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Ange Pitou, Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 2 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidad02c2e3
created20061121
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Der Schwiegersohn.

Die Verbindung war bald bewerkstelligt, man hatte auf beiden Seiten dieselbe Eile.

Einige von den Sinnreichen, die wir auf der Greve gesehen, brachten dem Schwiegersohn am Ende eines Spießes den Kopf seines Schwiegervaters.

Herr Berthier kam mit dem Kommissär durch die Rue Saint-Martin. Er saß in seinem Wagen.

Unter Geschrei, Gezisch und Drohungen fuhr Berthier Schritt für Schritt weiter und sprach ruhig mit dem Wähler Riviere, dem Kommissär, den man nach Compiegne abgesandt hatte, um ihn zu retten.

Das Volk hatte mit dem Wagen angefangen und zuerst dessen Verdeck zerbrochen, so daß Berthier und der Kommissär entblößt und allen Blicken und Streichen ausgesetzt waren.

Unterwegs hörte er sich an seine Verbrechen erinnern, von der Wut des Volkes erläutert und noch vergrößert.

Er hatte Paris aushungern wollen.

Er hatte befohlen, den Roggen und den Weizen grün abzuschneiden; dadurch war der Preis des Getreides gestiegen, und er hatte ungeheure Summen eingenommen.

Man hatte bei ihm ein Portefeuille erwischt; in diesem fanden sich mordbrennerische Briefe, Befehle zum Niedermetzeln, der Beweis, daß zehntausend Patronen an seine Agenten ausgeteilt worden seien.

Das waren entsetzliche Albernheiten; doch es ist ja bekannt, daß die Menge, wenn sie einmal den Paroxismus ihres Zorns erreicht hat, die wahnsinnigsten Neuigkeiten für wahr ausgiebt.

Berthier war noch ein junger Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, elegant gekleidet, beinahe lächelnd unter den Streichen und Beleidigungen; mit vollkommener Sorglosigkeit sah er um sich her die schändlichen Anschlagszettel an, die man ihm zeigte, und plauderte ohne Prahlerei mit Riviere.

Zwei über seine Gelassenheit aufgebrachte Menschen wollten ihn erschrecken und aus seiner Haltung bringen. Sie stellten sich jeder auf einen Fußtritt des Wagens und hielten Berthier das Bajonett ihrer Flinte auf die Brust.

Aber mutig bis zur Verwegenheit, ließ sich Berthier dadurch nicht aus der Fassung bringen und sprach fortwährend mit dem Wähler.

Tief gereizt durch diese Verachtung, die so seltsam mit Foulons Angst kontrastierte, brüllte die Menge um den Wagen her und wartete mit Ungeduld auf den Augenblick, wo sie statt einer Drohung einen Schmerz auferlegen könnte.

Da heftete Berthier seinen Blick auf etwas Ungestaltes, Blutiges, das man vor ihm schüttelte, und erkannte plötzlich den Kopf seines Schwiegervaters, der sich bis zur Höhe seiner Lippen neigte. Man wollte ihn den Kopf küssen lassen.

Herr Riviere schob mit seiner Hand den Spieß entrüstet auf die Seite. Berthier wandte sich nicht einmal um.

So kam man auf die Greve, und der Gefangene wurde den Wählern im Stadthause übergeben.

Die Menge nahm ihre Stellung auf den guten Plätzen, bewachte alle Ausgänge, traf ihre Vorkehrungen und bereitete neue Stricke am Kloben der Laterne.

Als Billot Berthier sah, der ruhig die große Treppe des Stadthauses hinaufstieg, weinte er bitterlich.

Pitou, der das Ufer verlassen hatte und wieder zum Quai hinaufgestiegen war, sobald er glaubte, die Hinrichtung sei vorüber, kauerte sich erschrocken hinter eine Bank.

Berthier, als hätte es sich gar nicht um ihn gehandelt, war mittlerweile in den Ratssaal eingetreten und plauderte vertraut mit den Wählern, von denen er die Mehrzahl kannte.

Diese entfernten sich von ihm mit dem Schrecken, der schüchterne Seelen ergreift, wenn sie mit einem Menschen, der beim Volke verhaßt ist, in öffentliche Berührung treten soll.

Berthier sah sich auch bald beinahe allein mit Bailly und Lafayette. Er ließ sich alle Einzelheiten von der Hinrichtung Foulons erzählen; dann zuckte er die Achseln und sagte: Ja, ich begreife das: man haßt uns, weil wir die Werkzeuge sind, mit denen man das Volk gefoltert hat.

Man wirft Ihnen große Verbrechen vor, mein Herr, sprach Bailly mit strengem Ton,

Mein Herr, erwiderte Berthier, wenn ich alle Verbrechen begangen hätte, die man mir vorwirft, so wäre ich ein wildes Tier oder ein Teufel; doch, wie ich glaube, wird man mich richten, und dann wird es klar werden.

Allerdings, sprach Bailly.

Nun! fuhr Berthier fort, das ist alles, was ich wünsche. Man hat meine Korrespondenz, man wird sehen, welchen Befehlen ich gehorcht habe, und die Verantwortlichkeit wird auf diejenigen zurückfallen, denen sie gebührt.

Die Wähler schauten auf den Platz hinaus, von wo furchtbares Geschrei aufstieg.

Berthier begriff die Antwort.

Da durchschnitt Billot die Menge, die Bailly umgab, näherte sich dem Intendanten, bot ihm seine redliche große Hand und sagte: Guten Tag, Herr von Sauvigon.

Ah! du bist es, Billot, rief Berthier lachend, indem er mit einer festen Hand die ihm dargebotene Hand ergriff; du willst also in Paris Aufruhr treiben, mein braver Pächter, du, der du dein Getreide auf den Märkten von Villers-Cotterets, von Crevy und von Soissons so gut verkauftest?

Trotz seiner demokratischen Bestrebungen konnte Billot nicht umhin, die Ruhe dieses Mannes zu bewundern, der in solcher Weise scherzte, während sein Leben an einem Faden hing.

Nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren, sprach Bailly zu den Wählern, wir wollen die Instruktion gegen den Angeklagten beginnen.

Gut, sagte Berthier, nur muß ich Sie darauf aufmerksam machen, meine Herren, daß ich erschöpft bin; seit zwei Tagen habe ich nicht geschlafen; von Compiegne nach Paris bin ich heute gestoßen, geschlagen, gezerrt worden; wenn ich zu essen verlangte, bot man mir Heu, was nicht sehr erfrischend ist; lassen Sie mir einen Ort anweisen, wo ich schlafen kann, und wäre es nur eine Stunde.

In diesem Augenblick ging Lafayette aus dem Saal, um sich zu erkundigen. Er kam niedergeschlagener als je zurück.

Mein lieber Bailly, sagte er, die Erbitterung ist bis auf den höchsten Grad gestiegen. Herrn Berthier hier behalten heißt sich einer Belagerung aussetzen; das Stadthaus verteidigen heißt den Wütenden den Vorwand geben, den sie verlangen; das Stadthaus nicht verteidigen heißt die Gewohnheit annehmen, nachzugeben, so oft man es angreifen wird.

Während dieser Zeit hatte sich Berthier auf eine Bank gesetzt und dann gelegt. Er schickte sich an, zu schlafen.

Die wütenden Schreie gelangten zu ihm durch das Fenster, störten ihn aber nicht; sein Gesicht bewahrte die Ruhe des Mannes, der alles vergißt, um den Schlaf über sein Bewußtsein sich lagern zu lassen.

Bailly beriet sich mit den Wählern und mit Lafayette.

Lafayette sammelte rasch die Stimmen, wandte sich an den Gefangenen, der einzuschlafen anfing, und sagte zu ihm:

Mein Herr, wollen Sie sich bereit halten.

Berthier stieß einen Seufzer aus, erhob sich auf seinen Ellenbogen und fragte: Wozu bereit?

Diese Herren haben beschlossen, daß Sie nach der Abbaye gebracht werden sollen.

Nach der Abbaye? gut, sagte der Intendant. Doch, fügte er bei, indem er die verlegenen Richter anschaute, deren Verlegenheit er begriff, machen wir auf die eine oder die andere Art ein Ende.

Lange zurückgehalten, drang auf einmal wieder ein Ausbruch des Zorns und der Ungeduld von der Greve empor.

Nein, meine Herren, nein, wir werden ihn in diesem Augenblick nicht gehen lassen, rief Lafayette.

Bailly faßte einen Entschluß, er ging mit zwei Wählern auf den Platz hinab und gebot Stillschweigen.

Das Volk wußte so gut, als er, was er sagen würde; da es aber die Absicht hatte, das Verbrechen wiederzubeginnen, so wollte es nicht einmal den Vorwurf hören, und als Bailly den Mund öffnete, erhob sich aus der Menge ein ungeheures Geschrei und brach seine Stimme, bevor sie sich nur hatte vernehmbar machen können.

Da Bailly sah, daß es ihm unmöglich sei, auch nur ein einziges Wort zu artikulieren, kehrte er nach dem Stadthause zurück, verfolgt von den Schreien: Berthier! Berthier!

Dann drangen andre Schreie durch diesen durch. Man brüllte: An die Laterne! An die Laterne!

Als Lafayette Bailly zurückkommen sah, eilte er ihm entgegen. Er ist jung, er ist glühend, er ist geliebt. Was der Greis mit seiner Volkstümlichkeit von gestern nicht hat erlangen können, wird er, der Freund von Washington und Necker, ohne Zweifel, mit dem ersten Wort erlangen.

Doch vergebens drang der Volksgeneral in die Gruppen der Wütendsten; vergebens sprach er im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Nicht eines von seinen Worten wurde gehört.

Von Stufe zu Stufe zurückgestoßen, kniete er auf der Freitreppe des Stadthauses nieder und beschwor diese Tiger, die er seine Mitbürger nannte, ihre Nation nicht zu entehren, sich selbst nicht zu entehren, die Schuldigen nicht zu Märtyrern zu erheben, denen das Gesetz einen Teil Ehrlosigkeit mit einem Teil Bestrafung schuldig sei.

Als er beharrlich fortfuhr, gelangten die Drohungen bis zu ihm, doch er kämpfte gegen die Drohungen. Einige Rasende zeigten ihm dann die Faust und hoben ihre Gewehre gegen ihn empor.

Er ging ihren Streichen entgegen, und ihre Waffen senkten sich.

Aber wenn man Lafayette bedroht hatte, so bedrohte man Berthier noch viel mehr.

Wie Bailly, so kehrte auch Lafayette besiegt ins Stadthaus zurück.

Alle Wähler waren Augenzeugen gewesen, wie machtlos Lafayette gegen den Sturm angekämpft; damit war ihr letzter Wall niedergestürzt.

Sie beschlossen, die Wache des Stadthauses sollte Berthier nach der Abbaye führen.

Das hieß Berthier in den Tod schicken.

Endlich! sagte Berthier, als der Beschluß gefaßt war.

Und er schaute alle diese Menschen mit tiefer Verachtung an und stellte sich unter die Wachen, nachdem er Bailly und Lafayette durch ein Zeichen gedankt und Billot die Hand gereicht hatte.

Bailly wandte seinen Blick voll Thränen, Lafayette seine Augen voll Entrüstung ab.

Berthier stieg die Treppe des Stadthauses mit demselben Schritte hinab, mit dem er sie heraufgestiegen war.

In dem Augenblick, wo er auf der Freitreppe erschien, machte ein entsetzliches, vom Platze ausgehendes Geschrei selbst die steinernen Stufen, auf die er den Fuß setzte, zittern.

Doch, verächtlich und unempfindlich, schaute er alle diese flammenden Augen mit ruhigen Augen an, zuckte die Achseln und sprach die Worte: Wie seltsam ist dieses Volk! Was hat es so zu brüllen!

Er hatte nicht vollendet, als er schon diesem Volke gehörte. Schon auf der Freitreppe rissen ihn grimmige Fäuste aus der Mitte der Wachen heraus. Eiserne Haken zogen ihn an, sein Fuß glitt aus, und er rollte in die Arme seiner Feinde.

Dann riß eine unwiderstehliche Woge den Gefangenen auf dem mit Blut besudelten Wege fort, auf dem Foulon zwei Stunden zuvor geschleppt worden war.

Schon saß ein Mensch, mit dem Stricke in der Hand, auf der unseligen Laterne.

Doch ein andrer Mensch hatte sich an Berthier angeklammert, und dieser Mensch teilte wütend, wahnsinnig, Schläge und Verwünschungen an die Henker aus.

Er schrie: Ihr werdet ihn nicht töten!

Es war Billot, den die Verzweiflung toll gemacht hatte, und zwar toll wie zwanzig Menschen.

Den einen rief er zu: Ich bin einer von den Siegern der Bastille!

Und einige, die ihn wirklich kannten, ließen in ihren Angriffen nach.

Zu andern sagte er: Laßt ihn richten; ich hafte für ihn; läßt man ihn entwischen, so werdet Ihr mich statt seiner henken.

Armer Billot, armer ehrlicher Mann! Die Wellen rissen ihn fort, ihn und Berthier, wie ein Wetterwirbel in seinen weiten Kreisen eine Feder und einen Strohhalm von hinnen trägt.

Er flog und wußte nicht wie und wo, bis er an Ort und Stelle war.

Berthier, den man rückwärts fortgeschleppt und aufgehoben hatte, wandte sich, als er sah, daß man anhielt, um, schlug die Augen auf und erblickte den schändlichen Strang, der über seinem Kopfe baumelte.

Durch eine ebenso heftige, als unerwartete Anstrengung machte er sich von den Händen, die ihn festhielten, los, riß einem von der Nationalgarde eine Flinte aus den Händen und ging mit Bajonettstößen auf seine Henker los.

Doch in einer Sekunde trafen ihn tausend Streiche von hinten, er fiel, und tausend Stöße tauchten aus einem Kreise auf ihn nieder.

Billot war unter den Füßen der Mörder verschwunden.

Berthier hatte keine Zeit zu leiden. Sein Blut entströmte aus unzähligen Wunden seines Leibes. Da konnte Billot ein Schauspiel sehen, das noch greulicher war, als alles, was er bis jetzt erblickt. Er sah einen Menschen seine Hand in die offene Brust des Leichnams tauchen und das noch rauchende Herz herausziehen.

Derselbe steckte dann dieses Herz an die Spitze seines Säbels, trug es mitten unter der brüllenden Menge, die sich auf seinem Wege vor ihm öffnete, und legte es auf die Tafel des großen Rates nieder, wo die Wähler ihre Sitzungen hielten.

Billot, der eiserne Mann, konnte diesen Anblick nicht ertragen; zehn Schritte von der unseligen Laterne fiel er auf einen Weichstein nieder.

Lafayette, als er diese schändliche, seiner Autorität, der Revolution, die er lenkte, oder vielmehr zu lenken geglaubt hatte, zugefügte Beleidigung sah, Lafayette zerbrach seinen Degen und warf die Stücke davon den Mördern an den Kopf.

Pitou hob den Pächter auf, trug ihn in seinen Armen weg und flüsterte ihm ins Ohr:

Billot! Vater Billot, nehmen Sie sich in acht; wenn sie sehen, daß Sie sich übel befänden, so würden die Mörder Sie für einen Mitschuldigen halten und auch umbringen... Das wäre schade... ein so guter Patriot!...

Hernach zog er ihn nach dem Flusse fort, wobei er ihn so gut, als es ihm möglich war, vor den Blicken einiger Hitz- und Murrköpfe verbarg.

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