegenwärtigen Lebens vorstellte, und die tiefwurzelnde Anhänglichkeit, die sie im Lauf der Jahre für dieses Haus gewonnen hatte. Sie suchte und fand sich eine zusagende und passende Tätigkeit in dem Getriebe der großen Hauswirtschaft, die ihr Befriedigung und ihrem Dasein auch in ihren Augen Berechtigung verlieh, und Griseldis unterstützte sie um so lieber darin, je mehr sie auf diese Weise ihren Zweck erreichte: Anna von einer Angehörigen der Familie zu einer Angestellten des Hauswesens herabzudrücken. Daß niemand darauf kam, sie je dafür zu halten, lag zumeist daran, daß sie sich nie dagegen wehrte, dafür gehalten zu werden; dann aber auch an der Feinheit und Lieblichkeit ihres Aussehens und ihres Seins.

Anna war jetzt zwanzig Jahre alt. Sie hatte noch keinen Freier gehabt. Drunten bei ihren Verwandten kam sie selten mit Menschen zusammen. Droben auf der Burg lebte man einsam, und die wenigen jungen Männer, die sich hie und da hatten sehen lassen, waren, durch Griseldis Pracht geblendet, für Annas Lieblichkeit blind gewesen. Anna war es sehr lieb, daß sie Griseldis hier nicht ins Gehege kam, was böse hätte endigen können, und trat bei solchen Gelegenheiten geflissentlich in den Hintergrund.

Als im vorigen Winter der Graf seine Tochter an den kleinen Hof des Landes geführt hatte, war Anna auf eigenen Wunsch zurückgeblieben und hatte die verlassene Burg gehütet. Als Griseldis heimkam, war sie angeregt und ungewöhnlich freundlich und erzählte viel von ihren Triumphen. Und Anna war eine freundliche Zuhörerin. Griseldis erzählte auch, daß sie am Hofe den Runkelsteiner kennen gelernt und daß er seinen Besuch versprochen habe, wenn er mit Frühlingsanfang seinen dauernden Wohnsitz im Tal der Lahn aufschlagen werde. Er hatte Wort gehalten, und bald darauf Griseldis die ersten Veilchen gebracht.

Annas Augen richteten sich nachdenklich auf den schaukelnden Rosenkranz. Ehrenreich war ein Knabe im Vergleich zu dem reifen, ernsten Mädchen. Aber der Knabe hatte eine glühende Schwärmerei für sie, und Anna war manchmal voll Bangen, daß Ernstes daraus werden könne.

Es wäre ihr sehr unangenehm gewesen, und was den frischen, warmherzigen Jüngling anbetraf, sogar schmerzlich. Es hätte ja nie etwas daraus kommen können – selbst dann nicht, wenn der alte Graf auf eine adelig geborene Schwiegertochter verzichten würde.

Anna Steinhofer seufzte leise und sah von dem rosigen Fleck, zu dem in der zunehmenden Dämmerung der Heidezweig verschwamm, wieder auf den Weg hinunter. Kamen sie immer noch nicht?

Dunkel und stolz ragte der Runkelstein in den klaren Abendhimmel. Im rechten Flügel blitzte ein Licht auf, wanderte bis in die Mitte des mächtigen Gebäudes – sie sah es in allen Fenstern aufblitzen, der Reihe nach, bis es endlich stehen blieb; es blitzte und strahlte viel heller wie der Abendstern, der hoch darüber stand.

»Nun?« fragte plötzlich jemand und legte ihr die Hand flüchtig auf den Nacken. Anna schrak zusammen, denn sie hatte Griseldis nicht kommen hören.

»Seid ihr heimgekehrt?« fragte sie wie jemand, den man aus festem Schlafe erweckt.

»Wie du siehst,« klang es scharf zurück, »aber du scheinst weit fort zu sein – wenigstens mit deinen Gedanken. Der Abendtisch wartet, wir sind hungrig vom Gehen, und du hast den Schlüssel zur Vorratskammer. Woran denkst du denn hier so allein?«

Es klang mehr mißtrauend, als teilnehmend.

Anna Steinhofer zögerte mit der Antwort; dann sah sie mit ihren reinen Augen zu der hohen Stolzen auf und sagte:

»Ich dachte an dich, Griseldis.«

Die lachte kurz auf.

»Sehr freundlich – und womit beschäftige ich denn deine Gedanken?«

Anna sah sie unverwandt an, und Griseldis konnte den Blick nicht recht aushalten und sah zur Seite – nach dem Runkelstein hinüber.

Anna Steinhofer aber fragte:

»Ich möchte wissen, Griseldis, ob du den Fürsten lieb hast.« Ein verräterisches Zucken lief über das kalte Gesicht – ein haßfunkelnder, schadenfroher Blick traf flüchtig das klare, ruhige Mädchenantlitz, das so weiß zu ihr heraufschimmerte.

»Was geht es dich an,« erwiderte sie hochfahrend und ihre Miene wurde eisig und unnahbar. Aber Anna ließ nicht ab.

»Es geht mich nur insofern an, als meine Teilnahme an allem, was dies Haus betrifft, mir ein Recht dazu gibt. Ich weiß, daß der Fürst dich zum Weibe begehren wird, und ich weiß, daß du dich ihm geben wirst. Nun sage mir nur noch, ob du ihn liebst.« In Angst zitterte ihre Stimme, wie ein bedrohtes Vögelchen zittert,

»Wenn du weißt, daß ich seine Werbung erhören werde,« erwiderte Griseldis kalt und abweisend, »was fragst du dann noch weiter? Wenn du weißt, daß ich ihn heiraten will – was geht es dich dann noch an, ob ich ihn liebe? – Und nun komm – oder gib mir die Schlüssel, wenn du noch länger hier sitzen und über mich nachdenken willst!« schloß sie ungeduldig.

»Nein nein – ich komme schon!« erwiderte Anna ganz geistesabwesend, und erhob sich auch. Als aber Griseldis sich rasch entfernte, blieb sie einen Augenblick stehen und fuhr sich mit beiden Händen an die Stirn.

»Sie will eine Sünde tun, und ich kann es nicht hindern,« murmelte sie. Und dann faltete sie die Hände und hob das blaß gewordene Gesicht zum Himmel auf.

»Herr, dein Wille geschehe!« flüsterte sie inbrünstig und setzte erschauernd hinzu: »und führe mich nicht in Versuchung.« Dann griff sie nach dem Schlüsselbund im Gürtel und folgte entschlossen der andern ins Haus.

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