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Ange Pitou, Band 3

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 3 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 3
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb2bee576
created20061121
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Ungnade.

Wie immer, war man in Versailles in völliger Unwissenheit über das, was in Paris vorging.

Nach der geschilderten Szene, zu der sich die Königin am andern Tag Glück gewünscht, ruhte sie aus.

Sie besaß ein Heer, sie besaß Trabanten, sie hatte ihre Feinde gezählt, sie wünschte den Kampf zu beginnen.

Hatte sie nicht die Niederlage vom 14. Juli zu rächen? Hatte sie nicht die Fahrt des Königs nach Paris, eine Fahrt, von der er mit der dreifarbigen Kokarde am Hut zurückgekommen, bei ihrem Hofe und bei sich selbst vergessen zu machen?

Die arme Frau, sie dachte nicht von fern an die Fahrt, die sie selbst zu machen genötigt sein sollte.

Seit ihrem Streite mit Charny hatte sie nicht mehr mit diesem gesprochen. Sie befliß sich scheinbar, Andree mit jener alten, einen Augenblick in ihrem Herzen verdüsterten Freundschaft zu behandeln, die aber im Busen ihrer Nebenbuhlerin auf immer erloschen war.

Was Charny betrifft, so wandte sie sich nur an ihn, wenn sie genötigt war, wegen seines Dienstes ein Wort an ihn zu richten oder ihm einen Befehl zu geben.

Das war keine Familienungnade, denn gerade am Morgen des Tages, wo die Pariser Paris verlassen sollten, um nach Versailles zu kommen, sah man die Königin sehr freundlich mit dem jungen Georges von Charny plaudern, mit dem zweiten der drei Brüder, der, Olivier entgegengesetzt, der Königin bei der Nachricht von der Einnahme der Bastille, so kriegerische Ratschläge gegeben hatte.

Gegen neun Uhr morgens schritt dieser junge Offizier durch die Gallerie, um dem Jägermeister zu melden, der König wolle jagen, als ihn Marie Antoinette erblickte.

Wohin eilten Sie so, mein Herr? fragte sie.

Ich eilte nicht mehr, sobald ich Eure Majestät erblickte, erwiderte Georges; ich blieb im Gegenteil stehen und wartete in Demut auf die Ehre, die sie mir dadurch erweist, daß sie mich anspricht.

Das verhindert Sie nicht, mein Herr, mir zu antworten und mir zu sagen, wohin Sie gehen.

Madame, ich bin von der Eskorte. Seine Majestät jagt, und ich will die Befehle des Oberjägermeisters einholen.

Ah! der König jagt heute abermals, sprach die Königin, während sie nach den Wolken schaute, die schwer und schwarz von Paris herrollten; er hat unrecht. Man sollte glauben, das Wetter drohe, nicht wahr, Andree?

Ja, Madame, antwortete die junge Frau zerstreut.

Sind Sie nicht dieser Ansicht, mein Herr?

Doch, Madame; aber der König will es.

Der Wille des Königs geschehe in den Wäldern und auf den Straßen, antwortete die Königin mit der ihr natürlichen Heiterkeit, die ihr weder die Bekümmernisse ihres Herzens, noch die politischen Störungen zu rauben vermochten.

Dann wandte sie sich gegen Andree um und sagte, die Stimme dämpfend:

Es ist noch das wenigste, dessen sich der König erfreut.

Und sie fragte Georges laut:

Mein Herr, können Sie mir sagen, wo der König jagt?

Im Walde von Meudon, Madame.

Wohlan, so begleiten Sie ihn und wachen Sie über ihm.

In diesem Augenblick war der Graf von Charny zurückgekehrt. Er lächelte Andree sanft zu, schüttelte den Kopf und sagte zur Königin: Das ist eine Empfehlung, Madame, der sich mein Bruder, nicht inmitten der Vergnügungen des Königs, sondern inmitten seiner Gefahren erinnern soll.

Beim Tone dieser Stimme, die an ihr Ohr traf, ohne daß ihr Gesicht von der Gegenwart Charnys benachrichtigt worden war, bebte Marie Antoinette, wandte sich um und sagte mit einer verächtlichen Härte:

Ich würde mich sehr gewundert haben, wäre dieses Wort nicht von dem Herrn Grafen Olivier von Charny gekommen.

Warum dies, Madame? fragte ehrerbietig der Graf.

Weil es eine Unglücksprophezeiung ist, mein Herr.

Andree erbleichte, als sie den Grafen erbleichen sah.

Er verbeugte sich, ohne zu antworten.

Dann, auf einen Blick seiner Frau, die darüber, daß sie ihn so geduldig fand, zu erstaunen schien, sagte er:

Ich bin wahrhaftig sehr unglücklich, daß ich nicht mehr weiß, wie man mit der Königin spricht, ohne sie zu beleidigen.

Dieses mehr wurde betont, wie auf dem Theater ein geschickter Schauspieler die wichtigen Silben betont.

Die Königin hatte ein zu geübtes Ohr, um nicht im Fluge die Absichtlichkeit aufzufassen, die Charny diesem Worte gegeben hatte.

Mehr? sagte sie lebhaft, mehr, was bedeutet mehr?

Ich habe mich abermals schlecht ausgedrückt, wie es scheint, erwiderte Herr von Charny einfach.

Und er wechselte mit Andree einen Blick, den diesmal die Königin auffing.

Sie erbleichte ebenfalls und rief zornig: Das Wort ist schlecht, wenn die Absicht schlecht ist.

Das Ohr ist feindselig, wenn der Geist feindselig ist, erwiderte Charny.

Und nach dieser mehr gerechten, als ehrerbietigen Entgegnung schwieg er.

Ich werde, um zu antworten, warten, bis Herr von Charny mehr Glück in seinen Angriffen hat, sagte die Königin.

Und ich, erwiderte Charny, werde, um anzugreifen, warten, bis die Königin in der Wahl ihrer Diener glücklicher ist, als seit einiger Zeit.

Andree ergriff rasch die Hand ihres Mannes und schickte sich an, mit ihm wegzugehen.

Ein Blick der Königin hielt sie zurück. Diese hatte die Bewegung gesehen.

Aber was hatte er mir denn zu sagen. Ihr Mann? fragte die Königin.

Er wollte Eurer Majestät sagen, vom König nach Paris abgeschickt, habe er Paris in einer sonderbaren Gährung gefunden.

Abermals! rief die Königin; und aus welchem Anlaß? Die Pariser haben die Bastille eingenommen und sind im Zuge, sie zu zerstören. Was wollen sie mehr? Antworten Sie, Herr von Charny.

Das ist wahr, Madame, erwiderte der Graf; doch da sie die Steine nicht essen können, so sagen sie, sie haben Hunger.

Sie haben Hunger! sie haben Hunger! rief die Königin. Was sollen wir dabei thun?

Madame, es hat eine Zeit gegeben, wo die Königin die erste war, die Mitleid mit den Schmerzen des Volkes empfand und sie erleichterte. Es gab eine Zeit, wo sie bis zu den Mansarden der Armen emporstieg, und wo die Gebete der Armen zu Gott emporstiegen.

Ja, erwiderte bitter die Königin, und nicht wahr, ich bin gut belohnt worden für dieses Mitleid mit dem Elend der andern? Eines meiner größten Mißgeschicke nahm seinen Ursprung davon, daß ich in eine solche Mansarde hinaufgestiegen bin.

Weil Eure Majestät sich einmal getäuscht, weil sie ihre Gnade und ihre Gunstbezeigungen auf eine elende Kreatur ausgedehnt hat, darf sie deswegen die ganze Menschheit nach dem Standpunkt einer Schändlichen messen? Ah! Madame, wie geliebt waren Sie zu jener Zeit!

Die Königin schleuderte Charny einen Flammenblick zu.

Sagen Sie kurz, was gestern in Paris vorfiel, rief sie.

Sagen Sie mir nur Dinge, die Sie gesehen haben, mein Herr; ich will der Wahrheit Ihrer Worte sicher sein.

Was ich gesehen habe, Madame! Ich habe einen Teil der Bevölkerung auf den Quais zusammengeschart gesehen, der vergeblich die Ankunft von Mehl erwartete. Ich habe einen andern Teil in Reihen vor den Thüren der Bäcker stehen sehen, vergeblich wartend auf Brot. Was ich gesehen habe; ein ausgehungertes Volk, Männer, die ihre Weiber, Weiber, die ihre Kinder ansahen mit Blicken voll Trauer; geballte, drohende Fäuste gegen Versailles ausgestreckt. Ah! Madame, die Gefahren, von denen ich sprach, die Gelegenheit, für Eure Majestät zu sterben, ein Glück, das mein Bruder und ich zuerst in Anspruch nehmen, ich fürchte, diese Gelegenheit wird uns bald geboten sein.

Die Königin wandte Charny mit einer Bewegung der Ungeduld den Rücken zu und lehnte ihre brennende, obgleich bleiche Stirne an die Scheibe eines Fensters an.

Kaum hatte sie die tiefe Bewegung gemacht, als man sie beben sah. Andree, sagte sie, sehen Sie doch, wer der Reiter ist, der zu uns kommt; er scheint der Überbringer sehr dringender Nachrichten zu sein.

Andree näherte sich dem Fenster; doch beinahe in demselben Augenblick trat sie erbleichend einen Schritt zurück.

Ah! Madame, sagte sie mit einem Tone des Vorwurfs.

Charny trat rasch ans Fenster, er hatte nichts von dem, was vorgegangen, verloren.

Dieser Reiter, sagte er, indem er nacheinander die Königin und Andree anschaute, dieser Reiter ist Doktor Gilbert.

Ach! es ist wahr, sprach die Königin.

Ein eisiges Stillschweigen breitete sich sogleich über den drei Hauptpersonen dieser Szene aus, die nur noch fragen und antworten konnten mittelst Blicken.

Es war wirklich Gilbert, der mit den unglücklichen Nachrichten ankam, die Charny vorhergesehen hatte.

Von seiten der drei Personen fand nun ein ängstliches Warten von einigen Minuten statt.

Plötzlich wurde die Thüre geöffnet, ein Offizier trat ein und meldete: Madame, Doktor Gilbert, der soeben angekommen ist, um den König in sehr wichtigen, dringenden Angelegenheiten zu sprechen, bittet um die Ehre, von Eurer Majestät empfangen zu werden, da der König seit einer Stunde nach Meudon abgegangen ist.

Er trete ein! rief die Königin, einen bis zur Härte festen Blick auf die Thüre heftend, während Andree, als müßte sie einen natürlichen Beistand in ihrem Manne finden, rückwärts ging und sich auf den Arm des Grafen stützte.

Gilbert erschien auf der Thürschwelle.

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