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Anklagen gegen Deutschland

Karl Federn: Anklagen gegen Deutschland - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
authorKarl Federn
titleAnklagen gegen Deutschland
publisherFerd. Wyss Verlag
year1917
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131018
projectide0ead799
wgs
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[Einleitende Worte]

Von den zahlreichen Büchern, die über die Entstehung des Weltkrieges geschrieben wurden, hat das Buch «J'accuse» am meisten Aufsehen erregt. Es kam einer Welttendenz entgegen, die Deutschland die Schuld am Kriege beimass; dass der Verfasser sich mit Recht oder Unrecht einen Deutschen nannte und sich der Liebe zu seinem Vaterland rühmte, musste es den Gegnern Deutschlands noch wertvoller machen; leicht und breit geschrieben, mit Argumenten arbeitend, die verbreiteten Ansichten entsprachen, erreichte es einen ausserordentlichen Erfolg. Das Buch nannte sich «J'accuse» nach dem denkwürdigen Aufsatz des grossen Franzosen, den dieser, mit vollem Namen zeichnend, auf Grund langer, mühevoller und eingehender Prüfung eines dunkeln Rechtsfalles geschrieben hatte.

Zolas Arbeit war ein kurzer Aufsatz, aber jeder Satz schweren Inhalts voll, das Werk eines Mannes, der Gericht und Gefahr um der Wahrheit willen für sich herausforderte. Hier schrieb einer, mit unendlicher Breite sich beständig wiederholend, ein dickes Buch von vierhundertsiebzig Seiten, der seinen Namen verbirgt und der Gefahr ausweicht. Das nimmt nicht für den Verfasser ein.

Er könnte erwidern: auch namenlose Schriften haben der Wahrheit gedient – zwar selten, denn wer die Wahrheit wirklich liebt, den drängt es, mit seiner Person für sie einzustehen; aber es ist vorgekommen. Die Dicke des Bandes könnte er mit dem ungeheuren Stoff entschuldigen; dass er als Deutscher gegen Deutschland schrieb, könnte eine Folge furchtbarer Wahrheitsliebe sein, wenn ... wenn nur eben die Namenlosigkeit nicht dagegen spräche!

Aber, wie immer wir darüber denken mögen, er kann dabei bleiben: es kommt nicht auf meinen Namen, noch auf den des Buches, es kommt auf meine Gründe an!

In der Tat, die einzig wesentliche Frage bleibt: Wie beweist der Verfasser seine Ansichten? Was sind seine Begründungen wert? Mit welcher Gewissenhaftigkeit ist er zu Werke gegangen? Haben wir wirklich einen Mann vor uns, der nach ernstester Prüfung seiner eigenen Fähigkeit wie seines Materials, nicht aus vorgefasster Meinung, sondern selbst seiner Liebe und seinen Vorurteilen entgegen zum Bekenner geworden ist?

Und da ist es leicht nachzuweisen, dass er ohne andere als die denkbar oberflächlichsten Kenntnisse, ohne eine Ahnung von historischer Kritik, mit Leichtfertigkeit, Unwissenheit und gehässiger Voreingenommenheit geschrieben hat, die es schwer machen, ihm auch nur den wirklich guten Glauben zuzuerkennen. Zwar wäre der gute Glaube keine Entschuldigung für den, der an keiner Stelle eine irgend gewissenhafte Prüfung auch nur versucht, der sich an keiner Stelle gefragt hat, ob er die Eignung besass, ehe er sich über eine welterschütternde Frage das Urteil anmasste. Gleichgültig, ob vollkommene Unfähigkeit, ob böser Wille vorliegt, das Ergebnis ist, dass sein Buch in jedem Teile, besonders aber in dem, der die entscheidenden zehn Tage des Sommers 1914 behandelt, nichts als eine Anhäufung schwerer Fälschungen darstellt.

Das Buch zerfällt in fünf Teile: eine Einleitung, drei Hauptstücke und den Schluss. Das dritte Hauptstück «Die Folgen der Tat» und der «Die Zukunft» betitelte Schluss können hier, wo es sich um diese Frage der Schuld handelt, also um Geschehnisse, die dem Kriege voran gingen, übergangen werden. Desgleichen die Einleitung «Deutschland wach auf» und die folgenden dreizehn Seiten über die militärische Lage, die Prophetenfrage, «ob der Sieg Deutschland und Oesterreichs zu erwarten sei» und ähnliches. Nur die Bemerkung des Verfassers sei erwähnt, dass er bei seiner Erörterung der Kriegslage die Ereignisse nach dem Februar 1915 nicht mehr berücksichtigen konnte, dies aber nichts ausmache, «da spätere Ereignisse an dem Endresultat nichts ändern könnten»! Wer über solches Wissen verfügt und das Künftige so sicher vorausweiss, der hat es allerdings nicht nötig, sich über Vergangenheit und Gegenwart zu unterrichten, ehe er darüber schreibt.

Die Beweise, dass Deutschland oder besser die deutsche Regierung das Verbrechen begangen, die Welt nach langer zielbewusster Vorbereitung in diesen Krieg zu stürzen, werden im zweiten Teil, «Vorgeschichte des Verbrechens», und im dritten, «Das Verbrechen», vorgebracht, von denen der erstere die Vorgeschichte des Krieges, der zweite die Vorgänge in den entscheidenden Tagen vom 23. Juli bis zum 4. August 1914 behandelt.

In dieser Vorgeschichte zählt der Verfasser eine Reihe von historischen Ereignissen und Aeusserungen verschiedener Personen auf, von denen er sagt, sie «ergäben den dringenden Verdacht, dass Deutschland mit dem Kriege gerechnet hat und entschlossen war, den Krieg im günstigsten Augenblick herbeizuführen». Wir werden im folgenden sehen, wie die Kenntnisse des Verfassers von diesen Ereignissen und seine Darstellung beschaffen sind, wie er die Aeusserungen verwendet, mit welcher Loyalität er sowohl die Momente die gegen Deutschland, als jene, die zu seinen Gunsten sprechen, anführt.

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