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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Abgang, Reise und Ankunft von Pitou und Sebastian Gilbert.

Wir haben gesehen, unter welchen Umständen lange vor der Zeit, in der wir uns befinden, die Abreise Pitous und Gilberts beschlossen worden war.

Da es unsre Absicht ist, für den Augenblick die Hauptpersonen unsrer Geschichte zu verlassen, um den zwei Reisenden zu folgen, so werden unsre Leser erlauben, daß wir in einige Einzelheiten in Betreff ihrer Abreise, des Wegs, den sie nehmen, und ihrer Ankunft in Villers-Cotterets eingehen, wo, wie Pitou nicht bezweifelte, ihr doppelter Abgang eine große Leere zurückgelassen haben mußte.

Gilbert beauftragte Pitou, ihm Sebastian zu holen und zu ihm zu bringen. Zu diesem Ende ließ man Pitou in einen Fiaker steigen, und da man Sebastian dem Pitou anvertraut hatte, so wurde Pitou dem Kutscher anvertraut.

Gilbert und Billot warteten in einer Wohnung, die sie in der Rue Saint-Honore gemietet hatten.

Gilbert erklärte sodann seinem Sohne, er werde an demselben Abend mit Pitou abreisen, und fragte ihn, ob es ihm sehr angenehm sei, seine großen Wälder wiederzufinden, die er so sehr liebe.

Ja, mein Vater, antwortete das Kind, vorausgesetzt, daß Sie mich in Villers-Cotterets besuchen, oder daß ich Sie in Paris besuche.

Sei ruhig, mein Kind, sagte Gilbert, indem er seinen Sohn auf die Stirne küßte. Du weißt wohl, daß ich dich zu sehen jetzt nicht mehr entbehren könnte.

Pitou errötete vor Vergnügen bei dem Gedanken, an demselben Abend abzureisen.

Dann erbleichte er wieder vor Glück, als ihm Gilbert in eine Hand die beiden Hände Sebastians, und in die andre zehn Louisd'or legte.

Eine lange Reihe von Ermahnungen, beinahe alle Gesundheitslehren betreffend, wurde gewissenhaft angehört.

Sebastian schlug seine großen feuchten Augen nieder.

Pitou wog in seiner ungeheuren Tasche seine Louisd'or und lieh sie klingen.

Gilbert gab Pitou, der mit den Funktionen eines Hofmeisters bekleidet war, einen Brief an den Abbé Fortier.

Als die Rede des Doktors beendigt war, sprach Billot ebenfalls.

Herr Gilbert, sagte er, hat dir in Bezug auf Sebastian das Moralische anvertraut, ich betraue dich mit dem Körperlichen.

Du hast Fäuste, und du wirst bei Gelegenheit dich ihrer zu bedienen wissen.

Ja, erwiderte Pitou, und ich habe auch einen Säbel.

Mißbrauche ihn nicht, fuhr Billot fort.

Ich werde milde sein, sprach Pitou, clemens ero.

Ein Heros, wenn du willst, versetzte Billot, der sich nicht auf den Witz verstand.

Ich habe Euch nur noch die Art zu bezeichnen, wie Ihr, Sebastian und du, reisen werdet, sprach Gilbert.

Oh! rief Pitou, es sind nur achtzehn Meilen von Paris nach Villers-Cotterets, wir werden den ganzen Weg miteinander plaudern.

Sebastian schaute seinen Vater an, als wollte er ihn fragen, ob es belustigend sei, achtzehn Meilen mit Pitou zu plaudern.

Pitou fing diesen Blick auf.

Wir werden lateinisch sprechen, sagte er, und man wird uns für Gelehrte halten.

Das war der Traum des unschuldigen Geschöpfes.

Wie viele andre hätten mit zehn doppelten Louisd'or in der Tasche gesagt: Wir werden Pfefferkuchen kaufen.

Man beschloß, daß man sich, ohne etwas an Pitous Plane zu ändern, der dem jungen Gilbert, ohne zu große Anstrengung eine Reise voller Zerstreuungen versprach, am andern Morgen auf den Weg begeben wolle.

Gilbert hätte seinen Sohn in einem der öffentlichen Fuhrwerke, die in jener Zeit den Dienst von Paris noch der Grenze versahen, oder sogar in einem eigenen Wagen nach Villers-Cotterets schicken können; aber man weiß, wie sehr er für den jungen Sebastian die Vereinsamung des Geistes fürchtete, und nichts vereinsamt die Träumer so sehr, als das Rollen und das Geräusch des Wagens.

Pitou ging also mit Sebastian ab; dieser wandte sich sehr oft um und sandte Gilbert Küsse zu, der mit gekreuzten Armen auf der Stelle stand, wo ihn sein Sohn verlassen hatte, und ihm mit den Augen folgte, wie er einem Traume gefolgt wäre.

Pitou schickte sich an, seine Aufgabe, die zugleich das Amt eines Hofmeisters und einer Gouvernante in sich vereinigte, gewissenhaft zu erfüllen.

Er führte übrigens den kleinen Sebastian voll Selbstvertrauen weiter; die Dörfer, wegen der so nahen und neuen Ereignisse in Paris noch voll Bewegung und Schrecken, durchwanderte er ruhig. Denn obgleich wir die Ereignisse bis zum 5. und 6. Oktober erzählt haben, verließen doch Pitou und Sebastian Paris schon gegen Ende Juli.

Pitou hatte als Kopfputz seinen Helm und als Waffe seinen großen Säbel beibehalten. Das war alles, was er bei den Ereignissen vom 13. und 14. Juli gewonnen; doch diese doppelte Trophäe genügte seinem Ehrgeiz, und genügte sogar, indem sie ihm ein furchtbares Aussehen gab, für seine Sicherheit.

Ausgerüstet mit diesen zwei mächtigen Kräften, die er zwei starken Fäusten, einer seltenen Freundlichkeit des Lächelns und einem äußerst interessanten Appetit beizufügen wußte, reiste Pitou also sehr angenehm auf der Straße nach Villers-Cotterets.

Für die auf die Politik Neugierigen hatte er Neuigkeiten; übrigens fabrizierte er sie auch zur Not, denn er hatte in Paris gewohnt, wo diese Art Fabrikation zu jener Zeit merkwürdig war.

Er erzählte, wie Herr Berthier ungeheure vergrabene Schätze hinterlassen, und welche die Gemeinde eines Tags ausgegraben habe. Wie Herr von Lafayette, das Muster jedes Ruhmes, der Stolz des provinzialen Frankreichs, nur noch ein halb abgenutzter Gliedermann sei, dessen Schimmel die Witzbolde beköstige! Wie Herr Bailly, den Lafayette mit seiner innigen Freundschaft beehre, gleich andren Personen seiner Familie, ein Aristokrat sei, und, wie böse Zungen sagen, noch etwas andres.

Wenn er dies alles erzählte, erregte Pitou Stürme des Zorns; aber er besaß das quos ego aller Stürme; er erzählte ungedruckte Anekdoten von der Österreicherin.

Diese unversiegbare Lebendigkeit verschaffte ihm eine ununterbrochene Reihe vortrefflicher Mahlzeiten bis Vauciennes, dem letzten Dorfe auf dem Wege, ehe man nach Villers-Cotterets kam.

Da Sebastian, im Gegenteil wenig oder nichts aß, da er gar nicht sprach und überdies ein bleiches, kränkliches Kind war, so bewunderte jeder, indem er sich für Sebastian interessierte, die Väterlichkeit von Pitou, der das Kind liebkoste, hätschelte, pflegte und noch obendrein seinen Teil aß, ohne daß er etwas zu suchen schien, als die Gelegenheit, ihm angenehm zu sein.

In Vauciennes angekommen, schien Pitou zu zögern, er schaute Sebastian an und kratzte sich am Kopf. Das war seine Art, seine Verlegenheit auszudrücken.

Sebastian kannte Pitou genug, um mit diesem Umstand vertraut zu sein.

Nun! was giebt es, Pitou? fragte Sebastian.

Sebastian, erwiderte Pitou, wenn es dir gleich wäre, und wenn du nicht zu müde wärest, so würden wir, statt unsern Weg gerade verfolgen, über Haramont nach Villers-Cotterets gehen.

Und während Pitou, der ehrliche Junge, diesen Wunsch ausdrückte, errötete er, wie Katharine, einen nicht minder unschuldigen Wunsch ausdrückend, errötet wäre.

Sebastian begriff.

Ach! ja, sagte er, dort ist unsre arme Mutter Pitou gestorben.

Komm, mein Bruder, komm.

Pitou drückte Sebastian an sein Herz, daß er ihn beinahe erstickt hätte, nahm das Kind bei der Hand und fing an auf dem Querwege, längs dem Wuala-Thale, so hastig zu laufen, daß der arme Sebastian nach hundert Schritten keuchte und ihm zu sagen genötigt war: Zu schnell, Pitou, zu schnell!

Pitou hielt an; er hatte nichts bemerkt, denn er war seinen gewöhnlichen Schritt gegangen.

Er sah Sebastian bleich und atemlos.

Er nahm ihn in seine Arme, wie der heilige Christoph das Jesuskind genommen hatte, und trug ihn weiter.

Auf diese Art konnte Pitou so rasch gehen, als er wollte.

Da es nicht das erste Mal war, daß Pitou Sebastian trug, so ließ ihn Sebastian gewähren.

So kam man nach Largny. Als Sebastian in Largny bemerkte, wie Pitou unter seiner Last zu keuchen begann, so sagte er, er habe genug ausgeruht, und erklärte sich bereit, mit Pitou beliebig zu gehen.

Voll Großmut mäßigte Pitou seinen Schritt.

Eine halbe Stunde nachher war Pitou am Eingang vom Dorfe Haramont, seinem hübschen Geburtsort.

Hier angelangt, schauten die zwei Knaben umher, um sich zurecht zu finden.

Das erste, was sie erblickten, war das Kruzifix, das die Frömmigkeit des Volks gewöhnlich an den Eingang der Dörfer stellt.

Ach! selbst in Haramont fühlte man den seltsamen Fortschritt, den Paris zum Atheismus gemacht hatte. Die Nägel, die am Kreuze den rechten Arm und die Füße von Christus festhalten sollten, waren zerbrochen, vom Roste zerfressen.

Christus hing nun am linken Arm festgehalten, und niemand hatte den frommen Gedanken gehabt, das Symbol dieser Freiheit, dieser Gleichheit und dieser Bruderschaft, die man so stark predigte, wieder an den Platz zu bringen, wohin es die Juden gebracht hatten.

Pitou war nicht gottesfürchtig, aber dieser vergessene Christus beklomm sein Herz. Er suchte in einer Hecke eine von jenen dünnen und wie Eisendraht zähen Lianen, legte seinen Helm und seinen Säbel aufs Gras, kletterte am Kreuze hinauf, und band den rechten Arm des göttlichen Märtyrers wieder an sein Querholz fest, küßte ihm die Füße und stieg hinab.

Während dieser Zeit betete Sebastian unten am Kreuze auf den Knieen liegend. Für wen betete er? Wer weiß es!

Vielleicht für jenes Traumgesicht seiner Kindheit, das er wohl unter den großen Bäumen des Waldes wiederzufinden hoffte, für jene unbekannte Mutter, die nie unbekannt ist.

Nachdem diese Handlung vollbracht war, setzte Pitou wieder seinen Helm auf den Kopf und schnallte seinen Säbel um.

Nachdem er sein Gebet vollendet, machte Sebastian das Zeichen des Kreuzes und nahm Pitou wieder bei der Hand.

Beide traten dann in das Dorf ein und wanderten nach der Hütte, wo Pitou geboren war, wo Sebastian gesäugt worden.

Pitou kannte Haramont wohl, aber er konnte die Hütte nicht wieder finden. Er mußte sich erkundigen; man zeigte ihm ein Häuschen von Stein mit einem Schieferdach.

Der Garten des Häuschens war durch eine Mauer geschlossen.

Die Tante Angelique hatte das Haus ihrer Schwester verkauft, und der neue Eigentümer hatte infolge seines Besitzrechtes alles niedergerissen: die alten übertünchten Mauern von Erde, die alte Thüre mit ihrer Oeffnung, um die Katzen durchzulassen; die alten Fenster mit ihren Scheiben halb von Glas, halb von Papier, worauf sich Pitous schülerhaften Schreibereien befanden; das Strohdach mit seinem grünlichen Moos und seinen fetten Pflanzen, die auf dem Gipfel wachsen und blühen.

Die Thüre war geschlossen, und auf der äußeren Schwelle dieser Thüre stand ein großer Hund, der Pitou die Zähne wies.

Komm, sagte er mit Thränen in den Augen, komm, Sebastian; komm an einen Ort, wo ich wenigstens sicher bin, daß sich nichts verändert hat.

Und er zog Sebastian nach dem Friedhofe fort, wo seine Mutter begraben war.

Er hatte recht, der arme Junge; hier hatte sich nichts verändert; nur war das Gras so hoch gewachsen, daß er das Grab seiner Mutter nicht gleich zu erkennen vermochte.

Zum Glück war zu gleicher Zeit mit dem Grase eine Trauerweide gewachsen. Er ging gerade auf diesen Baum zu und küßte die Erde, die er beschattete, mit derselben instinktartigen Frömmigkeit, mit der er die Füße des Kruzifix geküßt hatte.

Der Aufenthalt der zwei Knaben dauerte lange, und der Tag rückte vor.

Man mußte dieses Grab, das einzige, was sich des armen Pitou zu erinnern geschienen hatte, verlassen.

Als er es verließ, hatte Pitou den Gedanken, einen Zweig von der Trauerweide abzubrechen und an seinen Helm zu stecken; doch in dem Augenblick, wo er ihn abbrechen wollte, hielt er inne. Es kam ihm vor, als wäre es ein Schmerz für seine arme Mutter, wenn er den Zweig von einem Baume abbräche, dessen Wurzeln vielleicht den schlecht zusammengefügten tannenen Sarg umschlangen, in dem ihr Leichnam lag.

Er küßte noch einmal die Erde, nahm wieder die Hand von Sebastian und entfernte sich.

Alle Welt war auf dem Felde oder im Walde, nur wenige Personen hatten Pitou gesehen, und durch seinen Helm und seinen großen Säbel entstellt, hatte ihn von diesen Personen niemand erkannt.

Er schlug den Weg nach Villers-Cotterets ein. Sebastian folgte ihm nachdenkend und stumm wie er.

Man kam nach Villers-Cotterets gegen fünf Uhr abends.

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