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Ange Pitou, Band 1

Alexandre Dumas (der Ältere): Ange Pitou, Band 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas
titleAnge Pitou, Band 1
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
translatorZoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida6945171
created20061120
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Ange Pitou bei seiner Tante.

Wir haben gesehen, wie wenig Sympathie Ange Pitou für einen zu langen Aufenthalt bei seiner guten Tante Angelique hegte; mit einem, dem der Tiere gleichen oder ihm vielleicht überlegenen Instinkte begabt, hatte der arme Knabe zum voraus erraten, was bei diesem Aufenthalt seiner harrte an Verdrießlichkeiten, Plackereien und Widerwärtigkeiten.

Einmal, sobald der Doktor Gilbert abgereist – und das hatte Pitou nicht am meisten gegen seine Tante mißgestimmt – war nicht einen Augenblick mehr davon die Rede gewesen, das Kind in die Lehre zu bringen. Wohl hatte der Notar mit einem Worte die förmliche Uebereinkunft berührt; aber Mademoiselle Angelique antwortete, ihr Neffe sei noch zu jung und besonders von zu zarter Gesundheit, um Arbeiten unterworfen zu werden, die vielleicht seine Kräfte übersteigen würden. Bei dieser Bemerkung bewunderte der Notar das gute Herz von Mademoiselle Pitou und verschob die Lehre auf das nächste Jahr. Dabei war keine Zeit verloren, denn der Knabe hatte erst sein zwölftes Jahr erreicht.

Sobald er bei seiner Tante war, und während sie darüber nachsann, wie sie den besten Nutzen aus ihrem Neffen ziehen könnte, hatte Pitou, der sich wieder in seinem Walde befand, auch schon alle seine topographischen Anordnungen getroffen, um in Villers-Cotterets dasselbe Leben zu führen, wie in Haramont. Denn eine Wanderung in der Runde hatte ihn in der That gelehrt, die besten Tränkherde wären die am Wege nach Dampleux, am Wege nach Compiegne und am Wege nach Vivieres, und der wildreichste Bezirk sei der der Wolfsheide.

Nachdem er diese Rekognoszierung vorgenommen, traf Pitou demgemäß seine Vorkehrungen.

Das, was er sich am leichtesten verschaffen konnte, insofern es keine Anlage von Kapitalien erforderte, war der Leim und die Leimruten. Die Rinde der Stechpalme, mit einer Mörserkeule zermalmt und im heißen Wasser gewaschen, verschaffte den Leim; die Ruten aber wuchsen zu tausenden auf den Birken der Umgegend. Pitou verfertigte sich, ohne einem Menschen ein Wort davon zu sagen, ein tausend Leimruten und einen Topf Leim erster Qualität, und an einem schönen Morgen, nachdem er tags zuvor auf Rechnung seiner Tante einen vierpfündigen Laib Brot beim Bäcker genommen hatte, ging er in der Dämmerung weg, blieb den ganzen Tag auswärts und kehrte erst bei sinkender Nacht wieder zurück.

Pitou hatte einen solchen Entschluß nicht gefaßt, ohne die Folgen davon zu berechnen. Er hatte einen Sturm vorhergesehen. Ohne die Weisheit von Sokrates zu besitzen, kannte er doch die Laune seiner Tante Angelique ebensogut, als der berühmte Lehrer von Alcibiades die seiner Frau Xantippe.

Pitou hatte sich in seiner Vorhersehung nicht getäuscht, doch gedachte er dem Sturme dadurch die Stirne zu bieten, daß er der alten Frömmlerin den Ertrag seines Tagewerkes überreichen würde. Nur hatte er den Platz nicht erraten können, wo ihn der Blitzstrahl treffen würde.

Der Blitzstrahl traf ihn bei seinem Eintritt.

Mademoiselle Angelique hatte sich hinter der Thür in den Hinterhalt gelegt, um ihren Neffen beim Vorübergehen nicht zu verfehlen, so daß er in dem Augenblick, wo er den Fuß in die Stube setzte, einen Schlag an das Hinterhaupt erhielt, an dem er, ohne einer andern Belehrung zu bedürfen, vollkommen die dürre Hand der Betschwester erkannte.

Zum Glück hatte Pitou einen harten Kopf, und obgleich ihn der Schlag kaum erschütterte, gab er sich doch, um seine Tante zu rühren – deren Zorn sich dadurch vermehrte, daß sie sich durch ein maßloses Schlagen an den Fingern sehr wehe gethan – den Anschein, als fiele er stolpernd an das andere Ende der Stube. Sobald er hier angelangt war und seine Tante, ihren Rock in der Hand, auf sich zukommen sah, zog er hastig aus seiner Tasche den Talisman, auf den er gerechnet hatte, um sich Verzeihung für sein Ausbleiben zu verschaffen.

Das waren zwei Dutzend Vögel, worunter ein Dutzend Rotkehlchen und ein halbes Dutzend Drosseln.

Mademoiselle Angelique riß ihre Augen ganz erstaunt auf und fuhr der Form wegen fort zu zanken; aber während sie schalt, bemächtigte sich ihre Hand des Jagdertrags ihres Neffen, sie machte drei Schritte gegen die Lampe und fragte:

Was ist das?

Sie sehen es wohl, mein gutes Tantchen Angelique erwiderte Pitou, es sind Vögel.

Gut zum essen? sagte rasch die alte Jungfer, welche in ihrer Eigenschaft als Betschwester natürlich eßgierig war.

Gut zum essen! wiederholte Pitou, entschuldigen Sie; Rotkehlchen und Drosseln, ich glaube wohl.

Und wo hast du diese Tiere gestohlen, kleiner Unglücklicher? Ich habe sie nicht gestohlen, ich habe sie gefangen.

Wie? Am Tränkherd.

Was ist das, ein Tränkherd?

Pitou schaute Tante mit erstaunter Miene an; er konnte nicht begreifen, daß es in der Welt eine Person gebe, die in ihrer Erziehung vernachlässigt genug sei, um nicht zu wissen, was der Tränkherd bedeute.

Der Tränkherd? erwiderte er. Bei Gott! das ist der Tränkherd.

Ja, kleiner Schlingel, aber ich weiß nicht, was das ist.

Da Pitou voll Mitleid gegen alle Unwissenheiten war, so antwortete er:

Der Tränkherd ist eine kleine Lache, es finden sich solche ungefähr dreißig im Wald; man legt Leimruten rings umher, und wenn die Vögel, die das nicht kennen, die Dummköpfe, kommen, um zu trinken, so fangen sie sich.

Woran?

Am Leim.

Ah! ah! sagte die Tante Angelique, ich begreife; doch wer hat dir Geld gegeben?

Geld? erwiderte Pitou, erstaunt, daß man glauben konnte, er habe je einen Pfennig besessen; niemand.

Mit was hast du denn den Leim gekauft?

Ich habe den Leim selbst gemacht.

Und die Leimruten?

Auch.

Diese Vögel kosten dich also nichts?

Die Mühe, mich zu bücken und sie zu nehmen.

Und kann man oft an den Tränkherd gehen?

Man kann alle Tage dahin gehen, nur muß man nicht...

Was muß man nicht?

Alle Tage dahin gehen.

Aus welchem Grunde?

Weil das ruiniert.

Was ruiniert das?

Den Tränkherd. Sie begreifen, Tante Angelique, die Vögel, die man gefangen hat ... Nun?

Sie sind nicht mehr da.

Das ist richtig, erwiderte die Tante.

Zum ersten Mal, seitdem er sich in ihrem Hause befand, gab die Tante Angelique ihrem Neffen recht; diese ungewohnte Billigung entzückte auch Pitou.

Doch, sagte er, an den Tagen, wo man nicht an den Tränkherd geht, geht man anderswo hin. An den Tagen, wo man keine Vögel fängt, fängt man etwas anderes.

Und was fängt man denn?

Man fängt Kaninchen; man ißt das Fleisch und verkauft den Balg. Ein Kaninchenbalg ist zwei Sous wert.

Die Tante Angelique schaute ihren Neffen mit ganz erstaunten Augen an; sie hatte nie in ihm einen so großen Oekonomen gesehen. Pitou hatte sich geoffenbart.

Aber ich werde die Kaninchenbälge verkaufen?

Allerdings, wie es Mama Madeleine machte.

Es war dem Kinde nie der Gedanke gekommen, es könnte von dem Ertrage seiner Jagd etwas anderes in Anspruch nehmen, als seinen Teil am Verzehren.

Und wann wirst du Kaninchen fangen? fragte Mademoiselle Angelique.

Ah! sobald ich Schlingen habe, erwiderte Pitou.

Nun denn! so mache Schlingen.

Pitou schüttelte den Kopf. Du hast ja Leim und Leimruten gemacht!

Ah! ich verstehe wohl Leim und Leimruten zu machen, das ist wahr; aber ich verstehe nicht Messingdraht zu machen; das kauft man fertig bei den Krämern.

Und wie viel kostet das?

Oh! mit vier Sous werde ich wohl zwei Dutzend machen, antwortete Pitou an den Fingern rechnend.

Und wie viel kannst du mit zwei Dutzend Kaninchen fangen?

Das ist, wie es gerade kommt: vier, fünf, sechs vielleicht; und dann dienen diese Schlingen mehrere Male, wenn sie der Aufseher nicht findet. Hier hast du vier Sous, sagte Tante Angelique, kaufe Messingdraht bei Herrn Dambrun und gehe morgen auf die Kaninchenjagd.

Ich werde die Schlingen morgen legen, erwiderte Pitou, doch erst übermorgen früh erfahre ich, ob sich Kaninchen gefangen haben.

Der Messingdraht war minder teuer in der Stadt, als auf dem Lande, weil die Krämer von Haramont sich in Villers-Cotterets damit versahen. Pitou erhielt also vierundzwanzig Schlingen für drei Sous. Er brachte einen Sou seiner Tante zurück.

Diese unerwartete Ehrlichkeit ihres Neffen rührte beinahe die alte Jungfer. Sie hatte einen Augenblick den Gedanken, mit diesem Sou, der nicht verwendet worden war, ihren Neffen zu beschenken. Zum Unglück für Pitou war es ein mit dem Hammer breit geschlagener Sou, der in der Dämmerung für zwei Sous gelten konnte. Mademoiselle Angelique dachte, man müsse ein Geldstück nicht ausgeben, das hundert Prozent tragen könne; und steckte den Sou wieder in die Tasche.

Pitou hatte die Bewegung bemerkt, aber nicht analysiert. Es wäre ihm nie eingefallen, seine Tante könnte ihm einen Sou geben.

Er verfertigte seine Schlingen, und am andern Morgen verlangte er einen Sack von Mademoiselle Angelique.

Wozu? fragte die alte Jungfer.

Weil ich einen brauche, antwortete Pitou, der voller Geheimnisse war.

Mademoiselle Angelique gab ihm den verlangten Sack, legte den Vorrat an Brot und Käse hinein, der zum Frühstück und Mittagessen ihres Neffen dienen sollte, und dieser ging sogleich nach der Wolfsheide ab.

Die Tante Angelique ihrerseits fing damit an, daß sie die zwölf Rotkehlchen rupfte, die sie zu ihrem Frühstück und ihrem Mittagessen bestimmt hatte. Sie brachte zwei Drosseln dem Abbé Fortier und verkaufte die vier andern an den Wirt zur Goldenen Kugel, der sie ihr mit drei Sous das Stück bezahlte und ihr alle, die sie ihm bringen würde, um denselben Preis abzunehmen versprach. Die Tante Angelique kehrte strahlend zurück. Der Segen des Himmels war mit Pitou in ihrem Hause eingekehrt.

Ah! sagte sie, während sie ihre Rotkehlchen aß, die fett waren wie Ortolane und zart wie Feigenschnepfen: man hat recht, wenn man behauptet, eine Wohlthat sei nie verloren.

Am Abend kam Ange nach Hause; er trug auf seinem Rücken einen herrlich gerundeten Sack. Diesmal erwartete ihn die Tante nicht hinter der Thüre, sondern auf der Schwelle, und statt mit einer Kopfnuß empfangen zu werden, wurde der Knabe mit einer Grimasse aufgenommen, die beinahe einem Lächeln glich.

Hier bin ich! rief Pitou, als er in die Stube mit jener Dreistigkeit eintrat, die das Bewußtsein eines gut ausgefüllten Tages bezeichnet.

Was ist in deinem Sack? fragte die Tante Angelique.

Bucheln. Sie begreifen wohl, Tante Angelique, wenn der Vater La Jeunesse, der Schütze der Wolfsheide, mich auf seinem Bezirke ohne meinem Sack hätte herumstreichen sehen, so würde er gesagt haben: Was machst du hier, kleiner Landstreicher? Abgesehen davon, daß er etwas vermutet hätte. Während ich mit meinem Sack, wenn er mich fragt, was ich machen wolle, ihm antwortete: ich komme zur Buchellese; ist es denn verboten, zur Buchellese zu gehen? Nein. Nun wenn das nicht verboten ist, so haben Sie mir nichts zu sagen. In der That, wenn er etwas sagt, der Vater La Jeunesse, so hat er unrecht.

Also hast du deinen Tag damit zugebracht, daß du Bucheln gelesen, statt die Schlingen zu legen, Träger! rief die Tante Angelique, die unter allen diesen Kniffen ihres Neffen die Kaninchen sich entgehen zu sehen glaubte.

Im Gegenteil, ich habe meine Schlingen gelegt, während ich Bucheln las, so daß er mich bei der Arbeit sah.

Und er hat dir nichts gesagt?

Doch. Er hat mir gesagt: du wirst deiner Tante Pitou meine Komplimente ausrichten. Nun! ist das ein braver Mann, der Vater La Jeunesse. Aber die Kaninchen? versetzte die Tante Angelique, die nichts von ihrem Hauptgedanken abbringen konnte.

Die Kaninchen? Der Mond geht um Mitternacht auf, und ich werde um ein Uhr nachsehen, ob sie gefangen sind.

Wo dies?

Im Walde.

Wie, du willst um ein Uhr morgens in den Wald?

Jawohl!

Ohne Angst zu haben?

Angst, wovor?

Die Tante Angelique war ebenso erstaunt über den Mut von Pitou, als sie über seine Spekulationen erstaunt gewesen war.

Einfach wie ein Kind der Natur, kannte Pitou allerdings keine von den scheinbaren Gefahren, die die Kinder der Städte erschrecken.

Er brach auch um Mitternacht auf und ging längs der Kirchhofmauer hin, ohne sich abzuwenden. Das unschuldige Kind, das in seinem Leben, wenigstens in seinen Unabhängigkeitsideen, weder Gott noch die Menschen beleidigt hatte, fürchtete sich ebenso wenig vor den Toten, als vor den Lebendigen.

Ange fürchtete eine einzige Person: den Vater La Jeunesse; er hatte auch die Vorsicht, einen Umweg zu machen, um an seinem Hause vorüberzugehen. Da alles im Innern erloschen, da Thüren und Läden geschlossen waren, so fing Pitou, um sich zu versichern, ob der Schütze zu Hause und nicht in seinem Bezirk sei, an, das Bellen des Hundes nachzuahmen, so daß Ronflot, der Dachshund des Vaters La Jeunesse, sich in der Herausforderung täuschte, ebenfalls mit voller Kehle Laut gab und unter der Thüre durchschnüffelte.

Von diesem Augenblick an fühlte sich Pitou ruhig. War Ronflot zu Hause, so war Vater La Jeunesse auch zu Hause; Ronflot und der Vater La Jeunesse waren unzertrennlich, und sobald man den einen erblickte, konnte man sicher sein, man würde sogleich auch den andern erscheinen sehen.

Vollkommen beruhigt, wanderte also Pitou nach der Wolfsheide. Die Schlingen hatten ihr Werk verrichtet; zwei Kaninchen waren gefangen und erdrosselt.

Pitou steckte sie in die weite Tasche jenes zu langen Rockes, der nach Verlauf eines Jahres zu kurz geworden sein sollte, und kehrte zu seiner Tante zurück.

Die alte Jungfer war zu Bette gegangen, doch die Habgier hatte sie wach erhalten; wie Perette, hatte sie berechnet, was ihr vier Kaninchenbälge wöchentlich eintragen konnten, und diese Rechnung hatte sie so weit geführt, daß sie nicht ein Auge zu schließen imstande war: sie fragte auch mit einem nervösen Zittern den Knaben, was er bringe.

Ein Paar! Ah! Tante Angelique, es ist nicht meine Schuld, daß ich nicht mehr habe bringen können; aber es scheint, sie sind boshaft, die Kaninchen des Vaters Jeunesse.

Die Hoffnungen der Tante Angelique waren mehr als erfüllt. Sie nahm, bebend vor Freude, die zwei unglücklichen Tiere, untersuchte ihren unversehrt gebliebenen Balg und schloß sie in ihre Speisekammer ein, die in ihrem Leben keine Vorräte gesehen hatte, wie die, die sie enthielt, seitdem es Pitou eingefallen war, sie zu verfolgen.

Dann forderte sie mit ziemlich sanftem Tone Pitou auf, sich niederzulegen; das ermüdete Kind that dies auf der Stelle, ohne ein Abendbrot zu verlangen, was ihn vollends aufs beste in der Meinung seiner Tante stellte. Zwei Tage nachher wiederholte Pitou seinen Versuch, und er war diesmal noch glücklicher als das erste Mal. Er fing drei Kaninchen.

Zwei nahmen den Weg nach dem Wirtshause zur goldenen Kugel, das dritte den nach dem Pfarrhause. Die Tante Angelique trug sehr Sorge für den Abbé Fortier, der sie seinerseits den guten Seelen des Kirchspiels empfahl.

So gingen die Dinge drei bis vier Monate. Die Tante Angelique war entzückt, und Pitou fand seine Lage erträglich. Doch ein unerwarteter Umstand, auf den man indessen gefaßt sein mußte, machte der Tante einen Strich durch die Rechnung und unterbrach die Expeditionen des Neffen.

Es war ein Brief von Doktor Gilbert, datiert von New-York, angekommen. Als der philosophische Reisende den Fuß auf den Boden Amerikas setzte, vergaß er seinen kleinen Schützling nicht. Er schrieb an Meister Niguet, um sich zu erkundigen, ob seine Vorschriften befolgt worden seien, und um den Vollzug des Vertrags, wenn man dies nicht gethan, oder seinen Bruch zu fordern, wenn man diese Vorschriften nicht befolgen wollte.

Der Fall war ernster Natur. Die Verantwortlichkeit des Notars stand auf dem Spiel: er fand sich bei der Tante Pitou ein und stellte sie, den Brief des Doktors in der Hand, über den Vollzug des Vertrags zur Rede.

Man konnte nicht zurückweichen; jede Entschuldigung mit schlechter Gesundheit wurde durch das Aussehen von Pitou Lügen gestraft. Pitou war groß und mager; aber die jungen Bäume des Waldes waren auch groß und mager, was sie nicht verhinderte, sich äußerst wohl zu befinden.

Mademoiselle Angelique verlangte acht Tage, um ihren Geist auf die Wahl des Standes vorzubereiten, den sie ihren Neffen wollte ergreifen lassen.

Pitou war ebenso traurig als seine Tante. Das Gewerbe, das er trieb, kam ihm vortrefflich vor, und er wünschte sich kein anderes.

Während dieser acht Tage war weder von der Vogeltränke, noch vom Wildern mehr die Rede. Ueberdies befand man sich im Winter, und im Winter trinken die Vögel überall. Dann war Schnee gefallen, und beim Schnee wagte es Pitou nicht, seine Schlingen zu legen. Der Schnee bewahrt den Eindruck der Sohlen, und Pitou besaß ein paar Füße, das dem Vater La Jeunesse die schönste Aussicht gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden zu erfahren, wer der Dieb gewesen, der den seiner Obhut anvertrauten Bezirk entvölkert.

Während dieser acht Tage wuchsen der alten Jungfer die Klauen wieder. Pitou hatte seine Tante Angelique von einst wiedergefunden, diejenige, welche ihm so sehr Furcht eingeflößt, und die das Interesse, diese mächtige Bewegkraft ihres ganzen Lebens, einen Augenblick Sammetpfoten hatte machen lassen. Je näher man dem Ziele rückte, desto mürrischer wurde die Laune der alten Jungfer, dergestalt, daß am fünften Tag Pitou wünschte, seine Tante möchte sich sogleich für irgend einen Stand entschließen, gleichviel welcher es wäre, wenn nur nicht der eines Schmerzendulders, den er bei der alten Jungfer einnahm.

Plötzlich erschloß sich ein Gedanke in diesem so grausam bewegten Kopf. Dieser Gedanke gab ihr die Ruhe wieder, die sie seit sechs Tagen verloren hatte. Er bestand darin, daß sie den Abbé Fortier bat, den armen Pitou unentgeltlich in seine Klasse aufzunehmen und ihm das von Seiner Hoheit, dem Herzog von Orleans, im Seminar gestiftete Stipendium zu verschaffen. Das war eine Lehre, die der Tante Angelique nichts kostete, und Herr Fortier, abgesehen von den Krammetsvögeln, den Amseln und den Kaninchen, mit denen ihn die alte Frömmlerin seit sechs Monaten überhäufte, war dem Neffen der Vermieterin seiner Kirchenstühle etwas mehr schuldig, als jedem andern. So unter der Glocke gehalten, trug Ange in der Gegenwart ein und versprach für die Zukunft.

Ange wurde in der That beim Abbé ohne irgend eine Bezahlung aufgenommen. Es war ein braver Mann, dieser Abbé; nicht im geringsten interessiert, gab er seine Wissenschaft denen, die arm am Geiste, sein Geld denen, die arm am Körper; aber unlenkbar in einem einzigen Punkt: die Solöcismen brachten ihn außer sich, die Barbarismen machten ihn wütend. In diesem Fall kannte er weder einen Freund, noch einen Feind, weder einen Armen, noch einen Reichen, weder einen bezahlenden Schüler, noch einen nicht bezahlenden. Er schlug mit unbestechlicher Unparteilichkeit und mit einem lacedämonischen Stoicismus, und da er einen starken Arm hatte, so schlug er tüchtig. Das war den Eltern bekannt; es hing von ihnen ab, ihre Kinder zum Abbé Fortier zu bringen oder nicht; brachten sie ihre Kinder aber dahin, so mußten sie sie gänzlich seiner Willkür überlassen; denn auf alle mütterlichen Reklamationen antwortete der Abbé mit dem Wahlspruch: Wer gut liebt, der züchtigt gut, den er auf den Handgriff seiner Rute und auf den Stiel seiner Schulgeißel hatte gravieren lassen.

Ange Pitou wurde also auf die Empfehlung seiner Tante unter die Schüler des Abbes Fortier aufgenommen. Ganz stolz auf diese Aufnahme, die Pitou viel weniger angenehm war, begab sich die alte Andächtlerin zu Meister Niguet und benachrichtigte ihn, sie habe sich nicht nur mit den Absichten des Doktors Gilbert in Einklang gesetzt, sondern dieselben sogar übertroffen. Der Doktor hatte in der That für Ange Pitou ein ehrenhaftes Gewerbe verlangt. Sie gab ihm viel mehr als dies, da sie ihm eine ausgezeichnete Erziehung gab; und wo gab sie ihm diese Erziehung? In derselben Pension, wo Sebastian Gilbert, für den er fünfzig Livres bezahlte, die seinige erhielt.

Es ist nicht zu leugnen, Ange erhielt seine Erziehung gratis, aber es war keine Notwendigkeit vorhanden, dies dem Doktor Gilbert mitzuteilen; und teilte man es ihm mit, so kannte man die Unparteilichkeit und die Uneigennützigkeit des Abbes Fortier. Wie sein erhabener Meister, öffnete er die Arme und sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen! Nur waren diese zwei Hände, die das Ende der zwei väterlichen Arme bildeten, die eine mit einer Sprachlehre, die andere mit einem Bündel Ruten bewaffnet, so daß meistens, ganz im Gegenteil zu Jesus, der die Kinder in Thränen empfing und getröstet wegschickte, der Abbé Fortier die armen Kinder voll Angst auf sich zukommen sah und weinend wegschickte.

Der junge Schüler trat in die Klasse ein, mit einer Truhe unter dem Arm, ein hornenes Tintenfaß in der Hand und ein paar Federstümpfe hinter dem Ohr. Die Truhe war bestimmt, um, so gut es eben ging, das Pult zu ersetzen. Das Tintenfaß war ein Geschenk vom Krämer, und die Federstümpfe hatte Mademoiselle Angelique aufgelesen, als sie am Tage vorher Meister Niguet ihren Besuch machte.

Ange Pitou wurde mit jener sanften Brüderlichkeit empfangen, die bei den Kindern entsteht und bei den Männern sich fortpflanzt, nämlich mit Hohngelächter. Die ganze Klasse machte sich über ihn lustig. Zwei Schüler mußten zur Strafe zurückbleiben wegen seiner gelben Haare, und zwei andere wegen seiner sonderbaren Kniee, die wir schon mit einem Worte berührt haben. Diese zwei letzteren sagten, die Beine von Pitou gleichen Brunnenseilen, an die man einen Knoten gemacht. Das Wort fand eine günstige Aufnahme, machte die Runde um die Tafel, erregte die allgemeine Heiterkeit und folglich Aerger beim Abbé Fortier.

Als er am Mittag wegging, nachdem er vier Stunden in der Klasse gewesen war, hatte Pitou, ohne daß er ein Wort an jemand gerichtet, ohne daß er etwas anderes gethan, als hinter seinem Pult gegähnt, sechs Feinde in der Klasse und zwar sechs umso erbittertere Feinde, als er kein Unrecht gegen sie hatte. Sie leisteten auch auf den Ofen, der in der Klasse den Altar des Vaterlandes vorstellt, den feierlichen Eid, die einen, ihm seine gelben Haare auszuraufen, die andern, ihm seine fayenceblauen Augen grün zu schlagen, die letzten, ihm seine vorwärts gebogenen Kniee gerade aufzurichten.

Pitou wußte daraus nichts von diesen feindseligen Gesinnungen. Als er die Schule verließ, fragte er einen seiner Nachbarn, warum sechs von ihren Kameraden zurückbleiben, während sie weggehen.

Der Nachbar schaute ihn von der Seite an, nannte ihn einen boshaften Anzeiger und entfernte sich, ohne ein Gespräch mit ihm anknüpfen zu wollen.

Pitou fragte sich, wie er, der nicht ein einziges Wort während der ganzen Klasse gesagt, ein boshafter Anzeiger sein könne. Doch während der Dauer eben dieser Klasse hatte er entweder durch die Schüler oder durch den Abbé Fortier so viele Dinge sagen hören, die er nicht begriffen, daß er die Anklage des Nachbars in die Zahl der für seinen Geist zu hohen Dinge einreihte.

Als Tante Angelique, die unendlich eifrig sich bei einer Erziehung benahm, von der man glaubte, sie koste sie so große Opfer, Pitou um Mittag zurückkommen sah, fragte sie ihn, was er gelernt habe. Pitou antwortete, er habe schweigen gelernt. Die Antwort wäre eines Pythagoräers würdig gewesen. Nur hätte sie ein Pythagoräer durch Zeichen gegeben.

Der neue Schüler kehrte um ein Uhr ohne zu großen Widerwillen in die Klasse zurück. Die Morgenklasse war von den Schülern zur Prüfung des Äußeren von Pitou angewendet worden; die Abendklasse wurde vom Professor zur Prüfung des Innern angewendet. Als das Examen vorüber war, blieb der Abbé Fortier überzeugt, Pitou habe alle möglichen Anlagen, um ein Robinson Crusoe zu werden, aber sehr geringe Aussichten, dereinst ein Fontenelle oder ein Bossuet zu sein.

Während der ganzen Dauer dieser Klasse, die für den zukünftigen Seminaristen noch viel ermüdender war, als die am Morgen, wiesen ihm die seinetwegen bestraften Schüler zu wiederholtem Malen die Faust. In allen Ländern, zivilsierten oder nicht zivilisierten, gilt diese Demonstration als ein Zeichen der Drohung. Pitou war also auf seiner Hut.

Unser Held hatte sich nicht getäuscht: als er wegging oder vielmehr, sobald man außerhalb der Zubehör des Schulhauses war, wurde Pitou durch die sechs Schüler, die zur Strafe hatten zurückbleiben müssen, bedeutet, er habe ihnen die zwei Stunden Gefangenschaft mit Kosten, Zinsen und Kapital zu bezahlen.

Pitou begriff, es handle sich um einen Zweikampf auf die Fäuste. Er erklärte also, er sei bereit sich in einen Kampf mit demjenigen von seinen Gegnern einzulassen, welcher beginnen wolle, und hintereinander seinen sechs Feinden standzuhalten. Durch diese Erklärung erwarb sich der neue Schüler schon ein ziemlich großes Ansehen.

Die Bedingungen wurden festgestellt, wie sie Pitou vorgeschlagen. Es bildete sich ein Kreis um den Kampfplatz, und die Streiter rückten, nachdem sie, der eine sein Wams, der andre seinen Rock abgelegt hatten, gegeneinander an.

Wir haben von den Händen von Pitou gesprochen. Diese Hände, die nicht angenehm anzusehen waren, waren noch minder angenehm zu fühlen. Pitou ließ am Ende jedes Armes eine Faust so groß wie ein Kindskopf baumeln, und obgleich das Boxen in Frankreich noch nicht eingeführt war und folglich Pitou kein Elementarprinzip von dieser Kunst erhalten hatte, gelang es ihm doch, seinem ersten Gegner einen so hermetisch angepaßten Faustschlag auf das Auge zu geben, daß es sich auf der Stelle mit einem schwarzen Kreise umzog.

Der zweite trat vor. Hatte Pitou gegen sich die Anstrengung eines zweiten Kampfes, so war sein Gegner seinerseits sichtbar minder stark, als der erste. Der Kampf dauerte daher nicht lange. Die furchtbare Faust senkte sich auf die Nase, und die zwei Nasenlöcher zeugten sogleich für die Gültigkeit des Schlages, indem sie einen doppelten Blutbach entströmen ließen.

Der dritte kam mit einem zerbrochenen Zahn davon; dieser war am wenigsten von allen beschädigt. Die andern erklärten sich für befriedigt.

Pitou durchschritt die Menge, die sich vor ihm mit der einem Triumphator schuldigen Achtung öffnete, und zog sich gesund und wohlbehalten nach seinem Herde, d.h. nach dem seiner Tante, zurück.

Als am andern Morgen die drei besiegten Schüler ankamen, wurde eine Untersuchung vom Abbé Fortier angestellt. Doch die Schüler haben auch ihre gute Seite. Nicht einer von den Verstümmelten war schwatzhaft, und auf mittelbarem Wege, nämlich durch einen Zeugen des Streites, der der Schule völlig fremd, erfuhr der Abbé Fortier am andern Tag, Pitou habe auf den Gesichtern seiner Zöglinge den Schaden angerichtet, durch den am Tage vorher seine Besorgnis erregt worden war.

Der Abbé Fortier bürgte in der That den Eltern nicht nur für das Moralische, sondern auch für das Physische seiner Schüler. Der Abbé Fortier hatte eine dreifache Klage von den drei Familien erhalten. Eine Genugthuung war unerläßlich. Pitou mußte drei Tage zurückbleiben. Einen Tag für das Auge, einen andern Tag für die Nase, einen Tag für den Zahn. Diese drei Tage Schulstubenarrest gaben Mademoiselle Angelique eine geistreiche Idee ein, nämlich die, Pitou sein Mittagessen zu entziehen, so oft ihm der Abbé Fortier den Ausgang entziehen würde. Dieser Entschluß mußte notwendig zum Nutzen der Erziehung von Pitou ausfallen, weil er sich zweimal besinnen würde, ehe er Fehler beginge, die eine doppelte Strafe nach sich zögen.

Nur begriff Pitou nie recht, warum er Anzeiger genannt und warum er bestraft worden war, weil er diejenigen geschlagen, die ihn hatten schlagen wollen; doch wenn man alles in der Welt begriffe, so würde man dadurch einen von den Hauptreizen des Lebens, den des Geheimnisses und des Unvorhergesehenen, verlieren.

Pitou blieb seine drei Tage in der Schule zurück und begnügte sich während dieser drei Tage mit seinem Frühstück und seinem Nachtessen, war jedoch mit dieser Entbehrung nicht gerade zufrieden.

Die Strafe, die Pitou erstanden, ohne daß es ihm nur entfernt einfiel, den Angriff zu verraten, den er nur erwidert hatte, trug ihm indessen die allgemeine Achtung ein. Es ist nicht zu leugnen, die drei majestätischen Faustschläge, die man ihn hatte erteilen sehen, waren vielleicht von einigem Gewicht bei dieser Achtung.

Von diesem Tage an war das Leben von Pitou ungefähr das der andern Schüler, nur mit dem Unterschied, daß die andern Schüler die Wechselfälle der Komposition durchmachten, während Pitou beharrlich unter den fünf bis sechs Letzten blieb, und beinahe immer eine Summe von Schulstubenarresten doppelt so groß, als die seiner Mitschüler, anhäufte.

Doch eines, was in der Natur von Pitou lag, was von der ersten Erziehung herrührte, die er erhalten, oder vielmehr nicht erhalten hatte, eines, was man wenigstens für ein drittel bei seinen zahlreichen Schulstubenarresten rechnen mußte, war seine Neigung für die Tiere.

Die erwähnte Truhe, die seine Tante Angelique mit dem Namen Pult geschmückt hatte, war infolge ihres Umfangs und der zahlreichen Fächer, mit denen Pitou ihr Inneres bereicherte, eine Art von Arche Noah geworden, welche alle Arten von kletternden, kriechenden und fliegenden Tieren enthielt. Es fanden sich darin Schlangen, Eidechsen, Ameisenlöwen, Käfer und Frösche, welche Tiere Pitou um so teurer wurden, als er ihretwegen, mehr oder minder harte Strafen zu erdulden hatte.

Bei seinen Spaziergängen in der Woche sammelte Pitou für seine Menagerie. Er hatte sich Salamander gewünscht, die in Villers-Cotterets als das Wappen von Franz I., das dieser an allen Kaminen hatte anbringen lassen, sehr populär sind: es war ihm gelungen, sich solche zu verschaffen. Ein Umstand nahm ihn hierbei sehr in Anspruch, und er setzte dies am Ende unter die Zahl der Dinge, die seinen Verstand überstiegen: er hatte nämlich diese Reptile immer im Wasser gefunden, von denen die Dichter behaupteten, sie leben im Feuer. Dieser Umstand erregte in Pitou, der ein genauer Geist war, eine tiefe Verachtung gegen die Dichter.

Als Pitou Eigentümer von zwei Salamandern war, suchte er das Chamäleon auf. Doch diesmal waren alle seine Forschungen vergeblich, und kein Resultat krönte seine Bemühung. Pitou schloß am Ende aus diesen fruchtlosen Versuchen, das Chamäleon existiere nicht, oder es existiere wenigstens unter einer andern Breite.

Die zwei andern drittel der Arreste von Pitou rührten von den verdammten Solöcismen und den verfluchten Barbarismen her, die in den Aufgaben von Pitou wuchsen, wie die Trespe in den Kornfeldern wächst.

Was die Donnerstage und Sonntage betrifft, an denen er frei hatte, so wurden sie auf den Tränkherd und die Wilderei verwendet; nur, da Pitou immer mehr wuchs und sechszehn Jahre zählte, kam ein Umstand hinzu, der Pitou ein wenig von seinen Lieblingsbeschäftigungen ablenkte.

An dem Wege nach der Wolfsheide lag das Dorf Pisseleu. In diesem Dorf war der Pachthof des Vaters Billot, und auf der Schwelle dieses Pachthofs stand beinahe jedes Mal, wenn Pitou daran vorbeiging, ein hübsches, frisches, lebendiges heiteres Mädchen, das man nach seinem Taufnamen Katherine, viel öfter aber noch nach dem Namen ihres Vaters, die Billotte nannte.

Pitou fing damit an, daß er die Billotte grüße. Allmählig faßte er sich sodann ein Herz und grüßte sie lächelnd; dann an einem schönen Tag, nachdem er gegrüßt, nachdem er gelächelt hatte, blieb er stehen und wagte errötend die Worte, die er als eine große Kühnheit betrachtete:

Guten Morgen, Jungfer Katharine.

Katharine war ein gutes Mädchen, sie empfing Pitou als einen alten Bekannten. Es war in der That ein alter Bekannter, denn seit zwei Jahren sah sie ihn vor dem Pachthofe wenigstens einmal in der Woche hin und her gehen, nur sah Katharine Pitou, und Pitou sah Katharine nicht. Als nämlich Pitou so vorüberging, war Katharine sechszehn Jahre alt und Pitou vierzehn.

Allmählig war Katharine dahin gekommen, daß sie die Talente von Pitou schätzte, denn Pitou teilte ihr Proben davon mit, indem er ihr seine schönsten Vögel und seine fettesten Kaninchen bot. Infolgedessen machte Katharine Pitou Komplimente, und Pitou, der um so empfänglicher für Komplimente war, als er selten solche erhielt, überließ sich dem Zauber der Neuheit, und statt wie früher, seine Wanderung bis zur Wolfsheide fortzusetzen, blieb er auf halbem Wege stehen; und statt seinen ganzen Tag mit der Buchellese oder mit dem Legen der Schlingen zuzubringen, verlor er seine Zeit damit, daß er bei dem Pachthofe des Vaters Billot umherstrich, in der Hoffnung, Katharine einen Augenblick zu sehen.

Daraus ging eine merkliche Verminderung im Ertrage der Kaninchenbälge und ein beinahe völliger Mangel an Rotkehlchen und Drosseln hervor.

Die Tante Angelique beklagte sich. Pitou antwortete, die Kaninchen werden mißtrauisch, und die Vögel, welche die Fallen erkannt haben, trinken aus der Höhlung der Blätter und der Baumstämme. Eines tröstete die Tante Angelique über den Verstand der Kaninchen und diese Schlauheit der Vögel, die sie den Fortschritten der Philosophie zuschrieb, nämlich, daß ihr Neffe das Stipendium erhalten, in das Seminar eintreten, hier drei Jahre zubringen und das Seminar wieder als Abbé verlassen werde. Haushälterin eines Pfarrers zu sein, war aber das ewige Trachten von Mademoiselle Angelique.

Dieses Trachten mußte sich notwendig verwirklichen: denn war Ange Pitou einmal Abbé, so konnte er nicht umhin, seine Tante als Haushälterin zu nehmen, besonders nach dem, was diese Tante für ihn gethan hatte.

Der einzige Umstand, der die goldenen Träume der armen Jungfer störte, war der, daß, als sie von ihrer Hoffnung mit dem Abbé Fortier sprach, dieser den Kopf schüttelnd erwiderte:

Meine liebe Mademoiselle Pitou, um Abbé zu werden, müßte sich Ihr Neffe viel weniger der Naturgeschichte und viel mehr dem De viris illustribus oder dem Selecta e profanis scriptoribus widmen.

Das will besagen?

Daß er viel zu viel Barbarismen und unendlich zu viel Solöcismen macht, antwortete der Abbé Fortier.

Eine Antwort, die Mademoiselle Angelique in der betrübendsten Unbestimmtheit ließ.

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