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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Unvorhergesehene Entwickelung.

Ein Bankett zu einem Schmerz, das giebt einen noch stärkeren Schmerz oder die völlige Tröstung.

Pitou bemerkte nach Verlauf von zwei Stunden, daß er keinen Zuwachs an Schmerzen verspüre. Er stand auf, als alle seine Gefährten nicht mehr aufstehen konnten.

Er hielt eine Rede an sie über die Mäßigkeit der Spartaner, als alle bis zur Bewußtlosigkeit berauscht waren.

Und er sagte sich, es wäre gut, spazieren zu gehen, indes alle unter dem Tisch schnarchten.

Was die jungen Mädchen von Haramont betrifft, so sind wir es ihrer Ehre schuldig, zu erklären, daß sie vor dem Nachtisch verschwunden waren, ohne daß ihr Kopf, ihre Beine und ihr Herz bezeichnend gesprochen hatten.

Pitou, der Brave der Braven, konnte nicht umhin, einige Betrachtungen anzustellen.

Von all dieser Liebe, von allen diesen Reichtümern, von allen diesen Schönheiten, blieb ihm nichts mehr im Gedächtnis, als die letzten Blicke und die letzten Worte Katharines.

Er erinnerte sich, daß die Hand Katharines die seinige mehrere Mal berührt, daß ihre Schulter die seinige freundschaftlich gestreift hatte; daß ihm während der Stunden der Erörterung sogar gewisse Vertraulichkeiten von seiten Katharines alle ihre Vorzüge und Lieblichkeiten enthüllt hatten.

Dann ebenfalls trunken von dem, was er bei kaltem Blute vernachlässigt, suchte er um sich her, wie es ein Mensch thut, der eben erwacht. Er fragte die Schatten, warum so viel Strenge gegen eine junge Frau voller Liebe, Süßigkeit und Anmut? gegen eine junge Frau, die beim Eintritt in das Leben ihre Grillen gehabt haben konnte? Ach! wer hatte nicht die seinigen!

Pitou fragte sich auch, warum es ihm, einem Bären, einem Häßlichen, einem Armen, sogleich gelungen sein sollte, dem hübschesten Mädchen der Gegend Liebesgefühle einzuflößen, während bei diesem Mädchen ein schöner, adeliger Herr, der Pfau der Gegend, das Rad zu schlagen sich die Mühe gab.

So durch die Philosophie gegen die schlimmen Neigungen wieder gestählt, gestand sich Pitou, er habe gegen das Mädchen ein unpassendes, wenn nicht verdammenswertes Benehmen beobachtet. Er sagte sich, das sei das Mittel, Abscheu gegen sich zu erregen und erkannte seine Berechnung als eine durchaus verfehlte; geblendet durch Herrn von Charny werde Katharine den Vorwand nehmen, Pitous glänzende und solide Eigenschaften nicht anzuerkennen, wenn er jenen schlimmen Charakter offenbare; er müsse also Katharine den Beweis eines guten Charakters geben.

Und wie?

Pitou, diese gute Seele, diese schöne Seele, glühend von Wein und Glück, sagte sich, er werde Katharine so beschämen, daß sie einen Jungen wie ihn nicht liebe, daß sie sich eines Tags gestehen werde, sie habe ihn verkannt.

Und dann, müssen wir es sagen? die keuschen Ansichten Pitous konnten es nicht zulassen, daß die reine, die stolze, die schöne Katharine etwas anders sei für Herrn Isidor, als eine Kokette.

An einem schönen Tag würde Herr Isidor nach der Stadt gehen, eine Gräfin heiraten, Katharine nicht mehr anschauen, und der Roman hätte ein Ende.

Alle diese eines Greises würdigen Betrachtungen gab der Wein, der die Alten verjüngt, unserm wackeren Kommandanten der Nationalgarde von Haramont ein.

Um nun Katharine wohl zu beweisen, daß er ein Mensch von gutem Charakter sei, beschloß er, eines um das andre die schlimmen Worte von diesem Abend wieder zu erwischen. Um dies zu thun, mußte er vor allem Katharine wieder ertappen.

Für einen trunkenen Menschen, der keine Uhr hat, giebt es keine Stunden. Pitou besaß keine Uhr, und er hatte nicht zehn Schritte außer dem Hause gemacht, als er trunken war wie ein Bacchus oder sein vielgeliebter Sohn Thespis.

Er erinnerte sich nicht mehr, daß er Katharine seit mehr als drei Stunden verlassen habe und daß sie, um nach Pisseleux zurückzukehren, höchstens eine kleine Stunde brauchte.

Er stürzte in den Wald und schritt kühn quer durch die Bäume, um Pisseleux, mit Vermeidung der zickzackigen Wege, in der geradesten Richtung zu erreichen.

Lassen wir ihn mit gewaltigen Fußtritten und Stockstreichen die Bäume, Büsche und Sträuche des Waldes des Herzogs von Orleans beschädigen, der ihm die Streiche mit Wucher zurückgab.

Begeben wir uns wieder zu Katharine, die, nachdenkend und trostlos, mit ihrer Mutter nach Hause kehrte.

Einige Schritte vom Pachthofe ist ein Sumpf; bei dieser Stelle wird der Weg schmäler, und zwei Pferde, die nebeneinander gekommen sind, müssen hintereinander gehen.

Die Mutter Billot ritt voran.

Katharine wollte auch weiter reiten, als sie ein leises Pfeifen hörte, das einen Ruf bedeutete.

Sie wandte sich um und erblickte im Schatten die Tressen einer Mütze, welche die des Lakais von Isidor war.

Sie ließ ihre Mutter ihres Wegs ziehen, was diese auch ohne Besorgnis that, da man nur hundert Schritte vom Pachthof entfernt war.

Der Lakai kam auf sie zu und sagte:

Jungfer, Herr Isidor muß Sie heute abend notwendig sehen; er bittet Sie, ihn um elf Uhr irgendwo, wo Sie wollen, zu erwarten.

Mein Gott! versetzte Katharine, sollte ihm ein Unglück widerfahren sein?

Ich weiß es nicht, Jungfer, doch heute abend hat er von Paris einen schwarz gesiegelten Brief erhalten; schon seit einer Stunde warte ich hier.

Es schlug zehn Uhr in der Kirche von Villers-Cotterets, und die Stunden zogen eine nach der andern, in der Luft bebend, auf ihren ehernen Flügeln getragen vorüber.

Katharine schaute umher.

Der Ort ist dunkel und abgelegen, sagte sie; ich werde Ihren Herrn hier erwarten.

Der Lakai stieg wieder zu Pferde und ritt weg im Galopp.

Katharine kehrte ganz zitternd hinter ihrer Mutter in den Pachthof zurück.

Was konnte ihr Isidor zu einer solchen Stunde zu eröffnen haben, wenn nicht ein Unglück?

Ein Liebesrendevous entlehnt lachendere Formen.

Doch das war nicht die Frage. Isidor verlangte ein Rendevous in der Nacht, gleichviel zu welcher Stunde, gleichviel an welchem Ort: sie hätte ihn auf dem Friedhofe von Villers-Cotterets um Mitternacht erwartet.

Sie wollte also nicht einmal nachdenken, küßte ihre Mutter und zog sich in ihr Zimmer zurück, scheinbar, um sich schlafen zu legen.

Als Katharine in ihr Zimmer zurückgekehrt war, kleidete sie sich weder aus, noch legte sie sich nieder. Sie wartete. Sie hörte halb elf Uhr schlagen, dann löschte sie ihre Lampe aus und eilte ins Speisezimmer hinab.

Die Fenster des Speisezimmers gingen auf den Weg; sie öffnete ein Fenster und sprang leise zu Boden.

Sie ließ das Fenster offen, um zurückkehren zu können, und legte nur einen von den Läden am Kreuzstock an.

Dann lief sie in der Nacht an die bezeichnete Stelle, und hier, das Herz bebend, die Beine zitternd, eine Hand an ihrem brennenden Kopf, die andre auf ihrer Brust, die dem Zerspringen nahe war, wartete sie.

Sie hatte nicht lange zu warten. Das Geräusch laufender Pferde drang in ihr Ohr. Sie machte einen Schritt vorwärts. Isidor war bei ihr; der Lakai blieb zurück.

Ohne vom Pferde zu steigen, streckte Isidor die Arme nach ihr aus, hob sie vom Steigbügel empor, küßte sie und sagte: Katharine, sie haben gestern in Versailles meinen Bruder Georges getötet; Katharine, mein Bruder Olivier ruft mich, und ich muß dich verlassen.

Ein schmerzlicher Ausruf erscholl. Katharine schloß Charny wütend in ihre Arme.

Oh! rief sie, sie haben Ihren Bruder Georges getötet, sie werden auch Sie töten.

Was auch geschehen mag, mein ältester Bruder erwartet mich; Katharine, Sie wissen, ob ich Sie liebe.

Oh! bleiben Sie! bleiben Sie! rief Katharine, die von dem, was ihr Isidor sagte, nur eines begriff: daß er gehe.

Aber die Ehre, Katharine! aber mein Bruder Georges! aber die Rache!

Oh! Sie weinen, sagte Sie; Dank, Dank! Sie lieben mich!

Ah! ja, ja, Katharine, ich liebe dich. Aber begreifst du, Katharine, mein Bruder, der älteste, schreibt mir: komm! und ich muß gehorchen.

Gehen Sie also, sprach Katharine, ich halte Sie nicht zurück.

Einen letzten Kuß, Katharine.

Gott befohlen!

Und in ihr Schicksal ergeben, glitt Katharine aus den Armen ihres Geliebten auf den Boden.

Isidor wandte die Augen ab, seufzte, zögerte einen Augenblick; aber fortgezogen durch den unwiderstehlichen Befehl, den er erhalten, setzte er, Katharine ein letztes Lebewohl zuwerfend, sein Pferd in Galopp. Der Lakai folgte ihm querfeldein.

Katharine blieb auf dem Boden, auf der Stelle, wohin sie gefallen war, und versperrte mit ihrem Leib den schmalen Weg.

Beinahe in demselben Augenblick erschien auf dem Hügel ein Mensch, der von Villers-Cotterets herkam; er ging mit großen Schritten in der Richtung des Pachthofes und stieß in seinem raschen Lauf an den leblosen Körper, der auf dem Pflaster der Straße lag.

Er verlor das Gleichgewicht, stolperte, rollte, und fand sich erst zurecht, als er mit seinen Händen den trägen Körper berührte.

Katharine! rief er, Katharine tot!

Und er stieß einen entsetzlichen Schrei aus, einen Schrei, der die Hunde des Pachthofes heulen machte.

Oh! fuhr er fort, wer hat denn Katharine getötet?

Und er setzte sich bleich, zitternd, eiskalt nieder und legte diesen leblosen Körper quer über seinen Schoß.

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