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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Georges von Charny.

Die Erzählung, die wir gegeben haben, ist schon auf hundert verschiedene Arten gemacht worden, denn es ist sicherlich eine der interessantesten aus der großen von 1789 bis 1795 verlaufenen Periode, die man die französische Revolution nennt.

Sie wird noch auf hundert verschiedene Arten gemacht werden, aber wir versichern zum voraus, niemand wird es mit mehr Unparteilichkeit thun, als wir.

Doch nach allen diesen Erzählungen wird noch sehr viel zu thun bleiben, denn die Geschichte ist nie vollständig! Unter hunderttausend Zeugen hat jeder seine eigene Darstellung; unter hunderttausend verschiedenen Einzelheiten hat jede ihr Interesse und ihre Poesie gerade dadurch, daß sie verschieden sind.

Doch wozu werden diese Erzählungen dienen? hat je eine politische Lektion einen Politiker unterrichtet?

Haben je die Thränen und das Blut der Könige die Macht des einfachen Wassertropfens gehabt, der die Steine aushöhlt?

Nein, die Königinnen haben geweint; die Könige sind ermordet worden, und zwar ohne daß ihre Nachfolger aus der schrecklichen Lehre des Schicksals jemals einen Nutzen gezogen hätten.

Die ergebenen Menschen haben ihre Ergebenheit verschwendet, ohne daß denjenigen, welche vom Verhängnis zum Unglück bestimmt waren, ein Vorteil daraus erwachsen wäre.

Ach! wir haben die Königin über den Leichnam von einem jener Menschen beinahe stolpern sehen, welche die Könige ganz blutig auf dem Wege liegen lassen, den sie bei ihrem Fall durchlaufen haben.

Einige Stunden nach dem Schreckensschrei, den die Königin ausgestoßen, und in dem Augenblick, wo sie mit dem König und ihren Kindern Versailles, wohin sie nicht mehr zurückkehren sollte, verließ, ereignete sich in einem kleinen inneren, vom Regen befeuchteten Hof, den ein scharfer Herbstwind zu trocknen anfing, folgendes:

Ein schwarz gekleideter Mann neigte sich über einen Leichnam.

Ein Mann in der Uniform der Garden kniete auf der andern Seite des Leichnams.

Drei Schritte von ihnen stand, die Hände krampfhaft geballt, die Augen starr, ein dritter Gefährte.

Der Tote war ein junger Mann von zweiundzwanzig bis dreiundzwanzig Jahren, dessen ganzes Blut durch die breiten Wunden, die er am Kopf und an der Brust erhalten, ausgeströmt zu sein schien. Ganz durchfurcht und bläulichweiß geworden, schien sich seine Brust unter dem angestrengten Atem eines hoffnungslosen Kampfes noch zu heben.

Sein leicht geöffneter Mund, sein mit einem Ausdruck des Schmerzes und des Zornes zurückgeworfener Kopf erinnerten den Geist an jenes schöne Bild des römischen Volks: Und mit einem langen Seufzer entflieht das Leben nach der Wohnung der Schatten.

Der schwarz gekleidete Mann war Gilbert.

Der Offizier auf den Knieen war der Graf Charny.

Der stehende Mann war Billot.

Der Leichnam war der des Barons Georges von Charny.

Gilbert, der sich über den Leichnam neigte, schaute mit jener erhabenen Starrheit, die bei dem Sterbenden das Leben, das zu entfliehen im Begriff ist, zurückhält, und bei dem Toten die entflohene Seele beinahe zurückruft.

Kalt, starr; er ist tot, ganz tot, sprach er endlich.

Der Graf von Charny gab ein heiseres Stöhnen von sich, schloß den unempfindlichen Leib in seine Arme und brach in ein so herzzerreißendes Schluchzen aus, daß der Arzt schauderte und Billot den Kopf in einem Winkel des kleinen Hofes verbarg.

Dann hob der Graf plötzlich den Leichnam auf, lehnte ihn an die Mauer an, zog sich langsam zurück und schaute immer, ob sein toter Bruder sich nicht wieder beleben und ihm folgen würde.

Gilbert blieb auf einem Knie, den Kopf auf seine Hand gestützt, nachdenkend, erschrocken, unbeweglich.

Billot verließ nun seinen düstern Winkel und trat auf Gilbert zu. Er hörte nicht mehr das Schluchzen des Grafen, das ihm das Herz zerrissen hatte.

Ach! ach! Herr Gilbert, sprach er, dies ist also entschieden der Bürgerkrieg, und das, was Sie mir vorhergesagt haben, geschieht, nur geschieht die Sache schneller, als ich glaubte, und als Sie selbst glaubten. Ich habe diese Schurken unredliche Leute ermorden sehen. Ich sehe nun diese Schurken redliche Leute ermorden. Damals, Herr Gilbert, haben Sie mir vorhergesagt, es werde ein Tag kommen, wo man die ehrlichen Leute töte.

Man hat den Herrn Baron von Charny getötet. Ich bebe nicht mehr, ich weine; es schaudert mich nicht mehr vor den andern, ich habe Furcht vor mir selbst.

Billot! versetzte Gilbert.

Doch ohne zu hören, fuhr Billot fort:

Hier ist ein armer junger Mann, den man gemordet, Herr Gilbert; er war ein Soldat im Kampf; er mordete nicht, aber man hat ihn ermordet.

Billot stieß einen Seufzer aus, der aus der tiefsten Tiefe seines Innern zu kommen schien.

Ah! der Unglückliche, sagte er, ich kannte ihn als Kind, ich sah ihn von Boursonne nach Villers-Cotterets auf seinem kleinen Grauschimmel vorüberreiten; er brachte den Armen Brot von seiner Mutter.

Er war ein schönes Kind mit weiß und rosigem Gesichte, mit großen blauen Augen, er lachte immer.

Nun! es ist seltsam, seitdem ich ihn hier blutig, entstellt, ausgestreckt gesehen habe, ist das nicht mehr ein Leichnam, was ich wiedersehe, es ist immer das lächelnde Kind, das am linken Arme einen Korb und mit der rechten Hand seine Börse hält.

Ah! Herr Gilbert, wahrhaftig, ich glaube, es ist so genug, und ich fühle nicht Lust in mir, mehr zu sehen, denn Sie haben es mir vorhergesagt, wir werden dahin kommen, daß ich auch Sie sterben sehe, und dann ...

Gilbert schüttelte sanft den Kopf und erwiderte: Billot, seien Sie ruhig, meine Stunde ist noch nicht gekommen.

Es mag sein; doch die meinige ist gekommen, Doktor. Ich habe dort Ernten, die verfault sind, Güter, die brach bleiben, eine Familie, die ich liebe, die ich zehnmal mehr liebe, indem ich diesen Leichnam sehe, den seine Familie beweint.

Was wollen Sie damit sagen, mein lieber Billot? Denken Sie zufällig, ich soll mich vom Mitleid für Sie rühren lassen?

Oh! nein, antwortete Billot naiv, doch da ich liebe, klage ich, und da das Klagen zu nichts führt, so gedenke ich mir zu helfen und mich auf meine Weise zu erleichtern.

Das heißt?

Das heißt, ich habe Lust, nach dem Pachthofe zurückzukehren, Herr Gilbert.

Abermals, Billot?

Ah! Herr Gilbert, sehen Sie, es ist dort eine Stimme, die mich ruft.

Nehmen Sie sich in acht, Billot, diese Stimme rät Ihnen die Desertion.

Ich bin kein Soldat, um zu desertieren, Herr Gilbert.

Was Sie thun werden, Billot, wird eine Desertion sein, die noch viel strafbarer ist, als die des Soldaten.

Erklären Sie mir das, Doktor.

Wie! Sie sind nach Paris gekommen, um zu zerstören, und beim Einsturz des Gebäudes flüchten Sie sich?

Um meine Freunde nicht zu zermalmen, ja.

Oder vielmehr, um nicht selbst zermalmt zu werden.

Ei! ei! versetzte Billot, es ist nicht verboten, ein wenig an sich zu denken.

Ah! das ist eine schöne Berechnung; als ob die Steine nicht rollten, und als ob sie nicht rollend die Furchtsamen, die entfliehen, selbst in der Entfernung noch zermalmten!

Ah! Sie wissen wohl, daß ich kein Furchtsamer bin, Herr Gilbert.

Dann werden Sie bleiben, Billot, denn ich bedarf Ihrer noch hier.

Meine Familie bedarf dort meiner auch.

Billot! Billot! ich glaubte. Sie seien mit mir übereingekommen, es gebe keine Familie für einen Mann, der sein Vaterland liebt.

Ich möchte wissen, ob Sie das, was Sie soeben gesagt haben, wiederholen werden, angenommen. Ihr Sohn Sebastian sei da, wo dieser junge Mann ist.

Und er deutete auf den Leichnam.

Billot, antwortete Gilbert stoisch, es wird ein Tag kommen, wo mein Sohn Sebastian mich sieht, wie ich diesen Leichnam sehe.

Schlimm für ihn, Doktor, wenn er an diesem Tag so kalt ist, als Sie es hier sind.

Ich hoffe, Billot, er wird würdiger, er wird fester sein als ich, gerade, weil ich ihm das Beispiel der Festigkeit gegeben habe.

Sie wollen also, daß das Kind sich daran gewöhne, das Blut fließen zu sehen, daß es im zarten Alter sich an Feuersbrünste, an Galgen, an Aufstände, an nächtliche Angriffe gewöhne, daß es Königinnen beschimpfen, Könige bedrohen sehe, und wenn Ihr Sohn, hart wie ein Schwert, kalt wie dieses sein wird, soll er Sie lieben. Sie achten?

Nein, ich will nicht, daß er dies alles sehe, Billot, darum habe ich ihn bis nach Villers-Cotterets zurückgeschickt, was ich beinahe heute beklage.

Wie, was Sie beinahe heute beklagen? Und warum dies?

Weil er heute den Grundsatz des Löwen und der Ratte, der für ihn bis jetzt eine bloße Fabel ist, hätte in Anwendung bringen sehen.

Was wollen Sie damit sagen, Herr Gilbert?

Ich sage, er hätte einen armen Pächter gesehen, den der Zufall nach Paris geführt hat, einen braven, redlichen Mann, der weder lesen, noch schreiben kann; der nie geglaubt hätte, sein Leben könnte einen guten oder schlechten Einfluß auf jene hohen Geschicke haben, die er kaum mit dem Auge zu messen wagte. Ich sage, er hätte diesen Mann gesehen, der schon einmal Paris verlassen wollte, wie er es abermals will; er hätte heute sehen können, wie mächtig dieser Mann zur Rettung eines Königs, einer Königin und zweier königlichen Kinder beigetragen hat.

Billot schaute Gilbert mit erstaunten Augen an.

Wie dies, Herr Gilbert? sagte er.

Wie dies, erhabener Unwissender? ich will es dir sagen: dadurch, daß er bei dem ersten Geräusche erwachte, daß er erriet, dieses Geräusch sei ein Sturm, bereit, auf Versailles niederzufallen; daß er eiligst Herrn Lafayette aufweckte, der in Schlaf gesunken war.

Ei! das war natürlich, er hatte zwölf Stunden auf dem Pferde gesessen; er hatte vierundzwanzig Stunden sich nicht niedergelegt.

Dadurch, daß du ihn ins Schloß führtest, fuhr Gilbert fort, daß du dich mitten unter die Räuber warfst und ihnen zuriefst: Zurück Elende! hier ist der Rächer!

Ah! das ist wahr, ich habe dies alles gethan.

Nun, Billot, siehst du, das ist ein großer Ersatz, mein Freund; hast du die Ermordung des jungen Mannes auch nicht verhindert, so hast du es vielleicht verhindert, daß man den König, die Königin und die zwei Kinder ermordete! Undankbarer, der du den Dienst des Vaterlandes in dem Augenblick, wo dich das Vaterland belohnt, verlassen willst.

Aber wer wird je erfahren, was ich gethan habe, da ich es selbst nicht vermutete?

Du und ich, Billot, ist das nicht genug?

Billot dachte einen Augenblick nach, dann reichte er dem Doktor seine rauhe Hand und sprach:

Sie haben recht, Herr Gilbert; doch Sie wissen, der Mensch ist ein schwaches, selbstsüchtiges, unbeständiges Geschöpf; nur Sie, Herr Gilbert, sind stark, edelmütig und beständig. Was hat Sie so gemacht?

Das Unglück! antwortete Gilbert mit einem Lächeln, in dem mehr Traurigkeit als in einem Schluchzen lag.

Das ist sonderbar, sagte Billot; ich glaubte, das Unglück mache böse.

Die Schwachen, ja.

Und wenn mich das Unglück träfe und ich würde böse?

Du wirft vielleicht unglücklich sein, doch du wirst nie böse werden, Billot.

Sind Sie dessen sicher?

Ich hafte für dich.

Dann... versetzte Billot seufzend, dann bleibe ich; doch ich weiß, ich werde noch mehr als einmal schwach werden. Und jedes Mal, Billot, werde ich da sein, um dich zu unterstützen.

So geschehe es, seufzte der Pächter.

Und er warf einen letzten Blick auf den Leichnam des Barons von Charny, den Bediente auf einer Bahre wegzutragen sich anschickten, und sprach:

Gleichviel, er war ein schönes Kind, dieser kleine Georges von Charny, auf seinem Grauschimmelchen, mit seinem Korbe am linken Arm und seiner Börse in der rechten Hand.

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