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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Frau Billot dankt ab.

Um den Willen des geehrten Vaters zu hören, vereinigten die zwei Frauen ihre ganze Aufmerksamkeit. Pitou wußte wohl, daß die Aufgabe ziemlich schwierig war; er hatte die Mutter Billot und Katharine bei der Arbeit gesehen; er kannte die Gewohnheit des Befehlens der einen, die unbändige Unabhängigkeit der andern.

Katharine, ein so sanftes, ein so arbeitsames, ein so gutes Mädchen, hatte gerade durch die Wirkung dieser Eigenschaften eine ungeheure Gewalt über alle im Pachthofe erlangt; und was ist der Herrschgeist andres, als der feste Wille, nicht zu gehorchen?

Pitou, indem er seinen Auftrag auseinandersetzte, wußte ganz genau, welches Vergnügen er der einen, und welchen Kummer er der andern bereiten würde.

Auf die Nebenrolle zurückgewiesen, kam ihm die Mutter Villot wie eine unregelmäßige, alberne Sache vor. Das vergrößerte Katharine in den Augen Pitous, und unter den gegenwärtigen Umständen bedurfte Katharine dessen nicht.

Aber Pitou repräsentierte im Pachthofe einen von den Herolden Homers, einen Mund, ein Gedächtnis, und nicht einen Verstand. Er drückte sich in folgenden Worten aus:

Frau Billot, es ist die Absicht Herrn Billots, daß Sie sich so wenig als möglich plagen.

Wieso? fragte die gute Frau erstaunt.

Was bedeutet das Wort plagen? fragte die junge Katharine.

Das bedeutet, antwortete Pitou, daß die Verwaltung eines Pachthofes wie der Ihrige eine Regierung voller Sorgen und Arbeiten ist; es sind Händel zu machen ...

Nun? versetzte die gute Frau. Bezahlungen, Feldgeschäfte, Ernten ...

Wer sagt das Gegenteil?

Sicherlich niemand, Frau Billot; doch um die Händel zu machen, muß man reisen.

Ich habe mein Pferd.

Um zu bezahlen, muß man sich streiten.

Oh! ich habe einen guten Schnabel!

Für die Feldgeschäfte ...

Bin ich nicht gewohnt, die Leute zu beaufsichtigen?

Und um zu ernten! oh! das ist etwas andres; man muß für die Arbeiter die Küche besorgen, den Fuhrleuten helfen...

Für das Beste meines Mannes erschreckt mich dies alles nicht, rief die würdige Frau.

Aber, Frau Billot ... so viel Arbeit ... und ... ein wenig Alter ...

Ah! machte die Mutter Billot, indem sie Pitou schief anschaute.

Helfen Sie mir doch, Jungfer Katharine, sagte der arme Junge, da er sah, daß seine Kräfte in demselben Maße abnahmen, als die Lage schwieriger wurde.

Ich weiß nicht, was ich thun soll, um Ihnen zu helfen, erwiderte Katharine.

Nun! so hören Sie! sprach Pitou. Herr Billot hat nicht Frau Billot gewählt, um sich so wehe zu thun ...

Wen denn? unterbrach sie ihn, zitternd zugleich vor Bewunderung und vor Ehrfurcht.

Er hat jemand gewählt, der stärker ist. Er hat Jungfer Katharine gewählt.

Meine Tochter Katharine, um das Haus zu regieren! rief die Mutter mit einem Ausdruck von Mißtrauen und unbeschreiblicher Eifersucht.

Unter Ihren Befehlen, meine Mutter, sagte errötend hastig das junge Mädchen.

Nein, nein, entgegnete Pitou, der, sobald er einmal die Bahn gebrochen, auch geradezu auf das Ziel losging, nein, ich vollziehe den Auftrag ganz und gar. Herr Billot betraut und bevollmächtigt an seiner Stelle, für jede Arbeit und alle Angelegenheiten des Hauses, -- Jungfer Katharine.

Jedes von diesen Worten, von der Wahrheit betont, drang der Hausfrau ins Herz, und diese Natur war so gut, daß, statt eine herbere Eifersucht und einen brennenderen Zorn darauf zu ergießen, die Gewißheit ihrer Hintansetzung sie gefaßter, gehorsamer, mehr von der Unfehlbarkeit ihres Mannes durchdrungen fand.

Konnte sich Billot täuschen? Konnte man Billot nicht gehorchen?

Das waren die zwei einzigen Beweisgründe, die sich die wackere Frau gegen sich selbst gab.

Und ihr ganzer Widerstand hörte auf.

Sie schaute ihre Tochter an, in deren Augen sie nur Vertrauen, guten Willen für das Gelingen, unveränderliche Zärtlichkeit und Ehrfurcht las. Sie gab durchaus nach.

Herr Billot hat recht, sagte sie; Katharine ist jung, sie hat einen guten Kopf, sie ist sogar starrköpfig.

Oh! ja, sprach Pitou im Glauben, er schmeichle der Eitelkeit von Katharine, während er zugleich ein Witzwort auf sie abschoß.

Katharine, fuhr die Mutter Billot fort, Katharine wird flinker auf den Beinen sein, als ich; sie wird besser ganze Tage den Arbeitern nachzulaufen imstande sein. Sie wird besser verkaufen; sie wird sicherer einkaufen. Sie wird sich Gehorsam zu verschaffen wissen!

Katharine errötete.

Wohlan! fuhr die gute Frau fort, ohne daß sie nur einen Seufzer zu unterdrücken nötig hatte, Katharine wird ein wenig auf den Feldern umherlaufen! sie wird die Börse führen, man wird sie immer unterwegs sehen ... meine Tochter wird nun in einen Jungen verwandelt sein ...

Mit der Miene eines von sich eingenommenen Menschen entgegnete Pitou: Fürchten Sie nichts für Jungfer Katharine; ich bin da, und ich werde sie überallhin begleiten.

Dieses freundliche Anerbieten, mit dem Pitou ohne Zweifel Effekt zu machen hoffte, zog ihm von Katharine einen so seltsamen Blick zu, daß er ganz verblüfft war.

Das Mädchen errötete, nicht wie die Frauen, denen man Vergnügen macht, sondern in jener gesprenkelten Schattierung, die, durch ein doppeltes Anzeichen die doppelte Thätigkeit der Seele verratend, zugleich den Zorn und die Ungeduld, den Wunsch, zu sprechen, und das Bedürfnis, zu schweigen, bezeichnet.

Pitou war kein Mensch von Welt, er fühlte dies nicht. Da er aber begriffen hatte, daß die Röte Katharines keine vollständige Einwilligung war, so fragte er mit einem angenehmen Lächeln, das seine mächtigen Zähne unter seinen dicken Lippen enthüllte: Wie? Sie schweigen, Jungfer Katharine?

Sie wissen also nicht, Herr Pitou, daß Sie eine Albernheit gesagt haben?

Eine Albernheit! versetzte der Verliebte.

Wahrlich! rief die Mutter Billot, braucht denn meine Tochter eine Leibwache?

Aber in den Wäldern! versetzte Pitou mit einer so naiv gewissenhaften Miene, daß es ein Verbrechen gewesen wäre, darüber zu lachen.

Gehört das auch zu den Verhaltungsbefehlen meines Mannes? fuhr die Mutter Billot fort, die damit gegen Pitou einige Geneigtheit zum Witz zeigte.

Oh! sagte Katharine, das wäre das Gewerbe eines Faulenzers, das mein Vater Herrn Pitou nicht geraten haben kann, und das Herr Pitou von meinem Vater nicht angenommen hätte.

Pitou ließ erschrocken seine Augen von Katharine zur Mutter Billot laufen; sein ganzes Gerüste stürzte zusammen.

Katharine, ein echtes Weib, begriff Pitous schmerzliche Täuschung.

Herr Pitou, sagte sie, haben Sie in Paris die Mädchen so ihre Ehre bloßstellen sehen, daß sie immer Jungen hinter sich schleppten?

Sie sind aber kein Mädchen, entgegnete Pitou, da Sie die Gebieterin des Hauses sind.

Vorwärts! genug geschwatzt! rief ungestüm die Mutter Billot, die Gebieterin des Hauses hat viele Dinge zu thun. Komm, Katharine, daß ich dir nach den Befehlen deines Vaters das Haus übergebe.

Da begann vor den Augen des erstaunten, unbeweglichen Pitou eine Zeremonie, der es weder an Größe, noch an Poesie in ihrer ländlichen Einfachheit gebrach.

Die Mutter Billot zog ihre Schlüssel vom Bund, händigte einen nach dem andern Katharine ein und übergab ihr das Verzeichnis der Wäsche, der Flaschen, der Möbel und der Vorräte. Sie führte ihre Tochter zu dem alten Sekretär von eingelegter Arbeit vom Jahre 1738 oder 1740, in dem der Vater Billot seine Papiere, seine Louisd'or und den ganzen Schatz und die Archive der Familie verwahrte.

Katharine ließ sich ernst mit der Vollmacht und den Geheimnissen bekleiden; sie befragte ihre Mutter mit Scharfsinn, dachte bei jeder Antwort nach und schien die Unterweisung in die Tiefen ihres Gedächtnisses und ihrer Vernunft wohl zu verschließen.

Nach Untersuchung der Gegenstände des Hauses ging die Mutter Billot zum Vieh über, das man mit großer Genauigkeit in Augenschein nahm.

Doch das war eine einfache Förmlichkeit.

Bei diesem Zweige der Bewirtschaftung hatte das Mädchen schon längst die spezielle Verwaltung.

Den Kopf gesenkt, die Hände hängend, in Gedanken zerstreut, folgte Pitou maschinenmäßig dem Mädchen und seiner Mutter bei ihrem Musterungsgange.

Man hatte kein Wort an ihn gerichtet. Er war da wie ein Wächter im Theater, und sein Helm trug nicht wenig dazu bei, ihm eigentümlich den bizarren Anschein zu geben.

Man ließ sodann Knechte und Mägde die Revue passieren.

Die Mutter Billot befahl, einen Halbkreis zu bilden, in dessen Mitte sie sich stellte.

Meine Kinder, sagte sie, unser Herr kommt noch nicht von Paris zurück; doch hat er uns einen Stellvertreter gewählt.

Das ist meine Tochter Katharine hier, die noch im Alter der fröhlichen Jugend und ungeschwächten Stärke steht; ich, ich bin alt und habe einen schwachen Kopf. Der Herr hat wohl gethan. Die Gebieterin des Hauses ist nun Katharine. Das Geld giebt und empfängt sie. Ihre Befehle werde ich zuerst einholen und vollziehen; diejenigen von Euch, die ungehorsam wären, hätten es mit ihr zu thun.

Katharine fügte kein Wort bei. Sie küßte ihre Mutter zärtlich. Die Wirkung dieses Kusses war größer als alle Phrasen. Die Mutter Billot weinte.

Alle Knechte begrüßten die neue Herrschaft durch Zuruf.

Sogleich trat Katharine in Funktion und verteilte die Dienste. Jeder empfing seinen Auftrag und ging weg, um ihn mit dem guten Willen auszuführen, mit dem man beim Anfang einer Regierung zu Werke geht.

Pitou, der allein geblieben, näherte sich am Schlusse Katharine und sagte zu ihr: Und ich?

Ah! antwortete sie, ich habe Ihnen nichts zu befehlen.

Wie, ich soll also bleiben, um nichts zu thun?

Was wollen Sie thun?

Was ich vor meinem Abgang that.

Vor Ihrem Abgang waren Sie von meiner Mutter aufgenommen.

Aber Sie sind die Gebieterin, geben Sie mir Arbeit.

Ich habe keine für Sie, Herr Ange.

Warum nicht?

Weil Sie ein Gelehrter, ein Herr von Paris sind, dem diese bäuerischen Arbeiten nicht anstehen.

Ist es möglich! rief Pitou.

Katharine machte ein Zeichen, das besagen wollte: Es sei so.

Ich, ein Gelehrter! wiederholte Pitou. Aber sehen Sie doch meine Arme, Jungfer Katharine.

Gleichviel.

Ei, Jungfer Katharine, sprach der arme Junge in Verzweiflung, warum sollten Sie mich denn unter dem Vorwand, ich sei ein Gelehrter, nötigen, Hungers zu sterben? Sie wissen also nicht, daß der Philosoph Epiktet diente, um zu essen, daß der Fabeldichter Aesop sein Brot im Schweiße seines Angesichts aß? Das waren doch gelehrtere Leute als ich, diese zwei Herren.

Was wollen Sie? das ist nun so.

Aber Herr Billot hat mich als einen angenommen, der zu seinem Hause gehörte; er schickt mich von Paris zurück, um abermals dazu zu gehören.

Es mag sein, mein Vater konnte Sie nötigen, Arbeiten zu verrichten, die ich Ihnen aufzulegen nicht wagen würde.

Legen Sie sie mir nicht auf.

Ja, dann werden Sie müßig gehen, und das vermöchte ich Ihnen nicht zu erlauben. Mein Vater hatte als Herr das Recht, zu thun, was mir als einer bloßen Stellvertreterin verboten ist. Ich verwalte sein Gut, sein Gut muß eintragen.

Nun ja, da ich arbeiten will, werde ich eintragen; Sie sehen wohl, Jungfer Katharine, Sie drehen sich in einem fehlerhaften Kreise.

Wie beliebt? versetzte Katharine, die die großen Phrasen von Pitou nicht verstand. Was ist ein fehlerhafter Kreis?

Man nennt einen fehlerhaften Kreis ein schlechtes Raisonnement. Nein, lassen Sie mich auf dem Pachthof und geben Sie mir die Frohnen, wenn Sie wollen. Sie werden dann sehen, ob ich ein Gelehrter und ein Faulenzer bin. Uebrigens haben Sie Bücher zu führen und Register in Ordnung zu halten. Das Rechenwesen schlägt eben in mein Fach.

Das ist meiner Ansicht nach keine genügende Beschäftigung für einen Mann, erwiderte Katharine.

Dann bin ich also zu nichts nütze?

Leben Sie immerhin hier, sprach Katharine gelinder, ich werde nachdenken, und wir wollen sehen.

Sie verlangen nachzudenken, um zu wissen, ob Sie mich behalten sollen? Aber was habe ich Ihnen denn gethan, Jungfer Katharine? Ah! Sie waren früher nicht so.

Katharine zuckte unmerklich die Achseln.

Sie hatte Pitou keine guten Gründe anzugeben, und nichtsdestoweniger ermüdete sie offenbar seine Beharrlichkeit.

Sie brach auch das Gespräch ab und sagte:

Genug hiemit, Herr Pitou; ich gehe nach La Ferte-Milon.

Dann sattle ich eiligst Ihr Pferd, Jungfer Katharine.

Durchaus nicht; bleiben Sie im Gegenteil. Sie verbieten, daß ich Sie begleite?

Bleiben Sie, sprach Katharine gebieterisch.

Pitou blieb an seinen Platz genagelt, neigte das Haupt und preßte nach innen eine Thräne zurück, die sein Augenlid brannte, als wäre sie von siedendem Oel gewesen. Katharine ließ Pitou, wo er war, ging weg und gab einem Knechte des Pachthofes den Befehl, ihr Pferd zu satteln.

Ah! murmelte Pitou, Sie finden mich verändert, Jungfer Katharine, doch Sie sind es, und zwar ganz anders als ich.

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