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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Maillard als General.

Die Armee, die Maillard befehligte, war immerhin eine Armee. Sie besaß Kanonen, denen es allerdings an Lafetten und Rädern fehlte, aber man hatte sie in Karren gelegt.

Sie hatte Flinten, -- es ist wahr, an vielen fehlte der Hahn oder die Batterie, aber keiner fehlte es an einem Bajonett.

Sie hatte eine Menge andrer Waffen, freilich sehr beschwerliche Waffen, aber es waren doch Waffen.

Sie hatte Pulver in Schnupftüchern, in Hauben, in Säcken und unter diesen lebendigen Patrontaschen spazierten die Artilleristen mit ihren angezündeten Lunten. Wenn das ganze Heer während dieses seltsamen Marsches nicht in die Luft geflogen ist, so ist es nur ein Wunder gewesen.

Maillard hat mit einem Blicke die Stimmung seiner Armee erkannt. Alles, was er thun kann, ist, wie er sieht, nicht, sie auf dem Platze zu halten, nicht, sie an Paris zu fesseln, sondern, sie nach Versailles zu führen und, dort angekommen, das Schlimme zu verhindern, das sie thun könnte.

Demzufolge geht Maillard hinab, er nimmt die Trommel, die am Halse des jungen Mädchens hängt. Hungers sterbend, hat das Mädchen nicht mehr die Kraft, sie zu tragen. Es giebt die Trommel hin, schleicht die Mauer entlang und fällt mit dem Kopfe auf einen Weichstein.

Maillard fragt die junge Person nach ihrem Namen. Sie heißt Madeleine Chambry. Sie schnitt in Holz für die Kirchen. Aber wer denkt jetzt daran, die Kirchen mit schönen Arbeiten in Holz zu beschenken?

Aus Hungersnot ist sie Sträußchenmädchen im Palais-Royal geworden. Aber wer denkt jetzt daran, Blumen zu kaufen, während das Geld fehlt, um Brot zu kaufen?

Sie wird nach Versailles kommen, sie, die diese traurige Deputation versammelt hat; da sie aber zu schwach ist, um zu gehen, so wird sie in einem Wagen fahren.

Ist sie in Versailles angekommen, so wird man verlangen, daß sie mit zwölf andern Weibern in den Palast eingeführt werde; sie wird die hungrige Rednerin sein, sie wird beim König für die Sache der Hungrigen sprechen.

Man klatschte Maillard bei diesem Gedanken Beifall.

So hat also Maillard schon mit einem Worte alle feindseligen Dispositionen geändert.

Ungefähr siebentausend Weiber sind versammelt. Sie setzen sich in Marsch; als sie aber in die Nähe der Tuilerien kommen, erheben sie ein gewaltiges Geschrei.

Maillard steigt auf einen Weichstein, um sein ganzes Heer zu überragen.

Was wollt Ihr? fragt er.

Wir wollen durch die Tuilerien ziehen.

Unmöglich, antwortete Maillard.

Und warum unmöglich? schreien siebentausend Stimmen.

Weil die Tuilerien das Haus des Königs und der Garten des Königs sind; weil ohne Erlaubnis des Königs durch dieselben ziehen, den König beleidigen heißt; es heißt mehr, es heißt in der Person des Königs sich an der Freiheit aller vergreifen.

Gut also! sagten die Weiber, bitten wir den Portier um Erlaubnis.

Maillard tritt auf den Portier zu und fragt ihn mit seinem dreieckigen Hut in der Hand:

Mein Freund, gestatten Sie, daß diese Damen durch die Tuilerien ziehen? Man geht nur durch das Gewölbe, und die Pflanzen und Bäume des Gartens sollen nicht beschädigt werden.

Statt jeder Antwort zieht der Portier seinen langen Degen und geht auf Maillard los. Maillard zieht den seinigen, der einen Fuß kürzer ist, und kreuzt die Klinge. Während dieser Zeit nähert sich ein Weib dem Portier und streckt ihn mit einem Besenstielstreich auf den Kopf zu den Füßen Maillards nieder.

Zu gleicher Zeit schickt sich ein andres Weib an, dem Portier das Bajonnett in den Leib zu stoßen.

Maillard steckt seinen Degen wieder in die Scheide, nimmt den des Portiers unter einen Arm, die Flinte des Weibes unter den andern, hebt seinen Hut auf, der während des Streites auf den Boden gefallen ist, drückt ihn wieder auf seinen Kopf und setzt seinen Marsch durch die Tuilerien fort, wo nach seinem Versprechen, kein Schaden angerichtet wird.

Lassen wir sie weiter ziehen durch den Cours-la-Reine und gegen Sevres, wo sie sich in zwei Banden teilen, und sehen wir ein wenig, was in Paris vorging.

Auf den Lärm der siebentausend Weiber, der seinen Widerhall in den entferntesten Quartieren von Paris gefunden hatte, war Lafayette herbeigeeilt.

Er nahm eine Art von Revue auf dem Marsfelde vor. Seit acht Uhr morgens war er zu Pferde; er kam auf den Platz des Stadthauses, als die Mittagsstunde schlug.

Seit dem Anfang der Revolution sprach Lafayette zu Pferde, aß und kommandierte zu Pferde. Als er auf den Quai Pelletier kam, wurde er durch einen Mann aufgehalten, der in starkem Galopp wegritt. Dieser Mann war Gilbert. Er ritt nach Versailles und wollte den König von dem, womit er bedroht war, benachrichtigen und sich zu seiner Verfügung stellen.

Mit zwei Worten erzählte er Lafayette alles.

Dann eilte jeder weiter: Lafayette nach dem Stadthause Gilbert nach Versailles. Nur, da die Weiber auf dem rechten Ufer der Seine marschierten, folgte er dem linken Ufer.

Nachdem ihn die Weiber verlassen, hatte sich der Platz vor dem Stadthause mit Männern, besonders Nationalgardisten gefüllt.

Auf den Lärm, den die Weiber gemacht, war der Lärm der Sturmglocke und des Generalmarsches gefolgt.

Lafayette durchschritt diese ganze Menge, stieg vor den Stufen ab, und ohne sich um Beifallsrufe, gemischt mit Drohungen, die seine Gegenwart erregte, zu bekümmern, diktierte er einen Brief an den König über den Aufstand, der am Morgen stattgefunden hatte.

Er war an der sechsten Zeile, als die Thüre des Sekretariats ungestüm geöffnet wurde.

Lafayette schlug die Augen auf. Eine Deputation von Grenadieren verlangte vom General empfangen zu werden.

Lafayette winkte der Deputation, und ließ sie eintreten.

Der Grenadier, der das Wort zu führen beauftragt war, ging bis an den Tisch vor und sprach mit fester Stimme:

Mein General, wir sind abgeordnet von zehn Kompagnien Grenadieren; wir halten Sie nicht für einen Verräter, aber wir glauben, daß die Regierung uns verrät. Es ist Zeit, daß alles ein Ende nehme; wir können unsre Bajonette nicht gegen die Weiber kehren, die Brot von uns verlangen. Das Komitee für Anschaffung von Lebensmitteln treibt Unterschleif oder ist unfähig; in dem einen und dem andern Fall muß es anders werden. Das Volk ist unglücklich, die Quelle des Uebels ist in Versailles. Man muß den König holen und nach Paris bringen; man muß das Regiment Flandern und die Gardes-du-corps vernichten, die es gewagt haben, die Kokarde der Nation mit Füßen zu treten. Ist der König zu schwach, um die Krone zu tragen, so lege er sie nieder. Wir werden seinen Sohn krönen, man wird einen Regentschaftsrat ernennen, und alles wird aufs beste gehen.

Lafayette schaut den Redner ganz verwundert an. Er hat Aufstände gesehen, er hat Ermordungen beweint, aber es ist das erste Mal, daß ihn der revolutionäre Hauch in Wirklichkeit ins Gesicht trifft.

Daß das Volk die Möglichkeit sieht, des Königs zu entbehren, setzt ihn mehr als in Erstaunen, es bringt ihn in Verwirrung.

Ei! ruft er, habt ihr denn im Sinne, gegen den König Krieg zu führen und ihn zu nötigen, uns zu verlassen?

Mein General, antwortet der Redner, wir lieben und achten den König, und es würde uns sehr leid thun, wenn er uns verließe, denn wir lieben ihn ungemein. Aber sollte er uns verlassen, so haben wir am Ende den Dauphin.

Meine Herren, erwidert Lafayette, gebt wohl acht auf das, was Ihr thut; Ihr rührt die Krone an, und es ist meine Pflicht, dies nicht zu dulden.

Mein General, entgegnet der Nationalgardist, indem er sich verbeugt, wir würden für Sie unser Blut bis auf den letzten Tropfen hingeben. Aber das Volk ist unglücklich; die Quelle des Nebels ist in Versailles, wir müssen den König holen und nach Paris bringen, das Volk will es.

Lafayette sieht, daß er mit seiner Person bezahlen muß. Das ist eine Notwendigkeit, vor der er nie zurückgewichen wäre.

Er geht mitten auf den Platz des Stadthauses hinab und will das Volk anreden; aber das Geschrei: Nach Versailles! nach Versailles! bedeckte seine Stimme.

Plötzlich wird ein gewaltiger Lärm auf der Seite der Rue de la Vannerie hörbar. Es ist Bailly, der sich ebenfalls nach dem Stadthause begiebt.

Bei dem Anblick von Bailly brechen die Schreie: Brot! Brot! Nach Versailles! nach Versailles! auf allen Seiten los.

Zu Fuß, in der Menge verloren, fühlt Lafayette, daß die Flut immer mehr steigt und ihn zu verschlingen im Begriff ist.

Er durchschneidet die Menge, um zu seinem Pferde zu gelangen. Er erreicht es, schwingt sich auf den Sattel und treibt es in der Richtung der Freitreppe an; aber der Weg ist völlig versperrt zwischen ihm und dem Stadthause; Mauern von Menschen sind emporgewachsen.

Beim Henker! mein General, Sie werden bei uns bleiben, rufen diese Menschen.

Zugleich schreien alle Stimmen: Nach Versailles! nach Versailles!

Lafayette schwankt, zögert. Ja, ohne Zweifel kann er, wenn er sich nach Versailles begiebt, dem König sehr nützlich sein; doch wird er auch Herr dieser Volksmasse bleiben, die ihn nach Versailles fortziehen will? Wird er diese Wellen beherrschen, durch die er den Grund verloren hat, und gegen die er selbst, wir er fühlt, für sein eigenes Heil kämpft?

Plötzlich steigt ein Mann die Stufen der Freitreppe herab, dringt mit einem Briefe in der Hand durch die Menge und arbeitet mit Händen und Füßen so gut, daß er bis zu Lafayette gelangt. Dieser Mann ist der unermüdliche Billot.

Nehmen Sie, General, spricht er, das ist von den Dreihundert. So nannte man die Wähler.

Lafayette erbricht das Siegel und sucht den Brief leise zu lesen; aber gleichzeitig rufen ihm zwanzigtausend Stimmen zu:

Den Brief! den Brief!

Lafayette ist also genötigt, den Brief laut zu lesen. Er winkt, um Stillschweigen zu verlangen. In demselben Augenblick folgt, wie durch ein Wunder, die Stille auf den ungeheuren Tumult, und ohne daß man ein einziges Wort verliert, liest Lafayette folgenden Brief:

In Betracht der Umstände und des vom Volke ausgesprochenen Wunsches, sowie auf die Vorstellung des Herrn Generalkommandanten, daß es unmöglich sei, dies zu verweigern, ermächtigt man den Herrn Generalkommandanten und befiehlt ihm sogar, sich nach Versailles zu begeben.

Vier Kommissäre der Gemeinde werden ihn begleiten.

Der arme Lafayette hatte den Herren Wählern, denen es nicht unangenehm war, einen Teil der Verantwortlichkeit für die Ereignisse, die vorfallen würden, ihm zu überlassen, durchaus keine Vorstellung gemacht. Aber das Volk glaubte, er habe es wirklich gethan, und das Volk, mit dessen Wünschen die Vorstellung des Generalkommandanten im Einklang stand, das Volk rief: Es lebe Lafayette!

Da wiederholte Lafayette erbleichend: Nach Versailles!

Fünfzehntausend Männer folgten ihm mit einem Enthusiasmus, der stiller, aber zugleich furchtbarer war, als der der Weiber, die als Vorhut abgegangen waren.

Alle diese Menschen sollten sich in Versailles aneinander anschließen, um vom König die bei der Orgie am 1. und 2. Oktober von der Tafel der Gardes-du-corps gefallenen Brotkrümchen zu verlangen.

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