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Ange Pitou, Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 2 - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidad02c2e3
created20061121
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Der Schwiegervater.

Auf dem Platze entzündeten sich indes die Geister, wie es der immer mehr zunehmende Lärm der Menge bewies. Es war schon nicht mehr Haß, es war Abscheu. Die Schreie: Nieder mit Foulon! Foulon den Tod! kreuzten sich wie tödliche Wurfgeschosse bei einem Bombardement, Und schon begannen in dieser Menge Gerüchte in Umlauf zu kommen und sich zu vergrößern, die zu Gewaltthaten aufforderten.

Diese Gerüchte bedrohten nicht nur Foulon, sondern auch die Wähler, die ihn beschützten.

Sie haben den Gefangenen entfliehen lassen! sagten die einen. Gehen wir hinein! gehen wir hinein! sagten die andern.

Zünden wir das Stadthaus an! Vorwärts! vorwärts!

Da Herr von Lafayette immer noch nicht kam, sah Bailly darin noch das einzige Rettungsmittel: die Wähler sollten selbst hinabgehen, sich unter die Gruppen mischen und die Wütendsten zu bekehren suchen.

Foulon! Foulon! Dies war der unablässige Schrei, das ununterbrochene Gebrülle der rasenden Wogen.

Ein allgemeiner Sturm bereitete sich vor; die Mauern hätten nicht widerstanden.

Mein Herr, sagte Bailly zu Foulon, wenn Sie sich nicht der Menge zeigen, so werden diese Leute glauben, wir haben Sie entwischen lassen; sie werden die Thüre sprengen, sie werden hier hereinkommen, und finden sie Sie dann hier, so stehe ich für nichts mehr.

Oh! ich wußte nicht, daß ich so verhaßt bin, murmelte Foulon, indem er seine Arme mutlos niederfallen ließ.

Und von Bailly unterstützt, schleppte er sich zum Fenster.

Ein entsetzliches Geschrei erhob sich bei seinem Anblick. Die Wachen wurden überwältigt, die Thüren eingestoßen; der Strom stürzte sich auf die Treppen, in die Eingänge, in die Säle, die in einem Augenblick mit Menschen gefüllt waren.

Was nur immer an Wachen verfügbar war, stellte Bailly sofort um den Gefangenen auf, und begann sodann zu den Volksmassen zu reden.

Er wollte diesen Menschen begreiflich machen, daß man durch Mord zuweilen einen Akt der Rache begeht, aber in keinem Fall Gerechtigkeit übt.

Nach unerhörten Anstrengungen, und nachdem er zwanzigmal sein eigenes Leben gewagt, gelang es ihm endlich.

Ja, ja, riefen die Stürmenden, man richte ihn! man richte ihn! doch man hänge ihn auf.

Soweit waren sie mit ihrer Beweisführung, als Herr von Lafayette, geführt von Billot, im Stadthause erschien.

Der Anblick seines dreifarbigen Federbusches, eines der ersten, die man getragen, dampfte sogleich das Geschrei und die Ausbrüche des Zorns.

Der Obergeneral ließ sich Platz machen und wiederholte noch energischer, als Bailly, was dieser bereits gesagt hatte.

Seine Rede wirkte schlagend auf alle, die ihn hören konnten, und die Sache Foulons war im Saale der Wähler gewonnen.

Außen aber hatten zwanzigtausend Wütende Herrn von Lafayette nicht gehört und blieben unerschütterlich in ihrer Raserei.

Auf denn! endigte Lafayette, der natürlich glaubte, die Wirkung, die er auf die Menschen, die ihn umgaben, hervorgebracht, erstrecke sich auch nach außen; auf denn! dieser Mensch muß gerichtet werden.

Ja! rief die Menge.

Infolgedessen befehle ich, daß man ihn ins Gefängnis führt, fuhr Lafayette fort.

Ins Gefängnis! ins Gefängnis! brüllte die Menge.

Zu gleicher Zeit winkte der General den Wachen des Stadthauses, und diese ließen den Gefangenen vorschreiten.

Die Menge dachte nicht andres, als daß nun ihre Beute zu ihr komme. Sie glaubte nicht von fern daran, daß irgend jemand hoffe, ihr diese Beute streitig zu machen.

Sie roch, sozusagen, das frische Fleisch, das die Treppe hinabstieg.

Billot hatte sich mit einigen Wählern, mit Bailly selbst, an das Fenster gestellt, um dem Gefangenen, während er unter dem Geleite der Wachen des Stadthauses über den Platz schreiten würde, mit den Augen zu folgen.

Auf dem Wege richtete Foulon dahin und dorthin verlorene Worte, die, trotz der Beteuerung seines festen Vertrauens, seine tiefe Angst bezeugten.

Edles Volk, sagte er, während er die Treppe hinabstieg, ich fürchte nichts; ich bin unter meinen Mitbürgern.

Und schon kreuzten sich das Gelächter und die Schmähungen um ihn her, als er sich plötzlich außerhalb des düsteren Gewölbes oben auf den Treppen befand, die auf den Platz führten; hier trafen ihn Luft und Sonne ins Gesicht.

Sogleich drang ein einziger Schrei, ein Schrei der Wut, ein Brüllen der Drohung und des Hasses, aus der Brust von zwanzigtausend Menschen hervor. Bei dieser Explosion werden die Wachen durchbrochen, von der Erde aufgehoben, zerstreut, tausend Arme erheben sich gegen Foulon, schleppen ihn fort und tragen ihn an die unselige Ecke unter die Laterne, den gemeinen brutalen Galgen des Zorns, den das Volk seine Rechtspflege nannte.

Billot sah es und schrie von seinem Fenster aus; auch die Wähler trieben die Wache an, die aber nichts mehr thun konnte.

Lafayette stürzte in Verzweiflung aus dem Stadthause; doch er war nicht einmal imstande, durch die ersten Reihen dieser Menge zu dringen, die sich wie ein ungeheurer See zwischen ihm und der Laterne ausbreitete.

Auf die Weichsteine steigend, um besser zu sehen, an den Fenstern, an den Vorsprüngen der Gebäude, an allen Unebenheiten, die ihnen geboten waren, sich anhängend, ermutigten die einfachen Zuschauer durch ihr furchtbares Geschrei die Schauspieler in ihrem entsetzlichen Feuereifer.

Die Schauspieler selbst spielten mit ihrem Opfer, wie es ein Trupp von Tigern mit einer wehrlosen Beute machen würde.

Alle stritten um Foulon. Endlich begriffen sie, daß man die Rollen unter sich verteilen müsse, wenn man an seinem Todeskampf sich weiden wolle.

Er würde sonst in Stücke zerrissen werden.

Die einen hoben Foulon, der schon nicht mehr die Kraft besaß, zu schreien, in die Höhe.

Die andern, die ihm seine Halsbinde abgenommen und seinen Rock zerrissen hatten, schlangen ihm einen Strick um den Hals.

Wieder andre, die auf die Laterne gestiegen waren, ließen den Strick herab, den ihre Gefährten dem Exminister um den Hals schlangen.

Einen Augenblick hielt man Foulon mit den Armen empor und zeigte ihn so, den Strick um den Hals und die Hände auf den Rücken gebunden, der Menge.

Dann, als die Menge den armen Sünder mit Lust beschaut, als sie beifällig in die Hände geklatscht hatte, wurde das Signal gegeben und Foulon bleich und blutig unter einem Gezische, das erschrecklicher als der Tod, zur Höhe des eisernen Laternenarmes aufgehißt.

Alle, die bis dahin nichts hatten sehen können, erblickten nun den über der Menge schwebenden öffentlichen Feind.

Ein neues Geschrei erscholl; dieses galt den Henkern. Sollte Foulon so schnell sterben?

Die Henker zuckten die Achseln und deuteten nur auf den Strick.

Der Strick war alt. Die verzweifelten Bewegungen, die Foulon in seinem Todeskampfe machte, lösten vollends den Faden, der ihn zurückhielt, der Strick riß, und Foulon fiel halb erwürgt auf das Pflaster.

Er war erst bei der Vorrede der Hinrichtung. Jeder stürzte auf den armen Sünder zu; man war ruhig, er konnte nicht fliehen; er hatte bei seinem Fall nur das Bein über dem Schenkel gebrochen.

Und dennoch erhoben sich einige Flüche und Verwünschungen, unverständige, verleumderische Verwünschungen: man klagte die Henker an, man hielt sie für ungeschickte Leute .... sie, die doch im Gegenteil so sinnreich zu Werke gegangen waren, sie, die den alten, abgenutzten Strick in der Hoffnung, er werde reißen, gewählt hatten.

Man machte einen Knoten an den Strick und schlang ihn abermals um den Hals des Unglücklichen, der, halbtot, die Augen stier, die Stimme erstickt, um sich her suchte, ob in dieser Stadt, die man den Mittelpunkt des zivilisierten Weltalls nennt, nicht eines von den Bajonetten dieses Königs, dessen Minister er gewesen und der hunderttausend besaß, ein Loch in diese Kannibalenhorde brechen würde.

Doch nichts um ihn her, nichts als der Haß, nichts als die Schmähung, nichts als der Tod.

Tötet mich wenigstens, ohne mich so grausam leiden zu lassen! rief Foulon in Verzweiflung.

Höre, antwortete eine Stimme, warum sollten wir deine Hinrichtung abkürzen? Du hast die unsre lange genug dauern lassen.

Und dann, sagte eine andre, du hast noch nicht Zeit gehabt, deine Nesseln zu verdauen.

Wartet! wartet! rief eine dritte, man wird ihm seinen Schwiegersohn Berthier bringen; es ist Platz an der Laterne gegenüber. Wir wollen das Gesicht sehen, das sich der Schwiegervater und der Schwiegersohn machen werden!

Macht ein Ende! macht ein Ende! rief der Unglückliche.

Bailly und Lafayette baten, flehten, schrieen mittlerweile und suchten durch die Menge zu dringen. Plötzlich erhebt sich Foulon abermals am Ende des Stricks, der abermals reißt, und ihre Bitten, ihr Flehen, ihr Kampf, der nicht minder schmerzlich, als der Todeskampf des armen Sünders, verlieren sich, vermengen sich, erloschen in dem allgemeinen Gelächter, mit dem man diesen zweiten Sturz empfängt.

Bailly und Lafayette, drei Tage vorher noch die unumschränkten Beherrscher des Willens von sechsmalhunderttausend Parisern -- heute hörte nicht einmal ein Kind auf sie. Man murrt: sie beengen, sie unterbrechen das Schauspiel.

Vergebens hat ihnen Billot mit seiner Stärke Beistand geleistet, der kräftige Athlet hat zwanzig Menschen niedergeworfen, doch um bis zu Foulon zu gelangen, müßte er fünfzig, hundert, zweihundert niederwerfen, und seine Kräfte sind erschöpft; und während er inne hält, um den mit Blut vermengten Schweiß, der von seiner Stirne fließt, abzuwischen, erhebt sich Foulon bis zum Kolben der Laterne.

Diesmal hat man Mitleid mit ihm gehabt, man hat einen neuen Strick gefunden.

Endlich ist der Verurteilte tot. Das Opfer leidet nicht mehr.

Eine halbe Minute hat der Menge genügt, um außer Zweifel zu sein, daß der Lebensfunke erloschen ist. Nun hat der Tiger getötet, er kann verschlingen.

Oben von der Laterne herabgestürzt, ließ man dem Leichnam nicht einmal Zeit, die Erde zu berühren; er wurde noch früher in Stücke zerrissen.

In einer Sekunde hatte man den Kopf vom Rumpfe getrennt, und in einer Sekunde hob man ihn am Ende eines Spießes in die Höhe. Zu jener Zeit war es stark in der Mode, den Kopf seiner Feinde in solcher Art zu tragen.

Bei diesem Schauspiel erschrak Bailly ungemein, er sah in diesem Kopf die Medusa des Altertums.

Bleich, den Degen in der Hand, schob Lafayette mit Ekel die Wachen von sich, die sich zu entschuldigen suchten, daß sie die minder Starken gewesen.

Stampfend vor Wut und dahin und dorthin ausschlagend, wie eines von den brausenden Pferden der Wildnis, kehrte Billot ins Stadthaus zurück, um nichts mehr von dem zu sehen, was auf diesem mit Blut besudelten Platze vorging.

Was Pitou betrifft, so hatte sich sein Ungestüm für die Volksrache in eine krampfhafte Bewegung verwandelt, und er hatte das abschüssige Ufer des Flusses erreicht, wo er die Augen und die Ohren schloß, um nichts mehr zu sehen und zu hören.

Im Stadthause herrschte Bestürzung: die Wähler fingen an zu begreifen, sie werden nie imstande sein, die Bewegung des Volkes anders zu lenken, als in der Richtung, die dem Volke belieben würde.

Plötzlich, während die Wütenden sich damit belustigen, daß sie den enthaupteten Körper von Foulon in den Gossen umherschleppen, erschallt ein neues Geschrei, rollt ein neuer Donner über die Brücken.

Ein Eilbote stürzt herbei. Die Neuigkeit, die er bringt, weiß die Menge schon. Sie hat auf die Andeutung ihrer geschicktesten Führer erraten, wie die Meute nach der Eingebung des geübtesten Leithundes die Fährte aufnimmt.

Die Menge drängt sich um den Eilboten und schließt ihn ein; sie fühlt, daß er eine neue Beute berührt hat; sie riecht, daß er von Berthier sprechen will.

Aus dem Munde von zehntausend Menschen zugleich befragt, sieht sich der Eilbote genötigt, zu antworten: Herr Berthier von Sauvigny ist in Compiegne verhaftet worden.

Dann dringt er in das Stadthaus ein, wo er Lafayette und Bailly dasselbe verkündigt.

Gut, gut, ich wußte es, erwidert Lafayette.

Wir wußten es, sagte Bailly, und es sind Befehle gegeben, daß man ihn dort bewacht.

Dort bewacht? wiederholte der Eilbote.

Allerdings; ich habe zwei Kommissare mit einer Bedeckung abgeschickt.

Eine Bedeckung von zweihundertfünfzig Mann, nicht wahr? fragte ein Wähler, dies ist mehr als genügend.

Meine Herren, entgegnet der Eilbote, das ist es gerade, was ich Ihnen sagen wollte: die Bedeckung ist zerstreut und der Gefangene durch die Menge entführt worden.

Entführt! ruft Lafayette. Die Bedeckung hat sich ihren Gefangenen entführen lassen?

Klagen Sie nicht an. Alles, was sie thun konnte, hat sie gethan.

Aber Herr Berthier? fragte Bailly ängstlich.

Man bringt ihn nach Paris, antwortete der Eilbote, und in diesem Augenblick ist er in Bourget.

Wenn er hieher kommt, ist er verloren! rief Bailly.

Geschwind! geschwind! rief Lafayette, fünfhundert Mann nach Bourget! Die Kommissäre und Herr Berthier sollen dort anhalten und bleiben; während der Nacht werden wir die Sache überlegen und einen Entschluß fassen.

Aber wer wird es wagen, diesen Auftrag zu übernehmen? versetzte der Eilbote, der aus dem Fenster voll Schrecken das stürmische Meer betrachtete, von dem jede Welle ihren Todesschrei auswarf.

Ich! rief Billot; diesen werde ich retten!

Aber Sie werden umkommen! rief der Eilbote; die Straße ist schwarz von Menschen.

Ich gehe, sagte der Pächter.

Unnütz, murmelte Bailly, der gehorcht hatte. Höret!

Da vernahm man in der Richtung von Porte Saint-Martin ein Geräusch, dem Tosen des Meeres auf den Strandsteinen ähnlich. Dieser wütende Lärm drang über die Häuser empor wie der brodelnde Dampf über den Rand eines Gefäßes.

Sie kommen, sie kommen! murmelte der Eilbote.

Ein Regiment! ein Regiment! rief Lafayette mit dem edlen Wahnsinn der Menschenliebe, der die glänzende Seite seines Charakters war.

Ei! Mord und Tod! rief Bailly, vergessen Sie, daß unsere Armee gerade diese Menge ist, die Sie bekämpfen wollen? Und er verbarg sein Gesicht in seinen Händen.

Die Schreie, die man in der Ferne gehört, hatten sich von der in der Straßen zusammengescharten Menge mit der Schnelligkeit eines Lauffeuers dem Volke mitgeteilt, das auf dem Platze in dichten Haufen stand.

Man sah nun diejenigen, welche die traurigen Ueberreste von Foulon beschimpften, ihr blutiges Spiel verlassen, um einer neuen Rache entgegenzueilen.

Die dem Platze anliegenden Straßen spieen sogleich einen großen Teil dieser brüllenden Menge aus, die, Messer und drohende Fäuste emporhaltend, sich nach der Rue Saint-Martin dem neuen Todeszuge entgegenwälzte.

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