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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Katharine treibt Diplomatie.

Der Vater Clouis hatte seine Flinte. Pitou war ein Junge von Ehre: für ihn war die versprochene Sache eine schuldige Sache.

Zwei dem ersten ähnliche Besuche machten aus Pitou einen vollkommenen Grenadier.

Leider war der Vater Clouis nicht so stark im Manövrieren, als im Exerzieren; als er die Wendungen und Veränderungen erklärt hatte, war er mit seinem Wissen zu Ende.

Pitou nahm nun seine Zuflucht Zu dem soeben erschienenen Handbuch für die Nationalgarde, worauf er die Summe von einem Thaler verwandte.

Durch das großmütige Opfer seines Kommandanten lernte das Bataillon von Haramont sich ziemlich angenehm auf einem Terrain bewegen.

Als Pitou fühlte, daß sich die Bewegungen verwickelten, machte er eine Reise nach Soissons, einer Garnisonsstadt, sah wirkliche Bataillone, geführt von wirklichen Offizieren, manövrieren, und lernte hier an einem Tage mehr, als er mittelst Theorien in zwei Monaten gelernt hätte.

So vergingen zwei Monate, zwei Monate der Arbeit, der Anstrengung und der fieberhaften Aufregung.

Pitou, ehrgeizig, verliebt, unglücklich in der Liebe, aber, eine schwache Entschädigung, mit Ruhm gesättigt, Pitou hatte tüchtig geschüttelt, was gewisse Philosophen geistreicherweise das Tier nennen.

Bei Pitou war das Tier ohne Schonung der Seele geopfert worden. Dieser Mensch war so viel gelaufen, hatte so rastlos seine Glieder gerührt, so sehr seinen Geist geschärft, daß man sich wundern müßte, wenn er dabei an die Befriedigung oder die Tröstung seines Herzens gedacht hätte.

Dennoch war es so.

Wie oft nach dem Exerzieren hatte sich Pitou nicht hinreißen lassen, die Ebenen von Largny und von Roue in ihrer ganzen Länge, und dann den Wald in seiner ganzen Tiefe zu durchwandern, um an den Saum der Felder von Boursonne zu gehen, und Katharine, die noch immer ihre Rendevous unterhielt, zu belauern.

Katharine, ein paar Stunden des Tags den Arbeiten des Hauses entziehend, traf in einem kleinen Pavillon, der mitten in dem zum Schlosse Boursonne gehörigen Kaninchengehege lag, mit dem geliebten Isidor zusammen, mit diesem glücklichen Sterblichen, der immer stolzer, immer schöner sich erhob, während alles um ihn her litt und sank.

Wie viel Bangigkeiten erfüllten das Herz des armen Pitou! welche traurigen Betrachtungen war er genötigt, anzustellen über die Ungleichheit der Menschen im Punkte der Glückseligkeit!

Er, dem die Mädchen von Haramont, von Taillefontaine und von Vivieres huldigten, er, der auch seine Rendevous im Walde gefunden hätte, und der, statt stolz einherzugehen als ein glücklicher Liebhaber, lieber wie ein geschlagenes Kind vor der geschlossenen Thüre des Pavillons von Herrn Isidor weinte!

Das war so, weil Pitou Katharine liebte, weil er sie leidenschaftlich liebte, weil er sie um so mehr liebte, als er sie über ihm erhaben fand.

Er dachte nicht einmal mehr darüber nach, daß sie einen andern liebte. Nein, für ihn hatte Isidor aufgehört, ein Gegenstand der Eifersucht zu sein. Isidor war würdig, geliebt zu sein; aber Katharine, ein Mädchen aus dem Volke, hätte vielleicht ihre Familie nicht entehren, oder sie hätte wenigstens Pitou nicht in Verzweiflung bringen sollen.

Wenn er überlegte, hatte die Reflexion sehr scharfe Spitzen, sehr grausame Stiche.

Wie! sagte sich Pitou, es hat ihr dergestalt an Gemüt gefehlt, daß sie mich hat gehen lassen! Und seitdem ich gegangen bin, hat sie nicht einmal die Gewogenheit gehabt, sich zu erkundigen, ob ich Hungers gestorben. Was würde der Vater Billot sagen, wenn er wüßte, daß man so seine Freunde verläßt, daß man so seine Angelegenheiten vernachlässigt? Was würde er sagen, wenn er wüßte, daß die Verwalterin des Hauses, statt die Arbeitsleute des Pachthofes zu beaufsichtigen, ihrer Liebschaft mit Herrn von Charny, einem Aristokraten, nachgeht?

Der Vater Billot würde nichts sagen. Er würde Katharine umbringen.

Es ist doch etwas, dachte Pitou, es ist doch etwas, das leichte Mittel einer solchen Rache in seinen Händen zu haben.

Ja, doch es war schön, sich dessen nicht zu bedienen.

Pitou hatte es indessen schon erprobt, die mißkannten schönen Handlungen nützen denjenigen nicht, welche sie vollbracht haben.

Wäre es nicht möglich, Katharine wissen zu lassen, daß man so schöne Handlungen vollbringe?

Ei! mein Gott, nichts war leichter: man durfte nur an einem Sonntag beim Tanze Katharine anreden und ihr wie zufällig eines von den schrecklichen Worten sagen, die den Schuldigen offenbaren, daß ein Dritter ihr Geheimnis ergründet hat.

War das nicht gar leicht thunlich, und geschehe es auch nur, um diese Hoffärtige ein wenig leiden zu sehen?

Doch, um zum Tanze zu gehen, mußte man sich abermals der Vergleichung aussetzen mit diesem schönen Herrn: und diese Vergleichung war für einen Nebenbuhler, wie Pitou, keine erwünschte Stellung.

Erfindungsreich, wie alle diejenigen, welche ihren Kummer zu konzentrieren wissen, fand Pitou etwas Besseres als das Gespräch beim Tanze.

Der Pavillon, in dem die Rendevous von Katharine mit dem Herrn von Charny stattfanden, war von einem dichten Gehölze umgeben, das an den Wald von Villers-Cotterets stieß.

Ein einfacher Graben bezeichnete die Grenze zwischen dem Eigentum des Grafen und dem Eigentum des Privatmanns.

Katharine, die jeden Augenblick in den Geschäften des Pachthofes nach den umliegenden Dörfern gerufen wurde und notwendig durch den Wald reiten mußte; Katharine, der man nichts sagen konnte, so lange sie in diesem Wald war, hatte nur über den Graben zu setzen, um im Walde ihres Liebhabers zu sein.

Dieser Punkt war gewiß als der vorteilhafteste für das Leugnen gewählt.

Der Pavillon beherrschte das Gehölze dergestalt, daß man durch die schrägen, mit farbigen Gläsern versehenen Luken alles in der Umgebung wahrnehmen konnte, und der Ausgang des Pavillons war durch das Gehölz so gut verborgen, daß eine Person, die herausritt, sich mit drei Sprüngen ihres Pferdes im Walde, das heißt auf neutralem Gebiete, befinden konnte.

Pitou war aber bei Tag und bei Nacht so oft gekommen, er hatte das Terrain so gut studiert, daß er den Ort, wo Katharine herauskam, ganz genau wußte.

Nie kehrte Katharine von Isidor gefolgt in den Wald zurück. Isidor blieb einige Zeit nach ihr im Pavillon, um darüber zu wachen, daß ihr bei ihrem Abgang nichts begegne; dann entfernte er sich auf der entgegengesetzten Seite, und alles war vorbei.

An dem Tag, den Pitou für sein Unternehmen wählte, legte er sich am Weg, den Katharine passieren mußte, in den Hinterhalt; er stieg auf eine ungeheure Buche, die mit ihren dreihundert Jahren den Pavillon und das Gehölz überragte.

Es verging keine Stunde, daß er Katharine vorbeireiten sah. Sie band ihr Pferd in einer Schlucht des Waldes an, und gleich einer erschrockenen Hündin setzte sie mit einem Sprung über den Graben und durchschritt das Gehölz, das zum Pavillon führte. Katharine war gerade unter der Buche, auf der Pitou saß, vorübergekommen.

Pitou brauchte nur von seinem Aste herabzusteigen und sich an den Baumstamm anzulehnen. Sobald er hier war, zog er aus seiner Tasche ein Buch, der vollkommene Nationalgardist, das er zu lesen sich den Anschein gab.

Nach einer Stunde drang das Geknarre einer Thüre an Pitous Ohr. Im Blätterwerk wurde das Rauschen eines Kleides hörbar. Der Kopf Katharines erschien außerhalb der Zweige; sie schaute mit erschrockener Miene umher, ob sie niemand sehen könne.

Sie war zehn Schritte von Pitou.

Unbeweglich und unempfindlich hielt Pitou sein Buch in feinem Schoße.

Nur stellte er sich nicht mehr, als lese er, und schaute Katharine absichtlich an, damit sie sehe, daß er sie anschaue.

Katharine gab einen halberstickten Schrei von sich -- erkannte Pitou, wurde bleich, als ob der Tod an ihr vorübergezogen wäre und sie berührt hätte, und nach einer kurzen Unentschlossenheit, die sich im Zittern ihrer Hände und im Zucken ihrer Schultern verriet, stürzte sie blindlings in den Wald, wo sie ihr Pferd wieder fand, auf dem sie entfloh.

Die Falle von Pitou war gut gewesen, und Katharine hatte sich fangen lassen.

Pitou kam halb glücklich, halb erschrocken nach Haramont zurück. Denn kaum hatte er sich von dem, was er vollbracht, thatsächlich Rechenschaft gegeben, als er in diesem einfachen Schritt eine Menge erschrecklicher Einzelheiten erblickte, an die er anfangs nicht gedacht.

Der folgende Sonntag war in Haramont für eine militärische Feierlichkeit bestimmt.

Hinreichend instruiert, hatten die Nationalgardisten des Dorfes ihren Kommandanten gebeten, sie zu versammeln und eine öffentliche Uebung vornehmen zu lassen.

Einige durch die Eifersucht in Bewegung gesetzte Dörfer, die auch militärische Uebungen gemacht hatten, sollten nach Haramont kommen, um eine Art von Wettkampf mit ihren Aelteren in der Laufbahn der Waffen einzugehen. Eine Deputation von jedem dieser Dörfer hatte sich mit Pitous Generalstab verständigt; ein Bauersmann, ein ehemaliger Sergeant, befehligte sie.

Die Ankündigung eines so schönen Schauspiels lockte eine große Anzahl Neugieriger im Sonntagsstaat herbei, und das Marsfeld von Haramont wurde schon morgens früh von einer Menge Mädchen und Kinder überströmt, denen langsamer, aber nicht mit geringerem Interesse die Väter und Mütter der Streiter folgten.

Den Anfang machten Imbisse, indem man sich lagerte auf dem Grasboden, einfache Festessen von Obst und Brotkuchen, durch das klare Wasser der Quelle angefeuchtet.

Bald erschollen vier Trommeln in verschiedenen Richtungen; sie kamen von Largny, von Bez, von Taillefontaine und von Vivieres.

Haramont war ein Mittelpunkt geworden; es hatte seine vier Hauptpunkte.

Die fünfte Trommel ging mutig und führte aus Haramont ihre dreiunddreißig Nationalgardisten.

Unter den Zuschauern bemerkte man einen Teil der adeligen und bürgerlichen Aristokratie, welche gekommen war, um darüber zu lachen.

Dabei befanden sich viele Pächter aus der Umgegend, die ihre Schaulust befriedigen wollten.

Bald trafen auf zwei Pferden, nebeneinander reitend, Katharine und die Mutter Billot ein.

Das war der Augenblick, als eben die Nationalgarde von Haramont aus dem Dorfe ausmündete, mit einem Pfeifer, einem Trommler und ihrem Kommandanten Pitou an der Spitze, der einen großen Schimmel ritt, den ihm sein Leutnant Maniquet geliehen hatte, damit die Nachahmung von Paris vollkommener wäre und Herr von Lafayette in Haramont leibhaftig repräsentiert würde.

Strahlend vor Stolz, mit würdevoller Haltung, den Degen in der Hand, ritt Pitou auf dem breiten Roß mit silberner Mähne und, ohne Spott, er stellte, wenn nicht etwas Elegantes und Aristokratisches, wenigstens etwas Kräftiges und Beherztes vor, was mit Vergnügen anzuschauen war.

Der siegreiche Aufmarsch von Pitou und seinen Leuten wurde durch freudigen Zuruf begrüßt.

Die Nationalgarde von Haramont hatte gleiche Hüte, alle geschmückt mit der Nationalkokarde, glänzende Flinten, und marschierte in zwei Gliedern mit einem sehr befriedigenden Gesamteindruck. Als sie auf den Exerzierplatz kam, hatte sie auch bereits alle Stimmen der Versammlung für sich gewonnen.

Pitou erblickte aus dem Augenwinkel Katharine.

Er errötete, sie erbleichte.

Die Revue hatte von diesem Augenblick an für ihn mehr Interesse als für jedermann.

Er ließ die Leute zuerst das einfache Exerzitium mit der Flinte machen, und jede Bewegung, die er kommandierte, wurde so pünktlich ausgeführt, daß die Luft von Bravos erscholl.

Nicht dasselbe war bei den andern Dörfern der Fall; sie zeigten sich matt und unregelmäßig. Halb bewaffnet, halb unterrichtet, fühlten sich die einen schon demoralisiert durch die Vergleichung, die andern übertrieben hochmütig.

Alle gaben nur unvollkommene Resultate.

Doch vom Exerzitium sollte man zum Manövrieren übergehen. Hier erwartete der Sergeant seinen Nebenbuhler Pitou.

Der Sergeant hatte, in Betracht seines Dienstalters, das Oberkommando erhalten, und es handelte sich für ihn ganz einfach darum, die hundertundsiebzig Mann der Hauptarmee marschieren und manövrieren zu lassen.

Er konnte es aber nicht zu stande bringen.

Seinen Degen unter dem Arm und seinen getreuen Helm auf dem Kopfe, schaute Pitou mit dem Lächeln des überlegenen Feldherrn zu.

Als der Sergeant die Spitzen seiner Kolonne unter den Bäumen des Waldes hatte verschwinden sehen, während die Schweife den Weg nach Haramont einschlugen; als sich seine Carres in unrichtigen Entfernungen zerstreuten; als die Rotten auf eine sehr unerfreuliche Art sich vermengten und die Rottenführer sich verirrten, verlor er den Kopf, und wurde von seinen zwanzig Soldaten mit einem Gemurmel des Mißfallens begrüßt.

Ein Schrei erscholl auf der Seite von Haramont.

Pitou! Pitou! Pitou!

Ja, ja, Pitou! riefen die Leute von den andern Dörfern, wütend über ihre geringeren Fähigkeiten, die sie liebreich ihren Instruktoren zuschrieben.

Pitou bestieg wieder seinen Schimmel, kehrte zu seiner Mannschaft zurück, die er an die Spitze der Armee stellte und ließ ein Kommando von solcher Stärke und einem so herrlichen Baß erschallen, daß die Eichen darüber erbebten.

Auf der Stelle und wie durch ein Wunder bildeten die in Unordnung geratenen Glieder sich wieder; die befohlenen Bewegungen wurden mit einer Übereinstimmung ausgeführt, deren Regelmäßigkeit der Enthusiasmus nicht störte, und Pitou wandte die Lektionen des Vaters Clouis und die Theorie des vollkommenen Nationalgardisten so glücklich in der Praxis an, daß er einen ungeheuren Erfolg erlangte.

Einmütig und einstimmig ernannte ihn das Heer auf dem Schlachtfelde zum Befehlshaber.

Pitou stieg, in Schweiß gebadet und trunken vor Stolz, von seinem Pferde und empfing, als er den Boden berührte, die Glückwünsche des Volkes.

Zu gleicher Zeit suchte er aber unter der Menge den Blicken Katharines zu begegnen.

Plötzlich ertönte die Stimme des Mädchens an seinem Ohr.

Pitou hatte nicht nötig, zu Katharine zu gehen, Katharine war zu ihm gekommen.

Der Triumph war groß.

Nun! sprach sie mit einer lachenden Miene, die ihr bleiches Gesicht lügen strafte, wie! Herr Ange, Sie sagen uns nichts? Sie sind stolz geworden, weil Sie ein großer General sind ... Oh! nein, rief Pitou, oh! guten Morgen, Jungfer!

Dann zu Frau Billot:

Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, Frau Billot.

Und zu Katharine zurückkehrend:

Sie täuschen sich, Jungfer, ich bin kein großer General, ich bin nur ein armer Junge, beseelt von dem Wunsche, meinem Vaterlande zu dienen.

Dieses Wort wurde auf den Wogen der Menge fortgetragen und unter einem Sturme von Beifallsgeschrei für ein erhabenes Wort erklärt.

Ange, sagte leise Katharine, ich muß mit Ihnen sprechen.

Ah! ah! dachte Pitou, da sind wir.

Dann erwiderte er laut: Zu Ihren Befehlen, Jungfer.

Kommen Sie bald mit uns in den Pachthof zurück.

Gut.

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