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Michael Georg Conrad: Anna-Mia - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorMichael Georg Conrad
booktitleNeuland
titleAnna-Mia
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090416
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Michael Georg Conrad

Anna-Mia

Aus einer fränkischen Dorfgeschichte

Wie viel Uhr wohl?

Der Schatten vom Galgenholz fiel herüber auf seinen Acker. Die Sonne mußte also schon tief stehen.

Er war so weit vom Dorfe weg, und die Flur vertiefte sich hier so sehr zu Mulden, daß kein Glockenschlag zu hören war.

Vielleicht noch zehn bis zwölf Furchen waren im zähen braunen Boden zu ziehen, dann konnte er Feierabend machen, der alte Sebastian.

Ermüdender als je dünkte ihm heute die Arbeit in der Luft des Vorfrühlings, die lau anschlug und doch mit Schauern über die Haut ging, sobald die Hand den Pflug ließ und das Zweigespann von Ochs und Kuh stehen blieb, bei der Umkehr und mitten in der Furche, wenn nicht ein Ruck am Leitseil oder ein Schlag mit der Peitsche zum Gehen mahnte.

Es reimte sich heut überhaupt nichts zusammen, daß es dem alten Sebastian hätte behaglich werden mögen.

Nicht einmal die Furchen legten sich regelrecht nebeneinander. Und der Bodengeruch taugte nichts, er war stockig und muffig, wie von verfaulten Wurzeln, und was vom Galgenholz mit dem niedrigen verwilderten Eichenbestand am Rand und den grämlichen Föhren im erhöhten Hintergrund herüberwehte, war auch keine Prise Schnupftabak wert. Natürlich mußte Sebastian zu allem Elend seine Dose vergessen haben.

Nichts ging zusammen heut. Mensch und Vieh und Landschaft, eins verdrossener als das andere, und der Himmel machte ein Gesicht wie einer, der nicht lachen und nicht weinen kann.

Aber das Schlimmste ist – das war dem alten Sebastian seine feste Überzeugung – daß alles nur von den Gedanken kommt, mit denen man nicht fertig wird. Da bekommt alles ein elendes Gesicht und einen schlechten Geruch.

Sobald man mit den Gedanken fertig wird, ist's gleich anders. Aber meistens wird man damit nicht fertig. Je älter man wird, desto weniger. Und heut erst recht nicht, in dem miserablen Trichter am Galgenholz. Nichts vermochte er zu denken als die Gedanken seiner Anna-Mia.

»Hot hü!«

Die Kuh wurde unwillig, sie fuhr mit dem Kopf hin und her, bohrte mit den krummen Hörnern in der Luft herum, und der Ochs mochte auch nicht mehr.

»Seid g'scheit, die paar Furch' no'.«

Das Zureden schien zu helfen. Die halbe Ackerlänge ging's im trägen, gleichmäßigen Schritt. Da hielt Sebastian selber an und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. Dann schneuzte er sich ärgerlich und machte ein dummes Gesicht.

»Alles kommt von den Gedanken.«

Aber von wem kommen die Gedanken? Von der Anna-Mia.

»Hot hü!«

Der Schatten vom Galgenholz legte sich jetzt über die ganze Mulde, in der Sebastian auf- und abackerte, mühsam, in schwerem Sinnen. Die Mulde, wellenförmig gehügelt zwischen den hochsteigenden Rändern, nannte er drum seinen Trichter.

»Herrgott, es wird Nacht und wir kommen nicht aus dem Trichter 'raus. Vorwärts, Bläß'! Seid g'scheit, die paar Furch' no'. Morgen wird nit eing'spannt, da habt ihr Ruh.«

Wie's das Vieh gut hat, das hat keine Gedanken. Und keinen Pater Anselm, der zur Mission kommt, morgen. Und keine Anna-Mia, die immer da ist, zeitlebens.

»Hot hü!«

Natürlich müssen jetzt die Kracken im Galgenholz zu krähen und kreischen anfangen, damit die Musik zum Feierabend nicht fehlt.

»Und wenn der Anselm kommt und predigt, dann ist's ganz aus mit der Anna-Mia. Meinetweg'n. Da ist nix zu ändern. Was kommen muß, kommt. Was geh'n muß, geht. Öha, öha, Bläß'!«

Früher war er anderer Gesinnung. Keine Spur von der jetzigen Geduld und Ergebung, Und nichts von umständlichen Gedanken, die sich tage- und nächtelang im Gehirn wälzen. Alles kurz angebunden und kurz entschlossen. Wer einem das Leben verleidet, der fliegt! Wer sich einem trotzig in den Weg stellt, daß man nicht zum Glück kommen kann, niedertreten! Den Hals brechen, die Beine abschlagen – zum Teufel auch! Fort mit allem, was zuwider ist!

Aber so, in dieser unglaublichen Ehe, mit dem unglaublichen Weibsbild und mit sechzig Jahren auf dem Buckel – – –

»Hot hü!«

Da wird man mürbe wie ein Kirchweihkuchen, gelassen wie Kinderbrei. Ah, es ist ja zum Maulschellieren, aber es ist so. Das kommt von den Gedanken, und die Gedanken kommen von der Anna-Mia. Und die Anna-Mia ist zwar jetzt auch fünfzig, aber die Narrheit macht das Weibsvolk zäh. Das wächst mit seinen Wurzeln um einen herum, wie die Quecken im Acker. Nicht mehr wegzubringen. Zum Ersticken.

Schwarz steht das Galgenholz, schwarz hängt der sternenlose Himmel darüber, ein feuchtschwerer Wind streicht durch die Mulde.

Noch eine Furche, dann ist's bezwungen. Gottlob.

»Seid g'scheit, die eine Furch' no'! Hot hü – hü!«

Nein, der Pater Anselm läßt ihn vollständig kalt.

Vor dreißig Jahren, ja da, wenn er in's Dorf gekommen wär' –

Wie das Kind auf die Welt rutschte, so ohne richtigen Zusammenhang mit allem, damals –

Zur Beschwichtigung aller machte sich das verdächtige Geschöpf bald wieder aus dem Staub.

Dann kam das rechte Kind, sein Kind, sein Sebastian junior, dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Und Frau Anna-Mia verzieht den Mund, am fünften Geburtstag des kleinen Sebastian: »Ja, das ist ein richtiges Kind. O mein', richtige Kinder giebt's g'nug in der Welt, aber richtige Väter nit viel. Die sind dünn g'sät.«

Herrgott gab's ihm einen Stich. Einen mörderischen Stich. Er hätte, Sünde her, Sünde hin – Aber wie er die Hand nach ihr ausstrecken wollte, sah sie ihn mit einem Paar Augen an, so leuchtend in dunkler Glut, so närrisch alles mit Glanz umspinnend – so heiligmäßig zugleich.

»Oha, öha, fertig, aus ist's. Jetzt können wir verschnaufen.«

Und der kleine Sebastian erlebte seinen sechsten Geburtstag nicht. Keins kam mehr nach. So zog sich die Ehe fort, kinderlos, in stetiger Verrücktheit, bis auf den heutigen Tag. So oft Anna-Mia drohte, sich auf den Weg zu machen, oh, sie blieb fest auf dem Posten. Und mit ihr all' die unfaßliche Quälerei.

Nun konnte morgen der Anselm als Missionspater ins Dorf kommen. Die alte Liebe, lächerlich, kein Nagel kann so gut rosten – und das schwarze Gewand, und die Jahre, und die grauen Haare, und die ganze Lächerlichkeit.

Anna-Mia selbst bringt den Namen nicht über die Lippen. Kein Mensch im ganzen Dorf denkt an die alten Geschichten. Äußerlich giebt's kein stilleres Hauswesen in der weiten Umgegend.

Die Verwandten, die sich noch erinnern, wohnen Stunden weit weg. Die haben überhaupt kein Gefühl mehr als das der lachenden Erben, und keine andere Erwartung als die Stunde des Abschnappens, wo sie die Finger ausstrecken können nach des alten Sebastian schön zusammengewachsenem Gut. Er hat was – das ist ihre Wertschätzung.

»In dem Punkt können sie sich schneiden,« sagte Sebastian laut, mit einem boshaften Lächeln. »Vorwärts, hü – jetzt haben wir bald den Stall.«

Endlich war das Tagwerk vollbracht.

Der Pflug schleifte knirschend auf dem holperigen Feldweg, die Anhöhe hinauf, in der dunklen Nachtstille der weiten öden Flur.

Langsam, bedächtig tappten die Tiere. Hintendrein der alte Sebastian, ein wenig gekrümmt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Peitschenstiel durch die Achselhöhle gezogen.

Hinter dem Galgenholz kam der Mond herauf, hell und groß.

Sebastian wandte sich einen Augenblick rückwärts. Hier war ein guter Aussichtspunkt. Rechts vom Galgenholz, tief unten, wo die Sankt Wolfgangssteige verläuft, schimmerte ein Stückchen vom Maine herauf, ganz blaß, aber deutlich, trotz der Entfernung von wenigstens zwei Kilometern. Ein feiner Blick.

Dann ging's wieder weiter, tappend, knirschend, schleifend.

Vom Dorfe her schlug jetzt die Turmuhr, Sebastian zählte nicht, so tief haftete er in seinen Gedanken. In Anna-Mias Gedanken.

»Mich selbst macht sie doch nicht verrückt. Wer's am längsten aushält, lacht zuletzt. Närrische Welt. Hü, Bläß'! Der Anselm kommt! Der Missionsprediger!«

Er lachte laut vor sich hin.

Und plötzlich war ihm, als ob ihre Augen aus dem Dunkel ihm entgegenleuchteten, ihre jungen Augen, glänzend in Glut, unbegreiflich, wie der Blick eines seltsamen Tieres.

Er streckte die Brust vor, tief aufatmend.

Ja, solche Augen, damit konnte sie heute noch einen Heiligen in die Hölle locken. Augen, die klein machen, Augen, die niederschlagen, mörderische Augen.

Zufällig griff seine Hand in die Tasche, wo er das schöne Hirschhornmesser zu tragen pflegte.

»Malefiz, richtig, das liegt noch auf dem Acker, am Grenzstein.«

Und er brummte ärgerlich vor sich hin, mit den ewigen Gedanken vergißt man das Beste. Das schöne Hirschhornmesser muß wieder her.

Da lag sein kleiner, sauberer Hof, am Kreuzweg, hart vor dem Eingang ins Dorf.

Alles totenstill. Kein Fenster beleuchtet.

Die alte, taube Bärbel stand am Hofthor, den verspäteten Bauern zu erwarten. Alles ganz mechanisch, in fünfundzwanzigjähriger Gewohnheit einer hundetreuen Magd, der einzigen, die je im Hause war.

Keinerlei Gruß. Wie gewöhnlich. Man war da, das genügte.

»Ich hab' mein Hirschhornmesser draußen lassen, muß morgen wieder 'naus,« rief er ihr ins Ohr.

Sie nickte, spannte die Tiere aus und geleitete sie in den Stall.

Der Bauer ging ihr nach: »Die Frau, he?«

»Hockt in der Küch' und macht ihr G'sicht.«

Also nichts neues vom Kriegsschauplatz. Nachdem die Bärbel das Vieh gefüttert hatte, brachte sie dem Herrn das Abendessen, geschmälzte Wassersuppe und Kartoffeln mit etwas Butter.

Eine dünne, talgthränende Kerze in einem schmutzigen Blechleuchter beleuchtete den Tisch.

Nachdem Sebastian gegessen und sich mit der Hand den Mund gewischt, ging er noch einmal in den Stall und über den Hof, ob alles in Ordnung, dann suchte er sein Bett auf.

Mittlerweile war Anna-Mia in das ihrige geschlüpft, dem seinigen gegenüber, auf leise Sprech- und Hörweite.

»Ich hab' mein Hirschhornmesser draußen lassen, in Gedanken, muß morgen wieder 'naus. Wär' schad' dafür.«

»Freilich.«

»Wollt' fertig werden und bin auch fertig 'worden.«

»Wirst immer fertig.«

»Morgen ist Feiertag, Anna-Mia.«

»Ja. Da kommen die Sozialdemokraten.«

»Was?«

»Die Sozialdemokraten. Und werfen alles um. Zur Wahl. Wirst sehen, werfen alles um, Ihr seid nix.«

»Anna-Mia, was red'st daher! Mission ist morgen.«

»Rote Mission vorher.«

»Der Pater –.« Den Namen Anselm brachte er nicht aus dem Hals.

»Wir leben heiligmäßig, da giebt's ein selig End', Sebastian.«

»Was weißt du!« machte er unwillig und streckte sich.

»Ich weiß, was ich seh'. Ich seh' alles, wie's kommt und wie's wird. Schwarz und rot.«

»Die alten Sprüch', Anna-Mia. Schlaf' jetzt.«

»Das seh' ich auch im Schlaf. Wie damals, wo ich als zwölfjähriges Kind im Kloster war.«

»Die alte G'schicht, Anna-Mia. Schlaf' jetzt.«

»Im Kloster und totkrank. Um Ostern, wie jetzt. Zwei Tag' vorher haben wir das Zauberglöckle g'spielt. Dann totkrank.« »Und die Klosterfrau sagt' zu dir: Bereit' dich vor auf den Himmel, stirb selig –«

»Und ich, voller Thränen: Ich kann nicht, ich weiß nicht, wie man stirbt, ich hab' noch keinen Menschen sterben sehen –«

»Jawohl, Anna-Mia, und die Klosterfrau wird wild: Gottloses Kind, siehst den Heiland nicht? Hörst seine Stimm' nicht, wie er dich ruft? Willst nicht sterben in seiner Gnad'?«

»Nein, ich will nicht, ich will nicht! Ich seh' nix und hör' nix, oh, oh, oh –«

»Und die Schimpferei geht von vorn' an: Schlechtes Kind, gottloses Kind, du willst nicht? – Aber du bist wieder g'sund 'worden und lebst heut noch. Schlaf' jetzt, Anna-Mia. Morgen ist Mission.«

»Ein Sterbtag, Sebastian. Die Sozialdemokraten werfen alles um.«

Sebastian grinste und zog sich die Bettdecke übers Gesicht. Er mochte nichts mehr sagen. Alles wird bei ihr zur Narretei. Immer anders und doch immer dasselbe. Sein alter Kopf ertrug das nicht mehr.

Aber sie ließ ihm keine Ruhe.

»Du hast viel an mir gesündigt, Sebastian.«

»Ja, weil ich immer denken muß, was du denkst. In alle Ewigkeit, Amen. Schlaf jetzt!«

»Du bist roh, du mordest mich.«

»Mein schönes Hirschhornmesser, wenn ich's nur morgen noch find'.«

»Du mußt zur Mission und zur Beicht', Sebastian.«

»Ich spür' keine Sünd'.«

»Du mußt bereuen, Sebastian.«

»Laß' mir meine Ruh', Anna-Mia, ich hab' nichts Böses zu bereuen, höchstens meine Gutthat.«

»Du bist nie gut mit mir g'wesen.«

»Herrgott – nein, nie. Kannst noch nit schlafen, Anna-Mia? Ich erstick', wenn du kein End' machst.«

»Ja, mein End' wär' dir halt recht, Sebastian.« Er warf sich auf die andere Seite und kehrte ihr den Rücken. Als sie immer noch fort grunste und grämelte, warf er sich plötzlich wieder herum und schrie: »Der schwarz' Kujon kommt!«

Da lachte sie grell auf, daß ihm schauderte, dann ward sie mit einemmal ganz still.

»Schlechter Kerl,« fing sie nach einer Weile wieder an und wälzte sich, daß der Strohsack raschelte.

Sebastian schwieg. Nur sein Atem ging laut und rasselnd.

»Grundschlechter Kerl, Ihr paßt zu den Sozialdemokraten. Die ganze G'mein. Einer wie der ander'. Grundschlecht.«

Jetzt schrie er wieder: »Dein schwarzer Kujon kommt, verstehst mich?«

Nun ging ihr Weinen und Schluchzen an, krampfhaft, in Stößen und Absätzen. Lange so.

Als sie sich wieder gefaßt hatte, fing sie mit schwacher Stimme an, immer noch weinerlich, in kindlich hohem, kreischendem Ton: »Dir nimmt er nix, gar nix. Denn du hast nix, was man dir nehmen könnt'. Was hast denn?«

Nach einer Weile: »Wie meinst, Anna-Mia? Ich hab' nix? Ich hab' mein Haus, mein' Hof, mein Vieh, meine Felder – ich hab' dich – –«

»Mich? Mich? Ja, mich wenn du hätt'st! O du Sebastian!«

»Jawohl, dich – und meine Verwandten – Sach' g'nug. Gut Nacht, Anna-Mia. Ich bin müd'. Herrgott –!«

Jetzt schlief er ein. Das letzte, was ihm durch's Bewußtsein zog, war der Gedanke, daß er diesmal sicher den Sozialdemokraten wählen werde, denn die werfen alles um, auch die Weiber und Weibergeschichten – und das war vorläufig die Hauptsache.

Und nun schnarchte er schon.

Anna-Mia stieg scheu aus ihrem Bett, tastete sich durch die Stube ans Fenster, öffnete den Flügel und streckte den Kopf hinaus. Bald stierte sie auf den Misthaufen der Dungstätte, bald hinauf ins Gefunkel der Sterne, die unabsehbar den Himmel bedeckten.

»Morgen wird's ernst, g'wiß. Erst 'nunter, dann 'nauf. In die ewige Ruh'. Zu meinen Kindern.«

Ihr Kopf sank aufs Fensterbrett.

So lag er lange, mit geschlossenen Augen, während der Geist ruhelos in alle Fernen irrte, der Leib wie tot.

In weiten Kreisen, sausend, kam der Geist wieder zurück, immer näher, langsamer, bis er eine Linie fand, darauf Anna-Mia sich mit körperlicher Deutlichkeit hinwandeln sah. Die Linie des Weges am Galgenholz vorüber, die Sankt Wolfgangssteige hinab, an den Main. Wohl zehnmal schritt sie jetzt mit dem Geist diesen Weg, immer hinwärts, bis an den Main, nie zurück, immer gradaus, mit unverwandtem Blick. Bis an den Main, so nah', daß ihre Füße jetzt schon das Wasser spürten, das leise fließende, plätschernde, lockende Wasser. Von dem Haus bis an den Main, ganz allein zuerst, auf einsamem Weg, in menschenleerer Welt. Und sie sah sich nach, sie sah sich vom Rücken, sie sah sich gehen, Schritt für Schritt, ohne Anhalten, ohne Eile, mit der unveränderlichen Sicherheit der Bewegung zu einem festen Ziel. Und wie sie sich so nachsah, gewahrte sie, mit wachsender Schärfe ihres Blickes, erst schattenhaft, dann immer bestimmter, zuletzt in lebendiger Körperlichkeit, eine dunkle Gestalt an der Seite der Dahinschreitenden. Eine geheimnisvolle Gestalt, menschlich und doch unirdisch, an die Wandernde sich eng anschließend, den Arm um sie schmiegend, in gleichem Schritt und Tritt, unzertrennlich. Der Tod! Hu, wie eisig kalt! Nein, nein – Anselmus! Und wie sie im Wasser versinkt, fühlt sie auf ihrem Kopf den Druck seiner Hand, segnend, sanft, aber unnachgiebig – – Ah, Anselmus, erlösender Tod – – –

Zähneklappernd, im heißen Fieber, schwebend und doch mit furchtbarer Schwere in den Gliedern, tastete sich Anna-Mia in ihr Bett zurück. –

Mit hellem Geläute aller Kirchenglocken wurde der grauende Morgen angerufen und der Feiertag eingeläutet, der dem Dorfe den Segen einer großen Missionsfeier bringen sollte, mitten in der Erregung der politischen Wahlzeit.

Als die ersten Mägde in der Frühe zu den Dorfbrunnen gingen und die ersten Männer durch die Dorfstraße, fiel ihnen etwas seltsam Ungewohntes in die Augen. Die großen, schwarzgerandeten Schriftstücke, die seit acht Tagen an den Brunnenstöcken, Hofthoren, Gartenmauern, an den Wänden der Schule und Kirche hingen, die Gläubigen einzuladen zu fleißiger und andächtiger Beteiligung an der Mission und ihren außerordentlichen Gnadenspenden, waren mit langen, handbreiten, grellroten Zetteln überklebt!

Wahrhaftig, quer durch, mit grellroten Zetteln!

Die Mägde stutzten, dann schrien sie auf und glaubten an Teufelswerk. Niemals hatte man solche Zettel im Dorfe gesehen, am wenigsten über den heiligen, kirchlichen Bekanntmachungen.

Die Männer stutzten auch, dann traten sie näher und lasen die Schrift auf den roten Anschlägen.

»Wählt Wörlein!« stand groß da. Und darunter mit kleineren Buchstaben: »Das sozialdemokratische Wahlkomitee«.

Bald sah man Kirchendiener und Polizeidiener in ungeheurer Geschäftigkeit durch das Dorf eilen und die roten Zettel wegkratzen. Die waren jedoch so stark aufgeklebt, daß auch die kirchliche Bekanntmachung dabei in Fetzen ging.

Die Aufregung war groß im Dorf.

Nur der alte Sebastian blieb gelassen und lächelte still vor sich hin, in seiner etwas blöden Weise.

Und von Stunde zu Stunde schlugen die Glocken an, immer dringlicher und stürmischer, daß es wie ein fortwährendes Getöne in der lauen, aber trüben Luft über dem Dorfe schwamm.

Der Himmel verdüsterte sich zusehends, als die großen kirchlichen Missionshandlungen ihren Anfang nahmen, mit Prozessionen und Messen und Predigten im Freien, und die ganze Dorfbevölkerung, alt und jung, auf die Beine brachte. Und in aller Mund war der Name des berühmten Predigers Pater Anselm – und des sozialdemokratischen Eindringlings auf den roten Zetteln, des bis heute vollständig unbekannten Wörlein. Sie waren die Helden des Tages.

Sebastian war zweimal unschlüssig zum Hofthor hinausgegangen. Aber er kam nicht weiter, als bis zum großen Dorfbrunnen. Dann blieb er zu Haus und blätterte im Kalender.

Ann-Mia, die sich sehr feierlich angekleidet in die Kirche begeben hatte, ohne ein Wort zurückzulassen, erschien nicht zum Mittagessen.

Sebastian wartete ein wenig über die gewöhnliche Zeit, dann setzte er sich hin und aß in aller Gemütsruhe seinen Teil.

Als er aufstand, sprach er das Tischgebet mit der Bärbel, und am Schlusse fügte er hinzu: »Wählt Wörlein« – mit einem pfiffigeren Lächeln, als es ihm gewöhnlich eigen war. Und noch einmal: »Wählt Wörlein«. –

Für die Bärbel hatte er nur den Auftrag: »Wenn die Frau heimkommt und fragt nach mir, sagt: Er ist im Galgenholz, wo er was vergessen hat. Fragt sie nix, sagst auch nix. Verstanden?«

Die taube Bärbel machte große Augen und nickte. Nein, für so gottlos hätte sie den Herrn doch nicht gehalten. Heut' ins Galgenholz gehen, statt in die Kirche oder zur heiligen Mission– –

Da war die Frau anders, was man auch sonst an ihr aussetzen konnte, ihre Frömmigkeit und Andacht war tadellos. Die Bärbel wunderte sich auch nicht, daß die Frau den ganzen Nachmittag nicht heimkam. Sie selber schloß endlich, nachdem alle Arbeit gethan war, die Hausthür ab, legte den Schlüssel unter die Thür, und machte sich auf den Weg zur Kirche.

Gegen Abend rieselte leichter, lauer Regen.

Es dämmerte. Da saß der alte Sebastian noch unter einem Eichenbaum am Rand des Galgenholzes. Jetzt mußte er doch an den Heimgang denken. Es kam ihm sauer an. Die Stille hatte ihm so wohl gethan –

Der Regen hatte nachgelassen. Als er auf dem guten Aussichtspunkt angekommen war, ging der Mond auf, groß und hell, in voller Pracht, so daß in seinem Schein die Landschaft aufschimmerte, geheimnisvoll, lieblich und friedlich. Er wandte sich um und sah gegen das Mainthal.

Dann schlug er einen Seitenpfad ein, der querfeld sich hinzog und schneller heimwärts führte.

Eine sonderbare Unruhe hatte ihn ergriffen.

Drüben auf dem Feldweg sah er plötzlich zwei dunkle Gestalten schreiten, fast wie schwebend, gemessen und doch merkwürdig eilend. Als sie bei der nächsten Wegsenkung verschwanden, ging er den Pfad zurück, den er gekommen. Und er ging und ging, ohne sich Rechenschaft zu geben, bis er wieder auf dem guten Aussichtspunkt stand. Da fand sein suchender Blick die dunklen Gestalten wieder, rechts am Galgenholz vorüber, verschwindend in der Ferne der Sankt Wolfgangssteige, dem Maine zu.

Und er stand lange in wirren Gedanken, bis ihn die Müdigkeit packte.

»Das kommt von der Anna-Mia,« verhöhnte er sich selbst auf dem Rückweg. »Die führt dich an der Nase herum. Wählt Wörlein.«

Pater Anselm predigte unter ungeheurem Zulauf aus der ganzen Gegend noch dreimal im Dorf, gegen das allgemeine Verderben, gegen die schlechten Ehen, gegen die Höllengeister des Umsturzes.

Der alte Sebastian schlief allein in seiner Kammer und saß allein an seinem Tisch – und wenn die Bärbel ihn fragend anglotzte, blinzelte er ärgerlich und fuchtelte mit den Händen, als wollte er sagen: Was weiß ich, was geht's überhaupt uns an?

Den Wörlein brauchte er nicht mehr zu wählen.

Der Umsturz, wie er ihn brauchte, war so gekommen. Scheinbar wenigstens.

Aber die Geschichte war eigentlich doch furchtbar widerwärtig, zumal im Anfang, und bis alles wieder im Gleise war.

In seinen Gedanken kam er von der Anna-Mia so wenig los, wie zuvor. Überall sah er sie, überall hörte er sie, sie schritt auf dem Feldweg vor ihm hin, sie hockte in der Küche, sie knackte und grinste und greinte auf dem Bettrand.

Gegen das Gespenst der Anna-Mia half kein Gebet, half kein Fluch. Nicht einmal der Wörlein. – Vielleicht das schöne Hirschhornmesser? – – Vielleicht die alte, taube Bärbel? – – –








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