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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Der Abend des 5. Oktober.

Gilbert warf einen Blick auf die anwesenden Personen, ging ehrerbietig auf Marie Antoinette zu und sprach: In Abwesenheit ihres erhabenen Gemahls, wird mir die Königin erlauben, ihr die Nachrichten mitzuteilen, die ich bringe.

Sprechen Sie, mein Herr, erwiderte Marie Antoinette. Als ich Sie so rasch kommen sah, rief ich meine ganze Stärke zu Hülfe, denn ich habe vermutet, daß Sie eine herbe Kunde bringen.

Würde es die Königin vorgezogen haben, wenn ich sie hätte überrumpeln lassen? In Kenntnis gesetzt, wird die Königin mit dem sie charakterisierenden gesunden Verstande und sicheren Urteil der Gefahr entgegengehen, und dann wird die Gefahr vielleicht vor ihr zurückweichen.

Lassen Sie hören, mein Herr, was für eine Gefahr ist es?

Madame, sieben bis achttausend Weiber sind von Paris abgegangen und kommen bewaffnet nach Versailles.

Sieben bis achttausend Weiber! versetzte die Königin mit einer Miene der Verachtung.

Ja, aber sie haben wohl unterwegs angehalten, und werden ihrer fünfzehn bis zwanzigtausend sein, wenn sie hier ankommen.

Und was wollen sie?

Sie haben Hunger, Madame, und kommen, um vom König Brot zu verlangen.

Die Königin wandte sich gegen Charny um.

Ah! Madame, sagte der Graf, was ich vorhergesehen habe, ist geschehen.

Was ist zu thun? fragte Marie Antoinette.

Man muß den König von allem benachrichtigen, erwiderte Gilbert.

Die Königin drehte sich rasch wieder um und rief:

Den König! Oh! nein. Ihn in Gefahr setzen, wozu soll das nützen?

Dieser Ausruf sprang mehr aus dem Herzen Marie Antoinettes, als daß er besonnen davon ausging. Es war die ganze Offenbarung des Mutes der Königin, ihres Bewußtseins von einer Schwäche, die sie ihrem Gatten weder hätte zutrauen, noch Fremden verraten sollen.

Aber war Charny ein Fremder? oder war Gilbert ein Fremder?

Nein! Schienen diese zwei Männer nicht im Gegenteil von der Vorsehung erwählt, der eine, um den König, der andre, um die Königin zu beschirmen?

Charny antwortete zugleich der Königin und Gilbert, er gewann wieder seine ganze Selbstbeherrschung, denn er hatte seinen Stolz zum Opfer gebracht.

Madame, sagte er, Herr Gilbert hat recht, man muß den König benachrichtigen, der König ist noch geliebt, er wird sich den Weibern zeigen, sie anreden und entwaffnen.

Aber wer wird es übernehmen, den König zu benachrichtigen? versetzte die Königin. Der Weg ist sicherlich schon abgeschnitten, und das ist ein gefährliches Unternehmen. Der König ist im Walde von Meudon? Ja, und wenn, wie das wahrscheinlich ist, die Straßen ... Die Königin wolle in mir nur einen Mann des Krieges sehen, unterbrach Charny einfach. Ein Soldat ist gemacht, um getötet zu werden.

Und nachdem er so gesprochen, wartete er nicht auf die Antwort, hörte nicht auf den Seufzer; er ging rasch hinab, schwang sich auf ein Pferd der Garden, und jagte mit zwei Reitern nach Meudon.

Kaum war er, durch ein letztes Zeichen den Abschied erwidernd, den ihm Andree aus dem Fenster zusandte, verschwunden, als ein entferntes Geräusch, das dem Brausen der Wogen an einem Sturmtage glich, die Königin horchen machte. Es schien von den entferntesten Bäumen der Pariser Straße aufzusteigen, die man von dem Zimmer aus bis zu den letzten Häusern von Versailles im Nebel sich entrollen sah.

Bald wurde der Himmel drohend für den Blick, wie er es für das Ohr war; ein weißer, scharfer Regen fing an, den Nebel zu durchstreifen.

Und dennoch, trotz dieser Drohungen, füllte sich Versailles mit Menschen.

Die Kundschafter folgten sich im Schlosse. Jeder Kundschafter verkündigte eine zahlreiche, von Paris kommende Kolonne, und jeder fühlte, sich der Freuden und leichten Siege an den vorhergehenden Tagen erinnernd, der eine wie einen Gewissensbiß, der andre wie einen Schrecken in seinem Innern.

Unruhig und sich einander anschauend, nahmen die Soldaten langsam ihre Waffen. Trunkenen ähnlich atmeten die Offiziere, demoralisiert durch die sichtbare Unruhe der Soldaten und das Gemurre der Menge, mühsam die ganz mit Unglück beladene Luft, von der sie umgeben waren.

Die Gardes-du-corps, ungefähr dreihundert Mann, stiegen kalt und mit jenem Zögern zu Pferde, das den Mann des Schwertes erfaßt, wenn er begreift, er werde es mit Feinden zu thun haben, deren Angriff unbekannt ist.

Was war gegen Weiber zu thun, die drohend und mit Waffen abgegangen sind, aber durch Hunger und Müdigkeit entwaffnet ankommen, so daß sie nicht mehr imstande sind, den Arm aufzuheben!

Aufs Geratewohl stellen sie sich aber auf, ziehen ihre Säbel und warten.

Endlich erscheinen die Weiber; sie kommen auf zwei Straßen; auf der Hälfte des Weges hatten sie sich getrennt; die einen waren durch Saint-Cloud, die anderen durch Sevres gezogen.

Ehe man sich getrennt, hatte man acht Brote ausgeteilt: das war alles, was man in Sevres gefunden.

Zweiunddreißig Pfund Brot für siebentausend Personen.

Als sie nach Versailles kamen, konnten sie sich kaum fortschleppen; mehr als drei Viertel hatten ihre Waffen auf den Straßen umhergestreut. Maillard hatte das letzte Viertel bewogen, die seinigen in den ersten Häusern der Stadt zu lassen.

Als sie in die Stadt eintraten, sagte er:

Auf, damit man nicht bezweifelt, daß wir Freunde des Königtums sind, laßt uns singen: Vive Henri IV.!

Und mit einer ersterbenden Stimme, die kaum die Kraft hatte, Brot zu verlangen, sangen sie das königliche Lied.

Die Verwunderung war auch groß im Palaste, als man, statt der Schreie und Drohungen, Lieder hörte, als man besonders die schwankenden Sängerinnen -- der Hunger gleicht der Trunkenheit -- ihre abgezehrten, bleichen, beschmutzten, von Regen und Schweiß triefenden Gesichter an die vergoldeten Gitter anlehnen sah, -- Tausende von erschrecklichen Gestalten übereinander gestellt, dem erstaunten Auge die Anzahl der Gesichter durch die Zahl der Hände verdoppelnd, die sich krampfhaft an den Gitterstangen anhalten und bewegen.

Dann brach von Zeit zu Zeit aus dem Schoße dieser Gruppen trauriges Geheul hervor; aus der Mitte dieser mit dem Tode ringenden Gesichter sprangen Blitze.

Von Zeit zu Zeit lassen auch alle diese Hände das Gitter los, an dem sie sich fest halten, und strecken sich durch die Zwischenräume nach dem Schlosse aus.

In Erwartung Ludwigs XVI. läßt die Königin, voll Fieber und Entschlossenheit, die Verteidigung anordnen; allmählich haben sich die Höflinge, die Offiziere, die hohen Staatsbeamten um sie gruppiert.

Unter ihnen erblickte sie Herrn von Saint-Priest, Minister von Paris.

Sehen Sie, was die Leute wollen, mein Herr, sagte sie zu ihm.

Herr von Saint-Priest geht hinab, durchschreitet den Hof, tritt ans Gitter und fragt die Weiber:

Was wollt Ihr?

Brot! Brot! Brot! antworteten gleichzeitig tausend Stimmen.

Brot! entgegnete Herr von Saint-Priest heftig, als Ihr nur einen Herrn hattet, fehlte es Euch nicht an Brot. Jetzt, da Ihr zwölfhundert habt, seht, wie weit Ihr gekommen seid.

Und er zieht sich unter dem Geschrei der Ausgehungerten zurück und befiehlt, das Gitter geschlossen zu halten.

Doch eine Deputation kommt herbei, und vor dieser wird man wohl das Gitter öffnen müssen.

Maillard ist in der Nationalversammlung im Namen der Weiber erschienen; er hat es dahin gebracht, daß der Präsident mit einer Deputation von zwölf Weibern dem König Vorstellungen machen wird.

In dem Augenblick, wo die Deputation, Mounier an der Spitze, aus der Versammlung weggeht, kommt der König im Galopp beim Schloß an.

Charny hat ihn im Walde von Meudon getroffen.

Ah! Sie sind es, mein Herr? fragte ihn der König. Wollen Sie zu mir?

Ja, Sire.

Was geht denn vor? Sie sind sehr rasch geritten.

Sire, zehntausend Weiber sind zu dieser Stunde in Versailles, sie kommen von Paris und verlangen Brot.

Der König zuckte die Achseln, doch mehr mit einem Gefühle des Mitleids, als der Verachtung.

Ach! sagte er, wenn ich Brot hätte, so würde ich nicht warten, bis sie nach Versailles kämen und von mir verlangten.

Doch ohne eine andre Bemerkung zu machen, warf er nur einen schmerzlichen Blick nach der Stelle, wo sich die Jagd entfernte, die er zu unterbrechen genötigt war, und sprach:

Kehren wir nach Versailles zurück, mein Herr.

Er war, wie wir erwähnt haben, eben angekommen, als gewaltige Schreie auf dem Paradeplatz erschauen.

Was ist das? fragte der König.

Sire, rief Gilbert, bleich wie der Tod eintretend, es sind Ihre Garden, die unter der Anführung von Herrn Georges von Charny den Präsidenten der Nationalversammlung und die Deputation, die er zu Ihnen geleitet, angreifen.

Unmöglich! sagte der König.

Hören Sie die Schreie derer, die man ermordet. Sehen Sie, sehen Sie, alles flieht.

Lassen Sie öffnen, wiederholte Ludwig XVI. Ich werde die Deputation empfangen. Die Paläste der Könige sind Freistätten.

Ach! versetzte Marie Antoinette, ausgenommen vielleicht für die Könige.

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