Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Ange Pitou, Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 2 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidad02c2e3
created20061121
Schließen

Navigation:

Die Rückkehr.

Die Nacht war eingetreten mit ihrem Gefolge von Befürchtungen und finsteren Visionen, als plötzlich am Ende des Palastes Ausrufungen erschollen.

Die Königin bebte und stand auf. Ein Fenster war ihr zur Hand; sie öffnete es.

Beinahe in demselben Augenblick traten freudetrunkene Diener bei Ihrer Majestät ein und riefen:

Ein Kurier, Madame! ein Kurier!

Drei Minuten nachher stürzte sodann ein Husar in die Vorzimmer.

Es war ein von Herrn von Charny abgeschickter Leutnant. Er kam mit verhängten Zügeln von Sevres.

Und der König? fragte die Königin.

Seine Majestät wird in einer Viertelstunde hier sein, antwortete der Offizier, der kaum sprechen konnte.

Gesund und wohlbehalten?

Gesund und wohlbehalten, Madame.

Sie haben ihn gesehen, nicht wahr?

Nein, Madame; doch Herr von Charny hat es mir gesagt, als er mich abschickte.

Die Königin bebte abermals bei diesem Namen, den der Zufall mit dem Namen des Königs verschlungen hatte.

Ich danke, mein Herr, ruhen Sie aus, sprach die Königin zu dem jungen Edelmann.

Der junge Mann verbeugte sich und trat ab.

Sie nahm ihre zwei Kinder bei der Hand und wandte sich nach der großen Freitreppe, auf der sich schon alle Diener und Höflinge gruppierten.

Das durchdringende Auge der Königin erblickte auf der ersten Stufe eine weiße junge Frau, die sich auf das steinerne Geländer stützte und einen gierigen Blick in die Schatten der Nacht tauchte.

Das war Andree, deren Beklommenheit die Gegenwart der Königin nicht zu zerstreuen vermochte. Offenbar hatte sie, die sonst so eifrig war, sich an die Seite der Königin zu stellen, ihre Gebieterin nicht gesehen oder nicht sehen wollen.

Sie hegte also einen Groll wegen der Heftigkeit von Marie Antoinette, einer grausamen Heftigkeit, unter der sie am Tage zu leiden gehabt hatte.

Oder von einem Gefühl mächtiger Teilnahme angetrieben, erwartete sie auf ihre eigene Rechnung die Rückkehr von Charny, für den sie so viele liebevolle Befürchtungen geäußert hatte.

Ein doppelter Dolchstoß, der bei der Königin eine noch blutende Wunde wieder öffnete.

Sie hörte nur noch mit zerstreutem Ohr auf die Glückwünsche und die Freude ihrer andren Freundinnen und der Höflinge.

Sie fühlte sich sogar einen Augenblick dem heftigen Schmerz entrückt, der sie den ganzen Abend niedergebeugt hatte. Ein Waffenstillstand trat an die Stelle der Unruhe, die in ihrem Herzen die Reise des durch so viele Feinde bedrohten Königs erregte.

Doch mit einer starken Seele verjagte sie bald alles, was nicht die gesetzliche Zuneigung ihres Herzens war. Sie legte zu den Füßen Gottes ihre Eifersucht, sie opferte ihren geheimen Zorn und ihre geheimen Freuden der Heiligkeit des ehelichen Schwures.

In diesem Augenblick wenigstens fühlte sie: der Stolz des Königtums erhob die Königin über alle irdischen Leidenschaften; die Liebe des Königs war ihr Egoismus:

Sie hatte also sowohl die kleinen Rachgieren der Frau, als die leichtfertigen Koketterien der Liebhaberin völlig von sich ausgetrieben, als die Fackeln der Eskorte im Hintergrunde erschienen. Dieses Feuer vergrößerte sich in jeder Sekunde durch die Raschheit des Laufes.

Man hörte die Pferde wiehern und schnaufen; der Boden zitterte in der Stille der Nacht unter dem taktmäßigen Gewicht der schnell herbeikommenden Schwadronen.

Die Gitter öffneten sich, die Posten stürzten mit tausend begeisterten Ausrufungen dem König entgegen; der Wagen rollte geräuschvoll auf dem Pflaster des großen Hofes.

Geblendet, entzückt, bezaubert, trunken von allem, was sie empfunden, eilte die Königin die Stufen hinab, auf den König zu.

Ludwig XVI. hatte seinen Wagen verlassen und stieg so rasch als möglich unter seinen, durch die Ereignisse und ihren Triumph bewegten Offizieren die Treppe hinauf, während unten die Garden, ohne Umstände mit den Stallknechten und Stallmeistern vermischt, von den Wagen und Geschirren alle Kokarden abrissen, die der Enthusiasmus der Pariser daran befestigt hatte.

Der König und die Königin begegneten sich auf einem marmornen Ruheplatze. Mit einem Schrei der Freude und Liebe umarmte die Königin ihren Gemahl wiederholt.

Sie schluchzte, als ob sie ihn nie mehr zu sehen geglaubt hätte.

Ganz dieser Bewegung eines zu vollen Herzens hingegeben, sah sie den stillen Händedruck nicht, den Charny und Andree ausgetauscht hatten.

Es war nur ein Händedruck, aber Andree war die erste unten an den Stufen: sie hatte Charny zuerst gesehen und zuerst berührt.

Die Königin, nachdem sie ihre Kinder dem König vorgestellt, ließ diese Ludwig XVI. umarmen, und da rief der Dauphin, als er am Hute seines Vaters die neue Kokarde sah, auf welche die Fackeln ein blutiges Licht warfen, in seinem kindlichen Erstaunen: Ah! Papa, was haben Sie denn an Ihrer Kokarde, Blut?

Das war die rote Nationalfarbe.

Die Königin schrie und schaute ebenfalls.

Der König bückte sich, scheinbar um seine Tochter zu küssen, in Wirklichkeit aber, um seine Scham zu verbergen.

Marie Antoinette riß die Kokarde mit einem tiefen Ekel ab, ohne in ihrer fürstlichen Wut zu ahnen, daß sie dadurch das Volk in seinem Hetzen verwundete, das sich eines Tages dafür rächen würde.

Werfen Sie das weg, mein Herr, sagte sie, werfen Sie es weg.

Und sie schleuderte die Kokarde die Stufe hinab, so daß die Füße der ganzen Eskorte, die den König in seine Gemächer geleitete, darauf traten.

Dieser seltsame Übergang hatte bei der Königin alle eheliche Begeisterung ausgelöscht. Sie suchte mit den Augen Herrn von Charny, der sich als ein Soldat in seiner Reihe hielt.

Ich danke Ihnen, mein Herr, sagte sie, als sich ihre Blicke nach mehreren Sekunden des Zögerns von seiten des Grafen begegnet waren; ich danke Ihnen, Sie haben Ihr Versprechen gut gehalten.

Mit wem sprechen Sie? fragte der König.

Mit Herrn von Charny, antwortete sie mutig.

Ah! der arme Charny, er hat viel durchzumachen gehabt, um zu mir zu kommen. Und ... Gilbert, ich sehe ihn nicht? fügte er bei.

Aufmerksam seit der Lektion am Abend, sagte die Königin, das Gespräch wechselnd: Kommen Sie zum Abendbrot, Sire.

Herr von Charny, fuhr sie fort, suchen Sie die Frau Gräfin von Charny; sie mag mit uns kommen. Wir werden in Familie speisen.

Hier war sie Königin. Doch sie seufzte bedenklich, als sie Charny bei dieser Einladung, noch kurz vorher traurig, plötzlich heiter sah.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.