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Ange Pitou, Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidad02c2e3
created20061121
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Bei der Königin.

Während der König philosophisch die Revolution bekämpfen lernte, indem er einen Kursus in den verborgenen Wissenschaften machte, hatte die Königin, ein viel festerer und tieferer Philosoph, alle ihre Getreuen in ihrem Kabinett um sich versammelt; ohne Zweifel, weil noch keiner von ihnen Gelegenheit gehabt, seine Treue zu beweisen oder zu versuchen.

Auch bei der Königen war der furchtbare Tag in allen seinen Einzelheiten erzählt worden.

Man sah Generale, Höflinge, Priester und Frauen um die Königin versammelt. Hier waren junge Offiziere voll Mut und Eifer, die in allen diesen Empörungen eine lange erwartete Gelegenheit sahen, sich, wie bei einem Turnier, vor den Damen im Waffenspiele auszuzeichnen.

Alle vertrauten und der Monarchie ergebenen Diener hatten mit Aufmerksamkeit die Nachrichten angehört, die Herr von Lambescq erzählte, der, nachdem er den Ereignissen beigewohnt, mit seinem noch ganz vom Sande der Tuilerien bestaubten Regimente nach Versailles geeilt war, um den erschrockenen Leuten die Wirklichkeit als Trost zu geben, weil einige, so groß das Unglück war, es noch übertrieben hatten.

Die Königin saß an einem Tische.

Es war nicht mehr die sanfte, schöne Braut, der Schutzengel Frankreichs. Es war nicht einmal mehr jene schöne, anmutige Fürstin, die wir eines Abends mit der Prinzessin von Lamballe in die geheimnisvolle Wohnung von Mesmer eintreten und sich lachend und ungläubig zu der symbolischen Kufe setzen sahen, von der sie eine Offenbarung der Zukunft verlangte.

Nein! es war die stolze, hoffärtige Königin mit der gerunzelten Stirne, mit der geringschätzigen Lippe; es war die Frau, deren Herz einen Teil seiner Liebe hatte entschlüpfen lassen, um an der Stelle dieses sanften und belebenden Gefühles die ersten Tropfen Galle aufzunehmen, die nun ohne Unterlaß ins Blut gehen sollten.

Es war endlich die Frau des dritten Porträts der Gallerie von Versailles, das heißt, nicht mehr Marie Antoinette, nicht mehr die Königin von Frankreich, sondern diejenige, welche man nur noch mit dem Namen »die Österreicherin« zu bezeichnen anfing.

Hinter ihr war, halb im Schatten liegend, eine unbewegliche junge Frau, den Kopf auf das Kissen eines Sophas zurückgeworfen und die Stirne auf ihre Hand gestützt.

Das war Frau von Polignac.

Als die Königin Herrn von Lambescq erblickte, machte sie eine Gebärde verzweifelter Freude, die besagen wollte: Endlich werden wir alles erfahren.

Herr von Lambescq hatte sich mit einem Zeichen verbeugt, das zugleich wegen seiner beschmutzten Stiefel, wegen seines bestaubten Rockes und seines verdrehten Säbels, den er nicht mehr ganz in die Scheide hatte bringen können, um Verzeihung bat.

Nun, Herr von Lambescq, sagte die Königin, Sie kommen von Paris? Was macht das Volk?

Es mordet und brennt.

Aus Schwindel oder aus Haß?

Nein, aus Grausamkeit.

Die Königin dachte nach, als ob sie geneigt gewesen wäre, seine Ansicht über das Volk zu teilen. Dann schüttelte sie den Kopf und entgegnete: Nein, Prinz, das Volk ist nicht grausam, wenigstens nicht ohne Grund; verbergen Sie mir also nichts. Ist es Wahnwitz? Ist es Haß?

Ich glaube, daß es ein bis zum Wahnwitz getriebener Haß ist.

Haß, gegen wen? Ah, Prinz! Sie zögern abermals. Nehmen Sie sich in acht, wenn Sie so erzählen, so werde ich statt mich an Sie zu wenden, wie ich es thue, einen von meinen Piqueurs nach Paris schicken. Er braucht eine Stunde, um dahin zu kommen, eine Stunde, um sich zu erkundigen, eine Stunde, um zurückzukehren, und in drei Stunden wird er mir die Ereignisse ganz einfach erzählen können.

Herr von Dreux-Breze trat mit einem Lächeln auf den Lippen vor und sagte: Aber, Madame, was ist Ihnen am Hasse des Volkes gelegen? das muß Sie durchaus nichts kümmern, das Volk kann alles hassen, nur Sie nicht.

Die Königin ließ diese Schmeichelei völlig unbeachtet.

Rasch, Prinz, sagte sie, sprechen Sie.

Wohl denn, ja, Madame, das Volk handelt im Hasse.

Gegen wen?

Gegen alles, was es beherrscht.

Ah! gut! das ist die Wahrheit! das fühlt sich! versetzte entschlossen die Königin.

Ich bin Soldat, Eure Majestät, erwiderte der Prinz.

Gut, gut, sprechen Sie als Soldat. Lassen Sie hören, was ist zu thun?

Nichts, Madame.

Wie! Nichts? rief die Königin, das Gemurmel benützend, das sich bei diesen Worten unter den gestickten Röcken und goldenen Degen ihrer Gesellschaft erhoben hatte. Nichts! Sie, ein lothringischer Prinz, kommen und sagen dies der Königin von Frankreich in dem Augenblick, wo das Volk, nach Ihrem eigenen Geständnisse, mordet und brennt; Sie sagen, es sei nichts zu thun?

Ein neues Gemurmel, doch diesmal ein beifälliges, empfing die Worte der Königin.

Sie wandte sich um, umfaßte mit einem Blick den Kreis, der sie umgab, und suchte unter allen diesen flammenden Augen diejenigen, welche am meisten flammten, im guten Glauben, darin am meisten Treue zu lesen.

Nichts! wiederholte der Prinz, denn wenn man den Pariser sich besänftigen läßt, so wird er sich auch besänftigen; er ist nur kriegerisch, wenn man ihn aufs äußerste treibt Warum ihm die Ehre eines Streites erweisen, warum die Wechselfälle eines Kampfes wagen? Verhalten wir uns ruhig, und in drei Tagen wird von nichts mehr in Paris die Rede sein.

Aber die Bastille, mein Herr?

Die Bastille! man verschließt ihre Thore, und diejenigen, welche sie eingenommen haben, werden gefangen sein.

Es wurde etwas wie ein zitterndes Lachen unter der schweigsamen Gruppe hörbar.

Die Königin sprach: Nehmen Sie sich in acht, Prinz, nun beruhigen Sie mich zu sehr. Und nachdenkend, das Kinn auf ihre flache Hand gestützt, suchte sie mit dem Blick Frau von Polignac, die blaß und traurig, in sich selbst versunken zu sein schien.

Die Gräfin hatte alle diese Nachrichten mit einem sichtbaren Schrecken angehört; sie lächelte nur, als die Königin bei ihr anhielt und ihr zulächelte, und dieses Lächeln war noch matt und entfärbt, wie eine sterbende Blume.

Nun! Gräfin, fragte die Königin, was sagen Sie zu alledem?

Ach! nichts, erwiderte sie. Und sie schüttelte den Kopf mit einem Ausdruck unsäglicher Entmutigung.

Ei! ei! sprach leise die Königin, indem sie sich ans Ohr der Gräfin neigte, die Freundin Diana ist eine Furchtsame.

Dann sagte sie laut: Aber wo ist denn Frau von Charny, die Unerschrockene! Wie mir scheint, bedürfen wir ihrer, um uns zu beruhigen.

Die Gräfin wollte eben wegfahren, als man sie zum König rief, antwortete Frau von Misery. Ah! zum König, versetzte zerstreut Marie Antoinette.

Nun erst bemerkte sie das seltsame Stillschweigen, das sich um sie her gelagert hatte.

Die unerhörten, unglaublichen Ereignisse, von denen die Nachrichten nach und nach wie verdoppelte Schläge nach Versailles gelangt waren, hatten die festesten Herzen vielleicht mehr noch durch das Erstaunen, als durch die Furcht entmutigt.

Die Königin sah die Notwendigkeit ein, alle diese niedergeschlagenen Geister wieder aufzurichten.

Niemand giebt mir einen Rat? sagte sie. Gut! so werde ich mich bei mir selbst Rats erholen.

Alle traten näher zu Marie Antoinette.

Das Volk, sprach sie, ist nicht böse, es ist nur irregeführt. Es haßt uns, weil es uns nicht kennt. Nähern wir uns ihm.

Um es dann zu bestrafen, denn es hat an seinen Gebietern gezweifelt, und das ist ein Verbrechen.

Die Königin sah nach der Seite, woher die Stimme kam, und erkannte Herrn von Bezenval.

Oh! Sie sind es, Herr Baron; wollen Sie uns einen guten Rat geben?

Der Rat ist gegeben, sagte er sich verbeugend.

Es sei; der König wird bestrafen, doch als ein guter Vater.

Wer gut liebt, züchtigt gut, versetzte der Baron.

Dann wandte er sich gegen Herrn von Lambescq um und sagte zu ihm: Sind Sie nicht meiner Ansicht, Prinz? Das Volk hat Morde begangen.

Die es leider Repressalien nennt, versetzte halblaut eine sanfte, frische Stimme, bei deren Ton sich die Königin umwandte.

Sie haben recht, Prinzessin, gerade darin, meine liebe Lamballe, besteht ein Irrtum; wir werden auch nachsichtig sein.

Doch, versetzte die Prinzessin mit ihrer schüchternen Stimme, doch ehe man sich fragt, ob man bestrafen soll, müßte man, glaube ich, vorerst fragen, ob man werde siegen können.

Ein allgemeiner Schrei brach los, ein Schrei der Protestation gegen die Wahrheit, die aus diesem edeln Munde gekommen.

Siegen! Und die Schweizer? sagte der eine.

Und die Deutschen? sagte der andre.

Und die Gardes-du-corps? sagte der dritte.

Man zweifelt am Heer und am Adel! rief ein junger Mann, der die Uniform eines Leutnants der Husaren von Berchigny trug. Haben wir diese Schmach verdient? Bedenken Sie, Madame, daß der König schon morgen, wenn er will, vierzigtausend Mann aufstellen, nach Paris werfen, und Paris zerstören kann. Bedenken Sie, daß vierzigtausend Mann ergebene Truppen so viel wert sind, als eine halbe Million empörte Pariser.

Der junge Mann, der so gesprochen, hatte ohne Zweifel noch eine gute Anzahl ähnlicher Gründe vorzubringen; doch hielt er plötzlich inne, als er sah, daß die Königin ihre Augen auf ihn heftete. Er hatte aus der Mitte einer Gruppe von Offizieren gesprochen und war durch seinen Eifer weiter fortgerissen worden, als sein Grad und die Schicklichkeit es erlaubten.

Er hielt also, wie gesagt, plötzlich inne, beschämt über die Wirkung, die er hervorgebracht.

Doch es war zu spät. Die Königin hatte bereits seine Worte gleichsam im Fluge aufgefangen.

Kennen Sie die Lage, mein Herr? fragte sie mit freundlichem Tone.

Ja, Eure Majestät, antwortete der junge Mann errötend, ich war auf den Champs-Elysees.

Dann kommen Sie, mein Herr, und sprechen Sie ohne Scheu.

Der junge Mann trat ganz errötend aus den Reihen, die sich öffneten, vor und näherte sich der Königin.

Gleichzeitig wichen der Prinz von Lambescq und Herr von Bezenual zurück, als hätten sie es unter ihrer Würde erachtet, dieser Art von Rat beizuwohnen.

Die Königin merkte nicht auf ihren Rückzug.

Sie sagen, mein Herr, der König habe vierzigtausend Mann?

Ja, Eure Majestät. In Saint-Denis, in Saint-Mande, in Montmartre und in Grenelle.

Ich erbitte mir Näheres und Genaueres darüber, mein Herr! rief die Königin.

Madame, die Herren von Lambescq und von Bezenval werden es Ihnen unendlich viel besser sagen als ich.

Fahren Sie fort, mein Herr. Ich höre gern die Einzelheiten aus Ihrem Munde. Unter wessen Befehl stehen diese vierzigtausend Mann? Vor allem unter den Befehlen der Herren von Bezenval und Lambescq, sodann unter denen des Prinzen von Conde, des Herrn von Narbonne-Fritzlar und des Herrn von Salkenaym.

Ist das wahr, Prinz? fragte die Königin, sich gegen Herrn von Lambescq umwendend.

Ja, Eure Majestät, sprach der Prinz, sich verbeugend.

Auf Montmartre, fuhr der junge Mann fort, befindet sich ein Artilleriepark, in sechs Stunden kann das ganze Quartier, das von Montmartre aus beherrscht wird, in Asche verwandelt sein. Montmartre gebe das Signal zum feuern; Vincennes antworte ihm; zehntausend Mann rücken durch die Champs-Elysees an, zehntausend weitere durch die Barriere d'Enfer, zehntausend durch die Rue Saint-Martin, und zehntausend durch die Bastille; Paris höre das Gewehrfeuer an den vier Hauptpunkten, und es wird sich nicht vierundzwanzig Stunden halten.

Ah! das ist einer, der sich offenherzig erklärt, sprach die Königin; das ist ein genauer Plan. Was sagen Sie dazu, Herr von Lambescq?

Ich sage, daß der Herr Husarenleutnant ein vollkommener General ist, antwortete mit geringschätzender Miene der Prinz.

Wenigstens ist er ein Soldat, der nicht verzweifelt, versetzte die Königin, die den jungen Offizier vor Zorn erbleichen sah.

Meinen Dank, Madame, sprach der junge Offizier, sich verbeugend. Ich weiß nicht, was Ihre Majestät beschließen wird; doch ich flehe sie an, mich zu denjenigen zu zählen, welche bereit sind, für sie zu sterben, und ich thue damit bloß -- das bitte ich sie zu glauben -- was vierzigtausend Soldaten, abgesehen von unsern Führern, auch zu thun bereit sind.

Bei diesen letzten Worten grüßte der junge Mann den Prinzen höflich, während ihn dieser beinahe beleidigt hatte.

Diese Höflichkeit fiel der Königin noch mehr auf, als die Ergebenheitsbeteuerung, die ihr vorangegangen.

Wie heißen Sie, mein Herr? fragte sie.

Baron von Charny, Madame, erwiderte er, indem er sich verbeugte.

Von Charny! rief Marie Antoinette, unwillkürlich errötend; sind Sie ein Verwandter des Grafen von Charny?

Ich bin sein Bruder, Madame, sagte der junge Mann. Und er verbeugte sich anmutig noch tiefer, als er es zuvor gethan.

Ich hätte, sagte die Königin, ihre Unruhe überwältigend, indem sie mit sicherem Blick umherschaute, ich hätte bei Ihren ersten Worten einen meiner treusten Diener erkennen müssen. Meinen Dank, Baron. Wie kommt es, daß ich Sie zum ersten Male bei Hofe sehe?

Madame, mein ältester Bruder, der unsern Vater ersetzt, hat mir befohlen, bei meinem Regimente zu bleiben, und in den sieben Jahren, die ich in den Heeren des Königs zu dienen die Ehre habe, bin ich nur zweimal nach Versailles gekommen.

Die Königin heftete einen langen Blick auf das Gesicht des jungen Mannes und sagte dann zu ihm: Sie gleichen Ihrem Bruder. Ich werde Ihren Bruder schelten, daß er gewartet hat, bis Sie sich selbst bei Hofe einfanden. Und sie wandte sich gegen die Gräfin, ihre Freundin um, die sich durch den ganzen Auftritt in ihrer Unbeweglichkeit nicht hatte stören lassen.

Doch völlig anders verhielt sich die übrige Versammlung. Elektrisiert durch den Empfang, den die Königin dem jungen Mann hatte zu teil werden lassen, übertrieben die Offiziere aus Leibeskräften den Enthusiasmus für die königliche Sache, und man hörte in jeder Gruppe Ausdrücke von einem Heldenmut erschallen, der ganz Frankreich zu bändigen imstande gewesen wäre. Marie Antoinette benützte diese Stimmung, die offenbar ihren geheimen Gedanken schmeichelte.

Sie hatte mehr Neigung zum Kampf, als zur Geduld, zum Widerstreben, statt zum Nachgeben. Von den ersten Nachrichten an, die ihr von Paris zugekommen, war sie auch zu einem hartnäckigen Widerstand gegen diesen Geist der Rebellion entschlossen, der alle Vorrechte der französischen Gesellschaft zu verschlingen drohte.

Auf die paar Worte, die der Graf von Charny gesprochen, auf das von den Anwesenden ausgesprochene Hurrah der Begeisterung sah sich Marie Antoinette im trügerischen Hoffnungsschein an der Spitze einer mächtigen Armee; sie hörte in der Einbildung ihre ungefährlichen Kanonen rollen und ergötzte sich an dem Schrecken, den sie den Parisern einflößen müßten, wie an einem entscheidenden Sieg.

Trunken von Jugend, Vertrauen und Liebe, zählten Männer und Frauen um sie her die glänzenden Husaren, die schweren Dragoner, die furchtbaren Schweizer, die geräuschvollen Kanoniere auf, und lachten über die plumpen Piken mit den rohen hölzernen Stielen, ohne daran zu denken, daß am Ende dieser gemeinen Waffen die edelsten Köpfe Frankreichs sich erheben sollten.

Ich, murmelte die Prinzessin von Lamballe, ich habe mehr Angst vor einer Pike, als vor einer Flinte.

Weil das häßlicher ist, meine liebe Therese, erwiderte lachend die Königin; doch in jedem Fall beruhige dich. Unsre Pariser Pikeniere sind nicht so viel wert, als die Schweizer Pikeniere von Morat, und die Schweizer von heute haben mehr als Piken: sie haben gute Musketen, mit denen sie vortrefflich zielen.

Oh! was das betrifft, dafür stehe ich, sagte Herr von Bezenval.

Die Königin wandte sich abermals gegen Frau von Polignac, um zu sehen, ob ihr alle diese Versicherungen ihre Ruhe nicht wiedergeben würden; doch die Gräfin schien trauriger als je.

Die Königin, die in ihrer unendlichen Zärtlichkeit dieser Freundin die königliche Würde zum Opfer brachte, flehte vergebens um ein lachenderes Gesicht.

Die junge Frau blieb düster und schien in die schmerzlichsten Gedanken versunken.

Diese Entmutigung hatte aber keinen andern Einfluß auf die Königin, als den, sie zu betrüben. Die Begeisterung unter den jungen Offizieren erhielt sich auf derselben Höhe, und alle entwarfen, um ihren Kameraden, den Grafen von Charny, versammelt, den Schlachtplan.

Mitten unter dieser fieberhaften Belebtheit trat der König allein, ohne Diener, ohne Befehle und lächelnd ein.

Ganz glühend von den Gemütsbewegungen, die sie um sich her angefacht hatte, eilte die Königin ihm entgegen.

Als man den König erblickte, stockte jedes Gespräch, und bald herrschte das tiefste Stillschweigen; jeder wartete auf ein Wort des Herrn, auf eines jener Worte, die elektrisieren und unterjochen.

Man horchte, man bebte, man zog mit dem Atem die ersten Worte ein, die aus dem königlichen Munde kommen sollten.

Madame, sagte Ludwig XVI., unter allen diesen Ereignissen hat man vergessen, mir mein Abendbrot in meinem Zimmer aufzutragen; machen Sie mir das Vergnügen, mir hier das Abendbrot zu geben.

Hier? rief die Königin erstaunt.

Wenn Sie die Güte haben wollen!

Aber .... Sire ....

Es ist wahr, Sie plauderten .... Nun, während ich zu Nacht speise, werde ich auch plaudern.

Das einfache Wort »Abendbrot« hatte jeglichen Enthusiasmus in Eis verwandelt. Doch bei den letzten Worten: während ich zu Nacht speise, werden wir plaudern, konnte die Königin selbst nicht glauben, daß so viel Ruhe nicht ein wenig Heldenmut verberge.

Ohne Zweifel hatte der König die Absicht, durch seine Ruhe allen vorübergehenden Schrecken niederzuschlagen.

Oh! ja. Die Tochter von Maria Theresia konnte nicht glauben, der Sohn des heiligen Ludwig bleibe in einem solchen Augenblick den materiellen Bedürfnissen des gewöhnlichen Lebens unterworfen.

Marie Antoinette täuschte sich. Der König hatte Hunger.

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