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Ange Pitou, Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 2 - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidad02c2e3
created20061121
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König Ludwig XVI.

Das Zusammensein von Gilbert, Frau von Staël und Herrn von Necker hatte ungefähr anderthalb Stunden gedauert. Gilbert kam ein Viertel nach neun Uhr nach Paris zurück, ließ sich unmittelbar nach der Post fahren, nahm Wagen und Pferde, und wahrend Billot und Pitou in einem kleinen Gasthause der Rue Thiroux, wo Billot, wenn er nach Paris kam, abzusteigen pflegte, von ihren Strapazen ausruhten, fuhr Gilbert im Galopp nach Versailles.

Es war spät; doch daran lag Gilbert wenig. Bei Männern seines Schlages ist Thätigkeit Bedürfnis. Seine Fahrt konnte möglicherweise ohne Erfolg sein; doch war ihm eine vergebliche Fahrt noch lieber, als auf der Stelle zu bleiben. Für nervöse Organisationen ist die Ungewißheit eine schlimmere Folter, als die erschrecklichste Wirklichkeit.

Er kam nach Versailles um halb elf Uhr; in gewöhnlicher Zeit wäre alle Welt zu Bette gegangen und in den tiefsten Schlaf versunken gewesen. Doch an diesem Abend schlief niemand in Versailles. Man hatte hier den Gegenschlag der Erschütterung empfangen, unter der Paris noch zitterte.

Die französischen Garden, die Gardes-du-corps, die Schweizer, rottenweise aufgestellt, an allen Ausgängen der Hauptstraßen gruppiert, unterhielten sich untereinander oder mit den Bürgern, deren royalistischen Gesinnungen ihnen Vertrauen einflößte.

Ganz Versailles trieb sich also in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1789, in bunter Verwirrung umher und wollte erfahren, wie der König die seiner Krone zugefügte Beleidigung, den seiner Macht versetzten Schlag aufnehmen werde.

Durch die Antwort, die Mirabeau Herrn von Dreux-Breze gegeben, hatte er das Königtum ins Gesicht geschlagen. Durch die Einnahme der Bastille war es vom Volk ins Herz getroffen.

Für die beschränkten Köpfe, für die Kurzsichtigen war indessen die Frage rasch gelöst. In den Augen der Militärs besonders, die im Resultat der Ereignisse nur den Sieg oder die Niederlage der rohen Gewalt zu sehen gewohnt waren, handelte es sich ganz einfach um einen Marsch nach Paris. Dreißigtausend Mann und zwanzig Kanonen würden bald diesen Stolz und diese Siegeswut der Pariser vernichten.

Noch nie hatte das Königtum so viele Räte gehabt; jeder gab seine Ansicht ganz laut und öffentlich zum besten.

Die Mäßigsten sagten: Das ist ganz einfach. Man erwirke zuerst von der Nationalversammlung eine Gutheißung, die sie nicht verweigern wird; ihre Haltung ist seit einiger Zeit beruhigend für jedermann, sie will ebensowenig von unten ausgehende Gewaltthätigkeiten, als von oben herabkommende Mißbräuche.

Die Nationalversammlung wird ganz unumwunden erklären, der Aufruhr sei ein Verbrechen; Bürger, die Abgeordnete haben, um ihre Beschwerden dem König auseinanderzusetzen, und einen König, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, begehen ein Unrecht, wenn sie ihre Zuflucht zu den Waffen nehmen und Blut vergießen.

Mit dieser Erklärung ausgerüstet, die man sicherlich von der Nationalversammlung erlangen wird, kann der König nicht umhin, Paris als guter Vater, das heißt streng, zu züchtigen.

So wird der Sturm zum Schweigen gebracht, das Königtum tritt in sein erstes Recht wieder ein. Die Völker kehren zu ihrer Pflicht zurück, die der Gehorsam ist, und alles verfolgt seinen gewohnten Weg.

So ordnete man im allgemeinen die Angelegenheiten auf dem Cours und auf den Boulevards. Doch vor dem Paradeplatz und in der Umgegend der Kasernen führte man eine andre Sprache. Hier sah man unbekannte ortsfremde Menschen, Menschen mit verständigem Gesicht und verschleiertem Auge, bei jedem Anlaß geheimnisvolle Ratschläge austeilen, die schon sehr ernsten Nachrichten übertreiben und beinahe öffentlich Propaganda mit den meuterischen Ideen treiben, die seit zwei Monaten Paris in Bewegung setzten und die Vorstädte aufwiegelten.

Um diese Menschen bildeten sich düstere, feindselige, belebte Gruppen, die man an ihr Elend, an ihre Leiden, an die brutale Menschenverachtung erinnerte, deren sich das Königtum schuldig gemacht.

An den dunkelsten Orten bildeten sich andre Versammlungen, wurden andre Worte gesprochen. Diejenigen, welche sie aussprachen, waren Männer, die offenbar einer höheren Klasse angehörten und von der Volkstracht eine Verkleidung geborgt hatten, in der sie aber verraten wurden durch ihre weißen Hände und ihre feingebildete Sprache.

Volk! sagten diese Männer, man beirrt dich in der That von zwei Seiten: die einen fordern dich auf, zurückzukehren, die andern treiben dich vorwärts. Man spricht dir von politischen Rechten, von sozialen Rechten; bist du glücklicher, seitdem man dir erlaubt hat, durch das Organ deiner Abgeordneten zu stimmen? Bist du reicher, seitdem du vertreten wirst? Hast du weniger Hunger, seitdem die Nationalversammlung Dekrete macht? Nein, nein, überlaß die Politik und ihre Theorieen den Leuten, die zu lesen verstehen. Was dir not thut, ist nicht eine Redensart oder eine geschriebene Maßregel.

Es ist Brot, und dann wieder Brot; es ist der Wohlstand deiner Kinder, die süße Ruhe deiner Frau. Wer wird dir dies alles geben? Ein König von festem Charakter, von jugendlichem Geist, von edlem Herzen. Dieser König ist nicht Ludwig XV l., der unter seiner Frau regiert, unter der Österreicherin mit dem ehernen Herzen; es ist... suche wohl um den Thron; suche dort denjenigen, welcher Frankreich wieder glücklich machen kann, und den die Königin mit Recht haßt, weil er Schatten auf das Gemälde wirft, weil er die Franzosen liebt und von ihnen geliebt wird.

So gab sich die Meinung in Versailles kund, so entfachte man überall den Bürgerkrieg.

Gilbert zog bei einigen von diesen Gruppen Erkundigungen ein; als er sodann den Zustand der Geister erkannt hatte, ging er gerade auf das Schloß zu, das zahlreiche Posten bewachten.

Trotz aller dieser Posten durchschritt Gilbert ohne alle Schwierigkeit die ersten Höfe und gelangte bis zu den Vorzimmern, ohne daß irgend jemand ihn fragte.

Als er in den Saal des Oeil-de-Boëuf kam, hielt ihn ein Garde-du-corps an. Gilbert zog aus seiner Tasche den Brief des Herrn von Necker und zeigte die Unterschrift. Der Edelmann warf einen Blick darauf. Das Verbot war streng, und da die strengsten Verbote gerade diejenigen sind, welche am meisten der Erläuterung bedürfen, so sagte der Garde-du-corps zu Gilbert:

Mein Herr, der Befehl, niemand zum König einzulassen, ist förmlich; da man aber offenbar den Fall eines Abgesandten des Herrn von Necker nicht vorgesehen hat, da Sie aller Wahrscheinlichkeit nach Seiner Majestät einen wichtigen Rat bringen, so gehen Sie hinein, ich nehme die Übertretung auf mich.

Gilbert trat ein.

Der König war nicht in seinen Gemächern, sondern im Beratungssaal; er empfing hier eine Deputation der Nationalgarde, die von ihm die Entfernung der Truppen, die Bildung einer Bürgergarde, und seine Gegenwart in Paris verlangt hatte.

Ludwig hatte kalt angehört, und dann geantwortet: die Lage der Dinge bedürfe der Aufhellung, und er werde diese Lage mit seinem Rate in Überlegung ziehen.

Während dieser Zeit warteten die Abgeordneten in der Gallerie und sahen durch die mattgeschliffenen Gläser der Thüren das Spiel der wachsenden Schatten der königlichen Räte und ihre drohenden Bewegungen.

Durch das Studium dieser Art von Phantasmagorie konnten sie erraten, die Antwort werde schlecht sein.

Der König beschränkte sich in der That darauf, daß er antwortete, er werde die Chefs für die Bürgermiliz ernennen und den Truppen vom Marsfelde Befehl geben, sich zurückzuziehen.

Was seine Gegenwart in Paris betraf, so wollte er der aufrührerischen Stadt diese Gunst nicht eher gewähren, als bis sie sich völlig unterworfen hätte.

Die Deputation bat, flehte, beschwor. Der König erwiderte, sein Herz sei zerrissen, aber er vermöge nicht mehr.

Und zufrieden mit diesem augenblicklichen Triumphe, mit dieser Kundgebung einer Gewalt, die er schon nicht mehr besaß, kehrte der König in seine Gemächer zurück.

Hier fand er Gilbert. Der Garde-du-corps war bei ihm.

Was will man von mir? fragte der König.

Der Garde-du-corps näherte sich ihm, und während er sich bei Ludwig XVI. entschuldigte, daß er gegen das Verbot gefehlt, betrachtete Gilbert, der seit langen Jahren den König nicht mehr gesehen, stillschweigend diesen Mann, den Frankreich im Augenblick des heftigsten Sturms, den es je erlitten, von Gott zum Lotsen erhalten hatte.

Dieser dicke und kurze Leib, ohne Federkraft und Majestät, dieser in seinen Formen weiche und im Ausdruck unfruchtbare Kopf, diese mit einem frühzeitigen Alter streitende Jugend, dieser ungleiche Kampf einer mächtigen Materie gegen eine mittelmäßige Intelligenz, welcher der Rangstolz allein einen zeitweisen Wert gab: dies alles bedeutete für den Physiognomiker, der mit Lavater studiert, für den Magnetiseur, der mit Balsamo in der Zukunft gelesen, für den Philosophen, der mit Jean-Jacques geträumt, für den Reisenden, der alle menschlichen Rassen an sich hatte vorübergehen lassen, dies alles bedeutete: Ausartung, Verschlechterung, Ohnmacht, Untergang.

Gilbert war also wie betäubt, nicht durch die Ehrfurcht, sondern durch den Schmerz, indem er dieses traurige Schauspiel betrachtete.

Der König ging auf ihn zu und sagte: Sie sind es, der mir einen Brief von Herrn von Necker bringt?

Ja, Sire.

Ah! rief er, als ob er gezweifelt hätte, kommen Sie geschwinde.

Gilbert reichte den Brief dem König. Ludwig las ihn hastig und sagte dann zu dem Garde-du-corps mit einer Gebärde, der es nicht ganz an einem gewissen Adel des Befehlens gebrach:

Lassen Sie uns allein, Herr von Varicourt.

Gilbert blieb mit dem König allein.

Das Zimmer war nur durch eine einzige Lampe erleuchtet; man hätte glauben sollen, der König habe das Licht gemäßigt, damit man auf seiner mehr verdrießlichen, als sorgenvollen Stirne alle die Gedanken, die sich in ihm drängten, nicht lesen könne.

Mein Herr, sagte er, auf Gilbert einen Blick heftend, der klarer und schärfer war, als sich dieser wohl gedacht hatte, mein Herr, ist es wahr, daß Sie der Verfasser der Denkschriften sind, die mich so in Erstaunen gesetzt haben?

Ja, Sire.

Wie alt sind Sie?

Zweiunddreißig Jahre, Sire; doch das Studium und das Unglück verdoppeln das Alter. Behandeln Sie mich als einen Greis.

Warum haben Sie so lange gewartet, um vor mir zu erscheinen?

Sire, weil ich kein Bedürfnis hatte, Eurer Majestät das mündlich zu sagen, was ich freier und leichter schrieb.

Ludwig XVI. dachte nach.

Sie haben keine andern Gründe? sagte er argwöhnisch. Aber wenn ich mich nicht täusche, müssen Sie gewisse Umstände von meiner wohlwollenden Gesinnung für Sie unterrichtet haben.

Eure Majestät meint vielleicht jene Art von Rendezvous, das ich dem König zu geben die Verwegenheit hatte, als ich ihn nach meiner ersten Denkschrift vor fünf Jahren bat, abends um 8 Uhr ein Licht an sein Fenster zu stellen, um mir zu bezeichnen, er habe meine Arbeit gelesen.

Und ... sagte der König befriedigt.

Und am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde wurde das Licht in der That dahin gestellt, wohin es zu stellen ich Sie ersucht hatte, Sire. Hernach sah ich es dreimal sich erheben und wieder senken. Sodann las ich folgende Worte in der Gazette: Derjenige, welchen das Licht dreimal gerufen, kann sich bei demjenigen einfinden, welcher es dreimal emporgehoben hat, er wird belohnt werden.

Das sind in der That die eigenen Worte der Anzeige, sagte der König.

Und hier ist die Anzeige selbst, sprach Gilbert, indem er aus seiner Tasche die Zeitung zog, in die fünf Jahre vorher die Anzeige, an die er erinnert hatte, eingerückt worden war. Gut, sehr gut, sprach der König, ich habe lange auf Sie gehofft. Sie erscheinen in dem Augenblick, wo ich Sie zu erwarten aufgehört hatte. Seien Sie willkommen, denn Sie erscheinen wie die guten Soldaten, im Augenblick des Kampfes.

Dann schaute er Gilbert noch aufmerksamer an und fügte bei:

Wissen Sie, mein Herr, daß es für einen König etwas Außerordentliches ist, einen Menschen nicht erscheinen zu sehen, zu dem man gesagt hat: Kommen Sie, um eine Belohnung zu empfangen?

Gilbert lächelte. Lassen Sie hören, sprach Ludwig XVI., warum sind Sie nicht gekommen?

Weil ich keine Belohnung verdiente, Sire. Ein geborener Franzose, mein Vaterland liebend, eifersüchtig auf seine Wohlfahrt, meine Individualität mit der von dreißig Millionen Menschen, meinen Mitbürgern, verschmelzend, arbeitete ich für mich, indem ich für sie arbeitete. Sire, man ist nicht immer einer Belohnung würdig, weil man selbstsüchtig ist.

Paradox, mein Herr; Sie hatten einen andern Grund.

Gilbert erwiderte nichts.

Sprechen Sie, mein Herr, ich wünsche es.

Sie haben vielleicht richtig erraten, Sire.

Ist es nicht dieser Grund, fragte der König ängstlich: Sie fanden die Lage ernst, und behielten sich vor ...?

Für eine noch viel ernstere; ja, Sire, Eure Majestät hat richtig erraten.

Ich liebe die Offenherzigkeit, sagte der König, der seine Unruhe nicht verbergen konnte, denn er war von einer schüchternen Natur und errötete leicht.

Ludwig XVI. fuhr fort: Sie sagten dem König den Ruin vorher, und haben das Zunahesein bei den Trümmern befürchtet.

Nein, Sire, denn ich komme gerade in dem Augenblick, wo der Ruin bald bevorsteht, um mich der Gefahr zu nähern.

Ja, ja, Sie verlassen soeben Necker und sprechen wie er. Die Gefahr, allerdings; es ist in diesem Augenblick gefährlich, sich mir zu nähern. Und wo ist Necker?

Ich glaube, ganz bereit, sich den Befehlen Eurer Majestät zu fügen.

Desto besser, ich werde seiner bedürfen, sprach der König mit einem Seufzer. In der Politik soll man nicht halsstarrig sein. Man glaubt gut zu thun und thut schlecht; man thut sogar gut, und das launenhafte Ereignis stört die Resultate; die Pläne waren nichtsdestoweniger gut, und doch gilt man dafür, daß man sich getäuscht habe.

Der König seufzte abermals; Gilbert kam ihm zu Hilfe.

Sire, sagte er. Eure Majestät urteilt und schließt bewunderungswürdig; was aber zu dieser Stunde zu thun sich geziemt, ist, daß man klarer in der Zukunft zu sehen sucht, als man dies bis jetzt gethan hat.

Der König erhob das Haupt, und man konnte seine ausdrucksvolle Stirne sich leicht falten sehen.

Sire, verzeihen Sie mir, sagte Gilbert, ich bin Arzt. Ist das Übel groß, so bin ich kurz.

Sie legen also ein großes Gewicht auf den heutigen Aufstand?

Sire, das ist kein Aufstand, das ist eine Revolution.

Und Sie wollen, daß ich mich mit diesen Rebellen, mit diesen Mördern vertrage? Denn sie haben die Bastille mit Gewalt genommen:, das ist ein Akt des Aufruhrs; sie haben Herrn de Launay, Herrn von Losme und Herrn von Flesselles getötet: das ist Mord.

Ich will, daß Sie die einen von den andern trennen, Sire; diejenigen, welche die Bastille genommen, sind Helden; diejenigen, welche die Herren von Flesselles, von Losme und de Launay getötet haben, sind Mörder.

Der König errötete leicht; doch beinahe in demselben Augenblick verschwand diese Röte wieder, seine Lippen erbleichten, und ein paar Schweißtropfen perlten auf seiner Stirne.

Sie haben recht, mein Herr. Sie sind Arzt, oder vielmehr Wundarzt, denn Sie schneiden in das lebendige Fleisch ein. Doch kommen wir auf Sie zurück. Sie heißen Doktor Gilbert, nicht wahr? oder mit diesem Namen sind wenigstens Ihre Denkschriften unterzeichnet.

Sire, es ist eine große Ehre für mich, daß Eure Majestät sich so gut erinnert, obschon ich im ganzen unrecht habe, so stolz zu sein.

Warum?

Mein Name mußte in der That unlängst vor Eurer Majestät ausgesprochen worden sein.

Ich begreife nicht ...

Vor sechs Tagen bin ich verhaftet und in die Bastille gebracht worden. Ich habe aber sagen hören, es finde keine Verhaftung von einer Wichtigkeit statt, ohne daß es der König wisse. Sie in der Bastille? rief der König, die Augen weit aufreißend.

Hier ist mein Gefängnisschein, Sire. Vor sechs Tagen, wie ich Eurer Majestät zu sagen die Ehre gehabt habe, auf Befehl des Königs in die Bastille gebracht, bin ich heute um drei Uhr durch die Gnade des Volks daraus befreit worden.

Heute?

Ja, Sire; hat Eure Majestät den Kanonendonner nicht gehört?

Allerdings.

Nun wohl! das Feuer der Kanonen öffnete mir die Pforten.

Ah! murmelte der König, ich möchte gern sagen, ich freue mich darüber, hätte man heute morgen nicht auf die Bastille und auf das Königtum zugleich gefeuert.

Oh! Sire, machen Sie aus einem Gefängnis nicht das Symbol eines Prinzips. Sagen Sie im Gegenteil, Sire, Sie seien glücklich, daß die Bastille genommen worden ist, denn man wird nicht mehr im Namen des Königs, der nichts davon weiß, eine Ungerechtigkeit wie die begehen, deren Opfer ich gewesen bin.

Aber Ihre Verhaftung hat doch eine Ursache, mein Herr?

Keine, die ich wüßte, Sire; man hat mich bei meiner Rückkehr nach Frankreich verhaftet und eingekerkert, das ist das Ganze.

In der That, mein Herr, sagte Ludwig mit sanftem Tone, ist es nicht einigermaßen Egoismus von Ihrer Seite, daß Sie mir von Ihnen sprechen, während ich es bedarf, daß man mir von mir spricht?

Sire, es ist für mich notwendig, daß mir Eure Majestät eine einzige Frage beantwortet.

Welche?

Ja oder nein, hat eure Majestät einen Anteil an meiner Verhaftung?

Ich wußte nichts von Ihrer Rückkehr nach Frankreich.

Diese Antwort beglückt mich, Sire; ich kann nun laut erklären. Eure Majestät werde in dem, was sie Übles thut, beinahe immer mißbraucht, und werde denjenigen, welche zweifeln sollten, mich als Beispiel anführen. Der König lächelte.

Als Arzt, sagte er, gießen Sie den Balsam in die Wunde.

Oh! Sire, ich werde ihn mit vollen Händen eingießen, und wenn Sie wollen, diese Wunde heilen, dafür stehe ich Ihnen.

Ob ich es will? gewiß.

Aber Sie müssen es sehr fest wollen, Sire. Ehe Sie sich weiter verbindlich machen, Sire, lesen Sie diese an den Rand meines Gefängnisregisters geschriebene Zeile.

Welche Zeile? fragte der König unruhig.

Sehen Sie.

Gilbert reichte das Blatt dem König. Ludwig las:

Auf das Verlangen der Königin.

Er faltete die Stirne.

Der Königin! sagte er; sollten Sie sich die Ungnade der Königin zugezogen haben?

Sire, ich bin fest überzeugt, daß mich Ihre Majestät noch weniger kennt, als Eure Majestät mich kannte.

Aber Sie hatten sich irgend ein Vergehen zu Schulden kommen lassen, denn man geht nicht umsonst in die Bastille.

Es scheint doch, da ich daraus komme.

Herr von Necker schickt Sie mir, und der geheime Verhaftsbrief war von ihm unterzeichnet.

Allerdings.

Dann erklären Sie sich besser. Durchgehen Sie Ihr Leben und sehen Sie, ob Sie nicht irgend einen Umstand darin finden, den Sie vergessen haben.

Mein Leben durchgehen! Ja, Sire, ich werde es thun, und zwar laut; seien Sie unbesorgt, es wird nicht lange dauern. Ich habe seit dem Alter von sechzehn Jahren ohne Unterlaß gearbeitet; ein Zögling von Jean-Jacques, eine Gefährte von Balsamo, ein Freund von Lafayette und Washington, habe ich mir seit dem Tage, wo ich Frankreich verlassen, nie ein Vergehen oder auch nur ein Unrecht vorzuwerfen gehabt. Als die erlangte Wissenschaft mir die Verwundeten oder Kranken zu behandeln erlaubte, dachte ich immer, ich sei von jeder meiner Ideen, von jeder meiner Handlungen Rechenschaft schuldig vor Gott. Da mir Gott Geschöpfe anvertraut hatte, so vergoß ich als Wundarzt das Blut aus Menschlichkeit, bereit, das meinige hinzugeben, um meinem Kranken Linderung zu verschaffen oder ihn zu retten; als Arzt war ich immer Tröster, zuweilen Wohlthäter. So sind fünfzehn Jahre vergangen. Ich habe die Mehrzahl der Leidenden zum Leben zurückkehren sehen; sie küßten mir die Hände. Nein, ich sage Ihnen, Sire, seit dem Tage, wo ich Frankreich verlassen, und das sind fünfzehn Jahre, habe ich mir nichts vorzuwerfen.

Sie pflogen in Amerika Umgang mit den Neuerern, und durch Ihre Schriften sind deren Grundsätze verbreitet worden.

Ja, Sire, und ich vergaß dieses Recht, das ich mir auf die Dankbarkeit der Könige und der Menschen erworben habe.

Der König schwieg.

Sire, fuhr Gilbert fort, nun ist Ihnen mein Leben bekannt; ich habe niemand beleidigt oder verwundet, ebensowenig einen Bettler, als eine Königin, und ich frage Eure Majestät, warum man mich bestraft hat.

Ich werde mit der Königin sprechen, Herr Gilbert; doch glauben Sie, daß der Geheimbrief unmittelbar von der Königin kommt?

Ich sage das nicht, Sire, ich glaube sogar, daß die Königin nur die Randbemerkung gemacht hat.

Ah! Sie sehen wohl, rief der König ganz freudig.

Ja; doch Sie wissen, Sire, daß eine Königin befiehlt, wenn sie eine Randbemerkung macht.

Und von wem ist der Brief mit der Randbemerkung? Lassen Sie sehen!

Ja, Sire, sehen Sie, sagte Gilbert.

Und er reichte ihm das Blatt aus dem Gefängnisregister.

Gräfin von Charny! rief der König; wie, sie hat Sie verhaften lassen! aber was haben Sie denn dieser armen Charny gethan?

Ich kannte heute morgen diese Dame nicht einmal dem Namen nach, Sire.

Ludwig fuhr mit der Hand über seine Stirne. Charny, murmelte er, Charny, die Sanftmut, die Tugend die Keuschheit selbst!

Sie werden sehen, Sire, sprach Gilbert lachend, ich bin auf Verlangen von drei göttlichen Tugenden in die Bastille gesteckt worden.

Oh! ich muß hierüber im klaren sein, sagte der König.

Und er zog an einer Klingelschnur.

Ein Thürhüter trat ein.

Man sehe nach, ob die Gräfin von Charny bei der Königin ist, befahl Ludwig.

Sire, antwortete der Thürhüter, ich habe die Gräfin soeben durch die Gallerie gehen sehen; sie ist im Begriff, in den Wagen zu steigen.

Laufen Sie ihr nach und bitten Sie sie, in einer wichtigen Angelegenheit in mein Kabinett zu kommen.

Dann wandte er sich gegen Gilbert um und fragte:

Ist es das, was Sie wünschten, mein Herr?«

Ja, Sire, antwortete Gilbert, und ich danke Eurer Majestät tausendmal.

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