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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Die Weiber mischen sich darein.

In Versailles trieb der Hof Heroismus gegen das Volk. In Paris trieb man nur Rittertum gegen den Hof; das Rittertum lief durch die Straßen.

Die Ritter vom Volke irrten in Lumpen umher, die Hand am Griffe eines Säbels oder an dem Kolben einer Pistole, und befragten ihre leeren Taschen und ihre hohlen Magen.

Während man in Versailles zu viel trank, aß man in Paris zu wenig.

Seltsame Dinge! Finstere Verblendung, die heute, wo wir alle an Thronumstürzungen gewöhnt sind, den Politikern ein Lächeln des Mitleids entreißen wird.

Gegenrevolution machen, und ausgehungerte Leute zur Schlacht herauszufordern!

Ach! die Geschichte, wenn man sie nötigt, sich zur materialistischen Philosophin zu machen, wird sagen: nie schlägt sich das Volk grausamer, als wenn es nicht zu Mittag gegessen hat.

Es war jedoch sehr leicht, dem Volke Brot zu geben, und dann hätte ihm sicherlich das Brot von Versailles minder bitter geschienen.

Doch die Mehlzufuhren von Corbeil kamen nicht mehr an. Dieses Corbeil ist von Versailles so weit; wer also hätte beim König oder bei der Königin an Corbeil gedacht?

Zum Unglück war bei dieser Vergeßlichkeit des Hofes die Hungersnot bleich und sorgenvoll in die Straßen von Paris herabgestiegen. Sie horcht an allen Straßenecken; sie rekrutiert ihr Gefolge aus Landstreichern und Missethätern; sie lehnt ihr schlimmes Gesicht dicht an die Fensterscheiben der Reichen und der Staatsbeamten an.

Die Männer erinnern sich der Aufstände, die so viel Blut kosten; sie erinnern sich der Bastille; sie erinnern sich an Foulon, Berthier, Flesselles; sie befürchten, abermals Mörder genannt zu werden und warten.

Aber die Weiber, die noch nichts gethan, als gelitten haben, die Weiber, die dreifach leiden, -- leiden für das Kind, das weint und ungerecht ist, weil es nicht das Bewußtsein der Sache hat, -- für das Kind, das zu seiner Mutter sagt: Warum giebst du mir nicht Brot? -- leiden für den Mann, der düster und schweigsam am Morgen das Haus verläßt, um am Abend noch düsterer und schweigsamer zurückzukehren, -- endlich leiden für sich, das schmerzliche Echo des ehelichen und mütterlichen Unglücks, -- die Weiber brennen vor Begierde, sich Genugthuung zu nehmen, sie wollen dem Vaterland auf ihre Weise dienen.

Hatten übrigens nicht die Weiber den 1. Oktober in Versailles gemacht?

Gilbert und Billot waren im Palais Royal im Kaffee Foy. Plötzlich öffnet sich die Thüre, und eine Frau tritt ganz bestürzt ein. Sie zeigt die weißen und schwarzen Kokarden, die von Versailles nach Paris gekommen sind; sie verkündigt die öffentliche Gefahr.

Man erinnert sich dessen, was Charny zur Königin gesagt hatte: Madame, es wird wirklich zu fürchten sein, wenn sich die Weiber darein mischen. Das war auch die Ansicht Gilberts.

Als er sah, daß die Weiber sich darein mischten, wandte er sich gegen Billot und sprach: Nach dem Stadthause.

Beide stürzten aus dem Kaffeehause, liefen durch den Garten des Palais Royal und erreichten die Rue Saint-Hunore.

Auf der Höhe der Halle begegneten sie einem Mädchen, das aus der Rue des Bourdonnais herauskam und trommelte.

Gilbert blieb erstaunt stehen. Was ist das? fragte er.

Ei! Sie sehen es, Doktor, antwortete Billot, eine hübsche junge Person, die trommelt, und zwar nicht schlecht, bei meiner Treue!

Sie wird etwas verloren haben, sagte ein Vorübergehender.

Sie ist sehr hübsch, versetzte Billot.

Fragen Sie sie, was sie will, sprach Gilbert.

He! hübsches Mädchen, rief Billot, was hast du so die Trommel zu rühren?

Es hungert mich, antwortete die hübsche junge Person mit einer grellen, scharfen Stimme.

Und sie setzte ihren Marsch und das Rasseln ihrer Trommel fort.

Gilbert hatte gehört.

Ho! ho! das wird schrecklich, sagte er.

Und er schaute aufmerksamer die Weiber an, die dem Mädchen mit der Trommel folgten.

Sie waren abgezehrt, schwankend, verzweiflungsvoll.

Aus der Mitte dieser Weiber brach von Zeit zu Zeit ein gerade durch seine Schwäche drohender Schrei hervor, denn man fühlte, daß dieser Schrei aus dem Munde von Ausgehungerten kam.

Nach Versailles! riefen sie.

Und auf ihrem Wege winkten sie allen Weibern, die sie in den Häusern erblickten, und riefen alle Frauen, die sie an den Fenstern sahen.

Ein Wagen kam vorüber, zwei Damen saßen in diesem Wagen, sie streckten ihre Köpfe aus den Schlägen und lachten.

Das Gefolge der Trommelschlägerin blieb stehen. Zwanzig Weiber stürzten nach den Schlägen, ließen die zwei Damen aussteigen und gesellten sie, trotz ihrer Einwendungen, trotz ihres Widerstandes, den ein paar kräftige Püffe auf der Stelle bändigten, ihrer Truppe bei.

Hinter ihnen marschierte ein Mann, mit beiden Händen in seinen Taschen.

Dieser Mann mit hagerem, bleichem Gesichte, von langer, dünner Gestalt, trug einen grauen Rock, schwarze Weste und schwarze Beinkleider; er hatte einen kleinen dreieckigen Hut, der schief auf seiner Stirne saß. Ein langer Degen schlug an seine mageren, aber nervigen Beine.

Er folgte schauend, horchend, alles mit seinem durchdringenden Auge, das er unter seinen schwarzen Brauen rollte, verschlingend.

Ei! sagte Billot, ich kenne dieses Gesicht, ich habe es bei allen Aufständen gesehen.

Es ist der Gerichtsdiener Maillard.

Maillard verschwand mit den Weibern bei der Biegung der Straße.

Billot hatte große Lust, es zu machen wie Maillard, aber Gilbert zog ihn nach dem Stadthause fort.

Man wußte im Stadthause, was in Paris vorfiel, aber man bekümmerte sich kaum darum. Was lag in der That dem phlegmatischen Bailly und dem Aristokraten Lafayette daran, daß ein Weib trommelte. Das war ein Vorempfang auf den Karneval, und nichts andres.

Als man aber im Gefolge dieses trommelnden Mädchens zwei bis dreitausend Weiber kommen sah; als auf den Seiten dieser Schar, die von Minute zu Minute zunahm, eine nicht minder zahlreiche Schar von Männern, auf eine unheimliche Weise lächelnd und ihre häßlichen Waffen in Ruhe haltend, herbeirückte; als man bemerkte, diese Männer lächeln zum voraus über das Böse, das die Weiber thun würden und das um so weniger abzuwenden war, als man wohl wußte, die öffentliche Gewalt würde die böse Absicht weder ernstlich verhindern, noch die böse That streng bestrafen, da fing man an, den ganzen Ernst der Lage zu begreifen.

Nach einer halben Stunde waren achttausend Weiber auf der Greve versammelt. Sie sahen sich in genügender Anzahl und fingen an, mit der Faust auf der Hüfte zu beratschlagen.

Die Beratung war nicht sehr ruhig. Es waren der Mehrzahl nach Thürsteherinnen, Frauen der Halle, öffentliche Mädchen. Viele von ihnen waren Royalistinnen, und statt den Gedanken zu haben, dem König und der Königin ein Leid anzuthun, hätten sie sich für sie töten lassen.

Das Resultat der Beratung war folgendes:

Brennen wir ein wenig das Stadthaus nieder, wo so viele Papierwische fabriziert werden, um uns zu verhindern, alle Tage zu essen.

Man beschäftige sich im Stadthause gerade damit, einen Bäcker zu richten, der Brot mit falschem Gewicht verkauft hatte.

Demzufolge erwarteten die Stammgäste der Laterne den Bäcker mit einem Strick.

Die Wache des Stadthauses wollte den Unglücklichen retten und wandte hiezu alle ihre Kräfte an; aber leider, wie man seit einiger Zeit die Erfahrung gemacht, hatten ihre menschenfreundlichen Absichten nur schlechten Erfolg.

Die Weiber stürzten sich auf diese Wache, durchbrachen sie, drangen in das Stadthaus ein, und die Plünderung begann.

Alles, was sie fänden, wollten sie in die Seine werfen und alles, was sie nicht fortschaffen könnten, auf dem Platze verbrennen.

Das war ein großes Geschäft.

Es fand sich ein wenig von allem im Stadthause.

Es fanden sich darin dreihundert Wähler, ferner die Adjunkten, und endlich die Maires.

Es wird lange dauern, alle diese Menschen ins Wasser zu werfen, sprach eine Frau von Verstand, eine Frau, die Eile hatte.

Nicht als ob sie es wenig verdienten, sagte eine andre.

Ja, aber die Zeit fehlt.

Nun wohl! so verbrennen wir alles! rief eine Stimme; das ist einfacher.

Man suchte Fackeln, man verlangte Feuer; dann provisorisch, um keine Zeit zu verlieren, belustigte man sich damit, daß man einen Abbé aufhing, den Abbé Lefevre d'Ormesson.

Zum Glück war der Mann mit dem grauen Rocke da. Er durchschneidet den Strick, der Abbé fällt siebzehn Fuß herab, verstaucht sich ein Bein und läuft unter dem Gelächter aller dieser Megären hinkend davon.

Der Abbé entkam deswegen so unangefochten, weil die Fackeln schon angezündet waren, weil die Mordbrennerinnen die Fackeln schon in den Händen hatten, und sie den Archiven näherten.

Plötzlich stürzt der Mann mit dem grauen Rocke vor und entreißt Brände und Fackeln den Händen der Weiber; die Weiber widerstehen, der Mann peitscht sie mit Fackelstreichen und während das Feuer die Röcke faßt, löscht er das aus, welches schon die Papiere faßte.

Wer ist denn dieser Mann, der sich so dem furchtbaren Willen von zehntausend wütenden Kreaturen widersetzt?

Warum ließ man sich von diesem Mann beherrschen? Man hat den Abbé Lefevre halb gehenkt, man wird wohl diesen Mann aufhenken, sobald niemand mehr da sein wird, um es zu verhindern.

Es erhebt sich auch wirklich ein hirnwütender Chor und bedroht ihn mit dem Tode; mit der Drohung verbindet sich die Thätlichkeit.

Die Weiber umgeben den Mann mit dem grauen Rock und werfen ihm einen Strick um den Hals.

Aber Billot ist herbeigelaufen. Billot wird Maillard den Dienst leisten, den Maillard dem Abbé geleistet hat.

Er klammert sich an den Strick an, durchschneidet ihn an zwei bis drei Stellen mit einem scharfem Messer, das in einem äußersten Notfall -- weil es bestielt ist -- seinem kräftigen Arm zu etwas anderm dienen konnte.

Und während er den Strick in so viele Stücke zerschneidet, als ihm möglich ist, ruft Billot:

Unglückliche! Ihr kennt also nicht einen der Sieger der Bastille, denjenigen, welcher über das Brett gegangen ist, um die Kapitulation zu holen, während ich in den Gräben plätscherte? Ihr kennt also Herrn Maillard nicht?

Bei diesem so bekannten und so gefürchteten Namen halten alle Weiber inne. Man schaut sich an, man wischt sich die Stirne ab.

Ein Sieger der Bastille, Herr Maillard, der Gerichtsdiener im Chatelet, es lebe Herr Maillard!

Die Drohungen verwandeln sich in Liebkosungen; man umarmt Maillard, man ruft: Es lebe Maillard!

Maillard wechselt einen Händedruck und einen Blick mit Billot.

Der Händedruck will sagen: Wir sind Freunde!

Der Blick will sagen: Wenn Sie je meiner bedürfen, rechnen Sie auf mich.

Maillard hat auf alle diese Weiber einen um so größeren Einfluß gewonnen, als sie einsehen, Maillard habe ihnen ein kleines Unrecht zu vergeben.

Aber Maillard ist ein alter Volksmatrose, er kennt dieses Meer der Vorstädte, das auf einen Hauch sich erhebt und auf ein Wort sich legt.

Er weiß, wie man mit allen diesen menschlichen Wellen spricht, wenn sie einem Zeit gönnen, zu sprechen.

Uebrigens ist der Augenblick gut, um sich hören zu lassen, man schweigt um Maillard.

Maillard will nicht, daß die Pariser die Gemeinde, das heißt, die einzige Macht, die sie beschützt, zerstören; er will nicht, daß sie die Bürgerliste, die beweist, daß ihre Kinder nicht lauter Bastarde sind, vernichten.

Das ungewöhnliche, scharfe, spöttische Wort bringt seine Wirkung hervor.

Niemand wird getötet, nichts wird verbrannt werden.

Aber man will nach Versailles ziehen.

Dort ist das Uebel, dort bringt man die Nächte in Orgien hin, während man in Paris Hunger hat. Versailles verschlingt alles. Paris fehlt es an Korn und Mehl, weil die Kornzufuhren, statt in Paris anzuhalten, unmittelbar von Corbeil nach Versailles gehen.

Das wäre nicht so, wenn der Bäckerund die Bäckerin und der Bäckerjunge sich in Paris befänden.

Mit diesen Spottnamen bezeichnet man den König, die Königin und den Dauphin, diese drei natürlichen Austeiler des Brotes für das Volk.

Da die Weiber in Haufen organisiert sind, da sie Flinten, Kanonen, Pulver haben, mit Piken und Heugabeln bewaffnet sind, so werden sie auch einen General haben.

Warum nicht? die Nationalgarde hat auch einen.

Lafayette ist der General der Männer.

Maillard wird der General der Weiber sein.

Lafayette kommandiert seine Faulenzer von Grenadieren, die eine Reservearmee zu sein scheinen, so wenig thun sie, während so viel zu thun ist.

Maillard wird das aktive Heer kommandieren.

Ohne zu lächeln, ohne eine Miene zu verändern, nimmt Maillard den Antrag an.

Maillard ist kommandierender General der Weiber von Paris.

Der Feldzug wird nicht lange dauern, aber er wird entscheidend sein.

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