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Ange Pitou, Band 2

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 2 - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 2
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidad02c2e3
created20061121
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Die Reise.

So antreibend, so angetrieben, aber immer dem Adjutanten des Herrn von Beauvau folgend, kamen Gilbert, Billot und Pitou endlich zu dem Wagen, in dem der König, begleitet von den Herren von Estaing und Villequier, unter einer wachsenden Menschenmasse langsam vorrückte.

Ein seltsames, unerhörtes, unbekanntes Schauspiel, denn es fand zum ersten Male statt. Alle diese Nationalgarden vom Lande, improvisierte Soldaten, liefen mit Freudenschreien auf dem Wege des Königs herbei, begrüßten ihn mit ihren Glückwünschen, suchten sich sehen zu lassen und nahmen in dem Zuge ihre Reihe ein und begleiteten die Reise des Königs.

Ludwig XVI. erblickte Gilbert, auf den Arm von Billot gestützt; hinter ihm marschierte Pitou, beständig seinen großen Säbel schleppend.

Ah! Doktor, das schöne Wetter und das schöne Volk!

Sie sehen, Sire, erwiderte Gilbert.

Und er neigte sich gegen den König und fügte bei:

Was hatte ich Eurer Majestät versprochen?

Ja, mein Herr, ja, und Sie haben auf eine würdige Art Ihr Wort gehalten.

Der König erhob das Haupt und sprach mit der Absicht, gehört zu werden: Wir marschieren sehr langsam, doch mir scheint, wir marschieren immer noch zu schnell für alles das, was es heute zu sehen giebt.

Sire, sagte Herr von Beauvau, Sie machen in dem Schritt, den Eure Majestät fährt, eine Meile in drei Stunden. Es ist schwierig, langsamer zu fahren.

Die Pferde hielten in der That jeden Augenblick an; es wurden Reden und Erwiderungen ausgetauscht; die Nationalgarden fraternisierten -- man hatte das Wort gefunden -- mit den Gardes-du-corps Seiner Majestät.

Ah! sagte Gilbert, der dieses seltsame Schauspiel als Philosoph betrachtete, zu sich selbst, wenn man mit den Gardes-du-corps fraternisiert, so ist dies deswegen, weil sie, ehe sie Freunde wurden. Feinde gewesen sind.

Sagen Sie uns doch, Herr Gilbert, sprach Billot halblaut, ich habe den König gut angeschaut, ich habe ihm wohl zugehört. Nun! meiner Ansicht nach ist der König ein braver Mann.

In seinem Enthusiasmus betonte Billot diese letzten Worte so, daß der König und der Generalstab sie hörten.

Der Generalstab lachte.

Der König lächelte, nickte mit dem Kopf und sagte:

Das ist ein Lob, das mir gefällt.

Diese Worte wurden laut genug gesprochen, daß Billot sie hörte.

Oh! Sie haben recht, Sire, denn ich spende es nicht jedermann, erwiderte Billot, der mit seinem König geradeswegs ins Gespräch eintrat, wie Michaud mit Heinrich IV.

Das schmeichelt mir um so mehr, sagte der König verlegen, denn er wußte nicht, wie er es machten sollte, um freundlich sprechend seine Königswürde und doch auch als guten Patrioten sich zu behaupten.

Ach! der arme Fürst war noch nicht gewöhnt, der König der Franzosen zu heißen.

Er glaubte noch der König von Frankreich zu sein.

In seinem freudigen Entzücken gab sich Billot nicht die Mühe, darüber nachzudenken, ob Ludwig vom philosophischen Standpunkt aus den Königstitel niedergelegt habe, um den Titel eines Menschen anzunehmen.

Billot, der fühlte, wie sehr sich diese Sprache der ländlichen Gutherzigkeit näherte, Billot wünschte sich Glück, daß er einen König verstand und von ihm verstanden wurde. Von diesem Augenblick an hörte Billot nicht mehr auf, sich für den König zu begeistern. Er trank aus den Zügen des Königs, nach dem Virgilschen Ausdruck, eine lange Liebe für das konstitutionelle Königtum und teilte sie Ange Pitou mit, der, zu voll von seiner eigenen Liebe und von dem Überfluß der Liebe Billots, das ganze Gefühl nach außen verbreitete, indem er mächtig, dann kreischend, und endlich, indem er nur noch unbestimmt schrie:

Es lebe der König! es lebe der Vater des Volkes!

Dieser Wechsel in der Stimme Pitous bewerkstelligte sich nach Maßgabe seines Heiserwerdens.

Pitou war völlig heiser, als der Zug am Point-du-Jour ankam, wo Herr Lafayette, das berühmte weiße Roß reitend, die undisziplinierten und bebenden Scharen der Nationalgarde in Atem erhielt, die seit fünf Uhr morgens aufgestellt waren, um das Geleit des Königs zu bilden.

Es war nun zwei Uhr.

Die Zusammenkunft des Königs mit dem neuen Chef der französischen Armee ging auf eine für die Anwesenden befriedigende Weise vor sich.

Der König fing an müde zu werden, er sprach nicht mehr und lächelte nur.

Der Obergeneral der Pariser Milizen seinerseits befahl nicht mehr und gestikulierte nur.

Der König bemerkte zu seiner Befriedigung, daß man beinahe ebenso sehr: Es lebe der König! als: Es lebe Lafayette! rief. Leider war es das letzte Mal, daß er dieses Vergnügen der Eitelkeit kosten sollte.

Gilbert befand sich immer am Wagenschlage des Königs, Billot bei Gilbert, Pitou bei Billot.

Gilbert hatte, seinem Versprechen getreu, Mittel gefunden, seitdem er Versailles verlassen, vier Kuriere an die Königin abzusenden.

Diese Kuriere hatten nur gute Nachrichten gebracht, denn überall auf seinem Wege sah der König die Mützen in die Luft fliegen; nur glänzte an allen diesen Mützen eine Kokarde mit den Nationalfarben, eine Art von Vorwurf gegen die weißen Kokarden gerichtet, welche die Garden des Königs und der König selbst an ihrem Hut trugen. In seiner Freude und in seiner Begeisterung war diese Verschiedenheit das einzige, was Billot unangenehm berührte. Er trug an seinem Dreispitz eine ungeheure dreifarbige Kokarde.

Der König hatte eine weiße Kokarde an seinem Hut, der König und der Unterthan hatten folglich keinen ganz gleichen Geschmack.

Dieser Gedanke beschäftigte ihn der maßen, daß er sich Gilbert in dem Augenblick, wo der Doktor nicht mehr mit Seiner Majestät sprach, eröffnete.

Herr Gilbert, fragte er, warum hat der König die Nationalkokarde nicht angenommen?

Mein lieber Billot, weil der König entweder nicht weiß, daß es eine neue Kokarde gibt, oder weil er denkt, seine Kokarde müsse die der Nation sein.

Nein, nein, weil seine Kokarde weiß und die unsre dreifarbig ist.

Geduld, versetzte Gilbert, der Billot in dem Augenblick zurückhielt, wo er sich kopfüber in die Zeitungsphrasen stürzen wollte, die Kokarde des Königs ist weiß, wie die Fahne von Frankreich weiß ist. Das ist nicht die Schuld des Königs. Kokarde und Fahne waren weiß, lange ehe der König zur Welt kam; übrigens, mein lieber Billot, hat die Fahne ihre Probe gemacht und die weiße Kokarde auch. Es war eine weiße Kokarde an dem Hute des Bailly von Suffren, als er auf der indischen Halbinsel unsere Fahne wieder aufpflanzte. Es war eine weiße Kokarde an dem Hute von Asfas, und daran erkannten ihn die Deutschen in der Nacht, als er sich eher töten, als seine Soldaten überfallen ließ. Es war eine weiße Kokarde am Hute des Marschalls von Sachsen, als er die Engländer bei Fontenon schlug. Es war, endlich eine weiße Kokarde am Hute des Herrn von Conde, als er die Kaiserlichen bei Rocroy bei Freiburg und bei Lens schlug. Diese und noch viele anderen Dinge hat die weiße Kokarde getan, mein lieber Billot, während die Nationalkokarde, welche vielleicht die Reise um die Welt machen wird, wie Lafayette prophezeit, noch nicht Zeit gehabt hat, etwas zu thun, in Betracht, daß sie erst seit drei Tagen existiert. Verstehen Sie wohl, ich fasse nicht, sie werde müßig bleiben; da sie aber noch nichts geleistet hat, so gibt sie dem König das Recht, zu warten, bis sie sich tatsächlich bewährt.

Wie, die Nationalkokarde hat noch nichts getan? versetzte Billot, hat sie nicht die Bastille erobert?

Doch, antwortete Gilbert traurig. Sie haben recht, Billot.

Darum, sprach der Pächter triumphierend, darum müßte sie der König annehmen.

Gilbert stieß Billot gewaltig mit dem Ellenbogen in die Seite, denn er hatte bemerkt, daß der König aufhorchte. Dann sagte er leise: Sind Sie verrückt? und gegen wen ist denn die Bastille genommen worden? Gegen das Königtum, wie mir scheint. Und Sie wollen den König die Trophäen Ihres Sieges und die Insignien seiner Niederlage tragen lassen? Wahnsinniger! der König ist voll Gemüt, voll Güte und Offenherzigkeit, und Sie wollen einen Heuchler aus ihm machen?

Aber, versetzte Billot demütiger, jedoch ohne sich noch ganz ergeben zu haben, aber die Bastille ist nicht gerade gegen den König, sondern gegen den Despotismus genommen worden.

Gilbert zuckte die Achseln, jedoch mit einer Zartheit des überlegenen Mannes, der, aus Furcht, ihn zu zertreten, den Fuß nicht auf den ihm Untergeordneten setzen will.

Nein, fuhr Billot, sich belebend, fort, nicht gegen unsern König haben wir gekämpft, sondern gegen die Trabanten.

In jener Zeit sagte man in der Politik Trabanten statt Soldaten, wie man auf dem Theater Roß statt Pferd sagte.

übrigens, fuhr Billot mit einem Anschein von Schlußfolgerung fort, übrigens mißbilligt er ihr Benehmen, da er in uns« Mitte kommt, und wenn er ihr Benehmen mißbilligt, so billigt er das unsere. Wir, als die Sieger der Bastille, haben für unser Glück und für seine Ehre gearbeitet.

Ach! ach! murmelte Gilbert, der nicht wußte, wie er das, was auf dem Gesichte des Königs, mit dem, was in seinem Herzen vorging, vereinigen sollte.

Der König vernahm unter dem verworrenen Gemurmel des Marsches allmählig ein paar Worte von der Erörterung, die an seiner Seite stattfand.

Gilbert entging die Aufmerksamkeit, die der König der Erörterung schenkte, nicht, und er strengte sich daher an, um Billot auf ein minder schlüpfriges Terrain zu führen.

Plötzlich hielt man an. Man war beim Cours-la-Reine in den Champs-Elysees angelangt.

Hier war eine Deputation von Wählern und Schoppen, unter dem neuen Präsidium des neuen Stadtrichters Bailly, in schöner Ordnung aufgestellt; nebstbei eine von einem Oberst befehligte Wache von dreihundert Mann und wenigstens dreihundert Mitglieder der Nationalversammlung, alle, wie leicht zu begreifen, aus den Reihen des dritten Standes genommen.

Zwei von den Wählern vereinigten ihre Kräfte und ihre Geschicklichkeit, um eine Platte von vergoldetem Silber, auf der zwei ungeheure Schlüssel, die Schlüssel der Stadt Paris aus der Zeit Heinrichs IV. ruhten, im Gleichgewicht zu halten.

Dieses eindrucksvolle Schauspiel machte alle Privatgespräche verstummen, und jeder, der sich in den Reihen oder in den Gruppen befand, trachtete danach, die Reden zu hören, die bei dieser Veranlassung ausgetauscht werden sollten.

Bailly, der würdige Gelehrte, der wackere Astronom, den man wider seinen Willen zum Abgeordneten, wider seinen Willen zum Maire gemacht hatte, hielt eine lange Ehrenrede bereit. Diese Rede wurde nach den strengsten Regeln der Rhetorik mit einer Lobeserhebung des Königs eröffnet, anhebend von der Zeit, als Herr Turgot zur Regierung gelangt war, bis zur Einnahme der Bastille. Es fehlte wenig -- so groß ist das Vorrecht der Beredsamkeit -- daß man dem König die selbstherrliche Urheberschaft der Ereignisse zuschrieb, denen sich das bedrängte Volk höchstens unterzogen und, wie wir gesehen, mit Widerwillen unterzogen hatte.

Bailly war sehr zufrieden mit seiner Rede, als ein Vorfall, -- Bailly erzählt diesen Vorfall selbst in seinen Denkwürdigkeiten, -- als ein Vorfall ihm einen neuen Eingang lieferte, der ihm noch viel treffender däuchte, als der, den er vorbereitet hatte. Der neue ist übrigens der einzige, der im Gedächtnis des Volkes geblieben, das sich immer geneigt zeigt, die guten und besonders die schönen Redensarten aufzufassen, die auf eine wirkliche Thatsache sich gründen.

Während er mit den Schoppen und den Wählern ging, ängstigte sich Bailly wegen des Gewichtes der Schlüssel, die er dem König überreichen sollte.

Glauben Sie denn, sagte er lachend, nachdem ich dieses Monument dem König gezeigt habe, werde ich mich dadurch ermüden, daß ich die Schlüssel nach Paris zurücktrage?

Was werden Sie damit machen? fragte ein Wähler.

Was ich damit machen werde? versetzte Bailly, ich werde sie Ihnen geben oder gar in einen Graben am Fuße eines Baumes werfen.

Hüten Sie sich wohl, entgegnete der Wähler, der sich über diese Äußerung ärgerte. Wissen Sie nicht, daß diese Schlüssel dieselben sind, welche die Stadt Paris Heinrich IV. nach der Belagerung überreicht hat? sie sind kostbar, eine unschätzbare Antiquität.

Sie haben recht, erwiderte Bailly, die Heinrich IV., dem Eroberer von Paris, angebotenen Schlüssel überreicht man Ludwig XVI., der .... Ei! sagte der würdige Maire zu sich selbst, das giebt eine ziemlich hübsche Antithese.

Und sogleich nahm er einen Bleistift und schrieb über die Rede, die er bereit hielt, folgenden Eingang: Sire, ich bringe Eurer Majestät die Schlüssel der guten Stadt Paris. Es sind dieselben, welche Heinrich IV. überreicht worden sind. Er hatte sein Volk wieder erobert, heute erobert das Volk seinen König wieder.

Die Phrase war schön, sie war richtig, sie prägte sich dem Geiste der Pariser ein, und von der ganzen Rede Baillys, von seinen Werten sogar ist dies das einzige, was ihn überlebt hat.

Ludwig XVI. nickte beifällig mit dem Kopfe, er errötete aber zugleich, denn er fühlte, obgleich unter Redeblumen und dem Scheine der Ehrfurcht verkleidet, den scharfen Stachel der Ironie. Dann murmelte er leise: Marie Antoinette ließe sich von dieser falschen Verehrung des Herrn Bailly nicht berücken, und ihre Antwort würde für den unglücklichen Astronomen ganz anders lauten, als die meine.

Weil nun Ludwig XVI. den Anfang der Baillyschen Rede zu gut gehört hatte, hörte er das Ende gar nicht; ähnlich war es bei der Rede des Herrn Delavigne, von der er weder den Anfang noch) das Ende vernahm.

Als die Reden beendigt waren, antwortete der König -- da er befürchtete, nicht ganz erfreut genug über das zu scheinen, was man ihm hatte sagen wollen -- mit einem sehr edlen Ton und ohne ihn irgend einer Beziehung auf das, was man ihm gesagt hatte, anzuspielen, die Huldigungen der Stadt Paris und der Wähler seien ihm unendlich angenehm.

Worauf er Befehl zum Aufbruch gab.

Ehe er übrigens wieder weiter fuhr, entließ er seine Gardes-du-corps, um durch ein freundliches Vertrauen die halben Artigkeiten zu erwidern, die ihm die Munizipalität durch das Organ der Wähler und durch Herrn Bailly bezeigt hatte. Hiernach rückte der Wagen unter der ungeheuren Masse der Nationalgarden und Neugierigen rascher vor.

Gilbert und sein Gefährte Billot hielten sich fortwährend am Wagenschlage rechts.

Indem Augenblick, wo der Wagen über die Place Louis XV. fuhr, knallte ein Schuß auf der andern Seite der Seine, und ein weißer Dampf stieg wie ein Weihrauchschleier zum blauen Himmel auf, wo er alsbald verschwand.

Als ob das Geräusch dieses Schusses ein Echo in ihm gehabt hätte, fühlte sich Gilbert von einem heftigen Schlage getroffen. Einen Augenblick fehlte ihm der Atem, und er fuhr mit der Hand an seine Brust, wo er einen lebhaften Schmerz empfand.

Zugleich erscholl ein Notschrei in der Näh? des königlichen Wagens; eine Frau, durchbohrt von einer Kugel, die unter ihre linke Schulter eingedrungen, war niedergestürzt.

Einer von den Knöpfen am Rocke Gilberts, ein Knopf von schwarzem Stahl, nach der Mode der Zeit breit und mit Facetten geschnitten, war von derselben Kugel schräg getroffen worden.

Er hatte einen Panzer gebildet und die Kugel zurückgesandt, daher der Schlag und Schmerz bei Gilbert.

Seine schwarze Weste und sein Busenstreif waren teilweise zerrissen worden.

Diese an Gilberts Knopf abgeprallte Kugel hatte die unglückliche Frau getötet, die man eiligst forttrug.

Der König hatte den Schuß gehört, aber nichts gesehen.

Er neigte sich heraus und lächelte Gilbert zu.

Er sprach: Dort verbrennt man mir zu Ehren Pulver.

Ja, Sire, antwortete Gilbert.

Nur hütete er sich wohl. Seiner Majestät zu sagen, was er von der Huldigung dachte, die man ihr darbrachte.

Doch in seinem Innern gestand er sich ganz leise, die Königin habe doch mit Recht gefürchtet, da ohne ihn, der den Kutschenschlag hermetisch schloß, diese an seinem Stahlknopf abgeprallte Kugel gerade zum König gedrungen wäre.

Von welcher Hand kam nun dieser wohlgezielte Schuß?

Man wollte es damals Nichtwissen! ... so daß man es nie erfahren wird.

Billot, schreckenbleich darüber, was er mit angesehen, seine Augen unablässig auf den Riß in Gilberts Rock, Weste und Busenstreif geheftet, nötigte nun Pitou, mit verdoppelten Kräften zu schreien: Es lebe der Vater der Franzosen!

Das Hauptereignis war übrigens so groß, daß man die Episode schnell vergessen hatte.

Endlich kam Ludwig XVI. vor das Stadthaus, nachdem er auf dem Pont-Neuf mit einer Salve von Kanonen, die man wenigstens diesmal nicht mit Kugeln geladen hatte, begrüßt worden war.

Auf der Fassade des Stadthauses breitete sich eine Inschrift mit mächtigen Buchstaben aus, die, am Tage schwarz, bei Eintritt der Nacht erleuchtet werden und transparent glänzen sollte. Diese Inschrift verdankte man den geistvollen Arbeiten der Munizipalität. Sie war in folgenden Worten abgefaßt:

Ludwig XVI., dem Vater der Franzosen und König eines freien Volkes.

Das war eine zweite Antithese, noch viel bedeutender, als die in Baillys Rede, allen auf dem Platze versammelten Parisern entlockte sie auch Schreie der Bewunderung.

Diese Inschrift zog auch Billots Auge auf sich.

Da aber Billot nicht lesen konnte, so ließ er sie Pitou lesen.

Billot ließ die Inschrift zweimal wiederholen, als hätte er beim ersten Mal nicht gehört.

Dann, als Pitou den Satz, ohne ein Wort daran zu ändern, wiederholt hatte, rief er:

Ist es das? ist es das?

Allerdings, erwiderte Pitou.

Die Munizipalität hat also schreiben lassen, der König sei der König eines freien Volkes?

Ja, Vater Billot.

Dann, rief Billot, wenn die Nation frei ist, hat sie das Recht, dem König ihre Kokarde anzubieten.

Und mit einem Sprung war er vor Ludwig XVI., der den Stufen des Stadthauses gegenüber aus seinem Wagen stieg, und sagte: Sire, Sie haben gesehen, daß das Erzbild Heinrichs IV. auf dem Pont-Neuf die Nationalkokarde trägt.

Nun! versetzte der König.

Nun! Sire, wenn Heinrich IV. die Nationalkokarde trägt, so können Sie sie wohl auch tragen.

Gewiß, erwiderte Ludwig XVI. verlegen, und wenn ich eine hätte...

Wohl! rief Billot, die Stimme erhebend und den Arm ausstreckend, im Namen des Volkes biete ich Ihnen diese statt der Ihrigen an ... nehmen Sie sie an.

Bailly trat dazwischen.

Der König war bleich. Er fing an, die Fortschreitung zu fühlen. Ludwig XVI. schaute Bailly an, als wollte er ihn fragen. Sire, sagte dieser, das ist das unterscheidende Zeichen jedes Franzosen.

Dann nehme ich sie an, sprach der König.

Und er nahm die Kokarde aus den Händen Billots, legte seine weiße auf die Seite und befestigte die dreifarbige Kokarde an seinem Hut.

Ein ungeheures Triumphgeschrei erscholl auf dem Platze.

Gilbert wandte sich innerlich tief verwundet ab.

Er fand, das Volk greife zu rasch um sich, und der König widerstehe nicht genug.

Es lebe der, König! rief Billot, der so das Signal zu einer zweiten Beifallssalve gab.

Der König ist tot, murmelte Gilbert , . . Es giebt keinen König mehr in Frankreich.

Von dem Orte an, wo der König aus dem Wagen stieg, bis zum Saale, wo man ihn erwartete, war durch tausend ausgestreckte Schwerter ein stählernes Gewölbe um ihn gebildet worden.

Er ging unter diesem Gewölbe durch und verschwand in den Tiefen des Stadthauses.

Das ist kein Triumphbogen, sagte Gilbert; das sind die Caudinischen Pässe.

Und mit einem Seufzer fügte er bei:

Ah! was wird die Königin sagen!

Was in Versailles vorging, während der König die Reden der Munizipalität anhörte.

Im Innern des Stadthauses wurde dem König ein sehr schmeichelhafter Empfang zuteil: man nannte ihn den Wiederhersteller der Freiheit.

Eingeladen zu sprechen -- denn der Durst nach Reden wurde alle Tage heftiger, und der König wollte am Ende den Grund der Gedanken von jedem erfahren -- legte Ludwig XVI. die Hand auf sein Herz und sagte nur:

Meine Herren, Sie können immer auf meine Liebe zählen. Während er im Stadthaufe die Mitteilung der Regierung anhörte, machte sich das Volk außen mit den schönen Pferden des Königs, mit den vergoldeten Wagen, mit den Lakaien und Kutschern Seiner Majestät vertraut.

Seit dem Eintritt des Königs in das Stadthaus hatte sich Pitou mittelst eines Louisd'or, den ihm der Vater Billot geschenkt, damit beschäftigt, aus vielen blauen, roten und weißen Bändern eine Sammlung Nationalkokarden von allen Grüßen zu machen, mit denen er sodann die Ohren der Pferde, die Geschirre und die ganze Equipage schmückte.

Sobald dies bemerkt wurde, verwandelte das nachahmende Publikum den Wagen Seiner Majestät buchstäblich in eine Kokardenbude.

Die Kutscher und die Bedienten wurden verschwenderisch damit geschmückt.

Man hatte auch ein Dutzend vorrätig in das Innere gesteckt.

Als der König herauskam und diesen ganzen buntscheckigen Aufwand wahrnahm, gab er bloß den Laut von sich: Höh! höh!

Dann wandte er sich an Herrn von Lafayette, der sich ehrerbietig näherte, den Degen senkend.

Herr von Lafayette, sprach der König, ich suche Sie, um Ihnen zu sagen, daß ich Sie im Kommando der Nationalgarden bestätige.

Und er stieg in den Wagen unter einem allgemeinen Zuruf.

Gilbert war, wegen des Königs nunmehr beruhigt, mit den Wählern und Bailly im Sitzungssaal« geblieben.

Seine Beobachtungen waren noch nicht beendigt.

Als er jedoch das gewaltige Geschrei hörte, das den Abgang des Königs begrüßte, trat er an ein Fenster und warf einen letzten Blick auf den Platz, um das Benehmen seiner zwei Landleute zu überwachen.

Sie waren immer noch die besten Freunde des Königs.

Plötzlich sah Gilbert vom Quai Pelletier im raschesten Schritt einen mit Staub bedeckten Reiter kommen, vor dem sich die Reihen der noch ehrfurchtsvollen und gehorsamen Volksmassen öffneten. Gut und gefällig an diesem Tag, lächelte das Volk und wiederholte: Ein Offizier des Königs!

Und dieser Offizier wurde mit dem vielseitigen Rufe: Es lebe der König! begrüßt, und die Hände der Frauen streichelten sein vom Schaum weißes Pferd.

Er drang bis zum Wagen vor und gelangte an den Schlag, in dem Augenblick, wo ihn der Diener hinter dem König geschlossen hatte.

Ah! Sind Sie es, Charny? sagte Ludwig XVI.

Und er fragte leiser: Wie geht es dort?

Dann noch leiser: Die Königin?

Sehr unruhig, Sire, antwortete der Offizier, indem er seinen Kopf beinahe ganz in den königlichen Wagen steckte.

Kehren Sie nach Versailles zurück?

Ja.

Nun, so beruhigen Sie unsere Freunde; alles ist vortrefflich gegangen.

Charny verbeugte sich, schaute empor und erblickte Herrn von Lafayette, der ihm ein freundschaftliches Zeichen machte.

Charny ritt auf ihn zu, und Lafayette reichte ihm die Hand, worauf der Offizier des Königs samt Pferd durch die wogende Menge gleichsam getragen wurden bis zum Quai, auf dem sich durch die Wachsamkeit der Nationalgarde zur Durchfahrt Seiner Majestät bereits ein Spalier gebildet hatte.

Der König befahl, bis zur Place Louis XV. fortwährend nur im Schritt zu fahren. Hier fand man die Gardes-du-corps wieder, die nicht ohne Ungeduld auf die Rücklehr des Königs gewaltet hatten.

Gilbert hatte vom Balkon des Fensters aus die Ankunft des Reiters begriffen, obgleich er ihn nicht kannte. Er erriet, wie vielen Besorgnissen die Königin preisgegeben sein mußte, um so mehr, als seit drei Stunden kein Kurier diese Menschenmassen hätte passieren können, ohne Verdacht zu erregen oder eine Schwäche zu verraten.

Er mutmaßte indessen nur einen kleinen Teil von dem, was in Versailles vorgefallen war. Wir werden den Leser nach Versailles zurückführen.

Die Königin hatte den letzten Kurier des Königs um drei Uhr erhalten.

Gilbert hatte Mittel gefunden, ihn in dem Augenblick abzusenden, wo der König, unter dem stählernen Gewölbe durchgehend, unversehrt in das Stadthaus eingetreten war.

Bei der Königin befand sich die Gräfin von Charny, die kaum erst das Bett verlassen, wo sie seit dem vorhergehenden Tage ernstliche Unpäßlichkeit zurückgehalten hatte.

Sie war noch sehr bleich und hatte kaum die Kraft, die Augen aufzuschlagen, deren schwere Lider wie unter dem Gewichte eines Schmerzes oder einer Scham immer niederfielen.

Als die Königin die Gräfin erblickte, lächelte sie ihr zu, doch mit jenem Gewohnheitslächeln, das für ihre Vertrauten auf die Lippen der Fürsten und Könige stereotypiert zu sein scheint.

Dann, noch frisch begeistert von der Freude, Ludwig XVI. in Sicherheit zu missen, sprach sie zu ihrer Umgebung: Abermals eine gute Nachricht, möchte der ganze Tag so vergehen.

Oh! Madame, sprach ein Höfling, Eure Majestät ängstigt sich mit Unrecht. Die Pariser wissen wohl, welche Verantwortlichkeit auf ihnen lastet.

Aber, Madame, fragte ein andrer Höfling minder beruhigt, ist Eure Majestät auch völlig sicher, daß die Nachrichten echt sind?

Oh! ja, erwiderte die Königin, derjenige, welcher sie mir zuschickt, hat sich für den König mit seinem Kopf verbürgt; überdies halte ich ihn für einen Freund.

Oh! wenn es ein Freund ist, sprach der Höfling, sich verbeugend, dann ist es etwas andres.

Frau von Lamballe war einige Schritte entfernt; sie näherte sich und fragte Marie Antoinette:

Nicht wahr, es ist der neue Arzt des, Königs?

Gilbert, ja, antwortete unbesonnen die Königin, ohne zu bedenken, daß sie jemand an ihrer Seite einen furchtbaren Schlag versetzte. Gilbert! rief Andree bebend, als ob eine Schlange sie ins Herz gestochen hätte. Gilbert, ein Freund Eurer Majestät?

Andree wandte sich um; das Auge entflammt, die Hände durch Zorn und Scham krampfhaft zusammengezogen, klagte Andree mit Stolz in Blick und Haltung die Königin an.

Aber ... doch ... sagte die Königin zögernd.

Oh! Madame, Madame! murmelte Andree im Tone des bittersten Vorwurfs.

Eine Totenstille trat bei diesem geheimnisvollen Zwischenfalle ein. Mitten unter dem Schweigen vernahm man bescheidene Tritte auf dem Boden des anstoßenden Zimmers.

Herr von Charny! sagte halblaut die Königin, als wollte sie Andree ermahnen, sich zu fassen.

Charny hatte gehört, Charny hatte gesehen; aber der eigentliche Vorgang blieb ihm dunkel.

Er bemerkte die Blässe von Andree und die Verlegenheit von Marie Antoinette.

Es geziemte sich nicht für ihn, die Königin zur Rede zu stellen; aber Andree war seine Frau, bei ihr hatte er das Recht, sie zu befragen.

Er näherte sich ihr und fragte mit dem Ton der freundschaftlichsten Teilnahme: Was giebt es, Madame?

Andree machte eine Anstrengung gegen sich selbst und erwiderte: Nichts, Herr Graf.

Sie schienen an der Ergebenheit des Herrn Gilbert zu zweifeln, sagte er dann; sollten Sie einen Grund haben, seine Treue zu beargwöhnen?

Andree schwieg.

Sprechen Sie, Madame, sprechen Sie, fügte Charny dringend bei.

Dann, als Andree immer stumm blieb, fuhr er fort:

Oh! sprechen Sie, Madame, diese Zartheit wäre hier verdammenswert; bedenken Sie, daß es sich um das Heil unsrer Gebieter handelt.

Ich weiß nicht, mein Herr, in welcher Beziehung Sie das sagen, antwortete Andree. Sie haben gesagt, und ich habe es gehört, Madame... ich berufe mich überdies auf die Prinzessin... Charny verbeugte sich vor Frau von Lamballe... Sie haben gesagt und ausgerufen: Oh! dieser Mann, dieser Mann! Ihr Freund!...

Es ist wahr. Sie haben das gesagt, meine Liebe, bestätigte die Prinzessin von Lamballe mit ihrer naiven Gutmütigkeit.

Dann näherte sie sich Andree ebenfalls und sprach:

Ja, Sie wissen etwas. Herr von Charny hat recht.

Haben Sie Mitleid, Madame, haben Sie Mitleid, betonte Andree mit so leiser Stimme, daß sie nur von der Prinzessin gehört werden konnte.

Die Prinzessin entfernte sich.

Als die Königin wahrnahm, daß sie, wenn sie die Redlichkeit nicht verletzen wolle, länger nicht zögern dürfe, sich ins Mittel zu legen, versetzte sie: Ei! mein Gott, es war von geringer Bedeutung; die Frau Gräfin drückte eine Furcht aus, aber eine völlig unbestimmte; sie sagte, es lasse sich schwer glauben, daß ein Revolutionär von Amerika, ein Freund von Herrn Lafayette, unser Freund sei.

Ja, unbestimmt, wiederholte Andree maschinenmäßig, sehr unbestimmt.

Aber es bedurfte mehr als dies, um Charny zu überzeugen. Die auffallende Verlegenheit, die er bei seiner Ankunft bemerkt hatte, brachte ihn auf die Spur eines Geheimnisses.

Er blieb beharrlich.

Gleichviel, Madame, sagte er, mir scheint, es wäre Ihre Pflicht, nicht eine unbestimmte Furcht auszusprechen, sondern sich im Gegenteil klar und deutlich zu äußern.

Wie! versetzte die Königin ziemlich hart. Sie kommen abermals hierauf zurück, mein Herr?

Entschuldigen Sie, Madame, erwiderte Charny, es geschieht aus Interesse für...

Für Ihre Eitelkeit, nicht wahr? Ah! Herr von Charny, fügte die Königin mit einer Ironie bei, deren Gewicht der Graf begriff, sagen Sie es offenherzig, Sie sind eifersüchtig.

Eifersüchtig! rief der Graf errötend, eifersüchtig, auf wen? Das frage ich Eure Majestät.

Offenbar auf Ihre Frau, fuhr die Königin mit Bitterkeit fort.

Madame, stammelte Charny, völlig betäubt durch diese Herausforderung.

Das ist ganz natürlich, sprach trocken Marie Antoinette, es ist bei der Gräfin sicherlich der Mühe wert.

Charny schleuderte der Königin einen Blick zu, der sie aufmerksam darauf machen sollte, daß sie zu weit gehe.

Doch das war vergebliche Mühe, überflüssige Vorsicht. Wenn bei dieser verwundeten Löwin der Schmerz seinen brennenden Biß eindrückte, so hielt die Frau nichts mehr zurück.

Ja, ich begreife, daß Sie eifersüchtig sind, Herr von Charny, eifersüchtig und unruhig; das ist der gewöhnliche Zustand jeder Seele, die liebt und folglich wacht.

Madame, wiederholte Charny.

So erfüllt mich, fuhr die Königin fort, so erfüllt mich zu dieser Stunde durchaus dasselbe Gefühl wie Sie; ich habe zugleich Eifersucht und Unruhe (sie legte einen starken Nachdruck auf das Wort: Eifersucht); der König ist in Paris und ich lebe nicht mehr.

Aber, Madame, versetzte Charny, der nichts von diesem Sturm begriff, welcher sich immer mehr mit Blitzen und Donnern belud. Sie haben soeben Nachrichten vom König erhalten; diese Nachrichten waren gut und müßten Sie folglich beruhigen.

Sind Sie beruhigt gewesen, als die Gräfin und ich Sie vorhin unterrichteten?

Charny biß sich auf die Lippen.

Andree fing an, zugleich erstaunt und erschrocken das Haupt zu erheben: erstaunt über das, was sie hörte, erschrocken über das, was sie zu begreifen glaubte.

Das Stillschweigen, das einen Augenblick vorher bei der ersten Frage von Charny ihretwegen eingetreten war, beobachtete die Versammlung nur der Königin wegen.

In der That, fuhr die Königin mit einer Art von Wut fort, es liegt im Schicksal der Leute, die lieben, daß sie nur an den Gegenstand ihrer Zuneigung denken; ja unbarmherzig alles zu opfern, alles dem einzigen Gefühle, das sie beherrscht, bereitet den armen Herzen sogar eine Freude. Mein Gott! wie besorgt bin ich um den König!

Madame, wagte einer von den Anwesenden zu bemerken, andre Kuriere werden kommen.

Oh! warum bin ich nicht in Paris, statt hier zu sein; warum bin ich nicht beim König, sprach Marie Antoinette, die gesehen hatte, daß Charny unruhig wurde, seitdem sie ihn in den Zustand der Eifersucht zu versetzen suchte, die sie selbst so heftig empfand.

Charny verbeugte sich.

Wenn es nur das ist, Madame, sagte er, so will ich dahin gehen, und wenn, wie Eure Majestät denkt, eine Gefahr für den König stattfindet, wenn dieses edle Haupt preisgegeben ist, glauben Sie mir, Madame, so wird es nicht meine Schuld sein, daß ich nicht das meinige preisgegeben habe. Ich gehe.

Er verbeugte sich in der That und machte einen Schritt, um sich zu entfernen.

Andree aber warf sich ihm entgegen und rief:

Mein Herr, mein Herr, schonen Sie sich!

Es fehlte bei dieser Szene nichts mehr, als der Ausbruch der Befürchtungen von Andree.

Kaum hatte auch Andree, unwillkürlich aus ihrer gewöhnlichen Kälte herausgerissen, diese unvorsichtigen Worte ausgesprochen und diese außerordentliche Besorgnis geäußert, als die Königin entsetzlich bleich wurde.

Ei! Madame, sagte sie zu ihr, wie kommt es, daß Sie sich hier die Rolle der Königin anmaßen?

Ich, Madame? stammelte Andree, indem es ihr zum Bewußtsein kam, sie habe das in ihrer Seele schon so lang verschlossene Feuer zum erstenmal über ihre Lippen springen lassen.

Wie! fuhr Marie Antoinette fort, Ihr Gatte ist im Dienste des Königs, er will den König aufsuchen; wenn er sich einer Gefahr aussetzt, so geschieht es für den König, und während es sich um den Dienst des Königs handelt, ermahnen Sie Herrn von Charny, sich zu schonen!

Bei diesen niederschmetternden Worten verlor Andree das Bewußtsein; sie schwankte und wäre auf den Boden gefallen, hätte sie nicht Charny, hastig auf sie zutretend, in seinen Armen aufgefangen.

Eine Gebärde der Entrüstung, die Charny nicht zu beherrschen vermochte, brachte die Königin vollends in Verzweiflung, sie glaubte nur eine verwundete Nebenbuhlerin zu sein, während sie eine ungerechte Fürstin gewesen war.

Die Königin hat recht, sprach endlich Charny mit einer gewissen Anstrengung, und Ihre Gemütsbewegung, Frau Gräfin, ist schlecht berechnet gewesen; Sie haben keinen Gatten, Madame, wenn es sich um die Interessen des Königs handelt, und es wäre an mir, Ihnen zuerst zu befehlen, mit Ihrer Empfindsamkeit sparsam zu sein, wenn ich bemerkte, daß Sie einige Furcht für mich hegen wollten.

Dann wandte er sich an Marie Antoinette und sagte kalt:

Ich bin zu den Befehlen der Königin und gehe. Ich werde Ihnen Nachrichten vom König bringen, gute Nachrichten, Madame, oder ich bringe Ihnen gar keine.

Nachdem er diese Worte gesprochen, verbeugte er sich bis auf die Erde und ging ab, ohne daß die Königin, zugleich von Schrecken und Zorn betroffen, nur daran dachte, ihn zurückzuhalten.

Einen Augenblick nachher hörte man auf dem Pflaster des Hofes die Hufeisen eines galoppierenden Pferdes schallen.

Die Königin blieb unbeweglich, aber von einer inneren Aufregung erfaßt, die um so furchtbarer war, je mehr sie sich anstrengte, sie zu verbergen.

Andree ging mit den andern aus dem Gemache weg und überließ Marie Antoinette den Liebkosungen ihrer zwei Kinder, die sie hatte zu sich rufen lassen.

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